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- Margrit Stamm
erschienen in: Nordwestschweiz, 4.01.2014, S. 2
Kürzlich habe ich ein kleines Mädchen beobachtet, wie es behutsam und hoch konzentriert über ein etwa ein Meter hohes Mäuerchen balancierte. Aufgeschreckt wurde es durch eine sich überschlagende Stimme: «Pass sofort auf!» Das Mädchen erstarrte und sein Blick zeigte, dass es nicht mehr in der Lage war, einen einzigen Schritt weiterzugehen. In seinem Gesicht spiegelte sich die Angst – die Angst seiner Mutter, die es auch sofort von der Mauer herunterholte.
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Unglaublich, aber wahr: Noch vor ein paar Jahren dominierte die Jugendarbeitslosigkeit und die mit ihr verbundenen fehlenden Zukunftsperspektiven unserer Jugendlichen. Heute hat sich die Situation diametral verändert. Der Mangel an Ausbildungsplätzen ist einem Mangel an qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern gewichen: Aus dem Lehrstellenmangel ist ein Lehrlingsmangel geworden. In diesem Zusammenhang wurde bisher wenig diskutiert, dass dadurch auch die betriebliche Nachwuchssicherung und das unternehmerische Wachstum gefährdet sind. Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels dürfte sich diese Situation weiter verschärfen.
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Ist es nicht sonderbar? Zur Zeit verzeichnet die Schweiz einen markanten Lehrlingsmangel. Trotzdem sind laut dem Bundesamt für Statistik 10.6% der jungen Menschen ohne Arbeit resp. ohne Ausbildungsplatz. Daraus lässt sich der Schluss ziehen: Unser System produziert einerseits zu wenig potenzielle Auszubildende, andererseits immer noch zu viele Bildungsverlierer. Und zu ihnen gehören vor allem Realschüler. Warum ist das so?
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Viele, vor allem gut ausgebildete Eltern sind heute überinformiert. Sie wissen alles über Hirnforschung, über Babymassage, über Einschlaf- und Durchschlaf- oder Anti-Schreimethoden, über die richtige Ernährung oder über frühes Fremdsprachenlernen. Sie klammern sich an Lernkurven fest, vergleichen ihr Kind ständig mit dem Nachwuchs der Nachbarn und haben Angst vor eigenen Fehlern. Dabei verkümmert häufig ihre Intuition, d.h. ihre Fähigkeit, zu spüren, was gut für ihr Kind ist und was nicht. Eltern sollten wieder lernen, besser auf ihr Bauchgefühl zu hören, aber auch ihre Vernunft zu nutzen. Intuition und Vernunft bilden die beiden Pole der Erziehungskompetenz.
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Eine Replik auf das Interview in der NZZ vom 4.11.2013 zu "Das Baby gehört zu seinen Eltern" mit Rainer Böhm
Für mehr als zwei Drittel der Kleinkinder in der Schweiz ist Fremdbetreuung ein Teil ihres Lebens. Als wichtige Errungenschaft ermöglicht sie Müttern und Vätern, Kindererziehung und Berufstätigkeit zu vereinbaren. Trotzdem machen sich viele Eltern Sorgen über die Auswirkungen, aber die wenigsten getrauen sich, offen darüber zu sprechen. Was bedeutet es, wenn der Zweijährige jeden Morgen weint, wenn er in die Krippe muss? Ist es schlimm, wenn das Kita-Personal immer wieder wechselt?
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Eine bedeutende Tageszeitung hat kürzlich über einen bemerkenswerten Aufstieg eines Managers berichtet. Ich hätte diesen Bericht glatt übersehen, wäre mir nicht sein Name ins Auge gestochen. Er war nämlich Ende der 1970er Jahre einmal zu mir in die Schule gegangen. Was jedoch vor allem meine Aufmerksamkeit erregte war meine Erinnerung, dass er ein schlechter Schüler gewesen war und sogar einmal eine Klasse repetieren musste.
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Tickt ein junger Mann richtig, wenn er sich entscheidet, «Fachperson Kinderziehung HF» zu werden? Viele bezweifeln dies. Weichei, Softie etc. hat ein Jugendlicher aus unserem Bekanntenkreis einstecken müssen, als er seinen Berufswunsch bekannt gemacht hat. Die Gesellschaft wünscht sich eher Männer, die starke Kerle sind, eben Ingenieure, Lokomotivführer oder Informatiker, aber kaum Erzieher in Kinderkrippen. Auch Mütter und Väter denken noch vielfach so: Töchter seien prädestiniert für emotionale, soziale Bereiche, Söhne sollten eher etwas ‚Richtiges‘ lernen und damit einmal eine Familie ernähren können.
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Kürzlich war ich beruflich in Berlin tätig. Eine Kollegin erzählte mir dabei, dass es immer mehr Restaurants gäbe, welche Kinder aussperren würden. Zwar ist mir diese Tatsache bereits aus anderen Ländern bekannt, wo Restaurants mit dem Schild «No Kids allowed» deutlich machen, welche Klientel sie wollen. Offenbar kommt diese Bewegung nun auch zu uns. Die Wirte, so meine Kollegin, seien meist zufrieden mit ihrer Aktion, vor allem Kinderlose würden vermehrt kommen und «kinderfreie Zonen» seien wirtschaftlich erfolgreich.
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Tatsache ist, dass in der Schweiz viele Lehrstellensuchende aktuell noch keine Zusage für eine Lehrstelle haben, weil ihnen nach Meinung der Betriebe die notwendigen Qualifikationen fehlen. Andererseits ist der Lehrlingsmangel in gewissen Branchen enorm. Der Bundesrat prüft deshalb, ob diese Situation entschärft werden könnte, wenn die Schweiz arbeitslose Griechen, Spanier oder Italiener ausbilden würde. In diesen südeuropäischen Ländern beträgt die Jugendarbeitslosigkeit teilweise um 50%, in der Schweiz hingegen nur 2.9%.
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Wir waren zwei Wochen auf der wunderbaren Nordseeinsel Sylt in den Ferien. Vorher hatten wir in Hamburg und Umgebung Halt gemacht. Dieser Teil Deutschlands ist einmalig: wunderbare Landschaften, angenehmes Klima und unzählige Freizeitmöglichkeiten. Wo schon findet man gleichzeitig Himmel und Meer, Brandungsbaden, mannshohe Wellen, Dünen, Wattwanderungen, Reetdächer, Strandkörbe, aber auch hüllenloses Baden an FKK-Stränden? Die Insel gilt als die Ferieninsel schlechthin. Schon im 19. Jahrhundert schwörte, wer auf Sylt Ferien machte, auf die heilende Kraft des Nordseeklimas. Doch was ist es, das Sylt so beliebt macht? Erstens, dass die Insel ein Paradies für Familien mit Kindern ist, zweitens aber auch ein Paradies für die «Ü65» inklusive für die Schönen und Reichen. Segen oder Fluch?
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Eine der befriedigendsten Aufgaben und eine besondere Ehre für mich ist, junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beim Anfertigen ihrer Dissertation zu betreuen. Als 'Doktormutter' stehe ich als Gesprächspartnerin für alle möglichen Fragen rund um die Arbeit zur Verfügung, und ich biete extra-Sprechstunden für Doktorierende und regelmässige Kolloquien an. In den letzten Jahren hatte ich insgesamt 24 Doktorandinnen und Doktoranden. Von ihnen haben sieben das Doktorat inzwischen abgeschlossen, weitere sieben werden es mit grösster Wahrscheinlichkeit in nächster Zeit tun. Fünf Personen genügten meinen Anforderungen für ein Doktoratsstudium nicht, und vier sind entweder untergetaucht oder haben ihr Projekt abgebrochen, ein Doktorand hat zu einem Doktorvater gewechselt. Wenn alles so wie angenommen verläuft, dürfte ,meine' Erfolgsquote somit ca. 53% betragen. Damit liegt sie etwas tiefer als in den Geistes- und Sozialwissenschaften, wo sie ca. 60% beträgt.
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Es ist absurd: Das Schweizer Berufsbildungssystem gilt international als vorbildlich, und es wird mittlerweile in zahlreichen Ländern weltweit nachgeahmt, nicht zuletzt auch deshalb, weil bei uns die Jugendarbeitslosigkeit nur 3.5% beträgt. Trotzdem gehen ihm die Lehrlinge aus. Das hängt unter anderem sowohl mit dem demografisch bedingten Rückgang der Schulabgängerzahlen als auch mit dem erfreulich hohen Nachwuchskräftebedarf der Wirtschaft zusammen. Vor allem aber ist der Lehrlingsmangel eine Folge des Hypes um die Akademisierung der Ausbildungsberufe. Heute gilt der akademische Weg übers Gymnasium zur Matura und zur Universität als ‚comme il faut', während die Berufsbildung grosse Mühe hat, Eltern – besonders viele ausländischer Herkunft – von den Vorzügen dieses dualen Ausbildungsmodells zu überzeugen. Das zeigt eine Studie von Stefan Wolter, Leiter der Forschungsstelle für Bildungsökonomie an der Universität Bern. Er hat die Berufspläne von Jugendlichen mit gleichen Schulleistungen und gleichen sozialen Milieus verglichen. Dabei zeigte sich, dass im Vergleich zu einheimischen Jugendlichen 40% weniger Jugendliche der ersten Ausländergeneration eine Berufslehre absolvieren, jedoch 30% mehr ein Gymnasium oder eine Fachmittelschule besuchen wollen.
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Kürzlich habe ich in meinem Seminar "Identität und Vorbilder" einen einfachen Leistungsnachweis für die Studierenden formuliert: einen in Bezug auf Grammatik und Rechtschreibung einwandfreien Text von anderthalb Seiten zu einem inhaltlich relevanten Seminarthema zu verfassen. Leistungsnachweise sind notwendig, um die erforderlichen Kreditpunkte (ECTS) gutgeschrieben zu bekommen. 1 ECTS wird mit 30 Arbeitsstunden gleichgesetzt, so dass die 3 ECTS meines Seminars 90 Arbeitsstunden erforderten.
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Verantwortungsvolle Elternschaft wird mit der Pflicht gleichgesetzt, die Kinder dauernd zu überwachen. Dies ist jedoch eine spezifisch deutschsprachige und anglo-amerikanische Idee, denn in vielen anderen Gesellschaften geniessen Kinder weit mehr Freiheiten, sich alleine oder zumindest selbstverantwortlich in der Aussenwelt zu bewegen. Dabei ist unsere Angst um die kindliche Sicherheit auf einem beispiellosen und fast schon schizophrenen Niveau angelangt. Unfälle – ein aufgeschürftes Knie, ein Sturz vom Velo oder vom Dreirad – aber auch vielleicht eine Magenverstimmung, weil etwas nicht ganz Sauberes gegessen worden ist – gelten zunehmend als absolute Gefahren, die unter allen Umständen vermieden werden sollen.
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Die PISA-Studien, die seit dem Jahr 2000 in dreijährigem Turnus durchgeführt werden, haben dazu geführt, dass die Bildungspolitik einen Grossteil ihrer Energie für Schulen und ihre Schulleistungen verwendet. Die Schulen sollen nicht nur besser werden, sie sollen auch sicherstellen, dass alle Schüler bestimmte Niveaus erreichen. Deshalb werden bereits heute in vielen Kantonen Vergleichsprüfungen eingesetzt, im Kanton Aargau beispielsweise der «Check 5», ein freiwilliger Leistungstest für die 5. Klassen. Auch HarmoS sieht Bildungsstandards inklusive deren Überprüfung in den Fachbereichen Schulsprache, Fremdsprachen, Mathematik und Naturwissenschaften am Ende des 4., 8. und 11. Schuljahres* vor.
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Ich habe Jahrgang 1950. Viele meiner Altersgenossinnen und -genossen haben sich schon vor einiger Zeit langsam oder abrupt aus dem Berufsleben zurückgezogen. Das ist aber kaum etwas Besonderes, sondern entspricht einem allgemeinen gesellschaftlichen Phänomen, welches in allen westlichen Staaten beobachtbar ist. Obwohl ältere Menschen körperlich und geistig fitter sind als alle Generationen zuvor, steigen sie immer früher aus dem Arbeitsleben aus. Meine These ist dabei die, dass es neben den ökonomischen Ausstiegsanreizen keine Kultur der Arbeit für Ältere gibt. Das, was vielen von ihnen – und auch solchen, die durchaus noch arbeitswillig sind – angeboten wird, ist zu wenig auf die Potenziale des Alter(n)s zugeschnitten. Ich behaupte, dass es gerade die oft erfahrene «Seniorisierung» und zunehmende Geringschätzung ist, welche viele Menschen dazu bewegt, den Zeitpunkt ihres Abganges schon früh festzulegen und ab dann auch einen «Schongang» einzulegen.
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Eine Situation kürzlich im Zug: Ein Kind, augenfällig mit einer Trisomie 21, sitzt mit seiner Mutter in einem SBB-Erstklassabteil und unterhält sich mit ihr lautstark und auffällig. Neben mir eine Gruppe von Männern im besten Alter, die in ihre Management-Geschäfte vertieft sind, sich jedoch offenbar von diesem Kind gestört fühlen. Denn einer flüstert den anderen zu: «Wenn ich ein Kind wie dieses hätte, dann hätte ich den Arzt früh genug gebeten, es wegzumachen.» Ein Kind ‚wie dieses‘ wurde bis vor kurzem als ‚mongoloid‘ bezeichnet.
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Aktuell ist die Abschaffung der Gymiprüfungen im Kanton Zürich in aller Leute Munde. Das Hauptargument der Befürworter, die im Kantonsrat eine parlamentarische Initiative eingereicht haben, ist das der verzerrten Zugangschancen und der Benachteiligung von Kindern aus weniger gebildeten und armen Familien. Das Hauptargument der Gegner betrifft die Angst vor Hunderten von zusätzlichen Schülern, welche die Gymnasien gar nicht verkraften könnten.
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- Margrit Stamm
Junge Frauen sind im Vormarsch. Dass sie die Bildungsaufsteigerinnen sind, zeigt sich auch daran, dass etwa 55% der Studienanfänger weiblich sind. Das ist im Vergleich zu den 1930er Jahren, als meine Eltern geboren wurden, eine Revolution. Damals hatten 60% der Frauen gar keine Ausbildung. Bildung ist somit zum wesentlichen Faktor von Veränderung geworden, weswegen sich die Frauenleben in den vergangenen Jahrzehnten so rasant verändert haben.
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- Margrit Stamm
Die Wogen gehen hoch, die Meinungen sind mehr als nur gespalten: der Familienartikel, über den am 3. März abgestimmt wird, scheidet die Geister. Verständlich, dass die Bürgerinnen und Bürger so viel Herzblut in dieses Thema stecken, geht es doch schliesslich um das Herzstück unserer Existenz: Partner kommen und gehen, das Kind bleibt. Und Kinder und ihre Familien sind die Zukunft unserer Gesellschaft. Es ist deshalb von zentraler Bedeutung, wie sich die Schweiz in der Familienpolitik positioniert.
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- Margrit Stamm
Innenminister Alain Berset will das Pensionsalter auf 65 Jahre erhöhen. Der Verwaltungsratspräsident des Lebensversicherers Swiss Life, Rolf Dörig, rechnet mit einem künftigen Pensionsalter in der Schweiz ab 70 Jahren. Zudem plädiert er für die Flexibilisierung des Rentenalters. Sind das gute oder schlechte Nachrichten?
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