Mütter

  • Vielleicht gehen die letzten zehn Jahre als Dekade der «neuen Väter» in die Geschichtsbücher ein. Alle Welt spricht heute von ihnen als den aktiven und engagierten Männern. Auch die Familienpolitik hat sie entdeckt, man denke nur an die jüngsten Diskussionen um den Vaterschaftsurlaub.

    Die Figur des neuen Vaters hat somit enorme Popularität erlangt. Einerseits ist dies natürlich positiv, andererseits aber auch mit Problemen verbunden: erstens, weil der neue Vater vor allem negativ bestimmt ist und sich von der Figur des männlichen Familienernährers abgrenzen soll; zweitens, weil dabei vergessen geht, dass sich neue Väter nicht ohne neue Mütter entwickeln können. Dass dies nicht ohne Konflikte zu haben ist, wurde bisher  jedoch fast systematisch ausgeblendet.

    Wenn Väter – so meine Annahme (und auch meine persönliche Erfahrung) – einen grösseren Anteil in der Familien-, Erziehungs- und Betreuungsarbeit übernehmen, dann verschwinden zwar lästige Paarkonflikte darüber, wer wieviel weshalb und wann was (nicht) macht. Aber gerade die gerechtere Aufteilung der Arbeit bringt neue Probleme mit sich und zwar deshalb, weil die internen Machtverhältnisse tangiert werden. Denn es ist nach wie vor das in unserer Gesellschaft stark verankerte Bild der kompetenten Mutter, welche die Standards setzt, was unter «guter» Familien- und Hausarbeit zu verstehen ist.

    Ich erinnere mich noch daran, als ich als 35-jährige Mutter mein Studium nach achtjähriger ausschliesslicher Familientätigkeit begann und mein Mann einen bemerkenswerten Teil der Haus- und Betreuungsarbeit übernahm. Endlich entlastet, endlich frei von der (fast) alleinigen Verantwortung für Haushalt und Familie! Ich fühlte mich wie neugeboren. Aber schnell merkte ich, dass meine Vorstellungen dessen, was gute Hausarbeit und Kinderbetreuung ausmacht, nicht mit denen meines Mannes übereinstimmten. Er machte vieles ganz anders und setzte andere Schwerpunkte – so dass mir manchmal fast die Haare zu Berge standen. Diese für mich neue Praxis zu akzeptieren wurde in der ersten Zeit meines Studiums zu einer grossen Herausforderung.

    Wie stark somit der neue Vater in die Familien- und Hausarbeit involviert ist oder wird, ist nicht nur eine Frage seiner Bereitschaft und seines Willens, sondern ebenso abhängig von der Reaktion seiner Partnerin. Sie muss bereit sein, ihm Autonomie und Zuständigkeiten zu überlassen und auch lernen, die eigenen Einflusszonen herunterzufahren. Viele Mütter sind sich gar nicht bewusst, wie sehr sie sich an ihre Standards klammern und selbstverständlich davon ausgehen, dass sie vom Partner zu übernehmen sind. Dieses kulturelle Muster der Mutter als Besserwisserin ist in vielen jungen Familien wirkmächtig geblieben.

    Inwiefern es Paaren gelingt, solche neuen Konflikte zu meistern und sich gemeinsam zu entwickeln, dürfte für die Entwicklung der Väter zentral sein. Sollen sie eine aktive und engagierte Vaterschaft nicht nur betreiben wollen, sondern auch betreiben können, dann müssen ihnen die Mütter nicht nur eine ebenbürtige Position zugestehen. Sie müssen auch andere Vorstellungen darüber akzeptieren, was gute Familien- und Hausarbeit ist. Auf die Dauer werden sich Väter nicht mit der Position des Praktikanten oder Juniorpartners begnügen.

    Wenn Väter somit nicht eine logischerweise unvollkommene Imitation ihrer Partnerinnen bleiben sollen, sind sie auf neue Mütter angewiesen. Weil es das eine ohne das andere nicht gibt, brauchen wir eine andere Anerkennungsordnung zwischen ihnen. Das Profil ist zwar noch undurchsichtig, aber es könnte in die Richtung gehen, wie dies Jürg Willi* im NZZ-Interview vom 15. März 2014 mit Alan Niederer umschreibt. Willi spricht von «Koevolution»,der Kunst gemeinsamen Wachsens. Übertragen auf neue Väter und neue Mütter würde dies bedeuten, dass Entwicklung nie isoliert nur bei sich selbst geschehen kann, sondern immer nur am Du.

    «Persönliche Beziehungen sind das Wichtigste.».http://www.nzz.ch/aktuell/zuerich/uebersicht/persoenliche-beziehungen-sind-das-wichtigste-1.18263391

     

     

  • Im letzten Herbst habe ich in der NZZ am Sonntag eine Gastkolumne zum «Social Freezing» (manchmal auch «Egg Freezing» genannt) geschrieben, d.h. zur Möglichkeit des Einfrierens von Eizellen, damit Frauen Karriere machen und die Mutterschaft auf später verschieben können*. Meine Meinung war und ist die, dass dies ein falscher Weg ist. Auf meinen Gastbeitrag habe ich viele Rückmeldungen erhalten – erstaunlicherweise kaum von Müttern, sondern vor allem von Vätern, welche die Familie mit der Karriere vereinbaren wollen oder sollen, sich aber enorm unter Druck fühlen.

    Nun hat am letzten Mittwoch die Kommission für Soziale Sicherheit des Nationalrates einem zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub zugestimmt. Argumentiert wird, dass «Väter auch früh schon an der Kleinkind-Betreuung mitwirken» können sollen. Nichts gegen einen solchen Vaterschaftsurlaub! Er ist längst überfällig, aber er ist ein ungenügendes Angebot. Nicht nur deshalb, weil andere Länder - z.B. Deutschland - eine viel grosszügigere Regelung haben (Dort wird das Elterngeld an Väter und Mütter während maximal 14 Monaten gezahlt, die mit der Arbeit aussetzen). Zum einen, weil ein Vaterschaftsurlaub aus Männern nicht einfach so moderne Väter macht. Zum anderen, weil er den Eindruck erweckt, als sei nun viel für die Väter getan. Vernebelt wird damit nämlich, dass sich Väter heute schon überdurchschnittlich engagieren und ein den Müttern vergleichbares Vereinbarkeitsproblem haben. Der moderne Vater spielt zunehmend die Rolle des Supermannes, der ausserordentliche Kräfte aufbringt,um den Ansprüchen zwischen Kind, Karriere und Küche gerechter zu werden.

    Allerdings ist die Rolle moderner Väter mit Widersprüchlichem verbunden, und Einiges will einfach nicht so richtig zusammen passen. Folgt man der Statistik des BfS**, dann arbeiten fast 90% in einem anstrengenden Job, mehr als 40 Stunden pro Woche. Gleichzeitig wollen sie mehr Zeit mit den Kindern verbringen. Nur 40% finden jedoch, dass es ihnen gelingt, eine gute Balance zu halten und genug Zeit für die Familie aufzubringen***. Trotz dieser Situation ist die Vollzeitstelle für den Vater und die Teilzeitstelle für die Mutter das bevorzugte und am häufigsten praktizierte Arbeitsmodell.

    Viele Väter sind hin- und hergerissen zwischen der beruflichen Karriere und dem Ideal des perfekten Vaters. Noch immer verspüren sie die Verpflichtung, als Ernährer der Familie wirken zu müssen. Zwar finden sie das Rollenverständnis ihrer eigenen Väter als antiquiert und sie verhalten sich gegenüber ihren eigenen Kindern auch ziemlich anders – was den Beruf betrifft, jedoch kaum.

    Warum ist dies so? Weshalb fühlen sich moderne Männer derart unter Druck, und wie kommt es, dass partnerschaftliche Vereinbarkeitsmodelle so rar sind? Hierzu gibt es natürlich viele Gründe, doch mit Sicherheit drei, welche ökonomische, betriebliche und innerfamiliäre Rollen betreffen.

    «Die Logik des Geldbeutels»: In ökonomischer Hinsichtkommt es bei der Geburt des ersten Kindes häufig zu einer Traditionalisierung der Rollenmuster.Logischerweise entscheidet bei vielen Paaren der Lohn darüber, wie die Familien- und Berufsarbeit nun aufgeteilt werden soll. Oft haben Männer einen Einkommensvorteil, weshalb sie voll im Beruf engagiert bleiben – oder aufgrund der gestiegenen Investitionskosten sogar noch mehr arbeiten müssen. Mütter hingegen steigen teilweise aus oder arbeiten Teilzeit, nicht selten deshalb, weil sie nur ein unsicheres Beschäftigungsverhältnis haben. Der Entscheid ist deshalb oft eine rationale Kosten-Nutzen-Abwägung.

    «Die Männlichkeit im Betrieb»: Zwar gibt es heute immer mehr Betriebe, welche auch Teilzeitarbeit von Männern einführen oder mit dem Label «familienfreundlich» werben. Dies ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist die, dass viele Betriebe eine Verfügbarkeits- und Anwesenheitskultur pflegen und damit einem traditionellen Männlichkeitsmuster folgen. Richard Sennett**** schreibt darüber in seinem Buch «Der flexible Mensch». Leistungsbereitschaft wird nach wie vor mit Präsenz und Produktivität gleichgesetzt.Die New Economy hat auch das Privatleben erobert, denn in vielen, auch kreativen Berufen muss man auch nach Feierabend damit beschäftigt sein, Kontakte zu knüpfen.Man muss somit zu den «richtigen» Zeiten anwesend und jederzeit einsetzbar sein. Wer «nur» Teilzeit arbeitet, weicht vom traditionellen Bild des «richtigen Mannes» ab und hat damit auch kaum Anrecht, Aufstiegsambitionen zu hegen.

    «Die Mütter als Türsteherinnen»: Innerfamiliär wird der Vereinbarkeitsdruck der Väter von den Müttern massgeblich beeinflusst. Viele von ihnen erachten Haushalt, Familie und Fürsorgearbeit als ihr Revier und verstehen sich deshalb als Profis. Nicht selten gilt der Vater folgedessen kaum als gleichwertiger Partner, sondern eher als Praktikant oder als Juniorpartner. Mütter setzen die Standards, wie etwas erledigt, der Brei gekocht oder die Wäsche gemacht werden soll. Für Väter ist dies häufig eine grosse Belastung, wenn sie nach einem arbeitsreichen Tag diese «zweite Schicht» beginnen und wissen, dass die Konflikte mit der Partnerin vorprogrammiert sind. Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass sich viele Väter in der Haushaltsarbeit zurückhalten.

    Wenn wir wirklich neue Väter wollen und ihre angespannte Situation ernstnehmen, dann ist der geplante Vaterschaftsurlaub zwar eine Referenz an die Väter, insgesamt aber nichts Weiteres als ein schönes Schäumchen auf einem guten Cappuccino. Unsere Gesellschaft müsste sich viel eher fragen, inwiefern die bestehenden inner- und ausserfamiliären Rahmenbedingungen zu verändern sind, damit überhaupt Zeit und Gelegenheit für eine angemessene Fürsorgearbeit von Vätern möglich wird, ohne dass sie Supermänner sein müssen.

    Was wir brauchen ist vor allem eine Diskussion über ein grundsätzlich neues Familienmodell, das einem «Work freezing» entspricht: Väter und Mütter sollten die Chance bekommen, sich in der intensivsten Familienphase etwas zurücknehmen zu können, um sich nachher wieder richtig reinzuhängen. Spätere Karrieren für Männer und Frauen sind sowieso angesichts des langen Lebens besonders erwünscht.

     

    * http://www.margritstamm.ch/images/nzzs_So_20141026_LMJO1%20PDF.pdf

    **Bundesamt für Statistik (2015). Erhebung zu Familien und Generationen 2013. Neuenburg: Bundesamt für Statistik.

    ***Pro Familia Schweiz (2011). Was Männer wollen. Studie zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Bern: Pro Familia.

    **** Sennett, R. (1998). Der flexible Mensch.Die Kultur des neuen Kapitalismus Berlin: Berlin-Verlag.

  • Warum bekommt man heute Kinder? Um dem Leben einen Sinn zu geben, um Liebe zu schenken und sich selbst nicht mehr so wichtig zu nehmen. So antwortet zumindest in unseren Forschungsstudien ein Großteil der Eltern oder solche, die es werden wollen. Elternliebe gilt als einmalig und unvergleichlich. Auch der Schriftsteller Jean Paul hat einmal gesagt, mit einer Kindheit voll Liebe könne man ein halbes Leben lang in der kalten Welt auskommen. Tatsächlich ist die Liebe zwischen Eltern und Kind für die fundamentale Ausgestaltung des Lebens etwas Grundlegendes. Zwar entspricht sie nicht dem ‚coup de foudre’, der Liebe auf den ersten Blick, den die Franzosen ‚Blitzschlag‘ nennen. Doch gilt sie als größer, inniger und zarter. Aber nicht nur die Liebe, sondern auch die Verantwortung gegenüber dem Kind schreiben heutige Eltern groß: 62% der 35- bis 42-jährigen meinen, dass Eltern ihr eigenes Leben hinter dasjenige des Kindes stellen sollten. Diese Aufopferungspflicht ist international. Sie gipfelt darin, dass Kinder heute zu genau geplanten Lebenswerken geworden sind. Wenn Männer und Frauen Eltern werden, dann erträumen sie ihr Elternglück in vielen Farben, und eines steht fest: Das Kind soll etwas Besonderes werden, das alles überstrahlt. Das Ziel ist das perfekte Kind, und perfekte Kinder brauchen perfekte Eltern. Derartiges Streben kann jedoch problematische Folgen für die Kinder haben. Dafür sind jedoch kaum die Väter und Mütter verantwortlich, sondern in erster Linie ist es unsere Gesellschaft.

    In den letzten zehn Jahren sind Väter und Mütter immer stärker zum Gegenstand des öffentlichen und politischen Interesses geworden. Grundsätzlich ist dies eine positive Entwicklung, denn die Familie ist lange genug ein Stiefkind der Politik gewesen (und ist es teilweise heute noch!). Problematisch ist allerdings, dass Erziehung, Betreuung und Bildung des Nachwuchses mehr und mehr politisiert werden und dies für Eltern negative Folgen hat. Eine oft vertretene gesellschaftliche Überzeugung ist dabei übermächtig: dass es allein der familiäre Einfluss sei – spricht: die «gute» Mutter und der «gute» Vater – welcher das Verhalten und Gedeihen des Nachwuchses bestimme. In der Bildungs- und Sozialpolitik besonders beliebt ist der Begriff der «verantworteten Elternschaft». Damit ist gemeint, dass man keine Kinder in die Welt setzen soll, wenn man nicht in der Lage ist, sie gut zu erziehen, zu fördern und zu bilden und dabei alle ihre Bedürfnisse und Interessen in den Mittelpunkt zu stellen. Dazu kommt, dass den Eltern kontinuierlich eingetrichtert wird, die ersten Lebensjahre seien die wichtigsten überhaupt. Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Aussage zwar weitgehend richtig, doch die mit ihr verbundenen Drohungen – Wer nicht möglichst früh seinen Nachwuchs fördere, nehme das Risiko verpasster Chancen in Kauf – haben möglicherweise fatale Folgen.

    Denn logischerweise haben sich solche Forderungen schnell auf das Selbstverständnis der Eltern übertragen und damit auch auf die Entwicklung der Kinder. Weshalb wundert man sich eigentlich, dass Eltern zunehmend begonnen haben, sich früh schon mit der Bildung ihrer Kinder zu beschäftigen? Sie verhalten sich ja nur genau so, wie dies die Politik immer einfordert! Warum ist man so erstaunt, dass Väter und Mütter ihre Antennen mit der Strategie «Früher=besser» dauernd ausfahren, um sich in Startposition zu bringen? Und weshalb der große Aufschrei, wenn Eltern Perfektionsträume entwickeln, die vor allem aus der Sorge um die Zukunft ihrer Kinder geboren werden und deshalb zumindest ein wenig helfen sollen, sich gegen die diffusen und bedrohlichen Ängste zu stemmen? Denn, wohin sie auch schauen und an wen sie sich auch wenden, sie werden bestätigt: Die Krise der Familie ist allgegenwärtig, und Schuld daran sind die Väter und Mütter!

    Je mehr jedoch unsere Gesellschaft die Eltern unter Druck setzt, desto größer werden ihre Schuldgefühle. Diese Einschüchterungskultur macht aus normalen Eltern solche, die unter Dauerstress stehen, damit sie perfekt sein und aus ihren Sprösslingen Treibhauskinder machen können. Sie stecken vielmehr in einem Circulus Vitiosus, in einem Teufelskreis, und zwar deshalb, weil sie so instrumentalisiert werden, dass sie sich nicht mehr kompetent genug fühlen. Die Art und Weise, wie in der Öffentlichkeit der Erziehungsnotstand proklamiert wird, hat zum Eindruck geführt, als ob alle Eltern professionelle Hilfe von außen bedürften. Folgedessen ist ein Großteil der Eltern auch überzeugt, dass in der Entwicklung und Erziehung ihres Nachwuchses mit Sicherheit etwas schief gehen wird, wenn sie nicht Expertenunterstützung erhalten. Dieser fatalistische Blick erhöht jedoch nur ihre Angst und vermindert gleichzeitig ihre Fähigkeit, auf sachlicher und objektiver Basis intelligente und intuitionsbasierte Entscheidungen zu treffen. Unsere Gesellschaft inklusive viele der selbst ernannten Experten tragen zu einem großen Teil dazu bei, weshalb Väter und Mütter heute so verängstigt sind, sich überfordert fühlen und das Vertrauen in ihre natürliche Fähigkeit, gute Eltern sein zu können, verloren haben.

  • Mütter mit kleinen Kindern sind mit ihren Karriere- und Erziehungsaspirationen oft auf Kollisionskurs. Sie finden sich gefangen in den Widersprüchen zwischen den Idealen der erfolgreichen berufstätigen Frau und der guten Mutter. Je mehr sie versuchen, ideale Mütter zu sein, desto geringer ist die Zeit, sich auf den Beruf zu konzentrieren. Und je mehr sie versuchen, den beruflichen Ansprüchen gerecht zu werden, desto weniger können sie sich ihrem Nachwuchs widmen. Der Feminismus meiner Generation hat ihnen zwar in Schule und Beruf Türen geöffnet, aber sie nicht darin unterstützt, eine Balance zu finden zwischen Karriere und Familie. Dies ist ein Grund, weshalb die Ideologie der guten Mutter heute wieder so wirksam ist.

    Was steckt hinter diesem Phänomen? Unsere beiden Studien FRANZ* und TARZAN* erlauben einige, vorerst explorative Antworten. In erster Linie ist es ein fundamentales und umfassendes Verantwortungsgefühl vieler Mütter für alles, was mit dem Nachwuchs und seiner Erziehung zu tun hat. Dieses Verantwortungsgefühl schreiben sie sich alleine zu und nicht auch dem Partner. Dabei geht es weit mehr als um die Sorge für die körperliche Sicherheit und das emotionale Wohlbefinden. Es geht auch darum, dass sich das Kind besonders gut entwickelt. Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass sich Mütter immer wieder fragen, was wohl das Beste für das Kind ist und ob es tatsächlich die richtige Förderung bekommt.

    Weshalb haben emanzipierte Mütter derartige Verantwortungsgefühle? Vier Gründe dürften dafür verantwortlich sein: (1) die gesellschaftlichen Vorbehalte gegenüber Fremdbetreuung; (2) der Slogan «Bildung beginnt bei der Geburt»; (3) die Hypothese des perfekten Kindes und (4) Mütter im Wettbewerb mit anderen Müttern.

    (1) Die gesellschaftlichen Vorbehalte gegenüber Fremdbetreuung

    In der Erziehung dominiert heute ein absolut kindzentrierter Ansatz, der von Müttern uneingeschränktes und emotional absorbierendes Engagement sowie arbeitsintensive Betreuung, Pflege und Förderung erfordert. Die Erwartungen an Mütter sind in den letzten 20 Jahren enorm gestiegen. Gespiesen werden sie in erster Linie durch die vielen Expertenmeinungen zur Bedeutung der Mutter-Kind-Bindung, genauer: zur Mutterpräsenz. Dabei hat die NICHD-Studie** eine wichtige, aber zugleich sehr problematische Rolle gespielt. Unter anderemuntersuchte sie die Auswirkungen verschiedener Formen familienergänzender Betreuungsangebote (Kitas, Tagesfamilien, Nannys, Verwandte etc.) auf die kindliche Entwicklung und die Rolle der abwesenden Mutter. Obwohl die Studienergebnisse gemischt waren und sich vor allem die Qualität der Kinderbetreuung als zentrales Kriterium für die kindliche Entwicklung erwies, wurde in den Medien ganz anders berichtet. Die Botschaft war vor allem die,dass fremdbetreute KinderVerhaltensschwierigkeiten und Bindungsstörungen entwickeln würden und in der Schule mehr Probleme hätten. Dies hat hierzulande dazu geführt, dass sich berufstätige Frauenoft – nicht selten auch von der Verwandtschaft oder von Arbeitskollegen – Vorwürfe gefallen lassen müssen, sie seien Rabenmütter und die Ursache dafür, wenn sich ihr Nachwuchs nicht wie gewünscht entwickle. Es versteht sich deshalb von selbst, dass Frauen versuchen, gute Mütter zu sein und trotz Erwerbstätigkeit zu jeder Zeit für die Kinder da zu sein.

    (2) Der Slogan «Bildung beginnt bei der Geburt»

    In der gleichen Zeit wurde der Mythos geboren, wonach «Bildung bei der Geburt» beginne. Ausgehend vonder Ansicht, wonach das Gehirn seine neuronalen Bahnen in den ersten drei Lebensjahren aufbaut, proklamierten viele Fachexperten, dass die kognitive Entwicklung vollkommen von der elterlichen Stimulation in dieser Periode abhänge.Dahinter verbirgt sich die Philosophie, dass Kinder nahezu alles lernen können, wenn es nur gut arrangiert ist. Schon für die Allerkleinsten gibt es heute Lern-DVDs mit vielversprechenden Namen wie «Baby-Einstein» oder «Baby-Van Gogh».Die riesige Industrie an Frühförderprogrammen und -beratungen suggeriert Müttern, sie seien selber schuld, wenn sie solche Angebote nicht nutzen und ihr Kind schon beim Schuleintritt hinter die anderen Kinder zurückfalle. Zwar haben viele Neurologen versucht, solche falschen Schlüsse zur elterlichen Stimulation zu neutralisieren und zu betonen, dass kleine Kinder, die in «normalen» Familien aufwachsen, keine spezielle Förderung brauchen. Nur ganz besonders vernachlässigte Kinder profitieren explizit davon. Dieses an sich beruhigende Korrektiv ist jedoch von Medien und Erziehungsratgebern weit seltener aufgenommen worden. Viele Mütter verstehen sich deshalb nach wie vor als erste und unabdingbare Förderinstanzen.

    (3) Die Hypothese des perfekten Kindes

    Natürlich ist es nachvollziehbar, dass Mütter besorgt sind, etwas durch Unterlassung falsch machen und dem Kind dadurch schaden zu können. Denn es ist nicht nur die Hirnforschung, welche ihnen Angst einjagt, sondern es sind gleichzeitig auch Aussagen von Experten, dass Eltern ihren Sprössling zu einem perfekten Kind erziehen können. So steht in vielen Ratgebern, dass Mütter und Väter ihre Kinder gescheiter machen könnten als sie dies jetzt tun. Und vom Neurologen Gerald Hüther stammt der Satz: «Jedes Kind ist hochbegabt.»*** Logischerweise üben solche Statements einen grossen Druck gerade auf Mütter aus, weil sie die Kindererziehung als ihren Verantwortungsbereich erachten und nichts übersehen wollen. «Können» wird vor diesem Hintergrund für sie schnell zu einem «müssen».

    (4) Mütter im Wettbewerb mit anderen Müttern

    Mutterschaft ist zu einem Wettbewerb geworden. Von jeder Familie wird erwartet, dass sie eine «verantwortete Elternschaft» betreibt.Damit ist gemeint, dass man keine Kinder in die Welt setzen soll, wenn man nicht in der Lage ist, sie gut zu erziehen, zu fördern und zu bilden und dabei alle ihre Bedürfnisse und Interessen in den Mittelpunkt zu stellen.Für Mütter bedeutet dies, dass sie ihr Kind nicht nur lieben, es betreuen und fördern, sondern aus ihm auch einerfolgreiches Kind machen sollen. Denn erfolgreiche Kinder gelten als das Produkt der Mütter, welche ihren «Auftrag» ernst nehmen, auch dann, wenn sie berufstätig sind. Dieser Druck hat zur Folge, dass Frauen heute sehr genau hinschauen, was die Nachbarn für ihre Kinder tun, die Freunde oder die Kollegin am Arbeitsplatz. Der Soziologe Georg Simmel sagt, dass soziale Nachbarn als Vergleichsmassstab für die Art und Weise dienen, wie sich der Nachwuchs entwickelt, wie erfolgreich er ist und was er schon kann, aber auch, was aus ihm werden soll. Solche Vergleiche gründen in den Sorgen vieler Frauen vor dem Gedanken, ihr Kind könne etwas nicht, das von ihm erwartet wird und das es gegenüber anderen Kindern aus ähnlich situierten Familien auszeichnen würde.

    Fazit: Je mehr unsere Gesellschaft Erfolg und Versagen den Müttern zuschreibt und dabei mit Angstszenarien argumentiert, desto grösser werden ihre Verantwortungs- und Schuldgefühle. Eine solche Einschüchterungskultur setzt auch an sich normale Mütter unter Dauerdruck und Dauerstress, so dass auch sie nur ein Ziel haben: alles fürs Kind zu tun und dabei keine Fehler zu machen, also perfekt zu sein. Davon handelt mein Buch, das am Donnerstag, den 17. März 2016 bei Piper**** erscheint.

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    *margritstamm.ch -> Forschung -> Publikationen -> Dossiers

    **NICHD Early Child Care Research Network (2001). Nonmaternal care and family factors in early development: An overview of the NICHD Study of Early Child Care. Journal of Applied Developmental Psychology 22, 457-492.

    ***Hüther, G. & Hauser, U. (2013). Jedes Kind ist hochbegabt. Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen. München: Knaus.

    ****Stamm, M. (2016). Lasst die Kinder los! Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. München: Piper.

  • erschienen in: NZZ am Sonntag, 26.10.2014, S. 21


    Würden wir Frauen wie Männer funktionieren, ginge es der Wirtschaft besser. So zumindest kann man verschiedene Schlagzeilen interpretieren, welche in letzter Zeit Furore gemacht haben. Die neuste ist die von letzter Woche zum Einfrieren weiblicher Eizellen. Dieses «Social Freezing», auch als «Gefrierprämie» bezeichnet, bieten Facebook und Apple ihren Mitarbeiterinnen an, damit sie im besten Alter nicht Kinder bekommen und dadurch den Betrieb vor grosse Herausforderungen stellen. Einige Wochen zuvor hatten die 50‘000 studierten Hausfrauen Schlagzeile gemacht, die in der Schweiz am Herd stehen anstatt im Beruf. Und vor zwei Wochen hiess es sogar, dass diese Frauen dem Staat die Studienkosten zurückzahlen müssten, wenn sie nicht arbeiten gehen würden.

    Gemeinsam ist all diesen Schlagzeilen eine klare Botschaft: Frauen sollen Karriere machen – und wir wollen sie dabei unterstützen! In der Tat tönt dies gut, nach Verwirklichung von Chancengleichheit, nach Emanzipation und Gleichberechtigung. Ein differenzierterer Blick zeigt jedoch, dass Frauen so zur Manövriermasse werden, um den Fachkräftemangel zu lindern. Das Perfide daran ist jedoch, dass der nächste markante wirtschaftliche Abschwung dazu führen dürfte, die Frauen, und nicht die Männer, aufs Eis zu legen. Dies war schon mindestens zweimal der Fall: in den 1970er und den 1980er Jahren.

    Selbstverständlich kann man die drei Beispiele nicht über den gleichen Kamm scheren. Die Sache mit der Gefrierprämie etwa ist tricky. Auf den ersten Blick wirkt sie nämlich besonders frauen- und familienfreundlich. Denn wer möchte nicht für Firmen tätig sein, welche eine spätere Mutterschaft von Frauen unterstützen? Auch ich hätte mich vielleicht in meinen jungen Jahren für ein solches Angebot entschieden. Leider ist es ausgesprochen trügerisch, denn dahinter steckt ein Verständnis, dass Kind und Karriere nicht vereinbar sind. Frauen, die nicht schwanger werden, sind nach dieser Leseart eine Wohltat für den Betrieb. Denn er muss sich nicht um Mutterschaftsurlaub und um abstillende Frauen kümmern.

    Überhaupt nicht frauen- und familienfreundlich sind die beiden anderen Forderungen. Denn sie würdigen mit keinem Blick die aktuelle Situation der Mütter im Hinblick auf die Vereinbarung von Familie und Beruf. Frauen werden auf eine ausgesprochen subtile Art instrumentalisiert. Man tut so, als ob es etwas ganz Normales sei, Kinder und Karriere in einem 100%-Job unter einen Hut zu bringen – wenn nur genügend Krippenplätze zur Verfügung stünden. Als ob es nur daran liegen würde! Es geht vielmehr um unsere rückständige Arbeitskultur. Wir haben nicht nur zu wenig, sondern auch viel zu teure Kitas, kaum flexible Arbeitsstrukturen und für Männer viel zu wenig Teilzeitstellen. Vor allem jedoch sind wir nach wie vor eine Gesellschaft, in welcher der Haushalt noch weitgehend von den Müttern geschmissen und ihnen auch die Hauptverantwortung zugeschoben wird, wenn etwas in der Familie nicht klappt. Von den ca. 10% Teilzeitvätern abgesehen, die oft viel Verantwortung übernehmen, packen viele Männer zwar mit an, aber vor allem am Wochenende und so, dass ihre Karriere nicht beeinträchtigt wird. Vor diesem empirisch bestätigten Hintergrund erstaunt es kaum, dass viele Frauen diese Doppelbelastung enorm spüren und die Zahl der Burn-out-Fälle drastisch angestiegen ist.

    Diese Beispiele zeigen, wie kurzsichtig unsere Gesellschaft geworden ist, wenn sie ausschliesslich junge Frauen und Mütter in den Blick nimmt und sie im Hinblick auf Familienplanung sowie Vereinbarung von Familie und Beruf unter Druck setzt. Würden wir uns stärker auf das lange Leben und die Erkenntnisse der Lebensspannenpsychologie ausrichten, wonach Frauen und Männer heute in der zweiten Lebenshälfte viel veränderbarer und entwicklungswilliger sind, so würden wir mehr auf ihr wirtschaftliches Potenzial setzen. 

    Dies wiederum wäre für junge Frauen und ihre Partner eine befreiende Einsicht: in Betracht zu ziehen, dass man im Leben nicht alles früh schon erreicht haben muss. Deshalb ist es falsch, die Anforderungen an Mütter immer mehr zu erhöhen. Genauso falsch ist es, dass Frauen dank der Gefrierprämie Karriere machen können, dafür aber ihre Kinder erst spät bekommen sollen. Denn, wieso sollte es mit 40 oder 50 einfacher sein, Kind und Karriere vereinbaren zu können als in jungen Jahren? Was wir vielmehr brauchen ist die Chance, sich in der intensivsten Familienphase etwas zurücknehmen zu können, um sich später dann richtig reinzuhängen. Ein solches «Work Freezing» würde Frauen und Männern ohne schlechtes Gewissen erlauben, auch später Karriere machen zu können.

  • erschienen im Mama-Blog des Tagesanzeigers am Dienstag, 14.03.2017 http://blog.tagesanzeiger.ch/mamablog/index.php/71363/listen-fuer-papa/

     

    Wann gelten Frauen als gute Mütter? Nur dann, wenn sie diese Aufgabe intensiv ausüben. Ob berufstätig oder nicht – ihre Identität ist an das Tun als Mutter gebunden. Schickt der Vater die Tochter am Morgen ungekämmt zur Schule, dann gilt dies nicht als seine Unterlassung, sondern als die der Mutter. Frauen versuchen deshalb unentwegt, den gesellschaftlichen Ansprüchen zu genügen und übernehmen wie selbstverständlich die innerfamiliäre Hauptverantwortung. Hat der Partner Papa-Tag, hinterlassen sie ihm To-Do-Listen, was er wann und wie erledigen soll – als ob er Juniorpartner oder Babysitter wäre.

    Gatekeeper-Mütter bremsen den Partner

    Dieses Phänomen hat sich auch in unseren Studien gezeigt, in der Forschung «Maternal Gatekeeping» genannt. Etwa dreissig Prozent der Frauen praktizieren es regelmässig und etwa zwanzig Prozent zumindest ab und zu. Offenbar wünschen sich nicht alle Frauen den autonomen Einsatz des Partners. Zwar liegt ihnen viel an seiner Beteiligung, trotzdem nörgeln sie an ihm herum, wenn er sich nicht so mit dem Kind oder dem Haushalt beschäftigt, wie sie sich dies vorstellen. Wie kommt das?

    Mit der Geburt des ersten Kindes wird der Mann oft zum Haupternährer, während die Frau die Berufsarbeit aufgibt oder zurückschraubt. Dadurch unterliegt das Familiensystem einer vorher nicht da gewesenen Asymmetrie. Frauen verstärken die mütterlichen Aufgaben, werden zu Einzelkämpferinnen und brauchendas Kind zur eigenen Stabilisierung. Fünfzig Prozent sind überzeugt, dass die enge Bindung zwischen ihnen und dem Kind naturgegeben und stärker als die Vater-Kind-Bindung ist. Deshalb verstehen sie sich in Fragen zu Kindererziehung, Betreuung und Haushalt als alleinige Sachverständige. Doch dieses mütterliche Gatekeeping kann zur Folge haben, dass Männer die Motivation verlieren, sich immer mehr zurückziehen oder eine angelernte Hilflosigkeit entwickeln.

    Gluckenmütter sind keine Türsteher-Mütter

    Türsteher-Mütter sind nicht einfach übermässige Glucken, die sich besonders fürsorglich um die Kinder kümmern. Zwar behütet eine Glucke die Kinder im Übermass, lässt aber den Mann als ebenbürtigen Partner zu. Eine Türsteher-Mutter definiert sich jedoch vor allem in der Abgrenzung zu ihm. Sie bindet das Kind stark an sich und gibt dem Partner dadurch zu verstehen, dass er in Betreuung und Haushalt Vieles falsch macht. Er ist keine gleichberechtigte väterliche Figur, die eigene Standards oder Regeln aufstellen darf und die sie dann auch gewillt ist zu übernehmen.

    Doch auch Männer können zum Revierverhalten der Partnerin beitragen. Dies ist dann der Fall, wenn sie davon überzeugt sind, dass Frauen zwar die besten Erzieherinnen sind, ihre Berufstätigkeit aber nur vordergründig unterstützen und als selbstverständlich voraussetzen, dass sie die Hauptverantwortung für den familiären Part weiterhin übernimmt.

    Den Blick auf das Wir legen

    Wie kommt man aus einer solchen Teufelsspirale heraus? Die wichtigste Voraussetzung ist die Bereitschaft beider Partner, sich selbst in Frage zu stellen. Man kann in einer Partnerschaft nichts ändern, wenn man nur den anderen ändern will. Männer müssen für ihr Engagement einstehen wollen, ohne die Partnerin lediglich als naturgegeben gute Mutter zu sehen und sich dahinter zu verstecken. Frauen müssen lernen abzugeben und ihre Einflusszonen herunterzufahren. Wenn beide den Blick nicht nur auf das Ich, sondern auch auf das Wir legen, erfahren sie Entwicklung nicht mehr nur isoliert bei sich selbst. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass dies eine grosse, aber lösbare Aufgabe ist.

     

    Literaturhinweise

    Stamm, M. (2013). Bildungsort Familie. Die FRANZ-Studie. Dossier 13/1. Bern: Forschungsinstitut Swiss Education. www.margritstamm.ch

    Stamm, M. (2016). Väter: Wer sie sind, was sie tun, wie sie wirken. Die TARZAN-Studie. Dossier 16/1. Bern: Forschungsinstitut Swiss Education. www.margritstamm.ch

    Stamm, M. (2016). Lasst die Kinder los. Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. München: Piper.

  • erschienen im Nebelspalter, 17.03.2022


    Wann gelten Frauen als gute Mütter? Nur dann, wenn sie diese Aufgabe intensiv ausüben. Ob berufstätig oder nicht – ihre Identität ist an das Tun als Mutter gebunden. Schickt der Vater die Tochter am Morgen ungekämmt zur Schule, gilt dies nicht als seine Unterlassung, sondern als die der Mutter. Frauen versuchen deshalb unentwegt, den gesellschaftlichen Ansprüchen zu genügen und viele übernehmen wie selbstverständlich die innerfamiliäre Hauptverantwortung. Hat der Partner Papa-Tag, hinterlassen sie ihm To-Do-Listen, was er wann und wie erledigen soll – als ob er der Juniorpartner wäre.

    Frauen, die an Männern herumnörgeln

    Dieses Phänomen, in der Forschung «Maternal Gatekeeping» genannt, hat sich auch in unseren Studien gezeigt. Gemeint sind damit Frauen in der Rolle als Türsteherinnen. Entweder öffnen sie dem Partner die Türen, blockieren oder verschliessen sie. Etwa dreissig Prozent der Frauen praktizieren Gatekeeping regelmässig und etwa zwanzig Prozent zumindest ab und zu. Offenbar wünschen sich nicht alle Frauen den autonomen Einsatz des Partners. Zwar liegt ihnen viel an seiner Beteiligung, trotzdem nörgeln sie an ihm herum, wenn er sich nicht so mit dem Kind oder dem Haushalt beschäftigt, wie sie sich dies vorstellen. Wie kommt das?

    Mit der Geburt des ersten Kindes wird der Mann oft zum Haupternährer, während die Frau die Berufsarbeit aufgibt oder zurückschraubt. Dadurch unterliegt das Familiensystem einer vorher nicht dagewesenen Asymmetrie. Manche Frauen verstärken die mütterlichen Aufgaben, werden zu Einzelkämpferinnen und brauchen das Kind zur Stabilisierung. Fünfzig Prozent sind überzeugt, dass die enge Bindung zwischen ihnen und dem Kind naturgegeben und stärker als die Vater-Kind-Bindung ist. Deshalb verstehen sie sich in Fragen zu Kindererziehung, Betreuung und Haushalt als alleinige Sachverständige. Doch dieses mütterliche Verhalten kann zur Folge haben, dass Männer die Motivation verlieren, sich immer mehr zurückziehen oder eine angelernte Hilflosigkeit entwickeln.

    Glucken-Mütter und Türsteherinnen

    Türsteher-Mütter sind nicht einfach übermässige Glucken, die sich besonders fürsorglich um die Kinder kümmern. Zwar behütet eine Glucke die Kinder im Übermass, lässt aber den Mann als ebenbürtigen Partner zu. Eine Türsteher-Mutter definiert sich vor allem in der Abgrenzung zu ihm. Sie bindet das Kind stark an sich und gibt dem Partner zu verstehen, dass er in Betreuung und Haushalt Einiges falsch macht. Er ist keine gleichberechtigte väterliche Figur, die eigene Standards aufstellen darf und die sie akzeptiert.

    Doch auch Männer können zum Revierverhalten der Partnerin beitragen. Dies ist dann der Fall, wenn sie davon überzeugt sind, dass Frauen zwar die besten Erzieherinnen sind, ihre Berufstätigkeit aber nur vordergründig unterstützen und als selbstverständlich voraussetzen, dass sie die Hauptverantwortung für den familiären Part weiterhin übernimmt.

    Den Blick auch auf das Wir lenken

    Wie kommt man aus einer solchen Teufelsspirale heraus? Die wichtigste Voraussetzung ist die Bereitschaft beider Partner, sich selbst in Frage zu stellen. Man kann in einer Partnerschaft nichts ändern, wenn man nur den anderen ändern will. Männer müssen für ihr Engagement einstehen wollen, ohne die Partnerin lediglich als naturgegeben gute Mutter zu sehen und sich dahinter zu verstecken. Frauen müssen lernen abzugeben und ihre Einflusszonen herunterzufahren. Wenn beide den Blick nicht nur auf das Ich, sondern auch auf das Wir lenken, erfahren sie Entwicklung nicht mehr nur isoliert bei sich selbst. Das ist eine herausfordernde Aufgabe. 

  • erschienen in: NZZ, 20.07., 2020, 8.


    Mutter sein und Kinder haben ist das grösste Glück, so will es die Gesellschaft. Doch eine Zukunft als Mutter macht manchen Frauen Angst. Und diejenigen, die sich dafür entscheiden, erfahren bald, dass die Erziehung von Kindern eine manchmal verschleissende 24/7-Aufgabe ist. Doch wer etwas Negatives über die eigene Mutterrolle oder die Kinder äussert, wird immer noch als Rabenmutter abgestempelt, weshalb die meisten Frauen ihre Sorgen oder Frustrationen lieber für sich behalten.

    Unsere Gesellschaft ist einem Mutterideal verpflichtet, dem keine Frau genügen kann, auch wenn sie Vollzeit-Mutter wird. Doch wohin wir auch blicken, auf Glanz und Gloria, Social Media oder auf Influencerinnen, überall werden unsendlose Paraden perfekter Supermütter präsentiert. Sie machen uns glauben, dass sie ihre Kinder immer in den Mittelpunkt stellen, sie viel mehr als die Berufstätigkeit lieben und dass das Geld keine Rolle spielt, weil man es einfach hat.

    Überbeanspruchung

    Im Alltag der meisten Frauen sieht es anders aus. Zwar können Mütter ihre persönlichen Ambitionen haben und eigenes Geld verdienen, Kinder ohne Partner aufziehen, sich für eine Vollzeit-Mutterschaft oder eine Vollzeit-Berufstätigkeit entscheiden. Doch welches Modell sie auch wählen, sie sollten die Kinder immer priorisieren, auch wenn dies zur Überbeanspruchung führt.

    Das Ideal der guten Mutter setzt auf eine noch nie in diesem Ausmass dagewesene Glorifizierung des Mütterlichen. Dieser «Mama-Mythos» ist mit normativen Vorgaben an ein perfektionistisches Mutterbild belegt, das die Frauen zugleich entzweit. In den letzten Jahren ist eine teilweise unheilvolle Konkurrenz zwischen Müttern entstanden. Viele Frauen wetteifern miteinander, wer die beste Mutter ist und die tollsten Kindergeburtstage schmeisst, die gesündesten Znünis einpackt, gleichzeitig auch noch toll aussieht und eine gute Figur hat. Und vor allem reagieren viele Mütter besonders sensibel auf Familienmodelle anderer Frauen, weshalb die oft zitierte weibliche Solidargemeinschaft in dieser Hinsicht nicht besonders stabil ist. 

    Es wäre aber falsch, die Auswirkungen des Mama-Mythos ausschliesslich negativ zu diskutieren. Denn es ist nicht in erster Linie die Mütter-Konkurrenz der Frauen an sich, die zu negativen Begleiterscheinungen führen kann, sondern wie intensiv Mutterschaft praktiziert wird und ob der Vater als autonomer gleichberechtigter Partner akzeptiert wird.  Manchen Frauen, welche ein realistisches und nicht von Selbstaufgabe geprägtes Verständnis von Muttersein in einer egalitären Partnerschaft entwickeln, gelingt dieser Spagat. Doch in unserer Studie wehrt sich fast jede dritte Mutter offen oder verdeckt gegen zu viel Engagement des Partners. Sie nörgelt, wie er sich mit dem Kind beschäftigt oder gibt ihm wie einem Juniorpartner vor, was er im Haushalt wie zu erledigen hat – beklagt sich aber trotzdem über die Bürde ihres Mutterseins. «Maternal Gatekeeping» heisst dieses Phänomen in der Wissenschaft.

    Reale und gefühlte Last

    Problematisch ist das Ideal der intensiven, ausschliesslich am Kind orientierten Mama aus verschiedenen Gründen. Erstens weil in unserer Studie siebzig Prozent der berufstätigen Frauen angeben, die familiäre Hauptverantwortung zu tragen und sich deshalb nicht zurücklehnen oder das Engagement senken zu können. Sonst würde ihnen vorgeworfen, manchmal sogar von den eigenen Müttern oder Schwiegermüttern, die Kinder bekämen zu wenig Fürsorge und würden nicht gut erzogen. Fünfzig Prozent der Befragten haben ein wiederkehrend schlechtes Gewissen oder Gefühle des permanenten unter Druckseins, und viele lässt die gefühlte Last fast zusammenbrechen. Folgt man den zur Verfügung stehenden Daten, dann ist die Zahl der Mütter mit Erschöpfungssyndromen bis hin zum Burnout mit Schlafstörungen, Angstzuständen, Kopfschmerzen oder ähnlichen Symptomen in den letzten Jahren bis zu dreissig Prozent gestiegen.

    Zweitens tut das Dogma der intensiven Mama den Kindern nicht gut, weil es oft in eine ungesunde Form von Überbehütung, Verwöhnung und dauernder Kontrolle umschlagen kann. Doch manche Frauen reagieren auf solche Warnungen völlig sprachlos. Ihr Kind sei überbehütet? Aber ist es nicht gut, wenn man besonders genau auf seine Sprösslinge achtet, sie behütet und kontrolliert? Nein, lautet die klare Antwort von Psychologie und Erziehungswissenschaft. Wer nur im Mama-Selbst lebt, für das Kind alles tut, noch bevor es einen Wunsch äussern kann und die Grenzen zu ihm verwischt, vermittelt ihm, dass die Mama die einzig wichtige Person in der Welt ist. Und sie macht es ihm auch unmöglich, sich aus einer solchen Überbindung im Laufe der Kindheit zu lösen und sich als eigenständiges und von der Mutter getrenntes Individuum entwickeln zu können. Kinder brauchen keine Übersättigung mit Zuwendung und auch keine symbiotische Beziehung zur Mutter.

    Schliesslich ist der Mama-Mythos ein Produkt unserer kontroll- und überwachungsfreudigen Gesellschaft. Oft scheint es, als ob Mütter dem ganzen Land gehören, weil sie seine Kinder grossziehen und deren Zukunft bestimmen. Mehr denn je werden Frauen im Alltag beobachtet, mit ungefragten Ratschlägen und Kritik eingedeckt – in Bus und Tram, beim Einkaufen, im Restaurant oder beim Spazieren. Mütter gelten als öffentliche Personen und ihre Kinder als Besitz der Allgemeinheit. Teilweise mag dies ebenso für engagierte Väter zutreffen, doch Mütter sind wahrscheinlich die am stärksten beobachtete und kritisierte Gruppe unserer Gesellschaft. Die Rückmeldungen von Unbekannten orientieren sich meist an den Standards der perfekten Mutter, also ob das Kind brav, nicht zu laut und nicht zu still ist, aber auch nicht verwöhnt oder vernachlässigt wirkt. Dies bleibt für Frauen nicht ohne Wirkung. Manche Mütter können eine Kritik gut kontern, andere empfinden sie wie einen Schlag ins Gesicht, fühlen sich dadurch verunsichert und bekommen vermehrt Schuldgefühle.

    Der Mama-Mythos und ungelöste Machtfragen

    Dass sich der Mama-Mythos angesichts der massiven Gleichstellungsbemühungen in den letzten Jahren nicht verflüchtigt hat, ist sehr erstaunlich. Weshalb investieren Frauen so viel Zeit ins Muttersein?  Und warum erschwert manche Mama durch ihr Verhalten den väterlichen Einsatz in Kinderpflege und Erziehung? Weil der Mama-Mythos keine individuelle Angelegenheit ist, sondern ein kulturelles Mandat und als solches eine wesentliche Ursache dafür, dass so viele Frauen den Normen des überdimensionierten Mama-Ideals folgen. Deshalb ist es unfair, dieses Phänomen lediglich als etwas Privates abzutun. Es ist ein Konstrukt, das von Gesellschaft, Familienpolitik und Medien auf Frauen übertragen worden ist und in Erziehung und Sozialisation der heranwachsenden Generation seinen Ausdruck findet.

    Der Mama-Mythos ist ein wichtiger Grund, weshalb Machtfragen zwischen den Geschlechtern nicht gelöst und Frauen gegenüber Männern sozial, politisch und ökonomisch benachteiligt sind. Wenn von Wirtschaft und Politik beklagt wird, Frauen würden ihr Berufspotenzial nicht ausschöpfen und Männer trotz viel Gleichstellungsarbeit die Nase weiterhin vorne haben, liegt dies nicht lediglich daran, dass Frauen zu zurückhaltend sind, sondern genauso an der Achillesferse des Mama-Ideals und dem oft damit verbundenen urmütterlichen Gefühl, alles Erdenkliche für Familie und Kinder tun zu müssen. Diesem Ideal zu widerstehen braucht viel Selbstbewusstsein.

    Weil der Mama-Mythos für eine Rückkehr in vergangene Zeiten steht, muss er zur Debatte gestellt werden. Allerdings wäre es falsch, Frauen einfach zur Selbsttherapie aufzurufen und ihnen ans Herz zu legen, die Mutterschaft doch etwas gelassener zu nehmen. Angesprochen sind eher Familienpolitik, Ärztinnen und Ärzte, Expertinnen und -experten der Beratung und der Eltern- und Familienarbeit, welche die Entwicklung eines realistischeren Mutterbildes mit ihrer Fachexpertise unterstützen können. Weil sie Mütter begleiten, ihnen die physischen und entwicklungspsychologischen Meilensteine sowie die Möglichkeiten zur Gesundheitsprävention und Förderung der Kinder näherbringen, sind sie wichtige Instanzen – gerade auch für Frauen, die besonders gute Mütter sein wollen. Deshalb können sie diese Frauen so unterstützen, damit sie dem Kind gegenüber unbeschwerter werden, sich nicht für sein Aufwachsen allein verantwortlich fühlen und auch bereit werden, Einiges aus der Hand zu geben, was sie als ihre urmütterliche Pflicht verstehen. Bemerkungen wie «Sie sollten sich mehr Zeit nehmen und weniger gestresst sein» sind kontraproduktiv, weil sie die Orientierung am Mama-Ideal weiter anheizen.

    Die Krise als Weckruf

    Genauso sollten sich Frauen hinterfragen, inwiefern sie mit ihrem Verhalten dazu beitragen. Auch diese selbstkritische Perspektive braucht es, damit der Mama-Mythos mit seinen überdimensionierten Anforderungen öffentlich und gesellschaftspolitisch wahrgenommen wird und die «gute Mutter» neu konstruiert werden kann. Die neueste Legitimation für diese Forderung ist die Verstärkung des Mama-Mythos in der Corona-Krise. Während des durch den Lockdown bedingten Home-Office haben viele Mütter noch häufiger als vorher die Verantwortung für den Home-Bereich übernommen und im Office-Bereich zurückgesteckt. Dass sich so viele Frauen in die Pflicht haben nehmen lassen ist ein Zeichen dafür, dass sogar in der Corona-Krise der Ruf nach einem Aufbruch steckt. Wenn Frauen sich von der Vorstellung befreien könnten, nicht mehr immer und überall die Hauptverantwortung übernehmen zu müssen, wäre dies ein wichtiger Schritt in Richtung Geschlechtergerechtigkeit – sowohl für Mütter als auch Väter.

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 05.03.2019, 20.

    Ein fürsorglicher Vater, der nicht nur den Abfallsack vor die Türe stellt, sondern auch das Kind ins Bett bringt, regelmässig die Windeln wechselt, die Wäsche machen kann und sogar den Kinderarzt kennt – das dürfte der Traum vieler Frauen sein. Doch in einer unserer Studien wünscht sich fast jede dritte Frau keinen solchen unermüdlichen Einsatz. In der Forschung heisst dieses Phänomen «Maternal Gatekeeping»: Gemeint sind damit Frauen in der Rolle als Türsteherin, die ihren Partnern die Türen öffnen, blockieren oder gar verschliessen können.

  • Alle Welt spricht heute von den Eltern, die ihre Kinder zu sehr in den Mittelpunkt stellen, und sie wie kleine Könige behandeln. Kaum jemand hat bisher jedoch gefragt, woher dieser Trend eigentlich kommt. Meine Vermutung ist, dass es vor allem der Wettbewerbs- und Leistungsgedanke ist, der in den letzten Jahren zunehmend um sich greift und (werdende) Eltern auf diese Weise sozialisiert. Ich möchte dies an drei Beispielen diskutieren: anhand der Untersuchungen in der Schwangerschaft, der Stillpropaganda nach der Geburt und der frühen Förderung in den ersten Lebensjahren. Dabei konzentriere ich mich auf die Mütter, weil zu ihnen am meisten Untersuchungen vorliegen.

    Ist eine Schwangerschaft festgestellt, dann geht es los. Werdende Mütter bekommen das Aufgebot zum Ultraschall, zu Glukosetoleranz- und Nackentransparenztests und so weiter. Im Durchschnitt werden heute 14 Kontrolluntersuchungen empfohlen. In der Schweiz findet sich eines der weltweit dichtesten Netze solcher Vorsorgemassnahmen für Schwangere. Sie dienen der Dokumentation des Schwangerschaftsverlaufs zur Überwachung der Entwicklung des Fötus bzw. Kindes und der Abschätzung möglicher Risiken. Selbstverständlich hat die Vorsorge ihre Berechtigung. Doch geht es immer auch explizit darum, die Abweichung vom Normalen zu finden. Diese Situation führt dazu, dass Frauen kaum mehr getrauen, sich unbelastet über ihre Schwangerschaft zu freuen. Sie sind verunsichert und voller Misstrauen gegenüber dem eigenen Körper, aber voller Vertrauen in Technik, Medizin und Tests. Und nicht nur das. In der Schwangerschaft werden vor allem auch grundlegende Mechanismen des Wettbewerbs gelegt und eingeübt, die für Mütter später selbstverständlich werden. Es geht um Messen, Quantifizieren und Vergleichen – immer in Bezug auf die gesamte pränatale Welt. Der eigene Fötus resp. das eigene Kind ist nur in Ordnung, wenn es nicht von der Norm abweicht.

    Ist das Kind dann einmal geboren, dann kommt der nächste kompetitive Schritt, nämlich die optimale Förderung. Tino Heimerdinger* zeigt dies anhand der Ernährung auf, respektive der Frage: Brust oder Flasche? Es gibt heute eine enorme Stillpropaganda, welche zwar meist lediglich «Stillförderung» genannt wird, jedoch einen eindeutigen moralisierenden und normativen Aufforderungscharakter hat. Dabei spielen Ratgeber und Medien eine ganz wichtige Rolle. Zu lesen ist von «Mamas Wundercocktail**», der «mehr als Nahrung» sei. Zudem seien «gestillte Kinder im Durchschnitt intelligenter, gehen länger zur Schule und verdienen mehr.»*** Müttern wird damit nicht nur eingehämmert, dass sie unbedingt stillen sollen, sondern ebenso, dass sie das Maximale für ihr Kind tun müssen und sie alles andere zur Versagerin macht. Auch das Stillen wird somit zum Ausdruck des Wettbewerbs, zum Sieg oder zur Niederlage.

    Ganz besonders deutlich findet sich der Wettbewerb in der frühen Förderung. Dabei geht es immer um das Vergleichen des eigenen Kindes mit den anderen im Hinblick auf Überdurchschnittlichkeit. «Meines kann das schon» ist eine Aussage, die man in den Gesprächen zwischen Müttern immer wieder hören kann. Zuerst geht es vielleicht um die ersten Schritte oder die ersten Sätze, dann bald schon um den Erfolg im Frühenglischkurs. Wenn der Kleine bereits nach drei Wochen «train» ruft anstatt Zug oder «bird» anstatt Vogel, dann sind Mütter nicht nur entzückt, sondern vor allem überzeugt, dass sie auf dem richtigen Weg sind – denn sie haben gegenüber anderen Müttern die Nase vorn. Besonders gross ist der Stolz, aber auch der Neid anderer Mütter, wenn das Kind etwas schon ungewöhnlich früh kann.

    Die gesellschaftlichen Entwicklungen, von der Medizin über die Ratgeber bis zu den Medien und den Eltern selbst, haben dazu geführt, dass Eltern, vor allem die Mütter, heute für alles und jedes verantwortlich gemacht werden, sowohl in negativer als auch in positiver Hinsicht. Negativ besehen entwickeln Mütter Schuldgefühle und Ängste, wenn sich ihr Kind trotz allen erdenklichen Anstrengungen nicht der Norm entsprechend entwickelt oder keine überdurchschnittlichen Fähigkeiten zeigt. Glücklich können sich hingegen die Eltern schätzen, welche ein leistungsfähiges und frühreifes Kind haben, das alles besser und schneller als die andern kann. Denn dies gilt als ihr Verdienst und als Ausdruck ihrer Kompetenz.

    Dass Eltern ihren Nachwuchs derart ausgeprägt fördern, umsorgen und kontrollieren, ist somit zwar eine Tatsache, oft aber eine falsch interpretierte. Ihre Anstrengungen sind nicht das Ergebnis ihrer Unfähigkeit, Kinder «richtig» zu erziehen. Vielmehr ist es unsere wettbewerbsorientierte Kultur, welche Eltern – und vor allem die Mütter – dazu drängt, perfekt zu sein und perfekte Kinder haben zu wollen.

    *Heimerdinger, Timo: Brust oder Flasche? - Säuglingsernährung und die Rolle von Beratungsmedien. In: Simon; Hengartner; Heimerdinger; Lux (Hg.): Bilder. Bücher. Bytes. Zur Medialität des Alltags. Münster , S. 100-110.

    **http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/vorzuege-der-muttermilch-mamas-wundercocktail-1.1042732 (17.06.2012)

    ***http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/stillen-und-intelligenz-muttermilch-macht-besserverdiener-1.2398877 (15. März 2015)

  • erschienen in Aaraguer Zeitung  / Die Nordwestschweiz, 21.05.2018

    Mutterschaft wird verklärt. Tritt der Traum vom eigenen Kind ins Leben, schwelgen Frauen nicht nur im Glück, sondern auch in Zukunftsplänen. Mit oder ohne Partner können sie neuerdings frei entscheiden, ob sie lieber einen Benjamin oder eine Anna hätten und wie, wo und wann das Kind zur Welt kommen soll. Solche Wahlfreiheiten passen zwar gut zu unserer individualisierten Gesellschaft, doch sobald Frauen Mütter werden, ändert dies grundlegend. Das Kind ist nicht mehr ein Geschenk, sondern eine Verpflichtung.

    Der Druck auf Mütter und die ungefragten Ratschläge

    Der Druck auf Mütter ist nie grösser gewesen als heute, und das beginnt schon nach der Zeugung. Was liest man nicht alles darüber, was werdende Mütter in der Schwangerschaft falsch machen und weshalb sie dem ungeborenen Kind schaden. Und wenn das Kind geboren ist, sollen sie es mindestens ein Jahr stillen sowie Attachment Parenting (stete körperliche Nähe sowie umgehende Befriedigung der kindlichen Bedürfnisse) und Co-Sleeping (Kind schläft im Elternbett) praktizieren. Selbstverständlich kann man dafür oder dagegen sein, es gibt für jede Position genug pro- und kontra-Begründungen! Doch verblüffend ist, dass Frauen all die neuen Forderungen einfach so anwenden. Offenbar gibt es für sie keinen anderen Weg als diesen propagierten, der ihnen alles abverlangt.

    Bildungspolitiker, Werbemacher, Ärzte, die eigenen Eltern oder die Schwiegereltern: Alle geben den Frauen ungefragt Ratschläge und nörgeln an ihrem Erziehungsverhalten herum. Auch in Fachbeiträgen werden Mütter kaum mehr in positiven Begriffen diskutiert. Man schiebt ihnen (und nicht den Vätern!) kurzsichtig und monokausal die Schuld in die Schuhe, wenn das Kind nicht so funktioniert, wie man es gerne hätte. Eine solche Einschüchterungskultur – in den USA motherblaming genannt – setzt auch viele selbstbewusste Mütter unter Druck. So antworteten in unserer neuesten Studie zwei von drei Frauen auf die Frage, was das Härteste am Muttersein sei: Druck, Stress, Schuldgefühle.

    Auch selbstbewusste Mütter plagt das schlechte Gewissen

    Woher kommt es, dass Mütterso oft Beschuldigungsvorwürfen ausgesetzt werden und sich das schlechte Gewissen seinen Weg in ihre Köpfe bahnt? Teilweise wahrscheinlich von der nach wie vor prominenten Freudschen Theorie, welche Mütter für Vieles schuldig spricht: für Ängste, Schwächen, ja für die ganze Lebensbewältigung des Kindes – auch wenn es schon längst erwachsen ist.  Noch wirkmächtiger ist die Hinterlassenschaft von John Bowlby, der die Mutter als die zentrale Person für die Bindungsfähigkeit des Kindes bezeichnete. Seine Theorie hat unser Denken so grundlegend verändert, dass heute das mütterliche Bindungsverhalten als wichtigster Teil einer verantworteten Mutterschaft gilt, obwohl mehr als siebzig Prozent der Kinder auch frembetreut werden.

    Es ist wenig erstaunlich, dass das schlechte Gewissen immer wieder lautstark bei den Müttern anklopft: Schon wieder im alltäglichen Erziehungschaos so lautstark mit der Tochter geschimpft, dass am Schluss beide in Tränen ausgebrochen sind – obwohl man doch geduldiger werden wollte. Ganz zu schweigen von den schlaflosen Nächten und der Angst, man sei eine schlechte Mutter, weil die Lehrerin gesagt hat, der Sohn sei etwas aggressiv.

    Nicht nur Selbsttherapie, sondern eine neue Familienpolitik!

    Was tun? Aus der Forschung wissen wir, dass Mütter, die immer mit schlechtem Gewissen reagieren, ihre psychische Gesundheit und ihr Selbstwertgefühl untergraben. Solche Gefühle machen überverantwortlich (aus schlechtem Gewissen lässt man den Kindern mehr durchgehen als gut wäre) und führen zur Überkompensation (man macht dem Geschenke, um es für das eigene, vermeintliche Fehlverhalten zu entschädigen). Zwar ist es positiv, dass viele Magazine den Frauen Ratschläge geben, wie sie sich weniger schuldig fühlen könnten. Sie reichen von der Entwicklung von Widerstandsfähigkeit über die Akzeptanz der Situation bis zur Relativierung des Umfeldes, das einem immer ein schlechtes Gewissen einreden will.

    Doch solche Tipps setzen allein bei den Frauen und ihrer Selbsttherapie an. Was wir dringender brauchen, ist eine neue Familienpolitik, verbunden mit der Redimensionierung gesellschaftlicher Erwartungen an Mütter. Und mehr Frauen, die sich von solchen Erwartungen bewusst emanzipieren. Dies würde der weiblichen Gesundheit viel bringen.

  • ​Wer von Mutterschaft spricht, tut es auch aufgrund der Tatsache, dass wir alle von einer Frau geboren worden sind. Weil der Körper der Frau fruchtbar ist, werden weibliche Wesen mit der Natur identifiziert. Ein Kind zu empfangen, auszutragen und es zu erziehen gelten als genuin weibliche Fähigkeiten. Dies bedeutet für viele, dass hier auch der Platz ist, an dem eine Mutter wirklich glänzen kann – und glänzen muss, weshalb sie als geeignetste und fähigste Fürsorgeperson in den ersten Lebensjahren die Kinder selbst betreuen soll.

    Mutterliebe ist kein automatischer Bestandteil der weiblichen Natur

    Heute wissen wir, dass Mutterliebe kein natürlicher, unabänderlicher Instinkt ist, kein automatischer Bestandteil der weiblichen Natur, sondern ein menschliches Gefühl, das in höchst unterschiedlichen Ausprägungen vorhanden sein kann. Mutterschaft hat sehr viele Gestaltungsmöglichkeiten, und der unterschiedliche Umgang der Menschen mit ihren Kindern in verschiedenen Epochen und Gesellschaften belegt die vielfältigen Lösungsmöglichkeiten für das Grossziehen von Kindern.

    In der Wissenschaft nennt man die Annahme der naturgegebenen Mutterschaft biologischen Determinismus. Der Mutterinstinkt ist eine logische Folge einer solchen naturalistisch orientierten Ideologie*. Es gibt eine ganze Menge an Büchern, die nachweisen, dass es diesen Mutterinstinkt gibt**. Oft heisst es: Jede Frau weiss instinktiv, wie man sich um Babys kümmert. Belegt wird dies dann mit den Hormonen Prolactin und Oxytocin, welche die Milchproduktion steuern und angeblich einen Euphorisierungszustand auslösen. Doch die Mutter gibt es nicht, genauso wenig wie das Kind. Deshalb kann es auch nicht die Mutterliebe geben oder den Mutterinstinkt. Es gibt Mütter, die verschmelzen mit ihrem Kind, andere aber nicht. Deswegen ist die eine keine schlechtere Mutter als die andere. Auch die amerikanische Soziobiologin und Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy*** sagt, der Mutterinstinkt sei weder instinktiv, noch sei er allen Müttern eigen, und es gäbe kein Rezept für alle.

    Auch Väter sind zu intensiven Gefühlen fähig

    Was bedeutet dies für die Vorbereitung auf die Mutterschaft? Dass sich schwangere Frauen damit auseinandersetzen sollten, möglicherweise nicht die riesigen und überwältigenden Gefühle bei und nach der Geburt zu haben, die von den Mutterinstinkt-Gläubigen immer und immer wieder als Messlatte einer guten Mama vorgegeben werden. Und werdende Mütter können sich auch vor Augen führen, dass Forschung und Praxis nur wenige Nachweise für den biologischen weiblichen Determinismus liefern. Selten liest man beispielsweise davon, dass auch andere Personen (beispielsweise Adoptiveltern) ohne Mutterschaftshormone zu intensiven Gefühlen fähig sind. Und nur zögerlich wird die gesicherte Erkenntnis aufgenommen, dass Väter genauso feinfühlig die Kinder betreuen können, sich aber in der Art und Weise, wie sie dies tun, von den Müttern unterscheiden****. Obwohl die Mutter aufgrund von Schwangerschaft und Stillfähigkeit eine grössere biologische Nähe zum Kind hat, führt dies nicht automatisch zu einer besseren Fürsorgefähigkeit. Vielmehr müssen Fürsorge, Betreuung und Erziehung von beiden Partnern im Alltag erst einmal on the job gelernt werden.

    Eine Standfestigkeit gegenüber der Mutterinstinkt-Ideologie entwickeln

    Erstaunlicherweise haben solche Erkenntnisse die öffentliche Meinung bisher wenig beeinflusst. Dies hat massgeblich mit dem Dogma der intensiven Mutterschaft zu tun*****. Werdende Mütter tun deshalb gut daran, sich einerseits von Ärztinnen und Ärzten und anderen Fachpersonen betreuen zu lassen, die eine realistischere Haltung gegenüber dem Mutterinstinkt vertreten, sich aber andererseits ebenso mit gleichgesinnten Müttern, Freundinnen und Freunden zusammenzutun, um eine gewisse Standhaftigkeit gegenüber der Mutterinstinkt-Ideologie entwickeln zu können.

    Weiterführende Literatur

    * Kleikamp, T. (2018). Mutterschaftskonzepte von Akademikerinnen. Zwischen Gleichberechtigungsanspruch und Naturalismusdebatte. In: H. Krüger-Kirn & Wolf (Hrsg.), Mutterschaft zwischen Konstruktion und Erfahrung (S. 91-102). Leverkusen: Budrich.

    ** Badinter, É. (2010). Der Konflikt: Die Frau und die Mutter. München: Beck.

    *** Blaffer Hrdy, S. (2010). Mutter Natur. Die weibliche Seite der Evolution. Berlin: Berlin Verlag.

    **** Stamm, M.(2018). Neue Väter brauchen neue Mütter. Weshalb Familie nur gemeinsam gelingt. München: Piper, S. 165ff.

    ***** Stamm, M. (2020). Du musst nicht perfekt sein Mama. Schluss mit dem Mamamythos. München: Piper.

  • Zu meinem neuen Buch, das am 1. August 2018 unter dem gleichnamigen Titel erschienen ist

     

    Das seit Jahren kaum mehr Geglaubte ist eingetreten: In allen deutschsprachigen Staaten werden wieder mehr Kinder geboren. In der Schweiz waren es im Jahr 2011 gut 80‘000 Geburten, in Deutschland 678‘000 und in Österreich 78‘000. 2016 waren es in der Schweiz fast 87‘000 Geburten, in Deutschland 738‘000 und in Österreich 84‘000. Welches Geheimnis steckt hinter diesem Kindersegen? Ist es ein Verdienst der Familienpolitik, weil heute aufgrund des Elterngeldes (in Deutschland und Österreich) und des ausgebauten familienergänzenden Betreuungssystems nahezu 80 Prozent der Frauen, die ihr erstes Kind bekommen, weiterhin berufstätig bleiben und genauso wie Männer Karriere machen können? Oder ist es vielleicht das neue Ideal der intensiven Mutter- und Vaterschaft, welches uns Promi-Paare scheinbar modellhaft vorleben und auch eine Schwangerschaft attraktiv erscheinen lässt?

    Mit Sicherheit sind es nicht lediglich familienpolitische Ziele, die für den Babyboom sorgen. Der wichtigste Faktor für die steigende Geburtenrate dürfte das neue Mutterideal sein, in den USA »the new momism« genannt. Es besagt, dass sich eine Frau nur dann als ganz fühlen kann, wenn sie Mutter wird. Diesem Ideal streben fast 85 Prozent der jungen Frauen nach, und auch immer mehr Männer lassen sich davon begeistern. Familie liegt bei 77 Prozent im Trend, und 47 Prozent finden sie sogar wichtiger als die Karriere.

    Das neue Bewusstsein der Männer

    Noch vor zehn Jahren getrauten sich Männer kaum, partiell aus ihrer Leitungsfunktion auszusteigen, um zu Hause den Nachwuchs zu betreuen. Was hätten denn die Chefs von ihnen gedacht? Heute hat sich das Klima zumindest teilweise gewandelt.Väter können nun manchmal – je nach Arbeitgeber sogar selbstverständlich – das Natürlichste tun, nämlich mehr für ihre Kinder da sein. Dazu beigetragen hat – allerdings nicht in der Schweiz – auch das Elterngeld mit den Vätermonaten. Es hat das Bewusstsein und die symbolische Bedeutung dafür geschaffen, dass Männer am Aufwachsen ihrer Kinder beteiligt sein wollen, sollen und auch können.

    Väter werden immer häufiger von Zaungästen zu Beteiligten. Dieser Kulturwandel lässt sich vielerorts beobachten: Männer bereiten sich zusammen mit der Partnerin auf die Geburt des Kindes in Schwangerschaftskursen vor und sind bei den Kontrollen und auch im Gebärsaal dabei. Sie gehen am Montagvormittag mit dem Kind in ein Café, später zum Va-Ki-Turnen, drehen ihre Runden auf den Spielplätzen – nur in den Herren-WCs hat es noch viel zu selten Wickeltische. Auch in Werbung und Medien sind Männer sichtbarer Teil des Väter-Markts geworden. Neben Interessenverbänden, Internetportalen sowie Männer- und Vätergruppen besteht dieser Markt vor allem aus populären Ratgebern und Zeitschriften, die sich nahezu exklusiv an Väter richten.

    Doch neue Formen des Vaterseins sind nicht etwa deshalb entstanden, weil Männer erkannt haben, dass ihre Bedeutung für die Erziehung des Kindes gross ist. Vielmehr sind sie eine Reaktion auf die Frauenbewegung und ihre Forderung nach Gleichberechtigung sowie auf die veränderten Erwartungshaltungen der Wirtschaft, die angesichts des Fachkräftemangels zunehmend auf qualifizierte weibliche Arbeitskräfte setzt. Mütterliche Berufstätigkeit ist faktisch zur Norm geworden. Frauen müssen nicht mehr begründen, warum sie einen Beruf ausüben, sondern eher, weshalb sie »nur« Hausfrau und Mutter sind.

    Was die Diskussion über Vaterschaft ausblendet

    In der aktuellen Diskussion werden wichtige Aspekte von Vaterschaft fast vollständig ausgeblendet. Neue theoretische Vaterschaftskonzepte führen uns solche Unterlassungen deutlich vor Augen. Vaterschaft umfasst nicht nur die zeitliche Verfügbarkeit, sondern auch viele andere, nicht direkt sichtbare Beiträge. Gemäss diesen neuen Konzepten können sich Väter in der familiären Fürsorgearbeit engagieren, ohne ständig anwesend zu sein.

    Die Vaterschaftsdebatte blendet jedoch auch wichtige Rahmenbedingungen aus, so etwa die Einflüsse der Arbeitswelt (z.B. warum vor allem Väter im öffentlichen Dienst oder in bestimmten geographischen Regionen in Elternzeit gehen), die Einflüsse des persönlichen Umfelds (wie sehr Freunde, Nachbarn und Verwandte die Einstellungen und Verhaltensweisen prägen) oder wie Paare das von ihnen gewählte Familienmodell aushandeln (weshalb sie sich für eine bestimmte Rollenaufteilung entscheiden).

    Einerseits verharren unsere familienpolitischen Systeme immer noch in der Situation wie sie vor fünfzig Jahren war, und eine Anpassung an die neue Realität der Lebensentwürfe ist bisher ausgeblieben.Andererseits wird zu viel gejammert und geklagt, am meisten über die familienfeindliche Wirtschaft oder über den Staat, der zu wenig Hilfe bereitstellt. Als ob in den vergangenen Jahren nichts passiert wäre! Es ist somit auch an der Zeit, dass Männer und Frauen den Fokus der Vereinbarkeitsfrage etwas verrücken und sich fragen, inwiefern sie selbst ein Problem hierfür sind.

    Neue Väter nicht ohne neue Partnerinnen! Weshalb das eine ohne das andere nicht zu haben ist

    Um die gleichberechtigte Teilhabe beider Geschlechter im Arbeits- und Familienleben verwirklichen zu können, brauchen wir ein neues Emanzipationsbündnis zwischen Frauen und Männern, zwischen Müttern und Vätern. Männer sollten sich der Veränderung von Männlichkeit stellen, alte Machtansprüche aufgeben und mehr Engagement in der Familie auch tatsächlich verwirklichen wollen. Frauen wiederum sind zu ermutigen, dass sie sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht nur erstreiten müssen, sondern auch auf die eigenen Bedürfnisse hören dürfen. Gleichzeitig sollten sie einen Beitrag dazu leisten, dass sich ihre Partner nicht nur ins Familienleben einpassen, sondern sich auch eigenständig als Väter entwickeln können. Geschlechtergerechtigkeit heisst, dass Männer und Frauen nicht Kopien des anderen Geschlechts werden, sondern in gegenseitiger Bezogenheit eine unabhängige Identität aufbauen.

    Aber dies kann nur geleistet werden, wenn wir unseren Blick auf die Aufgaben objektivieren, welche Väter in und neben der Familie für diese erbringen und auch nach der Rolle fragen, welche ihre Partnerinnen dabei spielen. Beide Geschlechter sind von kulturellen und gesellschaftlichen Widersprüchen betroffen, aus denen sie sich nur schwer befreien können. Deshalb müssen wir uns von den problematischen Seiten der gegenwärtigen Diskussion befreien, welche unsere Gleichstellungspolitik prägt und Männer andauernd schuldig spricht. Nur so können die einseitigen und mit zu grosser Selbstverständlichkeit postulierten Vorstellungen dessen gesprengt werden, was einen guten Vater oder eine gute Mutter ausmachen soll. Man muss somit etwas genauer hinschauen, um die damit verbundenen problematischen Folgen für die Männer selbst, ihre Partnerinnen und die Gesellschaft insgesamt zu erkennen.

    Stamm, M. (2018). Neue Väter brauchen neue Mütter. Warum Familie nur gemeinsam gelingt. München: Piper.

  • erschienen in: NZZ, 09.11., 10.

     

    27 Prozent der Mütter sind nicht berufstätig, davon 50‘000 Frauen, die studiert haben. Und fast30  Prozent entscheiden sich für ein kleines Teilzeitpensum von 50 Prozent und minimieren es noch, wenn die Kinder in die Schule kommen. Das geht nicht, findet die Wirtschaft. Gut ausgebildete Frauen sollten nicht am Herd, sondern im Beruf stehen. Und dies möglichst Vollzeit, damit ihr Humankapital nicht verloren geht.

    Dies tönt nachvollziehbar, doch die Situation ist komplexer. Es gibt zwei gesellschaftliche Überzeugungen, welche Mütter mit kleinen Kindern hindern, sich in die Berufskarriere zu stürzen und durchzustarten. Die erste Vorstellung ist die der perfekten Mutter, die zweite, dass sie von Natur aus die geeignetste Fürsorgeperson ist und deshalb in den ersten Lebensjahren die Kinder selbst betreuen soll. In einer unserer Studien waren auch 66 Prozent der jungen Männer und Frauen dieser Meinung. Dass Frauen ihr Berufspotenzial nicht ausschöpfen und Männer trotz viel Gleichstellungsarbeit die Nase weiterhin vorne haben, liegt somit nicht einfach an den Frauen selbst, sondern ebenso an den vorherrschenden Normen.

    Das Mutterbild ist in den 1980er Jahren stecken geblieben.Mütter können heute berufstätig sein, dürfen ihre persönlichen Ambitionen haben und eigenes Geld verdienen, sie können Kinder ohne Partner aufziehen oder sich für die Vollzeitmutterschaft entscheiden, ohne dazu gezwungen zu werden. Andererseits müssen sie beweisen, dass sie gute Mütter sind. Und gut heisst nichts anderes als intensiv. Sie sollen eine innige Verbundenheit zum Kind haben, selbstlos sein, in den Nachwuchs viel Qualitätszeit investieren undseine Bedürfnisse über die eigenen stellen. Zudem orientieren sie sich an Experten und Erziehungsratgebern, um das Kind bestmöglichst zu fördern und nichts dem Zufall zu überlassen.

    Diese wirkmächtigen Normen des intensiven Mutterseins stehen den Arbeitsmarktprinzipien konträr entgegen und generieren viele Widersprüche: Die gleiche Gesellschaft, die nach Vollzeit berufstätigen Müttern ruft, weil sie Humankapitalverlust beklagt, verlangt von diesen Frauen, dass sieals Berufstätige die Familie gegenüber der Arbeit priorisieren, sich jedoch in männliche Marktstrukturen einordnen, wenn sie die Karriereleiter hochklettern wollen.

    Viele Frauen stehen deshalb unter Dauerstrom. Sie schuften und schuften, um zu beweisen, dass sie gute Mütter sind und auch beruflich vorwärts kommen. Deshalb ignorieren sie ihre Bedürfnisse, so dass immer mehr von ihnen unter der Last des Alltags zusammenbrechen.Muttersein ist unter solchen Bedingungen fast zu einem Gesundheitsrisiko geworden. Somit ist es wenig erstaunlich, dass sich immer mehr Frauen entscheiden, für kürzer oder länger zu Hause zu bleiben. Oft tun sie dies nicht als Notlösung, sondern weil sie es wollen (und auch in der Lage sind). Vielleicht ist das ein politisches Statement, das wir ernster nehmen sollten.

    Perfekte Mutterschaft hindert Frauen nicht nur am beruflichen Durchstarten, sondern hat auch negative Auswirkungen auf die Kinder. Selbstverständlich ist es keine Frage, dass die Beziehung zwischen Mutter und Kind enorm wichtig und auch entscheidend ist für ein gesundes Aufwachsen. Doch mütterliche Überinvestition führt zur Paradoxie, dass das Kind abhängig wird und zu kurz kommt. Es kann nicht selbstständig werden, Herausforderungen kaum alleine meistern und auch nicht lernen, mit Niederlagen umzugehen.

    Ähnlich geht es Männern mit Partnerinnen, die perfekte Mütter sein wollen. Weder können sie in der Familie Autonomie erlangen noch zum Kind eine eigenständige und unabhängige Beziehung aufbauen. Deshalb bringt uns mehr öffentliche Unterstützung für Kinderbetreuung, für Tagesschulen, für Vaterschaftsurlaub oder für Teilzeit- und Home Office-Arbeit zwar weiter, aber ohne im Kern etwas zu verändern. Was wir folgedessen ebenso brauchen, sind neue Denkstrukturen, eine neueZeitpolitik undeine neue Anerkennungsordnung von Müttern. Damit meine ich, dass Politik und Arbeitswelt Möglichkeiten schaffen, um Müttern – und auch Vätern – zu ermöglichen, sich in der intensivsten Familienphase etwas zurücknehmen zu können, um sich später beruflich wieder voll engagieren und weiterentwickeln zu können.

    Frauen sollten lernen, sich für Kind und Familie weniger allein verantwortlich zu fühlen und anstatt die beste, nur eine hinreichend gute Mutter zu sein. Mit einer solchen Einstellungsänderung fordern sie auch ihre Partner heraus, ihren Anteil an der Gesamtverantwortung zu erhöhen. Und wenn das Kind dann bei einem Sturz vom Dreirad nicht nach ihr, sondern nach dem Vater ruft, sollten sie dies nicht als Kränkung ihres Egos verstehen, sondern als Zeichen, dass sie auf dem Weg zur hinreichend guten Mutter sind. Dies ist ein Segen für sie, das Kind, den Partner und die Gesellschaft.

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 29.07.2024, 2.  

    siehe auch: https://www.shn.ch/forum-meinung/forum/2024-08-21/schwanger-werden-wenn-es-fuer-die-firma-passt

    Erstgebärende Frauen sind durchschnittlich 31.3 Jahre alt. Vor zwanzig Jahren waren es 28 Jahre. Dass die Mutterschaft auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wird, ist eine Folge veränderter weiblicher Karrierechancen. Aber nicht nur, manchmal fehlt auch ein geeigneter Partner.

  • Am Morgen müssen sie früh weg, am Abend kommen sie spät nach Hause. Sind sie endlich da, wechseln sie Windeln, erzählen eine Gutenachtgeschichte oder helfen bei den Hausaufgaben zum Dreisatzrechnen.Tatsächlich hat sich bei den Vätern in den letzten Jahren Vieles geändert. Sie investieren deutlich mehr Zeit in ihre Kinder und mit überwiegend hohem Engagement.Trotzdem ist der Standardvorwurf aus weiblichem Munde immer noch weitgehend derselbe: Männer sind das faule Geschlecht. Sie tun zu wenig im Haushalt, und wenn das Kind einmal krank ist, sind es die berufstätigen Mütter, welche zu Hause bleiben müssen. Auch im Privaten seien Männer immer noch die ewigen Praktikanten und die Juniorpartner der Mütter.

    Obwohl die Statistik zeigt, dass ein Wandel stattgefunden hat, hapert es bei der praktischen Umsetzung. Zumindest sind nicht wenige davon überzeugt, dass Vieles besser wäre, wenn die Väter zu Hause mehr Präsenz markieren würden. Solche Vorstellungen sind jedoch trügerisch und insgesamt einseitig. Denn sie beruhen auf der Annahme, dassein Mehr an zeitlicher Verfügbarkeit automatisch die Entwicklung der Kinder fördert und die Partnerschaft glücklicher macht. Unsere neuestenForschungsergebnisse der Väter-Studie TARZAN, die anfangs 2016 veröffentlicht werden, zeigen jedoch anderes: Es kommt weniger auf die Anzahl Stunden an, sondern mehr, mit wieviel Herzblut der Vater in der Familie wirkt. Auch Vollzeit arbeitende Männer können eine sehr engagierte Vaterschaft praktizieren und ihre Kinder positiv beeinflussen. Dass einegrössere väterliche Präsenz automatisch besser sei, ist somit radikal in Frage zu stellen.

    Weshalb nimmt man dies nicht verstärkt zur Kenntnis? Und warum setzt man so sehr auf das Stereotyp des präsenten Vaters als quasi einzigem Qualitätsmerkmal? Mit Sicherheit auch deshalb, weil sich die Forschung jahrelang ausschliesslich darauf eingeschossen hat. So stellt eine Studie nach der anderen fast Identisches fest: dass Mütter nach wie vor in der Fürsorge für die Kinder und im Haushalt mehr leisten, weshalb es eine deutliche Asymmetrie zu Lasten der Frauen gibt.

    Leider hat der enge Fokus dazu geführt, dass wichtige Aspekte von Vaterschaft in der Diskussion vollkommen ausgeblendet werden. Dazu gehören beispielsweise die vielen indirekten Beiträge von Vätern zum Wohl der Kinder und der Familie jenseits ihrer direkten Präsenz oder dem Engagement im Haushalt. Beispielsweise, dass sich vielevon ihnen neben den familiären Aufgaben als Haupternährer ums Geldverdienen kümmern. Väter erwirtschaften im Schnitt immer noch rund drei Viertel des Haushalteinkommens. Ob wir dies gerne hören oder nicht: Auch Erwerbsarbeit ist eine männliche Form der Fürsorge. Zu den weiteren indirekten Leistungen zählt die Forschung auch Verantwortlichkeiten, welche viele Väter regelmässig übernehmen. Dazu gehörenKontroll- und Unterstützungsleistungen(z.B. Hausaufgabenunterstützung, Überwachung des Medienkonsums); die Beschaffung von Gütern und Dienstleistungen zur materiellen Versorgung der Familie etwa in Form von Überstunden oder um eine Ausstattung oder eine Fördermassnahme des Kindes finanzieren zu können; die Unterstützung der sozialen Kontakte der Kinder, beispielsweise, wenn es um Freundschaften geht; das väterliche Engagement in der Schule oder in anderen Institutionen zu Gunsten der Kinder; der Besuch beim Kinderarzt oder auch der Einkauf neuer Kleider mit dem Nachwuchs.

    Um nicht falsch verstanden zu werden: Selbstverständlich brauchen wir ein neues Emanzipationsbündnis zwischen Frauen und Männern, zwischen Müttern und Vätern,um die gleichberechtigte Teilhabe beider Geschlechter am Arbeits- und Familienleben verwirklichen zu können. Aber dies können wir nur leisten, wenn wir unseren Blick auf die Aufgaben objektivieren, welche Väter in und neben der Familie für diese leisten.Väter sind nicht per se dann gute Väter, wenn sie dauerpräsent sind.

    Es gibt deutliche Mängel in der Wertschätzung von Vätern. Viele von ihnen engagieren sich facettenreicher für Frau und Kind als wir dies in unseren Köpfen wahrhaben wollen. Deshalb verstärkt der simplizistische Vorwurf an die mangelnde Präsenz der Väter nur die aggressive Vorurteilsbildung.

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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