Entwicklung

  • Eine Replik auf das Interview in der NZZ vom 4.11.2013 zu "Das Baby gehört zu seinen Eltern" mit Rainer Böhm

    Für mehr als zwei Drittel der Kleinkinder in der Schweiz ist Fremdbetreuung ein Teil ihres Lebens. Als wichtige Errungenschaft ermöglicht sie Müttern und Vätern, Kindererziehung und Berufstätigkeit zu vereinbaren. Trotzdem machen sich viele Eltern Sorgen über die Auswirkungen, aber die wenigsten getrauen sich, offen darüber zu sprechen. Was bedeutet es, wenn der Zweijährige jeden Morgen weint, wenn er in die Krippe muss? Ist es schlimm, wenn das Kita-Personal immer wieder wechselt? 

    Es versteht sich deshalb von selbst, dass Medienberichte hierzu ein grosses Echo auslösen und die Meinungen zu den Auswirkungen von Fremdbetreuung mehr als nur gespalten sind. Das neueste Beispiel ist in derNZZ (04.11.2013, S. 44) nachzulesen. Während der Artikel von Beat Grossrieder «Der Staat als Gouvernante» (http://www.nzz.ch/wissenschaft/bildung/der-staat--die-gouvernante-1.18178625) differenziert ist, sind gewisse Antworten des Kinder- und Jugendarztes Rainer Böhm «Ein Baby gehört zu seinen Eltern»;http://www.nzz.ch/wissenschaft/bildung/ein-baby-gehoert-zu-seinen-eltern-1.18178627)meines Erachtens (zu) einseitig. Sie machen Glauben, die Forschung unterstütze ganz klar, dass Kinder unter zwei Jahren nicht in die Kita sollten.

    Leider führen solche Antworten dazu, dass die Debatte noch emotionaler und polemischer geführt wird als sie schon ist, derweil wissenschaftliche Erkenntnisse nur soweit zur Kenntnis genommen werden, wie sie in die eigene Ideologie passen. Herzstück der Auseinandersetzung sind dabei Behauptungen, wonach Krippenkinder aggressiver seien, Krippen nicht so gut sind, wie sie sein könnten und dass Kleinkinder bis zwei Jahren deshalb zu Hause betreut werden sollten.

    Ist die Krippe tatsächlich schädlich? Hierzu gibt es eine grosse Anzahl an Untersuchungen, die tendenziell sowohl ein Ja als auch ein Nein zulassen. Es gibt zwei Lager in der Forschung: Während beide in Bezug auf die intellektuelle Entwicklung zum gleichen Schluss kommen – dass sich fremdbetreute Kinder mindestens ebenso gut oder besser entwickeln als ausschliesslich zu Hause betreute – unterscheiden sie sich im Hinblick auf das Sozialverhalten. 

    Das eine Lager konstatiert, dass Krippenkinder in der Schule sozial kompetenter, selbstbewusster und durchsetzungsfähiger sind, sich weniger zaghaft verhalten und insgesamt kooperativer sind. Das andere Lager – und zu diesem gehört der oft zitierte Londoner Kinderpsychologe Jay Belsky – berichtet von Verhaltensschwierigkeiten und Bindungsstörungen. Demnach können Krippenkinder auch unhöflicher, ungestümer, gereizter und aggressiver werden.

    Relativ eindeutig sind die Erkenntnisse im Hinblick auf die Frage des Betreuungsumfangs. Demnach profitieren Kinder am meisten vom Kita-Besuch, wenn ein zu hoher Betreuungsumfang in den ersten zwei bis drei Lebensjahren vermieden wird. Als besonders ungünstig erweisen sich dabei instabile Betreuungsmuster, d.h., wenn Erzieherinnen in Kitas häufig wechseln. Inwiefern kleine Kinder tatsächlich vom Kita-Besuch profitieren, hängt in hohem Mass von den Beziehungen ab, welche die Erzieherinnen und Erzieher zu den Kindern aufbauen, damit sie zu einer Bezugsperson für das Kind werden können. Wenn jedoch diese Beziehungsqualität nicht stimmt, dann kann eine Kita tatsächlich negative Auswirkungen haben.

    Heute wissen wir zudem, dass qualitativ gute Kitas gerade für bildungsbenachteiligte Kinder und ihre Familien langfristig gesehen grosse und positive Effekte auf die kindliche Entwicklung haben können. Aber auch hier gilt selbstverständlich, dass der Betreuungsumfang moderat sein muss. Problematisch ist allerdings die Tatsache, dass solche Kinder oft gar keine Kita besuchen, weshalb sie auch nicht davon profitieren können. Deshalb können wir heute nicht davon ausgehen, dass frühe Förderung in Kitas kompensatorisch – d.h. chancenausgleichend – wirken kann.

    Zusammengenommen schadet die Krippe dem Kleinkind nicht, aber sie kann ein Risiko sein – nicht mehr und nicht weniger. Kinder, die sicher an ihre Eltern gebunden sind, ein Urvertrauen entwickelt haben und sorgfältig eingewöhnt wurden, leiden kaum an einer zeitweiligen, d.h. moderaten, Abwesenheit der Eltern. Wenn die ausserhäusliche Betreuung qualitativ gut ist und nicht zu häufig wechselt, dann können Kleinkinder – auch unter Zweijährige – von ihr profitieren. Und dann fühlen sie sich mit Sicherheit in der Kita auch wohl.

     

  • Vielleicht gehen die letzten zehn Jahre als Dekade der «neuen Väter» in die Geschichtsbücher ein. Alle Welt spricht heute von ihnen als den aktiven und engagierten Männern. Auch die Familienpolitik hat sie entdeckt, man denke nur an die jüngsten Diskussionen um den Vaterschaftsurlaub.

    Die Figur des neuen Vaters hat somit enorme Popularität erlangt. Einerseits ist dies natürlich positiv, andererseits aber auch mit Problemen verbunden: erstens, weil der neue Vater vor allem negativ bestimmt ist und sich von der Figur des männlichen Familienernährers abgrenzen soll; zweitens, weil dabei vergessen geht, dass sich neue Väter nicht ohne neue Mütter entwickeln können. Dass dies nicht ohne Konflikte zu haben ist, wurde bisher  jedoch fast systematisch ausgeblendet.

    Wenn Väter – so meine Annahme (und auch meine persönliche Erfahrung) – einen grösseren Anteil in der Familien-, Erziehungs- und Betreuungsarbeit übernehmen, dann verschwinden zwar lästige Paarkonflikte darüber, wer wieviel weshalb und wann was (nicht) macht. Aber gerade die gerechtere Aufteilung der Arbeit bringt neue Probleme mit sich und zwar deshalb, weil die internen Machtverhältnisse tangiert werden. Denn es ist nach wie vor das in unserer Gesellschaft stark verankerte Bild der kompetenten Mutter, welche die Standards setzt, was unter «guter» Familien- und Hausarbeit zu verstehen ist.

    Ich erinnere mich noch daran, als ich als 35-jährige Mutter mein Studium nach achtjähriger ausschliesslicher Familientätigkeit begann und mein Mann einen bemerkenswerten Teil der Haus- und Betreuungsarbeit übernahm. Endlich entlastet, endlich frei von der (fast) alleinigen Verantwortung für Haushalt und Familie! Ich fühlte mich wie neugeboren. Aber schnell merkte ich, dass meine Vorstellungen dessen, was gute Hausarbeit und Kinderbetreuung ausmacht, nicht mit denen meines Mannes übereinstimmten. Er machte vieles ganz anders und setzte andere Schwerpunkte – so dass mir manchmal fast die Haare zu Berge standen. Diese für mich neue Praxis zu akzeptieren wurde in der ersten Zeit meines Studiums zu einer grossen Herausforderung.

    Wie stark somit der neue Vater in die Familien- und Hausarbeit involviert ist oder wird, ist nicht nur eine Frage seiner Bereitschaft und seines Willens, sondern ebenso abhängig von der Reaktion seiner Partnerin. Sie muss bereit sein, ihm Autonomie und Zuständigkeiten zu überlassen und auch lernen, die eigenen Einflusszonen herunterzufahren. Viele Mütter sind sich gar nicht bewusst, wie sehr sie sich an ihre Standards klammern und selbstverständlich davon ausgehen, dass sie vom Partner zu übernehmen sind. Dieses kulturelle Muster der Mutter als Besserwisserin ist in vielen jungen Familien wirkmächtig geblieben.

    Inwiefern es Paaren gelingt, solche neuen Konflikte zu meistern und sich gemeinsam zu entwickeln, dürfte für die Entwicklung der Väter zentral sein. Sollen sie eine aktive und engagierte Vaterschaft nicht nur betreiben wollen, sondern auch betreiben können, dann müssen ihnen die Mütter nicht nur eine ebenbürtige Position zugestehen. Sie müssen auch andere Vorstellungen darüber akzeptieren, was gute Familien- und Hausarbeit ist. Auf die Dauer werden sich Väter nicht mit der Position des Praktikanten oder Juniorpartners begnügen.

    Wenn Väter somit nicht eine logischerweise unvollkommene Imitation ihrer Partnerinnen bleiben sollen, sind sie auf neue Mütter angewiesen. Weil es das eine ohne das andere nicht gibt, brauchen wir eine andere Anerkennungsordnung zwischen ihnen. Das Profil ist zwar noch undurchsichtig, aber es könnte in die Richtung gehen, wie dies Jürg Willi* im NZZ-Interview vom 15. März 2014 mit Alan Niederer umschreibt. Willi spricht von «Koevolution»,der Kunst gemeinsamen Wachsens. Übertragen auf neue Väter und neue Mütter würde dies bedeuten, dass Entwicklung nie isoliert nur bei sich selbst geschehen kann, sondern immer nur am Du.

    «Persönliche Beziehungen sind das Wichtigste.».http://www.nzz.ch/aktuell/zuerich/uebersicht/persoenliche-beziehungen-sind-das-wichtigste-1.18263391

     

     

  • Schon lange ist bekannt, dass Kinder mit Migrationshintergrund schlechtere Schulleistungen erbringen als einheimische Kinder und dass diese Unterschiede, vor allem in den sprachlichen und sozialen Kompetenzen, bereits beim Eintritt in den Kindergarten deutlich sichtbar werden. Darauf verweisen viele Studien. Eine Konsequenz aus diesen empirischen Tatsachen war und ist, dass solche Kinder in sprachlich ausgerichteten Gruppen, in Sprachförderprogrammen oder in anderen Massnahmen gezielt gefördert werden. Bund, Kantone und Gemeinden geben hierfür viel Geld aus.

    Diese Strategie ist bisher auf grosse Akzeptanz gestossen und nur von der politisch Rechten dahingehend kritisiert worden, dass (Migranten-)Familien selbst verantwortlich seien für die Integration und schulische Vorbereitung ihrer Kinder und nicht der Staat.

    Jenseits jeglichen politischen Blickwinkels stellt sich jedoch zunehmend die Frage, weshalb es trotz enormer finanzieller Aufwendungen bisher nicht gelungen ist, das Potenzial dieser Kinder so zu fördern, dass sie beim Schuleintritt günstigere Startchancen haben. Eine Ursache sehe ich darin, dass wir immer bei den Kindern und ihren Familien ansetzen und nie bei den Merkmalen unseres Bildungssystems.

    Diese Ursache lässt sich zweifach begründen. Zum einen gibt es in der Bildungsforschung das unbewusste und nicht diskutierte Ritual, Ergebnisse aus wissenschaftlichen Untersuchungen zu wiederholen (man spricht dann von «Replikationsstudien»). Auch in der Forschungsförderung zeigt sich, dass Projekte zu benachteiligten Migranten bevorzugt behandelt werden und dass auch Kantone am meisten Finanzen in wissenschaftliche Begleituntersuchungen dieses Mainstreams stecken. Das Ergebnis solcher Studien ist fast immer das gleiche: Migrantenfamilien vernachlässigen (zu) oft ihre Kinder, fördern sie zu wenig, gehen nicht an Elternabende und interessieren sich nicht ausreichend für unser Bildungssystem. Deshalb gelten ihre Kinder als Bildungsverlierer. Zum zweiten werden solche Ergebnisse von den Medien oft hochstilisiert. Migrantenkinder werden zu einer Risikogruppe, über die bei jeder Gelegenheit ausführlich berichtet wird.

    Meines Erachtens ist es vollkommen falsch, immer nur über das Versagen der Migrantenkinder und ihrer Familien zu sprechen, nie jedoch über das Versagen unseres Bildungssystems. Dass auch mehr als zehn Jahre nach PISA die Herkunft immer noch den Schulerfolg bestimmt, ist ein Skandal. Und zwar einer, der nicht lediglich mit einem Sprachförderprogramm für Spielgruppen behoben werden kann. Alle sprechen zwar inzwischen vom «Potenzial der Migranten» und davon, wie es genutzt werden soll, gerade auch im Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel. Aber was bringt es, wenn unser Blick nach wie vor auf die individuellen Defizite der Kinder und ihrer Familien gerichtet ist? Wenn wir uns weiterhin davor hüten, über die Leistungsfähigkeit unseres Bildungssystems im Hinblick auf Integration und Chancengerechtigkeit zu reden? Mit Sicherheit wird uns dieser Scheuklappenblick nicht weiter bringen.

    Deshalb sollten wir den Blick konsequent vom Misserfolg der Familien, ihre Kinder zu fördern, weglenken auf die Barrieren unseres Bildungssystems und uns fragen, weshalb sie von solchen Kindern und ihren Familien nicht überwunden werden können. Setzen wir auf diese Barrieren, müssen wir uns jedoch mit der institutionellen Diskriminierung und ihren Folgen auseinandersetzen. Die institutionelle Diskriminierung geht davon aus, dass organisationale Strukturen oder institutionelle Regelungen des Bildungssystems zu Benachteiligungen von bestimmten Gruppen führen. Die bekanntesten diskriminierenden Mechanismen werden beispielsweise in der massiven Häufung von Kindern mit Migrationshintergrund in Realschulen, Einschulungsklassen oder in den Warteschlaufen beim Eintritt in die Berufsbildung sichtbar, welche solche Jugendlichen viel häufiger als Einheimische drehen müssen.

    Die erste Adressatin des Blicks auf die institutionelle Diskriminierung ist deshalb nicht die pädagogische Praxis, sondern die Bildungspolitik. Sie müsste federführend werden, damit wir endlich die Struktur des Bildungssystems verändern und – vor allem die Rolle und Bedeutung der Migranten neu bestimmen.

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    erschienen in: Nordwestschweiz, 4.01.2014, S. 2

     

    Kürzlich habe ich ein kleines Mädchen beobachtet, wie es behutsam und hoch konzentriert über ein etwa ein Meter hohes Mäuerchen balancierte. Aufgeschreckt wurde es durch eine sich überschlagende Stimme: «Pass sofort auf!» Das Mädchen erstarrte und sein Blick zeigte, dass es nicht mehr in der Lage war, einen einzigen Schritt weiterzugehen. In seinem Gesicht spiegelte sich die Angst – die Angst seiner Mutter, die es auch sofort von der Mauer herunterholte.

    Dieses Beispiel steht stellvertretend dafür, wie risikoscheu heutige Kinder aufwachsen müssen. Zugegebenermassen hat die Mutter mit ihrem Eingreifen möglicherweise ein paar blaue Flecken verhindert. Aber sie hat auch verhindert, dass für ihre Tochter das Spiel mit dem selbst gewählten Risiko zum Erfolg werden konnte. Das Mädchen hätte auf diese Weise Grenzen überwinden und auch seine Angst besiegen können. Kleine Kinder entwickeln auf diese Weise Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Sie lernen, Situationen richtig einzuschätzen und Sicherheit und Selbstbewusstsein zu gewinnen.

    In unserer Gesellschaft hat sich eine beispiellose Sicherheitskultur durchgesetzt. So besehen hat die Mutter ‚richtig‘ gehandelt. Von verantwortungsvollen Eltern wird erwartet, dass sie ihre Kinder dauernd überwachen und vor jeder möglichen und unmöglichen Gefahr schützen. Deshalb trifft man auf ganz normalen Spielplätzen immer mehr auf Kinder, die auf Geheiss ihrer Eltern einen Velohelm tragen. Ein aufgeschürftes Knie, ein Sturz vom Velo oder Dreirad, aber vielleicht auch eine Magenverstimmung, weil der Nachwuchs etwas nicht ganz Sauberes gegessen hat, gelten zunehmend als absolute Gefahren, die unter allen Umständen vermieden werden sollen.

    Ein anderes Beispiel ist die Tatsache, dass Eltern ihre Kinder zunehmend per Auto zur Schule fahren. Es gibt sogar Schulen, die «Elternhaltezonen» einrichten, damit die Kinder sicher ein- und aussteigen können. Dieses Eltern-Taxi-Phänomen gründet in der Angst, dem Nachwuchs könnte etwas passieren. In vielen Köpfen von Vätern und Müttern ist der pädophile Kidnapper allgegenwärtig, so dass sie in ihrer Angst in einem permanenten Katastrophenmodus leben. Vielen Taxi-Eltern fehlt deshalb ein objektiver Blick auf tatsächliche Gefahren und Risiken.  

    Weshalb fürchten wir uns so sehr um unsere kleinen Kinder? Weil sich das Bild vom Kind in den letzten zwanzig, dreissig Jahren stark gewandelt hat. Galten Kinder noch in den siebziger Jahren als robust und belastbar und das Risiko als positiv, so überwiegt heute die Vorstellung, Kinder seien gefährdet und zerbrechlich. Deshalb müssten sie von Anfang an vor Schäden jeglicher Art beschützt werden.

    Selbstverständlich will ich die Tendenz zur Sicherheitsmaximierung unserer Gesellschaft nicht generell kritisieren. Es gilt, zwischen echter Gefahr und Risiko zu unterscheiden. Vor Gefahren müssen wir unsere Kinder schützen, weil sie diese möglicherweise noch gar nicht sehen oder einschätzen können. Dazu gehören Steckdosen oder giftige Beeren für Babys oder dicht befahrene Strassen für Kleinkinder. Ein Wagnis ist jedoch etwas anderes: beispielsweise das Mäuerchen, auf dem das Mädchen balancierte und das es als positive Herausforderung gesucht hatte. Oder für Knaben die ‚Kämpfli‘, weil sie das miteinder Rangeln als Wettbewerb so sehr lieben.

    Kindern, die in Watte gepackt werden, fehlt etwas ganz Entscheidendes: lernen zu können, wie man einen Erkundungs- und Freiheitsradius durch Handeln und Üben ausloten kann, wie man Grenzen und Hürden überwindet, um auf diese Weise über sich selbst hinaus wachsen zu können. Eltern, die mit ihrer Risikoscheu ihre Kinder ersticken, machen sie glauben, dass Aufwachsen generell gefährlich sei. Deshalb werden sich auch gut überwachte Kinder verletzen, weil sie nicht gelernt haben, mit Gefahren umzugehen.

    Unsere überbehütende Sicherheitskultur schadet den Kindern mehr als die Risiken, denen sie täglich ausgesetzt sind. Deshalb ist vor überdimensioniertem Schutz, unverhältnismässigen Sicherheitsvorkehrungen und übertriebener Geborgenheit zu warnen. Jedes Kind hat ein Recht auf blaue Flecken. Nicht jede Gefahr muss aus dem Weg geräumt und jede Tischkante abgerundet werden.

    Was kann man dagegen tun? Der erfolgreichste Weg ist der, bei sich selbst anzusetzen. Eltern – und manchmal auch Grosseltern – sollten mehr Mut und Gelassenheit entwickeln, öfters den gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Damit könnten sie ihrem Nachwuchs ein wenig der Freiheit zurückgeben, von der wir selbst als Kinder profitierten und die uns widerstandsfähig gemacht hat.

  • In der Schweiz war es lange Zeit verpönt, von Elite zu sprechen. Ich erinnere mich gut, als ich in den 1990er Jahren meine Dissertation zum Thema Hochbegabung schrieb und meine Anfrage von den Kantonen – was sie denn für hochbegabte Schüler tun würden – regelmässig mit der Rückmeldung beantwortet wurde: «Wir danken Ihnen für Ihre Anfrage, aber leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir in unserem Kanton keine Hochbegabten haben.» Es erstaunt somit kaum, dass es weder im Schul- noch im Hochschulbereich lange Zeit kaum Institutionen gab, welche die Elite respektive die Exzellenz förderten. Die Schweizer Studienstiftung für begabte junge Menschen wurde beispielsweise erst 1991 gegründet.

    Heute hat sich dies diametral geändert. Begriffe wie Talent, Hochbegabung und Elite – insbesondere aber Exzellenz – haben eine fast magische Bedeutung erlangt. Aber es ist nicht nur ihr medienwirksamer Gebrauch («Exzellenzkrippen»; «Exzellenzuniversitäten»; «Exzellenzinitiativen in der Forschung», die «Förderung des exzellenten wissenschaftlichen Nachwuchses» etc.), der so bedeutsam geworden ist. Vor allem ist es ein grundlegender Perspektivenwechsel, welcher sich im Bildungswesen abzuzeichnen beginnt.

    Eine Vorreiterfunktion haben dabei die vielen privaten Institutionen, welche vor Jahren begonnen haben, sich auf dieses Exzellenz-Segment zu konzentrieren. In den öffentlichen Schulen allerdings findet sich der Exzellenzgedanke noch kaum. Zwar gibt es Gymnasien mit einem speziellen Hochbegabten- resp. Talentförderungsprofil oder auch zweisprachige Gymnasien. Auch in der Berufsbildung gibt es solche Leuchttürme. Aber diese Institutionen sind eigentlich erst prominent geworden im Rahmen der zahlreichen internationalen Schulen und der Expats, welche ihnen nachfragen. In der Berufsbildung ist es in erster Linie die Gefahr des Akademisierungstrends.

    Am deutlichsten zeigen sich solche Tendenzen im Vorschulbereich, genauer: bei den Kitas. Sie bereiten mir auch am meisten Sorgen. Zwar ist es verständlich, dass sich heute viele Kitas aufgrund des zunehmenden Wettbewerbsdrucks von üblichen Angeboten unterscheiden wollen und deshalb beginnen, sich auf Eltern aus dem oberen Segment als «Exzellenzkrippen» zu präsentieren. Neben den deutlich höheren Kosten unterscheiden sie sich dabei von durchschnittlichen Kitas vor allem in drei Merkmalen:

    • In der Art und Weise, wie Eltern angesprochen werden: Eltern werden als hart arbeitende und hochgebildete Klientel verstanden, welche sich mit dem Einkauf der Kita-Leistungen ein Stück Lebensqualität angeln kann.
    • In der Vermarktung als«Luxushotels»: Eltern können in die Angebote «einchecken» und sich ihre Wünsche erfüllen lassen. Exzellenz-Kitas preisen sich als «Rundumsorgungspakete» an.
    • Im Verständnis von Eltern als hochkarätige Finanzstarke:Eltern bezahlen und haben deshalb auch das Anrecht, eine hohe Anspruchshaltung zu haben. Kitas sind immer für sie da.

    Exzellenz-Kitas mit dieser Ausrichtung sind ein Renner. Dagegen ist eigentlich gar nichts einzuwenden! Denn es ist verständlich, dass Eltern, welche in der Lage sind, für solche Kitas den vorgesehenen Betrag zu bezahlen, auch entsprechende Ansprüche haben (und haben dürfen). Deshalb ist es letztlich nicht ihr Problem, dass aus dieser Situation eine neue Problematik entstanden ist. Die Problematik besteht darin, dass diese hochpreisigen Einrichtungen die grossen sozialen Bemühungen unseres Landes unterlaufen, vor dem Schuleintritt allen Kindern die gleichen Chancen zu ermöglichen und dadurch die bestehende soziale Ungleichheit zumindest in Ansätzen abzuschwächen.

    Folgedessen liegt die Verantwortung eher bei der Bildungs- und Sozialpolitik als bei den Eltern. Sie muss sich entscheiden, ob sie eher Sozialinvestitionen tätigen und fördern will, welche der Chancengleichheit verpflichtet sind oder Inseln der Exzellenz. Wahrscheinlich möchte sie sich vor allem auf die erste Perspektive konzentrieren. Denn frühkindliche Bildungsförderung hat in den letzten Jahren vor allem dann Anhänger gefunden, wenn es um die Förderung der Chancengleichheit geht. Deshalb – so die Konsequenz – sollen alle Kinder, auch und vor allem solche aus einfachen und benachteiligten Familien, die gleichen Zugangschancen zu Vorschulangeboten erhalten wie privilegiertere Kinder. Leider trifft dies bis anhin in keiner Art und Weise zu. Privilegierte Kinder profitieren ein Mehrfaches von vorschulischen Angeboten als diejenigen Kinder, welche dies am nötigsten hätten. Das ist keine neue Erkenntnis, sondern eine vielfache und auch international bestätigte empirische Tatsache.

    Teure Exzellenzkrippen generieren Barrieren mit nicht gewollten Auswirkungen. Denn von ihnen profitieren vor allem Kinder aus oberen und mittleren Schichten. Offenbar hat es die Schweiz mit ihrer Investitionspolitik in die frühkindliche Bildungsförderung – die ja auch vom Bund in verdankenswerter Weise massgebend mitgetragen wird – bisher noch nicht in ausreichendem Ausmass geschafft, dem frühen Ausgleich von Bildungschancen markant näher zu kommen. Deshalb droht, dass sich unbemerkt und ungewollt ein Paradox entwickelt: Je stärker sich die vorschulischen Bemühungen an ökonomischen Maximen orientieren, desto mehr verkehren unsere Sozialinvestitionen ins Gegenteil. Auf diese Weise wird frühkindliche Bildungsförderung die Bildungsungleichheiten verstärken anstatt die Chancengleichheit fördern.

  • Ich erinnere mich noch gut, wie ich mich als Mädchen an den Familiensonntagen enorm langweilte: am Morgen in die Sonntagschule, beim immer gleichen Mittagessen mit Schnitzel, Pommes Frites und Ananas aus der Dose und dann bei einem Spaziergang an der Aare, wohlverstanden in den «Sonntagskleidern», die keinesfalls schmutzig werden durften.

    Hand aufs Herz: Wer kennt keine Langeweile? Jeden Tag schlagen sich bekanntlich viele Menschen ihre Stunden tot. Sie machen Unsinn, nichts Wichtiges, trödeln vor sich hin oder warten auf etwas Unbestimmtes. Die «Weile» wird «lang», wie das Wort sagt. Man langweilt sich eigentlich immer dann, wenn man darauf wartet, dass endlich etwas passiert oder wenn das Nichtstun erzwungen wird. Deshalb ist die Suche nach Ablenkung so gross. Am deutlichsten erkennen wir dies an unserem Umgang mit dem Smartphone: Wer kann heute noch auf den Bus warten, beim Arzt sitzen oder in der Migros an der Kasse anstehen, ohne nicht ständig an seinem Gerät zu hängen, um die Langeweile zu überlisten? Aber jeder Mensch hat seine persönliche Langeweile-Schwelle. Der eine wird von ihr schnell mal eingeholt, der andere kann gar nicht genau sagen, ob er sich langweilt oder nicht und den dritten beschleicht das Gefühl so gut wie nie.

    Obwohl Langeweile für viele ein lästiges, aber vertrautes Gefühl ist, schenken wir diesem Phänomen im Allgemeinen wenig Beachtung. Es erstaunt somit wenig, dass die Langeweileforschung – im Gegensatz etwa zur Aggressionsforschung – ein Schattendasein fristet. Eine Ausnahme ist die Langeweile in der Schule, zu der ein paar empirische Studien vorliegen. Anders in Philosophie und Literatur. Von Augustinus bis Kierkegaard, von Schopenhauer und Nietzsche bis zu Blaise Pascal, Hölderlin, Beckett oder Kundera: Sie alle zählten das Problem der Langeweile zu den grossen Fragen unserer Existenz. Am intensivsten und subtilsten hat sich Heidegger in seinen phänomenologischen Untersuchungen damit auseinandergesetzt.

    Es gibt viele Typologien von Langeweile. Am einleuchtendsten scheint mir diejenige, welche ich im empfehlenswerten Buch von Lars Svendsen «Kleine Philosophie der Langeweile»* gefunden habe und die von Martin Doehlemann stammt:

    • die situative Langeweile (in einer langweiligen Vorlesung zu sitzen oder auf einer Zugfahrt zu sein und nur zu warten, bis sie zu Ende ist)

    • die existenzielle Langeweile (die Seele als inhaltlos und das Dasein als sinnlose Existenz zu empfinden)

    • die überdrüssige Langeweile (eine Sache nicht mehr hören oder sehen zu können, weil man sie schon lange kennt oder kann)

    • die schöpferische Langeweile(etwas Neues schaffen zu müssen, aber aufgrund unerklärlicher Barrieren nicht zu können).

    Langeweile kann ein Mensch somit für sich allein empfinden, aber auch mit anderen zusammen. Gerade in Familien ist Langeweile oft ein grosses Thema. Viele Kinder wissen häufig nichts mit sich selbst anzufangen – vielleicht gerade deshalb, weil sie sich nie langweilen oder nicht genug. Weil ihre Terminkalender übervoll und die Tage durchstrukturiert sind, werden sie hilflos, wenn plötzlich ein freies Zeitfenster zur Verfügung steht. Entwicklungspsychologisch wäre das Erleben von Langeweile jedoch eine wichtige Grundlage, damit Kinder eigene Interessen (und nicht die der Eltern) wahrnehmen und lernen könnten, diese auch zu verfolgen.

    Auch in der Schule oder an der Universität kann Langeweile mit viel Verdruss verbunden sein. Bei den Schülern ist sie besonders stark verbreitet, gehört sie doch  für viele zu den grundlegendsten Schulerfahrungen. Die Forschung geht davon aus, dass sich bis zu 50% der Schüler im Unterricht regelmässig langweilen** und Knaben davon stärker betroffen sind als Mädchen. Unklar sind jedoch die Ursachen: Liegt es am Stoff, an der Vermittlung oder an mangelndem Interesse und Spass, dass die Schüler oft dermassen Mühe haben, 45 Minuten stillzusitzen oder einen Inhalt auch dann auswendig zu lernen, wenn er ihnen nicht einleuchtet? Mit Blick auf die Erkenntnisse aus der Begabungsforschung dürften alle diese Faktoren eine Rolle spielen, wissen wir doch um den empirischen Zusammenhang von überdurchschnittlicher Intelligenz und Langeweile. Begabte Schülerinnen und Schüler sind oft unterfordert und schwänzen deshalb aus Langeweile die Schule***.

    Das Langeweile-Gefühl ist auch am Arbeitsplatz verbreitet. In der psychosomatischen Medizin wird dafür der Begriff «Boreout» benutzt. Boreout gilt als kleiner Bruder des Burnout-Syndroms (des Ausbrennens und der Überbelastung) und meint die Langeweile am Arbeitslatz durch Unterforderung. Boreout entsteht, wenn Menschen etwas leisten möchten, sie aber eigentlich nichts zu leisten haben, das sie fordert. Um Unterforderung nicht zu zeigen, wird sie geschickt vertuscht, beispielsweise durch Ausreden, die im Betrieb allgemein akzeptiert sind. Anstatt ehrlich zu gestehen: «Ich langweile mich zu Tode, das macht mich fertig» gilt es als viel angesehener, wenn man klagt: «Ich habe so viel zu tun, langsam fällt mir die Decke auf den Kopf.»

    Wie kann man mit Langeweile umgehen? Hierzu gibt es viele Tipps. Sie reichen von «ein bisschen chillen» (Die ZEIT, 10.04.2014) – womit wahrscheinlich die situative Langeweile gemeint ist – über Tipps, wie man sie geschickt umgehen könnte bis zu Vorschlägen, sie ernst zu nehmen, etwas im Leben zu ändern, eine andere Haltung zu erwerben und zu erkennen, dass man nicht nur Opfer ist. Diese dürften vor allem für die überdrüssige Langeweile und damit für Menschen gelten, die mit dem Boreout-Syndrom konfrontiert sind. Aber welche Ratschläge bieten sich die anderen Langeweile-Typen an?

    Hierzu gefällt mir das Fazit von Svendsen besonders gut: dass es für sie eigentlich gar keine Lösung gibt. Wenn man die Langeweile reflektiere, dann teile sie einem mit, wie man lebt – und dann sei der Weg nicht mehr weit, sie auch als inspirierende Musse zu erkennen, d.h. als schöpferische Gestaltung der freien Zeit. Es gälte somit, Langeweile zu akzeptierenund auszuhalten.

    Johann Wolfgang von Goethe hat somit Recht bekommen, wenn er behauptet: «Langeweile ist nicht nur ein böses Kraut, sondern auch eine Würze, die viel verdaut». Eine derart positive Botschaft kommt auch aus der Forschung. Der Leerlauf im Gehirn ist wichtig****. Wer geistig häufiger wegdriftet, verschont nicht nur das Gehirn von ständig neuen Eindrücken, sondern schneidet in Kreativitäts- und Selbstreflexionstests überdurchschnittlich ab.

    Wenn uns somit das nächste Mal Langeweile nervt, dann könnten wir eigentlich zuversichtlicher sein: Zwangspausen sind keine verschenkte Zeit, die uns schaden, sondern ein umfassendes Resetting für Gehirn und Emotionen. Und Eltern könnten die Langeweile ihres Nachwuchses auch als positive Quelle für eine gesunde Entwicklung verstehen.

    Literatur

    *Svendsen, H. (2002). Kleine Philosophie der Langeweile. Frankfurt: Insel.

    **Götz, T. &Frenzel, A. (2006).Phänomenologie schulischer Langeweile. In: Zeitschrift für entwicklungspsychologische und pädagogische Psychologie, 38, 4, 149-154.

    ***Stamm, M. (2013). Entwicklung ohne Ende.Wie sie Bildungswege und Lernstufen beeinflusst. Zürich/Chur: Rüegger.

    **** Goetz, T. et al. (2013).Types of boredom: An experience sampling approach.Motivation and Emotion,2013; DOI:10.1007/s11031-013-9385-y.

  • Viele, vor allem gut ausgebildete Eltern sind heute überinformiert. Sie wissen alles über Hirnforschung, über Babymassage, über Einschlaf- und Durchschlaf- oder Anti-Schreimethoden, über die richtige Ernährung oder über frühes Fremdsprachenlernen. Sie klammern sich an Lernkurven fest, vergleichen ihr Kind ständig mit dem Nachwuchs der Nachbarn und haben Angst vor eigenen Fehlern. Dabei verkümmert häufig ihre Intuition, d.h. ihre Fähigkeit, zu spüren, was gut für ihr Kind ist und was nicht. Eltern sollten wieder lernen, besser auf ihr Bauchgefühl zu hören, aber auch ihre Vernunft zu nutzen. Intuition und Vernunft bilden die beiden Pole der Erziehungskompetenz.

    Allerdings ist Intuition noch immer verpönt. Sie gilt als wenig professionell. Blickt man in die Bücherregale und die Websiten von Buchhandlungen, dann verstärkt sich diese Einschätzung. Erziehungsratgeber, die aufliegen, haben Hochkonjunktur. Eltern glauben ihnen aufs Wort. Vor allem dann, wenn sie vorgeben, von «pädagogischen Experten» entwickelt worden zu sein. Dies ist verständlich. Denn jahrelang hat die Forschung unterstrichen, dass Eltern ihre Kinder umso besser erziehen, je mehr sie sich von Verstand und Vernunft leiten lassen. Gefühle, so haben Väter und Mütter in Elternkursen gelernt, sind eherstörendes Beiwerk, welche die Vernunft schnell einmal unterwandern können. Eltern, die sich an wissenschaftlichem Wissen orientieren, sind somit ein Segen für unsere Gesellschaft. Sie schützen sich nicht nur vor Selbstüberschätzung, sondern ihre Kinder auch vor Willkür. Leider stimmt dies so nicht.

    Es braucht auch eine Portion Intuition. Wir alle verfügen über sie, doch haben wir sie häufig verlernt. Allerdings meint Intuition nicht einfach ‚spontan sein‘. Vielmehr gibt es so etwas wie eine professionelle Intuition. Gerd Gigerenzer bezeichnet sie in seinem lesenswerten Buch «Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition» als «gefühltes Wissen».Das Bauchgefühl ist somit keine Eingebung von oben oder nur eine Vorstellung, sondern unbewusste Intelligenz. Sie entsteht aus einer Fülle von Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben. Auf Basis dieser abgespeicherten Erfahrungen können wir – scheinbar aus dem Bauch heraus – in vielen Situationen schnelle Entscheidungen treffen. Im Sport sind hierfür Roger Federer oder Xherdan Shaqiri beste Beispiele.

    Wenn Eltern ihre Intuition nutzen, spielen Gefühl und Vernunft gleichermaßen eine Rolle. Dieses Phänomen konnte ich kürzlich im Tram beobachten: Eine Mutter mit ihrem ca. Zweijährigen im Wagen, verliess das Tram an der nächsten Haltestelle wieder fast fluchtartig, weil der Kleine so ausserordentlich schrie und die Blicke der genervten Tram-Passagiere alles sagten, was man sich vorstellen kann. Richtig, aber wahrscheinlich vollkommen intuitiv, hat sie gehandelt, denn es hätte kaum eine erzieherische Alternative gegeben. Hätte ich diese Mutter allerdings unmittelbar nachher gefragt, welche Vernunft sie bei dieser Entscheidung angewendet habe, hätte sie mit grosser Sicherheit geantwortet, dass sie gar keine Zeit zum Überlegen gehabt, sondern ausschliesslich aus den Bauch heraus gehandelt habe.

    Mehr Intuition wäre gerade in der frühen Förderung wichtig. Eltern sollten wieder lernen, der Intuition und den dahintersteckenden Faustregeln mehr zu vertrauen, aber auch lernen, wann sie diesen nicht vertrauen können. Eltern können Intuition schulen, indem sie versuchen

    den richtigen, d.h. dem Kind (und nicht den eigenen Interessen) angemessenen Zeitpunkt zu finden, mit einer bestimmten Förderung zu beginnen;

    ihr Kind so achtsam zu fördern, dass sie es nicht überfordern;

    sich zu fragen, ob die Förderung, die sie im Kopf haben, auch tatsächlich zu ihrem Kind passt;

    sie Signale ihres Kindes ernst zu nehmen.

    «Aus dem Bauch heraus» bedeutet jedoch nicht, den Kopf abzuschalten und kein Buch mehr über Erziehung zu lesen. Erziehungskompetenz meint eine Kombination von Wissen und Elementen intuitiver Praxis. Intuition ist auf (theoretisches) Wissen angewiesen. Eltern, die (noch) wenig davon haben, sollten sich nicht unbedingt ausschliesslich auf ihre Intuition verlassen. Väter und Mütter mit reichhaltiger Erfahrung und genug verinnerlichtem Wissen sind jedoch bestens dafür ausgerüstet, ihr Bauchgefühl mehr sprechen zu lassen.

  • erschienen in Aargauer Zeitung/Nordwestschweiz, 4. Mai 2015, 16.

    Der Kindergarten ist obligatorisch und in die Schulpflicht eingebunden. Damit setzt die Bildungspolitik ein Zeichen, dass sie die frühe Förderung ernst nimmt. Tatsächlich können viele Kindergärtler schon rechnen, lesen oder schreiben. Gelernt haben sie es im Förderkurs, von den Eltern oder beim grossen Bruder abgeschaut. Nur, Kindergärten haben eigentlich andere Probleme. In unseren Forschungsstudien klagen viele Lehrkräfte über massive Entwicklungsdefizite. Der Anteil der Kinder, die kaum mehr Treppen steigen, die Hände selbst waschen, den Reissverschluss der Jacke schliessen oder die Schuhe binden können, nimmt stark zu. Und es gibt immer mehr, die noch Windeln brauchen.

    Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, wenn Gemeinden Kriterien zusammentragen, über welche Fähigkeiten und Fertigkeiten Kinder beim Kindergarteneintritt verfügen sollten. Das hat kürzlich auch die Stadt Baden mit einem Merkblatt getan, doch hat dies bei den Eltern hohe Wellen geworfen. Aus einer pädagogischen Perspektive sind solche Kriterien jedoch in Ordnung und zwar aus zwei Gründen. Erstens ist der Kindergarten darauf angewiesen, Kinder zu unterrichten, die ein grundlegendes Mass an Selbstständigkeit erreicht haben. Zweitens tun Eltern gut daran, ihr Kind auf dieses Ziel hin zu erziehen, denn ein erfolgreicher Übergang ist für den späteren Schulerfolg und für die Bewältigung aller weiteren Übergänge zentral.

    Selbstverständlich kann man argumentieren, die Kinder seien noch so klein und aufgrund des Stichtages vom 31. Juli manchmal erst gut vier Jahre alt. Dies ist jedoch eine falsche Optik. Die Erziehung zur Selbstständigkeit beginnt schon im frühen Kindesalter. Väter und Mütter sind auf dem rechten Weg, wenn sie ihren Nachwuchs nicht überbehüten, ihm nicht dauernd alle Hindernisse aus dem Weg räumen und ihn vor jeder Gefahr schützen. Wer hingegen sein Kind auch mit drei Jahren noch im Buggy herumstösst, weil es angeblich so schnell müde wird, es jede Treppe hochträgt, wenn es dies selbst nicht schafft oder ihm aus Verletzungsangst keine Schere in die Hand gibt, riskiert, dass es nicht «kindergartenfähig» wird.

    Dies gilt auch für Kinder, die noch in die Windeln machen. Denn Trocken werden ist nicht nur ein Kriterium der Reife, sondern ebenso eine Frage der Erziehung. Kleinen Kindern wird meist zwischen 18 und 36 Monaten der Drang bewusst, die Blase oder den Darm zu entleeren. Dies drücken sie mit ihrem Verhalten aus, mit Körper und Mimik, manchmal auch mit der Sprache. Damit signalisieren sie, dass sie jetzt bereit sind. Diese Eigeninitiative sollten Eltern zum Anlass nehmen, ihrem Sprössling durch ihre Vorbildfunktion, aber ohne Druck und Zwang, zu zeigen, wie man auf den Topf oder die Toilette geht. Leider gibt es Laissez-Faire-Eltern, welche diesen Zeitpunkt verpassen. Denn wer auf die Signale des Kindes mit einem lapidaren Satz «Kein Problem, du hast ja eine Windel an» reagiert oder ihm am Freitag- und Samstagabend Windeln anzieht, weil man länger schlafen will, der erzieht es geradezu zu einem Windelkind. Denn es versteht diese Botschaften logischerweise so, dass es auch anders geht und es normal ist, in die Windeln zu machen. Dann jedoch wird es ausserordentlich schwierig, dieses Verhalten wieder umzutrainieren.

    Natürlich ist ein gelingender Übergang ebenso vom Kindergarten und der familienergänzenden Betreuung (Kita, Tagesfamilie, Spielgruppe, Grosseltern etc.) abhängig, inwiefern sie mit den Eltern in der Erziehung zur Selbstständigkeit am gleichen Strang zieht. Trotzdem gehört die Windelfrage in den Verantwortungsbereich des Elternhauses. Zwar gibt es immer besondere Fälle – beispielsweise, wenn ein Geschwisterchen geboren wird und das grössere Kind wieder ein Babyverhalten annimmt oder wenn familiäre Spannungen vom Kind auf diese Weise bewältigt werden – doch ist der Kindergarteneintritt der späteste Zeitpunkt, an dem ein Kind windelfrei sein sollte. Und weil es durchaus auch schwierige Kinder gibt, sollten unsichere Eltern verstärkt Familienbildungsangebote in Anspruch nehmen können, welche sie auf dem Weg zur Kindergartenfähigkeit ihres Sprösslings unterstützen. Für ein Kind ist es eine Schmach, mit Windeln schulpflichtig zu werden.

     

  • Janet Yellen ist seit dem 1. Februar 2014 die erste Frau, welche der mächtigsten Notenbank der Welt, dem Federal Reserve Board (Fed) vorsteht. Geboren am 13. August 1946 war sie zu diesem Zeitpunkt genau 67.6 Jahre alt. Zwei Jahre nach dem offiziellen Pensionierungsalter schlägt sie das wichtigste Kapitel ihrer Laufbahn auf.

    Weshalb erwähne ich Yellen? Aus zwei Gründen: erstens, weil sie ein Modell dafür ist, dass die Laufbahn von Frauen oft anders verläuft als die von Männern; zweitens, weil Michael Schönenberger in seinem guten NZZ-Artikel «Scheinargument im Rentenalter»* (8. Februar 2014) eine Studie des Forschungsbüros Infras zitiert, welche empirisch belegt, dass auch in der Schweiz seit 2008 eine deutliche Zunahme der Erwerbsbeteiligung über das Rentenalter hinaus festzustellen ist, ganz besonders bei Frauen – aber auch bei den Männern. Yellen dürfte damit ein neues Modell für einen Berufsverlauf werden, der das lange Leben berücksichtigt.

    Frauen erreichen ihren Karrierehöhepunkt später als Männer. Diese Erkenntnis kann sich für junge und jüngere Paare als hilfreich erweisen. Wenn Frauen und ihre Partner ihr Denken neu justieren und einsehen, dass bedeutsame Leistungen auch (lange) nach der Lebensmitte erbracht werden können und auch sollten, dann sind sie möglicherweise eher in der Lage, eine familiäre Work-Life-Balance mit weniger Druck und Dissonanzen zu finden. Aus meiner Erfahrung weiss ich selbst, wie lang das Leben noch ist, nachdem einen die Kinder nicht mehr Tag und Nacht brauchen. Wenn sich das Nest leert und der Nachwuchs langsam flügge wird, liegt noch ein beträchtlicher Teil des Arbeitslebens vor uns. Eltern, die ihr berufliches Engagement mit kleinen Kindern zurückschrauben, können später immer noch hohe Karrieresprossen erreichen.

    Wäre es nicht eine befreiende Einsicht, daran zu denken, dass man im Leben nicht alles gleichzeitig erreichen und haben muss? Sich etwas zurücklehnen können in einer bestimmten Lebensphase verhindert nicht, sich in einer späteren Lebensphase nochmals richtig reinzuhängen. Genau deshalb ermahnen Experten immer wieder, Frauen und Männer sollten ihre Karriere nicht als Leiter, sondern als Gitter verstehen: Horizontale Veränderungen folgen vertikalen und diese wiederum folgen horizontalen Veränderungen. Es mag zwar länger dauern, um an die Spitze zu gelangen, aber das heisst überhaupt nicht, dass man sie nicht erreicht.

    Selbstverständlich bin ich weit von der Behauptung entfernt, die zeitliche Ausdehnung der Karrierelaufbahn sei immer eine freie Wahl. Für Familien aus bescheidenen Sozialschichten oder für Alleinerziehende ist es eine Notwenigkeit, möglichst in kurzer Zeit einen angemessenen Lohn zu verdienen. Und auch für viele Männer und Frauen in körperlich anstrengenden Berufen ist dies keine willkommene Option.

    Trotzdem ist es eine Perspektive, welche in unserer Gesellschaft fast vollkommen ausgeblendet wird. Dies ist politisch falsch, nicht familienfreundlich und auch nicht auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum langen Leben ausgerichtet. So zeigt die Entwicklungspsychologie der Lebensspanne, dass ältere Menschen heute viel fitter, veränderbarer, entwicklungsfähiger und auch entwicklungswillig sind als jede Generation zuvor. Paare sollten deshalb einen «Masterplan» für ihr gemeinsames Leben aufstellen und von der Vorstellung wegkommen, dass bis 40 alles erreicht sein muss: die Kinder, das Einfamilienhaus und zwei Karrieren auf dem Höhepunkt. Ein solcher Masterplan verhindert, dass – und dies wissen wir ebenfalls aus verschiedenen Studien – ein Paar dann doch zuerst auf die Karriere des Mannes setzt und die Frau den Wiedereinstieg oder die Karriere nicht mehr schafft. Herzstück dieses Masterplans ist «die Kunst des gemeinsamen Wachsens». Jürg Willi* (1985) hat vor fast dreissig Jahren aufgezeigt, wie dies geht: wie Paare gut miteinander leben können, wie sie Wünsche nach Selbstverwirklichung und Autonomie in der Auseinandersetzung mit dem Partner entwickeln und verwirklichen können.

    Nicht nur Paare, auch unsere Gesellschaft braucht einen neuen Masterplan, der die Entwicklung über die gesamte Lebensspanne in den Blick nimmt, auch das Potenzial jenseits des 50. Geburtstages. Ich bin überzeugt, dass in Zukunft viele Frauen und Männer «Yellens» werden können, welche ihren Karrierehöhepunkt erst spät erreichen werden, gar die Pensionierung hinausschieben oder sie mit Teilzeitarbeit verbinden. Janet Yellen ist ein Musterbeispiel dafür, dass länger arbeiten auch heissen kann, die Position zu erreichen, auf die man hingearbeitet hat. Es gibt viele Beispiele, dass das Berufsleben mit 65 Jahren nicht vorbei ist. Im Gegenteil, viele von ihnen laufen sich erst warm.

     

    Literatur

    *Schönenberger, M. (2014). Scheinargument zum Rentenalter, NZZ, 08.02.,http://www.nzz.ch/aktuell/schweiz/scheinargument-zum-rentenalter-1.18238353

    ** Willi, J. (1985). Die Kunst gemeinsamen Wachsens - Ko-Evolution in Partnerschaft, Familie und Kultur. Reinbek: Rowohlt.

  • Ein Teil dieses Blogs ist erschienen in der Aargauer Zeitung/Nordwestschweiz, 08.12.2014, 16.

    Wir alle kennen die Sehnsucht: Das Ziehen in der Brust, das heftige und schmerzliche Verlangen nach etwas Unerfüllbarem – aber auch das Schwelgen in der Vorstellung vom grossen Glück. Sehnsucht ist eine Quelle von Lebendigkeit, aber auch ein Grund für masslose Enttäuschungen, wenn sie nicht erfüllt wird. Das beste Beispiel für die Sehnsucht als bittersüsse Zwiespältigkeit ist das Weihnachtsfest, das Fest der Liebe, der Geborgenheit und Besinnlichkeit.Ist es dann da, sieht die Realität oft anders aus, und man ist bitter enttäuscht, wenn der Haussegen wieder schief hängt. Deshalb gehört das Bedauern zur Sehnsucht wie der Schatten zum Licht.

    Sehnsucht ist ein urdeutsches Konzept. Dichter und Philosophen aller Zeiten haben ihren lustvoll-schmerzlichen Zustand in literarischen Gestalten wie Romeo und Julia, Faust und Gretchen oder Tristan und Isolde besungen. Offenbar übt die unerreichbare persönliche Utopie, die erlebte Unvollständigkeit, eine besondere Anziehungskraft auf uns aus. Sehnsucht gilt denn auch – nach Liebe und Gemütlichkeit – als drittschönstes Wort im deutschen Sprachraum.

    Es ist somit keine Frage: Sehnsucht treibt uns um. Sie bestimmt den Menschen über die gesamte Lebensspanne hinweg, von der Kindheit bis zum Tod. In der Kindheit zeigt sie sich als Heimweh, im Jugendalter als Fernweh und im Erwachsenenalter vielleicht als Utopie der Zukunft oder – mit Blick auf die Vergangenheit – als Nostalgie. Ganz unterschiedlich sind jedoch die Inhalte, welche die Sehnsucht beflügeln. Junge und jüngere Menschen sehnen sich eher nachder grossenLiebe, nach einem Kind und einem guten Beruf. Im mittleren Lebensalter ist es vor allem eine erfüllte Partnerschaft, und bei älteren Menschen sind es persönlich gefärbte Motive oder die Sehnsucht nach dem verlorenen oder einem neuen Partner.

    Die Sehnsucht gilt bis heute als wenig erforscht. Die«Sehnsuchtsforscher» sind fast an einer Hand abzuzählen: Paul Baltes*, Susanne Scheibe**, Werner Schmid*** oder Werner Gross****. Gerade deshalb interessiert unsere Forschungsstudie «Talent Scout 60+», welche die Entwicklung der Potenziale und Interessen von Menschen auf dem Weg in die Pensionierung untersucht. Im Kern zeigt sie nämlich auf, dass sich älteren Menschen um die 60 offenbar eine besondere Form von Sehnsucht eröffnet: eine starke Suche nach Optimierung, Veränderung oder Vollendung. Dieser Befund ist allerdings kaum überraschend, vielmehr hat er eine innere Logik. Heute gilt die Pensionierung nicht mehr als Anfang einer Restzeit, sondern als Start in eine neue Lebensphase, in der das Leben umgekrempelt werden kann. Sehnsucht ist deshalb Ausdruck des drängenden Wunsches nach neuen Lebensumständen, Lebensentwürfen oder auch nach Vollendung. Sie kann zum Inbegriff der Freiheit werden, nichts mehr so belassen zu müssen, wie es ist und alles neu in Bewegung setzen zu können. Sehnsucht kann deshalb auch als wichtiger Motivator verstanden werden, vielleicht auch als Strategie, um «erfolgreich» zu altern, d.h. Wege zu finden, wie der Geist die Biologie und damit Defizite und Verluste erträglich werden lassen oder überwinden kann.

    Sehnsucht speist sich aus sechs Komponenten, die auch im Portrait von Anna B. (siehe unten) aus unserer Talent Scout-Studie zum Ausdruck kommen:

    Unvollkommenheit: Das Gefühl, dass einem etwas im Leben fehlt.

    Utopie: Die persönliche Utopie, dass man etwas erreichen möchte, wahrscheinlich aber nie mehr erreichen wird.

    Gefühlsambivalenz: Ein ersehntes Ziel vor Augen haben und gleichzeitig wissen, dieses wahrscheinlich nicht zu erreichen.

    Reflexion: Ein intensives, jedoch selbstkritisches Nachdenken über das Ersehnte und das Bewerten des derzeitigen Entwicklungsstandes, oft im Vergleich zu anderen.

    Dreizeitigkeit: Das gleichzeitige Sehnen nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

    Symbolgehalt: Symbole als Stellvertreter von Sehnsuchtsobjekten (z.B. das Meer als Verkörperung der Freiheit, Unendlichkeit und Nähe zur Natur).

    Die schmerzlich-schöne Utopie eines vollkommenen Lebens kann eine Quelle der Motivation, gleichzeitig aber auch der Resignation sein. Weil Sehnsucht sowohl befreien als auch lähmen kann, wohnen ihr zwei Gefahren inne: erstens, dass sie mit der Erfüllung ihren Sinn verliert und sich in Gewohnheit verwandelt. Denn mit dem Erreichen wird das so innig Ersehnte leblos und leer. Die zweite Gefahr ist die, dass unbändige Sehnsucht ausser Kontrolle gerät, negative Folgen haben und in Melancholie oder Nostalgie umschlagen kann.

    Sowohl Erfüllung als auch Nichterfüllung können Ursachen sein, damit der Mensch aus lauter Sehnen krank wird und aus Sehnsucht Sucht entstehen kann. Dies ist zumindest eine mögliche Erklärung für die Ergebnisse aktueller Studien, wonach in der Schweiz rund jede zehnte Person über 65 eine süchtige Abhängigkeit entwickelt, nicht selten sogar erst nach der Pensionierung.

    Die entscheidende Frage ist somit die, wie wir mit Sehnsüchten umgehen. Denn trotz der beschriebenen Gefahren ist Sehnsucht unverzichtbar. Wir brauchen ihre Energie, die sie in uns freisetzen kann. Um der Sucht zu entgehen, bedarf es gemäss dem Philosophen Werner Schmid*** einer Anstrengung der bewussten Lebensführung. Sie besteht darin, den Unterschied zwischen dem Ersehnten und dem Realen zu bewältigen und dadurch die Sehnsucht derart zu mässigen, so dass sie zu unseren vorhandenen Möglichkeiten passt. Dann wird sie eine Kraft, die der Einzelne nutzen kann, um ein blockiertes Ziel zu lösen oder dem Leben eine neue Richtung zu geben. Voraussetzung ist jedoch: Man denkt über sich nach. Warum nicht gerade in der Adventszeit?

     

    Anna, B. (60+),Personalberaterin, die eigentlich gerne Musikerin geworden wäre, sagt: Ich finde es schade, dass ich in meinem Berufsleben so wenig auf Musik habe setzen können («Unvollständigkeit»). Mein Lebenstraum heute wäre, einmal in einer Formation zu spielen – aber ich befürchte, dafür bin ich zu alt («Unerreichbarkeit»). Wenn ich an meine jungen Jahre denke, wie ich an der Expo 68 Klavier gespielt habe, dann macht mich dies glücklich, gleichzeitig aber auch traurig, weil ich wahrscheinlich nie mehr dieses Niveau erreichen werde («Gefühlsambivalenz»). Heute frage ich mich häufig, wenn ich die junge und jüngere Generation sehe, was ich hätte anders machen können, um mich mehr der Musik zu widmen («Reflexion»). Als Kind hätte ich von meinen Eltern alles haben können. Das geht mir oft durch den Kopf. Deshalb ist es heute ein inniger Wunsch von mir, ein Instrument zu lernen und noch etwas Neues zu erreichen. Musik zu machen ist für mich eine kreative Energie, die ich so bisher nicht gekannt habe («Symbolgehalt»).

     

    * Baltes, P. (2008). Positionspapier: Entwurf einer Lebensspannen-Psychologie der Sehnsucht. Psychologische Rundschau, 59, 2, 77-86.http://www.sozialpsychologie.uni-frankfurt.de/wp-content/uploads/2012/10/baltes-2008-sehnsucht.pdf

    ** Scheibe, S. (2005).Longing («Sehnsucht») as a new lifespan concept: A developmental conceptualization and its measurement in adulthood.Dissertation, Freie Universität, Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie, Berlin.

    *** Schmid, W. (o.J.) Von der Bedeutung der Sehnsucht. Warum Menschen sich sehnen und warum Erfüllung so schwer ist.http://spol.ch/20jahre/wp-content/uploads/2011/04/Von-der-Bedeutung-der-Sehnsucht.pdf


    **** Gross, W. (2002). Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht. Freiburg.

     

     

     

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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