Bildungssystem

  • Am 21. Januar 2014 diskutierten wir in der Arena**** der Swiss Bau in Basel unter dem Titel «Wer baut die Schweiz von morgen?» die Frage, wo die Gründe für den Mangel an Nachwuchskräften liegen. Und auch am 13. Februar 2014 haben wir im Rahmen des Laufenburger Gesprächs zum Lehrlingsmangel, das von der Technischen Rundschau organisiert worden ist (http://www.technische-rundschau.ch), die Aussage «Ohne Nachwuchs keine Swissness» unter die Lupe genommen. Dabei sind wir jeweils schnell auf zwei Aspekte gestossen: erstens auf die Bedeutung des Images oder Prestiges, das Jugendliche einem Beruf zuschreiben und zweitens auf die Rolle von Berufsbezeichnungen. Solche Aspekte möchte ich in diesem Blog vertiefen. Meine These ist dabei die, dass der Imagefaktor bei der Berufswahl heutiger Jugendlicher wichtiger ist als die Tätigkeit an sich.

    Wir wissen es alle: Die Zahl der Jugendlichen sinkt und wird weiter sinken. Dazu kommt, dass eine grosse Anzahl der Erwerbstätigen in den nächsten Jahren aus Altersgründen ausscheiden wird. Daraus resultiert eine Schere, die für viele Betriebe zum Problem werden dürfte: Weil der Trend zum Gymnasium ungebrochen ist, stehen der Berufsbildung immer weniger Jugendliche zur Verfügung. Um diese kleiner werdende Gruppe wird sie verstärkt kämpfen müssen.

    Bekanntlich gibt es genug offene Lehrstellen. Das Problem liegt jedoch darin, dass es sich in der Regel nicht um diejenigen Lehrstellen handelt, die sich die Jugendlichen wünschen. Von ihrem Elternhaus sind sie sich gewohnt, mit ihren Bedürfnissen im Mittelpunkt zu stehen und ihre Wünsche erfüllt zu bekommen. Deshalb geben sie die Suche nach der Traumlehrstelle nicht einfach so auf, nur weil ein anderer, für sie wenig attraktiver Ausbildungsplatz zur Verfügung stehen würde. Berufswahl heisst ja auch Suche nach der eigenen Identität. Und diese Suche ist immer mit Anerkennung bei den Gleichaltrigen (den «Peers») verbunden. Deshalb geht es bei der Lehrstellensuche auch vor allem darum, was andere über einen Beruf denken.

    Aus solchen Gründen ist der Kampf der Betriebe um Jugendliche sehr unausgeglichen. Für Betriebe, welche, «Traumberufe» mit einem guten Image anbieten, ist es einfacher als für solche mit einem schlechten Image. Lehrlinge für Branchen wie Informatik, Büro und Informationswesen, Design, Druck oder Kunstgewerbe finden sich viel leichter als für das Baugewerbe, für technische Berufe oder das verarbeitende Gewerbe (Metzger, Bäcker etc.). Besonders ausgeprägt zeigt sich die Bedeutung des Image-Faktors bei den leistungsschwächeren Jugendlichen,welche eine Attestausbildung machen wollen.

    Nicole Bussmann, Berufsbildungsfachfrau aus Zürich, macht die Erfahrung*, dass bei jungen Frauen vor allem solche Bereiche beliebt sind, in denen im Job ein «weisser Kittel» getragen wird (Gesundheitsberufe, Kosmetik etc.), während bei jungen Männern Berufe im Zusammenhang mit Autos (Reifenpraktiker, Automobilassistent) ein besonderes Prestige hätten. Sie würden sich die Hände gerne schmutzig machen, aber nur, weil sie von einem Auto stammen.

    Welches sind die Gründe für solche Ungleichgewichte? In erster Linie, so ein Bericht des BiBB (Bundesinstituts für Berufsbildung, Bonn**), die folgenden:

    Ausbildungsberufe als «Visitenkarten»:Weil Jugendliche bei der Berufswahl auch nach sozialer Anerkennung suchen, ist es ihnen wichtig, was «die Anderen» über die in Frage kommenden Berufe denken. Attraktiv sind deshalb solche Berufe, die auf «coole», reiche und geachtete Menschen schliessen lassen. Ist dies nicht der Fall, reagieren Jugendliche ablehnend oder zumindest sehr zurückhaltend auf solche Berufe.

    Berufsbezeichnungen als «Hinweisschilder»: Für Jugendliche sind Berufsbezeichnungen Hinweisschilder dafür, was sie im Beruf erwarten könnte. Berufe wie «Bäcker» oder «Metzger» werden oft falsch interpretiert, mit Märchenbüchern und Kassetten ihrer Kindheit assoziiert, deshalb als hoffnungslos veraltet gehalten und gemieden.

    Ausbildungsberufe in der «Scheuklappenperspektive»: Weil die Belastung der Lehrstellensuche hoch ist, versuchen Jugendliche, diese auf ein Mindestmass zu reduzieren. Deshalb konzentrieren sie sich auf eine minimale Anzahl von maximal etwa vier Berufen – eben auf diese mit dem grössten Image-Faktor.

    Solche Ergebnisse provozieren die Frage: Wie könnte das Image verbessert werden? Zunächst einmal offenbar über die Medien! Denn eine andere Studie*** kommt zum Schluss, dass beliebte TV-Vorabendserien («Daily Soaps») das Image des Berufs stark beeinflussen. Da sich solche Serien jedoch fast ausschliesslich auf kreative und selbstständig ausgeübte Berufe in Dienstleistungsbereich konzentrieren und gewerbliche sowie technische Berufe kaum vorkommen, präsentieren sie eine vollkommen verzerrte Berufsrealität, mit dem Ergebnis, dass Jugendliche die gezeigten Modelle und keine anderen mit dem Image-Faktor verbinden.

    Da man natürlich Medien kaum zwingen kann, ihre Serien anders zu gestalten und dadurch das gesellschaftliche Bewusstsein in kurzer Zeit zu ändern, gilt es, nach pragmatischen Lösungen zu suchen. Bisweilen gelingt eine Image-Verbesserung allein über die Veränderung der Berufsbezeichnung (z.B. vom Drechsler zum Holzhandwerker EFZ / Drechslerei; von Verkäufer zu Detailhandelsfachmann EFZ / Bewirtschaftung oder Beratung resp. von Verkaufshelfer zu Detailhandelsassistent EB). Betriebe machen nach solchen Umbenennungen teilweise die Erfahrung, dass sich die Bewerberanzahl deutlich erhöht. Andererseits zeigt sich, dass eine lediglich auf Sprachkosmetik angelegte Veränderung auch als Mogelpackung verstanden werden kann. Dies spricht sich rasch herum und kann auch gegenteilige Folgen haben, wenn Auszubildende am ersten Tag der Ausbildung feststellen, dass ihre Inhalte trotz verheissungsvollem Titel nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen.

    Deshalb scheint es günstiger, die Attraktivität der Berufe anders zu stärken:

    • über die frühzeitige Information an Schulen, an Elternabenden und von Berufsberatungen und vor allem: die proaktive Zusammenarbeit mit ihnen

    • über das direkte Ansprechen ausländischer Familien, welche unser duales Berufsbildungssystem nicht kennen

    • über direkte Kontaktaufnahme mit potenziellen Bewerberinnen und Bewerbern

    • über die Lehrbetriebe selbst, welche sich um gute die Ausbildungsbedingungen bemühen: Schnupperlehren abwechslungsreich gestalten, Lehrlinge nicht als billige Arbeitskräfte missbrauchen und Lehranteile entsprechend gewichten; leistungsstarke Lehrlinge nicht daran hindern, die Berufsmatura während der Ausbildung zu absolvieren – und leistungsschwächere versuchen, auch mit Nachhilfestunden zu unterstützen (so wie dies Renzo Canonica im Ausbildungszentrum Winterthur tut)

    • über Anreizsysteme, welche Lehrlinge an die Betriebe binden (Aussicht auf Fortbildungen oder Auslandaufenthalte, auf die Zuweisung spezifischer Aufgabe, auf spätere Karrieremöglichkeiten etc.)

    • über die Veränderung der Selektionspraxen der Betriebe, d.h. geringere Gewichtung von Schulnoten, Multi- und Basic-Checktests sowie schriftlicher Bewerbungsunterlagen, jedoch stärkere Gewichtung des ausserschulischen Engage­ments und des Berufsinteresses. Für einen erfolgreichen Lehrabschluss sind Schulnoten oft kein ausschlaggebendes Kriterium vor allem nicht für schulmüde Jugendliche

    • über Kampagnen, welche Rollenmodelle einschliessen und nicht nur die Höhe der Saläre betonen

    Zusammengefasst gilt das, was Herbert Rutz, Inhaber und Geschäftsführer der Femec AG in Wetzikon, am Laufenburger Gespräch gesagt hat: «Die Betriebe müssen erkennen, dass sie es sind, welche aktiv werden müssen und zwar auf eine kreative Art und Weise.» Jammern ist definitiv passé.

    Literatur

    *20 Minuten, 16.12.2013 http://www.20min.ch/schweiz/news/story/-Viele-Junge-haben-unrealistische-Wuensche--17556247

    ** Ulrich, J. G. (2006). Berufsbezeichnungen und ihr Einfluss auf die Berufswahl von Jugendlichen. Abschlussbericht. Bonn: BiBB.https://www2.bibb.de/tools/fodb/pdf/eb_23103.pdf

    *** Dostal, W. & Troll, L. (2004). Die Berufswelt im Fernsehen. Informationen für die Beratungs- und Vermittlungsdienste,8, 8.12.http://doku.iab.de/ibv/2004/ibv2404_57.pdf

    **** http://www.swissbau.ch/de-CH/ueber-die-swissbau/interaktiv/eventreport/2014/01/swissbau-focus-arena-bildung-fuer-die-bauwirtschaft-wer-baut-die-schweiz-von-morgen.aspx

  • Für immer mehr Berufsausbildungen braucht es eine Matura, z.B. um Kindergärtnerin oder Pflegefachmann zu werden. Viele internationale Unternehmen wollen nur noch Leute mit einem Hochschulabschluss einstellen. Die Schweiz braucht mehr akademische Power! Tatsächlich?

    Zwar will ich hier nicht in die teils übertriebene Kritik am «Akademisierungsboom» einstimmen (vgl. auch meinen Blog vom Juli 2013). Aber ich möchte seine zunehmend elitären Züge etwas genauer unter die Lupe nehmen und dabei auch aufzeigen, weshalb eine akademische Ausbildung keinesfalls berufliche Expertise garantiert.

    Die aktuelle Bildungseuphorie hat zwei Hauptmerkmale: Sie schreitet schleichend, aber unaufhörlich voran, und sie bekommt mindestens teilweise elitäre Züge. So nehmen wir die Nachricht, dass die Quote der unter 35jährigen Professoren bereits auf über 10% gestiegen und damit der Nachwuchs der akademischen Leistungsexzellenz gesichert sei, mit Genugtuung oder gar Bewunderung zur Kenntnis. Deutlich weniger Eindruck macht uns der begabte Schreiner-Lehrling, der bereits im zweiten Ausbildungsjahr die Struktur von Hölzern erkennen und ein Werkstück nach Zeichnungen detailgetreu erstellen kann. Und noch weniger Eindruck macht uns die junge Frau, die sich von einer schlechten Realschülerin zu einer Bau-Polierin in einem Grossunternehmen hochgearbeitet hat,die Bauunternehmung auf der Baustelle vertritt und 20, vorwiegend männliche, Mitarbeitende führt.

    Die Schweiz entwickelt sich zu einer Bildungsgesellschaft. Dass ein wachsender Anteil der Berufstätigen eine höhere Bildung hat, ist somit alles andere als negativ. Immer besser ausgebildete Berufsleute sind im Hinblick auf die internationale Anschlussfähigkeit ein Muss. Vor diesem Hintergrund ist der ‚bildende‘ Anteil vieler Berufslehren sicher zu klein. Aber insgesamt wird das schulische Wissen überbewertet. Dies führt dazu, dass der «Akademisierungsboom» zu einer «Akademisierungsfalle» wird und dabei Ausmasse annimmt, die über das Ziel hinausschiessen. Denn viele Stellen sind plötzlich nur noch auf einen kleinen Kreis von Diplomierten zugeschnitten. Fachleute mit vorwiegend praktischen Fähigkeiten werden von Berufen ausgeschlossen, die bisher genau solche praktischen Kompetenzen verlangt haben.

    Dass es nicht nur eine akademische Intelligenz gibt, gehört zur pädagogischen Folklore. Trotzdem nehmen wir kreative und praktische Intelligenzleistungen kaum zur Kenntnis. Die Expertiseforschung liefert hierzu wichtige Erkenntnisse. Im Gegensatz zur Begabungsforschung, die sich auf angeborene Fähigkeiten konzentriert, interessiert sich die Expertiseforschung für die Merkmale von beruflich erfolgreichen Erwachsenen. Hauptergebnis ist, dass die Fähigkeit, mit realen Problemen erfolgreich umzugehen, das wichtigste Element von Berufskompetenz ist. Viel Fachwissen oder ein hoher Intelligenzquotient, aber auch ausgeprägtes Üben, garantieren noch keine berufliche Expertise. Wir alle kennen Menschen, die in wissenschaftlich hochstehender Weise über ein Problem sprechen, zu dessen Lösung aber wenig beitragen können. Umgekehrt beobachten wir immer wieder, dass auch viel Übungsarbeit noch keine Experten hervorbringt. Diese Tatsache wird in der Expertiseforschung nicht auf mangelnde Begabung, sondern auf die mangelnde Qualität von Übungsprozessen zurückgeführt. Gerade deshalb spielen Lehrkräfte, Trainerinnen oder Lehrmeister eine wichtige Rolle. Neben dem Fachwissen braucht es auch einen gesunden Menschenverstand respektive eine Portion Intuition.

    Was bedeutet dies für die «Akademisierungsfalle»? Erstens, dass sie junge Menschen (und vor allem ihre Eltern) zu einseitig auf den Weg der gymnasialen Matura führt und ihn als Königsweg zum Ausbildungserfolg bezeichnet. Dies hat jedoch zur Folge, dass die Bedeutung des theoretischen Fachwissens über- und diejenige des praktischen Know-Hows unterschätzt wird. Zweitens, dass sie zur Installation immer neuer Bildungshürden führt, die möglicherweise verheerende Konsequenzen haben. Junge Menschen mit praktischen Begabungen finden immer weniger Berufe, in denen sie diese entwickeln und auch zeigen können. Die praktische Intelligenz ist jedoch ein wichtiges Kulturgut, das die Schweiz gross gemacht hat. Kann sich unsere Gesellschaft eine solche Verschwendung dieses Talents leisten?

     

  • Erschienen in: NZZ, 5. Februar 2014, S. 21

    In letzter Zeit berichten Kindergartenlehrkräfte immer wieder von eigenartigen Erfahrungen: Sie müssen zunehmend Kinder unterrichten, die kaum Deutsch können und auch einfache Fragen nicht verstehen. Viele dieser Kleinen haben jedoch vorher eine Krippe, eine Spielgruppe oder ein gezieltes Förderprogramm besucht, oft zusammen mit ihren Müttern.

    Wie kann das sein? Weshalb haben sich die Deutschkenntnisse solcher Kinder nicht markant verbessert? Bemüht sich das Personal zu wenig um sie, versagen die Angebote oder sind unsere Ansprüche zu hoch?

    Dass eine frühe Sprachförderung eine der wichtigsten integrationspolitischen Aufgaben darstellt, ist weitgehend unbestritten. Keine Zeit eignet sich besser als die Vorschuljahre, um die Bildungschancen für benachteiligte Kinder zu erhöhen. Wartet man bis zum Schuleintritt, ist es meist zu spät, weil die Unterschiede zu gross sind. In den letzten Jahren haben viele Kantone und Gemeinden in frühe Sprachförderung investiert und es gibt inzwischen einige Leuchttürme. Insgesamt sind wir auf dem richtigen Weg.

    Somit fehlt es keinesfalls an Engagement. Das eigentliche Problem liegt anderswo: erstens in der oft belegten Tatsache, dass Kinder, die eine Sprachförderung am nötigsten hätten, gar kein Angebot besuchen. Zweitens, dass wir nicht wissen, wie Sprachförderung gestaltet werden soll, damit sie tatsächlich wirkt. ‚Wirkt' meint dabei nicht, dass die Fachkräfte oder die Eltern mit dem Programm zufrieden sind, sondern, dass Kinder deutliche sprachliche Fortschritte machen und beim Kindergarteneintritt dem Unterricht folgen können. Leider liegen hierzu nur vereinzelt Evaluationen vor. Das, was sie zu Tage fördern, ist eher enttäuschend: Ob ein Kind ein Sprachförderangebot besucht oder nicht, spielt häufig kaum eine Rolle. Die Unterschiede sind minim.

    Wo liegen die Ursachen für diese Problematik? Zunächst darin, dass bildungsferne Eltern solchen Angeboten häufig skeptisch gegenüberstehen. Von Bedeutung ist auch das Phänomen, das die Bildungsforschung «Segregation» nennt: dass sich solche Familien zunehmend auf be­stimmte Wohngebiete konzentrieren und ihre Kinder deshalb mit der deutschen Sprache kaum in Kontakt kommen. Dies trifft auch dann zu, wenn sie in ihrem Quartier eine Krippe oder eine Sprachspielgruppe besuchen, weil die grosse Mehrheit der anderen Kinder ebenfalls kein Deutsch spricht. Es fehlt ihnen das «Sprachbad». Weder beim Versteckis spielen noch im Sandkasten können sie spielerisch deutsche Begriffe lernen und sich mit unserer Alltagssprache vertraut machen.

    Ein besonderes Problem ist, dass häufig nur ein einziges Angebot vorhanden ist und dieses für alle Kinder mit Sprachdefiziten gelten muss. Folglich können gewisse Kinder davon gar nicht profitieren. Denn solche mit Spracherwerbsstörungen würden eine gezielte logopädische Therapie brauchen. Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen hätten hingegen ein Förderprogramm nötig, das ihnen systematisch hilft, die deutsche Sprache zu erlernen. Schliesslich gibt es einheimische Kinder mit eingeschränkten Sprachkompetenzen. Sie brauchen ein kreatives und anregendes Programm, das auf die Erweiterung und Verbesserung ihrer Sprachkompetenzen abzielt.

    Umfragen zeigen, dass sich nur wenige Fachkräfte im Spracherwerb auskennen. Es ist deshalb verständlich, dass es ihnen schwer fällt zu erkennen, ob ein Kind nun eine Sprachförderung braucht oder eher eine Sprachtherapie. Häufig fehlt Fachkräften zudem ein Sprachbewusstsein. Statt anspruchsvollen Sätzen und differenzierten Begriffen verwenden sie oft einfachste Redewendungen in der Hoffnung, die Kinder würden sie dann besser verstehen.

    Was ist zu tun? Mit Sicherheit wäre es angesichts der nicht besonders erfreulichen Situation falsch, einfach noch mehr Angebote zu schaffen und die öffentlichen Mittel zu erhöhen. Angemessener sind kantonale Strategien mit verbindlichen Vorgaben sowie eine systematische Überprüfung der Entwicklungsfortschritte der Kinder. Auch die Aus- und Fortbildung des Personals muss stärker in den Blick genommen werden. Es sollte nicht nur über mehr linguistisches Fachwissen verfügen, sondern in erster Linie auch in praktischen Situationen einüben können, was in der Sprachpraxis mit dem Kind zählt: langsames, zugewandtes Sprechen, geduldiges Zuhören, in vielfältige Alltagsrituale eingebettete Förderung statt Einzelworttrainings sowie variationsreiche und durchaus komplexe sprachliche Äusserungen.

    In einer unserer Umfragen haben acht von zehn Personen, die in Krippen arbeiten, angeben, gar keine Sprachförderung zu betreiben. Es fehle ihnen schlicht die Zeit dazu. Frühe Sprachförderung muss deshalb im Zeitbudget des Personals einen Platz bekommen, in der Verantwortung jedoch Chefsache sein. Sie muss in kleinen Gruppen und in geeigneten Räumen stattfinden können und das Personal sollte auf Begleitunterstützung durch speziell für Sprachförderung ausgebildete Fachkräfte zählen können.

    Schliesslich ist mehr Realitätssinn gefordert. Frühe Sprachförderung allein kann keine Wunder vollbringen. Vielmehr ist die Familie der wichtigste Förderort. Deshalb muss sie immer in frühe Sprachförderung einbezogen werden. In dieser Hinsicht hapert es aber besonders. Viele Programme scheitern nicht zuletzt, weil die Teilnahme der Eltern freiwillig ist. Soll Sprachförderung in sichtbar bessere Deutschkenntnisse der Kinder münden, kommen wir nicht umhin, zukünftig über die Verbindlichkeit solcher Angebote für Eltern zu diskutieren.

    Nicht nur die frühe, auch die schulische Sprachförderung wäre zu überdenken. Obwohl wir enorme Summen in sie stecken, verfügen viele Jugendliche nicht über das notwendige ‚Bildungsminimum'. Zwar ist es löblich, dass die Schweizer Armee ihren Rekruten Sprach- und Rechtschreibekurse anbietet und diese offenbar ein Renner sind. Aber leider sind sie das beste Beispiel dafür, wie wenig wirksam Sprachförderung in den letzten Jahren gewesen ist.

  • Dass Stichworte wie Talente, Begabungen, Expertise, Leistungsexzellenz – oder wie immer man Potenziale nennen will – Eingang in den Berufsbildungsdiskurs gefunden haben, ist glücklicherweise auch eine Folge des innovativen Berufsbildungsgesetzes. Die in Art. 18 und Art. 21b festgehaltene Pflicht zur Förderung leistungsstarker Berufslernender weist der Ausbildung des Nachwuchses eine grundlegende Bedeutung und den Berufsschulen und Ausbildungsbetrieben eine spezifische Verantwortung  und Innovationsbereitschaft zu. Berufliche Begabten- und Talentförderung ist damit zu einer wichtigen, berufspädagogischen Aufgabe geworden. Auch der Bundesrat hat verschiedentlich von der Ausschöpfung der Begabtenreserve in der Schweizer Berufsbildung gesprochen.

    In der Praxis sieht es allerdings etwas anders aus. Zwar gibt es einige bemerkenswerte Leuchttürme, doch trauen sich bis heute zu wenige Berufsschulen und Ausbildungsbetriebe, die Idee systematischer Talentförderung in die Praxis umzusetzen. Eine grosse Mehrheit orientiert sich nach wie vor stark am Ungenügen der Jugendlichen respektive an deren Leistungsschwächen. Ein Umdenken in den Köpfen ist deshalb für die Berufsbildung die grösste zukünftige Herausforderung. Dabei versteht sich von selbst, dass man nicht von der Qualität der beruflichen Ausbildung sprechen, gleichzeitig jedoch vor allem das Negative im Blick haben und die fehlenden leistungsstarken Jugendlichen beklagen kann.

    Die Sicherung von Könnerschaft im Berufshandwerk ist heute wichtiger denn je. Deshalb darf der Königsweg der Begabten- und Talentförderung nicht weiterhin in erster Linie Akademia heissen. Die letzten Jahre haben nämlich mehr als deutlich gezeigt, dass dieBerufsbildung immer stärker in Gefahr gerät, zum Durchgangsstadium von Akademikerkarrieren zu werden und schulisch qualifizierte Jugendliche nach der Berufsausbildung in ein Fachhochschulstudium abwandern. Die Höhere Berufsbildung ist dabei eindeutig ins Hintertreffen gelangt. Zukünftig wird es folgedessen eine zentrale Herausforderung sein, die Berufsausbildung nicht nur als Zubringerin für die Fachhochschulen, sondern ebenso als Garantin der Entdeckung beruflich-praktischer Reserven und der Förderung der beruflichen Qualität in der Höheren Berufsbildung zu verstehen.

    Deshalb sind gerade den Schulabgängern aus Real- und Sekundarschulen spezifische berufliche Qualifikationschancen zu ermöglichen. Obwohl sie aufgrund ihrer fachorientierten Begabungsprofile nicht in den akademischen Weg der Berufsmatura einmünden können, verfügen viele von ihnen über beträchtliche berufspraktische Talente. Gleiches gilt oft auch für benachteiligte Migrantinnen und Migranten. Mit Blick auf beide Gruppen dominieren allerdings Klagen über ihre mangelnde Ausbildungsreife sowie ihre Tendenz zu Lehrabbrüchen und damit zu fehlenden Berufsabschlüssen. Eine Folge dieser Defizitperspektive ist die Tatsache, dass Potenziale bei solchen Jugendlichen gar nicht vermutet, deshalb nicht erwartet und auch nicht gesucht werden.

    Angesichts der aktuellen Entwicklung ist anzunehmen, dass Wirtschaft und Industrie zukünftig mehr denn je auf die Möglichkeit angewiesen sein werden, fachlich begabte Mitarbeitende rekrutieren zu können, die das handwerkliche Metier beherrschen und die berufliche Ausbildung nicht lediglich als Durchgangsstadium zur Fachhochschule nutzen. Ob sie Abgänger von Real- oder Sekundarschulen sind, dürfte deshalb eine unbedeutende Rolle spielen. Wesentlich ist ihr Können, das sie in der beruflichen Ausbildung haben entwickeln und unter Beweis stellen können.

  • Besonders fleissig, gute Noten und beliebt – ein solches Kind ist der Traum mancher Lehrkräfte und Eltern, denn es hat scheinbar beste Aussichten auf eine besonders erfolgreiche Bildungslaufbahn. Unsere Hochleistungsgesellschaft bietet hierfür perfekte Voraussetzungen: Sie setzt auf gute Schulen und Lehrkräfte, einen leistungsstarken Nachwuchs, auf hohe Bildungsabschlüsse und auf verantwortungsbewusste Väter und Mütter, die ihre Kinder fördern. Es ist mehr denn je en vogue, die Leistungsbereitschaft und -fähigkeit der Kinder zu betonen.

    Entwertung von Bildungsabschlüssen durch die Akademisierung

    Solche Trends haben Auswirkungen auf unser Bildungssystem. Einen wesentlichen Anteil an der zunehmenden Leistungs- und Wettbewerbsorientierung haben Leistungsstudien wie PISA, TIMMS, IGLU und wie sie alle heissen. Angesichts dem teilweise lediglich mittelmässigen Abschneiden der Schülerinnen und Schüler begann die Bildungspolitik unentwegt vor den Auswirkungen dieser Mittelmässigkeit zu warnen, d.h. vor dem Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und dem Abbau des gesellschaftlichen Wohlstands. In den Schulen werden nun zunehmend Vergleichstests etabliert, und in Kindergärten den Elterngesprächen mehrseitige Standortbestimmungen zugrunde gelegt.

    Parallel dazu sind im Zuge von Akademisierung und Bildungsexpansion viele Abschlüsse entwertet worden. Hauptschul- und Realschul-Zeugnisse zählen viel weniger als noch vor ein paar Jahren. Auch Studienabschlüsse sind zwar wichtiger, aber weniger wert. Ein Bachelor ist heute Voraussetzung für viele Berufe, aber längst keine Karrieregarantie mehr.

    Angesichts dieser gesellschaftlichen Entwicklungen ist es nachvollziehbar, dass sich auch Familien so verhalten, wie dies die Bildungspolitik erwartet. Das überdimensioniert scheinende Engagement von Vätern und Müttern ist eine nachvollziehbare reaktive Strategie, um sich zumindest ein wenig gegen die Zukunftsängste stemmen zu können. Und weil die Schule eine »verantwortete Elternschaft« voraussetzt – etwa die Kontrolle von Hausaufgaben, die Unterstützung bei der Erstellung von Referaten und Power-Point-Präsentationen oder die Vorbereitung auf eine Prüfung – ist sie auf die Maximierer- und Optimiererrolle der Eltern angewiesen.

    Normale Kinder sollen grosse Talente werden

    Kinder, die in Schule und Elternhaus auf Leistungsfähigkeit getrimmt werden, sind nicht selten Überleister. Überleister oder Overachiever sind junge Menschen, die mehr leisten als man von ihnen aufgrund ihrer Fähigkeiten erwarten würde. Sie erbringen Hochleistungen, weshalb sie fälschlicherweise oft als hochbegabt bezeichnet werden. Doch sie erreichen ihre Erfolge nicht aufgrund eines hohen Intelligenzquotienten (IQ), sondern mit enormem Fleiss, Elternunterstützung, Ehrgeiz – und Leistungsdruck. Überleister gibt es öfters als man denkt, in Städten und Agglomerationen häufiger als in ländlichen Gebieten. Die Kognitionspsychologin Elsbeth Stern geht davon aus, dass mindestens dreissig Prozent der Kinder, die ins Gymnasium eintreten, aufgrund ihres ungenügenden IQs »eigentlich gar nicht ins Gymnasium gehören«*. Auch jenseits des Gymnasiums finden sich überleistende Kinder, etwa die Langsamlerner mit deutlichen Leistungsschwächen, deren Eltern aber trotzdem mit allen Mitteln auf ein höheres schulisches Anspruchsniveau pochen. Bekannt sind Überleister auch in Sport und Musik. Hier ist der Wunsch gross, aus kleinen Kindern grosse Talente zu machen, und manche Familien sind besonders davonangetan, dass aus ihrem normalen Kind ein aussergewöhnliches Kind wird.

    Um nicht falsch verstanden zu werden: Leistungsorientierung und hohe Erwartungen von Lehrkräften und Eltern sind für eine gute schulische Laufbahn der Kinder wichtig – dies ist eine wissenschaftlich vielfach bestätigte Tatsache. Problematisch werden solche Haltungen dann, wenn sie zum wichtigsten Erziehungsziel der Familie werden, Schulen auf Leistung und Noten fixiert sind und Kinder zu Überleistern werden müssen - um zu funktionieren.

    Überleistung als kulturelles Mandat

    Kinder haben sich in den letzten Jahren wenig verändert, doch heute werden in Therapie, Beratung und Schule mehr Variationen der Norm als pathologisch erklärt und Ausreisser nach oben und unten zurechtgestutzt. Dies führt dazu, dass die Anzahl therapierter Kinder bis ins Unermessliche steigt. Oft hätten solche Kinder keine Therapie nötig, sondern lediglich eine unterstützende Haltung, dass sie »normal« sein dürfen und nicht Leistungen erbringen müssen, die sie überfordern. Doch die Überleisterkultur ist ein kulturelles Mandat geworden, das vom Bildungssystem auf Familie und Kinder übergegriffen hat und der Gesellschaft weis machen will, dass es normal ist, wenn Kinder Therapien brauchen.

    Das schwierige Leben der Kinder, von denen man zu viel erwartet

    Solche Gedanken sind Thema meines für 2022 geplanten Buches. Meine Hauptmotivation ist die Tatsache, dass unsere Gesellschaft fast ausschliesslich auf die Ausschöpfung des Leistungspotenzials und auf die Akademisierung von Ausbildungen fokussiert, kaum aber die tatsächlichen Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen in den Blick nimmt und auch nicht fragt, was zu hohe Erwartungen für ihre Kraft und Motivation bedeuten. Überleistung ist ein bisher unberücksichtigtes, nahezu unerforschtes und ebenso verschwiegenes Thema geblieben**. Wohl gibt es Fachliteratur zu den problematischen Aufwachsbedingungen heutiger Kinder und Jugendlicher, zum Leistungsdruck und seinen Auswirkungen oder zu überehrgeizigen Eltern***.

    Aber über das verborgene und schwierige Leben von Kindern, die Leistungen erbringen müssen, die eigentlich über ihrem Fähigkeitsniveau liegen, spricht niemand gern. Eher richtet man den Blick isoliert auf psychische Störungen und blendet dabei das Wichtigste aus: was die Kluft zwischen der Leistung und dem Aufwand dafür in unserer Gesellschaft anrichtet. 


    * Siehe das Interview: https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/viele-eltern-ueberschaetzen-dieintelligenz-ihrer-kinder/story/24570705 sowie ihre Publikation: Stern, E. & Hofer, S. (2014). Wer gehört aufs Gymnasium? Intelligenzforschung und Schullaufbahnentscheidungen. In E. Wyss (Hrsg.), Von der Krippe zum Gymnasium. Bildung und Erziehung im 21. Jahrhundert (S. 41-54). Weinheim: Beltz.

    ** Im Gegensatz dazu wird »Minderleistung« (»Underachievement«) – Kinder, die aufgrund ihrer kognitiven Kompetenzen deutlich weniger leisten als man von ihnen erwarten würde – sehr wohl als Problem wahrgenommen, es ist relativ gut beforscht und in der Praxis viel diskutiert.

    *** Beispiele sind die zersplitterte Welt zwischen Kita und Familie, die Eltern-Taxis und Mamas Überfürsorglichkeit, die Hausaufgabenunterstützung, die digitalen Medien etc. Siehe mein Buch »Lasst die Kinder los« (2017 bei Piper erschienen) oder Schulte-Markwort, M. (2016). Burnout Kids. Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert. München: Knaur, S. 185ff. 

  • Besonders fleissig, gute Noten und beliebt – ein solches Kind ist der Traum mancher Lehrkräfte und Eltern, denn es hat scheinbar beste Aussichten auf eine besonders erfolgreiche Bildungslaufbahn. Unsere Hochleistungsgesellschaft bietet hierfür perfekte Voraussetzungen: Sie setzt auf gute Schulen und Lehrkräfte, einen leistungsstarken Nachwuchs, auf hohe Bildungsabschlüsse und auf verantwortungsbewusste Väter und Mütter, die ihre Kinder fördern. Es ist mehr denn je en vogue, die Leistungsbereitschaft und -fähigkeit der Kinder zu betonen.

    Entwertung von Bildungsabschlüssen durch die Akademisierung

    Solche Trends haben Auswirkungen auf unser Bildungssystem. Einen wesentlichen Anteil an der zunehmenden Leistungs- und Wettbewerbsorientierung haben Leistungsstudien wie PISA, TIMMS, IGLU und wie sie alle heissen. Angesichts dem teilweise lediglich mittelmässigen Abschneiden der Schülerinnen und Schüler begann die Bildungspolitik unentwegt vor den Auswirkungen dieser Mittelmässigkeit zu warnen, d.h. vor dem Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und dem Abbau des gesellschaftlichen Wohlstands. In den Schulen werden nun zunehmend Vergleichstests etabliert, und in Kindergärten den Elterngesprächen mehrseitige Standortbestimmungen zugrunde gelegt.

    Parallel dazu sind im Zuge von Akademisierung und Bildungsexpansion viele Abschlüsse entwertet worden. Hauptschul- und Realschul-Zeugnisse zählen viel weniger als noch vor ein paar Jahren. Auch Studienabschlüsse sind zwar wichtiger, aber weniger wert. Ein Bachelor ist heute Voraussetzung für viele Berufe, aber längst keine Karrieregarantie mehr.

    Angesichts dieser gesellschaftlichen Entwicklungen ist es nachvollziehbar, dass sich auch Familien so verhalten, wie dies die Bildungspolitik erwartet. Das überdimensioniert scheinende Engagement von Vätern und Müttern ist eine nachvollziehbare reaktive Strategie, um sich zumindest ein wenig gegen die Zukunftsängste stemmen zu können. Und weil die Schule eine »verantwortete Elternschaft« voraussetzt – etwa die Kontrolle von Hausaufgaben, die Unterstützung bei der Erstellung von Referaten und Power-Point-Präsentationen oder die Vorbereitung auf eine Prüfung – ist sie auf die Maximierer- und Optimiererrolle der Eltern angewiesen.

    Normale Kinder sollen grosse Talente werden

    Kinder, die in Schule und Elternhaus auf Leistungsfähigkeit getrimmt werden, sind nicht selten Überleister. Überleister oder Overachiever sind junge Menschen, die mehr leisten als man von ihnen aufgrund ihrer Fähigkeiten erwarten würde. Sie erbringen Hochleistungen, weshalb sie fälschlicherweise oft als hochbegabt bezeichnet werden. Doch sie erreichen ihre Erfolge nicht aufgrund eines hohen Intelligenzquotienten (IQ), sondern mit enormem Fleiss, Elternunterstützung, Ehrgeiz – und Leistungsdruck. Überleister gibt es öfters als man denkt, in Städten und Agglomerationen häufiger als in ländlichen Gebieten. Die Kognitionspsychologin Elsbeth Stern geht davon aus, dass mindestens dreissig Prozent der Kinder, die ins Gymnasium eintreten, aufgrund ihres ungenügenden IQs »eigentlich gar nicht ins Gymnasium gehören«*. Auch jenseits des Gymnasiums finden sich überleistende Kinder, etwa die Langsamlerner mit deutlichen Leistungsschwächen, deren Eltern aber trotzdem mit allen Mitteln auf ein höheres schulisches Anspruchsniveau pochen. Bekannt sind Überleister auch in Sport und Musik. Hier ist der Wunsch gross, aus kleinen Kindern grosse Talente zu machen, und manche Familien sind besonders davonangetan, dass aus ihrem normalen Kind ein aussergewöhnliches Kind wird.

    Um nicht falsch verstanden zu werden: Leistungsorientierung und hohe Erwartungen von Lehrkräften und Eltern sind für eine gute schulische Laufbahn der Kinder wichtig – dies ist eine wissenschaftlich vielfach bestätigte Tatsache. Problematisch werden solche Haltungen dann, wenn sie zum wichtigsten Erziehungsziel der Familie werden, Schulen auf Leistung und Noten fixiert sind und Kinder zu Überleistern werden müssen - um zu funktionieren.

    Überleistung als kulturelles Mandat

    Kinder haben sich in den letzten Jahren wenig verändert, doch heute werden in Therapie, Beratung und Schule mehr Variationen der Norm als pathologisch erklärt und Ausreisser nach oben und unten zurechtgestutzt. Dies führt dazu, dass die Anzahl therapierter Kinder bis ins Unermessliche steigt. Oft hätten solche Kinder keine Therapie nötig, sondern lediglich eine unterstützende Haltung, dass sie »normal« sein dürfen und nicht Leistungen erbringen müssen, die sie überfordern. Doch die Überleisterkultur ist ein kulturelles Mandat geworden, das vom Bildungssystem auf Familie und Kinder übergegriffen hat und der Gesellschaft weis machen will, dass es normal ist, wenn Kinder Therapien brauchen.

    Das schwierige Leben der Kinder, von denen man zu viel erwartet

    Solche Gedanken sind Thema meines für 2022 geplanten Buches. Meine Hauptmotivation ist die Tatsache, dass unsere Gesellschaft fast ausschliesslich auf die Ausschöpfung des Leistungspotenzials und auf die Akademisierung von Ausbildungen fokussiert, kaum aber die tatsächlichen Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen in den Blick nimmt und auch nicht fragt, was zu hohe Erwartungen für ihre Kraft und Motivation bedeuten. Überleistung ist ein bisher unberücksichtigtes, nahezu unerforschtes und ebenso verschwiegenes Thema geblieben**. Wohl gibt es Fachliteratur zu den problematischen Aufwachsbedingungen heutiger Kinder und Jugendlicher, zum Leistungsdruck und seinen Auswirkungen oder zu überehrgeizigen Eltern***.

    Aber über das verborgene und schwierige Leben von Kindern, die Leistungen erbringen müssen, die eigentlich über ihrem Fähigkeitsniveau liegen, spricht niemand gern. Eher richtet man den Blick isoliert auf psychische Störungen und blendet dabei das Wichtigste aus: was die Kluft zwischen der Leistung und dem Aufwand dafür in unserer Gesellschaft anrichtet. 


    * Siehe das Interview: https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/viele-eltern-ueberschaetzen-dieintelligenz-ihrer-kinder/story/24570705 sowie ihre Publikation: Stern, E. & Hofer, S. (2014). Wer gehört aufs Gymnasium? Intelligenzforschung und Schullaufbahnentscheidungen. In E. Wyss (Hrsg.), Von der Krippe zum Gymnasium. Bildung und Erziehung im 21. Jahrhundert (S. 41-54). Weinheim: Beltz.

    ** Im Gegensatz dazu wird »Minderleistung« (»Underachievement«) – Kinder, die aufgrund ihrer kognitiven Kompetenzen deutlich weniger leisten als man von ihnen erwarten würde – sehr wohl als Problem wahrgenommen, es ist relativ gut beforscht und in der Praxis viel diskutiert.

    *** Beispiele sind die zersplitterte Welt zwischen Kita und Familie, die Eltern-Taxis und Mamas Überfürsorglichkeit, die Hausaufgabenunterstützung, die digitalen Medien etc. Siehe mein Buch »Lasst die Kinder los« (2017 bei Piper erschienen) oder Schulte-Markwort, M. (2016). Burnout Kids. Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert. München: Knaur, S. 185ff. 

  • Tatsache ist: Viele Kinder gehen heute ins Gymnasium, die vor 15 Jahren noch eine Berufslehre gemacht hätten. Tatsache ist auch, dass fast 100% der Kinder aus Akademikerfamilien eine Matura machen, der Anteil derjenigen aus Arbeiter- und benachteiligten Migrantenfamilien jedoch nach wie vor nicht mehr als 20% bis 30% beträgt und in den letzten zwanzig Jahren kaum gestiegen ist. Das bedeutet, dass die oft geforderte Chancengleichheit vor allem eine ist, die gut situiert aufwachsende Kinder begünstigt. Solche Kinder finden den Weg viel einfacher ins Gymnasium, auch wenn sie gar nicht besonders intelligent sind. Genau dies hat Elsbeth Stern letztlich aufgezeigt*, als sie im Tagesanzeiger von ihren Studien berichtet hat, wonach der durchschnittliche IQ in Zürcher Gymnasien nur 112 Punkte beträgt, diese jedoch zu einem grossen Teil von «bildungsnahen» Kindern besucht würden.

    Was kann man auf diesen Sachverhalt antworten? Zunächst etwas ganz Grundsätzliches: Ein Bildungssystem muss dem meritokratischen Gedanken und gleichzeitig der Chancengleichheit verpflichtet sein, d.h. dass die individuelle Leistung das entscheidende Prinzip ist und nicht die soziale Herkunft. Es sollten also in erster Linie diejenigen ein Gymnasium besuchen, welche kluge Köpfe haben. Darüber hinaus müssten sie über die notwendigen Persönlichkeitsmerkmale verfügen, welche auch mit den Interessen für akademische Fragestellungen verbunden sind. Wie könnte man dies bewerkstelligen?

    Sicher nicht in erster Linie mit IQ-Tests! Zwar wissen wir seit langem, dass IQ-Tests gute Prädiktoren für den zukünftigen Schulerfolg sind, aber in erster Linie deshalb, weil sie das messen, was in der Schule zählt: die akademische Intelligenz, d.h. die Fähigkeit zum abstrakten und logischen Denken**. Bekannt ist jedoch ebenso, dass IQ-Tests nicht kulturfair sind und deshalb Kinder aus anderen Kulturen, aber auch solche aus einfachen Verhältnissen benachteiligen***. Schliesslich ist es fast schon pädagogische Folklore, dass Intelligenz nicht einfach angeboren ist und dann das ganze Leben so bleibt, wie sie einmal gemessen worden ist. Intelligenz wird entwickelt. In einem förderlichen Umfeld, das den Vorstellungen und Gepflogenheiten unserer europäischen Wissensgesellschaft entspricht, gelingt dies besser als in einem Umfeld, das ganz andere kulturelle Vorstellungen hat.

    Nun sind Intelligenztests auf der Basis unseres abendländischen Kulturkreises entwickelt worden. Deshalb sind sie kaum auf ökonomisch, sozial oder kulturell benachteiligte Schülerinnen und Schüler ausgerichtet. Obwohl es inzwischen so genannte kulturfaire Intelligenztests gibt – d.h. Verfahren, die von spezifischen kulturellen Einflüssen weitgehend unabhängig sind und Angehörige anderer Gruppen nicht benachteiligen sollen – haben sie bisher nicht zu befriedigenden Ergebnissen geführt. Nach wie vor muss man deshalb davon ausgehen, dass inadäquate Testaufgaben zu Verfälschungen von Testsituationen und Testergebnissen bei Minoritätsgruppen führen.

    Wenn unser System bildungsgerechter werden soll, dann müssten wir nicht bei IQ-Tests ansetzen, sondern anderswo. Das Gymnasium besuchen sollte, wer sich für akademische Lehrinhalte interessiert, das Sitzleder und die Motivation hat, sich solche Inhalte anzueignen und sie zu verinnerlichen und wer in der Lage ist, sich auch jenseits von schriftlichen Prüfungssituationen zu bewähren, d.h. im alltäglichen Umgang mit den schulischen Anforderungen.

    Gerade weil gut situiert aufwachsende Kinder in dieser Hinsicht vom Elternhaus oft stark gefördert werden – was ich an sich gar kein Problem finde – braucht es dringend eine kompensatorische Förderung der Kinder, die nicht in derart privilegierte Familien hineingeboren worden sind. Weil es aus obigen Gründen offensichtlich ist, dass ihr Potenzial nicht einfach durch IQ-Tests entdeckt werden kann, brauchen sie eine spezielle Vorbereitung auf gymnasiale Selektionsprozeduren jenseits der stofflichen Vorbereitung.

    Das bedeutet, dass unser Bildungssystem, anstatt auf IQ-Tests zu setzen, eherkompensatorische Auswahlstrategien einführen sollte. Kompensatorisch nennt man alle Bemühungen, die bewusst auf die Förderung von Kindern zum Ausgleich von familiären, kulturellen und anderen benachteiligenden Defiziten in der Sozialisation ausgerichtet sind. Auswahlprozeduren müssen deshalb ermöglichen, dass Nachteile ausgeglichen werden können. Dies kann erreicht werden, wenn Kinder aus benachteiligten Familien – dazu gehören sowohl solche aus Migrantenfamilien als auch aus Schweizer Familien – vorangehend spezifische Förderung erhalten oder Lernmöglichkeiten zur Verfügung gestellt bekommen, damit sie sich fehlendes Wissen und Können aneignen und ihre Fähigkeiten demonstrieren können.Dies ist gerade für ökonomisch Benachteiligte oder solche mit eingeschränkten Deutschkenntnissen von besonderer Bedeutung. Ein gutes Beispiel ist das Projekt CHAGALL des Instituts Unterstrass.

    Dass die Bildungsdirektion Zürich die Einführung von IQ-Tests bei der Aufnahme in Gymnasien schon vor einiger Zeit verworfen hat, ist nur zu begrüssen. Schön wäre es, wenn sie sich  zusammen mit den Schulen überlegen würde, wie man benachteiligten Schülerinnen und Schülern bessere Zugangschancen ermöglichen könnte. Solche Kinder bilden nämlich die zahlenmässig am stärksten besetzte Gruppe der so genannten «Minderleister», d.h., derjenigen Kinder, die deutlich schlechtere Schulleistungen erbringen als dies ihrem Potential entsprechen würde. Somit müssten wir unsere Wahrnehmungspraxis schärfen und unsere Vorstellungen verändern, wonach Begabung – sprich Zugang zum Gymnasium – ein Vorrecht einer bestimmten Kultur oder sozialen Schicht sei.

     

    Literatur

    *Interview mit Elsbeth Stern im Tagesanzeiger vom 24.10.2014: "In Schweizer Gymnasien sind Kinder, die nicht dorthin gehören". http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/bildung/In-Schweizer-Gymnasien-sind-Kinder-die-dort-nicht-hingehoeren/story/16462778

    **Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2014). Frühkindliche Sozialisation. Biologische, psychologische, linguistische, soziologische und ökonomische Perspektiven. Halle: Leopoldina. http://www.leopoldina.org/de/publikationen/detailansicht/?publication%5Bpublication%5D=593&cHash=38f625e5bf8f4074e27cc87b9905bfe1

    **Stamm, M. (2010). Begabte Minoritäten. Eine Black Box unseres Bildungssystems und wie sie geknackt werden könnte. Zeitschrift für Sozialpädagogik, 4, 339-356.

     

     

     

     

     

     

  • Unglaublich, aber wahr: In der beruflichen Grundbildung dominierte vor ein paar Jahren die Jugendarbeitslosigkeit und die mit ihr verbundenen fehlenden Zukunftsperspektiven unserer Jugendlichen. Heute hat sich die Situation diametral verändert. Der Mangel an Ausbildungsplätzen ist einem Mangel an qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern gewichen: Aus dem Lehrstellenmangel ist ein Lehrlingsmangel geworden (Stamm, 2013). In diesem Zusammenhang wurde bisher wenig diskutiert, dass dadurch auch die betriebliche Nachwuchssicherung und das unternehmerische Wachstum gefährdet sind. Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels dürfte sich diese Situation weiter verschärfen.

    Unbesetzte respektive schwierig zu besetzende Ausbildungsplätze stellen sowohl für die Betriebe als auch die Nachwuchssicherung eine ernst zu nehmende Problematik dar. Dabei ist die aktuelle Situation eine sehr spezielle: Neben dem sich immer deutlicher abzeichnenden Fachkräftemangel machen der Berufsbildung vor allem die demographischen Veränderungen zu schaffen. Stimmen die Daten des Bundesamtes für Statistik, dann wird die Anzahl Jugendlicher in diesem Altersspektrum bis zum Jahr 2020 drastisch sinken. Dazu kommt die Tatsache, dass die gymnasiale Ausbildung attraktiver denn je ist, obwohl längst nicht alle, welche eine Aufnahmeprüfung absolvieren, später auch erfolgreich sind. Anzunehmen ist jedoch, dass das Interesse an der akademischen Ausbildung ungebrochen sein und die Berufsbildung lediglich zweite Wahl bleiben wird (Strahm, 2014). Deshalb ist auch davon auszugehen, dass die absoluten Zahlen des leistungsstarken Auszubildenden, welche in die Berufsbildung eintreten, weiter sinken werden.

    Aktuell wird enorm viel unternommen, um diese Problematik zu beheben. So will das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) mit der von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt initiierten Kampagne «Berufsbildungplus.ch» oder demneuen Programm «Match-Prof.»vermehrt Talente suchen und  gezielter fördern. Als weitere bildungspolitische Massnahmen vorgesehen sind die Motivierung junger Frauen für technische Berufe oder die gezielte Nutzung des Potenzials junger Migrantinnen und Migranten. Überdies ist laut Bundesrat Schneider-Ammann 2014 das Jahr der Berufsbildung geworden. Recht hat er und Not tut dies! Denn die Berufsbildung macht eine Entwicklung durch, die von Extremen gekennzeichnet ist.

    Trotzdem ist die aktuelle Situation paradox:Zum Ersten ist der Lehrlingsmangel offensichtlich. ImJuni 2014 waren 23‘500 Lehrstellen noch offen. 80‘000 angebotenen Stellen standen 73‘000 nachgefragte Stellen gegenüber. Zum Zweiten werden aktuell 28.8% der Ausbildungsverträge von Lehrlingen abgebrochen. Am häufigsten trifft dies im Gastgewerbe, bei den Coiffeuren und Schönheitspflegeberufen zu. Schliesslich ist laut Bundesamt für Statistik im Dezember 2013 jeder zehnte Jugendliche ohne Job.Drittens dreht jeder zehnte Jugendliche eine Warteschlaufe oder ist arbeitslos. So waren im Mai 201415‘399 Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren ohne Arbeit (SBFI, 2014) und 16‘500 befanden sich im Übergangssystem. Damit werden alle Angebote be­zeichnet, die eine Brücke bauen zwischen obli­gatorischer Schulzeit und einer Berufslehre resp. einer weiterführenden Schule. Dazu gehören beispielsweise ein Motivationssemester, ein 10. Schuljahr, eine Au-Pair-Stelle oder ein Praktikum. Jugendliche, welche sich in diesem Übergangssystem befinden, teilen eine gemeinsame Erfahrung: dass der Übergang Schule-Beruf für sie nicht erwartungsgemäss funktionierte. Die Hintergründe sind jedoch sehr unterschiedlich, so dass sich mindestens vier Gruppen Jugendlicher unterscheiden lassen:

    Gruppe 1:Zu ihr gehören Jugendliche, welche zwar eine höhere Ausbildung angestrebt hatten, diese jedoch auf dem geraden gymnasialen Weg nicht erreichen konnten.

    Gruppe 2: Sie umfasst solche Jugendliche, welche trotz mehr oder weniger intensiver Suche keinen Ausbildungsplatz gefunden hatten.

    Gruppe 3: Sie bündelt solche Jugendliche, welche schlecht orientiert waren und deshalb ohne Planung ins Übergangssystem hineinstolperten.

    Gruppe 4: Sie subsumiert diejenigen Jugendlichen, welche aufgrund ihres «strategischen Wartens» im Übergangssystem landeten, d.h., dass sie lieber eine weitere Schlaufe drehten als eine konkrete Ausbildung wählten.

    Weshalb ist dies so? Folgt man den Erklärungen vieler Betriebe, so hat diese Situation einen kon­kreten Namen: die «fehlende Ausbildungsreife». Im April 2013 gaben mehr als 30% der befragten Betriebe als Gründe für ihre unbesetzten Lehrstellen einen «Mangel an qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern» an (Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation [SBFI], 2014). Hört man sich etwas herum, so lässt sich der Begriff auch weiter konkretisieren: Neben schlechtem Benehmen oder Unpünktlichkeit klagen viele Lehrbetriebe über fehlendes Grundlagenwissen heutiger Jugendlicher. Bewerberinnen und Bewerber könnten kaum mehr einen Text ohne Fehler schreiben oder würden die minimalsten mathematischen Grundoperationen nicht mehr beherrschen.

    Solche Klagen wirken neu, sind es aber nicht. Wir kennen sie seit mindestens zwanzig Jahren. Manchmal sind es einfach Schutzbehauptungen, weil sich Betriebe nicht verändern oder keine Ausbildungsplätze mehr anbieten wollen. Die Klagen sind jedoch so intensiv, dass sich die Bildungspolitik damit auseinandersetzen muss. Nur, was ist zu tun? Einfach mehr Drill von der obligatorischen Schule verlangen, damit sie diese Mängel behebt und garantiert, dass alle Schüler über «Mindestkompetenzen» verfügen? Wir alle wissen, dass dies angesichts der heutigen heterogenen Schülerklientel und unter den gegebenen finanziellen Bedingungen kaum im geforderten Tempo möglich sein wird. Sollen somit die Betriebe ihre Anforderungen nach Ausbildungsreife strikt durchsetzen und deshalb Ausbil­dungsplätze aufgrund fehlender Qualifikationen der Bewerberinnen und Bewerber streichen? Dies wiederum wäre für die Nachwuchs- und Fachkräftesicherung unseres Landes fatal. Schon letztes Jahr verzeichnete der Verband für Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie Swissmem für seine Branche einen Rückgang der Neuanstellungen von Lehrlingen um 8%.

    Insgesamt sollte die aktuelle Situation zum Anlass genommen werden sich zu fragen, weshalb nach wie vor viele Jugendliche, die eigentlich eine betriebliche Ausbildung anstreben (könnten), im Übergangssystem landen. Zu diskutieren wären zwei mögliche Ursachen:

    erstens, dass es trotz eines erheblichen Ressourceneinsatzes bisher offenbar nicht gelungen ist, dieses Übergangssystem deutlich zu reduzieren. Vielleicht liegt es an der Vielfalt der Mas­snahmen. Aussenstehende gehen oft – nicht ganz zu Unrecht – von einem «Massnah­mendschungel» aus. Eine Systematisierung könnte zum Ziel haben, die Vielfalt zu reduzieren und die Angebote im Übergang Schule-Beruf so zusammenzufassen, dass sie zu einer tatsächlichen «Brücke» werden

    zweitens, dass eine Änderung der Selektions- und Rekrutierungspraxen einen neuen Blick auf verborgene Potenziale zu Tage fördern könnte. Anzunehmen ist nämlich, dass die demographische Entwicklung ein Mehr an Durchlässigkeit erzwingen wird und zwar auf allen Ebenen, auch auf derjenigen des Übergangssystems.

    Reflektiert und optimiert die Berufsbildung diese Faktoren, könnte sie einen bedeutsamen Wertbeitrag für die Attraktivität der Berufsbildung leisten und auch dem Nachwuchsmangel zumindest in Ansätzen begegnen. Aber dazu wäre ein Perspektivenwechsel nötig, der ein anders ausgerichtetes «Talentmanagement» (Stamm, 2012) zur Folge hätte.

    Literatur

    Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) (2014). Lehrstellenbarometer. Detaillierter Ergebnisbericht (April 2014). Bern: SBFI.

    Stamm, M. (2012). Talentmanagement in der beruflichen Grundbildung. Dossier 12/2. Universi­tät Fri­bourg: Departement Erziehungswissen­schaften. http://www.margritstamm.ch/component/docman/cat_view/4-dossiers.html?Itemid=

    Stamm, M. (2013). Lehrlingsmangel: Strategien zur Rekrutierung des Nachwuchses. Dossier Be­rufsbildung 13/2. Bern: Swiss Education. http://www.margritstamm.ch/component/doc­man/cat_view/4-dossiers.html?Itemid

    Strahm, R. H. (2014). Die Akademisierungsfalle. Bern: h.e.p.

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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