Vereinbarkeit

  • Im letzten Herbst habe ich in der NZZ am Sonntag eine Gastkolumne zum «Social Freezing» (manchmal auch «Egg Freezing» genannt) geschrieben, d.h. zur Möglichkeit des Einfrierens von Eizellen, damit Frauen Karriere machen und die Mutterschaft auf später verschieben können*. Meine Meinung war und ist die, dass dies ein falscher Weg ist. Auf meinen Gastbeitrag habe ich viele Rückmeldungen erhalten – erstaunlicherweise kaum von Müttern, sondern vor allem von Vätern, welche die Familie mit der Karriere vereinbaren wollen oder sollen, sich aber enorm unter Druck fühlen.

    Nun hat am letzten Mittwoch die Kommission für Soziale Sicherheit des Nationalrates einem zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub zugestimmt. Argumentiert wird, dass «Väter auch früh schon an der Kleinkind-Betreuung mitwirken» können sollen. Nichts gegen einen solchen Vaterschaftsurlaub! Er ist längst überfällig, aber er ist ein ungenügendes Angebot. Nicht nur deshalb, weil andere Länder - z.B. Deutschland - eine viel grosszügigere Regelung haben (Dort wird das Elterngeld an Väter und Mütter während maximal 14 Monaten gezahlt, die mit der Arbeit aussetzen). Zum einen, weil ein Vaterschaftsurlaub aus Männern nicht einfach so moderne Väter macht. Zum anderen, weil er den Eindruck erweckt, als sei nun viel für die Väter getan. Vernebelt wird damit nämlich, dass sich Väter heute schon überdurchschnittlich engagieren und ein den Müttern vergleichbares Vereinbarkeitsproblem haben. Der moderne Vater spielt zunehmend die Rolle des Supermannes, der ausserordentliche Kräfte aufbringt,um den Ansprüchen zwischen Kind, Karriere und Küche gerechter zu werden.

    Allerdings ist die Rolle moderner Väter mit Widersprüchlichem verbunden, und Einiges will einfach nicht so richtig zusammen passen. Folgt man der Statistik des BfS**, dann arbeiten fast 90% in einem anstrengenden Job, mehr als 40 Stunden pro Woche. Gleichzeitig wollen sie mehr Zeit mit den Kindern verbringen. Nur 40% finden jedoch, dass es ihnen gelingt, eine gute Balance zu halten und genug Zeit für die Familie aufzubringen***. Trotz dieser Situation ist die Vollzeitstelle für den Vater und die Teilzeitstelle für die Mutter das bevorzugte und am häufigsten praktizierte Arbeitsmodell.

    Viele Väter sind hin- und hergerissen zwischen der beruflichen Karriere und dem Ideal des perfekten Vaters. Noch immer verspüren sie die Verpflichtung, als Ernährer der Familie wirken zu müssen. Zwar finden sie das Rollenverständnis ihrer eigenen Väter als antiquiert und sie verhalten sich gegenüber ihren eigenen Kindern auch ziemlich anders – was den Beruf betrifft, jedoch kaum.

    Warum ist dies so? Weshalb fühlen sich moderne Männer derart unter Druck, und wie kommt es, dass partnerschaftliche Vereinbarkeitsmodelle so rar sind? Hierzu gibt es natürlich viele Gründe, doch mit Sicherheit drei, welche ökonomische, betriebliche und innerfamiliäre Rollen betreffen.

    «Die Logik des Geldbeutels»: In ökonomischer Hinsichtkommt es bei der Geburt des ersten Kindes häufig zu einer Traditionalisierung der Rollenmuster.Logischerweise entscheidet bei vielen Paaren der Lohn darüber, wie die Familien- und Berufsarbeit nun aufgeteilt werden soll. Oft haben Männer einen Einkommensvorteil, weshalb sie voll im Beruf engagiert bleiben – oder aufgrund der gestiegenen Investitionskosten sogar noch mehr arbeiten müssen. Mütter hingegen steigen teilweise aus oder arbeiten Teilzeit, nicht selten deshalb, weil sie nur ein unsicheres Beschäftigungsverhältnis haben. Der Entscheid ist deshalb oft eine rationale Kosten-Nutzen-Abwägung.

    «Die Männlichkeit im Betrieb»: Zwar gibt es heute immer mehr Betriebe, welche auch Teilzeitarbeit von Männern einführen oder mit dem Label «familienfreundlich» werben. Dies ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist die, dass viele Betriebe eine Verfügbarkeits- und Anwesenheitskultur pflegen und damit einem traditionellen Männlichkeitsmuster folgen. Richard Sennett**** schreibt darüber in seinem Buch «Der flexible Mensch». Leistungsbereitschaft wird nach wie vor mit Präsenz und Produktivität gleichgesetzt.Die New Economy hat auch das Privatleben erobert, denn in vielen, auch kreativen Berufen muss man auch nach Feierabend damit beschäftigt sein, Kontakte zu knüpfen.Man muss somit zu den «richtigen» Zeiten anwesend und jederzeit einsetzbar sein. Wer «nur» Teilzeit arbeitet, weicht vom traditionellen Bild des «richtigen Mannes» ab und hat damit auch kaum Anrecht, Aufstiegsambitionen zu hegen.

    «Die Mütter als Türsteherinnen»: Innerfamiliär wird der Vereinbarkeitsdruck der Väter von den Müttern massgeblich beeinflusst. Viele von ihnen erachten Haushalt, Familie und Fürsorgearbeit als ihr Revier und verstehen sich deshalb als Profis. Nicht selten gilt der Vater folgedessen kaum als gleichwertiger Partner, sondern eher als Praktikant oder als Juniorpartner. Mütter setzen die Standards, wie etwas erledigt, der Brei gekocht oder die Wäsche gemacht werden soll. Für Väter ist dies häufig eine grosse Belastung, wenn sie nach einem arbeitsreichen Tag diese «zweite Schicht» beginnen und wissen, dass die Konflikte mit der Partnerin vorprogrammiert sind. Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass sich viele Väter in der Haushaltsarbeit zurückhalten.

    Wenn wir wirklich neue Väter wollen und ihre angespannte Situation ernstnehmen, dann ist der geplante Vaterschaftsurlaub zwar eine Referenz an die Väter, insgesamt aber nichts Weiteres als ein schönes Schäumchen auf einem guten Cappuccino. Unsere Gesellschaft müsste sich viel eher fragen, inwiefern die bestehenden inner- und ausserfamiliären Rahmenbedingungen zu verändern sind, damit überhaupt Zeit und Gelegenheit für eine angemessene Fürsorgearbeit von Vätern möglich wird, ohne dass sie Supermänner sein müssen.

    Was wir brauchen ist vor allem eine Diskussion über ein grundsätzlich neues Familienmodell, das einem «Work freezing» entspricht: Väter und Mütter sollten die Chance bekommen, sich in der intensivsten Familienphase etwas zurücknehmen zu können, um sich nachher wieder richtig reinzuhängen. Spätere Karrieren für Männer und Frauen sind sowieso angesichts des langen Lebens besonders erwünscht.

     

    * http://www.margritstamm.ch/images/nzzs_So_20141026_LMJO1%20PDF.pdf

    **Bundesamt für Statistik (2015). Erhebung zu Familien und Generationen 2013. Neuenburg: Bundesamt für Statistik.

    ***Pro Familia Schweiz (2011). Was Männer wollen. Studie zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Bern: Pro Familia.

    **** Sennett, R. (1998). Der flexible Mensch.Die Kultur des neuen Kapitalismus Berlin: Berlin-Verlag.

  • erschienen in: NZZ, 09.11., 10.

     

    27 Prozent der Mütter sind nicht berufstätig, davon 50‘000 Frauen, die studiert haben. Und fast30  Prozent entscheiden sich für ein kleines Teilzeitpensum von 50 Prozent und minimieren es noch, wenn die Kinder in die Schule kommen. Das geht nicht, findet die Wirtschaft. Gut ausgebildete Frauen sollten nicht am Herd, sondern im Beruf stehen. Und dies möglichst Vollzeit, damit ihr Humankapital nicht verloren geht.

    Dies tönt nachvollziehbar, doch die Situation ist komplexer. Es gibt zwei gesellschaftliche Überzeugungen, welche Mütter mit kleinen Kindern hindern, sich in die Berufskarriere zu stürzen und durchzustarten. Die erste Vorstellung ist die der perfekten Mutter, die zweite, dass sie von Natur aus die geeignetste Fürsorgeperson ist und deshalb in den ersten Lebensjahren die Kinder selbst betreuen soll. In einer unserer Studien waren auch 66 Prozent der jungen Männer und Frauen dieser Meinung. Dass Frauen ihr Berufspotenzial nicht ausschöpfen und Männer trotz viel Gleichstellungsarbeit die Nase weiterhin vorne haben, liegt somit nicht einfach an den Frauen selbst, sondern ebenso an den vorherrschenden Normen.

    Das Mutterbild ist in den 1980er Jahren stecken geblieben.Mütter können heute berufstätig sein, dürfen ihre persönlichen Ambitionen haben und eigenes Geld verdienen, sie können Kinder ohne Partner aufziehen oder sich für die Vollzeitmutterschaft entscheiden, ohne dazu gezwungen zu werden. Andererseits müssen sie beweisen, dass sie gute Mütter sind. Und gut heisst nichts anderes als intensiv. Sie sollen eine innige Verbundenheit zum Kind haben, selbstlos sein, in den Nachwuchs viel Qualitätszeit investieren undseine Bedürfnisse über die eigenen stellen. Zudem orientieren sie sich an Experten und Erziehungsratgebern, um das Kind bestmöglichst zu fördern und nichts dem Zufall zu überlassen.

    Diese wirkmächtigen Normen des intensiven Mutterseins stehen den Arbeitsmarktprinzipien konträr entgegen und generieren viele Widersprüche: Die gleiche Gesellschaft, die nach Vollzeit berufstätigen Müttern ruft, weil sie Humankapitalverlust beklagt, verlangt von diesen Frauen, dass sieals Berufstätige die Familie gegenüber der Arbeit priorisieren, sich jedoch in männliche Marktstrukturen einordnen, wenn sie die Karriereleiter hochklettern wollen.

    Viele Frauen stehen deshalb unter Dauerstrom. Sie schuften und schuften, um zu beweisen, dass sie gute Mütter sind und auch beruflich vorwärts kommen. Deshalb ignorieren sie ihre Bedürfnisse, so dass immer mehr von ihnen unter der Last des Alltags zusammenbrechen.Muttersein ist unter solchen Bedingungen fast zu einem Gesundheitsrisiko geworden. Somit ist es wenig erstaunlich, dass sich immer mehr Frauen entscheiden, für kürzer oder länger zu Hause zu bleiben. Oft tun sie dies nicht als Notlösung, sondern weil sie es wollen (und auch in der Lage sind). Vielleicht ist das ein politisches Statement, das wir ernster nehmen sollten.

    Perfekte Mutterschaft hindert Frauen nicht nur am beruflichen Durchstarten, sondern hat auch negative Auswirkungen auf die Kinder. Selbstverständlich ist es keine Frage, dass die Beziehung zwischen Mutter und Kind enorm wichtig und auch entscheidend ist für ein gesundes Aufwachsen. Doch mütterliche Überinvestition führt zur Paradoxie, dass das Kind abhängig wird und zu kurz kommt. Es kann nicht selbstständig werden, Herausforderungen kaum alleine meistern und auch nicht lernen, mit Niederlagen umzugehen.

    Ähnlich geht es Männern mit Partnerinnen, die perfekte Mütter sein wollen. Weder können sie in der Familie Autonomie erlangen noch zum Kind eine eigenständige und unabhängige Beziehung aufbauen. Deshalb bringt uns mehr öffentliche Unterstützung für Kinderbetreuung, für Tagesschulen, für Vaterschaftsurlaub oder für Teilzeit- und Home Office-Arbeit zwar weiter, aber ohne im Kern etwas zu verändern. Was wir folgedessen ebenso brauchen, sind neue Denkstrukturen, eine neueZeitpolitik undeine neue Anerkennungsordnung von Müttern. Damit meine ich, dass Politik und Arbeitswelt Möglichkeiten schaffen, um Müttern – und auch Vätern – zu ermöglichen, sich in der intensivsten Familienphase etwas zurücknehmen zu können, um sich später beruflich wieder voll engagieren und weiterentwickeln zu können.

    Frauen sollten lernen, sich für Kind und Familie weniger allein verantwortlich zu fühlen und anstatt die beste, nur eine hinreichend gute Mutter zu sein. Mit einer solchen Einstellungsänderung fordern sie auch ihre Partner heraus, ihren Anteil an der Gesamtverantwortung zu erhöhen. Und wenn das Kind dann bei einem Sturz vom Dreirad nicht nach ihr, sondern nach dem Vater ruft, sollten sie dies nicht als Kränkung ihres Egos verstehen, sondern als Zeichen, dass sie auf dem Weg zur hinreichend guten Mutter sind. Dies ist ein Segen für sie, das Kind, den Partner und die Gesellschaft.

  • Erschienen in: Aargauer Zeitung/Nordostschweiz, 15.02.2016, 18.

     

    Frauenquoten, gleicher Lohn für Frau und Mann, Teilzeitarbeit auch für Väter, Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Der Weg zur Gleichberechtigung ist gepflastert mit Schlagworten. Die Marschrichtung scheint klar, der Weg aber noch lang. Trotzdem beginnt uns diese Strategie zu überfordern. Sichtbar wird dies schon bei jungen Paaren, die Eltern werden. Man gibt das Kind möglichst früh in die Krippe, damit Mütter gleichberechtigt mit den Vätern wieder arbeiten gehen können. Auch die Wirtschaft ist höchst interessiert, dass weniger gut ausgebildete Frauen am Herd stehen, dafür im Beruf. Und dies am besten Vollzeit, damit ihr Potenzial nicht verloren geht. Diejenigen Mütter jedoch, welche die Karriereleiter hochklettern wollen, müssen die männlichen Spielregeln einhalten. Sie schuften und schuften, um vorwärts zu kommen und nicht selten ignorieren sie auch ihre Bedürfnisse. Gleiches gilt für Väter. Etwa 90% arbeiten Vollzeit, um das Familieneinkommen zu sichern, sollen aber zu Hause gleich viel Familien- und Hausarbeit übernehmen wie die Partnerin. Keiner darf hinter dem anderen zurückstehen. Die Männer haben genug lange als das faule Geschlecht gegolten.

    Viele Paare stehen jedoch unter Dauerstrom. Damit sie allesin den Griff kriegen, werden sie zu Terminpartnern und Logistikgfachleuten. Und eigentlich klappt alles bestens, wenn nur das Kind nicht schon wieder Fieber hätte, der Partner die superwichtigen Abendtermine nicht alle wahrnehmen würde oder wenn der Babysitter nicht schon wieder krank wäre.

    Das Bedrückende an dieser Situation scheint mir aber etwas Anderes zu sein. In unserer neuen Väter-Studie sagen fast 80%, dass sie viel zu wenig Zeit hätten für die Zweisamkeit mit der Partnerin. Und ebenso viele Mütter sind der Meinung, den Vätern fehle oft die Gelassenheit, am Abend über anderes als den Beruf zu sprechen. Mit dem Vereinbarkeitsproblem ist offenbar auch die Gefahr verbunden, die Sprache zu verlieren: dass man sich kaum mehr ganz aufeinander einlassen kann. Und dies ohne dass im Kopf ein Sturm von Gedanken tobt, über den Job, über das schlechte Gewissen und die Ausreden, weshalb man Vieles wieder nicht geschafft hat.

    Was nun? Das Rad kann nicht zurückgedreht werden. Dass Frauen Karriere machen, ist gut; für sie selbst, für die Gesellschaft, für die Männer. Wenn sie sich mehr um ihre Kinder kümmern und zu Hause anpacken, denn dies erzeugt Druck auf die Wirtschaft, flexibler zu werden. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass Frauen und Männer Beruf und Familie vereinbaren könnten – aber nicht in unserer rückständigen Arbeitskultur mit ihrem eigenartigen Produktivitätsbegriff. Ich meine damit vor allem die zunehmende Verquickung von Familien- und Wirtschaftspolitik und die Instrumentalisierung von Müttern und Vätern als Arbeitskräfte. Es ist nicht so, dass Frauen Kinder bekommen sollen, um dem demografischen Wandel entgegenzuwirken und möglichst schnell dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung zu stehen. Es ist auch nicht so, dass Männer weniger, aber effizienter arbeiten sollen, um mehr zu Hause zur Verfügung zu stehen. Es ist nicht alles nur eine Frage von Geld, Organisation und gutem Wille der Eltern. Familien sind Entwicklungssysteme und keine mechanisch funktionierenden Gebilde!

    Einfach noch mehr Entlastung der Familien zu fordern, noch mehr Teilzeitarbeit für beide Partner und noch mehr Kitas ist somit nur die eine Seite der Medaille. Wir bräuchten vor allem eine grundlegende Veränderung heutiger Denkmuster und eine andere Anerkennungsordnung von Vätern und Müttern. Erstens müsste die Arbeitswelt Möglichkeiten schaffen, damit sich Eltern in der intensivsten Familienphase etwas zurücknehmen können, um sich später wieder reinzuhängen. Zweitens wäre damit eine Herausforderung für die Paare selbst verbunden. Der Paartherapeut Jürg Willi nennt sie «Koevolution», die Kunst gemeinsamen Wachsens. Übertragen auf berufstätige Väter und Mütter würde dies bedeuten, dass Karriereplanung viel längerfristiger und nie isoliert nur bei sich selbst geschehen kann, sondern immer in der Entwicklung mit dem Du.

  • Der Mann will lieber 100% ins Büro als Teilzeit arbeiten. Ungefähr so stand dieser Satz kürzlich in der Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz. Der Artikel ist gut recherchiert und differenziert geschrieben. Trotzdem lässt sich die Hauptbotschaft, der Vater sei es, der sein Arbeitspensum nicht kürzen wolle, so nicht stehen lassen. Unsere Forschungsergebnisse aus der Franz- und Tarzan-Studie* sprechen eine etwas andere Sprache. In diesem Blog berichte ich, weshalb die Partnerin eine ganz wesentliche Rolle spielt, lasse aber die Rolle der Arbeitgeber berücksichtigt (siehe hierzu mein Blog «Dinosaurier Dads in Chefetagen» vom 30.04.2017).

    Die stille Revolution

    Väter engagieren sich heute – empirisch in verschiedenen Studien belegt – viel intensiver in Haushalt und Kinderbetreuung als dies noch für ihre eigenen Väter der Babyboomer-Generation gegolten hat. Man darf somit durchaus von einer stillen Revolution sprechen, sieht doch das Familienleben heute radikal anders aus. 70 Prozent der Männer empfinden ihre Rolle in der Familie im Vergleich zu ihren Vätern als markant anders und bewerten diese Veränderungen als persönlichen Gewinn.

    Die Einstellungen der Männer haben sich deutlich verändert, und es hat auch ein bemerkenswerter Umdenkprozess stattgefunden – doch schlägt sich dies nur ansatzweise im beruflichen Handeln nieder. Viele Männer steigern ihr Arbeitspensum sogar nach der Geburt des ersten Kindes. In unserer Tarzan-Studie sagte ein Drittel der Befragten, die Berufsarbeit dominiere ihr Leben und setze sich stark im Kopf fest. Ähnliche geschlechtsspezifische Muster zeigen sich bei Frauen. Nach einem durch Mutterschaft bedingten Unterbruch werden zwar viele wieder berufstätig, der Grossteil entscheidet sich jedoch für ein Teilzeitpensum und übernimmt nicht nur den Hauptanteil der Haus- und Familienarbeit, sondern auch die innerfamiliäre Gesamtverantwortung. Dies sind Gründe, weshalb sich die traditionelle Rollenverteilung in der Partnerschaft verfestigt**.

    Warum ist dies so? Hierfür gibt es verschiedene theoretische Erklärungsmodelle, drei sind besonders bedeutsam***:

    Traditionelle Rollenverteilungen und ihre Hintergründe

    Ökonomische Arbeitsteilung: Gemäss diesem Ansatz sind Haushalt und Familie ein Kleinunternehmen, in dem die finanziellen Mittel eine wichtige Rolle spielen. Mit der Geburt des ersten Kindes werden aufgrund erhöhter Investitionskosten wirtschaftliche Fragen entscheidend, so dass die Logik des Geldbeutels nun eine viel bedeutsamere Rolle spielt. Hat der Mann ein höheres Salär und die Frau geringere Verdienstmöglichkeiten, wird eine relativ traditionelle Rollenaufteilung vorgenommen. Diese ermöglicht, dass Eltern sich finanziell mehr leisten können, währendem eine Teilzeitarbeit des Vaters oft mit finanziellen Einschränkungen verbunden wäre. Dies können oder wollen viele Paare nicht auf sich nehmen. Viele arbeiten, weil sie das Geld brauchen, nicht aus Luxus. Ein Teil der Männer kann die Familie noch alleine durchbringen, aber ein grösserer Teil kaum.

    Des Weiteren begünstigen wohlfahrtsstaatliche Rahmenbedingungen herkömmliche Mutter- und Vaterschaft. So wirken sich die hohen Kosten der familienergänzenden Kinderbetreuung auf Familien traditionalisierend aus, weil ein Elternteil notgedrungen beruflich zugunsten der familiären Fürsorgearbeit zurückstecken muss. Des Weiteren kommen die Lücken in der Besteuerung hinzu. Heute haben wir immer noch Strukturen, die das Einverdienermodell bevorzugen.

    Machtverhältnisse: Nicht nur die Finanzen sind ausschlaggebend dafür, wie sich Paare organisieren. Auch die Machtverhältnisse und Rollenabsprachen sind wesentlich. Diesem Ansatz zufolge versucht jeder der beiden Partner, seinen Nutzen (das, was man gerne tut) zu maximieren und seine Kosten (das, was man nicht gerne tut) zu minimieren. So nehmen Frauen für sich eher die Pflege des Kindes oder bestimmte Haushaltsarbeiten in Anspruch und delegieren Ungeliebtes (z.B. Steuererklärung ausfüllen) an den Partner. Für Männer gilt Anderes. Prioritär ist für sie oft der direkte Umgang und das Spielen mit dem Kind, sekundär jedoch Putzen oder Wäsche bügeln. Weil derjenige Partner mächtiger ist, der ein höheres Salär bezieht resp. eine bessere Perspektive auf dem Arbeitsmarkt hat, bestimmt dieser die Aufteilung der Arbeiten. Da Männer häufig diese Personen sind, drücken sie sich von den am wenigsten attraktiven Aufgaben und überlassen diese eher den Partnerinnen. Die grosse Frage ist aber, weshalb dies die Frauen überhaupt zulassen.

    Das Ideal der guten Mutter: Dass gerade auch diejenigen Frauen, welche die Vision einer gleichgestellten Partnerschaft verfolgen, oft die gesamte familieninterne Verantwortung übernehmen, hat vielmit den vorherrschenden gesellschaftlichen Normen über berufstätige Mütter zu tun. Diese Normen orientieren sich an der Ideologie der guten Mutter, die gegenwärtig eine Renaissance erlebt. Oft verspüren Frauen verstärkt den Wunsch, mehr Zeit mit dem Nachwuchs und weniger Zeit mit Berufsarbeit zu verbringen. Eine Folge davon ist, dass viele Frauen zu Beginn der Mutterschaft die Gesamtverantwortung für das Haushalts- und Familienmanagement teils fast euphorisch übernehmen und sich entscheiden, den Arbeitsplatz zu quittieren oder weniger zu arbeiten. Sie denken, es sei doch nur gerecht, wenn sie kürzer treten, weil sie ja schliesslich die Mütter und deshalb von Natur aus geeigneter für Betreuungsaufgaben sind als Männer.Der Mann konzentriert sich auf seinen Beruf und leistet gerade so viel Fürsorgearbeit wie nötig, währendem die Frau das Ausmass ihrer Erwerbsarbeit an ihre Fürsorgeverpflichtungen anpasst.

    Die Rollenverteilung geschieht in gegenseitigem Einverständnis

    Diese Gesamtdynamik führt zu einem Traditionalisierungsprozess, der sich jedoch fast immer in gegenseitigem Einverständnis vollzieht. Viele Studien – so auch unsere Tarzan-Untersuchung – belegen, dass nicht wenige Frauen die Sicherung des Familieneinkommens als primäre Aufgabe des Partners verstehen und sie seine Berufskarriere unterstützen***.

    Deshalb ist die Kritik an den zu viel arbeitenden Vätern vor diesem Hintergrund nicht nur zu entkräften, sondern auch zu hinterfragen. Die hohe Berufsorientierung und Erwerbszentrierung von Männern, die meist als selbstverschuldet taxiert wird, ist eher ein Resultat des Wechselspiels mit ihrer Partnerin - und verschiedener anderer Faktoren.

    Weiterführende Literatur

    *Siehe hierzu die Dossiers oder Forschungsberichte auf der Website: margritstamm.ch.

    **Possinger, J. (2013). Neuen Vätern auf der Spur. Vaterschaft im Spannungsfeld von Erwerbs- und Familienleben. Münster: Waxmann.

    ***Allerdings tendieren Paare, die ungefähr gleich viel verdienen, deutlich seltener zu diesem Modell: Grunow,D., Schulz, F. & Blossfeld, H.-P. (2007). Was erklärt die Traditionalisierungsprozesse häuslicher Arbeitsteilung im Eheverlauf: soziale Normen oder ökonomische Ressourcen? Zeitschrift für Soziologie, 36, 3,162–181. 

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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