Eine «bildungsferne» Professorin. Weshalb wir den «bildungsfern» aus dem Vokabular streichen sollten
- Details
- Margrit Stamm
erschienen im Polit-Blog des Tagesanzeigers, 23.11.2015: http://blog.tagesanzeiger.ch/politblog/index.php/30971/eine-bildungsferne-professorin/
Ich bin ein Arbeiterkind. Mein Vater war Sattler und Tapezierer, meine Mutter arbeitete vor allem im Service. Heute wäre ich ein «bildungsfernes» Kind. Als bildungsfern gilt in den PISA-Studien, wenn die Familie nur wenige Meter Bücher besitzt, das Kind kein eigenes Zimmer und keinen eigenen Schreibtisch hat, die Eltern nur bescheiden ausgebildet sind und mit dem Nachwuchs selten oder nie Bibliotheken besuchen. Dies alles trifft für meine Kindheit zu.
- Details
- Margrit Stamm
Am Morgen müssen sie früh weg, am Abend kommen sie spät nach Hause. Sind sie endlich da, wechseln sie Windeln, erzählen eine Gutenachtgeschichte oder helfen bei den Hausaufgaben zum Dreisatzrechnen. Tatsächlich hat sich bei den Vätern in den letzten Jahren Vieles geändert. Sie investieren deutlich mehr Zeit in ihre Kinder und mit überwiegend hohem Engagement. Trotzdem ist der Standardvorwurf aus weiblichem Munde immer noch weitgehend derselbe: Männer sind das faule Geschlecht. Sie tun zu wenig im Haushalt, und wenn das Kind einmal krank ist, sind es die berufstätigen Mütter, welche zu Hause bleiben müssen. Auch im Privaten seien Männer immer noch die ewigen Praktikanten und die Juniorpartner der Mütter.
- Details
- Margrit Stamm
Dass Stichworte wie Talente, Begabungen, Expertise, Leistungsexzellenz – oder wie immer man Potenziale nennen will – Eingang in den Berufsbildungsdiskurs gefunden haben, ist glücklicherweise auch eine Folge des innovativen Berufsbildungsgesetzes. Die in Art. 18 und Art. 21b festgehaltene Pflicht zur Förderung leistungsstarker Berufslernender weist der Ausbildung des Nachwuchses eine grundlegende Bedeutung und den Berufsschulen und Ausbildungsbetrieben eine spezifische Verantwortung und Innovationsbereitschaft zu. Berufliche Begabten- und Talentförderung ist damit zu einer wichtigen, berufspädagogischen Aufgabe geworden. Auch der Bundesrat hat verschiedentlich von der Ausschöpfung der Begabtenreserve in der Schweizer Berufsbildung gesprochen.
- Details
- Margrit Stamm
Das Gerede von der Akademikerschwemme ärgert mich, auch deshalb, weil Berufsbildung und Gymnasium immer wieder gegeneinander ausgespielt werden. Es muss nicht jeder studieren, heisst es, leistungsstarke Schüler wären in einer Berufslehre oft besser aufgehoben als im Gymi. Stimmt! Und zwar für solche, die eigentlich handwerkliche Begabungen hätten, sich aber kaum für akademische Inhalte interessieren und die Matura nur mit Ach und Krach hinkriegen. Für eine jenseits junger Migranten nahezu unbeachtete Gruppe trifft jedoch Umgekehrtes zu: Kinder aus einheimischen Arbeiterfamilien, die das intellektuelle Potenzial für ein Studium hätten, aber niemals eine Gelegenheit hierfür bekommen. Schaut man nämlich den empirischen Tatsachen ins Auge, dann wird dies sofort deutlich: Haben die Eltern studiert, so tun dies 88% der Kinder auch, aus Arbeiterfamilien schafft es hingegen nur knapp jeder Vierte (24%). Ihr Anteil hat sich seit den 1970er Jahren lediglich um 10% erhöht. Der enorme Zustrom zu den Gymnasien und Universitäten nährt sich deshalb vor allem vom Nachwuchs gut situierter Familien. Ihr Anteil hat sich in den letzten dreissig Jahren nahezu verdoppelt.
- Details
- Margrit Stamm
Jeder kennt sie: die Schüler, die trotz hoher Begabung aufgrund schlechter Noten den Übertritt ins Gymnasium nicht schaffen oder keine anspruchsvolle Lehrstelle bekommen, Schülerinnen, die sich ohne Hausaufgaben zu erledigen mit knapp genügenden Noten über die Runden schlängeln oder Erwachsene, die trotz ihrer Begabung wenig anspruchsvolle Berufe ausüben oder gar ihre Ausbildung abbrechen. Und auch in der Fachliteratur werden nicht wenige begabte Menschen beschrieben, die in der Schule mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt hatten, dann jedoch ausgesprochen erfolgreiche Erwachsene wurden. In der Wissenschaft nennt man solche Menschen Minderleister. Das sind solche, die eine grosse Diskrepanz zwischen ihren intellektuellen Fähigkeiten und den tatsächlichen Leistungen zeigen.
- Details
- Margrit Stamm
erschienen in der Aargauer Zeitung/Nordwestschweiz, 3. August 2015
Wählen gehen, eine rechtsgültige Unterschrift haben, Auto fahren, starke alkoholische Getränke konsumieren: All dies dürfen Jugendliche ab 18 Jahren, weil sie volljährig sind. Nur heisst das nicht, dass sie dann erwachsen sind. Die Pubertät hört bei vielen erst in den Zwanzigern auf. 25 ist heute das neue 18. Junge Erwachsene haben es nicht gerade eilig, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und schieben deshalb das Erwachsen-Werden immer weiter nach hinten.
- Details
- Margrit Stamm
Anfangs letzter Woche wurde bekannt, dass die älteste Engadiner Privatschule, das Hochalpine Institut Ftan, noch diesen Sommer schliessen muss. Als Grund angegeben wurden der drastische Schülerschwund und finanzielle Probleme. Offenbar müssen aber auch andere traditionsreiche Internate ihre Schüler intensiver suchen und sich Einiges einfallen lassen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Ein Hauptgrund für die vermehrte Konkurrenz dürften die vielen Privatschulen sein, die wie Pilze aus dem Boden schiessen, insbesondere in grossen Städten wie Zürich, Genf, Bern oder Basel. Rund um den Zürichsee ist das Angebot besonders dicht. So startet die Swiss International School im Schwyzerischen Pfäffikon dieser Tage mit dem Ziel, im Vollausbau 300 Plätze anzubieten. Was steckt eigentlich hinter diesem Privatschul-Trend? Wieso sind die Wartelisten trotz meist (sehr) hoher Gebühren lang, und was bedeutet er für unsere Gesellschaft insgesamt?
Schweizweit besuchen durchschnittlich ca. 5% der Kinder und Jugendliche eine Privatschule, Tendenz steigend. Das ist an sich noch kein hoher Marktanteil, doch wenn man die Privatschülerquote in einzelnen Gemeinden betrachtet, dann gibt dies zu denken. Im Kanton Zürich haben beispielsweise Gemeinden wie Zumikon, Rüschlikon oder Kilchberg Privatschülerquoten von gegen 25%, im Kanton Schwyz ist es Wollerau mit 21% und Walchwil im Kanton Zug mit 23%. Vor dem Hintergrund, dass Privatschulen immer mehr glorifiziert werden, ist das eine bemerkenswerte Realität.
- Details
- Margrit Stamm
«Ich habe gar nicht gewusst, dass ein Studium so viel mit Wissenschaft zu tun hat.» Dies hat mir kürzlich eine Studentin nach einem Seminar gestanden. Und unter vorgehaltener Hand hat sie nachgeschoben, dass sie ein Studium eigentlich auch gar nicht interessiere und sie nur den Eltern zuliebe damit begonnen habe.
- Details
- Margrit Stamm
erschienen in: Aargauer Zeitung/Nordwestschweiz, 22.06.2015, 16
In der Schweiz gibt es viele Leuchttürme guter Talentförderung. Ein Beispiel sind die Schweizer Berufsmeisterschaften Swiss Skills, die erstmals 2014 stattgefunden haben. Derartige Talentförderung entspricht genau dem, was der Begriff auch meint: Junge Menschen sind dann Talente, wenn sie in einem bestimmten Bereich über ein überdurchschnittliches Leistungsvermögen verfügen und sie dieses mit gezielter Unterstützung von Lehrkräften und Berufsbildnern so ausbauen können, dass es zu Expertise auf höchstem Niveau wird.
- Details
- Margrit Stamm
Alle Welt spricht heute von den Eltern, die ihre Kinder zu sehr in den Mittelpunkt stellen, und sie wie kleine Könige behandeln. Kaum jemand hat bisher jedoch gefragt, woher dieser Trend eigentlich kommt. Meine Vermutung ist, dass es vor allem der Wettbewerbs- und Leistungsgedanke ist, der in den letzten Jahren zunehmend um sich greift und (werdende) Eltern auf diese Weise sozialisiert. Ich möchte dies an drei Beispielen diskutieren: anhand der Untersuchungen in der Schwangerschaft, der Stillpropaganda nach der Geburt und der frühen Förderung in den ersten Lebensjahren. Dabei konzentriere ich mich auf die Mütter, weil zu ihnen am meisten Untersuchungen vorliegen.
- Details
- Margrit Stamm
Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser!
- Details
- Margrit Stamm
Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser: Wenn Sie Aussagen aus meinen Blogs weiterverwenden, bitte ich Sie freundlich, die Quelle entsprechend zu zitieren. Besten Dank!
«Bildung ist Bürgerrecht». Diese Aussage stammt von Ralph Dahrendorf aus dem Jahr 1966. Sie ist so aktuell wie nie zuvor, vor allem auch wegen der bevorstehenden Volksabstimmung zur Stipendieninitiative am 14. Juni 2015. Diese Initiative bezweckt bekanntlich die Harmonisierung des Stipendienwesens in der Schweiz. Nur schon deshalb ist sie an sich eine gute Sache, aber man muss sie etwas differenziert in den Blick nehmen. Befürworter argumentieren mit vielen Slogans, beispielsweise mit «mehr Chancengerechtigkeit», mit einem «Beitrag gegen den Fachkräftemangel» oder auch mit der «Verkürzung der Ausbildungszeit und weniger Studienabbrechern», Gegner mit der «Beschneidung kantonaler Bildungshoheit», der «Schwächung des Bildungsraumes Schweiz» und der allgemeinen «Verakademisierung».
- Details
- Margrit Stamm
erschienen in Aargauer Zeitung/Nordwestschweiz, 4. Mai 2015, 16.
Der Kindergarten ist obligatorisch und in die Schulpflicht eingebunden. Damit setzt die Bildungspolitik ein Zeichen, dass sie die frühe Förderung ernst nimmt. Tatsächlich können viele Kindergärtler schon rechnen, lesen oder schreiben. Gelernt haben sie es im Förderkurs, von den Eltern oder beim grossen Bruder abgeschaut. Nur, Kindergärten haben eigentlich andere Probleme. In unseren Forschungsstudien klagen viele Lehrkräfte über massive Entwicklungsdefizite. Der Anteil der Kinder, die kaum mehr Treppen steigen, die Hände selbst waschen, den Reissverschluss der Jacke schliessen oder die Schuhe binden können, nimmt stark zu. Und es gibt immer mehr, die noch Windeln brauchen.
- Details
- Margrit Stamm
Im letzten Herbst habe ich in der NZZ am Sonntag eine Gastkolumne zum «Social Freezing» (manchmal auch «Egg Freezing» genannt) geschrieben, d.h. zur Möglichkeit des Einfrierens von Eizellen, damit Frauen Karriere machen und die Mutterschaft auf später verschieben können*. Meine Meinung war und ist die, dass dies ein falscher Weg ist. Auf meinen Gastbeitrag habe ich viele Rückmeldungen erhalten – erstaunlicherweise kaum von Müttern, sondern vor allem von Vätern, welche die Familie mit der Karriere vereinbaren wollen oder sollen, sich aber enorm unter Druck fühlen.
- Details
- Margrit Stamm
Geht es um Betreuungsprobleme kleiner Kinder, dann spricht alle Welt von Kinderkrippen, vielleicht noch von Nannys oder Au Pairs, aber kaum von Tagesmüttern (Tagesväter sind sozusagen nicht zu finden). Offenbar interessiert sich kaum jemand für ihre Arbeit. Das ist sehr erstaunlich, denn Forschungsergebnisse – wie diejenigen aus unserer FRANZ-Studie* (siehe Abbildung unten) belegen, dass durchschnittlich 22% der Vorschulkinder durch Tagesmütter betreut werden. 21% der Kinder besuchen keine familienergänzende Betreuung und in 4% der Fälle ist eine Nanny für sie zuständig. 34% gehen in eine Krippe und 19% sind teilweise in der Obhut von Verwandten. Dabei muss berücksichtigt werden – und dies ist aus der Abbildung nicht ersichtlich – dass bei mehr als 60% der Kinder die familienergänzende Betreuung an mehr als zwei Orten stattfindet.
- Details
- Margrit Stamm
erschienen in: Aargauer Zeitung/Nordwestschweiz, 16.03.2015
Lange Ehen sind ein Phänomen, weil es immer weniger von ihnen gibt. Gemeint sind damit Paare, die im Anschluss an das Jawort 30, 40, 50 oder mehr Jahre verheiratet bleiben. In der Schweiz werden jedoch 43 von 100 Ehen nach durchschnittlich 14.3 Jahren geschieden. Was steckt somit hinter den Paaren, die für immer zusammenbleiben, bis dass der Tod sie scheidet? Ist es die ewige Liebe oder eine notwendige Routine? Oder gibt es sogar ein Geheimnis, eine Art Glücksformel für die Erhaltung der feurigen Leidenschaft?
- Details
- Margrit Stamm
Von der Vorschule bis zur Hochschule steht seit geraumer Zeit das Potenzial von Migrantinnen und Migranten auf der Agenda der Bildungspolitik. Recht so! Denn es hat lange genug gedauert, bis man vom negativ besetzten Bild «der» Migranten weggekommen ist. Trotzdem hat der verstärkte Fokus auf sie leider dazu geführt, dass eine genauso wichtige Gruppe fast vergessen worden ist: die einheimischen Arbeiterkinder. Ähnlich wie dies bei benachteiligten Migrantenkindern der Fall ist, schaffen es viel zu wenige von ihnen an die Universität. Welches sind die Hintergründe?
- Details
- Margrit Stamm
In diesem Blog übe ich Kritik, aber auch ein wenig Selbstkritik. Mein Thema sind die Forschungsstudien und ihre verbreitete Wirkungslosigkeit. Genauer gesagt: die Ergebnisse vieler Studien der Bildungsforschung, die oft wie heisse Luft erscheinen, werden sie doch nicht selten nur kurz zur Kenntnis genommen und dann weggelegt. Ein paar Beispiele:
- Details
- Margrit Stamm
Erschienen in: Aargauer Zeitung / Nordwestschweiz, 26.01., 18.
Es ist paradox: Viele Betriebe beklagen, dass sie ihre Ausbildungsplätze nicht mehr mit geeigneten Lehrlingen besetzen können. Trotzdem waren im Dezember 2014 ca. 9% der 15- bis 24-Jährigen ohne Arbeit und 16‘000 im Übergangssystem. Damit werden Angebote bezeichnet, die eine Brücke bauen zwischen der obligatorischen Schule und einer Berufslehre oder einer weiterführenden Schule. Dazu gehören etwa ein Motivationssemester, ein 10. Schuljahr, eine Au-Pair-Stelle oder ein Praktikum.
- Details
- Margrit Stamm
Nannys – auch Kinderfrauen oder Kindermädchen genannt – sind populärer denn je. Einer der Hauptgründe dürfte darin liegen, dass Kita-Plätze für gut verdienende Paare so teuer sind. 3‘500 bis 4500 CHF kostet eine Nanny etwa im Monat, weshalb es sich ab zwei, mit Sicherheit jedoch ab drei Kindern lohnen kann, eine solche zu engagieren. Gerade deshalb dürfte das «Nanny-Sharing» – d.h. wenn mindestens drei Familien gemeinsam eine Nanny engagieren, welche bis zu maximal vier Kinder in einem Haushalt betreuen darf – so gefragt sein. Eine Nanny ist zudem für Eltern mit anspruchsvollen Berufen und langen Arbeitszeiten flexibler als eine Kita und auch in der Lage, kranke Kinder zu betreuen. Oft hat sie eine relativ grosse Lebenserfahrung und eine pädagogische Ausbildung. Wie viele Nannys es in der Schweiz gibt, ist nicht bekannt, weil sie nicht systematisch erfasst werden. Mit Sicherheit dürften es ein paar Tausend sein.
- Details
- Margrit Stamm
Erinnern Sie sich? Am 24. November 2012 hat sich das Zürcher Stimmvolk mit 199 232 Nein zu 89 232 Ja gegen die Grundstufe ausgesprochen. Sie hätte Kindergarten und erste Klasse zusammengeführt und so ein neues Schuleingangsmodell implementiert, in welchem Kinder ihrem Entwicklungsstand entsprechend hätten gefördert werden können. Nachdem bereits zuvor das Modell in anderen Kantonen sistiert worden war, ist die Grundstufe damit mehrheitlich gestorben. Daraus lässt sich schliessen, dass der traditionelle Kindergarten offensichtlich einen Sympathiebonus hat, welcher der Bevölkerung nahesteht.
Seite 9 von 13
