Bindung

  • erschienen im Mama-Blog des Tagesanzeigers am Dienstag, 14.03.2017 http://blog.tagesanzeiger.ch/mamablog/index.php/71363/listen-fuer-papa/

     

    Wann gelten Frauen als gute Mütter? Nur dann, wenn sie diese Aufgabe intensiv ausüben. Ob berufstätig oder nicht – ihre Identität ist an das Tun als Mutter gebunden. Schickt der Vater die Tochter am Morgen ungekämmt zur Schule, dann gilt dies nicht als seine Unterlassung, sondern als die der Mutter. Frauen versuchen deshalb unentwegt, den gesellschaftlichen Ansprüchen zu genügen und übernehmen wie selbstverständlich die innerfamiliäre Hauptverantwortung. Hat der Partner Papa-Tag, hinterlassen sie ihm To-Do-Listen, was er wann und wie erledigen soll – als ob er Juniorpartner oder Babysitter wäre.

    Gatekeeper-Mütter bremsen den Partner

    Dieses Phänomen hat sich auch in unseren Studien gezeigt, in der Forschung «Maternal Gatekeeping» genannt. Etwa dreissig Prozent der Frauen praktizieren es regelmässig und etwa zwanzig Prozent zumindest ab und zu. Offenbar wünschen sich nicht alle Frauen den autonomen Einsatz des Partners. Zwar liegt ihnen viel an seiner Beteiligung, trotzdem nörgeln sie an ihm herum, wenn er sich nicht so mit dem Kind oder dem Haushalt beschäftigt, wie sie sich dies vorstellen. Wie kommt das?

    Mit der Geburt des ersten Kindes wird der Mann oft zum Haupternährer, während die Frau die Berufsarbeit aufgibt oder zurückschraubt. Dadurch unterliegt das Familiensystem einer vorher nicht da gewesenen Asymmetrie. Frauen verstärken die mütterlichen Aufgaben, werden zu Einzelkämpferinnen und brauchendas Kind zur eigenen Stabilisierung. Fünfzig Prozent sind überzeugt, dass die enge Bindung zwischen ihnen und dem Kind naturgegeben und stärker als die Vater-Kind-Bindung ist. Deshalb verstehen sie sich in Fragen zu Kindererziehung, Betreuung und Haushalt als alleinige Sachverständige. Doch dieses mütterliche Gatekeeping kann zur Folge haben, dass Männer die Motivation verlieren, sich immer mehr zurückziehen oder eine angelernte Hilflosigkeit entwickeln.

    Gluckenmütter sind keine Türsteher-Mütter

    Türsteher-Mütter sind nicht einfach übermässige Glucken, die sich besonders fürsorglich um die Kinder kümmern. Zwar behütet eine Glucke die Kinder im Übermass, lässt aber den Mann als ebenbürtigen Partner zu. Eine Türsteher-Mutter definiert sich jedoch vor allem in der Abgrenzung zu ihm. Sie bindet das Kind stark an sich und gibt dem Partner dadurch zu verstehen, dass er in Betreuung und Haushalt Vieles falsch macht. Er ist keine gleichberechtigte väterliche Figur, die eigene Standards oder Regeln aufstellen darf und die sie dann auch gewillt ist zu übernehmen.

    Doch auch Männer können zum Revierverhalten der Partnerin beitragen. Dies ist dann der Fall, wenn sie davon überzeugt sind, dass Frauen zwar die besten Erzieherinnen sind, ihre Berufstätigkeit aber nur vordergründig unterstützen und als selbstverständlich voraussetzen, dass sie die Hauptverantwortung für den familiären Part weiterhin übernimmt.

    Den Blick auf das Wir legen

    Wie kommt man aus einer solchen Teufelsspirale heraus? Die wichtigste Voraussetzung ist die Bereitschaft beider Partner, sich selbst in Frage zu stellen. Man kann in einer Partnerschaft nichts ändern, wenn man nur den anderen ändern will. Männer müssen für ihr Engagement einstehen wollen, ohne die Partnerin lediglich als naturgegeben gute Mutter zu sehen und sich dahinter zu verstecken. Frauen müssen lernen abzugeben und ihre Einflusszonen herunterzufahren. Wenn beide den Blick nicht nur auf das Ich, sondern auch auf das Wir legen, erfahren sie Entwicklung nicht mehr nur isoliert bei sich selbst. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass dies eine grosse, aber lösbare Aufgabe ist.

     

    Literaturhinweise

    Stamm, M. (2013). Bildungsort Familie. Die FRANZ-Studie. Dossier 13/1. Bern: Forschungsinstitut Swiss Education. www.margritstamm.ch

    Stamm, M. (2016). Väter: Wer sie sind, was sie tun, wie sie wirken. Die TARZAN-Studie. Dossier 16/1. Bern: Forschungsinstitut Swiss Education. www.margritstamm.ch

    Stamm, M. (2016). Lasst die Kinder los. Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. München: Piper.

  • erschienen im Nebelspalter, 17.03.2022


    Wann gelten Frauen als gute Mütter? Nur dann, wenn sie diese Aufgabe intensiv ausüben. Ob berufstätig oder nicht – ihre Identität ist an das Tun als Mutter gebunden. Schickt der Vater die Tochter am Morgen ungekämmt zur Schule, gilt dies nicht als seine Unterlassung, sondern als die der Mutter. Frauen versuchen deshalb unentwegt, den gesellschaftlichen Ansprüchen zu genügen und viele übernehmen wie selbstverständlich die innerfamiliäre Hauptverantwortung. Hat der Partner Papa-Tag, hinterlassen sie ihm To-Do-Listen, was er wann und wie erledigen soll – als ob er der Juniorpartner wäre.

    Frauen, die an Männern herumnörgeln

    Dieses Phänomen, in der Forschung «Maternal Gatekeeping» genannt, hat sich auch in unseren Studien gezeigt. Gemeint sind damit Frauen in der Rolle als Türsteherinnen. Entweder öffnen sie dem Partner die Türen, blockieren oder verschliessen sie. Etwa dreissig Prozent der Frauen praktizieren Gatekeeping regelmässig und etwa zwanzig Prozent zumindest ab und zu. Offenbar wünschen sich nicht alle Frauen den autonomen Einsatz des Partners. Zwar liegt ihnen viel an seiner Beteiligung, trotzdem nörgeln sie an ihm herum, wenn er sich nicht so mit dem Kind oder dem Haushalt beschäftigt, wie sie sich dies vorstellen. Wie kommt das?

    Mit der Geburt des ersten Kindes wird der Mann oft zum Haupternährer, während die Frau die Berufsarbeit aufgibt oder zurückschraubt. Dadurch unterliegt das Familiensystem einer vorher nicht dagewesenen Asymmetrie. Manche Frauen verstärken die mütterlichen Aufgaben, werden zu Einzelkämpferinnen und brauchen das Kind zur Stabilisierung. Fünfzig Prozent sind überzeugt, dass die enge Bindung zwischen ihnen und dem Kind naturgegeben und stärker als die Vater-Kind-Bindung ist. Deshalb verstehen sie sich in Fragen zu Kindererziehung, Betreuung und Haushalt als alleinige Sachverständige. Doch dieses mütterliche Verhalten kann zur Folge haben, dass Männer die Motivation verlieren, sich immer mehr zurückziehen oder eine angelernte Hilflosigkeit entwickeln.

    Glucken-Mütter und Türsteherinnen

    Türsteher-Mütter sind nicht einfach übermässige Glucken, die sich besonders fürsorglich um die Kinder kümmern. Zwar behütet eine Glucke die Kinder im Übermass, lässt aber den Mann als ebenbürtigen Partner zu. Eine Türsteher-Mutter definiert sich vor allem in der Abgrenzung zu ihm. Sie bindet das Kind stark an sich und gibt dem Partner zu verstehen, dass er in Betreuung und Haushalt Einiges falsch macht. Er ist keine gleichberechtigte väterliche Figur, die eigene Standards aufstellen darf und die sie akzeptiert.

    Doch auch Männer können zum Revierverhalten der Partnerin beitragen. Dies ist dann der Fall, wenn sie davon überzeugt sind, dass Frauen zwar die besten Erzieherinnen sind, ihre Berufstätigkeit aber nur vordergründig unterstützen und als selbstverständlich voraussetzen, dass sie die Hauptverantwortung für den familiären Part weiterhin übernimmt.

    Den Blick auch auf das Wir lenken

    Wie kommt man aus einer solchen Teufelsspirale heraus? Die wichtigste Voraussetzung ist die Bereitschaft beider Partner, sich selbst in Frage zu stellen. Man kann in einer Partnerschaft nichts ändern, wenn man nur den anderen ändern will. Männer müssen für ihr Engagement einstehen wollen, ohne die Partnerin lediglich als naturgegeben gute Mutter zu sehen und sich dahinter zu verstecken. Frauen müssen lernen abzugeben und ihre Einflusszonen herunterzufahren. Wenn beide den Blick nicht nur auf das Ich, sondern auch auf das Wir lenken, erfahren sie Entwicklung nicht mehr nur isoliert bei sich selbst. Das ist eine herausfordernde Aufgabe. 

  • Geht es um Betreuungsprobleme kleiner Kinder, dann spricht alle Welt von Kinderkrippen, vielleicht noch von Nannys oder Au Pairs, aber kaum von Tagesmüttern (Tagesväter sind sozusagen nicht zu finden). Offenbar interessiert sich kaum jemand für ihre Arbeit. Das ist sehr erstaunlich, denn Forschungsergebnisse – wie diejenigen aus unserer FRANZ-Studie* (siehe Abbildung unten) belegen, dass durchschnittlich 22% der Vorschulkinder durch Tagesmütter betreut werden. 21% der Kinder besuchen keine familienergänzende Betreuung und in 4% der Fälle ist eine Nanny für sie zuständig. 34% gehen in eine Krippe und 19% sind teilweise in der Obhut von Verwandten. Dabei muss berücksichtigt werden – und dies ist aus der Abbildung nicht ersichtlich – dass bei mehr als 60% der Kinder die familienergänzende Betreuung an mehr als zwei Orten stattfindet.

    Grundsätzlich sind Tagesmütter sehr beliebt, auf dem Land stärker als in Grossstädten und Agglomerationen. Dies gilt sowohl für unsere FRANZ-Studie als auch die NUBBEK-Studie**. Und: Kinder sind bei Tagesmüttern in den besten Händen. Nicht nur, weil sich für Eltern Betreuungszeiten individuell regeln und vereinbaren lassen, was für berufstätige Eltern ein grosser Vorteil ist, sondern auch, weil ihnen die Forschung ein gutes Zeugnis ausstellt und diese Betreuungsform in einem gewissen Alter förderlicher ist als die Kita. Zusammengefasst zeigt eine umfassende österreichische Studie***:

    • Tagesmütter sind für kleine Kinder (bis 2 Jahre) die ideale Betreuungsform.
    • Kleine Kinder haben bei Tagesmüttern ein stärkeres Geborgenheitsgefühl als in einer Kita und entwickeln zu ihnen eher sichere Bindungsbeziehungen als zu Erzieherinnen und Erziehern in einer Kita.
    • Diese Form der Bindungsqualität fördert die kognitive Entwicklung des Kindes.
    • Tagesmütter behandeln beide Geschlechter gleich, währendem in Kitas Mädchen bevorzugt werden.
    • In Tagesfamilien sind Absprachen besser möglich, weshalb sie auch bessere Verhaltensanpassungen erlauben.

    Eigentlich sind derart gute Forschungsergebnisse erstaunlich, denn für Tagesmütter werden schon lange eine bessere Qualifizierung und mehr Professionalität gefordert. Deshalb muss man einen differenzierten Blick auf diese Resultate werfen. Sie stammen nämlich aus der Tagespflege in Österreich, die dort deutlich professioneller organisiert ist als in der Schweiz. Zudem dürften sie auch mit der Auswahl der Tagesmütter zu tun haben, denn geprüft wurden nur diejenigen, welche sich freiwillig gemeldet hatten.

    Aktuell ist die Situation in der Schweiz die, dass eine regelmässige Arbeit als Tagesmutter lediglich eine Bewilligung erfordert, ausgestellt durch die Gemeindebehörde. Eine solche Bewilligung bekommt, wer erzieherisch, charakterlich und gesundheitlich in der Lage ist, die Aufgabe als Tagesmutter verantwortungsbewusst und kindgerecht zu erfüllen. Familienangehörige fallen nicht unter die Bewilligungspflicht. Im Allgemeinen verfügen Tagesmütter nur über eine relativ bescheidene Ausbildung.

    Mit Sicherheit haben Tagesfamilien als Angebot familienergänzender Betreuung ein grosses Potenzial. Es ist also nur zu begrüssen, wenn Standards für ihre Qualifizierung eingeführt werden. Und ebenso wünschenswärt wäre es, wenn es Werbekampagnen für Tagesfamilien geben würde, denn bislang stehen Kitas viel zu sehr im Mittelpunkt.

    *Stamm, M. et al. (2012). Früher an die Bildung – erfolgreicher in die Zukunft? Familiäre Aufwachsbedingungen, familienergänzende Betreuung und kindliche Entwicklung. Schlussbericht zuhanden der Hamasil Stiftung und der AVINA Stiftung. Universität Fribourg: Departement Erziehungswissenschaften.

    ** Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit (NUBBEK) in Deutschland (2012). http://www.nubbek.de/.

    ***Ahnert, L. (2012). http://www.hilfswerk.at/cms/download/b7ctl/N%C3%96-Tagespflege.pdf

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Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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