Talent

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 06.02.2017, 16.

     

    Wir sind Spitze! In keinem anderen Bereich hat die Schweiz in Wettbewerben so viele Medaillen gewonnen wie in der Berufsbildung. Und kürzlich war es wieder so weit: Unsere Delegation holte in Göteborg den Europameistertitel in der Nationenwertung. Was für eine Genugtuung für die Berufsbildung, welche mit Attraktivitätsproblemen und Schwierigkeiten zu kämpfen hat, gute Lehrlinge zu finden!

    Umso mehr erstaunt, dass Berufsmeisterschaften so selten als Ausbildungselemente auf dem Weg zur beruflichen Karriere genutzt werden und Lehrlinge sie sehr oft gar nicht kennen. Auch Fachleute der Berufsbildung wissen wenig über diese Praktikerelite: Was steckt eigentlich hinter Medaillengewinnern? Wie wird man so erfolgreich? Sind sie einfach kluge Köpfe mit goldenen Händen? Solchen Fragen sind wir in Studie nachgegangen, die übermorgen veröffentlicht wird.

    Schulnoten sagen eben wenig über das Entwicklungspotenzial aus

    Talent ist nicht angeboren, dies ist das wichtigste Ergebnis der Untersuchung. Wer es an die Spitze seiner Berufsbranche schafft, istin der obligatorischen Schule längst nicht immer ein guter Schüler gewesen.Drei Viertel waren lediglich mittelmässig oder gar schlecht und dazu oft noch faul. Und viele können auch mit keinem hohen Schulabschluss punkten. Vierzig Prozent haben nur einen mittleren, zwanzig Prozent sogar einen niedrigen Abschluss, also einen der Realschule. Solche Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf die vielen Klagen von Betrieben, sie würden nicht genügend «gute» Lehrlinge finden. Schulnoten oder ein hoher Schulabschluss sagen eben wenig über das Entwicklungspotenzial aus, das in einem jungen Menschen steckt. Unsere Medaillengewinner sind das beste Beispiel dafür, dass die Berufslehre für viele nicht nur zur zweiten Chance geworden ist, sondern auch zu Leistungsexplosionen geführt hat. Aber nur, weil ihnen die Betriebe überhaupt eine Chance gegeben haben!

    Medaillengewinner sind nicht einfach Glückspilze

    Sind die Medaillengewinner somit Glückspilze, denen alles in die Wiege gelegt worden ist? Wer so denkt, liegt vollkommen falsch. Der Weg zur Praktikerelite ist enorm zeitintensiv, entbehrungsreich und erfordert ein hohes persönliches Engagement. Dies steht in einem deutlichen Gegensatz zu dem, was man über «die heutige Jugend» liest. Verwöhnt, konfliktscheu, opportunistisch und flatterhaft sei sie. Solche Vorurteile sind unfair, weil viel zu einseitig. Vier Fünftel unserer Erstplatzierten haben sich auch an den Wochenenden vorbereitet, teilweise deshalb, weil der Betrieb hierfür kein Zeitfenster zur Verfügung stellte. Sie haben auf Freizeit verzichtet, Ferientage oder sogar unbezahlte Ferien bezogen. Doch hinter jeder Medaille steckt auch ein unterstützendes Umfeld, vom Lehrbetrieb über die Berufsfachschule bis hin zu den Experten. Aber die wichtigste Stütze – und dies ist erstaunlich – ist das Elternhaus – die Mutter sogar mehr als der Vater. Auch jenseits des Jugendalters ist der Rat der Eltern am wichtigsten.

    57 Prozent der Medaillengewinner sind beruflich markant aufgestiegen

    Diese Erkenntnis ist für die Attraktivitätsproblematik der Berufsbildung bedeutsam. Zwar wissen wir schon lange, dass die Eltern bei der Berufswahl die heimlichen strategischen Meinungsmacher sind – auch hier wiederum in erster Linie die Mütter – und bereits in der fünften Klasse entscheiden, ob die Berufslehre oder das Gymnasium das Tor zur Berufskarriere werden soll. Unsere Ergebnisse sollten Väter und Mütter deshalb besonders ansprechen: Wer eine Lehre macht und sich dann auf eine Berufsmeisterschaft konzentriert, hat die Karriere auf sicher. 57 Prozent der Medaillengewinner sind beruflich markant aufgestiegen und zur Hälfte bereits in einer Leitungsposition, mehr als 80 Prozent haben Weiterbildungen in Angriff genommen, und fast alle bezeichnen sich selbst als Vorbild für die junge Generation.

    Berufswettbewerbe sind ein besonders wichtiges Instrument für die Förderung der Praktikerelite. Aber solche Massnahmen greifen nur, wenn sie in ein Talentmanagement eingebettet werden, also in die frühe, systematische Suche und gezielte Förderung von Potenzialen – unter Einbezug des Elternhauses. Weil Potenziale jedoch oft verborgen und kaum lediglich an Noten erkennbar sind, kommt jede PR-Massnahme zur Attraktivitätssteigerung nicht um einen Perspektivenwechsel herum: weg vom Blick auf die Schwächen, hin zur Suche nach Stärken! 

  • Für immer mehr Berufsausbildungen braucht es eine Matura, z.B. um Kindergärtnerin oder Pflegefachmann zu werden. Viele internationale Unternehmen wollen nur noch Leute mit einem Hochschulabschluss einstellen. Die Schweiz braucht mehr akademische Power! Tatsächlich?

    Zwar will ich hier nicht in die teils übertriebene Kritik am «Akademisierungsboom» einstimmen (vgl. auch meinen Blog vom Juli 2013). Aber ich möchte seine zunehmend elitären Züge etwas genauer unter die Lupe nehmen und dabei auch aufzeigen, weshalb eine akademische Ausbildung keinesfalls berufliche Expertise garantiert.

    Die aktuelle Bildungseuphorie hat zwei Hauptmerkmale: Sie schreitet schleichend, aber unaufhörlich voran, und sie bekommt mindestens teilweise elitäre Züge. So nehmen wir die Nachricht, dass die Quote der unter 35jährigen Professoren bereits auf über 10% gestiegen und damit der Nachwuchs der akademischen Leistungsexzellenz gesichert sei, mit Genugtuung oder gar Bewunderung zur Kenntnis. Deutlich weniger Eindruck macht uns der begabte Schreiner-Lehrling, der bereits im zweiten Ausbildungsjahr die Struktur von Hölzern erkennen und ein Werkstück nach Zeichnungen detailgetreu erstellen kann. Und noch weniger Eindruck macht uns die junge Frau, die sich von einer schlechten Realschülerin zu einer Bau-Polierin in einem Grossunternehmen hochgearbeitet hat,die Bauunternehmung auf der Baustelle vertritt und 20, vorwiegend männliche, Mitarbeitende führt.

    Die Schweiz entwickelt sich zu einer Bildungsgesellschaft. Dass ein wachsender Anteil der Berufstätigen eine höhere Bildung hat, ist somit alles andere als negativ. Immer besser ausgebildete Berufsleute sind im Hinblick auf die internationale Anschlussfähigkeit ein Muss. Vor diesem Hintergrund ist der ‚bildende‘ Anteil vieler Berufslehren sicher zu klein. Aber insgesamt wird das schulische Wissen überbewertet. Dies führt dazu, dass der «Akademisierungsboom» zu einer «Akademisierungsfalle» wird und dabei Ausmasse annimmt, die über das Ziel hinausschiessen. Denn viele Stellen sind plötzlich nur noch auf einen kleinen Kreis von Diplomierten zugeschnitten. Fachleute mit vorwiegend praktischen Fähigkeiten werden von Berufen ausgeschlossen, die bisher genau solche praktischen Kompetenzen verlangt haben.

    Dass es nicht nur eine akademische Intelligenz gibt, gehört zur pädagogischen Folklore. Trotzdem nehmen wir kreative und praktische Intelligenzleistungen kaum zur Kenntnis. Die Expertiseforschung liefert hierzu wichtige Erkenntnisse. Im Gegensatz zur Begabungsforschung, die sich auf angeborene Fähigkeiten konzentriert, interessiert sich die Expertiseforschung für die Merkmale von beruflich erfolgreichen Erwachsenen. Hauptergebnis ist, dass die Fähigkeit, mit realen Problemen erfolgreich umzugehen, das wichtigste Element von Berufskompetenz ist. Viel Fachwissen oder ein hoher Intelligenzquotient, aber auch ausgeprägtes Üben, garantieren noch keine berufliche Expertise. Wir alle kennen Menschen, die in wissenschaftlich hochstehender Weise über ein Problem sprechen, zu dessen Lösung aber wenig beitragen können. Umgekehrt beobachten wir immer wieder, dass auch viel Übungsarbeit noch keine Experten hervorbringt. Diese Tatsache wird in der Expertiseforschung nicht auf mangelnde Begabung, sondern auf die mangelnde Qualität von Übungsprozessen zurückgeführt. Gerade deshalb spielen Lehrkräfte, Trainerinnen oder Lehrmeister eine wichtige Rolle. Neben dem Fachwissen braucht es auch einen gesunden Menschenverstand respektive eine Portion Intuition.

    Was bedeutet dies für die «Akademisierungsfalle»? Erstens, dass sie junge Menschen (und vor allem ihre Eltern) zu einseitig auf den Weg der gymnasialen Matura führt und ihn als Königsweg zum Ausbildungserfolg bezeichnet. Dies hat jedoch zur Folge, dass die Bedeutung des theoretischen Fachwissens über- und diejenige des praktischen Know-Hows unterschätzt wird. Zweitens, dass sie zur Installation immer neuer Bildungshürden führt, die möglicherweise verheerende Konsequenzen haben. Junge Menschen mit praktischen Begabungen finden immer weniger Berufe, in denen sie diese entwickeln und auch zeigen können. Die praktische Intelligenz ist jedoch ein wichtiges Kulturgut, das die Schweiz gross gemacht hat. Kann sich unsere Gesellschaft eine solche Verschwendung dieses Talents leisten?

     

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    In der Schweiz gibt es viele Leuchttürme guter Talentförderung. Ein Beispiel sind die Schweizer Berufsmeisterschaften Swiss Skills, die erstmals 2014 stattgefunden haben. DerartigeTalentförderung entspricht genau dem, was der Begriff auch meint: Junge Menschen sind dann Talente, wenn sie in einem bestimmten Bereich über ein überdurchschnittliches Leistungsvermögen verfügen und sie dieses mit gezielter Unterstützung von Lehrkräften und Berufsbildnern so ausbauen können, dass es zu Expertise auf höchstem Niveau wird.

    Leider hat sich in den letzten Jahren unbemerkt eine «Talent-Epidemie» ausgebreitet. Davon zeugen all die Plakate, auf denen mit jungen Menschen geworben wird: «Wir brauchen Ihr Talent – machen Sie Ihre Ausbildung bei uns!» oder «Absolviere ein Talentjahr, wenn du nicht weisst, ob du eher ins Gymnasium oder eine Berufslehre absolvieren willst!» Eigentlich tönt dies gut. Endlich weg von der Defizitperspektive hin zu dem, was junge Menschen können! Auf einen solchen Perspektivenwechsel haben wir lange gewartet. Trotzdem freue ich mich darüber nur eingeschränkt.

    Viele Hochglanzbroschüren lassen nämlich erheblichen Zweifel aufkommen. Zwar verwenden sie den Begriff Talent fast auf jeder zweiten Zeile, ob die Förderung von Talenten in der Praxis auch umgesetzt wird, bleibt aber fraglich. Auch unsere Forschungsstudien zu leistungsstarken Jugendlichen in der Berufsbildung verweisen auf eine andere Realität. Wie oft schmückt man sich vordergründig mit Talentförderung, jammert aber im praktischen Alltag über die mangelnde «Ausbildungsreife» Jugendlicher und über all das, was sie nicht mehr können. Slogans zur Talentförderung sind deshalb nicht selten lediglich ein geschicktes Vertuschen des defizitären Menschenbilds und somit ein Etikettenschwindel.

    Die Ausbildungsqualität darf nicht manipuliert werden. Deshalb ist es wünschenswert, den inflationären Gebrauch des Begriffs «Talent» zu unterbinden und nur dort zu verwenden, wo die Potenziale junger Menschen tatsächlich gefördert werden. Dies ist jedoch einfacher gesagt als getan. Denn dafür braucht es Lehrkräfte und Berufsbildner, die sich im wahrsten Sinne des Wortes als Talentförderer verstehen. Will nämlich eine Berufsbildnerin das verborgene goldene Händchen eines jungen Migranten oder ein Kantilehrer das intellektuelle Potenzial einer unbequemen Schülerin nicht sehen, dann bleiben Begabungen und Ressourcen unentdeckt und ungenutzt – auch wenn in Leitbildern und Unternehmensrichtlinien Gegenteiliges steht. Haltungen sind deshalb von grundlegender Bedeutung. Nur wer Potenziale bei allen jungen Menschen erwartet, sie erkennen und anerkennen und unterstützen will, betreibt Talentförderung. Und wer fördert, muss in der Lage sein, hochstehende Übungs- und Trainingsprozesse so zu arrangieren, dass die jungen Talente im richtigen Mass herausgefordert und animiert werden, über sich selbst hinauszuwachsen. Dies alles genügt nicht. Talentförderung muss auch Chefsache sein und als grundlegende Ausbildungsaufgabe verstanden werden. Schul- und Geschäftsleitungen, welche ihre Lehrkräfte und Berufsbildner unterstützen, sind deshalb das Herzstück aller Anstrengungen.

    Nur, woran erkennt man, ob Schulen und Betriebe Talentförderung ernst nehmen? Erstens, inwiefern Programme zur Potenzialförderung existieren, und zwar für alle, also unabhängig von der sozialen oder kulturellen Herkunft und vom Geschlecht. Zweitens, ob sie stolz sind, junge Menschen auszubilden und auch an sie glauben und drittens, ob sie selbst von ihrer Arbeit mit jungen Menschen beflügelt sind. So einfach ist das.

    Die Talent-Epidemie darf uns nicht Glauben machen, dass junge Menschen tatsächlich talentierter als früher sind. «Talent», so wie der Begriff heute gebraucht wird, ist in vielen Fällen nichts anderes als eine Worthülse, eine PR-Massnahme im«Kampf um die Talente», d.h. umrar gewordene Lehrlinge oder, um teure Ausbildungen beliebt zu machen. Nicht selten ist das Gerede um Talente oberflächlich, weshalb es der Sache eher schadet als nützt. Eine Rückbesinnung auf das, was Talent meint und wann der Begriff verwendet werden soll, tut Not.

  • Die "Überalterung" ist eine Tatsache, welche uns enorm beschäftigt. Unwörterwie Rentnerschwemme, Grufties oder Altersheim Schweiz verweisen auf das schwierige Umfeld, in dem Altern heute stattfindet. Die Altersdebatte ist nach wie vor weitgehend eine Angstdebatte, auch wenn mediale Berichte von den jungen Alten anderes verheissen.Es erstaunt deshalb kaum, dass dieser Negativblick die Diskussion über das Altern beherrscht und die mit ihm verbundenen Chancen nahezu vollständig ignoriert. Das zeigt sich übrigens auch in vielen Altersleitbildern, die oft stark in dem verwurzelt bleiben, was ältere Menschen brauchen und viel zu wenig das fokussieren, was sie können oder in welchen Bereichen wir sie brauchen. würden.

    Ich möchte ein anderes Bild des Alter(n)s zeichnen, eines, das die Entfaltung von Potenzial und Talenten in den Mittelpunkt stellt. Ich beziehe mich dabei auf unsere Längsschnittstudie "Talent Scout 60+", die wir in diesem Jahr abgeschlossen haben. Sie verdeutlicht, dass Entwicklungdie ganze Lebensspanne umfasst von der Wiege bis zur Bahre und immer in eine Dynamik zwischen Verlust und Wachstum eingebettet ist. Ich erläutere nachfolgend unsere Hauptergebnisse, indem ich sechs Aussagen von prominenten Personen als Thesen zur Diskussion stelle.

    Joan Collins, Schauspielerin aus der Serie Dallas: «Das Alter ist irrelevant, es sei denn, du bist eine Flasche Wein.»

    Ich denke, dass diese These falsch ist. Alter ist relevant. Die Angst vor dem Altwerden in einer Gesellschaft im Jugendwahn ist ein Normalzustand. Altern ist eine Provokation, der sich niemand entziehen kann, auch nicht dann, wenn man das Altern als irrelevant bezeichnet. Es gibt mindestens vier Bewältigungsmuster: Die einen versuchen Dank Anti-Aging-Massnahmen körperlich und ästhetisch fit zu bleiben und auf diese Weise ‚erfolgreich’ zu altern. Andere setzen eher einen spirituellen Schwerpunkt und akzeptieren das Altern als unausweichliche Herausforderung, sich auf den Tod einzustellen. Wieder andere resignieren, weil sie überzeugt sind, dass Altwerden mit nutzlos werden gleichzusetzen ist. Es gibt auch eine vierte Gruppe: Sie entwickelt ihre Talente so, wie dies Martha im Film «Die Herbstzeitlosen» tut. Obwohl sie nach dem Tod ihres Mannes die Lebenslust verloren hatte, wagte sie einen Neubeginn und erfüllte sich mit einer Lingerie-Boutique einen Lebenstraum.

    Gotthold Ephraim Lessing: «Welche Freude wenn es heisst: Alter, du bist alt an Jahren, blühend aber ist dein Geist.»

    Diese Aussage hat etwas auf sich. Spätentwickler blühen häufig richtig auf, wenn sie einen Bereich entdecken, zu dem sie etwas Bedeutsames beitragen können. Gleichzeitig fordern sie unsere stereotypen Vorstellungen heraus: Ist eine solche Entwicklung überhaupt wünschbar? Haben ältere Menschen nach einem langen Arbeitsleben nicht Ruhe und Beschaulichkeit verdient? Nun, die Entfaltung von Fähigkeiten im Alter meint weniger ausgedehnte Reisen oder sportliche Gewaltstrainings. Sie meint vielmehr die intensive, mit Faszination verbundene Realisierung von Fähigkeiten, die während langer Zeit aus irgendwelchen Gründen blockiert waren.

    Immanuel Kant, Philosoph: «Im Alter nimmt die Urteilskraft zu und Genie ab.»

    Auch wenn sie von Kant ist, lässt sich dieser These nicht vorbehaltlos zustimmen, man muss sie weiter differenzieren. Sicher ist, dass die dominante Defizitthese, die von einem generellen Abbau im Alter ausgeht, nicht mehr tragbar ist. Es können auch in diesem Lebensabschnitt noch innovative Intelligenzformen auftreten, die Entwicklungsmöglichkeiten – und damit Genie - zulassen.

    Dies gilt vor allem für die Pragmatik der Intelligenz, vergleichbar mit der Software des PC. Dazu gehören Sprachverständnis, Sachwissen und Denkstrategien. Wer ein Leben lang Spezialwissen in bestimmten Bereichen erworben hat und diese besonders pflegt und weiterentwickelt, kann nicht nur bis ins Alter Höchstleistungen erbringen, sondern ist auch weniger von Gedächtnisverlusten betroffen.

    Vom Abbau betroffen ist jedoch die Mechanik der Intelligenz, was in etwa der Hardware beim PC entspricht. Eindrücklich nachgewiesen ist die altersbedingte Begrenzung der Memorierungsfähigkeit oder des Lernens von Neuem und Komplexem.

    Ingmar Bergmann, Regisseur: «Mit dem Alt-werden ist es wie mit dem Auf-einen-Baum-steigen: Je höher man steigt, desto mehr schwinden die Kräfte, aber desto weiter sieht man.»

    Ich würde diese These zwar unterstützten, aber noch genauer formulieren. Denn das Talent – weiter sehen zu können – entsteht nicht einfach dadurch, dass man auf die Zähne beisst und sich bemüht, nach oben zu kommen. Vielmehr muss der alternde Mensch lernen, Elemente des des Verlusts zu akzeptieren und gewinnbringend in seine Talententwicklung zu integrieren. Das zeigt das so genannte SOK-Prinzip der selektiven Optimierung mit Kompensation von Paul Baltes. Es besagt, dass der Mensch diejenige Möglichkeit auswählt, die er verwirklichen will, sie optimiert, um sein Talent zur Geltung zu bringen und die fehlenden Eigenschaften oder Handlungsmöglichkeiten kompensiert. Der berühmte Pianist Arthur Rubinstein ist ein hervorragendes Beispiel hierfür. Auf die Frage, weshalb er mit 80 Jahren noch ein so guter Pianist sein könne, antwortete er: weil er sein Repertoire verringert habe (Selektion), diese Stücke mehr als früher übe (Optimierung) und – weil er die ausgewählten Stücke nicht mehr so schnell wie früher spielen könne – verlangsame er vor besonders schnellen Passagen sein Tempo, so dass sie dann wieder ausreichend schnell erscheinen würden (Kompensation).

    Paul Baltes, Forscher: «Erfolgreiches Altern ist unsere wichtigste Zukunftsressource.»

    Aus dem bisher Gesagten kann diese Aussage nur unterstrichen werden. Alte Menschen werden bald als die Generation der Zukunft gelten. Derzeit ist ein Fünftel der Bevölkerung über 60 Jahre alt, bis 2030 werden es gut ein Drittel sein. Die enorm gestiegene Lebenserwartung ist eine grosse Herausforderung mit weitreichenden Konsequenzen, vor allem dann, wenn sich immer mehr Menschen immer früher pensionieren lassen. Wenn jedoch die Forschung nachweist, wie wichtig die kognitive Herausforderung im Alter ist, dann kann Pensionierung auch geradezu schädlich sein. Denn um fit zu bleiben, braucht das Gehirn eine Vielfalt an Stimulation. Ruhestand ist so verstanden eine Art Winterschlaf, weil Inaktivität das Gehirn schädigt. Talente zu entwickeln und Expertise zu pflegen ist deshalb eine Anpassungsstrategie für ein erfolgreiches Altern.

    Rolf Dörig, Präsident Swiss Life: «Wir werden bis 70 und länger arbeiten müssen.»

    An dieser Aussage scheiden sich die Geister. Dies hat sich daran gezeigt, wie sehr die Boulevardblätter ob dieser Aussage aufgejault haben. Dabei haben viele Ältere inzwischen andere Probleme: Ohne seniorisiert und frustriert zu werden, möchten sie länger oder vor allem anderes arbeiten, dürfen aber nicht.

    Talent und Expertise im Alter werden aber auch aus anderen Gründen möglicherweise die heisse Frage der Zukunft werden: Stichwort „Fachkräftesicherung“. Angesichts des enormen Mangels an Fachkräften – man erwartet bereits in den nächsten Jahren, dass jede zweite Stelle nur schwer besetzt werden kann. Nur: Die wichtigste Einsicht zum Alter, die von der Politik seit Jahren überhört wird, ist nicht die: länger arbeiten! sondern: zur Kenntnis nehmen, dass das Lebensalter ein ganz schlechter Indikator für die Leistungsfähigkeit ist. Von einem pauschalen Pensionierungsalter ist deshalb wenig zu halten. Vielmehr ist die Frage der Arbeitskraft und des Potenzials stärker vom Alter zu trennen. Wir sollten uns deshalb Gedanken machen, wie Kapazitäten Älterer einzusetzen sind, damit sie Schwerpunkte ihrer Tätigkeit vertiefen oder verändern oder sich anders orientieren können – auch dann, wenn die Mechanik von Körper und Geist anfälliger wird. Ein so verstandenes Lebenslanges Lernen setzt auf die Entwicklung und Entfaltung von Potenzialen und Talenten Älterer und damit auch auf eine Neuorientierung von Qualifikationsprofilen.

     * http://bit.ly/1YBQIrl

    * http://bit.ly/1TlCsjE

     

  • Ich bin eine passionierte Joggerin und nehme an Mittelstreckenläufen teil. Dabei fällt mir zunehmend ein Phänomen auf, das auch in den Medien vermehrt Aufmerksamkeit erhält: dass ehrgeizige Eltern ihre kleinen Knirpse an so genannte «Kids-» oder «Bambiniläufe» anmelden, sie genauestens in ihrem Laufen beobachten und sie dann regelrecht über die Ziellinie zerren. Viele Organisatoren solcher Veranstaltungen sagen, dass dies bei Kinderläufen schon fast zur Normalität gehöre.

    Auch Schwimm- oder Fussballtrainer berichten Ähnliches: Weinende Kinder, schreiende Erwachsene und kein bisschen Spass. Nicht selten verwechseln Eltern ihren eigenen Ehrgeiz mit dem ihrer Kinder. Etwas despektierlich wird dabei von Helikoptereltern gesprochen, die nonstop um ihre Kinder schwirren und beispielsweise im Sport den Nachwuchs früh schon an die Spitze treiben wollen. Dieses Phänomen ist ebenso in unserer FRANZ-Studie empirisch nachzuweisen. In dieser Studie nennen wir sie «Goldmedailleneltern*» oder auch «Trainings-Eltern», die olympiareife Sportler heranzüchten möchten und nichts unterlassen, dieses Ziel - zumindest in ihren Träumen -  zu erreichen. Auch Verbände berichten  von skurrilen Begebenheiten, so etwa, dass es immer wieder zu Ausschreitungen unter Eltern komme und sie die Notbremse ziehen oder gar die Polizei alarmieren müssten, wenn neben dem Platz die Fäuste fliegen oder ein Schiedsrichter massiv bedroht werde.

    Goldmedaillen-Eltern haben eine Superkids-Mentalität. Dieser Gruppe, zu der 10 Prozent unserer Stichprobe gehören, ist die sportliche (manchmal auch die musikalische) Laufbahn des Kindes besonders wichtig. Dabei stellen sie ihr Engagement zu einem grossen Teil in den Dienst ihres Nachwuchses, d.h. dass die Väter für die finanzielle Ausstattung der Familie, die Mütter für Haushalt und Familie verantwortlich sind und höchstens ein paar Stunden pro Woche Teilzeit arbeiten, um das Familienbudget aufzubessern und damit auch das teure Hobby des Sprösslings mitfinanzieren zu können. Dabei ist es für sie selbstverständlich, manchmal täglich und auch am Wochenende für ihr «talentiertes» Kind als Eltern-Taxi bereit zu sein und dabei auch noch den Terminkalender im Griff zu haben. Die Mütter spielen dabei eine zentrale Rolle.

    Frühes intensives Training und Üben oder Wettbewerbs- und Wettkampferfahrungen machen den Goldmedaillen-Eltern keine Angst, im Gegenteil. Meist sind sie der Ansicht, dass sich dies positiv auf die mögliche Karriere des Sprösslings auswirkt. Nicht selten hoffen sie, ihre Investitionen über ein späteres Profisalär des Kindes um ein Vielfaches wieder hereinzubekommen. Deshalb zeigen sie auch kaum Angst, dass das Kind angesichts der hohen Herausforderungen physische oder psychische Schäden davontragen könnte. Vielmehr sind davon überzeugt, dass es von den Erfahrungen aus dem Wettbewerb nur profitiert.

    Selbst stufen sie sich zwar meist als eher zurückhaltend ein, trotzdem argumentieren sie oft mit dem Roger Federer-Modell, der ja schliesslich auch mit vier Jahren angefangen hat, Tennis zu spielen. Seine Eltern seien gar keine typischen Tenniseltern gewesen, sondern er habe diesen Weg selbst gewählt. Die Wunderkinderforschung** zeigt jedoch einhellig, dass die Zahl derjenigen, denen eine solche Karriere misslingt und die den elterlichen Ambitionen nicht genügen, gross ist.

    Hat das Phänomen der Goldmedaillen-Eltern zugenommen? Oder gibt es gar mehr talentierte Kinder als je zuvor? Wir wissen es nicht. Denn es gibt keine Längsschnittstudien hierzu. Eher handelt es sich um eine gesellschaftlicheund vor allem auch um eine bildungspolitische Entwicklung. Seit 15 Jahren bekommen Eltern die immer gleiche Botschaft zu hören: Liebe Eltern, Ihr seid für Euer Kind selbst verantwortlich, im Guten wie im Schlechten. Das ist Eure Aufgabe! Damit sie diese Botschaft umsetzen können, steht ihnen ein riesiges Arsenal an  Experten zur Verfügung. Entspricht das Kind nicht den Vorstellungen oder den Wünschen der Eltern, kann es ja therapiert oder eben noch exklusiver gefördert werden. Der Spitzenfussballer oder die Primaballerina liegt dann immer noch drin.

    Leider zeigt keine einzige Studie, dass  sich Elternehrgeiz dermassen lohnt. Väter und Mütter spielen zwar eine zentrale Rolle, inwiefern sie ihr Kind in seinen Interessen unterstützen und ihm auch helfen, seine möglichen motivationalen und anderen Blockaden zu überwinden. Aber wenn sie das Talent des Nachwuchses mit dem eigenen Ehrgeiz verwechseln, dann resultiert meist eine psychische Gefährdung: Kinder, die in jungem Alter Wettkampferfahrungen machen müssen, aber noch gar kein Gefühl von Sicherheit und Selbstbewusstsein ausgebildet haben, lernen lediglich, dass ihre Eltern für sie kämpfen und sich mit anderen Eltern streiten, ohne dass sie verstehen, worum es denn genau geht.

    Das Fazit aus der vielfältigen Forschung ist dieses: Liebe Eltern, macht Eure kleinen Kinder nicht zu Kampfmaschinen. Euer Leistungsdruck kann vor allem zur Folge haben, dass Eure Kids nicht lebenstüchtig werden. Verwirklicht Euch selbst und praktiziert eine entspanntere Erziehung!

    *Stamm, M. (2016). Lasst die Kinder los! Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. München: Piper.

    ** Stamm, M. (2014).Handbuch Talententwicklung. Theorien, Methoden und Praxis in Psychologie und Pädagogik. Bern: Huber.

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 23.04.2019, S. 16

     

    Die Fünfjährige als Tennistalent, der Achtjährige mit dem Ziel, Profifussballer zu werden. Der Leistungssport beginnt immer früher. Woher kommt das? Warum müssen Kinder nicht nur in der Schule gute Noten haben, sondern auch in mindestens einer Sportart brillieren? Weshalb ist der Wunsch so gross, aus einem durchschnittlichen Kind ein aussergewöhnliches Kind zu machen?

    Talente und Treibhausförderung

    In erster Linie ist es der Hype um die überstrapazierte Förderung, die man auch mit einem Treibhaus gleichsetzen kann. Wer nicht möglichst früh aus seinem Nachwuchs ein «Talent» macht, ist selbst schuld. Auch Vereine sprechen oft von Kindern als Talenten, so dass dies bei ihnen selbst selbstverständlich grosse Illusionen weckt und bei den Eltern die Überzeugung, ihr Sprössling sei etwas Besonderes.

    Ist deshalb Leistungssport für Kinder schlecht? Kaum! Zum einen belegen verschiedene Studien, dass sich Kinder, die Leistungssport betreiben, oft sehr gut entwickeln, manchmal sogar ausgewogener als andere. Sie haben bessere Schulnoten, sind organisierter, durchsetzungsfähiger und frustrationstoleranter. Sie sind auch nicht isolierter als andere, weil sie hier oft Freunde finden.

    Wieviel Druck auf Kinder ist notwendig?

    Genauso gibt es Untersuchungen, die auf eine spezifische Problematik verweisen: auf den Ehrgeiz aus dem näheren Umfeld (Eltern, Freunde, Trainerinnen und Trainer). Zwar sind Ehrgeiz und ein gewisser Druck bei weitem nichts Schlechtes. Trotzdem haben viele Kinder enorm Mühe damit und brechen unter den hohen Erwartungen der Umgebung zusammen. Manchmal werden sie zur Sportpsychologin oder ins Pilates geschickt, trotzdem ändert sich wenig. Denn wann und wieviel Druck notwendig ist und wie hoch die Leistungserwartungen sein sollen, ist eine Gratwanderung, die auch mit dem Temperament und der Persönlichkeit des Kindes zu tun hat. Das hat uns wohl niemand so treffend gezeigt wie Bernhard Russi oder Roger Federer. Während die einen Kinder unter dem Erwartungsdruck zusammenbrechen, ist es für die anderen eine zusätzliche Motivation.

    Dass die Eltern eine Schlüsselrolle spielen, dürfte unwidersprochen sein. Seien wir ehrlich: Welche Mütter und Väter handeln selbstlos, wenn sie ihrem Kind den Einstieg in den Leistungssport ermöglichen? Würden sie keinen Gewinn daraus ziehen, wäre die Episode wahrscheinlich schnell zu Ende, denn finanzielle, psychische und zeitliche Elterninvestitionen brauchen Wirkung. Der Grasshopper Club steht stellvertretend dafür, dass Eltern sogar den Juniorentrainer bestechen wollen, nur damit der Sohn an die Spitze kommt. Stellt sich jedoch der Erfolg trotzdem nicht ein, müssen Kinder nicht nur die Enttäuschung der Eltern verarbeiten, sondern auch mit Vorwürfen rechnen: «Du könntest viel besser sein!» «Warum gibst du so schnell auf?» Doch solche Appelle führen meist lediglich dazu, dass die beabsichtigte Wirkung ausbleibt und Kinder die Lust am Sport verlieren.

    «Talente», die in der Versenkung landen

    Mich treibt vor allem eine Frage um: Was geschieht mit den so genannten Talenten, die den höchsten Erwartungen nicht genügen? «Deselektion» nennt man dies in der Sportwissenschaft, d.h. die Rückversetzung der Kinder in die zweite oder dritte Reihe. Deselektion tönt nicht nur brutal, sie ist es auch und leider der Regelfall. Allerdings kümmert sich meist kaum jemand um solche Kinder und Jugendlichen, obwohl sie jahrelang mehr geleistet und trainiert haben, als es ihren Fähigkeiten entsprach. Nun verschwinden sie in der Versenkung und auch ihre Eltern müssen damit klarkommen.

    Leistungssport zu betreiben ist für junge Menschen nicht per se gut oder schlecht, es kommt auf das Wie an: Wie Kinder begleitet, unterstützt und herausgefordert werden, wie auf ihre Seelen und ihren Körper Rücksicht genommen wird. Und vor allem, ob Trainerinnen und Trainer, aber auch Eltern, einen Plan B vorbereitet haben, für den Fall, dass es nicht klappt. Also eine Berufslehre bis zur Lehrabschlussprüfung durchziehen oder die Matura machen und eine Studium anhängen. Ein Plan B muss zu einer verpflichtenden Grundbedingung werden, damit man im Leistungssport an die Spitze kommen kann. Dann ist es halb so wild, wenn aus dem Kind kein Superstar wird, sondern ein junger Mensch mit guten Berufsaussichten, dem die Freude am Sport nicht abhandengekommen ist.

  • Es brodelt erneut in der Bildungspolitik. Waren es vor zwei Jahren die steigenden Maturandenquoten gewesen, die vielen ein Dorn im Auge waren, so ist es heute eine Aussage in der Sonntagspresse vom 29. Juli. Denn der neue Rektor, Herr Guzzella, hat sich mit einer Aussage sehr erfolgreich und auch geschickt in der Öffentlichkeit bemerkbar gemacht. Er fordert nämlich härtere Matura-Prüfungen sowie eine bessere Förderung der Talentierten. Innovation sei das beste Kapital der Schweiz, sagt er.

    Solche Aussagen unterstütze ich sehr. Denn dass das ‚Niveau‘ an den Schulen gesunken ist, wird schon längere Zeit beklagt. Nur weiss niemand so genau, wie man dieses Problem tatsächlich beheben könnte. Die einen plädieren für frühkindliche Bildung, die andere für Tagesschulen und Elternbildung, die dritten für einen besseren Unterricht. Oder eben, wie dies Herr Guzzella fordert, für strengere (Maturitäts-)Prüfungen. Nur – alle diese Forderungen sind bei genauerem Hinsehen nur die eine Seite der Medaille. Und damit Ausdruck eines relativ engen Blicks auf unser Bildungssystem.Seit langem wissen wir, dass Eltern wichtiger sind als die Schule und dass es ohne Fleiss keinen Preis gibt. Was meine ich damit?

    Das Gymnasium ist so beliebt wie noch nie. In der Schweiz besuchen derzeit ca. 74 000 Jugendliche eine Schule, die zur Matura führt. Eltern haben heute einen enormen Drang nach hoher Bildung. Dies trifft insbesondere auf gut gebildete Zugewanderte aus Deutschland zu, denn dort gilt das Abitur für die gebildete Mittelschicht als Standard. Es erstaunt somit nicht, wenn Eltern alles tun, damit ihr Kind die Aufnahmeprüfung besteht. 63% tun dies mittels Nachhilfe, das wissen wir aus verschiedenen empirischen Studien.

    Wenn also gefordert wird, dass die Maturitätsprüfungen strenger werden sollen, dann ist mit einiger Sicherheit damit zu rechnen, dass Eltern ihre Optimierungsstrategien anpassen werden, sprich: Sie werden versuchen, ihren Kindern über Lernstudios, Lern-Foren oder über Privatschulen zu Vorteilen zu verhelfen, damit sie auch allenfalls härtere Matura-Prüfungen bestehen. Und wenns sein muss, werden sie Bewertungen der Lehrkräfte ablehnen oder auch Anwälte einschalten. Und schliesslich, kann man ja auch eine Klasse wiederholen…Von solchen Strategien hat mir kürzlich ein Rektor eines Gymnasiums berichtet.

    Dass Begabungsreserven entdeckt und Talente besser gefördert werden sollten, ist unbestritten. Dies über strengere Maturitätsprüfungen oder die Anhebung der Studiengebühren zu tun, sind meines Erachtens jedoch kaum geeignete Wege. Sollen die Chancen auf eine Matura oder auf ein ETH-Studium nicht eine Frage der sozialen Ungerechtigkeit werden – weil sie sich über Geld kaufen lassen – dann müssen die Zugangsbedingungen verändert werden. Sprich: Der Zugang zu den Gymnasien sollte nicht allein auf Noten abgestützt werden. Noten sind in einem hohen Mass unpräzis und allein auf sie aufbauende Aufnahmeverfahren kaum mehr zeitgemäss. Dies hat zur Folge, dass ein nicht kleiner Anteil derjenigen, die den Sprung ins Gymnasium schaffen, lediglich besonders fleissig oder durch das Elternhaus gefördert sind und deshalb nur am Rande über die ‚überdurchschnittlichen’ Fähigkeiten verfügen, die dem Gymnasium traditionell zugeschrieben werden

    Meines Erachtens wäre es problematisch, wenn sich die ETH einem linearen Denken verschreiben würde, denn bildungssoziologisch gesehen ist es leider überholt. Eltern und die paraschulische Lernindustrie sind längst zu den wesentlichen Parametern für das Matura-Doping geworden. Das Hauptproblem besteht somit nicht darin, dass die Maturanden zu wenig leisten, sondern dass wir keine modernen, dem meritokratischen Prinzip angemessenen Zugangswege und Beurteilungssysteme entwickelt haben. Meritokratie meint, dass jenseits von Stand und kultureller Herkunft Potenzial und Leistung des Individuums im Mittelpunkt stehen.

  • Im Kanton Zürich hat ein Sechstklässler im letzten Frühling die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium nicht bestanden, weil sein Aufsatz nur mit einer 2 benotet worden war. Die Eltern rekurrierten, zuerst bei der Bildungsdirektion, dann beim Verwaltungsgericht. Dieses hat nun entschieden, dass der Aufsatz neu beurteilt werden muss*.

    Dies ist noch keine bemerkenswerte Geschichte. Bemerkenswert ist jedoch, dass Rekurse in allen Kantonen zunehmen und auch vor der Universität nicht Halt machen. Erstaunlicherweise sind es auch hier noch die Eltern und nicht die Studierenden selbst, welche die Rekurse in die Wege leiten und sie verantworten.

    Warum engagieren sich Eltern derart für ihre Kinder, auch wenn sie schon erwachsen sind? Warum ist nur das Gymnasium gut genug, und weshalb wird eine nicht bestandene Prüfung zur Katastrophe? Unser Bildungssystem ist ja enorm durchlässig, so dass auch «Spätzündern» viele Optionen von der Berufslehre bis an die Universität offen sind und Eltern folgedessen  entspannter sein könnten.

    Viel zu einseitig ist die oft gehörte Erklärung, Väter und Mütter seien zu ehrgeizig, sie wollten aus ihrem Nachwuchs perfekte Kinder machen und sich dann mit ihrem Erfolg brüsten. Zutreffender ist, dass gesellschaftlich bedingte Hintergründe Eltern in ihren Bildungsambitionen stark beeinflussen. Neoliberalistische Strömungen haben in den letzten beiden Jahrzehnten nicht nur die Wettbewerbsorientierung stark gefördert, sondern auch die individuelle Eigenverantwortung für Berufserfolg und Familienglück. Für Väter und Mütter heisst dies, dass sie nicht nur für ihr persönliches Wohlergehen selbst verantwortlich sind, sondern auch für das ihrer Kinder. Ist der Nachwuchs erfolgreich, ist das ihr Verdienst, gerät er nicht nach Wunsch, sind sie ebenfalls Schuld, weil sie «aus ihren Kindern zu wenig gemacht haben». Und gemeint sind meistens die Mütter.

    Frauen fühlen sich heute mehr denn je für die Erziehung und Förderung ihrer Kinder zuständig (und oft auch allein verantwortlich), auch dann, wenn sie zu einem grossen Teil berufstätig sind. Sie tun deshalb sehr viel, um ihre Kinder von den gesellschaftlichen Unsicherheiten zu schützen und ihnen eine optimale Schullaufbahn zu ermöglichen. Solche Anstrengungen nennt die Forschung «Statusabsicherung». Dazu gehören viele Aktivitäten, von denen drei besonders verbreitet sind: die schulische, die talentbezogene und die emotionale Statusabsicherung.

    • (Vor-)Schulische Statusabsicherung**: Sie beginnt schon sehr früh, mit der Wahl der Kita, der Spielgruppe oder des Förderkurses. Vor allem die Mütter machen sich viele Gedanken zur Entwicklung des Kindes oder zur besten Förderung. Aber sie forschen auch bei Freunden, Nachbarn und Verwandten nach, was diese genau tun und wie. Im Schulalter gehören dann auch Analysen dazu, ob das Kind die richtige Lehrperson hat, den richtigen (aber nicht zu anspruchsvollen) Schulstoff vermittelt bekommt, ob die Hausaufgaben verständlich sind, die Schulkameraden angemessen sind und das Kind in der Schule richtig behandelt wird.
    • Talentförderung als Statusabsicherung: Weil es immer mehr Bücher zu Themen wie «Jedes Kind ist hochbegabt» gibt oder zu «Erkennen Sie, was in Ihrem Kind steckt», wird es für Eltern fast zwingend, auch beim eigenen Kind Talente zu suchen und zu fördern. Dies tun sie mittels ausser- und innerfamiliären Aktivitäten, Förderkursen oder auch Feriencamps etc. Wie Eltern dies tun, ist aber sehr unterschiedlich. An einem extremen Pol sind die «Tigermütter»***, welche aus ihren Kindern Wunderkinder machen möchten. Vor allem in der musischen oder sportlichen Talentförderung sieht man auch viele «Goldmedaillen-Eltern»****, welche vom Nachwuchs erwarten, dass er unter Druck Höchstleistungen erbringt. Auf der anderen Seite gibt es Väter und Mütter, welche der wettbewerbsorientierten Form von Talentförderung widerstehen. Dies ist aber nicht einfach, weil sie oft mit Vorwürfen eingedeckt werden, sie würden den «Kindern etwas vorenthalten» und ihr Talent vergeuden.
    • Emotionale Statusabsicherung: Ebenso grosse Anstrengungen unternehmen viele Eltern, damit ihr Kind glücklich und sein Wohlbefinden sichergestellt ist. Vor allem Mütter sind bemüht, seine Bedürfnisse über die eigenen zu stellen, immer zu wissen, wie es ihm geht und es auf keinen Fall leiden zu sehen. Deshalb klammern sie möglichst alle Unannehmlichkeiten aus und halten jegliche Unbill des Alltagslebens von ihm fern. Oft sagen Mütter sogar, ihr erstes und einziges Ziel sei, dass ihr Kind «glücklich sei». Leider ist diese Art von Glück ein schwer fassbares und kaum einzulösendes Ziel.

    Diese drei Formen von Statusabsicherung ist für Kinder ohne Zweifel von einem gewissen Nutzen, weil sie vor dem Misserfolg bewahrt werden, den Weg ins Gymnasium nicht zu schaffen und sie auch ihre Talente entfalten können. Darüber hinaus wachsen sie in einem sehr behüteten und emotional ausgesprochen liebevollen Umfeld auf. Damit können aber auch viele psychische Konsequenzen verbunden sein. Beispielsweise im Sport, wenn Kinder immer siegen sollten, jedoch lediglich normale Leistungen zu erbringen im Stande sind. Oder wenn sie zu Bestnoten in Deutsch und Mathematik gepusht werden, dadurch jedoch ihre an sich breiten Interessen in Literatur, Kunst oder Naturwissenschaft verlieren. Schliesslich kann sich auch die mütterliche und väterliche Angst um die Wettbewerbsfähigkeit des Kindes auf es selbst übertragen und Spannungen, Verweigerung oder körperliche Beschwerden zur Folge haben. Wenn zudem vor allem Mütter für ihr Kind alles richten, dann gewöhnt es sich an solche Dienstleistungen und entwickelt den Anspruch, nicht es selbst, sondern die Umgebung sei für sein Glück verantwortlich. Dies wiederum kann zu einem Verhalten gelernter Hilflosigkeit führen.

    Intensive, perfekte Eltern- resp. Mutterschaft hat negative Auswirkungen, nicht nur auf die Frauen selbst, sondern ebenso auf die Kinder. Selbstverständlich ist es keine Frage, dass die Beziehung zwischen Mutter, Vater und Kind enorm wichtig und auch entscheidend ist für ein gesundes Aufwachsen. Doch elterliche Überinvestitionen führen zur Paradoxie, dass das Kind abhängig wird und zu kurz kommt. Es kann nicht selbstständig werden, Herausforderungen nicht alleine meistern und auch keine Frustrationstoleranz lernen.

    Es genügt nicht, Eltern lediglich aufzufordern, weniger in ihren Nachwuchs zu investieren. Notwendig sind andere Denkmuster. Wir brauchen vor allem eine Gesellschaft, welche Eltern weniger schuldig spricht, eine Politik, welche sie in ihrer Arbeit unterstützt – und wir brauchen Männer und Frauen, die sich von der Verpflichtung zu intensiver Elternschaft emanzipieren und versuchen, lediglich hinreichend gute Eltern zu sein. Die Kinder werden es ihnen danken – auch wenn es vielleicht nicht direkt ins Gymnasium reicht. Janusz Korczak hat einmal formuliert «Jedes Kind hat das Recht, das zu sein, was es ist.»

    Literaturhinweise

    *http://www.nzz.ch/zuerich/aktuell/zuercher-verwaltungsgericht-per-rekurs-ans-gymnasium-ld.108732

    **Bude, H. (2011). Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet. München: Hanser.

    ***Chua, A. (2011). Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte.München: Hanser.

    **** Stamm, M. (2016). Lasst die Kinder los! Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. München: Piper.

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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