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- Margrit Stamm
erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 05.03.2019, 20.
Ein fürsorglicher Vater, der nicht nur den Abfallsack vor die Türe stellt, sondern auch das Kind ins Bett bringt, regelmässig die Windeln wechselt, die Wäsche machen kann und sogar den Kinderarzt kennt – das dürfte der Traum vieler Frauen sein. Doch in einer unserer Studien wünscht sich fast jede dritte Frau keinen solchen unermüdlichen Einsatz. In der Forschung heisst dieses Phänomen «Maternal Gatekeeping»: Gemeint sind damit Frauen in der Rolle als Türsteherin, die ihren Partnern die Türen öffnen, blockieren oder gar verschliessen können.
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Die Überzeugung ist weit verbreitet, dass es nicht mehr zulässig ist, Kinder vor dem Schuleintritt einfach nur spielen zu lassen. Kinder sollten »richtig« lernen, d. h. sich schulisch relevantes Wissen schon möglichst früh aneignen. Zwar haben sich Väter und Mütter schon immer Sorgen gemacht über die Zukunft ihres Kindes. Neu ist jedoch, dass viele von ihnen überzeugt sind, der Zeitpunkt des Schuleintritts entscheide über sein Schicksal. 65 Prozent der Eltern hatten in unserer FRANZ-Studie das Gefühl, dass es heute für ein Kind wichtig oder sehr wichtig ist, gegenüber den anderen Kindern beim Schulstart einen Vorsprung zu haben*. Deshalb ist die spätere Einschulung so beliebt geworden. 45 Prozent der Mütter trugen sich in unserer Untersuchung sogar mit dem Gedanken, ab der Schulzeit die eigene Erwerbstätigkeit zu reduzieren, um mehr Zeit für die Unterstützung bei den Hausaufgaben zu haben.
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erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 14.01.2019, 16.
Xherdan Shaqiri und José João Gonçalves: Das sind zwei unterschiedliche Männer mit mindestens drei gemeinsamen Merkmalen. Sie haben einen Migrationshintergrund, können siegen und gehören zur Praktikerelite. Der Nati-Kicker Shaqiri von Manchester United wird heute schon als Legende gefeiert. Ähnliches gilt für José João Gonçalves. Nachdem er im Jahr 2000 aus Portugal in die Schweiz zu seinen Eltern kam, lernte er intensiv Deutsch, machte eine Lehre als Autolackierer und holte 2005 an der Berufsweltmeisterschaft in Helsinki die Goldmedaille. Aktuell besitzt er eine eigene Firma.
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erschienen in NZZ, 1. Dezember 2018, S. 12 unter dem Titel "Das Beste ist nicht immer gut genug. Verschonen wir die Kinder vom Optimierungswahn"
Alle wollen ihn haben: den perfekten Körper. Um diesem Ideal zu entsprechen, gehen immer mehr Menschen ins Fitness-Center. Längst sind es nicht mehr nur Frauen, sondern zunehmend auch Männer, die sich einem solchen Schönheitsdiktat unterwerfen. Doch dieser vor allem medial aufbereitete Trend wäre kaum der Rede wert, wenn da nicht die Tatsache wäre, dass nun auch Kinder zunehmend Teil dieses Perfektionswahns werden. TeenFitness heisst ein solches revolutionäres Trainingssystem, das Eltern erlaubt, nicht nur sich selbst, sondern auch den Nachwuchs zu optimieren und ihn zum neuen Investitionsprojekt werden zu lassen. Optimierung hat das Schicksal abgelöst, das nicht Perfekte wird kaum mehr toleriert.
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erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 2018, 03.12., 16.
Unsere Gesellschaft hat eine bemerkenswerte Angstkultur entwickelt. Das Beispiel: Eine Mutter liess ihr vierjähriges Kind fünf Minuten im Auto mit dem IPod warten, währendem sie im Geschäft nebenan ein Kopfhörer-Set kaufte. Ein Passant sah das mit dem Gerät spielende Kind, machte ein Foto vom Nummernschild des Autos und meldete das Ereignis der Polizei. Sie verpasste der Mutter eine Ermahnung.
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Ohne Nachwuchs keine Swissness! Dieser Slogan ist für viele Berufsbranchen zur harten Realität geworden. Immer mehr Ausbildungsbetriebe suchen vergeblich nach Lehrlingen. Betriebe setzen deshalb zunehmend auch auf finanzielle oder materielle Anreize – Gratis-Führerschein, Smartphones oder Fitnessabos sind keine Seltenheit mehr. Solche Goodies sind jedoch kein gutes Mittel, um die geeignetsten Auszubildenden zu finden. Weil sie so nur materiell, nicht aber ideell an den Betrieb gebunden werden, haben sie ein grösseres Risiko, die Lehre abzubrechen. Ein Grundproblem der Diskussion ist aber der eher flüchtige Blick auf die «Psychologie» der Klientel, die jetzt in die Ausbildung kommt oder bereits ist: die «Generation Z». Diese jungen Leute sind nach der Jahrtausendwende geboren, weshalb sie «Post-Millennials» - oder eben «Generation Z» genannt werden.
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Knaben gelten als die neuen Sorgenkinder. Im Vergleich zu den Mädchen halten sie die Schule für weniger wichtig und sind im Durchschnitt auch weniger erfolgreich. Liegt dies womöglich am hohen Frauenanteil und der vermeintlichen Tatsache, dass Lehrerinnen den Unterricht mehr an die Mädchen anpassen? Diese These, meist unter dem Stichwort «Feminisierung der Schule» diskutiert, ist verbreitet, trotzdem ist sie zu gewagt.
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Wir leben in einer Risikogesellschaft. Dieser vom Soziologen Ulrich Beck im gleichnamigen Buch geprägte Begriff meint, dass in unserer hoch entwickelten Gesellschaft mehr Risiken entstanden sind und laufend entstehen, als unsere staatlichen Kontrolleinrichtungen zu bewältigen vermögen. Dazu gehören soziale, ökologische, politische, aber auch individuelle Risiken. Während einerseits heute jeder Mensch deutlich höhere Chancen hat, sich selbst zu verwirklichen und viel mehr Handlungsspielräume bestehen als in jeder Generation zuvor, fehlen soziale Normen und Vorgaben, welche Handlungs- und auch Erziehungssicherheit geben würden. Eine solche »Entbettung der Verhältnisse«, wie der Sozialwissenschaftler Anthony Giddens dieses Phänomen nennt*, sind in allen Lebensbereichen spürbar. Eindeutige Leitbilder für Familie, Beruf oder für das Aufwachsen und Erziehen des Nachwuchses fehlen, Mütter und Väter deshalb mit zwiespältigen Gefühlen leben müssen.
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erschienen in: Aargauer Zeitung /Die Nordwestschweiz, 27.08.2018, 16.
Männer, die 100 Prozent arbeiten, sind glücklichere Väter als Teilzeitler. Dieses Ergebnis einer Studie hat unlängst nicht nur für einigen Wirbel gesorgt, sondern auch einer anderen Untersuchung widersprochen, welche das Gegenteil herausgefunden hatte: Nicht Vollzeit-, sondern Teilzeit berufstätige Männer seien glücklicher, weil ihnen die Balance zwischen Kind, Familie und Beruf besser gelingen würde.
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Ein Beitrag zum Lucerne Festival, «Kindheit – Biotope der Herkunft» am 26.08.2018
https://www.lucernefestival.ch/de/programm/alma-deutscher-sol-gabetta-martin-meyer-ua/869
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Zu meinem neuen Buch, das am 1. August 2018 unter dem gleichnamigen Titel erschienen ist
Das seit Jahren kaum mehr Geglaubte ist eingetreten: In allen deutschsprachigen Staaten werden wieder mehr Kinder geboren. In der Schweiz waren es im Jahr 2011 gut 80‘000 Geburten, in Deutschland 678‘000 und in Österreich 78‘000. 2016 waren es in der Schweiz fast 87‘000 Geburten, in Deutschland 738‘000 und in Österreich 84‘000. Welches Geheimnis steckt hinter diesem Kindersegen? Ist es ein Verdienst der Familienpolitik, weil heute aufgrund des Elterngeldes (in Deutschland und Österreich) und des ausgebauten familienergänzenden Betreuungssystems nahezu 80 Prozent der Frauen, die ihr erstes Kind bekommen, weiterhin berufstätig bleiben und genauso wie Männer Karriere machen können? Oder ist es vielleicht das neue Ideal der intensiven Mutter- und Vaterschaft, welches uns Promi-Paare scheinbar modellhaft vorleben und auch eine Schwangerschaft attraktiv erscheinen lässt?
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Meine Kolumnen schreibe ich meistens am Wochenende daheim in Aarau. Auf meinem Schreibtisch habe ich immer eine Schachtel Oropax griffbereit, um mich vor dem Lärm der spielenden Nachbarskinder zu schützen. Solche Stöpsel nutze ich gerne, denn Kinder haben nicht nur ein Recht auf Bildung, sondern auch ein Recht auf das Spielen!
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In unserer modernen Leistungsgesellschaft dominiert der Mythos des erfolgreichen Kindes. Der Druck, ein frühreifes und vielleicht auch hochbegabtes Kind zu haben, ist so ansteckend, dass man dem schnell verfällt. Für nicht wenige Eltern liegt der Wert des Kindes in seiner Leistung, und ein Spitzenschüler gilt als Mass für eine gute Erziehung. Doch allein schon diese Idee stresst die Eltern, aber auch viele Lehrkräfte – und Kinder entwickeln sich immer weiter weg von dem, was sie eigentlich in ihrem Kern wären.
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erschienen in Aaraguer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 21.05.2018
Mutterschaft wird verklärt. Tritt der Traum vom eigenen Kind ins Leben, schwelgen Frauen nicht nur im Glück, sondern auch in Zukunftsplänen. Mit oder ohne Partner können sie neuerdings frei entscheiden, ob sie lieber einen Benjamin oder eine Anna hätten und wie, wo und wann das Kind zur Welt kommen soll. Solche Wahlfreiheiten passen zwar gut zu unserer individualisierten Gesellschaft, doch sobald Frauen Mütter werden, ändert dies grundlegend. Das Kind ist nicht mehr ein Geschenk, sondern eine Verpflichtung.
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erschienen in NZZ, 17.05.2018, 10.
Besonders fleissig und gute Noten – ein solches Kind ist der Traum mancher Eltern. Ist es zudem überdurchschnittlich intelligent, dann hat es beste Aussichten auf eine besonders erfolgreiche Bildungslaufbahn. Doch in vielen Fällen sind solche Kinder nicht hochbegabt, sondern Überleister. Überleister sind junge Menschen, die mehr leisten, als man von ihnen aufgrund ihrer intellektuellen Fähigkeiten erwartet.
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Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Bildungschancen ungleich verteilt sind. Gemäss dem Prinzip der Chancengerechtigkeit müsste allen Menschen nicht nur der Zugang zur Ausbildung gleichermassen offen stehen, sondern auch faire Chancen zur Überwindung von Nachteilen und zur Entdeckung von Potenzialen. Mit Blick auf Kinder aus einfachen Sozialschichten ist dieses Postulat nicht verwirklicht. Auch wenn sie die gleichen kognitiven Fähigkeiten haben wie Kinder aus privilegierteren Sozialschichten, sind sie weniger schulerfolgreich und finden den Weg ans Gymnasium deutlich seltener. Unserer Gesellschaft geht deshalb jedes Jahr ein grosses Reservoir an intellektuellem Potenzial verloren.
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erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 31.03.2018, 20
Eine junge Journalistin hat sich kürzlich auf Twitter beklagt, dass sie eine Praktikumsstelle bei einem renommierten Verlag nicht bekommen habe. Sie sei noch nie so respektlos behandelt worden und das tue sehr weh. Ihre Reaktion ist zwar nachvollziehbar, trotzdem zeigt sie sich als unfähig, eine solche Niederlage hinzunehmen und eine gewisse Schmerzresistenz zu entwickeln.
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Die Digitalisierung ist mächtig und scheint so unausweichlich wie ein Naturereignis. Bei genauerem Hinsehen stimmt dies natürlich nicht. Die Digitalisierung ist kein Naturereignis, sondern das Ergebnis wichtiger kollektiver Entscheidungen von bestimmten Gremien. Kantone beispielsweise sprechen plötzlich trotz Finanzknappheit namhafte Summen, um die Digitalisierung im Bildungswesen voranzutreiben.
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erschienen in Aargauer Zeitung/Die Nordwestschweiz, 12.02.2018, 16.
(Diese Kolumne bezieht sich auf unsere neue Studie:
http://www.margritstamm.ch/dokumente/dossiers/253-die-berufslehre-hat-ein-geschlecht-weshalb-es-weibliche-talente-schwer-haben/file.html
In der Berufsbildung sind weibliche Talente benachteiligt. Diese Behauptung dürfte im Jahr 2018 – in Zeiten der Diskussion um Frauenquoten, gleicher Lohn für Mann und Frau, mehr Frauen in Verwaltungsräte oder der #metoo-Debatte – unterschiedliche Reaktionen auslösen. Die einen wird sie kaum erstaunen, andere dürfte sie ärgern.
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- Margrit Stamm
Die soziale Herkunft zensiert*. Diesen Titel trägt eine Studie, an der Franz Baeriswyl von der Universität Fribourg mitgearbeitet hat und empirisch belegt, was wir eigentlich schon lange wissen: Kinder aus einfach gestellten Familien bekommen schlechtere Noten, auch wenn sie in Prüfungen gleich gut wie Kinder aus sozial gut gestellten Familien abschneiden.
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- Margrit Stamm
erschienen in: NZZ, 29.12.2017
«Benimm dich anständig!» Diese Ermahnung war für meine Generation eine alltägliche Erziehungserfahrung. Heute gilt sie als Ausdruck einer repressiven Moral. Zu Recht, denn die unerträglichen Normen machten aus vielen Kindern angstbesetzte Anpasser statt eigenverantwortlich handelnde Menschen. Heute überwiegt die Überzeugung, dass Menschen, die sich frei entfalten können, Anstand und Respekt automatisch von Erwachsenen übernehmen – Lernen am Modell nennt man das.
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