Chancen

  • Die soziale Herkunft zensiert*. Diesen Titel trägt eine Studie, an der Franz Baeriswyl von der Universität Fribourg mitgearbeitet hat und empirisch belegt, was wir eigentlich schon lange wissen: Kinder aus einfach gestellten Familien bekommen schlechtere Noten, auch wenn sie in Prüfungen gleich gut wie Kinder aus sozial gut gestellten Familien abschneiden.

  • Schon lange ist bekannt, dass Kinder mit Migrationshintergrund schlechtere Schulleistungen erbringen als einheimische Kinder und dass diese Unterschiede, vor allem in den sprachlichen und sozialen Kompetenzen, bereits beim Eintritt in den Kindergarten deutlich sichtbar werden. Darauf verweisen viele Studien. Eine Konsequenz aus diesen empirischen Tatsachen war und ist, dass solche Kinder in sprachlich ausgerichteten Gruppen, in Sprachförderprogrammen oder in anderen Massnahmen gezielt gefördert werden. Bund, Kantone und Gemeinden geben hierfür viel Geld aus.

    Diese Strategie ist bisher auf grosse Akzeptanz gestossen und nur von der politisch Rechten dahingehend kritisiert worden, dass (Migranten-)Familien selbst verantwortlich seien für die Integration und schulische Vorbereitung ihrer Kinder und nicht der Staat.

    Jenseits jeglichen politischen Blickwinkels stellt sich jedoch zunehmend die Frage, weshalb es trotz enormer finanzieller Aufwendungen bisher nicht gelungen ist, das Potenzial dieser Kinder so zu fördern, dass sie beim Schuleintritt günstigere Startchancen haben. Eine Ursache sehe ich darin, dass wir immer bei den Kindern und ihren Familien ansetzen und nie bei den Merkmalen unseres Bildungssystems.

    Diese Ursache lässt sich zweifach begründen. Zum einen gibt es in der Bildungsforschung das unbewusste und nicht diskutierte Ritual, Ergebnisse aus wissenschaftlichen Untersuchungen zu wiederholen (man spricht dann von «Replikationsstudien»). Auch in der Forschungsförderung zeigt sich, dass Projekte zu benachteiligten Migranten bevorzugt behandelt werden und dass auch Kantone am meisten Finanzen in wissenschaftliche Begleituntersuchungen dieses Mainstreams stecken. Das Ergebnis solcher Studien ist fast immer das gleiche: Migrantenfamilien vernachlässigen (zu) oft ihre Kinder, fördern sie zu wenig, gehen nicht an Elternabende und interessieren sich nicht ausreichend für unser Bildungssystem. Deshalb gelten ihre Kinder als Bildungsverlierer. Zum zweiten werden solche Ergebnisse von den Medien oft hochstilisiert. Migrantenkinder werden zu einer Risikogruppe, über die bei jeder Gelegenheit ausführlich berichtet wird.

    Meines Erachtens ist es vollkommen falsch, immer nur über das Versagen der Migrantenkinder und ihrer Familien zu sprechen, nie jedoch über das Versagen unseres Bildungssystems. Dass auch mehr als zehn Jahre nach PISA die Herkunft immer noch den Schulerfolg bestimmt, ist ein Skandal. Und zwar einer, der nicht lediglich mit einem Sprachförderprogramm für Spielgruppen behoben werden kann. Alle sprechen zwar inzwischen vom «Potenzial der Migranten» und davon, wie es genutzt werden soll, gerade auch im Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel. Aber was bringt es, wenn unser Blick nach wie vor auf die individuellen Defizite der Kinder und ihrer Familien gerichtet ist? Wenn wir uns weiterhin davor hüten, über die Leistungsfähigkeit unseres Bildungssystems im Hinblick auf Integration und Chancengerechtigkeit zu reden? Mit Sicherheit wird uns dieser Scheuklappenblick nicht weiter bringen.

    Deshalb sollten wir den Blick konsequent vom Misserfolg der Familien, ihre Kinder zu fördern, weglenken auf die Barrieren unseres Bildungssystems und uns fragen, weshalb sie von solchen Kindern und ihren Familien nicht überwunden werden können. Setzen wir auf diese Barrieren, müssen wir uns jedoch mit der institutionellen Diskriminierung und ihren Folgen auseinandersetzen. Die institutionelle Diskriminierung geht davon aus, dass organisationale Strukturen oder institutionelle Regelungen des Bildungssystems zu Benachteiligungen von bestimmten Gruppen führen. Die bekanntesten diskriminierenden Mechanismen werden beispielsweise in der massiven Häufung von Kindern mit Migrationshintergrund in Realschulen, Einschulungsklassen oder in den Warteschlaufen beim Eintritt in die Berufsbildung sichtbar, welche solche Jugendlichen viel häufiger als Einheimische drehen müssen.

    Die erste Adressatin des Blicks auf die institutionelle Diskriminierung ist deshalb nicht die pädagogische Praxis, sondern die Bildungspolitik. Sie müsste federführend werden, damit wir endlich die Struktur des Bildungssystems verändern und – vor allem die Rolle und Bedeutung der Migranten neu bestimmen.

  • erschienen in NZZ, 1. Dezember 2018, S. 12 unter dem Titel "Das Beste ist nicht immer gut genug. Verschonen wir die Kinder vom Optimierungswahn"

    Alle wollen ihn haben: den perfekten Körper. Um diesem Ideal zu entsprechen, gehen immer mehr Menschen ins Fitness-Center. Längst sind es nicht mehr nur Frauen, sondern zunehmend auch Männer, die sich einem solchen Schönheitsdiktat unterwerfen. Doch dieser vor allem medial aufbereitete Trend wäre kaum der Rede wert, wenn da nicht die Tatsache wäre, dass nun auch Kinder zunehmend Teil dieses Perfektionswahns werden. TeenFitness heisst ein solches revolutionäres Trainingssystem, das Eltern erlaubt, nicht nur sich selbst, sondern auch den Nachwuchs zu optimieren und ihn zum neuen Investitionsprojekt werden zu lassen. Optimierung hat das Schicksal abgelöst, das nicht Perfekte wird kaum mehr toleriert.

  • Alle Welt spricht von Potenzial. So soll das Potenzial unserer Kleinsten entwickelt und gefördert, das Potenzial von Talenten in der Berufsbildung genutzt oder auch an Hochschulen das Potenzial des Forschernachwuchses besser entfaltet werden. Erkannt haben wir inzwischen auch das Potenzial von älteren Menschen und dasjenige von Migrantinnen und Migranten.

    Was aber steckt eigentlich hinter dem Begriff? Heisst «Potenzial zu haben» mit guten Genen ausgestattet zu sein oder eher in einer aufmerksamen Umwelt zu leben, welche es fördern will? In der Öffentlichkeit gibt es hierzu ganz unterschiedliche Meinungen, die allerdings mit dem Stand der Forschung nicht immer übereinstimmen. Zwei Beispiele:

    Der clevere Migrantenbub, der sich zum Multimillionär hocharbeitet und eine Tellerwäscherkarriere machen kann:Hinter dieser Vorstellung steckt die Überzeugung, dass Migranten, die sich anstrengen würden, bei uns die gleichen oder sogar besseren Chancen hätten als die Schweizer. Jeder sei seines eigenen Glückes Schmied, weshalb es bei entsprechendem Wille auch einen Weg nach oben gäbe. Migranten sollten somit ihr Potenzial – gemeint sind offensichtlich die Anlagen – nutzen und sich anstrengen.

    Aus einer wissenschaftlichen Perspektive ist diese Ansicht nicht ganz richtig. Unsere Forschungsergebnisse aus der MIRAGE-Studie (*) zeigen, dass es mit Sicherheit keine einzelnen Faktoren sind, welche den Erfolg von Migranten bestimmen, sondern ein ganzes Set von personalen Merkmalen wie Frustrationstoleranz, Selbstvertrauen und Selbstorganisation, von familiären Merkmalen wie Bildungsambition und hohe Erwartungshaltungen und von betrieblichen respektive (berufs-)schulischen Merkmalen wie Lehrkräfte und AusbildnerInnen als Coaches. Das Fehlen solcher Faktoren ist auch einer der Hauptgründe, weshalb viele Kinder aus benachteiligten Migrantenfamilien, die eigentlich über ein hohes Potenzial im Sinne guter Anlagen verfügen würden, schon vor oder kurz nach dem Schuleintritt durch die Maschen fallen.

    Mit Frühförderung kann man alle Kinder erfolgreich machen:Heute gilt die frühe Förderung als Musterbeispiel dafür, wie viel die Umwelt aus kleinen Kindern machen kann. Dabei wird immer wieder betont, dass die Vorschuljahre eine Zeit enormen körperlichen, emotionalen und geistigen Wachstums sind, in der Kinder eine ungeheure Kapazität zum Lernen entwickeln können. Wer nicht möglichst früh seinen Nachwuchs fördert, nimmt das Risiko verpasster Chancen in Kauf. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!

    Auch dieses Beispiel muss aus wissenschaftlicher Sicht korrigiert respektive präzisiert werden. Kinder sind keine Black Box, die nach Belieben wie ein Diamant geschliffen und geformt werden können. Zwar stimmt es sehr wohl, dass die ersten Lebensjahre enorm wichtig sind für eine gelingende Entwicklung, doch zeichnet sich der Mensch durch eine lebenslange Lernfähigkeit aus. Menschen können auch im (späten) Erwachsenenalter noch vieles lernen (**). Gleichwohl ist dieses spätere Lernen mühevoller, aufwändiger, zudem finanziell viel teurer und weniger wirkungsvoll als in der frühen Kindheit. Deshalb ist es zwar richtig, wenn unsere Gesellschaft nun (endlich) die Aufmerksamkeit auf die frühe Kindheit legt. Trotzdem ist nach dem Vorschulalter nicht alles hoffnungslos verloren! Man darf die Erkenntnisse der frühkindlichen Bildungsforschung nicht überstrapazieren.

    Eine solche schwarz-weiss-Malerei, wie sie in den beiden Beispielen zum Ausdruck kommt, ist falsch. Es kommt nicht nur darauf an, was in einem Menschen drin steckt, also wie gut seine Gene sind oder nur auf seine Umwelt, d.h. seine Erziehung und Förderung. Es gibt kein Entweder-oder, sondern in allen Lebenslagen nur ein Sowohl-als-auch. Entwicklung und Entfaltung von Potenzial finden erst in der Zusammenschau von Anlage, Umwelt und dem Menschen selbst statt. Die Intelligenz eines Menschen ist nicht ab Geburt unveränderbar festgelegt. Intelligenz kann entwickelt werden. Dabei hat die Umwelt einen wichtigen Einfluss. Ist sie positiv, dann fördert sie die Intelligenzentwicklung, ist sie negativ, dann hindert sie diese. Deshalb braucht es eine Passung zwischen den beiden und zwar zu einem richtigen Zeitpunkt.

    Gesamthaft gesehen mag die Volksweisheit «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr» im Kern zwar richtig sein, aber sie übersieht die schwierige Beziehung zwischen Anlage und Umwelt. Wir sollten deshalb in der Diskussion um die Förderung von Potenzial den Blick auch auf die Interaktion von Anlage und Umwelt legen. Junge Migranten können nicht einfach so erfolgreich werden, nur weil sie zufälligerweise gute Gene haben. Sie brauchen ebenso Personen in ihrer Umgebung, die sie fördern und an sie glauben. Genauso kann auch die beste und teuerste frühe Förderung durch das Elternhaus nur so weit beim Kind Wirkung erzielen, wie dies seine Gene zulassen. Chancen und Grenzen gibt es somit in beiden Richtungen. Insgesamt eine doch eher beruhigende Erkenntnis, nicht?

     

    Literatur

    (*) Stamm, M. Leumann, S. & Kost, J. (2014). Erfolgreiche Migranten. Ihr Ausbildungs- und Berufserfolg im Schweizer Berufsbildungssystem. Münster: Waxmann.

    (**) Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2014). Frühkindliche Sozialisation. Biologische, psychologische, linguistische, soziologische und ökonomische Perspektiven. Halle: Leopoldina. http://www.leopoldina.org/de/publikationen/detailansicht/?publication%5Bpublication%5D=593&cHash=38f625e5bf8f4074e27cc87b9905bfe1

  • Die "Überalterung" ist eine Tatsache, welche uns enorm beschäftigt. Unwörterwie Rentnerschwemme, Grufties oder Altersheim Schweiz verweisen auf das schwierige Umfeld, in dem Altern heute stattfindet. Die Altersdebatte ist nach wie vor weitgehend eine Angstdebatte, auch wenn mediale Berichte von den jungen Alten anderes verheissen.Es erstaunt deshalb kaum, dass dieser Negativblick die Diskussion über das Altern beherrscht und die mit ihm verbundenen Chancen nahezu vollständig ignoriert. Das zeigt sich übrigens auch in vielen Altersleitbildern, die oft stark in dem verwurzelt bleiben, was ältere Menschen brauchen und viel zu wenig das fokussieren, was sie können oder in welchen Bereichen wir sie brauchen. würden.

    Ich möchte ein anderes Bild des Alter(n)s zeichnen, eines, das die Entfaltung von Potenzial und Talenten in den Mittelpunkt stellt. Ich beziehe mich dabei auf unsere Längsschnittstudie "Talent Scout 60+", die wir in diesem Jahr abgeschlossen haben. Sie verdeutlicht, dass Entwicklungdie ganze Lebensspanne umfasst von der Wiege bis zur Bahre und immer in eine Dynamik zwischen Verlust und Wachstum eingebettet ist. Ich erläutere nachfolgend unsere Hauptergebnisse, indem ich sechs Aussagen von prominenten Personen als Thesen zur Diskussion stelle.

    Joan Collins, Schauspielerin aus der Serie Dallas: «Das Alter ist irrelevant, es sei denn, du bist eine Flasche Wein.»

    Ich denke, dass diese These falsch ist. Alter ist relevant. Die Angst vor dem Altwerden in einer Gesellschaft im Jugendwahn ist ein Normalzustand. Altern ist eine Provokation, der sich niemand entziehen kann, auch nicht dann, wenn man das Altern als irrelevant bezeichnet. Es gibt mindestens vier Bewältigungsmuster: Die einen versuchen Dank Anti-Aging-Massnahmen körperlich und ästhetisch fit zu bleiben und auf diese Weise ‚erfolgreich’ zu altern. Andere setzen eher einen spirituellen Schwerpunkt und akzeptieren das Altern als unausweichliche Herausforderung, sich auf den Tod einzustellen. Wieder andere resignieren, weil sie überzeugt sind, dass Altwerden mit nutzlos werden gleichzusetzen ist. Es gibt auch eine vierte Gruppe: Sie entwickelt ihre Talente so, wie dies Martha im Film «Die Herbstzeitlosen» tut. Obwohl sie nach dem Tod ihres Mannes die Lebenslust verloren hatte, wagte sie einen Neubeginn und erfüllte sich mit einer Lingerie-Boutique einen Lebenstraum.

    Gotthold Ephraim Lessing: «Welche Freude wenn es heisst: Alter, du bist alt an Jahren, blühend aber ist dein Geist.»

    Diese Aussage hat etwas auf sich. Spätentwickler blühen häufig richtig auf, wenn sie einen Bereich entdecken, zu dem sie etwas Bedeutsames beitragen können. Gleichzeitig fordern sie unsere stereotypen Vorstellungen heraus: Ist eine solche Entwicklung überhaupt wünschbar? Haben ältere Menschen nach einem langen Arbeitsleben nicht Ruhe und Beschaulichkeit verdient? Nun, die Entfaltung von Fähigkeiten im Alter meint weniger ausgedehnte Reisen oder sportliche Gewaltstrainings. Sie meint vielmehr die intensive, mit Faszination verbundene Realisierung von Fähigkeiten, die während langer Zeit aus irgendwelchen Gründen blockiert waren.

    Immanuel Kant, Philosoph: «Im Alter nimmt die Urteilskraft zu und Genie ab.»

    Auch wenn sie von Kant ist, lässt sich dieser These nicht vorbehaltlos zustimmen, man muss sie weiter differenzieren. Sicher ist, dass die dominante Defizitthese, die von einem generellen Abbau im Alter ausgeht, nicht mehr tragbar ist. Es können auch in diesem Lebensabschnitt noch innovative Intelligenzformen auftreten, die Entwicklungsmöglichkeiten – und damit Genie - zulassen.

    Dies gilt vor allem für die Pragmatik der Intelligenz, vergleichbar mit der Software des PC. Dazu gehören Sprachverständnis, Sachwissen und Denkstrategien. Wer ein Leben lang Spezialwissen in bestimmten Bereichen erworben hat und diese besonders pflegt und weiterentwickelt, kann nicht nur bis ins Alter Höchstleistungen erbringen, sondern ist auch weniger von Gedächtnisverlusten betroffen.

    Vom Abbau betroffen ist jedoch die Mechanik der Intelligenz, was in etwa der Hardware beim PC entspricht. Eindrücklich nachgewiesen ist die altersbedingte Begrenzung der Memorierungsfähigkeit oder des Lernens von Neuem und Komplexem.

    Ingmar Bergmann, Regisseur: «Mit dem Alt-werden ist es wie mit dem Auf-einen-Baum-steigen: Je höher man steigt, desto mehr schwinden die Kräfte, aber desto weiter sieht man.»

    Ich würde diese These zwar unterstützten, aber noch genauer formulieren. Denn das Talent – weiter sehen zu können – entsteht nicht einfach dadurch, dass man auf die Zähne beisst und sich bemüht, nach oben zu kommen. Vielmehr muss der alternde Mensch lernen, Elemente des des Verlusts zu akzeptieren und gewinnbringend in seine Talententwicklung zu integrieren. Das zeigt das so genannte SOK-Prinzip der selektiven Optimierung mit Kompensation von Paul Baltes. Es besagt, dass der Mensch diejenige Möglichkeit auswählt, die er verwirklichen will, sie optimiert, um sein Talent zur Geltung zu bringen und die fehlenden Eigenschaften oder Handlungsmöglichkeiten kompensiert. Der berühmte Pianist Arthur Rubinstein ist ein hervorragendes Beispiel hierfür. Auf die Frage, weshalb er mit 80 Jahren noch ein so guter Pianist sein könne, antwortete er: weil er sein Repertoire verringert habe (Selektion), diese Stücke mehr als früher übe (Optimierung) und – weil er die ausgewählten Stücke nicht mehr so schnell wie früher spielen könne – verlangsame er vor besonders schnellen Passagen sein Tempo, so dass sie dann wieder ausreichend schnell erscheinen würden (Kompensation).

    Paul Baltes, Forscher: «Erfolgreiches Altern ist unsere wichtigste Zukunftsressource.»

    Aus dem bisher Gesagten kann diese Aussage nur unterstrichen werden. Alte Menschen werden bald als die Generation der Zukunft gelten. Derzeit ist ein Fünftel der Bevölkerung über 60 Jahre alt, bis 2030 werden es gut ein Drittel sein. Die enorm gestiegene Lebenserwartung ist eine grosse Herausforderung mit weitreichenden Konsequenzen, vor allem dann, wenn sich immer mehr Menschen immer früher pensionieren lassen. Wenn jedoch die Forschung nachweist, wie wichtig die kognitive Herausforderung im Alter ist, dann kann Pensionierung auch geradezu schädlich sein. Denn um fit zu bleiben, braucht das Gehirn eine Vielfalt an Stimulation. Ruhestand ist so verstanden eine Art Winterschlaf, weil Inaktivität das Gehirn schädigt. Talente zu entwickeln und Expertise zu pflegen ist deshalb eine Anpassungsstrategie für ein erfolgreiches Altern.

    Rolf Dörig, Präsident Swiss Life: «Wir werden bis 70 und länger arbeiten müssen.»

    An dieser Aussage scheiden sich die Geister. Dies hat sich daran gezeigt, wie sehr die Boulevardblätter ob dieser Aussage aufgejault haben. Dabei haben viele Ältere inzwischen andere Probleme: Ohne seniorisiert und frustriert zu werden, möchten sie länger oder vor allem anderes arbeiten, dürfen aber nicht.

    Talent und Expertise im Alter werden aber auch aus anderen Gründen möglicherweise die heisse Frage der Zukunft werden: Stichwort „Fachkräftesicherung“. Angesichts des enormen Mangels an Fachkräften – man erwartet bereits in den nächsten Jahren, dass jede zweite Stelle nur schwer besetzt werden kann. Nur: Die wichtigste Einsicht zum Alter, die von der Politik seit Jahren überhört wird, ist nicht die: länger arbeiten! sondern: zur Kenntnis nehmen, dass das Lebensalter ein ganz schlechter Indikator für die Leistungsfähigkeit ist. Von einem pauschalen Pensionierungsalter ist deshalb wenig zu halten. Vielmehr ist die Frage der Arbeitskraft und des Potenzials stärker vom Alter zu trennen. Wir sollten uns deshalb Gedanken machen, wie Kapazitäten Älterer einzusetzen sind, damit sie Schwerpunkte ihrer Tätigkeit vertiefen oder verändern oder sich anders orientieren können – auch dann, wenn die Mechanik von Körper und Geist anfälliger wird. Ein so verstandenes Lebenslanges Lernen setzt auf die Entwicklung und Entfaltung von Potenzialen und Talenten Älterer und damit auch auf eine Neuorientierung von Qualifikationsprofilen.

     * http://bit.ly/1YBQIrl

    * http://bit.ly/1TlCsjE

     

  • Tatsache ist: Viele Kinder gehen heute ins Gymnasium, die vor 15 Jahren noch eine Berufslehre gemacht hätten. Tatsache ist auch, dass fast 100% der Kinder aus Akademikerfamilien eine Matura machen, der Anteil derjenigen aus Arbeiter- und benachteiligten Migrantenfamilien jedoch nach wie vor nicht mehr als 20% bis 30% beträgt und in den letzten zwanzig Jahren kaum gestiegen ist. Das bedeutet, dass die oft geforderte Chancengleichheit vor allem eine ist, die gut situiert aufwachsende Kinder begünstigt. Solche Kinder finden den Weg viel einfacher ins Gymnasium, auch wenn sie gar nicht besonders intelligent sind. Genau dies hat Elsbeth Stern letztlich aufgezeigt*, als sie im Tagesanzeiger von ihren Studien berichtet hat, wonach der durchschnittliche IQ in Zürcher Gymnasien nur 112 Punkte beträgt, diese jedoch zu einem grossen Teil von «bildungsnahen» Kindern besucht würden.

    Was kann man auf diesen Sachverhalt antworten? Zunächst etwas ganz Grundsätzliches: Ein Bildungssystem muss dem meritokratischen Gedanken und gleichzeitig der Chancengleichheit verpflichtet sein, d.h. dass die individuelle Leistung das entscheidende Prinzip ist und nicht die soziale Herkunft. Es sollten also in erster Linie diejenigen ein Gymnasium besuchen, welche kluge Köpfe haben. Darüber hinaus müssten sie über die notwendigen Persönlichkeitsmerkmale verfügen, welche auch mit den Interessen für akademische Fragestellungen verbunden sind. Wie könnte man dies bewerkstelligen?

    Sicher nicht in erster Linie mit IQ-Tests! Zwar wissen wir seit langem, dass IQ-Tests gute Prädiktoren für den zukünftigen Schulerfolg sind, aber in erster Linie deshalb, weil sie das messen, was in der Schule zählt: die akademische Intelligenz, d.h. die Fähigkeit zum abstrakten und logischen Denken**. Bekannt ist jedoch ebenso, dass IQ-Tests nicht kulturfair sind und deshalb Kinder aus anderen Kulturen, aber auch solche aus einfachen Verhältnissen benachteiligen***. Schliesslich ist es fast schon pädagogische Folklore, dass Intelligenz nicht einfach angeboren ist und dann das ganze Leben so bleibt, wie sie einmal gemessen worden ist. Intelligenz wird entwickelt. In einem förderlichen Umfeld, das den Vorstellungen und Gepflogenheiten unserer europäischen Wissensgesellschaft entspricht, gelingt dies besser als in einem Umfeld, das ganz andere kulturelle Vorstellungen hat.

    Nun sind Intelligenztests auf der Basis unseres abendländischen Kulturkreises entwickelt worden. Deshalb sind sie kaum auf ökonomisch, sozial oder kulturell benachteiligte Schülerinnen und Schüler ausgerichtet. Obwohl es inzwischen so genannte kulturfaire Intelligenztests gibt – d.h. Verfahren, die von spezifischen kulturellen Einflüssen weitgehend unabhängig sind und Angehörige anderer Gruppen nicht benachteiligen sollen – haben sie bisher nicht zu befriedigenden Ergebnissen geführt. Nach wie vor muss man deshalb davon ausgehen, dass inadäquate Testaufgaben zu Verfälschungen von Testsituationen und Testergebnissen bei Minoritätsgruppen führen.

    Wenn unser System bildungsgerechter werden soll, dann müssten wir nicht bei IQ-Tests ansetzen, sondern anderswo. Das Gymnasium besuchen sollte, wer sich für akademische Lehrinhalte interessiert, das Sitzleder und die Motivation hat, sich solche Inhalte anzueignen und sie zu verinnerlichen und wer in der Lage ist, sich auch jenseits von schriftlichen Prüfungssituationen zu bewähren, d.h. im alltäglichen Umgang mit den schulischen Anforderungen.

    Gerade weil gut situiert aufwachsende Kinder in dieser Hinsicht vom Elternhaus oft stark gefördert werden – was ich an sich gar kein Problem finde – braucht es dringend eine kompensatorische Förderung der Kinder, die nicht in derart privilegierte Familien hineingeboren worden sind. Weil es aus obigen Gründen offensichtlich ist, dass ihr Potenzial nicht einfach durch IQ-Tests entdeckt werden kann, brauchen sie eine spezielle Vorbereitung auf gymnasiale Selektionsprozeduren jenseits der stofflichen Vorbereitung.

    Das bedeutet, dass unser Bildungssystem, anstatt auf IQ-Tests zu setzen, eherkompensatorische Auswahlstrategien einführen sollte. Kompensatorisch nennt man alle Bemühungen, die bewusst auf die Förderung von Kindern zum Ausgleich von familiären, kulturellen und anderen benachteiligenden Defiziten in der Sozialisation ausgerichtet sind. Auswahlprozeduren müssen deshalb ermöglichen, dass Nachteile ausgeglichen werden können. Dies kann erreicht werden, wenn Kinder aus benachteiligten Familien – dazu gehören sowohl solche aus Migrantenfamilien als auch aus Schweizer Familien – vorangehend spezifische Förderung erhalten oder Lernmöglichkeiten zur Verfügung gestellt bekommen, damit sie sich fehlendes Wissen und Können aneignen und ihre Fähigkeiten demonstrieren können.Dies ist gerade für ökonomisch Benachteiligte oder solche mit eingeschränkten Deutschkenntnissen von besonderer Bedeutung. Ein gutes Beispiel ist das Projekt CHAGALL des Instituts Unterstrass.

    Dass die Bildungsdirektion Zürich die Einführung von IQ-Tests bei der Aufnahme in Gymnasien schon vor einiger Zeit verworfen hat, ist nur zu begrüssen. Schön wäre es, wenn sie sich  zusammen mit den Schulen überlegen würde, wie man benachteiligten Schülerinnen und Schülern bessere Zugangschancen ermöglichen könnte. Solche Kinder bilden nämlich die zahlenmässig am stärksten besetzte Gruppe der so genannten «Minderleister», d.h., derjenigen Kinder, die deutlich schlechtere Schulleistungen erbringen als dies ihrem Potential entsprechen würde. Somit müssten wir unsere Wahrnehmungspraxis schärfen und unsere Vorstellungen verändern, wonach Begabung – sprich Zugang zum Gymnasium – ein Vorrecht einer bestimmten Kultur oder sozialen Schicht sei.

     

    Literatur

    *Interview mit Elsbeth Stern im Tagesanzeiger vom 24.10.2014: "In Schweizer Gymnasien sind Kinder, die nicht dorthin gehören". http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/bildung/In-Schweizer-Gymnasien-sind-Kinder-die-dort-nicht-hingehoeren/story/16462778

    **Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2014). Frühkindliche Sozialisation. Biologische, psychologische, linguistische, soziologische und ökonomische Perspektiven. Halle: Leopoldina. http://www.leopoldina.org/de/publikationen/detailansicht/?publication%5Bpublication%5D=593&cHash=38f625e5bf8f4074e27cc87b9905bfe1

    **Stamm, M. (2010). Begabte Minoritäten. Eine Black Box unseres Bildungssystems und wie sie geknackt werden könnte. Zeitschrift für Sozialpädagogik, 4, 339-356.

     

     

     

     

     

     

  • Ich selbst gehöre zu denjenigen, die einmal Nachhilfe, gekriegt haben und zwar in Mathematik unmittelbar vor der Aufnahmeprüfungen ins damalige Lehrerseminar. Und Sie? Verschiedene von Ihnen müssten diese Frage eigentlich mit ja beantworten können. Denn laut Statistik bekommen etwa drei von 10 Jugendlichen Nachhilfe. Zu diesem Schluss sind zwei neue Studien von Stefanie Hof und Stefan Wolter (2012*) sowie von Hans-Ulrich Grunder (2013**) gekommen. Offenbar reicht der normale Unterricht für viele Schulkinder nicht aus, weil sie von unserem Bildungssystem überfordert werden. Das stimmt allerdings nicht ganz, denn erstaunlicherweise stecken meist nicht etwa eine drohende Klassenwiederholung und schlechte Schulnoten dahinter. Vielmehr geht es oft um prophylaktische Massnahmen, um eine Art Lerndoping ehrgeiziger Eltern, welche auf diese Weise die Schulnoten ihrer Kinder optimieren und ihnen Wettbewerbsvorteile verschaffen wollen, damit sie im Konkurrenzkampf bestehen respektive die Aufnahmeprüfung ins oder den Verbleib im Gymnasium schaffen.

    Dabei ist die Bandbreite an Angeboten enorm: Vom klassischen Studenten als Nachhilfe-Lehrer für Primarschüler über Lernstudios als Vorbereitungsort für die Gymi-Aufnahmeprüfung oder dem neuen online-Angebot «Teachpoint»*** bis zum äusserst beliebten «Repetitorium» an Universitäten und Fachhochschulen gibt es alles. Prüfungen bestehen und Notenoptimierung ist überall das Stichwort. Nachhilfe ist deshalb ein Millionengeschäft in einem hart umkämpften Markt geworden. Deshalb müssen sich die Anbieter etwas einfallen lassen. Strategien wie «Geld-zurück-Garantie» oder «All inclusive» sind nur zwei der vielen Werbemittel. Eine Erfolgsgarantie gibt es aber eigentlich gar nicht. Denn zentral sind die Motivation des Kindes und die didaktischen Fähigkeiten der Nachhilfe-Lehrkraft.

    Aus vielen Untersuchungen wissen wir, dass Kinder und Jugendliche in der Regel den Nachhilfeunterricht gern haben und die Lehrkräfte dort sehr schätzen. Dies ist erstaunlich, müssen sie doch zusätzlich und in der kostbaren Freizeit für schulische Dinge antraben. Einer der Hauptgründe dürfte darin liegen, dass viele Kinder auf die Ziele ihrer Eltern stark eingespurt sind und sich deshalb nicht getrauen zu rebellieren. Dass die Rebellion oft erst später kommt, zeigt unsere Studie «Zu cool für die Schule?» (Stamm, 2013****).

    An sich sind die verschiedenen Formen von Lerndoping natürlich nicht weiter schlimm. Nachhilfe ist per se nicht schädlich. Und im Hochschulbereich ist sie eigentlich eine logische Folge des Bologna-Systems, das ab dem ersten Tag des Studiums in jeder Vorlesung und in jedem Seminar auf Noten und Prüfungen setzt, die zu bestehen sind, damit das Studium fortgesetzt werden kann. Mit Blick auf das obligatorische Schulsystem jedoch erachte ich zwei Dinge als problematisch:

    • Erkaufte Vorteile: Finanzkräftige Elternhäuser können sich mittels Nachhilfe einen Vorteil erkaufen. Zwar belegt Grunders Studie, dass auch Eltern aus  einfacheren sozialen Schichten Nachhilfeunterricht für ihre Kinder finanzieren, auch wenn es für sie ein grosses finanzielles Opfer bedeutet. Doch sind es gerade ökonomisch gut gestellte Eltern, welche sich auch längerfristige und intensive Angebote von Lernstudios leisten und ihrem Nachwuchs deshalb mit weit grösserer Wahrscheinlichkeit Vorteile verschaffen und diese auch sichern können. Darauf verweist die Studie von Hof und Wolter in zweifacher Hinsicht: (1) bekommt ein Jugendlicher, dessen Eltern lediglich einen Berufsbildungsabschluss haben, 25% weniger Nachhilfe als ein Jugendlicher aus einem akademischen Elternhaus; (2) nehmen bei knappen Gymiplätzen im Kanton (wie dies beispielsweise im Kanton Zürich der Fall ist) deutlich mehr sehr gute Schüler Nachhilfe als schlechte.
    • Ein gefährliches neues Parallelsystem: Mit dem florierenden Nachhilfesystem ist unbemerkt ein neues Parallelsystem neben dem eigentlichen Schulsystem entstanden. Neu deshalb, weil es bereits ein etabliertes Parallelsystem gibt: die von finanzkräftigen Elternhäusern beanspruchten ausserschulischen Förderangebote (Fremdsprachenunterricht, Lernen im Talentstudio etc.). Zusammen tragen diese beiden Systeme dazu bei, dass  das, was in der Schule eigentlich zählt, nämlich gute Noten, zunehmend ausserhalb geleistet wird. Weil solche Aktivitäten die Eltern nicht nur viel Geld, sondern vor allem auch Zeit und Energie kostet, können sie nur von einem bestimmten Teil der Bevölkerung aufgebracht werden, nämlich von Familien mit den notwendigen materiellen Grundlagen.

    Ohne das Parallelsystem des Lerndopings würden viele Kinder den Weg ins Gymnasium gar nicht schaffen oder nach kurzer Zeit wieder aufgrund ungenügender Noten wieder austreten müssen. Nicht wenige von ihnen sind deshalb «Overachiever», d.h. Mädchen und Knaben, die deutlich bessere Leistungen erbringen als dies aufgrund ihrer Intelligenz zu erwarten wäre. Sie sind extrem fleissig, werden intensiv unterstützt und oft auch fälschlicherweise als hochbegabt eingeschätzt.

    Insgesamt sollten wir über die Bücher gehen. Es kann nicht sein, dass neben dem Schulsystem heimliche Parallelsysteme entstehen, die vor allem den Privilegierten, aber vielleicht nicht einmal besonders Intelligenten, Vorteile verschaffen. Der Nachhilfemarkt darf nicht weiter ignoriert werden. Wir brauchen neue Initiativen. Nur dürften sie nicht in Richtung einer Verstaatlichung von Nachhilfe gehen, wie dies vor einiger Zeit von einem kantonalen Lehrerverband vorgeschlagen worden ist. Weil sich privilegierte Familien immer Vorteile verschaffen werden – und dies ja auch verständlich ist – geht es viel mehr darum, kompensatorische Nachhilfe- und Förderangebote zu schaffen, die sich ausschliesslich an ökonomisch benachteiligte Kinder und Jugendliche richten. Es gibt zwar wenige solche Leuchttürme, einen von ihnen kenne ich und kann ihn deshalb besonders empfehlen: das Projekt ChagALL des Instituts Unterstrass in Zürich.

     

    Literatur

    * Hof, S. & Wolter, S. C. (2012). Nachhilfe – Bezahlte ausserschulische Lernunterstützung in der Schweiz. Aarau:  SKBF Staff Paper 8.

    ** Grunder, H.-U. et al. (2013). Nachhilfe. Eine empirische Studie zum Nachhilfeunterricht in der deutschsprachigen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

    ***Hier kommen die virtuellen Lehrer. Tagesanzeiger, 17.05.2014; http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/Hier-kommen-die-virtuellen-Lehrer/story/22480512

    ****Stamm, M. (2013). Zu cool für die Schule? Dossier 13/2. Bern: Swiss Institute for Educational Issues. http://www.margritstamm.ch/component/docman/cat_view/4-dossiers.html?Itemid=

  • Von der Vorschule bis zur Hochschule steht seit geraumer Zeit das Potenzial von Migrantinnen und Migranten auf der Agenda der Bildungspolitik. Recht so! Denn es hat lange genug gedauert, bis man vom negativ besetzten Bild «der» Migranten weggekommen ist. Trotzdem hat der verstärkte Fokus auf sie leider dazu geführt, dass eine genauso wichtige Gruppe fast vergessen worden ist: die einheimischen Arbeiterkinder. Ähnlich wie dies bei benachteiligten Migrantenkindern der Fall ist, schaffen es viel zu wenige von ihnen an die Universität. Welches sind die Hintergründe?

    Noch vor 40 Jahren hatte unsere Gesellschaft im Anschluss an Ralf Dahrendorf (1965*) das grosse Ziel, «Bildung als Bürgerrecht» zu verwirklichen und jedem Kind – auch den Mädchen, denen vom Land, den katholischen und den Arbeiterkindern («das katholische Arbeitermädchen vom Lande»**) – zu einer ihrer Begabung entsprechenden Ausbildung zu verhelfen. Die «Ausschöpfung der Begabungsreserven***» wurde zum erklärten Ziel der Bildungsreformen der 1960er und 1970er Jahre.

    Ein Blick in die Statistik zeigt, dass die Begabungsreserven tatsächlich ausgenützt wurden. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Zustrom zu den Gymnasien und Universitäten deutlich verstärkt und das Bildungsniveau insgesamt ansteigen lassen. Leider betrifft diese Entwicklung vor allem Kinder aus bildungsnahen Familien. Kinder mit Eltern, die studiert haben, gehen zu 88% ebenfalls an die Universität. Aus Arbeiterfamilien schafft es hingegen nur etwa jeder vierte Jugendliche (24%). Diese Quote hat sich seit den 1970er Jahren lediglich um etwa 10% erhöht****.

    Der Zugang zu den Schweizer Universitäten – ich spreche nicht von den Fachhochschulen, an denen die Situation leicht besser aussieht – ist somit immer noch selektiv. Dafür gibt es verschiedene Gründe, von denen drei als besonders wichtig sind:

    Soziale Herkunft beeinflusst Leistung: Studien wie PISA, IGLU und wie sie alle heissen, haben deutlich gemacht, dass Kinder aus einfachen Verhältnissen bei gleichen kognitiven Fähigkeiten signifikant (etwa 3.8 mal) tiefere Chancen haben, aufs Gymnasium zu kommen als Kinder aus hohen Sozialschichten. Dies gilt auch für hochbegabte Kinder.

    Skepsis der Eltern:Die Entscheidungen der Eltern bei der Berufswahl differieren nach Sozialschicht. Während solche aus hohen Sozialschichten eine grosse Bildungsmotivation haben und sich schon ca. in der vierten Klasse fürs Gymnasium und den akademischen Bildungsweg entscheiden*****, sind Eltern unterer Sozialschichten trotz gleicher Schulleistungen ihrer Kinder dem Gymnasium gegenüber sehr skeptisch eingestellt. Die akademische Welt ist für sie fremd, weshalb sie von den erwarteten Kosten zurückschrecken, aber gleichzeitig den frühen Lohn des Nachwuchses in der Berufslehre besonders stark gewichten. Viele von ihnen sind auch überzeugt davon, dass junge Menschen, die studieren, nicht wissen, was arbeiten heisst.

    Sich vom eigenen Milieu distanzieren:Arbeiterkinder können weder intellektuell noch strategisch von ihren Eltern Hilfe bekommen, weil diese die akademische Welt nicht kennen und Bildung, Intellekt und geistige Interessen nicht selten kaum wertschätzen. Das ist eine grosse psychische Herausforderung für die Kinder, weshalb sie sich oft und schmerzhaft von der Herkunftsfamilie distanzieren.

    Haben Arbeiterkinder all diese Hürden überwunden und landen sie trotzdem an der Uni, dann können sie sich endlich bewähren. Sie sind nämlich ebenso gut wie die besser situierten Kinder und brechen auch nicht häufiger das Studium ab. Dies ist alles andere als selbstverständlich, denn Arbeiterkinder müssen  an der Universität eine für sie vollkommen neue Welt auf eigene Faust erobern und deshalb im Hörsaal und den Seminarien enorm viel Selbstbewusstsein respektive Selbstvertrauen unter Beweis stellen.

    Ihre Väter und Mütter waren mit Sicherheit nicht an Veranstaltungen, wie sie nun zunehmend für Eltern von angehenden Studierenden organisiert werden. Veranstaltungen wie die an der Universität Basel «Uni für Eltern ******», werden fast ausschliesslich von Eltern besucht, die selbst auch einen akademischen Bildungshintergrund haben. Ihnen wird hier erklärt, was Studieren bedeutet und wie sie ihre Kinder unterstützen können. Eigentlich ist dies paradox, denn solche Eltern wissen ja eigentlich bereits, wie es geht, währendem Arbeitereltern auf solche Informationen grundsätzlich angewiesen wären, aber logischerweise sich gar nicht an eine Universität getrauen.

    Es erstaunt deshalb kaum, dass sich viele Arbeiterkinder an der Uni deplatziert vorkommen und alle um sich herum als viel wissender empfinden. Viele von ihnen haben Mütter, die ungelernt und Väter, die Maurer, Bodenleger oder Briefträger sind und keine Ahnung haben, was eine «Universität» überhaupt ist und wie es dort zu und her geht. Ihre Eltern können ihnen aber nicht nur keinen akademischen Rat mit auf den Weg geben, sondern auch keine oder zu wenig Finanzen. Zwei von drei Studierenden aus einem Arbeitermilieu müssen deshalb neben dem Studium zwingend Geld verdienen, währendem dies nur für eine von drei Personen aus gut situierten Elternhäusern der Fall ist.

    Eine der Hauptschwierigkeiten von Arbeiterkindern an der Universität besteht jedoch – wie bereits angetönt – darin, dass sie einen Spagat vollziehen müssen zwischen den unterschiedlichen Welten, in denen sie leben. Während sie zu Hause eine vollkommen andere Tradition erleben, die Eltern sich kaum vorstellen können, was sie denn an der Uni überhaupt machen und sie deshalb zu Hause auch kaum etwas von ihrem Uni-Alltag erzählen, haben sie gleichzeitig Hemmungen, ihren Kommilitonen zu sagen, wo sie herkommen. Wenn sie erzählen, dass ihre Mutter nur acht Jahre die Schule besucht hat und der Vater in der Fabrik arbeitet, dann fühlen sie sich oft wie von einem anderen Stern. Denn viele der bildungsnahen Studierenden haben noch nie vorher mit Arbeiterkindern engeren Kontakt gehabt.

    Es ist deshalb ausgesprochen wichtig, dass sich die Bildungspolitik mit ihren Anstrengungen nicht ausschliesslich auf junge Migrantinnen und Migranten ausrichtet, sondern ebenso auf unsere einheimischen Arbeiterkinder. Beide Gruppen brauchen sozialen Beistand von aussen, durch Tutoren, Mentees, Unterstützungsprogramme, aber genauso durch engagierte Lehrkräfte, Trainer in Vereinen, Pfarrer etc. Es wäre fatal, wenn Unterstützungsprogramme weiterhin ausschliesslich auf junge Migrantinnen und Migranten ausgerichtet bleiben würden. Sie sind zwar gut gemeint und wichtig, aber enorm selektiv. Unsere Arbeiterkinder sind auf Gleichbehandlung angewiesen.

     

    Literatur

    * Dahrendorf, R. (1965). Bildung ist Bürgerrecht. Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik. Hamburg: Nannen.

    ** Peisert, H. (1967). Soziale Lage und Bildungschancen in Deutschland. München: Piper.

    *** Heller, K. A. (2008). Von der Aktivierung der Begabungsreserven zur Hochbegabtenförderung. Forschungsergebnisse aus vier Dekaden. Berlin: LIT.

    **** Stamm, M. (2014a). Minoritäten als Begabungsreserven. In M. Stamm (Hrsg.), Handbuch Talententwicklung. Theorien, Methoden und Praxis in Psychologie und Pädagogik (S. 375-384). Bern: Huber.

    ***** Stamm, M. (2014b). Nur (k)eine Berufslehre. Eltern als Rekrutierungspool. Dossier 14/4. Bern: Forschungsinstitut Swiss Education.

    ******Twitter:http://ow.ly/HKu2w

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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