Bildungschancen

  • Die soziale Herkunft zensiert*. Diesen Titel trägt eine Studie, an der Franz Baeriswyl von der Universität Fribourg mitgearbeitet hat und empirisch belegt, was wir eigentlich schon lange wissen: Kinder aus einfach gestellten Familien bekommen schlechtere Noten, auch wenn sie in Prüfungen gleich gut wie Kinder aus sozial gut gestellten Familien abschneiden.

  • In der Schweiz war es lange Zeit verpönt, von Elite zu sprechen. Ich erinnere mich gut, als ich in den 1990er Jahren meine Dissertation zum Thema Hochbegabung schrieb und meine Anfrage von den Kantonen – was sie denn für hochbegabte Schüler tun würden – regelmässig mit der Rückmeldung beantwortet wurde: «Wir danken Ihnen für Ihre Anfrage, aber leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir in unserem Kanton keine Hochbegabten haben.» Es erstaunt somit kaum, dass es weder im Schul- noch im Hochschulbereich lange Zeit kaum Institutionen gab, welche die Elite respektive die Exzellenz förderten. Die Schweizer Studienstiftung für begabte junge Menschen wurde beispielsweise erst 1991 gegründet.

    Heute hat sich dies diametral geändert. Begriffe wie Talent, Hochbegabung und Elite – insbesondere aber Exzellenz – haben eine fast magische Bedeutung erlangt. Aber es ist nicht nur ihr medienwirksamer Gebrauch («Exzellenzkrippen»; «Exzellenzuniversitäten»; «Exzellenzinitiativen in der Forschung», die «Förderung des exzellenten wissenschaftlichen Nachwuchses» etc.), der so bedeutsam geworden ist. Vor allem ist es ein grundlegender Perspektivenwechsel, welcher sich im Bildungswesen abzuzeichnen beginnt.

    Eine Vorreiterfunktion haben dabei die vielen privaten Institutionen, welche vor Jahren begonnen haben, sich auf dieses Exzellenz-Segment zu konzentrieren. In den öffentlichen Schulen allerdings findet sich der Exzellenzgedanke noch kaum. Zwar gibt es Gymnasien mit einem speziellen Hochbegabten- resp. Talentförderungsprofil oder auch zweisprachige Gymnasien. Auch in der Berufsbildung gibt es solche Leuchttürme. Aber diese Institutionen sind eigentlich erst prominent geworden im Rahmen der zahlreichen internationalen Schulen und der Expats, welche ihnen nachfragen. In der Berufsbildung ist es in erster Linie die Gefahr des Akademisierungstrends.

    Am deutlichsten zeigen sich solche Tendenzen im Vorschulbereich, genauer: bei den Kitas. Sie bereiten mir auch am meisten Sorgen. Zwar ist es verständlich, dass sich heute viele Kitas aufgrund des zunehmenden Wettbewerbsdrucks von üblichen Angeboten unterscheiden wollen und deshalb beginnen, sich auf Eltern aus dem oberen Segment als «Exzellenzkrippen» zu präsentieren. Neben den deutlich höheren Kosten unterscheiden sie sich dabei von durchschnittlichen Kitas vor allem in drei Merkmalen:

    • In der Art und Weise, wie Eltern angesprochen werden: Eltern werden als hart arbeitende und hochgebildete Klientel verstanden, welche sich mit dem Einkauf der Kita-Leistungen ein Stück Lebensqualität angeln kann.
    • In der Vermarktung als«Luxushotels»: Eltern können in die Angebote «einchecken» und sich ihre Wünsche erfüllen lassen. Exzellenz-Kitas preisen sich als «Rundumsorgungspakete» an.
    • Im Verständnis von Eltern als hochkarätige Finanzstarke:Eltern bezahlen und haben deshalb auch das Anrecht, eine hohe Anspruchshaltung zu haben. Kitas sind immer für sie da.

    Exzellenz-Kitas mit dieser Ausrichtung sind ein Renner. Dagegen ist eigentlich gar nichts einzuwenden! Denn es ist verständlich, dass Eltern, welche in der Lage sind, für solche Kitas den vorgesehenen Betrag zu bezahlen, auch entsprechende Ansprüche haben (und haben dürfen). Deshalb ist es letztlich nicht ihr Problem, dass aus dieser Situation eine neue Problematik entstanden ist. Die Problematik besteht darin, dass diese hochpreisigen Einrichtungen die grossen sozialen Bemühungen unseres Landes unterlaufen, vor dem Schuleintritt allen Kindern die gleichen Chancen zu ermöglichen und dadurch die bestehende soziale Ungleichheit zumindest in Ansätzen abzuschwächen.

    Folgedessen liegt die Verantwortung eher bei der Bildungs- und Sozialpolitik als bei den Eltern. Sie muss sich entscheiden, ob sie eher Sozialinvestitionen tätigen und fördern will, welche der Chancengleichheit verpflichtet sind oder Inseln der Exzellenz. Wahrscheinlich möchte sie sich vor allem auf die erste Perspektive konzentrieren. Denn frühkindliche Bildungsförderung hat in den letzten Jahren vor allem dann Anhänger gefunden, wenn es um die Förderung der Chancengleichheit geht. Deshalb – so die Konsequenz – sollen alle Kinder, auch und vor allem solche aus einfachen und benachteiligten Familien, die gleichen Zugangschancen zu Vorschulangeboten erhalten wie privilegiertere Kinder. Leider trifft dies bis anhin in keiner Art und Weise zu. Privilegierte Kinder profitieren ein Mehrfaches von vorschulischen Angeboten als diejenigen Kinder, welche dies am nötigsten hätten. Das ist keine neue Erkenntnis, sondern eine vielfache und auch international bestätigte empirische Tatsache.

    Teure Exzellenzkrippen generieren Barrieren mit nicht gewollten Auswirkungen. Denn von ihnen profitieren vor allem Kinder aus oberen und mittleren Schichten. Offenbar hat es die Schweiz mit ihrer Investitionspolitik in die frühkindliche Bildungsförderung – die ja auch vom Bund in verdankenswerter Weise massgebend mitgetragen wird – bisher noch nicht in ausreichendem Ausmass geschafft, dem frühen Ausgleich von Bildungschancen markant näher zu kommen. Deshalb droht, dass sich unbemerkt und ungewollt ein Paradox entwickelt: Je stärker sich die vorschulischen Bemühungen an ökonomischen Maximen orientieren, desto mehr verkehren unsere Sozialinvestitionen ins Gegenteil. Auf diese Weise wird frühkindliche Bildungsförderung die Bildungsungleichheiten verstärken anstatt die Chancengleichheit fördern.

  • Von der Vorschule bis zur Hochschule steht seit geraumer Zeit das Potenzial von Migrantinnen und Migranten auf der Agenda der Bildungspolitik. Recht so! Denn es hat lange genug gedauert, bis man vom negativ besetzten Bild «der» Migranten weggekommen ist. Trotzdem hat der verstärkte Fokus auf sie leider dazu geführt, dass eine genauso wichtige Gruppe fast vergessen worden ist: die einheimischen Arbeiterkinder. Ähnlich wie dies bei benachteiligten Migrantenkindern der Fall ist, schaffen es viel zu wenige von ihnen an die Universität. Welches sind die Hintergründe?

    Noch vor 40 Jahren hatte unsere Gesellschaft im Anschluss an Ralf Dahrendorf (1965*) das grosse Ziel, «Bildung als Bürgerrecht» zu verwirklichen und jedem Kind – auch den Mädchen, denen vom Land, den katholischen und den Arbeiterkindern («das katholische Arbeitermädchen vom Lande»**) – zu einer ihrer Begabung entsprechenden Ausbildung zu verhelfen. Die «Ausschöpfung der Begabungsreserven***» wurde zum erklärten Ziel der Bildungsreformen der 1960er und 1970er Jahre.

    Ein Blick in die Statistik zeigt, dass die Begabungsreserven tatsächlich ausgenützt wurden. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Zustrom zu den Gymnasien und Universitäten deutlich verstärkt und das Bildungsniveau insgesamt ansteigen lassen. Leider betrifft diese Entwicklung vor allem Kinder aus bildungsnahen Familien. Kinder mit Eltern, die studiert haben, gehen zu 88% ebenfalls an die Universität. Aus Arbeiterfamilien schafft es hingegen nur etwa jeder vierte Jugendliche (24%). Diese Quote hat sich seit den 1970er Jahren lediglich um etwa 10% erhöht****.

    Der Zugang zu den Schweizer Universitäten – ich spreche nicht von den Fachhochschulen, an denen die Situation leicht besser aussieht – ist somit immer noch selektiv. Dafür gibt es verschiedene Gründe, von denen drei als besonders wichtig sind:

    Soziale Herkunft beeinflusst Leistung: Studien wie PISA, IGLU und wie sie alle heissen, haben deutlich gemacht, dass Kinder aus einfachen Verhältnissen bei gleichen kognitiven Fähigkeiten signifikant (etwa 3.8 mal) tiefere Chancen haben, aufs Gymnasium zu kommen als Kinder aus hohen Sozialschichten. Dies gilt auch für hochbegabte Kinder.

    Skepsis der Eltern:Die Entscheidungen der Eltern bei der Berufswahl differieren nach Sozialschicht. Während solche aus hohen Sozialschichten eine grosse Bildungsmotivation haben und sich schon ca. in der vierten Klasse fürs Gymnasium und den akademischen Bildungsweg entscheiden*****, sind Eltern unterer Sozialschichten trotz gleicher Schulleistungen ihrer Kinder dem Gymnasium gegenüber sehr skeptisch eingestellt. Die akademische Welt ist für sie fremd, weshalb sie von den erwarteten Kosten zurückschrecken, aber gleichzeitig den frühen Lohn des Nachwuchses in der Berufslehre besonders stark gewichten. Viele von ihnen sind auch überzeugt davon, dass junge Menschen, die studieren, nicht wissen, was arbeiten heisst.

    Sich vom eigenen Milieu distanzieren:Arbeiterkinder können weder intellektuell noch strategisch von ihren Eltern Hilfe bekommen, weil diese die akademische Welt nicht kennen und Bildung, Intellekt und geistige Interessen nicht selten kaum wertschätzen. Das ist eine grosse psychische Herausforderung für die Kinder, weshalb sie sich oft und schmerzhaft von der Herkunftsfamilie distanzieren.

    Haben Arbeiterkinder all diese Hürden überwunden und landen sie trotzdem an der Uni, dann können sie sich endlich bewähren. Sie sind nämlich ebenso gut wie die besser situierten Kinder und brechen auch nicht häufiger das Studium ab. Dies ist alles andere als selbstverständlich, denn Arbeiterkinder müssen  an der Universität eine für sie vollkommen neue Welt auf eigene Faust erobern und deshalb im Hörsaal und den Seminarien enorm viel Selbstbewusstsein respektive Selbstvertrauen unter Beweis stellen.

    Ihre Väter und Mütter waren mit Sicherheit nicht an Veranstaltungen, wie sie nun zunehmend für Eltern von angehenden Studierenden organisiert werden. Veranstaltungen wie die an der Universität Basel «Uni für Eltern ******», werden fast ausschliesslich von Eltern besucht, die selbst auch einen akademischen Bildungshintergrund haben. Ihnen wird hier erklärt, was Studieren bedeutet und wie sie ihre Kinder unterstützen können. Eigentlich ist dies paradox, denn solche Eltern wissen ja eigentlich bereits, wie es geht, währendem Arbeitereltern auf solche Informationen grundsätzlich angewiesen wären, aber logischerweise sich gar nicht an eine Universität getrauen.

    Es erstaunt deshalb kaum, dass sich viele Arbeiterkinder an der Uni deplatziert vorkommen und alle um sich herum als viel wissender empfinden. Viele von ihnen haben Mütter, die ungelernt und Väter, die Maurer, Bodenleger oder Briefträger sind und keine Ahnung haben, was eine «Universität» überhaupt ist und wie es dort zu und her geht. Ihre Eltern können ihnen aber nicht nur keinen akademischen Rat mit auf den Weg geben, sondern auch keine oder zu wenig Finanzen. Zwei von drei Studierenden aus einem Arbeitermilieu müssen deshalb neben dem Studium zwingend Geld verdienen, währendem dies nur für eine von drei Personen aus gut situierten Elternhäusern der Fall ist.

    Eine der Hauptschwierigkeiten von Arbeiterkindern an der Universität besteht jedoch – wie bereits angetönt – darin, dass sie einen Spagat vollziehen müssen zwischen den unterschiedlichen Welten, in denen sie leben. Während sie zu Hause eine vollkommen andere Tradition erleben, die Eltern sich kaum vorstellen können, was sie denn an der Uni überhaupt machen und sie deshalb zu Hause auch kaum etwas von ihrem Uni-Alltag erzählen, haben sie gleichzeitig Hemmungen, ihren Kommilitonen zu sagen, wo sie herkommen. Wenn sie erzählen, dass ihre Mutter nur acht Jahre die Schule besucht hat und der Vater in der Fabrik arbeitet, dann fühlen sie sich oft wie von einem anderen Stern. Denn viele der bildungsnahen Studierenden haben noch nie vorher mit Arbeiterkindern engeren Kontakt gehabt.

    Es ist deshalb ausgesprochen wichtig, dass sich die Bildungspolitik mit ihren Anstrengungen nicht ausschliesslich auf junge Migrantinnen und Migranten ausrichtet, sondern ebenso auf unsere einheimischen Arbeiterkinder. Beide Gruppen brauchen sozialen Beistand von aussen, durch Tutoren, Mentees, Unterstützungsprogramme, aber genauso durch engagierte Lehrkräfte, Trainer in Vereinen, Pfarrer etc. Es wäre fatal, wenn Unterstützungsprogramme weiterhin ausschliesslich auf junge Migrantinnen und Migranten ausgerichtet bleiben würden. Sie sind zwar gut gemeint und wichtig, aber enorm selektiv. Unsere Arbeiterkinder sind auf Gleichbehandlung angewiesen.

     

    Literatur

    * Dahrendorf, R. (1965). Bildung ist Bürgerrecht. Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik. Hamburg: Nannen.

    ** Peisert, H. (1967). Soziale Lage und Bildungschancen in Deutschland. München: Piper.

    *** Heller, K. A. (2008). Von der Aktivierung der Begabungsreserven zur Hochbegabtenförderung. Forschungsergebnisse aus vier Dekaden. Berlin: LIT.

    **** Stamm, M. (2014a). Minoritäten als Begabungsreserven. In M. Stamm (Hrsg.), Handbuch Talententwicklung. Theorien, Methoden und Praxis in Psychologie und Pädagogik (S. 375-384). Bern: Huber.

    ***** Stamm, M. (2014b). Nur (k)eine Berufslehre. Eltern als Rekrutierungspool. Dossier 14/4. Bern: Forschungsinstitut Swiss Education.

    ******Twitter:http://ow.ly/HKu2w

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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