Väter

  • Vielleicht gehen die letzten zehn Jahre als Dekade der «neuen Väter» in die Geschichtsbücher ein. Alle Welt spricht heute von ihnen als den aktiven und engagierten Männern. Auch die Familienpolitik hat sie entdeckt, man denke nur an die jüngsten Diskussionen um den Vaterschaftsurlaub.

    Die Figur des neuen Vaters hat somit enorme Popularität erlangt. Einerseits ist dies natürlich positiv, andererseits aber auch mit Problemen verbunden: erstens, weil der neue Vater vor allem negativ bestimmt ist und sich von der Figur des männlichen Familienernährers abgrenzen soll; zweitens, weil dabei vergessen geht, dass sich neue Väter nicht ohne neue Mütter entwickeln können. Dass dies nicht ohne Konflikte zu haben ist, wurde bisher  jedoch fast systematisch ausgeblendet.

    Wenn Väter – so meine Annahme (und auch meine persönliche Erfahrung) – einen grösseren Anteil in der Familien-, Erziehungs- und Betreuungsarbeit übernehmen, dann verschwinden zwar lästige Paarkonflikte darüber, wer wieviel weshalb und wann was (nicht) macht. Aber gerade die gerechtere Aufteilung der Arbeit bringt neue Probleme mit sich und zwar deshalb, weil die internen Machtverhältnisse tangiert werden. Denn es ist nach wie vor das in unserer Gesellschaft stark verankerte Bild der kompetenten Mutter, welche die Standards setzt, was unter «guter» Familien- und Hausarbeit zu verstehen ist.

    Ich erinnere mich noch daran, als ich als 35-jährige Mutter mein Studium nach achtjähriger ausschliesslicher Familientätigkeit begann und mein Mann einen bemerkenswerten Teil der Haus- und Betreuungsarbeit übernahm. Endlich entlastet, endlich frei von der (fast) alleinigen Verantwortung für Haushalt und Familie! Ich fühlte mich wie neugeboren. Aber schnell merkte ich, dass meine Vorstellungen dessen, was gute Hausarbeit und Kinderbetreuung ausmacht, nicht mit denen meines Mannes übereinstimmten. Er machte vieles ganz anders und setzte andere Schwerpunkte – so dass mir manchmal fast die Haare zu Berge standen. Diese für mich neue Praxis zu akzeptieren wurde in der ersten Zeit meines Studiums zu einer grossen Herausforderung.

    Wie stark somit der neue Vater in die Familien- und Hausarbeit involviert ist oder wird, ist nicht nur eine Frage seiner Bereitschaft und seines Willens, sondern ebenso abhängig von der Reaktion seiner Partnerin. Sie muss bereit sein, ihm Autonomie und Zuständigkeiten zu überlassen und auch lernen, die eigenen Einflusszonen herunterzufahren. Viele Mütter sind sich gar nicht bewusst, wie sehr sie sich an ihre Standards klammern und selbstverständlich davon ausgehen, dass sie vom Partner zu übernehmen sind. Dieses kulturelle Muster der Mutter als Besserwisserin ist in vielen jungen Familien wirkmächtig geblieben.

    Inwiefern es Paaren gelingt, solche neuen Konflikte zu meistern und sich gemeinsam zu entwickeln, dürfte für die Entwicklung der Väter zentral sein. Sollen sie eine aktive und engagierte Vaterschaft nicht nur betreiben wollen, sondern auch betreiben können, dann müssen ihnen die Mütter nicht nur eine ebenbürtige Position zugestehen. Sie müssen auch andere Vorstellungen darüber akzeptieren, was gute Familien- und Hausarbeit ist. Auf die Dauer werden sich Väter nicht mit der Position des Praktikanten oder Juniorpartners begnügen.

    Wenn Väter somit nicht eine logischerweise unvollkommene Imitation ihrer Partnerinnen bleiben sollen, sind sie auf neue Mütter angewiesen. Weil es das eine ohne das andere nicht gibt, brauchen wir eine andere Anerkennungsordnung zwischen ihnen. Das Profil ist zwar noch undurchsichtig, aber es könnte in die Richtung gehen, wie dies Jürg Willi* im NZZ-Interview vom 15. März 2014 mit Alan Niederer umschreibt. Willi spricht von «Koevolution»,der Kunst gemeinsamen Wachsens. Übertragen auf neue Väter und neue Mütter würde dies bedeuten, dass Entwicklung nie isoliert nur bei sich selbst geschehen kann, sondern immer nur am Du.

    «Persönliche Beziehungen sind das Wichtigste.».http://www.nzz.ch/aktuell/zuerich/uebersicht/persoenliche-beziehungen-sind-das-wichtigste-1.18263391

     

     

  • Im letzten Herbst habe ich in der NZZ am Sonntag eine Gastkolumne zum «Social Freezing» (manchmal auch «Egg Freezing» genannt) geschrieben, d.h. zur Möglichkeit des Einfrierens von Eizellen, damit Frauen Karriere machen und die Mutterschaft auf später verschieben können*. Meine Meinung war und ist die, dass dies ein falscher Weg ist. Auf meinen Gastbeitrag habe ich viele Rückmeldungen erhalten – erstaunlicherweise kaum von Müttern, sondern vor allem von Vätern, welche die Familie mit der Karriere vereinbaren wollen oder sollen, sich aber enorm unter Druck fühlen.

    Nun hat am letzten Mittwoch die Kommission für Soziale Sicherheit des Nationalrates einem zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub zugestimmt. Argumentiert wird, dass «Väter auch früh schon an der Kleinkind-Betreuung mitwirken» können sollen. Nichts gegen einen solchen Vaterschaftsurlaub! Er ist längst überfällig, aber er ist ein ungenügendes Angebot. Nicht nur deshalb, weil andere Länder - z.B. Deutschland - eine viel grosszügigere Regelung haben (Dort wird das Elterngeld an Väter und Mütter während maximal 14 Monaten gezahlt, die mit der Arbeit aussetzen). Zum einen, weil ein Vaterschaftsurlaub aus Männern nicht einfach so moderne Väter macht. Zum anderen, weil er den Eindruck erweckt, als sei nun viel für die Väter getan. Vernebelt wird damit nämlich, dass sich Väter heute schon überdurchschnittlich engagieren und ein den Müttern vergleichbares Vereinbarkeitsproblem haben. Der moderne Vater spielt zunehmend die Rolle des Supermannes, der ausserordentliche Kräfte aufbringt,um den Ansprüchen zwischen Kind, Karriere und Küche gerechter zu werden.

    Allerdings ist die Rolle moderner Väter mit Widersprüchlichem verbunden, und Einiges will einfach nicht so richtig zusammen passen. Folgt man der Statistik des BfS**, dann arbeiten fast 90% in einem anstrengenden Job, mehr als 40 Stunden pro Woche. Gleichzeitig wollen sie mehr Zeit mit den Kindern verbringen. Nur 40% finden jedoch, dass es ihnen gelingt, eine gute Balance zu halten und genug Zeit für die Familie aufzubringen***. Trotz dieser Situation ist die Vollzeitstelle für den Vater und die Teilzeitstelle für die Mutter das bevorzugte und am häufigsten praktizierte Arbeitsmodell.

    Viele Väter sind hin- und hergerissen zwischen der beruflichen Karriere und dem Ideal des perfekten Vaters. Noch immer verspüren sie die Verpflichtung, als Ernährer der Familie wirken zu müssen. Zwar finden sie das Rollenverständnis ihrer eigenen Väter als antiquiert und sie verhalten sich gegenüber ihren eigenen Kindern auch ziemlich anders – was den Beruf betrifft, jedoch kaum.

    Warum ist dies so? Weshalb fühlen sich moderne Männer derart unter Druck, und wie kommt es, dass partnerschaftliche Vereinbarkeitsmodelle so rar sind? Hierzu gibt es natürlich viele Gründe, doch mit Sicherheit drei, welche ökonomische, betriebliche und innerfamiliäre Rollen betreffen.

    «Die Logik des Geldbeutels»: In ökonomischer Hinsichtkommt es bei der Geburt des ersten Kindes häufig zu einer Traditionalisierung der Rollenmuster.Logischerweise entscheidet bei vielen Paaren der Lohn darüber, wie die Familien- und Berufsarbeit nun aufgeteilt werden soll. Oft haben Männer einen Einkommensvorteil, weshalb sie voll im Beruf engagiert bleiben – oder aufgrund der gestiegenen Investitionskosten sogar noch mehr arbeiten müssen. Mütter hingegen steigen teilweise aus oder arbeiten Teilzeit, nicht selten deshalb, weil sie nur ein unsicheres Beschäftigungsverhältnis haben. Der Entscheid ist deshalb oft eine rationale Kosten-Nutzen-Abwägung.

    «Die Männlichkeit im Betrieb»: Zwar gibt es heute immer mehr Betriebe, welche auch Teilzeitarbeit von Männern einführen oder mit dem Label «familienfreundlich» werben. Dies ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist die, dass viele Betriebe eine Verfügbarkeits- und Anwesenheitskultur pflegen und damit einem traditionellen Männlichkeitsmuster folgen. Richard Sennett**** schreibt darüber in seinem Buch «Der flexible Mensch». Leistungsbereitschaft wird nach wie vor mit Präsenz und Produktivität gleichgesetzt.Die New Economy hat auch das Privatleben erobert, denn in vielen, auch kreativen Berufen muss man auch nach Feierabend damit beschäftigt sein, Kontakte zu knüpfen.Man muss somit zu den «richtigen» Zeiten anwesend und jederzeit einsetzbar sein. Wer «nur» Teilzeit arbeitet, weicht vom traditionellen Bild des «richtigen Mannes» ab und hat damit auch kaum Anrecht, Aufstiegsambitionen zu hegen.

    «Die Mütter als Türsteherinnen»: Innerfamiliär wird der Vereinbarkeitsdruck der Väter von den Müttern massgeblich beeinflusst. Viele von ihnen erachten Haushalt, Familie und Fürsorgearbeit als ihr Revier und verstehen sich deshalb als Profis. Nicht selten gilt der Vater folgedessen kaum als gleichwertiger Partner, sondern eher als Praktikant oder als Juniorpartner. Mütter setzen die Standards, wie etwas erledigt, der Brei gekocht oder die Wäsche gemacht werden soll. Für Väter ist dies häufig eine grosse Belastung, wenn sie nach einem arbeitsreichen Tag diese «zweite Schicht» beginnen und wissen, dass die Konflikte mit der Partnerin vorprogrammiert sind. Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass sich viele Väter in der Haushaltsarbeit zurückhalten.

    Wenn wir wirklich neue Väter wollen und ihre angespannte Situation ernstnehmen, dann ist der geplante Vaterschaftsurlaub zwar eine Referenz an die Väter, insgesamt aber nichts Weiteres als ein schönes Schäumchen auf einem guten Cappuccino. Unsere Gesellschaft müsste sich viel eher fragen, inwiefern die bestehenden inner- und ausserfamiliären Rahmenbedingungen zu verändern sind, damit überhaupt Zeit und Gelegenheit für eine angemessene Fürsorgearbeit von Vätern möglich wird, ohne dass sie Supermänner sein müssen.

    Was wir brauchen ist vor allem eine Diskussion über ein grundsätzlich neues Familienmodell, das einem «Work freezing» entspricht: Väter und Mütter sollten die Chance bekommen, sich in der intensivsten Familienphase etwas zurücknehmen zu können, um sich nachher wieder richtig reinzuhängen. Spätere Karrieren für Männer und Frauen sind sowieso angesichts des langen Lebens besonders erwünscht.

     

    * http://www.margritstamm.ch/images/nzzs_So_20141026_LMJO1%20PDF.pdf

    **Bundesamt für Statistik (2015). Erhebung zu Familien und Generationen 2013. Neuenburg: Bundesamt für Statistik.

    ***Pro Familia Schweiz (2011). Was Männer wollen. Studie zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Bern: Pro Familia.

    **** Sennett, R. (1998). Der flexible Mensch.Die Kultur des neuen Kapitalismus Berlin: Berlin-Verlag.

  • Warum bekommt man heute Kinder? Um dem Leben einen Sinn zu geben, um Liebe zu schenken und sich selbst nicht mehr so wichtig zu nehmen. So antwortet zumindest in unseren Forschungsstudien ein Großteil der Eltern oder solche, die es werden wollen. Elternliebe gilt als einmalig und unvergleichlich. Auch der Schriftsteller Jean Paul hat einmal gesagt, mit einer Kindheit voll Liebe könne man ein halbes Leben lang in der kalten Welt auskommen. Tatsächlich ist die Liebe zwischen Eltern und Kind für die fundamentale Ausgestaltung des Lebens etwas Grundlegendes. Zwar entspricht sie nicht dem ‚coup de foudre’, der Liebe auf den ersten Blick, den die Franzosen ‚Blitzschlag‘ nennen. Doch gilt sie als größer, inniger und zarter. Aber nicht nur die Liebe, sondern auch die Verantwortung gegenüber dem Kind schreiben heutige Eltern groß: 62% der 35- bis 42-jährigen meinen, dass Eltern ihr eigenes Leben hinter dasjenige des Kindes stellen sollten. Diese Aufopferungspflicht ist international. Sie gipfelt darin, dass Kinder heute zu genau geplanten Lebenswerken geworden sind. Wenn Männer und Frauen Eltern werden, dann erträumen sie ihr Elternglück in vielen Farben, und eines steht fest: Das Kind soll etwas Besonderes werden, das alles überstrahlt. Das Ziel ist das perfekte Kind, und perfekte Kinder brauchen perfekte Eltern. Derartiges Streben kann jedoch problematische Folgen für die Kinder haben. Dafür sind jedoch kaum die Väter und Mütter verantwortlich, sondern in erster Linie ist es unsere Gesellschaft.

    In den letzten zehn Jahren sind Väter und Mütter immer stärker zum Gegenstand des öffentlichen und politischen Interesses geworden. Grundsätzlich ist dies eine positive Entwicklung, denn die Familie ist lange genug ein Stiefkind der Politik gewesen (und ist es teilweise heute noch!). Problematisch ist allerdings, dass Erziehung, Betreuung und Bildung des Nachwuchses mehr und mehr politisiert werden und dies für Eltern negative Folgen hat. Eine oft vertretene gesellschaftliche Überzeugung ist dabei übermächtig: dass es allein der familiäre Einfluss sei – spricht: die «gute» Mutter und der «gute» Vater – welcher das Verhalten und Gedeihen des Nachwuchses bestimme. In der Bildungs- und Sozialpolitik besonders beliebt ist der Begriff der «verantworteten Elternschaft». Damit ist gemeint, dass man keine Kinder in die Welt setzen soll, wenn man nicht in der Lage ist, sie gut zu erziehen, zu fördern und zu bilden und dabei alle ihre Bedürfnisse und Interessen in den Mittelpunkt zu stellen. Dazu kommt, dass den Eltern kontinuierlich eingetrichtert wird, die ersten Lebensjahre seien die wichtigsten überhaupt. Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Aussage zwar weitgehend richtig, doch die mit ihr verbundenen Drohungen – Wer nicht möglichst früh seinen Nachwuchs fördere, nehme das Risiko verpasster Chancen in Kauf – haben möglicherweise fatale Folgen.

    Denn logischerweise haben sich solche Forderungen schnell auf das Selbstverständnis der Eltern übertragen und damit auch auf die Entwicklung der Kinder. Weshalb wundert man sich eigentlich, dass Eltern zunehmend begonnen haben, sich früh schon mit der Bildung ihrer Kinder zu beschäftigen? Sie verhalten sich ja nur genau so, wie dies die Politik immer einfordert! Warum ist man so erstaunt, dass Väter und Mütter ihre Antennen mit der Strategie «Früher=besser» dauernd ausfahren, um sich in Startposition zu bringen? Und weshalb der große Aufschrei, wenn Eltern Perfektionsträume entwickeln, die vor allem aus der Sorge um die Zukunft ihrer Kinder geboren werden und deshalb zumindest ein wenig helfen sollen, sich gegen die diffusen und bedrohlichen Ängste zu stemmen? Denn, wohin sie auch schauen und an wen sie sich auch wenden, sie werden bestätigt: Die Krise der Familie ist allgegenwärtig, und Schuld daran sind die Väter und Mütter!

    Je mehr jedoch unsere Gesellschaft die Eltern unter Druck setzt, desto größer werden ihre Schuldgefühle. Diese Einschüchterungskultur macht aus normalen Eltern solche, die unter Dauerstress stehen, damit sie perfekt sein und aus ihren Sprösslingen Treibhauskinder machen können. Sie stecken vielmehr in einem Circulus Vitiosus, in einem Teufelskreis, und zwar deshalb, weil sie so instrumentalisiert werden, dass sie sich nicht mehr kompetent genug fühlen. Die Art und Weise, wie in der Öffentlichkeit der Erziehungsnotstand proklamiert wird, hat zum Eindruck geführt, als ob alle Eltern professionelle Hilfe von außen bedürften. Folgedessen ist ein Großteil der Eltern auch überzeugt, dass in der Entwicklung und Erziehung ihres Nachwuchses mit Sicherheit etwas schief gehen wird, wenn sie nicht Expertenunterstützung erhalten. Dieser fatalistische Blick erhöht jedoch nur ihre Angst und vermindert gleichzeitig ihre Fähigkeit, auf sachlicher und objektiver Basis intelligente und intuitionsbasierte Entscheidungen zu treffen. Unsere Gesellschaft inklusive viele der selbst ernannten Experten tragen zu einem großen Teil dazu bei, weshalb Väter und Mütter heute so verängstigt sind, sich überfordert fühlen und das Vertrauen in ihre natürliche Fähigkeit, gute Eltern sein zu können, verloren haben.

  • erschienen im Mama-Blog des Tagesanzeigers am Dienstag, 14.03.2017 http://blog.tagesanzeiger.ch/mamablog/index.php/71363/listen-fuer-papa/

     

    Wann gelten Frauen als gute Mütter? Nur dann, wenn sie diese Aufgabe intensiv ausüben. Ob berufstätig oder nicht – ihre Identität ist an das Tun als Mutter gebunden. Schickt der Vater die Tochter am Morgen ungekämmt zur Schule, dann gilt dies nicht als seine Unterlassung, sondern als die der Mutter. Frauen versuchen deshalb unentwegt, den gesellschaftlichen Ansprüchen zu genügen und übernehmen wie selbstverständlich die innerfamiliäre Hauptverantwortung. Hat der Partner Papa-Tag, hinterlassen sie ihm To-Do-Listen, was er wann und wie erledigen soll – als ob er Juniorpartner oder Babysitter wäre.

    Gatekeeper-Mütter bremsen den Partner

    Dieses Phänomen hat sich auch in unseren Studien gezeigt, in der Forschung «Maternal Gatekeeping» genannt. Etwa dreissig Prozent der Frauen praktizieren es regelmässig und etwa zwanzig Prozent zumindest ab und zu. Offenbar wünschen sich nicht alle Frauen den autonomen Einsatz des Partners. Zwar liegt ihnen viel an seiner Beteiligung, trotzdem nörgeln sie an ihm herum, wenn er sich nicht so mit dem Kind oder dem Haushalt beschäftigt, wie sie sich dies vorstellen. Wie kommt das?

    Mit der Geburt des ersten Kindes wird der Mann oft zum Haupternährer, während die Frau die Berufsarbeit aufgibt oder zurückschraubt. Dadurch unterliegt das Familiensystem einer vorher nicht da gewesenen Asymmetrie. Frauen verstärken die mütterlichen Aufgaben, werden zu Einzelkämpferinnen und brauchendas Kind zur eigenen Stabilisierung. Fünfzig Prozent sind überzeugt, dass die enge Bindung zwischen ihnen und dem Kind naturgegeben und stärker als die Vater-Kind-Bindung ist. Deshalb verstehen sie sich in Fragen zu Kindererziehung, Betreuung und Haushalt als alleinige Sachverständige. Doch dieses mütterliche Gatekeeping kann zur Folge haben, dass Männer die Motivation verlieren, sich immer mehr zurückziehen oder eine angelernte Hilflosigkeit entwickeln.

    Gluckenmütter sind keine Türsteher-Mütter

    Türsteher-Mütter sind nicht einfach übermässige Glucken, die sich besonders fürsorglich um die Kinder kümmern. Zwar behütet eine Glucke die Kinder im Übermass, lässt aber den Mann als ebenbürtigen Partner zu. Eine Türsteher-Mutter definiert sich jedoch vor allem in der Abgrenzung zu ihm. Sie bindet das Kind stark an sich und gibt dem Partner dadurch zu verstehen, dass er in Betreuung und Haushalt Vieles falsch macht. Er ist keine gleichberechtigte väterliche Figur, die eigene Standards oder Regeln aufstellen darf und die sie dann auch gewillt ist zu übernehmen.

    Doch auch Männer können zum Revierverhalten der Partnerin beitragen. Dies ist dann der Fall, wenn sie davon überzeugt sind, dass Frauen zwar die besten Erzieherinnen sind, ihre Berufstätigkeit aber nur vordergründig unterstützen und als selbstverständlich voraussetzen, dass sie die Hauptverantwortung für den familiären Part weiterhin übernimmt.

    Den Blick auf das Wir legen

    Wie kommt man aus einer solchen Teufelsspirale heraus? Die wichtigste Voraussetzung ist die Bereitschaft beider Partner, sich selbst in Frage zu stellen. Man kann in einer Partnerschaft nichts ändern, wenn man nur den anderen ändern will. Männer müssen für ihr Engagement einstehen wollen, ohne die Partnerin lediglich als naturgegeben gute Mutter zu sehen und sich dahinter zu verstecken. Frauen müssen lernen abzugeben und ihre Einflusszonen herunterzufahren. Wenn beide den Blick nicht nur auf das Ich, sondern auch auf das Wir legen, erfahren sie Entwicklung nicht mehr nur isoliert bei sich selbst. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass dies eine grosse, aber lösbare Aufgabe ist.

     

    Literaturhinweise

    Stamm, M. (2013). Bildungsort Familie. Die FRANZ-Studie. Dossier 13/1. Bern: Forschungsinstitut Swiss Education. www.margritstamm.ch

    Stamm, M. (2016). Väter: Wer sie sind, was sie tun, wie sie wirken. Die TARZAN-Studie. Dossier 16/1. Bern: Forschungsinstitut Swiss Education. www.margritstamm.ch

    Stamm, M. (2016). Lasst die Kinder los. Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. München: Piper.

  • erschienen im Nebelspalter, 17.03.2022


    Wann gelten Frauen als gute Mütter? Nur dann, wenn sie diese Aufgabe intensiv ausüben. Ob berufstätig oder nicht – ihre Identität ist an das Tun als Mutter gebunden. Schickt der Vater die Tochter am Morgen ungekämmt zur Schule, gilt dies nicht als seine Unterlassung, sondern als die der Mutter. Frauen versuchen deshalb unentwegt, den gesellschaftlichen Ansprüchen zu genügen und viele übernehmen wie selbstverständlich die innerfamiliäre Hauptverantwortung. Hat der Partner Papa-Tag, hinterlassen sie ihm To-Do-Listen, was er wann und wie erledigen soll – als ob er der Juniorpartner wäre.

    Frauen, die an Männern herumnörgeln

    Dieses Phänomen, in der Forschung «Maternal Gatekeeping» genannt, hat sich auch in unseren Studien gezeigt. Gemeint sind damit Frauen in der Rolle als Türsteherinnen. Entweder öffnen sie dem Partner die Türen, blockieren oder verschliessen sie. Etwa dreissig Prozent der Frauen praktizieren Gatekeeping regelmässig und etwa zwanzig Prozent zumindest ab und zu. Offenbar wünschen sich nicht alle Frauen den autonomen Einsatz des Partners. Zwar liegt ihnen viel an seiner Beteiligung, trotzdem nörgeln sie an ihm herum, wenn er sich nicht so mit dem Kind oder dem Haushalt beschäftigt, wie sie sich dies vorstellen. Wie kommt das?

    Mit der Geburt des ersten Kindes wird der Mann oft zum Haupternährer, während die Frau die Berufsarbeit aufgibt oder zurückschraubt. Dadurch unterliegt das Familiensystem einer vorher nicht dagewesenen Asymmetrie. Manche Frauen verstärken die mütterlichen Aufgaben, werden zu Einzelkämpferinnen und brauchen das Kind zur Stabilisierung. Fünfzig Prozent sind überzeugt, dass die enge Bindung zwischen ihnen und dem Kind naturgegeben und stärker als die Vater-Kind-Bindung ist. Deshalb verstehen sie sich in Fragen zu Kindererziehung, Betreuung und Haushalt als alleinige Sachverständige. Doch dieses mütterliche Verhalten kann zur Folge haben, dass Männer die Motivation verlieren, sich immer mehr zurückziehen oder eine angelernte Hilflosigkeit entwickeln.

    Glucken-Mütter und Türsteherinnen

    Türsteher-Mütter sind nicht einfach übermässige Glucken, die sich besonders fürsorglich um die Kinder kümmern. Zwar behütet eine Glucke die Kinder im Übermass, lässt aber den Mann als ebenbürtigen Partner zu. Eine Türsteher-Mutter definiert sich vor allem in der Abgrenzung zu ihm. Sie bindet das Kind stark an sich und gibt dem Partner zu verstehen, dass er in Betreuung und Haushalt Einiges falsch macht. Er ist keine gleichberechtigte väterliche Figur, die eigene Standards aufstellen darf und die sie akzeptiert.

    Doch auch Männer können zum Revierverhalten der Partnerin beitragen. Dies ist dann der Fall, wenn sie davon überzeugt sind, dass Frauen zwar die besten Erzieherinnen sind, ihre Berufstätigkeit aber nur vordergründig unterstützen und als selbstverständlich voraussetzen, dass sie die Hauptverantwortung für den familiären Part weiterhin übernimmt.

    Den Blick auch auf das Wir lenken

    Wie kommt man aus einer solchen Teufelsspirale heraus? Die wichtigste Voraussetzung ist die Bereitschaft beider Partner, sich selbst in Frage zu stellen. Man kann in einer Partnerschaft nichts ändern, wenn man nur den anderen ändern will. Männer müssen für ihr Engagement einstehen wollen, ohne die Partnerin lediglich als naturgegeben gute Mutter zu sehen und sich dahinter zu verstecken. Frauen müssen lernen abzugeben und ihre Einflusszonen herunterzufahren. Wenn beide den Blick nicht nur auf das Ich, sondern auch auf das Wir lenken, erfahren sie Entwicklung nicht mehr nur isoliert bei sich selbst. Das ist eine herausfordernde Aufgabe. 

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 05.03.2019, 20.

    Ein fürsorglicher Vater, der nicht nur den Abfallsack vor die Türe stellt, sondern auch das Kind ins Bett bringt, regelmässig die Windeln wechselt, die Wäsche machen kann und sogar den Kinderarzt kennt – das dürfte der Traum vieler Frauen sein. Doch in einer unserer Studien wünscht sich fast jede dritte Frau keinen solchen unermüdlichen Einsatz. In der Forschung heisst dieses Phänomen «Maternal Gatekeeping»: Gemeint sind damit Frauen in der Rolle als Türsteherin, die ihren Partnern die Türen öffnen, blockieren oder gar verschliessen können.

  • erschienen in: Aargauer Zeitung /Die Nordwestschweiz, 27.08.2018, 16.

    Männer, die 100 Prozent arbeiten, sind glücklichere Väter als Teilzeitler. Dieses Ergebnis einer Studie hat unlängst nicht nur für einigen Wirbel gesorgt, sondern auch einer anderen Untersuchung widersprochen, welche das Gegenteil herausgefunden hatte: Nicht Vollzeit-, sondern Teilzeit berufstätige Männer seien glücklicher, weil ihnen die Balance zwischen Kind, Familie und Beruf besser gelingen würde.

  • Zu meinem neuen Buch, das am 1. August 2018 unter dem gleichnamigen Titel erschienen ist

     

    Das seit Jahren kaum mehr Geglaubte ist eingetreten: In allen deutschsprachigen Staaten werden wieder mehr Kinder geboren. In der Schweiz waren es im Jahr 2011 gut 80‘000 Geburten, in Deutschland 678‘000 und in Österreich 78‘000. 2016 waren es in der Schweiz fast 87‘000 Geburten, in Deutschland 738‘000 und in Österreich 84‘000. Welches Geheimnis steckt hinter diesem Kindersegen? Ist es ein Verdienst der Familienpolitik, weil heute aufgrund des Elterngeldes (in Deutschland und Österreich) und des ausgebauten familienergänzenden Betreuungssystems nahezu 80 Prozent der Frauen, die ihr erstes Kind bekommen, weiterhin berufstätig bleiben und genauso wie Männer Karriere machen können? Oder ist es vielleicht das neue Ideal der intensiven Mutter- und Vaterschaft, welches uns Promi-Paare scheinbar modellhaft vorleben und auch eine Schwangerschaft attraktiv erscheinen lässt?

    Mit Sicherheit sind es nicht lediglich familienpolitische Ziele, die für den Babyboom sorgen. Der wichtigste Faktor für die steigende Geburtenrate dürfte das neue Mutterideal sein, in den USA »the new momism« genannt. Es besagt, dass sich eine Frau nur dann als ganz fühlen kann, wenn sie Mutter wird. Diesem Ideal streben fast 85 Prozent der jungen Frauen nach, und auch immer mehr Männer lassen sich davon begeistern. Familie liegt bei 77 Prozent im Trend, und 47 Prozent finden sie sogar wichtiger als die Karriere.

    Das neue Bewusstsein der Männer

    Noch vor zehn Jahren getrauten sich Männer kaum, partiell aus ihrer Leitungsfunktion auszusteigen, um zu Hause den Nachwuchs zu betreuen. Was hätten denn die Chefs von ihnen gedacht? Heute hat sich das Klima zumindest teilweise gewandelt.Väter können nun manchmal – je nach Arbeitgeber sogar selbstverständlich – das Natürlichste tun, nämlich mehr für ihre Kinder da sein. Dazu beigetragen hat – allerdings nicht in der Schweiz – auch das Elterngeld mit den Vätermonaten. Es hat das Bewusstsein und die symbolische Bedeutung dafür geschaffen, dass Männer am Aufwachsen ihrer Kinder beteiligt sein wollen, sollen und auch können.

    Väter werden immer häufiger von Zaungästen zu Beteiligten. Dieser Kulturwandel lässt sich vielerorts beobachten: Männer bereiten sich zusammen mit der Partnerin auf die Geburt des Kindes in Schwangerschaftskursen vor und sind bei den Kontrollen und auch im Gebärsaal dabei. Sie gehen am Montagvormittag mit dem Kind in ein Café, später zum Va-Ki-Turnen, drehen ihre Runden auf den Spielplätzen – nur in den Herren-WCs hat es noch viel zu selten Wickeltische. Auch in Werbung und Medien sind Männer sichtbarer Teil des Väter-Markts geworden. Neben Interessenverbänden, Internetportalen sowie Männer- und Vätergruppen besteht dieser Markt vor allem aus populären Ratgebern und Zeitschriften, die sich nahezu exklusiv an Väter richten.

    Doch neue Formen des Vaterseins sind nicht etwa deshalb entstanden, weil Männer erkannt haben, dass ihre Bedeutung für die Erziehung des Kindes gross ist. Vielmehr sind sie eine Reaktion auf die Frauenbewegung und ihre Forderung nach Gleichberechtigung sowie auf die veränderten Erwartungshaltungen der Wirtschaft, die angesichts des Fachkräftemangels zunehmend auf qualifizierte weibliche Arbeitskräfte setzt. Mütterliche Berufstätigkeit ist faktisch zur Norm geworden. Frauen müssen nicht mehr begründen, warum sie einen Beruf ausüben, sondern eher, weshalb sie »nur« Hausfrau und Mutter sind.

    Was die Diskussion über Vaterschaft ausblendet

    In der aktuellen Diskussion werden wichtige Aspekte von Vaterschaft fast vollständig ausgeblendet. Neue theoretische Vaterschaftskonzepte führen uns solche Unterlassungen deutlich vor Augen. Vaterschaft umfasst nicht nur die zeitliche Verfügbarkeit, sondern auch viele andere, nicht direkt sichtbare Beiträge. Gemäss diesen neuen Konzepten können sich Väter in der familiären Fürsorgearbeit engagieren, ohne ständig anwesend zu sein.

    Die Vaterschaftsdebatte blendet jedoch auch wichtige Rahmenbedingungen aus, so etwa die Einflüsse der Arbeitswelt (z.B. warum vor allem Väter im öffentlichen Dienst oder in bestimmten geographischen Regionen in Elternzeit gehen), die Einflüsse des persönlichen Umfelds (wie sehr Freunde, Nachbarn und Verwandte die Einstellungen und Verhaltensweisen prägen) oder wie Paare das von ihnen gewählte Familienmodell aushandeln (weshalb sie sich für eine bestimmte Rollenaufteilung entscheiden).

    Einerseits verharren unsere familienpolitischen Systeme immer noch in der Situation wie sie vor fünfzig Jahren war, und eine Anpassung an die neue Realität der Lebensentwürfe ist bisher ausgeblieben.Andererseits wird zu viel gejammert und geklagt, am meisten über die familienfeindliche Wirtschaft oder über den Staat, der zu wenig Hilfe bereitstellt. Als ob in den vergangenen Jahren nichts passiert wäre! Es ist somit auch an der Zeit, dass Männer und Frauen den Fokus der Vereinbarkeitsfrage etwas verrücken und sich fragen, inwiefern sie selbst ein Problem hierfür sind.

    Neue Väter nicht ohne neue Partnerinnen! Weshalb das eine ohne das andere nicht zu haben ist

    Um die gleichberechtigte Teilhabe beider Geschlechter im Arbeits- und Familienleben verwirklichen zu können, brauchen wir ein neues Emanzipationsbündnis zwischen Frauen und Männern, zwischen Müttern und Vätern. Männer sollten sich der Veränderung von Männlichkeit stellen, alte Machtansprüche aufgeben und mehr Engagement in der Familie auch tatsächlich verwirklichen wollen. Frauen wiederum sind zu ermutigen, dass sie sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht nur erstreiten müssen, sondern auch auf die eigenen Bedürfnisse hören dürfen. Gleichzeitig sollten sie einen Beitrag dazu leisten, dass sich ihre Partner nicht nur ins Familienleben einpassen, sondern sich auch eigenständig als Väter entwickeln können. Geschlechtergerechtigkeit heisst, dass Männer und Frauen nicht Kopien des anderen Geschlechts werden, sondern in gegenseitiger Bezogenheit eine unabhängige Identität aufbauen.

    Aber dies kann nur geleistet werden, wenn wir unseren Blick auf die Aufgaben objektivieren, welche Väter in und neben der Familie für diese erbringen und auch nach der Rolle fragen, welche ihre Partnerinnen dabei spielen. Beide Geschlechter sind von kulturellen und gesellschaftlichen Widersprüchen betroffen, aus denen sie sich nur schwer befreien können. Deshalb müssen wir uns von den problematischen Seiten der gegenwärtigen Diskussion befreien, welche unsere Gleichstellungspolitik prägt und Männer andauernd schuldig spricht. Nur so können die einseitigen und mit zu grosser Selbstverständlichkeit postulierten Vorstellungen dessen gesprengt werden, was einen guten Vater oder eine gute Mutter ausmachen soll. Man muss somit etwas genauer hinschauen, um die damit verbundenen problematischen Folgen für die Männer selbst, ihre Partnerinnen und die Gesellschaft insgesamt zu erkennen.

    Stamm, M. (2018). Neue Väter brauchen neue Mütter. Warum Familie nur gemeinsam gelingt. München: Piper.

  • Am Morgen müssen sie früh weg, am Abend kommen sie spät nach Hause. Sind sie endlich da, wechseln sie Windeln, erzählen eine Gutenachtgeschichte oder helfen bei den Hausaufgaben zum Dreisatzrechnen.Tatsächlich hat sich bei den Vätern in den letzten Jahren Vieles geändert. Sie investieren deutlich mehr Zeit in ihre Kinder und mit überwiegend hohem Engagement.Trotzdem ist der Standardvorwurf aus weiblichem Munde immer noch weitgehend derselbe: Männer sind das faule Geschlecht. Sie tun zu wenig im Haushalt, und wenn das Kind einmal krank ist, sind es die berufstätigen Mütter, welche zu Hause bleiben müssen. Auch im Privaten seien Männer immer noch die ewigen Praktikanten und die Juniorpartner der Mütter.

    Obwohl die Statistik zeigt, dass ein Wandel stattgefunden hat, hapert es bei der praktischen Umsetzung. Zumindest sind nicht wenige davon überzeugt, dass Vieles besser wäre, wenn die Väter zu Hause mehr Präsenz markieren würden. Solche Vorstellungen sind jedoch trügerisch und insgesamt einseitig. Denn sie beruhen auf der Annahme, dassein Mehr an zeitlicher Verfügbarkeit automatisch die Entwicklung der Kinder fördert und die Partnerschaft glücklicher macht. Unsere neuestenForschungsergebnisse der Väter-Studie TARZAN, die anfangs 2016 veröffentlicht werden, zeigen jedoch anderes: Es kommt weniger auf die Anzahl Stunden an, sondern mehr, mit wieviel Herzblut der Vater in der Familie wirkt. Auch Vollzeit arbeitende Männer können eine sehr engagierte Vaterschaft praktizieren und ihre Kinder positiv beeinflussen. Dass einegrössere väterliche Präsenz automatisch besser sei, ist somit radikal in Frage zu stellen.

    Weshalb nimmt man dies nicht verstärkt zur Kenntnis? Und warum setzt man so sehr auf das Stereotyp des präsenten Vaters als quasi einzigem Qualitätsmerkmal? Mit Sicherheit auch deshalb, weil sich die Forschung jahrelang ausschliesslich darauf eingeschossen hat. So stellt eine Studie nach der anderen fast Identisches fest: dass Mütter nach wie vor in der Fürsorge für die Kinder und im Haushalt mehr leisten, weshalb es eine deutliche Asymmetrie zu Lasten der Frauen gibt.

    Leider hat der enge Fokus dazu geführt, dass wichtige Aspekte von Vaterschaft in der Diskussion vollkommen ausgeblendet werden. Dazu gehören beispielsweise die vielen indirekten Beiträge von Vätern zum Wohl der Kinder und der Familie jenseits ihrer direkten Präsenz oder dem Engagement im Haushalt. Beispielsweise, dass sich vielevon ihnen neben den familiären Aufgaben als Haupternährer ums Geldverdienen kümmern. Väter erwirtschaften im Schnitt immer noch rund drei Viertel des Haushalteinkommens. Ob wir dies gerne hören oder nicht: Auch Erwerbsarbeit ist eine männliche Form der Fürsorge. Zu den weiteren indirekten Leistungen zählt die Forschung auch Verantwortlichkeiten, welche viele Väter regelmässig übernehmen. Dazu gehörenKontroll- und Unterstützungsleistungen(z.B. Hausaufgabenunterstützung, Überwachung des Medienkonsums); die Beschaffung von Gütern und Dienstleistungen zur materiellen Versorgung der Familie etwa in Form von Überstunden oder um eine Ausstattung oder eine Fördermassnahme des Kindes finanzieren zu können; die Unterstützung der sozialen Kontakte der Kinder, beispielsweise, wenn es um Freundschaften geht; das väterliche Engagement in der Schule oder in anderen Institutionen zu Gunsten der Kinder; der Besuch beim Kinderarzt oder auch der Einkauf neuer Kleider mit dem Nachwuchs.

    Um nicht falsch verstanden zu werden: Selbstverständlich brauchen wir ein neues Emanzipationsbündnis zwischen Frauen und Männern, zwischen Müttern und Vätern,um die gleichberechtigte Teilhabe beider Geschlechter am Arbeits- und Familienleben verwirklichen zu können. Aber dies können wir nur leisten, wenn wir unseren Blick auf die Aufgaben objektivieren, welche Väter in und neben der Familie für diese leisten.Väter sind nicht per se dann gute Väter, wenn sie dauerpräsent sind.

    Es gibt deutliche Mängel in der Wertschätzung von Vätern. Viele von ihnen engagieren sich facettenreicher für Frau und Kind als wir dies in unseren Köpfen wahrhaben wollen. Deshalb verstärkt der simplizistische Vorwurf an die mangelnde Präsenz der Väter nur die aggressive Vorurteilsbildung.

  • Der Mann will lieber 100% ins Büro als Teilzeit arbeiten. Ungefähr so stand dieser Satz kürzlich in der Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz. Der Artikel ist gut recherchiert und differenziert geschrieben. Trotzdem lässt sich die Hauptbotschaft, der Vater sei es, der sein Arbeitspensum nicht kürzen wolle, so nicht stehen lassen. Unsere Forschungsergebnisse aus der Franz- und Tarzan-Studie* sprechen eine etwas andere Sprache. In diesem Blog berichte ich, weshalb die Partnerin eine ganz wesentliche Rolle spielt, lasse aber die Rolle der Arbeitgeber berücksichtigt (siehe hierzu mein Blog «Dinosaurier Dads in Chefetagen» vom 30.04.2017).

    Die stille Revolution

    Väter engagieren sich heute – empirisch in verschiedenen Studien belegt – viel intensiver in Haushalt und Kinderbetreuung als dies noch für ihre eigenen Väter der Babyboomer-Generation gegolten hat. Man darf somit durchaus von einer stillen Revolution sprechen, sieht doch das Familienleben heute radikal anders aus. 70 Prozent der Männer empfinden ihre Rolle in der Familie im Vergleich zu ihren Vätern als markant anders und bewerten diese Veränderungen als persönlichen Gewinn.

    Die Einstellungen der Männer haben sich deutlich verändert, und es hat auch ein bemerkenswerter Umdenkprozess stattgefunden – doch schlägt sich dies nur ansatzweise im beruflichen Handeln nieder. Viele Männer steigern ihr Arbeitspensum sogar nach der Geburt des ersten Kindes. In unserer Tarzan-Studie sagte ein Drittel der Befragten, die Berufsarbeit dominiere ihr Leben und setze sich stark im Kopf fest. Ähnliche geschlechtsspezifische Muster zeigen sich bei Frauen. Nach einem durch Mutterschaft bedingten Unterbruch werden zwar viele wieder berufstätig, der Grossteil entscheidet sich jedoch für ein Teilzeitpensum und übernimmt nicht nur den Hauptanteil der Haus- und Familienarbeit, sondern auch die innerfamiliäre Gesamtverantwortung. Dies sind Gründe, weshalb sich die traditionelle Rollenverteilung in der Partnerschaft verfestigt**.

    Warum ist dies so? Hierfür gibt es verschiedene theoretische Erklärungsmodelle, drei sind besonders bedeutsam***:

    Traditionelle Rollenverteilungen und ihre Hintergründe

    Ökonomische Arbeitsteilung: Gemäss diesem Ansatz sind Haushalt und Familie ein Kleinunternehmen, in dem die finanziellen Mittel eine wichtige Rolle spielen. Mit der Geburt des ersten Kindes werden aufgrund erhöhter Investitionskosten wirtschaftliche Fragen entscheidend, so dass die Logik des Geldbeutels nun eine viel bedeutsamere Rolle spielt. Hat der Mann ein höheres Salär und die Frau geringere Verdienstmöglichkeiten, wird eine relativ traditionelle Rollenaufteilung vorgenommen. Diese ermöglicht, dass Eltern sich finanziell mehr leisten können, währendem eine Teilzeitarbeit des Vaters oft mit finanziellen Einschränkungen verbunden wäre. Dies können oder wollen viele Paare nicht auf sich nehmen. Viele arbeiten, weil sie das Geld brauchen, nicht aus Luxus. Ein Teil der Männer kann die Familie noch alleine durchbringen, aber ein grösserer Teil kaum.

    Des Weiteren begünstigen wohlfahrtsstaatliche Rahmenbedingungen herkömmliche Mutter- und Vaterschaft. So wirken sich die hohen Kosten der familienergänzenden Kinderbetreuung auf Familien traditionalisierend aus, weil ein Elternteil notgedrungen beruflich zugunsten der familiären Fürsorgearbeit zurückstecken muss. Des Weiteren kommen die Lücken in der Besteuerung hinzu. Heute haben wir immer noch Strukturen, die das Einverdienermodell bevorzugen.

    Machtverhältnisse: Nicht nur die Finanzen sind ausschlaggebend dafür, wie sich Paare organisieren. Auch die Machtverhältnisse und Rollenabsprachen sind wesentlich. Diesem Ansatz zufolge versucht jeder der beiden Partner, seinen Nutzen (das, was man gerne tut) zu maximieren und seine Kosten (das, was man nicht gerne tut) zu minimieren. So nehmen Frauen für sich eher die Pflege des Kindes oder bestimmte Haushaltsarbeiten in Anspruch und delegieren Ungeliebtes (z.B. Steuererklärung ausfüllen) an den Partner. Für Männer gilt Anderes. Prioritär ist für sie oft der direkte Umgang und das Spielen mit dem Kind, sekundär jedoch Putzen oder Wäsche bügeln. Weil derjenige Partner mächtiger ist, der ein höheres Salär bezieht resp. eine bessere Perspektive auf dem Arbeitsmarkt hat, bestimmt dieser die Aufteilung der Arbeiten. Da Männer häufig diese Personen sind, drücken sie sich von den am wenigsten attraktiven Aufgaben und überlassen diese eher den Partnerinnen. Die grosse Frage ist aber, weshalb dies die Frauen überhaupt zulassen.

    Das Ideal der guten Mutter: Dass gerade auch diejenigen Frauen, welche die Vision einer gleichgestellten Partnerschaft verfolgen, oft die gesamte familieninterne Verantwortung übernehmen, hat vielmit den vorherrschenden gesellschaftlichen Normen über berufstätige Mütter zu tun. Diese Normen orientieren sich an der Ideologie der guten Mutter, die gegenwärtig eine Renaissance erlebt. Oft verspüren Frauen verstärkt den Wunsch, mehr Zeit mit dem Nachwuchs und weniger Zeit mit Berufsarbeit zu verbringen. Eine Folge davon ist, dass viele Frauen zu Beginn der Mutterschaft die Gesamtverantwortung für das Haushalts- und Familienmanagement teils fast euphorisch übernehmen und sich entscheiden, den Arbeitsplatz zu quittieren oder weniger zu arbeiten. Sie denken, es sei doch nur gerecht, wenn sie kürzer treten, weil sie ja schliesslich die Mütter und deshalb von Natur aus geeigneter für Betreuungsaufgaben sind als Männer.Der Mann konzentriert sich auf seinen Beruf und leistet gerade so viel Fürsorgearbeit wie nötig, währendem die Frau das Ausmass ihrer Erwerbsarbeit an ihre Fürsorgeverpflichtungen anpasst.

    Die Rollenverteilung geschieht in gegenseitigem Einverständnis

    Diese Gesamtdynamik führt zu einem Traditionalisierungsprozess, der sich jedoch fast immer in gegenseitigem Einverständnis vollzieht. Viele Studien – so auch unsere Tarzan-Untersuchung – belegen, dass nicht wenige Frauen die Sicherung des Familieneinkommens als primäre Aufgabe des Partners verstehen und sie seine Berufskarriere unterstützen***.

    Deshalb ist die Kritik an den zu viel arbeitenden Vätern vor diesem Hintergrund nicht nur zu entkräften, sondern auch zu hinterfragen. Die hohe Berufsorientierung und Erwerbszentrierung von Männern, die meist als selbstverschuldet taxiert wird, ist eher ein Resultat des Wechselspiels mit ihrer Partnerin - und verschiedener anderer Faktoren.

    Weiterführende Literatur

    *Siehe hierzu die Dossiers oder Forschungsberichte auf der Website: margritstamm.ch.

    **Possinger, J. (2013). Neuen Vätern auf der Spur. Vaterschaft im Spannungsfeld von Erwerbs- und Familienleben. Münster: Waxmann.

    ***Allerdings tendieren Paare, die ungefähr gleich viel verdienen, deutlich seltener zu diesem Modell: Grunow,D., Schulz, F. & Blossfeld, H.-P. (2007). Was erklärt die Traditionalisierungsprozesse häuslicher Arbeitsteilung im Eheverlauf: soziale Normen oder ökonomische Ressourcen? Zeitschrift für Soziologie, 36, 3,162–181. 

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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