Frühförderung

  • Das Spiel ist der entscheidende Motor für die kindliche Entwicklung und deshalb die wichtigste Frühfördermassnahme. Beim Spielen lernen Kinder für das Leben. Je spielhaltiger das Lernen ist, desto nachhaltiger ist es für die Intelligenzentwicklung und das psychische Wohlbefinden. Körperliche Aktivitäten haben auch einen wichtigen Einfluss auf die physische Gesundheit. Kinder, die viel im Freien spielen, erkranken seltener an Asthma, Niesanfällen, Heuschnupfen oder Ekzemen. Dies ist das Hauptergebnis der internationalen Untersuchung Parsifal*.

    Das Spielen steht auch bei den Kindern selbst hoch im Kurs. Befragt man sie nach ihren liebsten Beschäftigungen, dann steht das Spiel im Freien gleich hinter «Freunde treffen» auf dem zweiten Platz – noch vor TV, Computer, Internet etc.** Deshalb ist es erstaunlich, dass auf Spielplätzen oft nur wenig Kinder anzutreffen sind. Gerade auch, weil vieleGemeinden Einiges investiert und sich bemüht haben, Spielplätze präventiv sicher zu machen: Sie wurden eingezäunt, die Schaukeln an genau bestimmten Orten befestigt und Rutschen verkleinert, feste Torpfosten entfernt, Kanten und Ecken abgerundet. Doch genau dies dürfte ein Grund sein, weshalb Kinder so selten dort sind. Am liebsten haben sie Orte zum Spielen, die Erwachsene gar nicht als Spielplätze deklarieren, beispielsweise Naturlandschaften, Hinterhöfe und nicht gesicherte Klettergerüste, Schaukeln und Sandkästen.

    Nun wäre es falsch, Bauplaner für diese Problematik allein verantwortlich zu machen. Es gibt zwei grundsätzliche gesellschaftliche Probleme: die Angst- und Sicherheitskultur unserer Gesellschaft sowie der Hype um Förderkurse. Beide haben Auswirkungen auf das freie Spiel der Kinder.

    Die Angst- und Sicherheitskultur: Unsere Gesellschaft hat eine beispielslose Angstkultur entwickelt, die sich auch in der Kinder-Sicherheitsbranche bemerkbar macht. Experten lassen keine Gelegenheit aus zu verkünden, Kinder seien permanent gefährdet, vom plötzlichen Kindstod bis zu Pädophilen, vom Sonnenbaden bis zum Strassenverkehr. Und sie appellieren an die Eltern,«eigenverantwortlich» und zum«Wohle des Kindes» zu handeln.Die verfügbaren Daten sprechen aber eine andere Sprache: Das Leben von Kindern ist noch nie so sicher gewesen wie heute, und auch Spielplätze sind nicht gefährlicher als vor zwanzig Jahren. Verändert hat sich lediglich unsere Wahrnehmung und unsere Angstkultur, denn körperliche Verletzungen gelten nicht mehr als normale Begleiterscheinungen des Kinderalltags.

    Verständlicherweise führt diese Panikmache viele Väter und Mütter dazu, ihre Kinder keine Sekunde aus dem Auge zu lassen und deshalb das Spiel im Freien zu unterbinden.Und dies, obwohl die meisten Eltern die Frage nach demidealen Spielort mit «die Natur» beantworten**. Solche Elternreaktionen haben jedoch zur Folge, dass Kinder nicht mehr lernen, sich richtig zu bewegen. Anstatt beim Spiel im Freien Balance, Koordination und Kraft zu trainieren und zu lernen, wie man richtig fällt, werden sie ruhig gestellt. Es erstaunt deshalb kaum, dass immer mehr ZahnärzteKinder mitFrontzahnfrakturen aufgrund unabgefangener Stürze behandeln müssen. Würden Kinder mehr in der freien Natur spielen, würde auch das Unfallrisiko abnehmen.

    Der Hype um die Förderkurse: In den letzten zehn Jahren hat der Fokus auf frühe Förderkurse dazu geführt, dass viele Eltern, glauben, das Spiel sei eine Zeitverschwendung und deshalb durch «sinnvollere Beschäftigungen» zu ersetzen. Darunter verstehen sie meist Kurse vom Baby-Yoga bis zum Klettern, vom Tennis bis zur Geigenstunde. Obwohl solche Aktivitäten für Kinder oft Spass bedeuten, führen sie zu übervollen Terminkalendern und zum Effekt, dass sie sich nicht mehr selbst beschäftigen können. Deshalb gibt es immer mehr spielunfähige Kinder. Paradox ist, dass sie oft gerade aus wohlhabenden und bildungsbeflissenen, aber überbehütenden Familien stammen.

    Was soll man tun? Genau die falsche Strategie wäre es, noch sicherere und teurere Spielplätze zu schaffen, die jedes Risiko vermeiden. Die richtige Strategie wäre es, den öffentlichen Raum kinderfreundlicher zu gestalten:Mehr Orte für freies Spiel, zwischen denen keine Autofahrt liegt, sondern nur Kinderfüsse.Es braucht verdichtete Bauformen mit Freiräumen für Kinder, wo sie sich ohne Dauerüberwachung aufhalten können. Besonders wichtig ist, dass solche Spielräumeauch ein gewisses Mass an Risiko bieten. Vor Gefahren muss man Kinder schützen, Risiken müssen sie eingehen dürfen, um daraus lernen zu können.Kinder brauchen keine grossen Schutzgebiete, aber überall ein bisschen mehr Freiheit zum Spielen.

     

    *Waser, M., Michels, K. B., Bielei, H. et al.(2007).Inverse association of farm milk consumption with asthma and allergy in rural and suburban populations across Europe. Clinical & Experimental Allergy, 37, 5, 661-670.

    ** Raum für Kinderspiel. Studie des Deutschen Kinderhilfswerkes (2014). http://bit.ly/1Mm4bkb

  • Viele Vorschulkinder können heute mehr als noch vor zwanzig Jahren. Beispielsweise schon Sätzchen lesen, bis auf 100 zählen, Geige spielen oder sich auf Englisch unterhalten. Dies nicht etwa deshalb, weil sie generell gescheiter geworden sind, sondern, weil sie früher und intensiver gefördert werden. Frühförderung ist in. Die Vielfalt an Angeboten ist riesig, die Nachfrage auch.

    Allerdings sind nicht wenige dieser Kinder emotional retardiert. Sie können kaum warten, bis sie etwas bekommen. Ist dies nicht der Fall, reagieren sie mit Wutausbrüchen. Tisch decken oder Hamster füttern? Darauf haben sie keine Lust. Mit Kritik der Kindergärtnerin kommen sie schlecht zurecht, und Misserfolge können sie kaum ertragen. Solches Verhalten gehört zwar im Kleinkindalter noch zum normalen Entwicklungsprozess. Doch sollte ein vier- bis fünfjähriges Kind ein gewisses Mass anBewältigungsverhaltenerworben haben und seine Gefühle teilweise kontrollieren können.

    Emotionale Kompetenz gilt als ein wichtiger Schutzfaktor für die kindliche Entwicklung. Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass zwischen mangelndern emotionalern Fähigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten ein eindeutiger Zusammenhang besteht. Vor diesem Hintergrund sind auch die Medienberichte zu lesen – beispielsweise in der NZZ am Sonntag, 21. Februar 2016 von René Donzé – über die Zunahme der Verhaltensauffälligkeiten bei den Kindergärtlern.

    Weshalb ist dem so? Dahinter stecken viele Ursachen, doch dürften zwei besonders wichtig sein:

    • Intellektuelle Schulvorbereitung: Die Art und Weise, wie heute frühe Förderung in der Familie, aber teilweise auch in vorschulischen Institutionen, betrieben wird, hat Auswirkungen auf die emotionale Verkümmerung von Kindern. Oft liegt der Fokus auf der Schulvorbereitung im Sinne frühen Lesen- und Rechnenlernens, währendem die emotionale und soziale Entwicklung stark vernachlässigt wird.
    • Verwöhnung und Überbehütung: Ein verwöhnender und überbehütender Erziehungsstil ist heute weit verbreitet. Kinder, die so erzogen werden, haben keine guten Entwicklungsbedingungen. Werden ihnen zudem alle Hindernisse aus dem Weg geräumt und jeder Wunsch erfüllt, fällt es ihnen logischerweise schwer, im Kindergarten Regeln anzuerkennen, warten zu können, bis sie an die Reihe kommen, aber auch Leistungsbereitschaft und Autonomie sowie ein gesundes Mass an Selbstkontrolle und Selbstvertrauen zu entwickeln.

    Dieser Trend ist fatal. Denn die Forschung belegt mit grosser Eindeutigkeit, dass Schul-, Berufs- und Lebenserfolg nicht primär von einem hohen Intelligenzquotienten und vielen Frühförderkursen abhängt, sondern ebenso vom Ausmass der emotionalen Kompetenz. Der Umgang mit den eigenen Gefühlen, die Fähigkeit sich selbst beherrschen zu lernen, mit Konflikten umzugehen – also all das, was wir als «Frustrationstoleranz» bezeichnen – sind ganz wesentliche Einflussfaktoren, die sich auf den schulischen Erfolg eines Kindes auswirken und seinen Lebensweg vielfältig beeinflussen. Deshalb schneiden Kinder, die früh schon lernen, Bedürfnisse aufzuschieben, Gefühle zu kontrollieren, Enttäuschungen zu ertragen und Hindernisse zu überwinden, in der Schule besser ab und sind auch später lebenserfolgreicher.

    Die frühe Förderung emotionaler Kompetenzen ist somit genauso wichtig wie die Förderung schulnaher Fähigkeiten. Leider ist diese empirisch vielfach belegte Tatsache bislang stark vernachlässigt worden. Zwar wird die emotionale Entwicklung in vielen Erziehungsratgebern, Bildungs- und Lehrplänen erwähnt. Doch bleiben die Aussagen oft zu allgemein, zu plakativ und stellen zu einseitig das Kind und seine Bedürfnisse ins Zentrum. Die Entwicklung emotionaler und sozialer Kompetenzen fordert dem Kind aber immer auch etwas von den Eltern und seinen Bezugspersonen ab, nämlich zu lernen, die eigenen Bedürfnisse zu kontrollieren.

    Es ist an der Zeit, dass wir uns von der Kultur verabschieden, Frühförderung und Schulleistungen isoliert und ohne Bezug zu Verhaltensauffälligkeiten zu diskutieren. Die Förderung emotionaler Kompetenzen, welche auch die Basis für die soziale Entwicklung darstellt, ist nicht nur eine Grundbedingung für den Wissenserwerb, sondern ebenso für das gesunde Aufwachsen des Nachwuchses. Eltern und pädagogische Fachkräfte, welche die emotionale Entwicklung aktiv lenken, machen dem Kind ein grosses Geschenk. Sie schützen es vor Verhaltensauffälligkeiten und machen es fit für die Schule und das Leben.

  • In der Schweiz war es lange Zeit verpönt, von Elite zu sprechen. Ich erinnere mich gut, als ich in den 1990er Jahren meine Dissertation zum Thema Hochbegabung schrieb und meine Anfrage von den Kantonen – was sie denn für hochbegabte Schüler tun würden – regelmässig mit der Rückmeldung beantwortet wurde: «Wir danken Ihnen für Ihre Anfrage, aber leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir in unserem Kanton keine Hochbegabten haben.» Es erstaunt somit kaum, dass es weder im Schul- noch im Hochschulbereich lange Zeit kaum Institutionen gab, welche die Elite respektive die Exzellenz förderten. Die Schweizer Studienstiftung für begabte junge Menschen wurde beispielsweise erst 1991 gegründet.

    Heute hat sich dies diametral geändert. Begriffe wie Talent, Hochbegabung und Elite – insbesondere aber Exzellenz – haben eine fast magische Bedeutung erlangt. Aber es ist nicht nur ihr medienwirksamer Gebrauch («Exzellenzkrippen»; «Exzellenzuniversitäten»; «Exzellenzinitiativen in der Forschung», die «Förderung des exzellenten wissenschaftlichen Nachwuchses» etc.), der so bedeutsam geworden ist. Vor allem ist es ein grundlegender Perspektivenwechsel, welcher sich im Bildungswesen abzuzeichnen beginnt.

    Eine Vorreiterfunktion haben dabei die vielen privaten Institutionen, welche vor Jahren begonnen haben, sich auf dieses Exzellenz-Segment zu konzentrieren. In den öffentlichen Schulen allerdings findet sich der Exzellenzgedanke noch kaum. Zwar gibt es Gymnasien mit einem speziellen Hochbegabten- resp. Talentförderungsprofil oder auch zweisprachige Gymnasien. Auch in der Berufsbildung gibt es solche Leuchttürme. Aber diese Institutionen sind eigentlich erst prominent geworden im Rahmen der zahlreichen internationalen Schulen und der Expats, welche ihnen nachfragen. In der Berufsbildung ist es in erster Linie die Gefahr des Akademisierungstrends.

    Am deutlichsten zeigen sich solche Tendenzen im Vorschulbereich, genauer: bei den Kitas. Sie bereiten mir auch am meisten Sorgen. Zwar ist es verständlich, dass sich heute viele Kitas aufgrund des zunehmenden Wettbewerbsdrucks von üblichen Angeboten unterscheiden wollen und deshalb beginnen, sich auf Eltern aus dem oberen Segment als «Exzellenzkrippen» zu präsentieren. Neben den deutlich höheren Kosten unterscheiden sie sich dabei von durchschnittlichen Kitas vor allem in drei Merkmalen:

    • In der Art und Weise, wie Eltern angesprochen werden: Eltern werden als hart arbeitende und hochgebildete Klientel verstanden, welche sich mit dem Einkauf der Kita-Leistungen ein Stück Lebensqualität angeln kann.
    • In der Vermarktung als«Luxushotels»: Eltern können in die Angebote «einchecken» und sich ihre Wünsche erfüllen lassen. Exzellenz-Kitas preisen sich als «Rundumsorgungspakete» an.
    • Im Verständnis von Eltern als hochkarätige Finanzstarke:Eltern bezahlen und haben deshalb auch das Anrecht, eine hohe Anspruchshaltung zu haben. Kitas sind immer für sie da.

    Exzellenz-Kitas mit dieser Ausrichtung sind ein Renner. Dagegen ist eigentlich gar nichts einzuwenden! Denn es ist verständlich, dass Eltern, welche in der Lage sind, für solche Kitas den vorgesehenen Betrag zu bezahlen, auch entsprechende Ansprüche haben (und haben dürfen). Deshalb ist es letztlich nicht ihr Problem, dass aus dieser Situation eine neue Problematik entstanden ist. Die Problematik besteht darin, dass diese hochpreisigen Einrichtungen die grossen sozialen Bemühungen unseres Landes unterlaufen, vor dem Schuleintritt allen Kindern die gleichen Chancen zu ermöglichen und dadurch die bestehende soziale Ungleichheit zumindest in Ansätzen abzuschwächen.

    Folgedessen liegt die Verantwortung eher bei der Bildungs- und Sozialpolitik als bei den Eltern. Sie muss sich entscheiden, ob sie eher Sozialinvestitionen tätigen und fördern will, welche der Chancengleichheit verpflichtet sind oder Inseln der Exzellenz. Wahrscheinlich möchte sie sich vor allem auf die erste Perspektive konzentrieren. Denn frühkindliche Bildungsförderung hat in den letzten Jahren vor allem dann Anhänger gefunden, wenn es um die Förderung der Chancengleichheit geht. Deshalb – so die Konsequenz – sollen alle Kinder, auch und vor allem solche aus einfachen und benachteiligten Familien, die gleichen Zugangschancen zu Vorschulangeboten erhalten wie privilegiertere Kinder. Leider trifft dies bis anhin in keiner Art und Weise zu. Privilegierte Kinder profitieren ein Mehrfaches von vorschulischen Angeboten als diejenigen Kinder, welche dies am nötigsten hätten. Das ist keine neue Erkenntnis, sondern eine vielfache und auch international bestätigte empirische Tatsache.

    Teure Exzellenzkrippen generieren Barrieren mit nicht gewollten Auswirkungen. Denn von ihnen profitieren vor allem Kinder aus oberen und mittleren Schichten. Offenbar hat es die Schweiz mit ihrer Investitionspolitik in die frühkindliche Bildungsförderung – die ja auch vom Bund in verdankenswerter Weise massgebend mitgetragen wird – bisher noch nicht in ausreichendem Ausmass geschafft, dem frühen Ausgleich von Bildungschancen markant näher zu kommen. Deshalb droht, dass sich unbemerkt und ungewollt ein Paradox entwickelt: Je stärker sich die vorschulischen Bemühungen an ökonomischen Maximen orientieren, desto mehr verkehren unsere Sozialinvestitionen ins Gegenteil. Auf diese Weise wird frühkindliche Bildungsförderung die Bildungsungleichheiten verstärken anstatt die Chancengleichheit fördern.

  • Alle Welt spricht heute von den Eltern, die ihre Kinder zu sehr in den Mittelpunkt stellen, und sie wie kleine Könige behandeln. Kaum jemand hat bisher jedoch gefragt, woher dieser Trend eigentlich kommt. Meine Vermutung ist, dass es vor allem der Wettbewerbs- und Leistungsgedanke ist, der in den letzten Jahren zunehmend um sich greift und (werdende) Eltern auf diese Weise sozialisiert. Ich möchte dies an drei Beispielen diskutieren: anhand der Untersuchungen in der Schwangerschaft, der Stillpropaganda nach der Geburt und der frühen Förderung in den ersten Lebensjahren. Dabei konzentriere ich mich auf die Mütter, weil zu ihnen am meisten Untersuchungen vorliegen.

    Ist eine Schwangerschaft festgestellt, dann geht es los. Werdende Mütter bekommen das Aufgebot zum Ultraschall, zu Glukosetoleranz- und Nackentransparenztests und so weiter. Im Durchschnitt werden heute 14 Kontrolluntersuchungen empfohlen. In der Schweiz findet sich eines der weltweit dichtesten Netze solcher Vorsorgemassnahmen für Schwangere. Sie dienen der Dokumentation des Schwangerschaftsverlaufs zur Überwachung der Entwicklung des Fötus bzw. Kindes und der Abschätzung möglicher Risiken. Selbstverständlich hat die Vorsorge ihre Berechtigung. Doch geht es immer auch explizit darum, die Abweichung vom Normalen zu finden. Diese Situation führt dazu, dass Frauen kaum mehr getrauen, sich unbelastet über ihre Schwangerschaft zu freuen. Sie sind verunsichert und voller Misstrauen gegenüber dem eigenen Körper, aber voller Vertrauen in Technik, Medizin und Tests. Und nicht nur das. In der Schwangerschaft werden vor allem auch grundlegende Mechanismen des Wettbewerbs gelegt und eingeübt, die für Mütter später selbstverständlich werden. Es geht um Messen, Quantifizieren und Vergleichen – immer in Bezug auf die gesamte pränatale Welt. Der eigene Fötus resp. das eigene Kind ist nur in Ordnung, wenn es nicht von der Norm abweicht.

    Ist das Kind dann einmal geboren, dann kommt der nächste kompetitive Schritt, nämlich die optimale Förderung. Tino Heimerdinger* zeigt dies anhand der Ernährung auf, respektive der Frage: Brust oder Flasche? Es gibt heute eine enorme Stillpropaganda, welche zwar meist lediglich «Stillförderung» genannt wird, jedoch einen eindeutigen moralisierenden und normativen Aufforderungscharakter hat. Dabei spielen Ratgeber und Medien eine ganz wichtige Rolle. Zu lesen ist von «Mamas Wundercocktail**», der «mehr als Nahrung» sei. Zudem seien «gestillte Kinder im Durchschnitt intelligenter, gehen länger zur Schule und verdienen mehr.»*** Müttern wird damit nicht nur eingehämmert, dass sie unbedingt stillen sollen, sondern ebenso, dass sie das Maximale für ihr Kind tun müssen und sie alles andere zur Versagerin macht. Auch das Stillen wird somit zum Ausdruck des Wettbewerbs, zum Sieg oder zur Niederlage.

    Ganz besonders deutlich findet sich der Wettbewerb in der frühen Förderung. Dabei geht es immer um das Vergleichen des eigenen Kindes mit den anderen im Hinblick auf Überdurchschnittlichkeit. «Meines kann das schon» ist eine Aussage, die man in den Gesprächen zwischen Müttern immer wieder hören kann. Zuerst geht es vielleicht um die ersten Schritte oder die ersten Sätze, dann bald schon um den Erfolg im Frühenglischkurs. Wenn der Kleine bereits nach drei Wochen «train» ruft anstatt Zug oder «bird» anstatt Vogel, dann sind Mütter nicht nur entzückt, sondern vor allem überzeugt, dass sie auf dem richtigen Weg sind – denn sie haben gegenüber anderen Müttern die Nase vorn. Besonders gross ist der Stolz, aber auch der Neid anderer Mütter, wenn das Kind etwas schon ungewöhnlich früh kann.

    Die gesellschaftlichen Entwicklungen, von der Medizin über die Ratgeber bis zu den Medien und den Eltern selbst, haben dazu geführt, dass Eltern, vor allem die Mütter, heute für alles und jedes verantwortlich gemacht werden, sowohl in negativer als auch in positiver Hinsicht. Negativ besehen entwickeln Mütter Schuldgefühle und Ängste, wenn sich ihr Kind trotz allen erdenklichen Anstrengungen nicht der Norm entsprechend entwickelt oder keine überdurchschnittlichen Fähigkeiten zeigt. Glücklich können sich hingegen die Eltern schätzen, welche ein leistungsfähiges und frühreifes Kind haben, das alles besser und schneller als die andern kann. Denn dies gilt als ihr Verdienst und als Ausdruck ihrer Kompetenz.

    Dass Eltern ihren Nachwuchs derart ausgeprägt fördern, umsorgen und kontrollieren, ist somit zwar eine Tatsache, oft aber eine falsch interpretierte. Ihre Anstrengungen sind nicht das Ergebnis ihrer Unfähigkeit, Kinder «richtig» zu erziehen. Vielmehr ist es unsere wettbewerbsorientierte Kultur, welche Eltern – und vor allem die Mütter – dazu drängt, perfekt zu sein und perfekte Kinder haben zu wollen.

    *Heimerdinger, Timo: Brust oder Flasche? - Säuglingsernährung und die Rolle von Beratungsmedien. In: Simon; Hengartner; Heimerdinger; Lux (Hg.): Bilder. Bücher. Bytes. Zur Medialität des Alltags. Münster , S. 100-110.

    **http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/vorzuege-der-muttermilch-mamas-wundercocktail-1.1042732 (17.06.2012)

    ***http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/stillen-und-intelligenz-muttermilch-macht-besserverdiener-1.2398877 (15. März 2015)

  • Nannys – auch Kinderfrauen oder Kindermädchen genannt – sind populärer denn je. Einer der Hauptgründe dürfte darin liegen, dass Kita-Plätze für gut verdienende Paare so teuer sind. 3‘500 bis 4500 CHF kostet eine Nanny etwa im Monat, weshalb es sich ab zwei, mit Sicherheit jedoch ab drei Kindern lohnen kann, eine solche zu engagieren. Gerade deshalb dürfte das «Nanny-Sharing» – d.h. wenn mindestens drei Familien gemeinsam eine Nanny engagieren, welche bis zu maximal vier Kinder in einem Haushalt betreuen darf – so gefragt sein. Eine Nanny ist zudem für Eltern mit anspruchsvollen Berufen und langen Arbeitszeiten flexibler als eine Kita und auch in der Lage, kranke Kinder zu betreuen. Oft hat sie eine relativ grosse Lebenserfahrung und eine pädagogische Ausbildung. Wie viele Nannys es in der Schweiz gibt, ist nicht bekannt, weil sie nicht systematisch erfasst werden. Mit Sicherheit dürften es ein paar Tausend sein.

    Dass Nannys derart boomen, hat viel mit unserer gesellschaftlichen Ideologie der «perfekten Mutter*» zu tun. Noch nie zuvor sind Stillen, eine starke Mutter-Kind-Bindung und eine gute frühe Förderung als derart bedeutsam für das kindliche Aufwachsen und den späteren Schulerfolg erklärt worden wie heute. Väter bleiben nach wie vor lediglich mitgemeint. Kombiniert man solche Forderungen nach einem «intensive mothering**» mit der empirischen Tatsache, dass in der Schweiz mehr als 60% der Mütter kleiner Kinder ausser Haus und teilweise in anspruchsvollen Berufen arbeiten, so werden die Spannungen, denen Mütter- und folgedessen auch ihre Partner – ausgesetzt sind, mehr als nur deutlich.

    Ein Grund, um solche Spannungen und Konflikte zumindest etwas abbauen zu können, ist die Idee, eine Nanny anzustellen. Früh ins Berufsleben zurückkehrende Mütter können so vermeiden, ihr Kind in einer Krippe fremdbetreuen zu lassen, sich gleichzeitig jedoch versichern, dass ihre Kinder nicht unter ihrer Abwesenheit leiden und dabei auch nicht als Rabenmütter bezeichnet zu werden. Mit diesem Entscheid werden allerdings nicht alle Konflikte abgebaut, sondern es entstehen auch neue – und bisher kaum diskutierte.

    Denn zu Recht werden Nannys nämlich auch als «Schattenmütter***» bezeichnet. Mit Sicherheit haben sie eine schwierige Rolle in der Familie. Nicht wirklicher Teil der Familie zu sein, aber eben doch mehr als eine Angestellte, idealisiert und manchmal auch dämonisiert. Fragt man im Freundeskreis herum, so wird schnell einmal deutlich, dass jede Diskussion um Nannys starke Emotionen hervorruft – bei denen, welche sie angestellt haben, bei Nannys selbst, aber auch bei den Kindern. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist Winston Churchill, der als Kind seine Mutter nur selten sah und seine Nanny als Mutterersatz idealisierte. Als sie gestorben war, zahlte er Zeit seines Lebens für frische Grabblumen und behielt bis zu seinem Tod ein Foto von ihr auf seinem Nachttisch.

    Genau in dieser Emotionalität liegt eines der Hauptprobleme zwischen Schattenmüttern und Müttern. Die Rolle, welche berufstätige Mütter von Nannys erwarten, ist eigentlich eine paradoxe: Einerseits sollen sie eine emotionale Beziehung zum Kind aufbauen, andererseits jedoch auf keinen Fall den Platz der Mutter einnehmen. Also müssen sie gleichzeitig emotional präsent, aber auch emotional abwesend sein. Man könnte dies als egoistisches Verhalten der Mütter abtun. Das wäre jedoch deutlich zu kurz gegriffen, hängt es doch vielmehr mit dem Mutter-Ideal unserer Gesellschaft zusammen, das auch berufstätige Mütter stark prägt. Es besagt, dass Frauen auch trotz höchstem Erfolg im Beruf ihren Mutterpflichten voll und ganz nachkommen müssen, wollen sie als gute Mütter gelten. Und, sich zu versichern, dass sie tatsächlich gute Mütter sind, geschieht am einfachsten dadurch, wie sehr sie von den Kindern geliebt werden. Würde der Nachwuchs jedoch der Nanny den Vorzug geben, wäre dies ein klarer Hinweis dafür, dass die Mutter ihre Hauptaufgabe nicht erfüllt.

    Dazu kommt ein anderes Problem, welche die Arbeit von beiden, der Nannys und der Mütter, schwierig macht: der Umstand, dass mit der perfekten Mutter auch das perfekte Kind verbunden ist. Seit die Frühförderung so sehr mit späterem Schul- und Lebenserfolg verknüpft wird, kann Kinderbetreuung weder in der Kita noch in der Spielgruppe und schon gar nicht die Privatbetreuung zu Hause nur mehr darauf ausgerichtet sein, die Kinder zu pflegen, zu hüten und zu versorgen. Gerade gut gebildete Mütter lesen oft Bücher über Kindererziehung, in denen die Meinung vertreten wird, Kinder, die genug Aufmerksamkeit bekommen und die besonders gut gefördert würden, seien vervollkommnungsfähig, d.h., man könne sie klüger, glücklicher und erfolgreicher machen. Das Beste für das Kind tun zu können, muss deshalb auch eine Kompetenz der Nanny sein. Sie soll in der Lage sein, den von ihr betreuten Nachwuchs den Vorstellungen ihrer Arbeitgeber entsprechend zu fördern und den kindlichen Entwicklungsbedürfnissen gerecht zu werden. Gerade deshalb sind zweisprachige Nannys und solche aus dem englischsprachigen Raum besonders begehrt.

    Entwickelt sich das Kind jedoch nicht entsprechend den Vorstellungen oder bindet es sich zu sehr an die Nanny, dann wird sie schnell einmal durch eine andere ersetzt. Das ist letztlich das Los vieler Schattenmütter. Weil weder das Ideal der guten Mutter noch die optimale Entwicklung des Kindes gefährdet sein darf, werden sie nicht selten zu auswechselbaren Angestellten, und damit zum Teil einer Kindererziehungsstrategie, die kontinuierlich verfeinert und verbessert werden soll.

     

     

    Weiterführende Literatur

    *Badinter, E. (2010).Der Konflikt: Die Frau und die Mutter. München: Beck.

    **Caputo, V. (2007). She's from a good family': performing childhood and motherhood in a Canadian private school setting. Childhood, 14 (2), 173-192.

    ***Macdonald, C. L. (2011).Shadow Mothers .Nannys, Au Pairs, and the Micropolitics of Mothering. Berkeley: University of California Press.

  • Vorbei sind die Zeiten, als Bildung wie bei den alten Römern und Griechen noch »schola« und »schole« hiess und als Zeit verlieren, Innehalten und Musse finden verstanden wurde. Dass sie heute vielfach mit einem Treibhaus gleichgesetzt wird, hat seinen Grund auch in der Forschung, in erster Linie in den Neurowissenschaften, der Psychologie und der Erziehungswissenschaft. Obwohl diese Wissenschaften unterschiedliche Schwerpunkte setzen, bauen sie auf einem gemeinsamen Grundverständnis auf:

    • Sie erachten die Vorschuljahre als eine Zeit enormen körperlichen, emotionalen und geistigen Wachstums, in der Kinder eine ungeheure Kapazität zum Lernen entwickeln können.
    • Sie unterstreichen immer wieder, wie wichtig das hierfür notwendige Fundament ist. Kinder brauchen Liebe, Fürsorge, soziale und emotionale Sicherheit sowie auch Stimulation derjenigen Fähigkeiten und Fertigkeiten, welche sie erfolgreich auf den Schuleintritt vorbereiten.

    Auch ihre Botschaft ist eine fast identische: Wer nicht möglichst früh seinen Nachwuchs fördert, nimmt das Risiko verpasster Chancen in Kauf*. «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!» Dieses Hänschen-Argument wird jedoch oft falsch verstanden. In den Medien und vielen Erziehungsratgebern wird nicht selten so getan, als ob das Kind eine Black Box sei und Frühförderung deshalb bedeute, dass man Hänschen nach Belieben wie einen Diamant schleifen und formen könne. Leider haben es anwendungsorientierte Publikationen weitgehend verpasst, solche Missverständnisse anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse zu relativieren. Die ersten Lebensjahre sind zwar enorm wichtig für eine gelingende Entwicklung, doch zeichnet sich der Mensch durch eine lebenslange Lernfähigkeit aus. Menschen können auch als Jugendliche, als junge Erwachsene oder sogar noch als ältere Menschen vieles lernen – auch wenn späte(re)s Lernen mühevoller und weniger wirkungsvoll als in der frühen Kindheit**. Deshalb sollten wir unsere Aufmerksamkeit zwar auf die frühe Kindheit legen und uns versichern, dass sie tatsächlich für den Aus- und Aufbau von wichtigen Kapazitäten wie Neugier, Selbstvertrauen, Widerstandsfähigkeit oder Frustrationstoleranz genutzt wird. Genauso wäre zur Kenntnis zu nehmen, dass nach dem Vorschulalter keinesfalls alles hoffnungslos verloren ist. «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr», ist deshalb in dieser Formulierung inkorrekt. Vielmehr müsste sie heissen: «Was Hänschen nicht lernt, wird für Hans eine Herausforderung, eine zwar arbeitsintensive, aber eine, die ebenso Erfolg versprechen kann.»

    Eine anregungsreiche und liebevolle familiäre Umwelt ist für eine optimale Entwicklung ausreichend. Hingegen kann eine überehrgeizige Stimulation in Form von frühen Förderkursen schädlich sein, wenn sie das Kind in seiner eigeninitiierten Aktivität lähmen oder seine Bedürfnisse nicht berücksichtigen. Allerdings trifft dies für zwei Gruppen von Kindern nicht zu: für solche mit Entwicklungsstörungen und für Kinder aus stark benachteiligten Familien. Beide Gruppen brauchen eine gezielte und frühe Stimulierung und Förderung. Forschungsergebnisse belegen, dass sie davon enorm profitieren können.

    Die Einsicht, dass frühe Förderung kleine Kinder überfordern kann, wird von der moralischen Panikmache verhindert, welche sich rund um die frühe Förderung entwickelt hat. Nicht nur das ultimative Gebot zur Frühförderung im Sinne der Hänschen-Redewendung beeinflusst Väter und Mütter ausgesprochen stark, sondern auch unsere Kultur der Angst, d.h. die Annahme und Überzeugung, dass mit dem Nachwuchs mit Sicherheit etwas schiefgehen wird, wenn man nicht permanent und möglichst früh alles Mögliche für ihn tut. Schon junge Eltern lernen, ihre Anstrengungen am Diktat der Machbarkeit zu orientieren. Deshalb getrauen sie sich kaum mehr, einfach so und ohne Förderziel mit dem Kind zu spielen, zu schmusen oder einfach ohne Ziel mit ihm in den Wald zu gehen.

    Die Konzentration auf den kleinen Hans, der alles schon früh können muss, hat auch eine andere negative Folge: die Abschaffung des Begriffs des «Bereitseins».*** Gemeint ist die Vorstellung, dass es biologische und entwicklungspsychologische Beschränkungen des Lernens gibt. Das Bereitsein ist von höchster Bedeutung, denn kleine Kinder brauchen auch eine innere Bereitschaft, sich auf Lernmöglichkeiten einlassen zu können, ohne fremdbestimmt zu sein und durch die Woche gehetzt zu werden. Wir sollten den Kindern nicht mehr zumuten als sie ihrem Alter nach verkraften können. Diese Erkenntnis müsste Teil des Mainstreams werden.

     

    Weiterführende Literatur

    * Stamm, M. (2016). Lasst die Kinder los! Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. München: Piper.

    **Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2014). Frühkindliche Sozialisation. Biologische, psychologische, linguistische, soziologische und ökonomische Perspektiven. Halle: Leopoldina. http://www.educ.ethz.ch/pro/litll/sozialisation

    ***Elkind, D. (1988). Das gehetzte Kind. Hamburg: Kabel.

  • Ein Beitrag zum Lucerne Festival, «Kindheit – Biotope der Herkunft» am 26.08.2018

    https://www.lucernefestival.ch/de/programm/alma-deutscher-sol-gabetta-martin-meyer-ua/869

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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