Um es vorweg zu nehmen: Ich bin nicht gegen Privatschulen, und ich verstehe Eltern, welche aufgrund schlechter Erfahrungen oder übermässigem Leiden ihres Nachwuchses fürchten, ihr Kind könnte an der öffentlichen Schule scheitern und es deshalb in eine Privatschule stecken. Sie wollen das Beste für ihr Kind, und suchen deshalb eine Schule ihrer Vorstellung. Sorgen bereitet mir jedoch, dass Eltern bereits bei kleinsten negativen Erfahrungen der Schule mit diesem Schritt drohen und ihn dann auch vollziehen. Es sind bei weitem nicht nur Klagen, die Klassen seien zu gross, das Kind würde gemobbt oder die Schülerschaft sei zu heterogen. Viele Eltern sind überzeugt, die Volksschule werde ihrem Kind nicht gerecht, es würde in seinen Begabungen zu wenig gefördert, weshalb sie das Ziel Gymnasium und Studium als gefährdet sehen. Der Wechsel in eine Privatschule hat oft mit einer Art Bildungspanik zu tun, das Kind könnte die in es gesetzten Ziele nicht erfüllen.

Gerade deswegen sind Privatschulen eine enorme Konkurrenz für die öffentlichen Schulen geworden. Denn sie richten sich an der Familie und dem Elternwillen aus, sind oft flexibler und auf die individuelle Förderung ausgerichtet. Deshalb gibt es in ihnen auch weniger Sitzenbleiber. Und auch was ihre Leistungen betrifft, kann ihnen ein gutes Zeugnis ausgestellt werden. Gerade die PISA-Studien haben gezeigt, dass sich Privatschulen in dieser Hinsicht kaum von den öffentlichen Schulen unterscheiden. Allerdings liegt der Grund nicht in ihrer besseren Qualität, sondern in der allgemein homogen hohen sozialen Herkunft der Kinder. Denn berücksichtigt man diese, dann schneiden öffentliche Schulen eher besser ab.

Dieses Ergebnis spricht somit eigentlich für die öffentlichen Schulen und ihre hohe Integrationsfähigkeit. Denn sie haben bekanntlich einen gesellschaftlichen Auftrag, alle Kinder, sowohl die Besten als auch die Schwächsten, auszubilden, zu fördern und zu integrieren. Aber leider haben die öffentlichen Schulen es in den letzten Jahren oft versäumt, mit den Privatschulen gleichzuziehen. Beispielsweise: das eigene Profil zu schärfen und sichtbar zu machen, klare pädagogische und erzieherische Grundsätze im Sinne eines Wertekanons aufzuzeigen und die kindliche Verantwortung zu stärken, die Bindung zwischen Lehrern und Schülern stärker zu gewichten, Ganztageskonzepte einzurichten, bilinguales Lernen zu ermöglichen, neue Lehr- und Lernformen sowie vielfältige Angebote systematisch einzuführen etc.

Die Volksschule versteht sich heute – von wenigen Ausnahmen abgesehen – zu stark als Opfer der gesellschaftlichen Entwicklung. Sie klagt zu viel, anstatt das Zepter in die Hand zu nehmen und aufzuzeigen, wozu sie fähig ist. Die Volksschule muss ein Spiegel der Gesellschaft sein, nicht die Privatschulen. Sie dürfen lediglich eine sinnvolle Ergänzung der öffentlichen Schulen sein.

Dass Eltern ihre Kinder, die an der öffentlichen Schule negative Erfahrungen machen, aus der Schule nehmen und sie in eine private Schule schicken, ist zwar verständlich, aber trotzdem kein gutes Zeichen: Man sollte diese Entwicklung ernst nehmen, denn zu lange hat man die Privatschulen als qualitativ weniger gute Institutionen für vermögende und verwöhnte Kinder abgetan. Es darf nicht so sein, dass diejenigen, die es sich leisten können, eine gute Privatschulbildung bekommen und die anderen in der öffentlichen Schulen bleiben müssen. Eine gute Ausbildung muss für alle unabhängig von der finanziellen Situation möglich sein.

Nicht nur die öffentlichen Schulen sind gefordert, sondern auch die Bildungspolitik. Und zwar deshalb, weil mit dem Privatschul-Boom ein weiteres, bisher kaum diskutiertes Problem verbunden ist: die Schwächung der Berufsbildung. Denn es versteht sich von selbst, dass Eltern, die ihr Kind für teures Geld in eine Privatschule schicken, den akademischen Weg im Blick haben und nicht die Berufslehre. Weil die Berufsbildung auch in dieser Hinsicht die Verliererin ist, braucht es dringend grundlegende Änderungen. Kantone, die mit ihrer Steuerpolitik übermässig finanzstarke und bildungsambitionierte Eltern anziehen, müssten gezielt und mit identischen finanziellen Aufwendungen die Berufsbildung stärken.