Förderung

  • Seit fast zehn Jahren wird nun schon Kritik laut, dass Begabtenförderprogramme vor allem Kinder aus bildungsambitionierten Familien bedienen. Typischerweise handelt es sich um Schweizer Kinder aus der Mittel- und Oberschicht, um ausländische Kinder von Expats und vielleicht noch um Migrantenkinder aus gebildeten Familien. Kinder aus anderen Bevölkerungsschichten – Arbeiterkinder, benachteiligte Migrantenkinder oder Kinder aus«Risikofamilien» sind stark untervertreten. Und Gleiches gilt an den Hochschulen: Stipendiengelder bekommen vor allem Kinder aus gut situierten Akademikerfamilien, währendem solche aus einkommens- und bildungsschwachen Haushalten deutlich seltener solche erhalten*.

    Was steckt hinter dieser grossen Ungerechtigkeit? Zunächst einmal die verbreiteten Vorurteile.Viele sind überzeugt, dass ein höherer Bildungsgrad der Eltern für eine bessere genetische Ausstattung verantwortlich sei. Wer in Zürich im Kreis 5 unterrichte, in Bern-Bethlehem oder im Tscharnergut, könne – leider – gar keine Begabtenförderung betreiben, weil es dort keine begabten Kinder geben könne. Wie falsch ist diese Überzeugung und wie nachhaltig ist sie! Es gibt in allen Kulturen und in jeder Bevölkerungsschicht begabte Kinder. Wenn man jedoch keine Begabungen erwartet, sucht man sie nicht und findet entsprechend auch keine.

    Begabungen von benachteiligten Kindern werden systematisch geleugnet oder nicht beachtet und übersehen. Dieser Zustand widerspricht nicht nur unserem viel gerühmten demokratischen Bildungssystem, sondern er verstärkt den bereits bestehenden Graben zwischen privilegierten und benachteiligten Kindern. Denn erstere sind von zu Hause aus mit den bestmöglichen Ressourcen ausgestattet, während für letztere das Gegenteil gilt und sie gerade deshalb jegliche Förderung dringend brauchen würden.

    Um solche Diskrepanzen zu korrigieren, müsste man an den Wurzeln des Systems ansetzen. Aber mit Sicherheit nicht dort, wo dies von der Politik schon gefordert worden ist: dass man Begabtenförderprogramme generell abschaffen solle, wenn sie derart ungerecht seien und nur den Privilegierten dienen würden. Das wäre eine vollkommen falsche Strategie, weil gerade in unserer Demokratie auch privilegierte begabte Kinder das Anrecht haben, gefördert zu werden und weil Begabtenförderprogrammen ein grosses Potenzial innewohnt, besser und gerechter werden zu können.

    Wo liegen die Gründe für die Untervertretung von benachteiligten Kindern in Begabtenförderprogrammen? Folgt man den einschlägigen Forschungserkenntnissen, dann sind es vier Bereiche:

    (1) Die Tatsache, dass Begabung traditionellerweise als der Mittel- und Oberschicht zugehörig betrachtet wird.Begabtenförderprogramme basieren deshalb auf ungleichen Selektionschancen. Diese wiederum führen zur Unterrepräsentation von Minderheiten.

    (2) Die Problematik der Identifikation: Intelligenztests sind auf der Basis unserer abendländischen Kultur entwickelt worden und kaum auf ökonomisch, sozial oder kulturell benachteiligten Schülerinnen und Schülern ausgerichtet. Obwohl es inzwischen «kulturfaire» Intelligenztests gibt – d.h. Verfahren, die von spezifischen kulturellen Einflüssen weitgehend unabhängig sind und Angehörige anderer Gruppen nicht benachteiligen – haben sie bisher nicht zu befriedigenden Ergebnissen geführt.

    (3) Die Einstellungsmuster und Werthaltungen von Lehrkräften:Lehrpersonen empfehlen Kinder für die Aufnahme in Begabtenförderprogramme selektiv. Empfehlungsgrundlage ist oft ihre vorangehend bereits erwähnte Überzeugung, Kinder aus bestimmten Kulturen seien grundsätzlich weniger intelligent, weshalb es kaum talentierte Schülerinnen und Schüler aus benachteiligten Milieus gäbe. Die Legitimation für solche Überzeugungsmuster finden sie dabei meist in der mangelnden Beherrschung der deutschen Sprache.

    (4) Die familiären Merkmale: Nicht selten stehen Schulen unter Druck von besonders bildungsambitionierten Eltern. Haben sie ihr Kind abklären lassen und mittels eines Gutachtens oder einer Potenzialanalyse die Trenddiagnose «Hochbegabung» erhalten (Kraus, 2013), dann nutzen sie diese, um dem Nachwuchs Vorteile zu verschaffen. Oft hat dies zur Folge, dass Schulen solchen Druckversuchen entsprechen und das betreffende Kind einem Begabtenförderprogramm zuweisen, insbesondere dann, wenn Eltern mit juristischen Verfahren drohen.

    Was wäre zu tun? Grundsätzlich müsste der Zugang zu Begabtenförderprogrammen so angelegt werden, dass die soziale Gleichheit in den Zugangschancen gewährleistet ist. Die aktuell angewendeten Auswahlverfahren sind zu überdenken, weil sie begabte Kinder aus einfachen Verhältnissen benachteiligen. Zudem braucht es Einstellungsveränderungen von Lehrkräften. Zwar ist das Bewusstsein gewachsen, dass eine der zentralen Herausforderungen unserer Gesellschaft eine möglichst optimale Förderung aller Kinder und Jugendlicher, ohne Rücksicht auf ihre soziale Herkunft, beinhaltet. Aber Lehrkräfte müssten ihre Vorstellung überwinden, dass der Umgang mit Heterogenität auch beinhaltet, begabte benachteiligte Kinder zu suchen, zu finden und dann auch zu fördern.

    Notwendig sind somit eine Schärfung der Wahrnehmungspraxis, eine Änderung der Alltagsvorstellungen, wonach Talent ein angeborenes Merkmal einer gehobenen Bevölkerungsschicht sei und vor allem eine stärkere Motivation, mehr für die soziale Gerechtigkeit bei der Förderung der Begabtesten zu sorgen.

     

    *Stamm, M. (2010j). Begabte Minoritäten. Eine Black Box unseres Bildungssystems und wie sie geknackt werden könnte. Zeitschrift für Sozialpädagogik, 4, 339-356.

    **Kraus, J. (2013).

  • Warum bekommt man heute Kinder? Um dem Leben einen Sinn zu geben, um Liebe zu schenken und sich selbst nicht mehr so wichtig zu nehmen. So antwortet zumindest in unseren Forschungsstudien ein Großteil der Eltern oder solche, die es werden wollen. Elternliebe gilt als einmalig und unvergleichlich. Auch der Schriftsteller Jean Paul hat einmal gesagt, mit einer Kindheit voll Liebe könne man ein halbes Leben lang in der kalten Welt auskommen. Tatsächlich ist die Liebe zwischen Eltern und Kind für die fundamentale Ausgestaltung des Lebens etwas Grundlegendes. Zwar entspricht sie nicht dem ‚coup de foudre’, der Liebe auf den ersten Blick, den die Franzosen ‚Blitzschlag‘ nennen. Doch gilt sie als größer, inniger und zarter. Aber nicht nur die Liebe, sondern auch die Verantwortung gegenüber dem Kind schreiben heutige Eltern groß: 62% der 35- bis 42-jährigen meinen, dass Eltern ihr eigenes Leben hinter dasjenige des Kindes stellen sollten. Diese Aufopferungspflicht ist international. Sie gipfelt darin, dass Kinder heute zu genau geplanten Lebenswerken geworden sind. Wenn Männer und Frauen Eltern werden, dann erträumen sie ihr Elternglück in vielen Farben, und eines steht fest: Das Kind soll etwas Besonderes werden, das alles überstrahlt. Das Ziel ist das perfekte Kind, und perfekte Kinder brauchen perfekte Eltern. Derartiges Streben kann jedoch problematische Folgen für die Kinder haben. Dafür sind jedoch kaum die Väter und Mütter verantwortlich, sondern in erster Linie ist es unsere Gesellschaft.

    In den letzten zehn Jahren sind Väter und Mütter immer stärker zum Gegenstand des öffentlichen und politischen Interesses geworden. Grundsätzlich ist dies eine positive Entwicklung, denn die Familie ist lange genug ein Stiefkind der Politik gewesen (und ist es teilweise heute noch!). Problematisch ist allerdings, dass Erziehung, Betreuung und Bildung des Nachwuchses mehr und mehr politisiert werden und dies für Eltern negative Folgen hat. Eine oft vertretene gesellschaftliche Überzeugung ist dabei übermächtig: dass es allein der familiäre Einfluss sei – spricht: die «gute» Mutter und der «gute» Vater – welcher das Verhalten und Gedeihen des Nachwuchses bestimme. In der Bildungs- und Sozialpolitik besonders beliebt ist der Begriff der «verantworteten Elternschaft». Damit ist gemeint, dass man keine Kinder in die Welt setzen soll, wenn man nicht in der Lage ist, sie gut zu erziehen, zu fördern und zu bilden und dabei alle ihre Bedürfnisse und Interessen in den Mittelpunkt zu stellen. Dazu kommt, dass den Eltern kontinuierlich eingetrichtert wird, die ersten Lebensjahre seien die wichtigsten überhaupt. Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Aussage zwar weitgehend richtig, doch die mit ihr verbundenen Drohungen – Wer nicht möglichst früh seinen Nachwuchs fördere, nehme das Risiko verpasster Chancen in Kauf – haben möglicherweise fatale Folgen.

    Denn logischerweise haben sich solche Forderungen schnell auf das Selbstverständnis der Eltern übertragen und damit auch auf die Entwicklung der Kinder. Weshalb wundert man sich eigentlich, dass Eltern zunehmend begonnen haben, sich früh schon mit der Bildung ihrer Kinder zu beschäftigen? Sie verhalten sich ja nur genau so, wie dies die Politik immer einfordert! Warum ist man so erstaunt, dass Väter und Mütter ihre Antennen mit der Strategie «Früher=besser» dauernd ausfahren, um sich in Startposition zu bringen? Und weshalb der große Aufschrei, wenn Eltern Perfektionsträume entwickeln, die vor allem aus der Sorge um die Zukunft ihrer Kinder geboren werden und deshalb zumindest ein wenig helfen sollen, sich gegen die diffusen und bedrohlichen Ängste zu stemmen? Denn, wohin sie auch schauen und an wen sie sich auch wenden, sie werden bestätigt: Die Krise der Familie ist allgegenwärtig, und Schuld daran sind die Väter und Mütter!

    Je mehr jedoch unsere Gesellschaft die Eltern unter Druck setzt, desto größer werden ihre Schuldgefühle. Diese Einschüchterungskultur macht aus normalen Eltern solche, die unter Dauerstress stehen, damit sie perfekt sein und aus ihren Sprösslingen Treibhauskinder machen können. Sie stecken vielmehr in einem Circulus Vitiosus, in einem Teufelskreis, und zwar deshalb, weil sie so instrumentalisiert werden, dass sie sich nicht mehr kompetent genug fühlen. Die Art und Weise, wie in der Öffentlichkeit der Erziehungsnotstand proklamiert wird, hat zum Eindruck geführt, als ob alle Eltern professionelle Hilfe von außen bedürften. Folgedessen ist ein Großteil der Eltern auch überzeugt, dass in der Entwicklung und Erziehung ihres Nachwuchses mit Sicherheit etwas schief gehen wird, wenn sie nicht Expertenunterstützung erhalten. Dieser fatalistische Blick erhöht jedoch nur ihre Angst und vermindert gleichzeitig ihre Fähigkeit, auf sachlicher und objektiver Basis intelligente und intuitionsbasierte Entscheidungen zu treffen. Unsere Gesellschaft inklusive viele der selbst ernannten Experten tragen zu einem großen Teil dazu bei, weshalb Väter und Mütter heute so verängstigt sind, sich überfordert fühlen und das Vertrauen in ihre natürliche Fähigkeit, gute Eltern sein zu können, verloren haben.

  • Mütter mit kleinen Kindern sind mit ihren Karriere- und Erziehungsaspirationen oft auf Kollisionskurs. Sie finden sich gefangen in den Widersprüchen zwischen den Idealen der erfolgreichen berufstätigen Frau und der guten Mutter. Je mehr sie versuchen, ideale Mütter zu sein, desto geringer ist die Zeit, sich auf den Beruf zu konzentrieren. Und je mehr sie versuchen, den beruflichen Ansprüchen gerecht zu werden, desto weniger können sie sich ihrem Nachwuchs widmen. Der Feminismus meiner Generation hat ihnen zwar in Schule und Beruf Türen geöffnet, aber sie nicht darin unterstützt, eine Balance zu finden zwischen Karriere und Familie. Dies ist ein Grund, weshalb die Ideologie der guten Mutter heute wieder so wirksam ist.

    Was steckt hinter diesem Phänomen? Unsere beiden Studien FRANZ* und TARZAN* erlauben einige, vorerst explorative Antworten. In erster Linie ist es ein fundamentales und umfassendes Verantwortungsgefühl vieler Mütter für alles, was mit dem Nachwuchs und seiner Erziehung zu tun hat. Dieses Verantwortungsgefühl schreiben sie sich alleine zu und nicht auch dem Partner. Dabei geht es weit mehr als um die Sorge für die körperliche Sicherheit und das emotionale Wohlbefinden. Es geht auch darum, dass sich das Kind besonders gut entwickelt. Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass sich Mütter immer wieder fragen, was wohl das Beste für das Kind ist und ob es tatsächlich die richtige Förderung bekommt.

    Weshalb haben emanzipierte Mütter derartige Verantwortungsgefühle? Vier Gründe dürften dafür verantwortlich sein: (1) die gesellschaftlichen Vorbehalte gegenüber Fremdbetreuung; (2) der Slogan «Bildung beginnt bei der Geburt»; (3) die Hypothese des perfekten Kindes und (4) Mütter im Wettbewerb mit anderen Müttern.

    (1) Die gesellschaftlichen Vorbehalte gegenüber Fremdbetreuung

    In der Erziehung dominiert heute ein absolut kindzentrierter Ansatz, der von Müttern uneingeschränktes und emotional absorbierendes Engagement sowie arbeitsintensive Betreuung, Pflege und Förderung erfordert. Die Erwartungen an Mütter sind in den letzten 20 Jahren enorm gestiegen. Gespiesen werden sie in erster Linie durch die vielen Expertenmeinungen zur Bedeutung der Mutter-Kind-Bindung, genauer: zur Mutterpräsenz. Dabei hat die NICHD-Studie** eine wichtige, aber zugleich sehr problematische Rolle gespielt. Unter anderemuntersuchte sie die Auswirkungen verschiedener Formen familienergänzender Betreuungsangebote (Kitas, Tagesfamilien, Nannys, Verwandte etc.) auf die kindliche Entwicklung und die Rolle der abwesenden Mutter. Obwohl die Studienergebnisse gemischt waren und sich vor allem die Qualität der Kinderbetreuung als zentrales Kriterium für die kindliche Entwicklung erwies, wurde in den Medien ganz anders berichtet. Die Botschaft war vor allem die,dass fremdbetreute KinderVerhaltensschwierigkeiten und Bindungsstörungen entwickeln würden und in der Schule mehr Probleme hätten. Dies hat hierzulande dazu geführt, dass sich berufstätige Frauenoft – nicht selten auch von der Verwandtschaft oder von Arbeitskollegen – Vorwürfe gefallen lassen müssen, sie seien Rabenmütter und die Ursache dafür, wenn sich ihr Nachwuchs nicht wie gewünscht entwickle. Es versteht sich deshalb von selbst, dass Frauen versuchen, gute Mütter zu sein und trotz Erwerbstätigkeit zu jeder Zeit für die Kinder da zu sein.

    (2) Der Slogan «Bildung beginnt bei der Geburt»

    In der gleichen Zeit wurde der Mythos geboren, wonach «Bildung bei der Geburt» beginne. Ausgehend vonder Ansicht, wonach das Gehirn seine neuronalen Bahnen in den ersten drei Lebensjahren aufbaut, proklamierten viele Fachexperten, dass die kognitive Entwicklung vollkommen von der elterlichen Stimulation in dieser Periode abhänge.Dahinter verbirgt sich die Philosophie, dass Kinder nahezu alles lernen können, wenn es nur gut arrangiert ist. Schon für die Allerkleinsten gibt es heute Lern-DVDs mit vielversprechenden Namen wie «Baby-Einstein» oder «Baby-Van Gogh».Die riesige Industrie an Frühförderprogrammen und -beratungen suggeriert Müttern, sie seien selber schuld, wenn sie solche Angebote nicht nutzen und ihr Kind schon beim Schuleintritt hinter die anderen Kinder zurückfalle. Zwar haben viele Neurologen versucht, solche falschen Schlüsse zur elterlichen Stimulation zu neutralisieren und zu betonen, dass kleine Kinder, die in «normalen» Familien aufwachsen, keine spezielle Förderung brauchen. Nur ganz besonders vernachlässigte Kinder profitieren explizit davon. Dieses an sich beruhigende Korrektiv ist jedoch von Medien und Erziehungsratgebern weit seltener aufgenommen worden. Viele Mütter verstehen sich deshalb nach wie vor als erste und unabdingbare Förderinstanzen.

    (3) Die Hypothese des perfekten Kindes

    Natürlich ist es nachvollziehbar, dass Mütter besorgt sind, etwas durch Unterlassung falsch machen und dem Kind dadurch schaden zu können. Denn es ist nicht nur die Hirnforschung, welche ihnen Angst einjagt, sondern es sind gleichzeitig auch Aussagen von Experten, dass Eltern ihren Sprössling zu einem perfekten Kind erziehen können. So steht in vielen Ratgebern, dass Mütter und Väter ihre Kinder gescheiter machen könnten als sie dies jetzt tun. Und vom Neurologen Gerald Hüther stammt der Satz: «Jedes Kind ist hochbegabt.»*** Logischerweise üben solche Statements einen grossen Druck gerade auf Mütter aus, weil sie die Kindererziehung als ihren Verantwortungsbereich erachten und nichts übersehen wollen. «Können» wird vor diesem Hintergrund für sie schnell zu einem «müssen».

    (4) Mütter im Wettbewerb mit anderen Müttern

    Mutterschaft ist zu einem Wettbewerb geworden. Von jeder Familie wird erwartet, dass sie eine «verantwortete Elternschaft» betreibt.Damit ist gemeint, dass man keine Kinder in die Welt setzen soll, wenn man nicht in der Lage ist, sie gut zu erziehen, zu fördern und zu bilden und dabei alle ihre Bedürfnisse und Interessen in den Mittelpunkt zu stellen.Für Mütter bedeutet dies, dass sie ihr Kind nicht nur lieben, es betreuen und fördern, sondern aus ihm auch einerfolgreiches Kind machen sollen. Denn erfolgreiche Kinder gelten als das Produkt der Mütter, welche ihren «Auftrag» ernst nehmen, auch dann, wenn sie berufstätig sind. Dieser Druck hat zur Folge, dass Frauen heute sehr genau hinschauen, was die Nachbarn für ihre Kinder tun, die Freunde oder die Kollegin am Arbeitsplatz. Der Soziologe Georg Simmel sagt, dass soziale Nachbarn als Vergleichsmassstab für die Art und Weise dienen, wie sich der Nachwuchs entwickelt, wie erfolgreich er ist und was er schon kann, aber auch, was aus ihm werden soll. Solche Vergleiche gründen in den Sorgen vieler Frauen vor dem Gedanken, ihr Kind könne etwas nicht, das von ihm erwartet wird und das es gegenüber anderen Kindern aus ähnlich situierten Familien auszeichnen würde.

    Fazit: Je mehr unsere Gesellschaft Erfolg und Versagen den Müttern zuschreibt und dabei mit Angstszenarien argumentiert, desto grösser werden ihre Verantwortungs- und Schuldgefühle. Eine solche Einschüchterungskultur setzt auch an sich normale Mütter unter Dauerdruck und Dauerstress, so dass auch sie nur ein Ziel haben: alles fürs Kind zu tun und dabei keine Fehler zu machen, also perfekt zu sein. Davon handelt mein Buch, das am Donnerstag, den 17. März 2016 bei Piper**** erscheint.

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    *margritstamm.ch -> Forschung -> Publikationen -> Dossiers

    **NICHD Early Child Care Research Network (2001). Nonmaternal care and family factors in early development: An overview of the NICHD Study of Early Child Care. Journal of Applied Developmental Psychology 22, 457-492.

    ***Hüther, G. & Hauser, U. (2013). Jedes Kind ist hochbegabt. Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen. München: Knaus.

    ****Stamm, M. (2016). Lasst die Kinder los! Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. München: Piper.

  • Die PISA-Studien, die seit dem Jahr 2000 in dreijährigem Turnus durchgeführt werden, haben dazu geführt, dass die Bildungspolitik einen Grossteil ihrer Energie für Schulen und ihre Schulleistungen verwendet. Die Schulen sollen nicht nur besser werden, sie sollen auch sicherstellen, dass alle Schüler bestimmte Niveaus erreichen. Deshalb werden bereits heute in vielen Kantonen Vergleichsprüfungen eingesetzt, im Kanton Aargau beispielsweise der «Check 5», ein freiwilliger Leistungstest für die 5. Klassen. Auch HarmoS sieht Bildungsstandards inklusive deren Überprüfung in den Fachbereichen Schulsprache, Fremdsprachen, Mathematik und Naturwissenschaften am Ende des 4., 8. und 11. Schuljahres* vor.

    Leider ist es bisher nicht gelungen – auch in Staaten nicht, die schon lange solche Reformen eingeführt haben – auf diese Weise die Leistungsunterschiede zwischen sozialen Gruppen zu verkleinern. Selbstverständlich möchte ich damit nicht behaupten, dass Schülerleistungen auf der Basis von Leistungstests nicht verbessert werden können, sondern lediglich, dass es auf diese Weise nicht gelingt, den Einfluss der sozialen Herkunft auf die Schülerleistungen zu vermindern.

    Den Grund hierfür sehe ich darin, dass die Bildungspolitik viel zu wenig beachtet, was ausserschulisch passiert. Meine These ist eine doppelte: Erstens wird ein grosser Anteil der Lern- und Förderarbeit zunehmend ausserschulisch geleistet. Zweitens kosten solche Unterstützungsanstrengungen viel Geld, Zeit und Energie, weshalb sie nur von einem bestimmten Teil der Bevölkerung geleistet werden können. Deshalb bleiben sie den Familien vorbehalten, welche über die notwendigen materiellen Grundlagen verfügen. Mittel- und Oberschichtkinder profitieren deshalb ganz besonders. Dieser Sachverhalt ist aus der Forschung längst bekannt: So macht der Anteil der Schulen an den Leistungsunterschieden zwischen Schülern – nach Kontrolle ihrer sozialen Herkunft – nur 5% bis 18% aus. Die finanziellen Verhältnisse der Familie erklären jedoch, so die neuen Studien von Stephen Ball**, mehr als 30%.

    Es gibt somit eine neue Ökonomie des Schulerfolgs. Kinder aus gut situierten Familien bekommen früh schon und während ihrer ganzen Schulzeit viel Lernunterstützung, weil ihre Eltern für sie geeignete Bildungsleistungen ausserschulisch einkaufen. Der Markt, der hierzu zur Verfügung steht, ist ein expandierendes System an Angeboten, Dienstleistungen und Kursen geworden. Zweisprachige Vorschulen, Super-Kitas, Lernspielzeuge, Software, Nachhilfe, Förder- und Ferienkurse, private Tutoren, Lernstudios und spezialisierte Lerntherapeuten sowie Personal Trainers sind Teil einer fortlaufenden Kommerzialisierung geworden. Für interessierte Eltern ist es ein leichtes, ein geeignetes Angebot zu finden, wenn die nötigen Finanzen vorhanden sind: Bildungserfolg ist käuflich geworden. Nachhilfestunden bilden dabei nur ein Steinchen in einem grossen Mosaik.

    Unsere Bildungspolitik hat einen bemerkenswerten Anteil daran, weshalb dem so ist. Zum einen versucht sie seit Jahren, die Verantwortlichkeiten der Schule wieder verstärkt ans Elternhaus zu binden. Zum anderen wird landauf landab immer wieder betont, wie wichtig Bildung sei, dass immer mehr Berufe höhere Ansprüche im schulischen Bereich stellen und ein hoher Bildungsabschluss deshalb eine zentrale Bedeutung habe. Wenn nun gut situierte Eltern eifrig auf zusätzliche Bildungsangebote zugreifen, sich damit der Ausbildung ihres Kindes tatsächlich annehmen und in seine Bildung investieren, dann sind solche Anstrengungen eigentlich nichts anderes als eine Reaktion auf die Botschaften der Bildungspolitik.

    Wenn somit ausserschulische Erfahrungen einen Grossteil der Variationen in den Schulleistungen der Schülerinnen und Schüler erklären können, dann ist es falsch, zumindest sehr einseitig, ausschliesslich auf die Schule zu setzen, um benachteiligten Kindern und Jugendlichen bessere Leistungen zu ermöglichen. Wird das Hauptaugenmerk vor allem darauf gelegt, die Standards anzuheben, Vergleichstests einzuführen, den Unterricht zu diesem Zweck noch mehr zu individualisieren oder kleinere Klassen einzuführen, dann werden soziale Ungleichheiten eher verstärkt als beseitigt.

    Schule kann Gesellschaft nicht kompensieren. Leistungsunterschiede werden vor allem in der Familie generiert. Die systematische Vernachlässigung dieser empirischen Tatsache benachteiligt ökonomisch schwache Haushalte enorm. Was Not tut sind ausserschulische Initiativen für Kinder und Jugendliche aus solchen Familien, um die Anstrengungen der Mittel- und Oberschicht zumindest etwas auszugleichen. Diese Initiativen sollten die gleiche Systematik haben wie die Bildungsstandardreform. Damit ist aber nicht das gemeint, was vor einiger Zeit ein kantonaler Lehrerverband vorgeschlagen hat: eine Verstaatlichung von Nachhilfe. Vielmehr geht es um ein umfassendes Angebot, das ökonomisch benachteiligte Kinder und Jugendliche in ihrer Gesamtentwicklung fördert. Wenige Leuchttürme gibt es bereits, z.B. das Projekt ChagALL des Instituts Unterstrass in Zürich.

     

    Weiterführende Anmerkungen und Literatur

    * Ausgehend vom 1. Kindergartenjahr, das als erstes Schuljahr gelten wird.

    ** Ball, S. (2010). New Class Inequalities in Education: why education policy maybe looking in the wrong place! Education Policy, Civil Society and Social Class. International Journal of Sociology and Social Policy30 (3/4), 155-166.

  • Erschienen in: NZZ, 5. Februar 2014, S. 21

    In letzter Zeit berichten Kindergartenlehrkräfte immer wieder von eigenartigen Erfahrungen: Sie müssen zunehmend Kinder unterrichten, die kaum Deutsch können und auch einfache Fragen nicht verstehen. Viele dieser Kleinen haben jedoch vorher eine Krippe, eine Spielgruppe oder ein gezieltes Förderprogramm besucht, oft zusammen mit ihren Müttern.

    Wie kann das sein? Weshalb haben sich die Deutschkenntnisse solcher Kinder nicht markant verbessert? Bemüht sich das Personal zu wenig um sie, versagen die Angebote oder sind unsere Ansprüche zu hoch?

    Dass eine frühe Sprachförderung eine der wichtigsten integrationspolitischen Aufgaben darstellt, ist weitgehend unbestritten. Keine Zeit eignet sich besser als die Vorschuljahre, um die Bildungschancen für benachteiligte Kinder zu erhöhen. Wartet man bis zum Schuleintritt, ist es meist zu spät, weil die Unterschiede zu gross sind. In den letzten Jahren haben viele Kantone und Gemeinden in frühe Sprachförderung investiert und es gibt inzwischen einige Leuchttürme. Insgesamt sind wir auf dem richtigen Weg.

    Somit fehlt es keinesfalls an Engagement. Das eigentliche Problem liegt anderswo: erstens in der oft belegten Tatsache, dass Kinder, die eine Sprachförderung am nötigsten hätten, gar kein Angebot besuchen. Zweitens, dass wir nicht wissen, wie Sprachförderung gestaltet werden soll, damit sie tatsächlich wirkt. ‚Wirkt' meint dabei nicht, dass die Fachkräfte oder die Eltern mit dem Programm zufrieden sind, sondern, dass Kinder deutliche sprachliche Fortschritte machen und beim Kindergarteneintritt dem Unterricht folgen können. Leider liegen hierzu nur vereinzelt Evaluationen vor. Das, was sie zu Tage fördern, ist eher enttäuschend: Ob ein Kind ein Sprachförderangebot besucht oder nicht, spielt häufig kaum eine Rolle. Die Unterschiede sind minim.

    Wo liegen die Ursachen für diese Problematik? Zunächst darin, dass bildungsferne Eltern solchen Angeboten häufig skeptisch gegenüberstehen. Von Bedeutung ist auch das Phänomen, das die Bildungsforschung «Segregation» nennt: dass sich solche Familien zunehmend auf be­stimmte Wohngebiete konzentrieren und ihre Kinder deshalb mit der deutschen Sprache kaum in Kontakt kommen. Dies trifft auch dann zu, wenn sie in ihrem Quartier eine Krippe oder eine Sprachspielgruppe besuchen, weil die grosse Mehrheit der anderen Kinder ebenfalls kein Deutsch spricht. Es fehlt ihnen das «Sprachbad». Weder beim Versteckis spielen noch im Sandkasten können sie spielerisch deutsche Begriffe lernen und sich mit unserer Alltagssprache vertraut machen.

    Ein besonderes Problem ist, dass häufig nur ein einziges Angebot vorhanden ist und dieses für alle Kinder mit Sprachdefiziten gelten muss. Folglich können gewisse Kinder davon gar nicht profitieren. Denn solche mit Spracherwerbsstörungen würden eine gezielte logopädische Therapie brauchen. Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen hätten hingegen ein Förderprogramm nötig, das ihnen systematisch hilft, die deutsche Sprache zu erlernen. Schliesslich gibt es einheimische Kinder mit eingeschränkten Sprachkompetenzen. Sie brauchen ein kreatives und anregendes Programm, das auf die Erweiterung und Verbesserung ihrer Sprachkompetenzen abzielt.

    Umfragen zeigen, dass sich nur wenige Fachkräfte im Spracherwerb auskennen. Es ist deshalb verständlich, dass es ihnen schwer fällt zu erkennen, ob ein Kind nun eine Sprachförderung braucht oder eher eine Sprachtherapie. Häufig fehlt Fachkräften zudem ein Sprachbewusstsein. Statt anspruchsvollen Sätzen und differenzierten Begriffen verwenden sie oft einfachste Redewendungen in der Hoffnung, die Kinder würden sie dann besser verstehen.

    Was ist zu tun? Mit Sicherheit wäre es angesichts der nicht besonders erfreulichen Situation falsch, einfach noch mehr Angebote zu schaffen und die öffentlichen Mittel zu erhöhen. Angemessener sind kantonale Strategien mit verbindlichen Vorgaben sowie eine systematische Überprüfung der Entwicklungsfortschritte der Kinder. Auch die Aus- und Fortbildung des Personals muss stärker in den Blick genommen werden. Es sollte nicht nur über mehr linguistisches Fachwissen verfügen, sondern in erster Linie auch in praktischen Situationen einüben können, was in der Sprachpraxis mit dem Kind zählt: langsames, zugewandtes Sprechen, geduldiges Zuhören, in vielfältige Alltagsrituale eingebettete Förderung statt Einzelworttrainings sowie variationsreiche und durchaus komplexe sprachliche Äusserungen.

    In einer unserer Umfragen haben acht von zehn Personen, die in Krippen arbeiten, angeben, gar keine Sprachförderung zu betreiben. Es fehle ihnen schlicht die Zeit dazu. Frühe Sprachförderung muss deshalb im Zeitbudget des Personals einen Platz bekommen, in der Verantwortung jedoch Chefsache sein. Sie muss in kleinen Gruppen und in geeigneten Räumen stattfinden können und das Personal sollte auf Begleitunterstützung durch speziell für Sprachförderung ausgebildete Fachkräfte zählen können.

    Schliesslich ist mehr Realitätssinn gefordert. Frühe Sprachförderung allein kann keine Wunder vollbringen. Vielmehr ist die Familie der wichtigste Förderort. Deshalb muss sie immer in frühe Sprachförderung einbezogen werden. In dieser Hinsicht hapert es aber besonders. Viele Programme scheitern nicht zuletzt, weil die Teilnahme der Eltern freiwillig ist. Soll Sprachförderung in sichtbar bessere Deutschkenntnisse der Kinder münden, kommen wir nicht umhin, zukünftig über die Verbindlichkeit solcher Angebote für Eltern zu diskutieren.

    Nicht nur die frühe, auch die schulische Sprachförderung wäre zu überdenken. Obwohl wir enorme Summen in sie stecken, verfügen viele Jugendliche nicht über das notwendige ‚Bildungsminimum'. Zwar ist es löblich, dass die Schweizer Armee ihren Rekruten Sprach- und Rechtschreibekurse anbietet und diese offenbar ein Renner sind. Aber leider sind sie das beste Beispiel dafür, wie wenig wirksam Sprachförderung in den letzten Jahren gewesen ist.

  • Alle Welt spricht von Potenzial. So soll das Potenzial unserer Kleinsten entwickelt und gefördert, das Potenzial von Talenten in der Berufsbildung genutzt oder auch an Hochschulen das Potenzial des Forschernachwuchses besser entfaltet werden. Erkannt haben wir inzwischen auch das Potenzial von älteren Menschen und dasjenige von Migrantinnen und Migranten.

    Was aber steckt eigentlich hinter dem Begriff? Heisst «Potenzial zu haben» mit guten Genen ausgestattet zu sein oder eher in einer aufmerksamen Umwelt zu leben, welche es fördern will? In der Öffentlichkeit gibt es hierzu ganz unterschiedliche Meinungen, die allerdings mit dem Stand der Forschung nicht immer übereinstimmen. Zwei Beispiele:

    Der clevere Migrantenbub, der sich zum Multimillionär hocharbeitet und eine Tellerwäscherkarriere machen kann:Hinter dieser Vorstellung steckt die Überzeugung, dass Migranten, die sich anstrengen würden, bei uns die gleichen oder sogar besseren Chancen hätten als die Schweizer. Jeder sei seines eigenen Glückes Schmied, weshalb es bei entsprechendem Wille auch einen Weg nach oben gäbe. Migranten sollten somit ihr Potenzial – gemeint sind offensichtlich die Anlagen – nutzen und sich anstrengen.

    Aus einer wissenschaftlichen Perspektive ist diese Ansicht nicht ganz richtig. Unsere Forschungsergebnisse aus der MIRAGE-Studie (*) zeigen, dass es mit Sicherheit keine einzelnen Faktoren sind, welche den Erfolg von Migranten bestimmen, sondern ein ganzes Set von personalen Merkmalen wie Frustrationstoleranz, Selbstvertrauen und Selbstorganisation, von familiären Merkmalen wie Bildungsambition und hohe Erwartungshaltungen und von betrieblichen respektive (berufs-)schulischen Merkmalen wie Lehrkräfte und AusbildnerInnen als Coaches. Das Fehlen solcher Faktoren ist auch einer der Hauptgründe, weshalb viele Kinder aus benachteiligten Migrantenfamilien, die eigentlich über ein hohes Potenzial im Sinne guter Anlagen verfügen würden, schon vor oder kurz nach dem Schuleintritt durch die Maschen fallen.

    Mit Frühförderung kann man alle Kinder erfolgreich machen:Heute gilt die frühe Förderung als Musterbeispiel dafür, wie viel die Umwelt aus kleinen Kindern machen kann. Dabei wird immer wieder betont, dass die Vorschuljahre eine Zeit enormen körperlichen, emotionalen und geistigen Wachstums sind, in der Kinder eine ungeheure Kapazität zum Lernen entwickeln können. Wer nicht möglichst früh seinen Nachwuchs fördert, nimmt das Risiko verpasster Chancen in Kauf. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!

    Auch dieses Beispiel muss aus wissenschaftlicher Sicht korrigiert respektive präzisiert werden. Kinder sind keine Black Box, die nach Belieben wie ein Diamant geschliffen und geformt werden können. Zwar stimmt es sehr wohl, dass die ersten Lebensjahre enorm wichtig sind für eine gelingende Entwicklung, doch zeichnet sich der Mensch durch eine lebenslange Lernfähigkeit aus. Menschen können auch im (späten) Erwachsenenalter noch vieles lernen (**). Gleichwohl ist dieses spätere Lernen mühevoller, aufwändiger, zudem finanziell viel teurer und weniger wirkungsvoll als in der frühen Kindheit. Deshalb ist es zwar richtig, wenn unsere Gesellschaft nun (endlich) die Aufmerksamkeit auf die frühe Kindheit legt. Trotzdem ist nach dem Vorschulalter nicht alles hoffnungslos verloren! Man darf die Erkenntnisse der frühkindlichen Bildungsforschung nicht überstrapazieren.

    Eine solche schwarz-weiss-Malerei, wie sie in den beiden Beispielen zum Ausdruck kommt, ist falsch. Es kommt nicht nur darauf an, was in einem Menschen drin steckt, also wie gut seine Gene sind oder nur auf seine Umwelt, d.h. seine Erziehung und Förderung. Es gibt kein Entweder-oder, sondern in allen Lebenslagen nur ein Sowohl-als-auch. Entwicklung und Entfaltung von Potenzial finden erst in der Zusammenschau von Anlage, Umwelt und dem Menschen selbst statt. Die Intelligenz eines Menschen ist nicht ab Geburt unveränderbar festgelegt. Intelligenz kann entwickelt werden. Dabei hat die Umwelt einen wichtigen Einfluss. Ist sie positiv, dann fördert sie die Intelligenzentwicklung, ist sie negativ, dann hindert sie diese. Deshalb braucht es eine Passung zwischen den beiden und zwar zu einem richtigen Zeitpunkt.

    Gesamthaft gesehen mag die Volksweisheit «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr» im Kern zwar richtig sein, aber sie übersieht die schwierige Beziehung zwischen Anlage und Umwelt. Wir sollten deshalb in der Diskussion um die Förderung von Potenzial den Blick auch auf die Interaktion von Anlage und Umwelt legen. Junge Migranten können nicht einfach so erfolgreich werden, nur weil sie zufälligerweise gute Gene haben. Sie brauchen ebenso Personen in ihrer Umgebung, die sie fördern und an sie glauben. Genauso kann auch die beste und teuerste frühe Förderung durch das Elternhaus nur so weit beim Kind Wirkung erzielen, wie dies seine Gene zulassen. Chancen und Grenzen gibt es somit in beiden Richtungen. Insgesamt eine doch eher beruhigende Erkenntnis, nicht?

     

    Literatur

    (*) Stamm, M. Leumann, S. & Kost, J. (2014). Erfolgreiche Migranten. Ihr Ausbildungs- und Berufserfolg im Schweizer Berufsbildungssystem. Münster: Waxmann.

    (**) Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2014). Frühkindliche Sozialisation. Biologische, psychologische, linguistische, soziologische und ökonomische Perspektiven. Halle: Leopoldina. http://www.leopoldina.org/de/publikationen/detailansicht/?publication%5Bpublication%5D=593&cHash=38f625e5bf8f4074e27cc87b9905bfe1

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 16.01.2017., 14.

    Sind Vorschulkinder heute gescheiter als früher? Viele von ihnen können schon Sätzchen lesen, bis auf 100 zählen, Geige spielen oder sich auf Englisch unterhalten. Doch dahinter steckt nicht Klugheit, sondern eine intensivere Förderung. Frühförderung ist in. Die Vielfalt an Angeboten ist riesig, die Nachfrage auch.

    Viele Kinder sind jedoch emotional retardiert. Misserfolge ertragen sie kaum, in der Schule warten, bis sie an der Reihe sind, funktioniert nicht, und mit Kritik der Lehrperson kommen sie schlecht zurecht. Zu Hause ist es ähnlich: Tisch decken oder Hamster füttern? Keine Lust. Werden sie dazu angehalten, reklamieren sie dauernd. Mit anderen Kindern spielen sie zwar gerne, aber nur, solange alles nach ihrem Wunsch läuft. Andernfalls reagieren sie beleidigt oder mit Wutanfällen. Ihre Psyche ist in einem permanenten Überforderungszustand.

    Im Kleinkindalter gehört diese Ichbezogenheit zum normalen Entwicklungsprozess, doch sollte ein fünfjähriges Kind ein gewisses Mass an emotionaler Kompetenz, so auch die Fähigkeit, Bedürfnisse aufzuschieben («Frustrationstoleranz») und Kritik zu ertragen, erworben haben. Warum ist dies bei einem zunehmenden Anteil nicht mehr so?

    Sicher nicht deshalb, weil solche Kinder «einen starken Willen» haben. Es gibt kein genetisch vorbestimmtes Temperamentsschicksal. Viele Eltern sind jedoch überzeugt, ihr Kind habe «den gleich starken Kopf wie der Vater» und sei deshalb besonders schwierig. Richtig ist, dass es einfachere und kompliziertere kindliche Temperamente gibt. Doch Anlagen sind nie so dominant, dass Eltern das Kind nicht durch ihre Erziehung formen könnten.

    Dass es zwischen dem nachgiebigen Erziehungsverhalten und den Problemen des Sprösslings eine Verbindung geben könnte, kommt Vätern und Müttern oft gar nicht in den Sinn. Obwohl Kinder mit ihrem ichzentrierten Verhalten eine lenkende Erziehung geradezu einfordern würden, reagieren die Eltern noch nachgiebiger und verständnisvoller. So entsteht ein Teufelskreis, bei dem das Kind lernt: Egal was ist, ich stehe immer im Mittelpunkt.

    Doch wäre es völlig falsch, den Eltern allein die Schuld für die Erziehung kleiner Egoisten zuzuschieben. Es ist vor allem der Hype um die frühe Förderung, der dazu geführt hat, dass die emotionale und soziale Erziehung ins Hintertreffen geraten ist. Lange hat man den Eltern eingetrichtert, wer nicht möglichst früh seinen Nachwuchs fördere, nehme später das Risiko verpasster Chancen in Kauf. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr! Logischerweise ist der Frühenglischkurs wichtiger geworden als die Fähigkeit, einen Konflikt mit Nachbarskindern alleine lösen zu lernen.

    Dieser Trend ist fatal. Denn die Forschung belegt mit grosser Eindeutigkeit, dass der Schulerfolg nicht von frühen Förderkursen abhängt, sondern vor allem vom Ausmass emotionaler Kompetenz. Wer eine hohe Frustrationstoleranz hat und ein Ziel im Auge behalten kann, lässt sich von Enttäuschungen nicht entmutigen und ist in der Schule erfolgreicher. Kinder, die nicht gelernt haben, ihre Bedürfnisse aufzuschieben und immer im Mittelpunkt stehen wollen, können mit Niederlagen schlecht umgehen und eine unangenehme Situation kaum aushalten. Solche Fehlsteuerungen zeigen sich auch noch bei Teenies und ihrer Unfähigkeit, mit Konflikten umzugehen. Bei den kleinsten Herausforderungen knicken sie ein und reagieren entweder aggressiv oder ziehen sich zurück.

    Wollen wir Kinder nicht zu Ichlingen erziehen, tun Eltern und auch Lehrkräfte gut daran, ihnen Selbstkontrolle und Frustrationstoleranz zu lehren. Zum Beispiel durch Üben, bis man etwas wirklich kann; indem man beim Spielen das Verlieren lernen oder etwas ausbaden muss, was man selbst verbockt hat. Oder auch dadurch, dass man Kinder nicht andauernd lobt. Überdosierte Anerkennung macht sie schwach, man muss sie deshalb für das Richtige loben. Schlauheit oder hübsch sein gehören nicht dazu, wohl aber ein Lob für Fleiss, Höflichkeit oder Gewissenhaftigkeit.

    Im Leben scheint nicht immer die Sonne. Lernen Kinder früh, mit Frust umzugehen und das Wir anstatt das Ich einzuüben, schützt sie das ein Leben lang. Und dies ist das grösste Geschenk, das wir ihnen machen können.

  • Kürzlich hatte ich einen Vortrag im Rahmen eines Elternbildungstages. Dabei waren auffallend viele Väter mit ihren Kleinkindern anwesend. Sie kümmerten sich ganz selbstverständlich um ihren Nachwuchs, so dass offensichtlich wurde: Diese Männer sind nicht nur Sonntagsväter. Das hat mir gefallen.

    Was mich zunächst beeindruckt, dann jedoch zunehmend irritiert hat, war das Wissen dieser Väter über Kindererziehung, sprich, über das, was offenbar gerade in den neusten Erziehungsratgebern steht und ‚in‘ ist. Über die vielen Erziehungs-, Einschlaf- und Durchschlaf-, Anti-Schreimethoden etc. wussten diese Väter insgesamt viel mehr als ich. Auf der Heimreise habe ich mich dann gefragt: Wieso sind eigentlich Erziehungsratgeber dermassen beliebt? Wieso verlassen sich heutige Eltern so sehr auf sie?

    Zunächst gibt es eine gewisse Ironie: Noch nie hat es ein so riesiges Angebot an Ratgebern gegeben, die es sogar auf die vorderen Plätze der Bestseller-Liste schaffen. Noch nie haben wir so viel über Kinder, Kindheit und Familie gewusst als heute. Aber auch noch nie zuvor haben Kinder offenbar so viele Probleme gehabt (oder gemacht) wie heute. Trotz der Flut an Ratgebern ist in den letzten Jahren jedoch keine neue Erziehungssicherheit entstanden, sondern eher das Gegenteil, nämlich eine verstärkte Unsicherheit. Wo liegt das Problem?

    Es liegt in erster Linie darin, dass Eltern solche Ratgeber verschlingen – häufig einen nach dem anderen – weil sie von der Angst getrieben sind, etwas falsch zu machen und ihrer Aufgabe vielleicht nicht mehr gewachsen sein könnten. Darüber hinaus konsultieren sie Logopädinnen, Ergotherapeuten und Psychologen, in der Hoffnung, es gäbe ein Geheimrezept, welches die Probleme mit dem Kind aus der Welt schaffen könnte.

    Selbstverständlich gibt es nichts gegen gute Ratgeber und Fachleute einzuwenden. Sie behandeln kindliche und familiäre Alltagsfragen zur Sauberkeitserziehung, zu Ess-, Schlaf- und Reinlichkeitsgewohnheiten, zu Entwicklungsstörungen, zum ersten Schultag oder zum Umgang mit Kindern in der Pubertät. Auf diese Weise werden Ratgeber und Experten zu Hilfserziehern, weil sie Eltern auch entlasten können, grosse und kleine Alltagsereignisse erzieherisch zu bewältigen.

    Problematisch an vielen Erziehungsratgebern ist aber, dass sie sich als Verheissung anbieten und den Eltern die Erziehung aus der Hand nehmen oder – und dies ist noch schwerwiegender – ihnen das Vertrauen in die eigene Fähigkeit rauben, die Kinder in einer richtigen Weise erziehen zu können. Verstärkt wird diese Wirkung dadurch, dass viele Ratgeber einen sehr mahnenden, sorgenden Tonfall haben und sich zudem häufig mit dem Etikett «von pädagogischen Fachleuten empfohlen», «pädagogisch erprobt» oder «wissenschaftlich getestet» schmücken. Auf diese Weise vermitteln sie den Eltern: «Wir verstehen von Erziehung viel mehr als Sie.»

    Erziehungsratgeber treten nicht selten an die Stelle des gesunden Menschenverstandes von Müttern und Vätern. Damit laufen sie jedoch Gefahr, ihre vielleicht wichtigste Erziehungskompetenz zu verlieren: die Intuition. Gemeint ist damit das ‚gefühlte Wissen’, das man häufig gar nicht erklären kann. Eltern hätten viel intuitives Wissen, aber es ist heute oft verschüttet.

    Konsultiert man Internetforen oder Briefkästen, so ist es immer wieder erstaunlich, wie viele Eltern einfach eine Beratung wollen, um zu wissen, was sie konkret in einer bestimmten Situation machen sollen. Welches wäre meine Antwort?

    • Erstens würde ich sie ermuntern, ihre Position als Eltern wieder einzunehmen, d.h. diejenige Position, die das Kind erzieht und entscheidet, was gut für es ist. Und ich würde ihnen raten, sich vor allem nicht an Bezugspunkten zu orientieren, die gar nicht die ihrigen sind.
    • Zweitens würde ich ihnen empfehlen, die Antwort des Schriftstellers D. H. Lawrence auf die Frage «Wie erziehe ich mein Kind?», zu Herzen zu nehmen: «Regel Nummer eins: Lass es in Ruhe. Regel Nummer zwei: Lass es in Ruhe. Regel Nummer drei: Lass es in Ruhe. Für den Anfang ist das genug.»
    • Und drittens würde ich ihnen das nicht ganz ernst gemeinte Buch «Leitfaden für faule Eltern» von Tom Hodgkinson empfehlen. In 19 Kapiteln wettert er über die Sinnlosigkeit von Familienausflügen, das Elend moderner Spielzeuge oder die Nutzlosigkeit von Fernsehern, aber er fordert auch gemeinsame Familienmahlzeiten, gute Manieren und Mithilfe der Kinder im Haushalt.

     

    Literatur

    Hodgkinson, T. (2009). Leitfaden für faule Eltern. Berlin: Rogner & Bernhard. 

  • Der beliebteste Twitter-Inhalt in Deutschland war vor drei Wochen das «Betreuungsgeld» gewesen. Zuvor war es am 9. November 2012 vom Bundestag mit einem sehr knappen Mehr beschlossen und damit Folgendes festgelegt worden: Jeder Familie, die ihr 13 bis 36 Monate altes Kind in keine Kindertagesstätte steckt oder keine staatlich geförderte Tagesfamilie in Anspruch nimmt, soll ab dem 1. August 2013 zunächst 100, später 150 Euro monatlich für die Betreuung zu Hause ausbezahlt werden.

    Die Frage, welche hinter der Idee ‚Betreuungsgeld‘ steckt, ist eine hoch brisante und auch für die Schweiz aktuelle, nämlich die: Soll der Staat neben dem ‚Krippenmodell‘ (Subventionierung von Krippen) auch ein ‚Familienmodell‘ unterstützen, das den Müttern – sehr selten sind es Väter – erlaubt, über einen längeren Zeitraum kein Geld zu verdienen und sich ausschliesslich den Kindern zu widmen? Gemäss unserer FRANZ-Studie (=Früher an die Bildung, erfolgreicher in die Zukunft?), die in diesen Tagen abgeschlossen wird und Auskunft über Familien der Mittelschicht gibt, wählen in der Schweiz gut 30% der Familien diese Lebensform, währenddem sich ungefähr 70%  für ein Modell mit familienergänzender Betreuung entscheiden. Man könnte somit davon ausgehen, dass in einer pluralistischen Gesellschaft wie der unsrigen unterschiedliche Auffassungen vom ‚richtigen Familienleben‘ gleichermassen akzeptiert werden und nebeneinander bestehen können. Dem ist aber kaum so. Gerade die politischen Parteien verkörpern die enorme Polarität, welche dieser Frage zu Grunde liegt. Da die politische Rechte besonders pointiert die Stärkung der Familie als Erziehungshoheit sowie eine Mutter einfordert, die zum Kind gehört und deshalb zu Hause bleibt, werden aus der Sicht anderer Parteien diejenigen Eltern, die sich für das Familienmodell entscheiden, schnell einmal als Bünzli oder Spiesser und als Inbegriff einer antifeministischen und antiliberalen Gesellschaft etikettiert. Verstärkt wird diese Etikettierung dadurch, dass es sehr wenige Paare gibt, welche diese Lebensform öffentlich, gehaltvoll und undogmatisch verteidigen.

    Obwohl der deutsche Bundstag das Betreuungsgeld mit 310 zu 282 Stimmen angenommen hat, ist es äusserst umstritten. Leider überwiegt in der Diskussion eine Schwarz-Weiss-Polemik die am lautstarksten von Kanzlerkandidat Steinbrück und vom Fraktionschef der Grünen, Trittin, geführt wird. Sie bezeichnen das Betreuungsgeld mit dem etwas sarkastischen Ausdruck «Herdprämie» oder auch mit «Fernhalteprämie». Steinbrück nannte es in der Debatte gar als «schwachsinnig». Es sei bildungs-, finanz-, gesellschafts- und arbeitsmarktpolitisch falsch, weil das Betreuungsgeld für Frauen Anreize schaffe, nach der Geburt eines Kindes länger dem Beruf fernzubleiben. Das werde ihre späteren Berufschancen mindern. «Weniger Frauen werden eine eigene Berufsbiografie schreiben, weniger Kinder werden Chancen auf frühe Bildungsförderung haben», sagte der SPD-Politiker.

    Obwohl dieses Argumentationsmuster nicht zurückgewiesen werden kann, ist es ein einseitiges. Es verknüpft auf unglückliche Weise das politisch motivierte Konzept des Betreuungsgeldes mit einem präferierten Lebensmodell und gibt vor, als ob das Kita-Betreuungssystem für junge Kinder das einzig Richtige sei. Vor dem Hintergrund internationaler Forschungserkenntnisse ist diese Einseitigkeit falsch. Wir wissen aus der Forschung zur Genüge, dass Kinder je nach ihrer sozialen Herkunft, ihrem Temperament, der Bindungssicherheit zur Mutter resp. zum Vater und insbesondere auch je nach Qualität des familienergänzenden Angebots sehr unterschiedlich profitieren. Genauso wissen wir, dass eine familienergänzende Betreuung immer nur als (hoffentlich positive) Ergänzung zur Kernfamilie des Kindes und nie als Ersatz verstanden werden kann und dassVater und Mutter die wichtigste Sozialisationsinstanz ihres Kindes sind.

    Das Betreuungsgeld hat wahrscheinlich deutlich mehr Nachteile als Vorteile haben (siehe hierzu beispielsweisehttp://argumentia.de/thema/betreuungsgeld). Doch scheint die Engführung der Argumentation eher bescheiden und stark ideologielastig, vor allem deshalb, weil es zwei Grundfragen ausblendet:

    • Was spricht gegen die Wahlfreihheit der Eltern, sich für ein bestimmtes, vielleicht zeitlich beschränktes, Lebensmodell zu entscheiden?
    • Oder anders – und mit dem interessanten Aufsatz im ZEIT-MAGAZIN gefragt: «Was machen Sie denn beruflich?» (31.10.2012): Ist Hausfrau (oder Hausmann)  eine frei gewählte weibliche (oder männliche) Lebensform unter vielen (…) oder ein Anachronismus, der überwunden werden muss, vergleichbar mit einem niedrigen Bildungsstand unter manchen Einwanderungsgruppen?

  • Viele, vor allem gut ausgebildete Eltern sind heute überinformiert. Sie wissen alles über Hirnforschung, über Babymassage, über Einschlaf- und Durchschlaf- oder Anti-Schreimethoden, über die richtige Ernährung oder über frühes Fremdsprachenlernen. Sie klammern sich an Lernkurven fest, vergleichen ihr Kind ständig mit dem Nachwuchs der Nachbarn und haben Angst vor eigenen Fehlern. Dabei verkümmert häufig ihre Intuition, d.h. ihre Fähigkeit, zu spüren, was gut für ihr Kind ist und was nicht. Eltern sollten wieder lernen, besser auf ihr Bauchgefühl zu hören, aber auch ihre Vernunft zu nutzen. Intuition und Vernunft bilden die beiden Pole der Erziehungskompetenz.

    Allerdings ist Intuition noch immer verpönt. Sie gilt als wenig professionell. Blickt man in die Bücherregale und die Websiten von Buchhandlungen, dann verstärkt sich diese Einschätzung. Erziehungsratgeber, die aufliegen, haben Hochkonjunktur. Eltern glauben ihnen aufs Wort. Vor allem dann, wenn sie vorgeben, von «pädagogischen Experten» entwickelt worden zu sein. Dies ist verständlich. Denn jahrelang hat die Forschung unterstrichen, dass Eltern ihre Kinder umso besser erziehen, je mehr sie sich von Verstand und Vernunft leiten lassen. Gefühle, so haben Väter und Mütter in Elternkursen gelernt, sind eherstörendes Beiwerk, welche die Vernunft schnell einmal unterwandern können. Eltern, die sich an wissenschaftlichem Wissen orientieren, sind somit ein Segen für unsere Gesellschaft. Sie schützen sich nicht nur vor Selbstüberschätzung, sondern ihre Kinder auch vor Willkür. Leider stimmt dies so nicht.

    Es braucht auch eine Portion Intuition. Wir alle verfügen über sie, doch haben wir sie häufig verlernt. Allerdings meint Intuition nicht einfach ‚spontan sein‘. Vielmehr gibt es so etwas wie eine professionelle Intuition. Gerd Gigerenzer bezeichnet sie in seinem lesenswerten Buch «Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition» als «gefühltes Wissen».Das Bauchgefühl ist somit keine Eingebung von oben oder nur eine Vorstellung, sondern unbewusste Intelligenz. Sie entsteht aus einer Fülle von Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben. Auf Basis dieser abgespeicherten Erfahrungen können wir – scheinbar aus dem Bauch heraus – in vielen Situationen schnelle Entscheidungen treffen. Im Sport sind hierfür Roger Federer oder Xherdan Shaqiri beste Beispiele.

    Wenn Eltern ihre Intuition nutzen, spielen Gefühl und Vernunft gleichermaßen eine Rolle. Dieses Phänomen konnte ich kürzlich im Tram beobachten: Eine Mutter mit ihrem ca. Zweijährigen im Wagen, verliess das Tram an der nächsten Haltestelle wieder fast fluchtartig, weil der Kleine so ausserordentlich schrie und die Blicke der genervten Tram-Passagiere alles sagten, was man sich vorstellen kann. Richtig, aber wahrscheinlich vollkommen intuitiv, hat sie gehandelt, denn es hätte kaum eine erzieherische Alternative gegeben. Hätte ich diese Mutter allerdings unmittelbar nachher gefragt, welche Vernunft sie bei dieser Entscheidung angewendet habe, hätte sie mit grosser Sicherheit geantwortet, dass sie gar keine Zeit zum Überlegen gehabt, sondern ausschliesslich aus den Bauch heraus gehandelt habe.

    Mehr Intuition wäre gerade in der frühen Förderung wichtig. Eltern sollten wieder lernen, der Intuition und den dahintersteckenden Faustregeln mehr zu vertrauen, aber auch lernen, wann sie diesen nicht vertrauen können. Eltern können Intuition schulen, indem sie versuchen

    den richtigen, d.h. dem Kind (und nicht den eigenen Interessen) angemessenen Zeitpunkt zu finden, mit einer bestimmten Förderung zu beginnen;

    ihr Kind so achtsam zu fördern, dass sie es nicht überfordern;

    sich zu fragen, ob die Förderung, die sie im Kopf haben, auch tatsächlich zu ihrem Kind passt;

    sie Signale ihres Kindes ernst zu nehmen.

    «Aus dem Bauch heraus» bedeutet jedoch nicht, den Kopf abzuschalten und kein Buch mehr über Erziehung zu lesen. Erziehungskompetenz meint eine Kombination von Wissen und Elementen intuitiver Praxis. Intuition ist auf (theoretisches) Wissen angewiesen. Eltern, die (noch) wenig davon haben, sollten sich nicht unbedingt ausschliesslich auf ihre Intuition verlassen. Väter und Mütter mit reichhaltiger Erfahrung und genug verinnerlichtem Wissen sind jedoch bestens dafür ausgerüstet, ihr Bauchgefühl mehr sprechen zu lassen.

  • Ich bin soeben von einem dreiwöchigen Auslandaufenthalt in Argentinien zurückgekehrt. Zwar widmeten wir uns in erster Linie dem Tango Argentino und seinen (enormen) Herausforderungen, doch nutzte ich die Reise auch, mich mit dem argentinischen Bildungssystem, insbesondere demjenigen des Vorschul- und Schuleingangsbereichs, auseinanderzusetzen. Mein Interesse gründet dabei nicht in erster Linie und ausschliesslich im Wissen, was nun genau Argentinien in diesem Bereich leistet oder unterlässt, sondern vor allem auch, was anders ist als bei uns und was uns dieses Andere auch sagen könnte. Mein Blog «Mit dem Pferd zur Schule» diskutiert dieses Andere anhand der ‚pädagogischen Qualität‘: dass man diese in anderen Kulturen ganz anders interpretieren kann als wir dies hierzulande mit unserer ‚ethnozentrischen Perspektive‘ üblicherweise tun.

    Mit ‚ethnozentrisch‘ gemeint ist unsere vorherrschende Denkweise, andere Kulturen und Gemeinschaften aus der Perspektive unserer eigenen Kultur zu beurteilen und anhand unserer Normen zu bewerten. Folglich halten wir das, was wir hierzulande als ‚pädagogische Qualität‘ definieren, auch unhinterfragt als das Beste für alle anderen und Abweichungen davon als Mängel.

    Nachfolgendes Erlebnis bei einer argentinischen Gaucho-Familie ist ein gutes Beispiel für einen anderen Blick auf die pädagogische Qualität. Das, was bei ihnen als entwicklungsangemessen gilt, wird bei uns schnell einmal als überfordernd und als entwicklungsunangemessen bewertet. Also: Unsere Gastgeber waren eine Gaucho-Familie, bestehend aus vielen Erwachsenen und mindestens sechs Kindern. Sie betreibt vor den Toren von Buenos Aires, etwa 150 km entfernt, auf ihrer «Estancia» eine grosse Rinder- und Pferdezucht. Kindergarten und öffentliche Schule sind 7 km entfernt. Nicht etwa ein öffentlicher Schulbus bringt die Kinder dorthin, sondern das Pferd. Meist sind es zwei Kinder – auf dem obenstehenden Bild der siebenjährige Erstklässler Manuel und der fünfjährige Kindergärtler Fabian – die sich ein Pferd teilen müssen. Sie reiten so zur Schule, alleine und ohne Aufsicht. Für die Eltern und die Lehrkräfte ist dies selbstverständlich. Die Kinder – so deren Argumentation – würden sowieso fast ab Geburt mit dem Pferd vertraut, und es sei notwendig, dass sie diesem gegenüber auch Verantwortung übernehmen. Während des Unterrichts bleiben die Pferde auf der Weide neben dem Schulhaus. Für Fabian und Manuel kommt der wichtigste Moment jedoch nach der Schule: Dann veranstalten sie jeweils sie mit den anderen Kindern Wettrennen. Bei unserem Besuch war gerade das 3 km entfernte Bus-Häuschen das Ziel.

    Und wie ich dieser davon stiebenden Gruppe von Kindern nachsah, kam mir das in den Sinn, was ich in meinem Dossier «Achtung fertig Schuleintritt» (siehe auf der Website unter ‚Publikationen‘) den Eltern von Kindergärtlern und Schulneulingen empfehle:

    «dass sie[die Eltern] ihr Kind nicht mit dem Auto zur Schule bringen sollten und es dadurch Sicherheit gewinnen könne, sich selbständig im Verkehr zu bewegen oder sie es mit Kleidungsstücken kleiden sollten, die mit licht-reflektierenden Materialien versehen sind…(Seite 30)

    Und ich überlegte mir, wie gut es wäre, genau diesen Moment mit den wild reitenden Kindern als Video-Aufnahme für Referate und Weiterbildungen zur Verfügung zu haben. Ein solches Video würde einen guten Ausgangspunkt bilden für hiesige Diskussionen zu den Inhalten pädagogischer Qualität, zu motorischer Frühförderung, zu Elternverantwortung und Überbehütung, zu Sicherheit und Prävention etc. etc. Schade, so bleibt mir nur, anhand des Bildes von Fabian und Manuel jeweils von meinem Erlebnis zu erzählen und damit für ein (selbst-)kritischeres Verständnis zu werben, dass unsere Überzeugung von pädagogischer Qualität nicht per se internationale Gültigkeit haben kann und dass wir aus solchen Vergleichen durchaus etwas lernen könnten.

     

  • Alle Welt spricht heute von den Eltern, die ihre Kinder zu sehr in den Mittelpunkt stellen, und sie wie kleine Könige behandeln. Kaum jemand hat bisher jedoch gefragt, woher dieser Trend eigentlich kommt. Meine Vermutung ist, dass es vor allem der Wettbewerbs- und Leistungsgedanke ist, der in den letzten Jahren zunehmend um sich greift und (werdende) Eltern auf diese Weise sozialisiert. Ich möchte dies an drei Beispielen diskutieren: anhand der Untersuchungen in der Schwangerschaft, der Stillpropaganda nach der Geburt und der frühen Förderung in den ersten Lebensjahren. Dabei konzentriere ich mich auf die Mütter, weil zu ihnen am meisten Untersuchungen vorliegen.

    Ist eine Schwangerschaft festgestellt, dann geht es los. Werdende Mütter bekommen das Aufgebot zum Ultraschall, zu Glukosetoleranz- und Nackentransparenztests und so weiter. Im Durchschnitt werden heute 14 Kontrolluntersuchungen empfohlen. In der Schweiz findet sich eines der weltweit dichtesten Netze solcher Vorsorgemassnahmen für Schwangere. Sie dienen der Dokumentation des Schwangerschaftsverlaufs zur Überwachung der Entwicklung des Fötus bzw. Kindes und der Abschätzung möglicher Risiken. Selbstverständlich hat die Vorsorge ihre Berechtigung. Doch geht es immer auch explizit darum, die Abweichung vom Normalen zu finden. Diese Situation führt dazu, dass Frauen kaum mehr getrauen, sich unbelastet über ihre Schwangerschaft zu freuen. Sie sind verunsichert und voller Misstrauen gegenüber dem eigenen Körper, aber voller Vertrauen in Technik, Medizin und Tests. Und nicht nur das. In der Schwangerschaft werden vor allem auch grundlegende Mechanismen des Wettbewerbs gelegt und eingeübt, die für Mütter später selbstverständlich werden. Es geht um Messen, Quantifizieren und Vergleichen – immer in Bezug auf die gesamte pränatale Welt. Der eigene Fötus resp. das eigene Kind ist nur in Ordnung, wenn es nicht von der Norm abweicht.

    Ist das Kind dann einmal geboren, dann kommt der nächste kompetitive Schritt, nämlich die optimale Förderung. Tino Heimerdinger* zeigt dies anhand der Ernährung auf, respektive der Frage: Brust oder Flasche? Es gibt heute eine enorme Stillpropaganda, welche zwar meist lediglich «Stillförderung» genannt wird, jedoch einen eindeutigen moralisierenden und normativen Aufforderungscharakter hat. Dabei spielen Ratgeber und Medien eine ganz wichtige Rolle. Zu lesen ist von «Mamas Wundercocktail**», der «mehr als Nahrung» sei. Zudem seien «gestillte Kinder im Durchschnitt intelligenter, gehen länger zur Schule und verdienen mehr.»*** Müttern wird damit nicht nur eingehämmert, dass sie unbedingt stillen sollen, sondern ebenso, dass sie das Maximale für ihr Kind tun müssen und sie alles andere zur Versagerin macht. Auch das Stillen wird somit zum Ausdruck des Wettbewerbs, zum Sieg oder zur Niederlage.

    Ganz besonders deutlich findet sich der Wettbewerb in der frühen Förderung. Dabei geht es immer um das Vergleichen des eigenen Kindes mit den anderen im Hinblick auf Überdurchschnittlichkeit. «Meines kann das schon» ist eine Aussage, die man in den Gesprächen zwischen Müttern immer wieder hören kann. Zuerst geht es vielleicht um die ersten Schritte oder die ersten Sätze, dann bald schon um den Erfolg im Frühenglischkurs. Wenn der Kleine bereits nach drei Wochen «train» ruft anstatt Zug oder «bird» anstatt Vogel, dann sind Mütter nicht nur entzückt, sondern vor allem überzeugt, dass sie auf dem richtigen Weg sind – denn sie haben gegenüber anderen Müttern die Nase vorn. Besonders gross ist der Stolz, aber auch der Neid anderer Mütter, wenn das Kind etwas schon ungewöhnlich früh kann.

    Die gesellschaftlichen Entwicklungen, von der Medizin über die Ratgeber bis zu den Medien und den Eltern selbst, haben dazu geführt, dass Eltern, vor allem die Mütter, heute für alles und jedes verantwortlich gemacht werden, sowohl in negativer als auch in positiver Hinsicht. Negativ besehen entwickeln Mütter Schuldgefühle und Ängste, wenn sich ihr Kind trotz allen erdenklichen Anstrengungen nicht der Norm entsprechend entwickelt oder keine überdurchschnittlichen Fähigkeiten zeigt. Glücklich können sich hingegen die Eltern schätzen, welche ein leistungsfähiges und frühreifes Kind haben, das alles besser und schneller als die andern kann. Denn dies gilt als ihr Verdienst und als Ausdruck ihrer Kompetenz.

    Dass Eltern ihren Nachwuchs derart ausgeprägt fördern, umsorgen und kontrollieren, ist somit zwar eine Tatsache, oft aber eine falsch interpretierte. Ihre Anstrengungen sind nicht das Ergebnis ihrer Unfähigkeit, Kinder «richtig» zu erziehen. Vielmehr ist es unsere wettbewerbsorientierte Kultur, welche Eltern – und vor allem die Mütter – dazu drängt, perfekt zu sein und perfekte Kinder haben zu wollen.

    *Heimerdinger, Timo: Brust oder Flasche? - Säuglingsernährung und die Rolle von Beratungsmedien. In: Simon; Hengartner; Heimerdinger; Lux (Hg.): Bilder. Bücher. Bytes. Zur Medialität des Alltags. Münster , S. 100-110.

    **http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/vorzuege-der-muttermilch-mamas-wundercocktail-1.1042732 (17.06.2012)

    ***http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/stillen-und-intelligenz-muttermilch-macht-besserverdiener-1.2398877 (15. März 2015)

  • Innenminister Alain Berset will das Pensionsalter auf 65 Jahre erhöhen. Der Verwaltungsratspräsident des Lebensversicherers Swiss Life, Rolf Dörig, rechnet mit einem künftigen Pensionsalter in der Schweiz ab 70 Jahren. Zudem plädiert er für die Flexibilisierung des Rentenalters. Sind das gute oder schlechte Nachrichten?

    Sicher schlechte für alle, welche sich auf das 'Dritte Lebensalter' freuen und die Rente ab 60 eingeplant haben. Doch, ist es eine gute Nachricht für all diejenigen, welche länger arbeiten wollen und künftig vielleicht auch dürfen? Ich will in diesem Blog versuchen, zwei Perspektiven voneinander zu unterscheiden. Die erste Perspektive ist die, dass eine Erhöhung des Rentenalters und seine Flexibilisierung nicht genügen. Die zweite Perspektive orientiert sich an den optimistischen Erkenntnissen aus der Forschung zu den Schätzen des Alter(n)s, welche in unserer Gesellschaft bisher weitgehend brach liegen und gehoben werden könnten.

    Diese beiden Perspektiven zusammenzubringen ist jedoch ein schwieriges Unterfangen. Zum einen geht es um die demographische Entwicklung unserer Bevölkerung im internationalen Vergleich, zum anderen um das Wissen zum individuellen Innovationspotenzial im Alter respektive beim Altern. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Schweizer Bevölkerung mehr altert als die Bevölkerung in anderen Staaten. In wenigen Jahren werden wir ein deutliches Mehr an Alten und ein deutliches Weniger an Jungen haben. Dazu kommt, dass andere Staaten – wie etwa die USA – führend sind in der Anzahl zugewanderter Topstudenten, insbesondere solcher aus dem asiatischen Raum. Ihr Innovationspotenzial an jungen Menschen wird somit deutlich höher sein als das unsrige. Das ist somit ein Risikofaktor.

    Obwohl uns künftig der Nachwuchs fehlen dürfte, gibt es auch positive Signale aus der Forschung. Diese Signale gehen in Richtung einer hoffnungsvollen körperlichen und intellektuellen Entwicklung im dritten Alter (nicht jedoch im vierten Alter). Das Lern- und Wissenspotenzial älterer Menschen ist beispielsweise deutlich grösser als man bisher angenommen hat. Obwohl sie nicht mehr so gut und so schnell wie Jüngere lernen können, verfügen sie somit über ein beträchtliches Entwicklungspotenzial. Dazu kommt das, was oft die Vitalisierung des Alters genannt: Die heutigen 70jährigen sind genauso fit wie die 60jährigen der vergangenen Generationen. Man schaue nur einmal, was wie fit die legendären Sauterelles von Toni Vescoli sind, die es mit 70 noch einmal wissen wollen. Vor diesem Hintergrund wäre die Forderung gerechtfertigt, die Altersstatistiken neu zu schreiben.

    Daraus jedoch zu schliessen, der Mensch könne einfach im gleichen Beruf länger, also beispielsweise bis 70, tätig sein, ist falsch. Aus der verhaltenswissenschaftlichen Forschung gibt es nämlich Erkenntnisse, welche  viel stärker berücksichtigt werden müssten. Erstens gibt es einen negativen Altersgradienten in der Mechanik der Intelligenz, also der Schnelligkeit und Präzision der Informationsverarbeitung. Dazu kommt zweitens, dass der alternde Körper in jedem Falle – auch wenn Anti Aging angewendet wird – mehr an geistigen Reserven braucht. Demzufolge werden ältere Mitarbeitende – auch wenn sie höchst motiviert sind – langsamer; sie können nicht mehr so flexibel denken und haben zunehmend Schwierigkeiten mit Multi Tasking. Im Durchschnitt verliert der Mensch ab dem 40. Altersjahr etwa 1% bis 2% seiner Schnelligkeit und Präzision. Es gibt aber auch Bereiche, die im Alter weiterentwickelt werden können, z.B. Klugheit, Ausdauer oder Besonnenheit. In diesen ist der alternde Mensch den Jüngeren oft überlegen.

    Sicher ist, dass die Lebensarbeitszeit ein wichtiges Reformthema sein muss, vor allem aufgrund der Tatsache, dass immer mehr Menschen immer früher aus dem Erwerbsleben aussteigen und sich früh pensionieren lassen, obwohl sie körperlich und geistig fit sind. Aber meines Erachtens ist es falsch, dass wir weiterhin auf unser traditionelles System setzen, das Menschen am angestammten Arbeitsplatz alt werden lässt und von ihnen verlangt, dass sie zukünftig einfach noch ein paar Jahre anhängen oder gar ausharren. Wenn wir etwas aus der Forschung lernen können, dann dies: dass Alter(n) sowohl Abbau als auch Entwicklung, sowohl Gewinn als auch Verlust, ist. Daraus folgt, dass ein Umsteigen auf neue, solchen Tatsachen gerecht werdende Berufe möglich werden muss. Wieso beispielsweise könnte ein Banker mit 50 Jahren nicht seine sozialen Begabungen entwickeln, eine Weiterbildung absolvieren, um dann vielleicht eine Kinderkrippe leiten zu können? Vielleicht sind solche Berufe dann weniger prestige- und einkommensträchtig, aber eher den verfüg- und  entwickelbaren Kompetenzen angepasst und mit einer neuen Zukunft versehen. Ein so verstandenes Talenbtmanagement ist jedoch eine präventive Aufgabe von Betrieben, die lange vor dem Zeitpunkt des geplanten Ausstiegs oder Verbleibs zum Tragen kommen muss.

    Mein Fazit: Das Alter(n) birgt sowohl für das Individuum als auch die neuen gesellschaftlichen Herausforderungen in einer globalisierten Welt des Wettbewerbs ungeahnte Schätze, die zu heben einer anderen Strategie bedürften als lediglich die Diskussion und Einführung eines erhöhten Rentenalters.  

  • Die Schweiz arbeitet sich hoch in Richtung mehr Maturanden. Nur im Gymnasium, so das Kalkül vieler Eltern, liegt die Zukunft ihrer Kinder. Offenbar ist dabei ist laut Die ZEIT (21.09.2011) und Tages Anzeiger (05.10.2012) so etwas wie ein 'Grenzverkehr' entstanden: Immer mehr Eltern - Deutsche wie Schweizer - würden ihre Kinder in deutsche Gymnasien jenseits der Grenze schicken.

    Das Phänomen des Gymnasiums als einzigem Bildungsziel ist neu, gleichzeitig auch paradox: Noch nie haben Eltern so viel Geld ausgegeben und so viel in Kauf genommen für die Bildung ihrer Kinder. Aber auch noch nie haben sie so grosse Angst gehabt, dass sie es nicht schaffen könnten.

    Hat der neue ETH-Rektor, Lino Guzzella, der kürzlich mit seiner Forderung nach härteren Maturaprüfungen für einiges Aufsehen gesorgt hat, diese Panik noch geschürt? Immerhin dürfte es in Zukunft für Eltern etwas schwieriger werden, den Kindern mit der Matura die besten Plätze auf dem Weg zur akademischen Karriere sichern zu können.

    Nein, das hat er nicht. Denn Eltern werden immer Wege finden, staatlich gelenkte Vorgaben zu unterlaufen, zumindest diejenigen, die an der Bildung ihrer Kinder interessiert sind. Und dies ist heute die überwiegende Mehrheit der Mittelschicht. Für sie ist Bildung längst kein selbstverständliches öffentliches, sondern ein hart umkämpftes privates Gut geworden. Ihre Interessen sind legitim: Die Kinder sollen mindestens den gleichen Status wie sie erreichen oder, besser noch, ihn übertreffen. Wer selbst ein Gymnasium absolviert hat, tut alles dafür, dass dies auch für die eigenen Kinder so bleibt. Und wer zu den Bildungsaufsteigern gehört, die in bessere Positionen gerutscht sind als ihre Eltern, will seine Kinder so unterstützen, dass sie von Anfang an die besseren Chancen als die anderen haben. Heinz Bude nennt dies in seinem lesenswerten Buch «Bildungspanik» auch Ansteckungsangst: Deshalb sucht und verteidigt man Privilegien.

    Dass der Einfluss des Umfeldes entscheidend für die Entwicklung des Kindes ist, wissen die Eltern. Deshalb hat ihre Ansteckungsangst auch etwas Vermeidendes in sich: indem sie Quartiere mit vielen ausländischen Kindern und bildungsfernen Familien verlassen und in solche mit Gleichgestellten und Gleichgesinnten ziehen. Frühförderung ist zur Norm und das Gymnasium zum unhinterfragten Ziel geworden, von Nachhilfestunden und Lernstudios gar nicht zu reden.

    Dies ist eine verfahrene Situation. Denn in der Schweiz haben wir keine Bildungskatastrophe, kaum Jugendarbeitslosigkeit, und wir driften auch nicht nach unten ab. Wenn Eltern ihren ganzen Ehrgeiz aufs Gymnasium setzen, wird Bildung zum teuflischen Gut und unsere Bildungsvielfalt zur grossen Verliererin. Die Berufsbildung verliert an Prestige, obwohl die Lehre mit Berufsmatura nicht nur eine berufliche Ausbildung, sondern auch den Zugang zu den Fachhochschulen sichert.

    Das Problem ist aber nicht nur das, dass sich Eltern viel zu sehr aufs Gymnasium konzentrieren. Ihre Ansteckungsangst trübt auch den Blick auf eine soziologische Tatsache: dass wir in einer Risikogesellschaft leben, in der es immer Verlierer geben wird und zwar deshalb, weil andere pfiffiger, frustrationstoleranter oder durchsetzungsfähiger sind. Zwar ist die Familie für die Prognose des Bildungserfolgs zentral. Aber was die Kinder dann auf dem Markt tatsächlich erreichen und wie sie sich durchsetzen können, bleibt auch in der bildungsambitioniertesten Familie unsicher. Ausbildung ist immer auch ein Einüben in die Anforderungen einer komplexen Gesellschaft. Diese sind bunter und vielfältiger als der Tunnelblick aufs Gymnasium.

  • Unglaublich, aber wahr: In der beruflichen Grundbildung dominierte vor ein paar Jahren die Jugendarbeitslosigkeit und die mit ihr verbundenen fehlenden Zukunftsperspektiven unserer Jugendlichen. Heute hat sich die Situation diametral verändert. Der Mangel an Ausbildungsplätzen ist einem Mangel an qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern gewichen: Aus dem Lehrstellenmangel ist ein Lehrlingsmangel geworden (Stamm, 2013). In diesem Zusammenhang wurde bisher wenig diskutiert, dass dadurch auch die betriebliche Nachwuchssicherung und das unternehmerische Wachstum gefährdet sind. Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels dürfte sich diese Situation weiter verschärfen.

    Unbesetzte respektive schwierig zu besetzende Ausbildungsplätze stellen sowohl für die Betriebe als auch die Nachwuchssicherung eine ernst zu nehmende Problematik dar. Dabei ist die aktuelle Situation eine sehr spezielle: Neben dem sich immer deutlicher abzeichnenden Fachkräftemangel machen der Berufsbildung vor allem die demographischen Veränderungen zu schaffen. Stimmen die Daten des Bundesamtes für Statistik, dann wird die Anzahl Jugendlicher in diesem Altersspektrum bis zum Jahr 2020 drastisch sinken. Dazu kommt die Tatsache, dass die gymnasiale Ausbildung attraktiver denn je ist, obwohl längst nicht alle, welche eine Aufnahmeprüfung absolvieren, später auch erfolgreich sind. Anzunehmen ist jedoch, dass das Interesse an der akademischen Ausbildung ungebrochen sein und die Berufsbildung lediglich zweite Wahl bleiben wird (Strahm, 2014). Deshalb ist auch davon auszugehen, dass die absoluten Zahlen des leistungsstarken Auszubildenden, welche in die Berufsbildung eintreten, weiter sinken werden.

    Aktuell wird enorm viel unternommen, um diese Problematik zu beheben. So will das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) mit der von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt initiierten Kampagne «Berufsbildungplus.ch» oder demneuen Programm «Match-Prof.»vermehrt Talente suchen und  gezielter fördern. Als weitere bildungspolitische Massnahmen vorgesehen sind die Motivierung junger Frauen für technische Berufe oder die gezielte Nutzung des Potenzials junger Migrantinnen und Migranten. Überdies ist laut Bundesrat Schneider-Ammann 2014 das Jahr der Berufsbildung geworden. Recht hat er und Not tut dies! Denn die Berufsbildung macht eine Entwicklung durch, die von Extremen gekennzeichnet ist.

    Trotzdem ist die aktuelle Situation paradox:Zum Ersten ist der Lehrlingsmangel offensichtlich. ImJuni 2014 waren 23‘500 Lehrstellen noch offen. 80‘000 angebotenen Stellen standen 73‘000 nachgefragte Stellen gegenüber. Zum Zweiten werden aktuell 28.8% der Ausbildungsverträge von Lehrlingen abgebrochen. Am häufigsten trifft dies im Gastgewerbe, bei den Coiffeuren und Schönheitspflegeberufen zu. Schliesslich ist laut Bundesamt für Statistik im Dezember 2013 jeder zehnte Jugendliche ohne Job.Drittens dreht jeder zehnte Jugendliche eine Warteschlaufe oder ist arbeitslos. So waren im Mai 201415‘399 Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren ohne Arbeit (SBFI, 2014) und 16‘500 befanden sich im Übergangssystem. Damit werden alle Angebote be­zeichnet, die eine Brücke bauen zwischen obli­gatorischer Schulzeit und einer Berufslehre resp. einer weiterführenden Schule. Dazu gehören beispielsweise ein Motivationssemester, ein 10. Schuljahr, eine Au-Pair-Stelle oder ein Praktikum. Jugendliche, welche sich in diesem Übergangssystem befinden, teilen eine gemeinsame Erfahrung: dass der Übergang Schule-Beruf für sie nicht erwartungsgemäss funktionierte. Die Hintergründe sind jedoch sehr unterschiedlich, so dass sich mindestens vier Gruppen Jugendlicher unterscheiden lassen:

    Gruppe 1:Zu ihr gehören Jugendliche, welche zwar eine höhere Ausbildung angestrebt hatten, diese jedoch auf dem geraden gymnasialen Weg nicht erreichen konnten.

    Gruppe 2: Sie umfasst solche Jugendliche, welche trotz mehr oder weniger intensiver Suche keinen Ausbildungsplatz gefunden hatten.

    Gruppe 3: Sie bündelt solche Jugendliche, welche schlecht orientiert waren und deshalb ohne Planung ins Übergangssystem hineinstolperten.

    Gruppe 4: Sie subsumiert diejenigen Jugendlichen, welche aufgrund ihres «strategischen Wartens» im Übergangssystem landeten, d.h., dass sie lieber eine weitere Schlaufe drehten als eine konkrete Ausbildung wählten.

    Weshalb ist dies so? Folgt man den Erklärungen vieler Betriebe, so hat diese Situation einen kon­kreten Namen: die «fehlende Ausbildungsreife». Im April 2013 gaben mehr als 30% der befragten Betriebe als Gründe für ihre unbesetzten Lehrstellen einen «Mangel an qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern» an (Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation [SBFI], 2014). Hört man sich etwas herum, so lässt sich der Begriff auch weiter konkretisieren: Neben schlechtem Benehmen oder Unpünktlichkeit klagen viele Lehrbetriebe über fehlendes Grundlagenwissen heutiger Jugendlicher. Bewerberinnen und Bewerber könnten kaum mehr einen Text ohne Fehler schreiben oder würden die minimalsten mathematischen Grundoperationen nicht mehr beherrschen.

    Solche Klagen wirken neu, sind es aber nicht. Wir kennen sie seit mindestens zwanzig Jahren. Manchmal sind es einfach Schutzbehauptungen, weil sich Betriebe nicht verändern oder keine Ausbildungsplätze mehr anbieten wollen. Die Klagen sind jedoch so intensiv, dass sich die Bildungspolitik damit auseinandersetzen muss. Nur, was ist zu tun? Einfach mehr Drill von der obligatorischen Schule verlangen, damit sie diese Mängel behebt und garantiert, dass alle Schüler über «Mindestkompetenzen» verfügen? Wir alle wissen, dass dies angesichts der heutigen heterogenen Schülerklientel und unter den gegebenen finanziellen Bedingungen kaum im geforderten Tempo möglich sein wird. Sollen somit die Betriebe ihre Anforderungen nach Ausbildungsreife strikt durchsetzen und deshalb Ausbil­dungsplätze aufgrund fehlender Qualifikationen der Bewerberinnen und Bewerber streichen? Dies wiederum wäre für die Nachwuchs- und Fachkräftesicherung unseres Landes fatal. Schon letztes Jahr verzeichnete der Verband für Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie Swissmem für seine Branche einen Rückgang der Neuanstellungen von Lehrlingen um 8%.

    Insgesamt sollte die aktuelle Situation zum Anlass genommen werden sich zu fragen, weshalb nach wie vor viele Jugendliche, die eigentlich eine betriebliche Ausbildung anstreben (könnten), im Übergangssystem landen. Zu diskutieren wären zwei mögliche Ursachen:

    erstens, dass es trotz eines erheblichen Ressourceneinsatzes bisher offenbar nicht gelungen ist, dieses Übergangssystem deutlich zu reduzieren. Vielleicht liegt es an der Vielfalt der Mas­snahmen. Aussenstehende gehen oft – nicht ganz zu Unrecht – von einem «Massnah­mendschungel» aus. Eine Systematisierung könnte zum Ziel haben, die Vielfalt zu reduzieren und die Angebote im Übergang Schule-Beruf so zusammenzufassen, dass sie zu einer tatsächlichen «Brücke» werden

    zweitens, dass eine Änderung der Selektions- und Rekrutierungspraxen einen neuen Blick auf verborgene Potenziale zu Tage fördern könnte. Anzunehmen ist nämlich, dass die demographische Entwicklung ein Mehr an Durchlässigkeit erzwingen wird und zwar auf allen Ebenen, auch auf derjenigen des Übergangssystems.

    Reflektiert und optimiert die Berufsbildung diese Faktoren, könnte sie einen bedeutsamen Wertbeitrag für die Attraktivität der Berufsbildung leisten und auch dem Nachwuchsmangel zumindest in Ansätzen begegnen. Aber dazu wäre ein Perspektivenwechsel nötig, der ein anders ausgerichtetes «Talentmanagement» (Stamm, 2012) zur Folge hätte.

    Literatur

    Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) (2014). Lehrstellenbarometer. Detaillierter Ergebnisbericht (April 2014). Bern: SBFI.

    Stamm, M. (2012). Talentmanagement in der beruflichen Grundbildung. Dossier 12/2. Universi­tät Fri­bourg: Departement Erziehungswissen­schaften. http://www.margritstamm.ch/component/docman/cat_view/4-dossiers.html?Itemid=

    Stamm, M. (2013). Lehrlingsmangel: Strategien zur Rekrutierung des Nachwuchses. Dossier Be­rufsbildung 13/2. Bern: Swiss Education. http://www.margritstamm.ch/component/doc­man/cat_view/4-dossiers.html?Itemid

    Strahm, R. H. (2014). Die Akademisierungsfalle. Bern: h.e.p.

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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