Männer

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 21.11.2016, 16.

     

    Die Männer sind nicht das geworden, was sich die weibliche Gesellschaft von ihnen erhofft hat. Die neueste Sexismusdebatte zeigt, woran sie kranken: Sie begrapschen Frauen, fassen sie am Hintern, winken ihnen aufdringlich zu oder bezeichnen sie gar als Fickstück oder Schlampe. Kurz: Sie bedrohen Frauen in ihrer sexuellen Integrität. Ähnliches haben sie sich in der berühmten «Silvesternacht von Köln» geleistet. In dieser Nacht wurden Frauen haufenweise von fremden Männern sexuell belästigt, ohne dass ihnen andere Männer zu Hilfe geeilt wären. Seit dann gelten Männer auch als Weicheier. Ist die Männlichkeit somit bankrott? Sind Männer zu lüstern und zu feige, Frauen zu schützen?

    Aktuell wird in den Schweizer Medien sehr heiss und sehr einseitig über Sexismus diskutiert. Einseitig, weil seine verschiedenen Facetten nicht berücksichtigt werden. Sexismus wird definiert alsDiskriminierung einer Person auf Grund ihres Geschlechts. Dazu gehören Frauenverniedlichungskulturen im beruflichen Alltag oder dass in Talk-Shows immer mehr Männer sitzen. Dass die Debatte auf solche Probleme hinweist und daraus endlich Konsequenzen gezogen werden, ist überfällig. Frauenthemen werden immer noch massiv heruntergespielt und clevere Frauen als ehrgeizige Emanzen dargestellt. Das ärgert mich enorm.

    Aber es geht mir hier vor allem um den anderen Teil des Sexismus, die sexuellen Übergriffe auf das weibliche Geschlecht. Die Debatte hierzu verläuft grundfalsch. Sie basiert auf einer massiv voranschreitenden Abwertung des Männlichen, die so alltäglich geworden ist, dass wir sie kaum noch wahrnehmen. Ein Beispiel hierfür war kürzlich in den Medien zu lesen: «Liebe Männer, noch nicht verstanden, worum es bei der Sexismus-Debatte geht?» Nicht wenige Frauen stellen Männer grundsätzlich an den Pranger und fahren fast jeden Tag mit neuen Vorwürfen sexueller Belästigungen auf.

    Wer jedoch ein Weltbild hat, in dem immer Männer die Täter sind und Frauen die Opfer, der unterliegt einer verzerrten Wahrnehmung. Ein Übergriff durch einen Mann bestätigt dann, dass Männer Sexisten seien und jede (JEDE!) Frau solche Erfahrungen mache. Folgedessen wird das Konträre – dass viele Männer keine Sexisten sind, Frauen sich aber sehr wohl sexistisch verhalten können – übersehen. In den Sozialwissenschaften bezeichnen wir dies als positivistisches Hypothesentesten, d.h., man schaut nur die Fälle an, welche die Vorannahmen bestätigen.

    Männliche sexuelle Übergriffe auf Frauen sind ein No-Go. Niemand darf sie verharmlosen, als Gezeter abtun oder gar entschuldigen. Gleichwohl findet man weiblichen Sexismus, innerhalb des eigenen Geschlechts und gegenüber Männern. Deshalb ist er ebenso zur Kenntnis zu nehmen, auch wenn der männliche Sexismus deutlich gravierender ist. Man höre sich einmal in der Frauensauna oder in Clubs herum, wenn eine andere jünger, hübscher und vor allem schlanker ist. Oder man lese ihre Nachrichten auf Twitter. DieHälfte aller sexistischen Tweets stammt vom weiblichen Geschlecht. Frauen, die ordentlich Alkohol trinken, um sich schon vor der Party in die richtige Stimmung zu versetzen, betatschen Männer wann, wo und wie sie wollen, und wenn etwas nicht klappt, machen sie Männer verbal fertig.

    In der Realität zwischen den Geschlechtern spielen Frauen oft eine undurchsichtige Rolle. Gemäss neuen Forschungsergebnissen ist ihre Ansicht, was Männer begehrenswert macht, noch genau die gleiche wie vor fünfzig Jahren. Ein echter Mann hat ein hohes Einkommen, er ist mutig, verantwortungsvoll, sexuell aktiv – und er kann eine Frau erobern.Andererseits soll er zarter, sensibler und weniger aggressiv sein. Nur wollen Frauen dann solche verweiblichten Männer gar nicht heiraten.Frauenversteher sind zwar ganz nett, aber doch eher nur in Ausnahmefällen.

    Frauen haben offenbar zwiespältige Gefühle. Sigmund Freud hat einmal gesagt, in seiner dreissig jährigen Arbeit sei es ihm nicht gelungen, die Frage zu beantworten, was Frauen wollen. Die Sexismusdebatte könnte uns weiterbringen. Aber nur, wenn nicht nur Männer, sondern auch Frauen beginnen, selbstkritischer zu sein und sich nicht weiterhin als Opfer darzustellen. Sexismus, der von Frauen ausgeht, muss ein Thema der Debatte werden. Bisher ist er ein Tabu.

  • erschienen in: NZZ, 08.01.2016, S.10, Teil 1.

     

    Ich bin seit vielen Jahre Feministin. Meine Motivation war schon immer das Engagement gegen diskriminierende Geschlechterstrukturen unserer Gesellschaft. Heute bin ich verunsichert. Der Grund ist die Entwicklung der Gleichstellungspolitik und des jungen Feminismus. Die Gleichstellungseinrichtungen machen zwar professionelle Arbeit, aber sie haben zu wenig Rückhalt, insbesondere beim männlichen Geschlecht. Und der junge Feminismus, wie ihn die Ikone Laurie Penny postuliert, will eine Gleichstellung, die sich nicht mehr am Idealbild der Karrierefrau orientiert, sondern an Armen, Schwarzen, Hässlichen oder Dicken – und an Männern. Auch bei ihr ist das männliche Geschlecht nur mitgemeint.

    Kann diese Entwicklung ein Grund dafür sein, weshalb sich Männer kaum zu Wort melden und sie in diesen wichtigen Fragen nur die zweite Geige spielen? Warum werden sie zum schweigenden Geschlecht? Bis auf ein paar Männerforscher und Männergruppen sind sie offensichtlich wenig bereit, ihre Bedürfnisse öffentlich kund zu tun. Vielmehr lassen sie zu, dass vor allem weiblich besetzte Gleichstellungsbüros Empfehlungen formulieren, was mit ihnen geschieht, wer sie sein oder werden sollen. Ist die Strategie des Gender Mainstreaming somit gescheitert? Sprachlich meint dieser Begriff zumindest eine Politik für Frauen und Männer, welche die Lebensbedingungen beider Geschlechter berücksichtigt.

    Angesichts dieser schwierigen Situation ertönt immer häufiger die Forderung, Gleichstellungsbüros abzuschaffen. Winterthur hat dies getan, und der Applaus kam von Männern und Frauen. Dieser Meinung bin ich nicht. Es gibt noch viel Arbeit, man denke nur an die Lohnschere zwischen den Geschlechtern. Aber es braucht eine alternative Strategie, die auf Väter und Söhne ausgeweitet werden muss. Zwei Beispiele:

    Knaben: Man kann es drehen und wenden wie man will, Mädchen haben bei gleichen intellektuellen Fähigkeiten bessere Schulnoten und zwar ab der ersten Klasse – ausgenommen in Mathematik. Durchschnittlich gelingt Knaben der Sprung ans Gymnasium seltener. Mädchen werden zudem in den Hausaufgaben von den Eltern mehr unterstützt als Knaben. Und diese wiederum führen die Negativ-Ranglisten in den Rückstellungen beim Schuleintritt, bei den Ritalin-Schluckern, Schulschwänzern und Schulabbrechern an. Dies führt dazu, dass die Gruppe junger Männer wächst, die ab 16 Jahren ohne Ausbildung dastehen. Zwar müssen solche Risikoszenarien relativiert werden – denn insgesamt gibt es innerhalb der Knaben- und der Mädchengruppe grössere Unterschiede als zwischen ihnen – doch ist die allgemeine Tendenz die, dass männliche Jugendliche in Zukunft immer mehr in Rückstand geraten dürften. Auch wenn wir in Verwaltungsräten, an den Universitäten und im Management insgesamt eine deutliche Überzahl an Männern haben.

    Väter: Neue Väter braucht das Land! Diese Forderung kommt vor allem von Frauen. Zwar stimmt ein Grossteil der Väter dieser Forderung nicht nur zu, sondern sie wollen es auch werden. Doch fragt sich, was sich hinter dem Wörtchen «neu» verbirgt. Väter sollen nämlich vor allem präsenter sein, mehr im Haushalt und der Kinderbetreuung mithelfen, dabei auch Frauenversteher sein, trotzdem jedoch eine volle Lohntüte nach Hause bringen. Ein Grossteil dieser Forderungen entspricht jedoch dem Klischee eines veralteten Vaterbildes. Denn die Forschung zeigt mehr als deutlich auf, dass Präsenz nicht das ausschlaggebende Kriterium ist, damit ein Mann ein «guter» Vater ist. Ihn machen sowohl sichtbare als auch nicht sichtbare Fürsorgeleistungen aus. Deshalb kann auch ein Vollzeit arbeitender Vater ein guter Vater sein.

    Unsere Gesellschaft braucht in der Gleichstellungspolitik einen Perspektivenwechsel. Erstens kann es nicht sein, dass Männer entweder alles stillschweigend gut finden oder dann in Internetforen die Faust im Sack machen und engagierten Frauen die offizielle Interpretationshoheit überlassen. Und es kann zweitens auch nicht sein, dass sich die Gleichstellungsbemühungen fast ausschliesslich auf Erwachsene konzentrieren. Die Weichen werden im Kindesalter gestellt! Drittens sollten wir den Irrtum korrigieren, nach der gesetzlich verankerten Gleichberechtigung nun das weibliche und männliche Geschlecht auch biologisch gleichzustellen. Männer müssen nicht weiblicher werden, aber sie sollten sich der Veränderung von Männlichkeit stellen, alte Machtansprüche aufgeben und mehr Engagement in der Familie, z.B. in Form von Teilzeitarbeit, auch tatsächlich erkämpfen wollen. Den Frauen wiederum sollten ermöglicht werden, sich den Platz in Beruf und Familie nicht nur erstreiten zu müssen, sondern auch auf die eigenen Bedürfnisse hören zu dürfen. Geschlechtergerechtigkeit heisst, dass Frauen und Männer nicht Kopien des anderen Geschlechts werden, sondern eine unabhängige Identität entwickeln.

  • Das Jahr 2012 ist – so scheint es mir – in medialer Hinsicht das Jahr, in dem Frauen über Männer schreiben und zum Ausdruck bringen, wo überall es mit der männlichen Emanzipation hapert. Noch nie konnte man so viele Medienberichte, Zeitungsartikel und Essays zum Thema Mann in der Krise lesen. Und jetzt kommt die ganze Quoten-Diskussionen dazu. Oft basieren sie auf eng geführten Denkwegen und Diskussionen, die kaum zum Ziel führen und auch den Kern der Problematik nur unzureichend treffen.

    Kürzlich habe ich in einem lesenswerten Aufsatz von Christoph Kucklick in DIE ZEIT seine Ausführungen zum Mann als verteufeltem Geschlecht gelesen. Er schreibt darin, dass er in einer anspruchsvollen Fachzeitschrift den Satz gefunden habe, der Mann sei das problematische Geschlecht des Jahrhunderts. Solche Sätze liest man auch in populären Heftchen und Journalen (‚Der Fortschritt wird durch Frauen erzielt‘; Frauen sind viel pragmatischer als Männer‘; ‚Frauen sind die besseren Netzwerker‘ etc.). Es gehe nicht vorwärts mit der Emanzipation, Männer würden stecken bleiben, vor allem in der Entwicklung ihrer Soft Skills.

    Solche Aussagen sind problematisch. Sie verweisen darauf, dass wir die Abwertung des Männlichen als Teil unserer gewordenen Kultur gar nicht mehr wahrnehmen und reflektieren. Männlichkeit ist gemäss Kucklick zur Kurzform für unsere gesellschaftlichen Missstände geworden. Recht hat er! Man untersuche nur einmal die redundanten Erklärungsmuster zur männlichen Dominanz in gesellschaftlichen Krisen – wie etwa der Finanzkrise. So hat beispielsweise eine hoch angesehene Bankenchefin in einem Interview die Position vertreten, dass uns die Finanzkrise im vollen Ausmass erspart geblieben wäre, wenn wir nicht nur ‚Lehman Brothers‘, sondern auch ,Lehman Sisters‘ gehabt hätten. Wo liegt also die Rettung? Bei den Frauen, an ihnen soll sich der Mann therapieren.

    Frauen müssen somit die neue Lösung sein. In historischer Sicht sind sie es auch. Der grosse Fortschritt des Feminismus und der Emanzipation ist der, dass das Bild der Frau, ihre Position und ihr Selbstverständnis gründlich und zu Recht renoviert worden ist. Das Männerbild jedoch nicht. Diese selektive Behandlung hat allerdings Nachteile für die Frauen mit sich gebracht und zwar deshalb, weil ihnen nicht die gleiche moralische Verantwortung zugeteilt wird resp. sie bisher nicht die gleiche moralische Verantwortung übernehmen mussten. Aus der Geschlechterforschung wissen wir zur Genüge, dass es nicht in erster Linie die Hormone sind, welche das Verhalten bestimmen, sondern soziale Zuschreibungen und Erwartungen. Frauen können genauso unmoralisch, verantwortungslos oder egoistisch sein wie Männer, und sie können auch zu gleichen Anteilen wie Männer häusliche Gewalt ausüben – nur auf unterschiedliche Art.

    Deshalb ist Kucklick‘s Forderung sehr zu unterstreichen: Wir brauchen eine Desillusionierung des Weiblichen, indem wir ein soziales Gespür entwickeln für offene und verdeckte Formen männerfeindlicher Ideologien. Aus diesem Blickwinkel haben Frauenquoten etwas Gutes an sich. Denn wenn Frauen endlich in angemessener Stärke Führungspositionen und Macht erlangen würden, dann könnten Verwaltungsräte jenseits des Geschlechts frei entscheiden: Vielleicht eine Frau als ‚echten Kerl‘ einstellen, die eher rücksichtslos führt, Entscheide durchzieht und unbeugsam ist. Oder einen teamorientierten und einfühlsamen Mann, der sich immer bewusst ist, dass er Menschen führt. Wir würden so erkennen, dass die Welt zwar fairer wird, aber auch das Weibliche unsere Welt nicht besser machen kann. Unseren «Moralhaushalt zu renovieren» (Kucklick), wäre eigentlich unsere erste gesellschaftliche Aufgabe auf dem Weg, die historische Leistung des Feminismus zu einem erfolgreichen Ende zu bringen.

  • erschienen in: NZZ am Sonntag, 26.10.2014, S. 21


    Würden wir Frauen wie Männer funktionieren, ginge es der Wirtschaft besser. So zumindest kann man verschiedene Schlagzeilen interpretieren, welche in letzter Zeit Furore gemacht haben. Die neuste ist die von letzter Woche zum Einfrieren weiblicher Eizellen. Dieses «Social Freezing», auch als «Gefrierprämie» bezeichnet, bieten Facebook und Apple ihren Mitarbeiterinnen an, damit sie im besten Alter nicht Kinder bekommen und dadurch den Betrieb vor grosse Herausforderungen stellen. Einige Wochen zuvor hatten die 50‘000 studierten Hausfrauen Schlagzeile gemacht, die in der Schweiz am Herd stehen anstatt im Beruf. Und vor zwei Wochen hiess es sogar, dass diese Frauen dem Staat die Studienkosten zurückzahlen müssten, wenn sie nicht arbeiten gehen würden.

    Gemeinsam ist all diesen Schlagzeilen eine klare Botschaft: Frauen sollen Karriere machen – und wir wollen sie dabei unterstützen! In der Tat tönt dies gut, nach Verwirklichung von Chancengleichheit, nach Emanzipation und Gleichberechtigung. Ein differenzierterer Blick zeigt jedoch, dass Frauen so zur Manövriermasse werden, um den Fachkräftemangel zu lindern. Das Perfide daran ist jedoch, dass der nächste markante wirtschaftliche Abschwung dazu führen dürfte, die Frauen, und nicht die Männer, aufs Eis zu legen. Dies war schon mindestens zweimal der Fall: in den 1970er und den 1980er Jahren.

    Selbstverständlich kann man die drei Beispiele nicht über den gleichen Kamm scheren. Die Sache mit der Gefrierprämie etwa ist tricky. Auf den ersten Blick wirkt sie nämlich besonders frauen- und familienfreundlich. Denn wer möchte nicht für Firmen tätig sein, welche eine spätere Mutterschaft von Frauen unterstützen? Auch ich hätte mich vielleicht in meinen jungen Jahren für ein solches Angebot entschieden. Leider ist es ausgesprochen trügerisch, denn dahinter steckt ein Verständnis, dass Kind und Karriere nicht vereinbar sind. Frauen, die nicht schwanger werden, sind nach dieser Leseart eine Wohltat für den Betrieb. Denn er muss sich nicht um Mutterschaftsurlaub und um abstillende Frauen kümmern.

    Überhaupt nicht frauen- und familienfreundlich sind die beiden anderen Forderungen. Denn sie würdigen mit keinem Blick die aktuelle Situation der Mütter im Hinblick auf die Vereinbarung von Familie und Beruf. Frauen werden auf eine ausgesprochen subtile Art instrumentalisiert. Man tut so, als ob es etwas ganz Normales sei, Kinder und Karriere in einem 100%-Job unter einen Hut zu bringen – wenn nur genügend Krippenplätze zur Verfügung stünden. Als ob es nur daran liegen würde! Es geht vielmehr um unsere rückständige Arbeitskultur. Wir haben nicht nur zu wenig, sondern auch viel zu teure Kitas, kaum flexible Arbeitsstrukturen und für Männer viel zu wenig Teilzeitstellen. Vor allem jedoch sind wir nach wie vor eine Gesellschaft, in welcher der Haushalt noch weitgehend von den Müttern geschmissen und ihnen auch die Hauptverantwortung zugeschoben wird, wenn etwas in der Familie nicht klappt. Von den ca. 10% Teilzeitvätern abgesehen, die oft viel Verantwortung übernehmen, packen viele Männer zwar mit an, aber vor allem am Wochenende und so, dass ihre Karriere nicht beeinträchtigt wird. Vor diesem empirisch bestätigten Hintergrund erstaunt es kaum, dass viele Frauen diese Doppelbelastung enorm spüren und die Zahl der Burn-out-Fälle drastisch angestiegen ist.

    Diese Beispiele zeigen, wie kurzsichtig unsere Gesellschaft geworden ist, wenn sie ausschliesslich junge Frauen und Mütter in den Blick nimmt und sie im Hinblick auf Familienplanung sowie Vereinbarung von Familie und Beruf unter Druck setzt. Würden wir uns stärker auf das lange Leben und die Erkenntnisse der Lebensspannenpsychologie ausrichten, wonach Frauen und Männer heute in der zweiten Lebenshälfte viel veränderbarer und entwicklungswilliger sind, so würden wir mehr auf ihr wirtschaftliches Potenzial setzen. 

    Dies wiederum wäre für junge Frauen und ihre Partner eine befreiende Einsicht: in Betracht zu ziehen, dass man im Leben nicht alles früh schon erreicht haben muss. Deshalb ist es falsch, die Anforderungen an Mütter immer mehr zu erhöhen. Genauso falsch ist es, dass Frauen dank der Gefrierprämie Karriere machen können, dafür aber ihre Kinder erst spät bekommen sollen. Denn, wieso sollte es mit 40 oder 50 einfacher sein, Kind und Karriere vereinbaren zu können als in jungen Jahren? Was wir vielmehr brauchen ist die Chance, sich in der intensivsten Familienphase etwas zurücknehmen zu können, um sich später dann richtig reinzuhängen. Ein solches «Work Freezing» würde Frauen und Männern ohne schlechtes Gewissen erlauben, auch später Karriere machen zu können.

  • Junge Frauen sind im Vormarsch. Dass sie die Bildungsaufsteigerinnen sind, zeigt sich auch daran, dass etwa 55% der Studienanfänger weiblich sind. Das ist im Vergleich zu den 1930er Jahren, als meine Eltern geboren wurden, eine Revolution. Damals hatten 60% der Frauen gar keine Ausbildung. Bildung ist somit zum wesentlichen Faktor von Veränderung geworden, weswegen sich die Frauenleben in den vergangenen Jahrzehnten so rasant verändert haben.

    Nun lässt jedoch eine neue Studie die Befürchtung aufkommen, die gute Bildung könnte für junge Frauen im Hinblick auf ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt zum Bumerang werden. In Deutschland hat das Nationale Bildungspanel – mit 60 000 Teilnehmenden und 85 Millionen Euro die größte Längsschnittstudie der Welt – neue Befunde zu Tage gefördert, welche in diese Richtung weisen. Um den Soziologen Hans-Peter Blossfeld untersucht die Studie die Lebensläufe von 60 000 Deutschen aller Altersstufen, also vom Neugeborenen bis zur Rentnerin.

    Besonders interessant ist die Studie in Bezug auf den Heiratsmarkt, den sie ebenfalls beforscht hat. Angesichts der weiblichen Bildungsexpansion könnte man erwarten, dass sich auch das Heiratsverhalten geändert hat. Ein häufiges Muster im klassischen Ehe-Modell der letzten Jahrzehnte war ja, dass die Männer sich bei der Partnerwahl in Bezug auf das Bildungsniveau nach unten und die Frauen nach oben orientierten: Der Chef heiratete seine Sekretärin, der Arzt ehelichte seine Sprechstundenhilfe. Anzunehmen ist somit, dass heute eine Ärztin eher einen Pfleger heiratet oder eine Chefin eher ihren Buchhalter und dass beide deshalb den Eltern und Freunden gegenüber erklärungspflichtig werden, weil sie nicht der Norm entsprechen. Dieses erwartete Muster ist aber nicht eingetroffen. Das Verhalten von Männern und Frauen bei der Partnerwahl ist weitgehend gleich geblieben. Kann das gut gehen?

    Nein, sagt die Studie und belegt dies mit einfachen Daten: 55% der Studienanfänger sind Frauen, 45% Männer. Von diesen 45% suchen sich durchschnittlich 10% bis 15% eine Frau mit einem niedrigeren Bildungsniveau. Dann bleiben 30% Männer für 55% Frauen auf der hohen Bildungsebene. Wie reagieren Frauen auf diese Situation? Und, was sollen sie tun, wenn sie – jung und gut ausgebildet – einen Partner auf Augenhöhe finden und sich nicht nach unten orientieren wollen?

    Geht es nach den Forschern des Bildungspanels, dann sieht es für solch gut ausgebildete Frauen auf dem Heiratsmarkt eher düster aus. Obwohl ihnen eine grosse Gruppe beruflich weniger gut ausgebildeter Männer gegenübersteht, sind dies offenbar unattraktive Partner. Wenn nämlich eine Akademikerin einen Mann mit niedrigerem sozialem Status wählt, ist der Preis durch die Mehrfachbelastung mit Beruf, Familie und Haushalt besonders hoch. Dies zumindest will die Studie belegen: Je mehr Frauen die Ernährerrolle übernehmen und den Mann dabei überflügeln, desto mehr arbeiten sie auch im Haushalt. Denn solche  Männer – so die Argumentation - könnten ihre schon angeschlagene Geschlechtsidentität nicht noch stärker gefährden, wenn sie auch noch bügeln, kochen und die Wohnung putzen.

    Gut ausgebildete Frauen stehen somit vor einem Dilemma: Lieber darauf verzichten, einen Partner zu finden oder sich mit dem für sie schlechteren zufriedenzugeben? Der Heiratsmarkt wird für sie immer problematischer. So erstaunt es auch kaum, dass die Single-Quote bei gut qualifizierten Akademikerinnen besonders hoch ist.

    Wäre es für solche Frauen besser, wenn unsere Gesellschaft so funktionieren würde, wie dies die Ökonomie sagt? Derjenige, der weniger arbeitet, macht den Haushalt, wer erfolgreicher im Job ist, bringt mehr Geld nach Hause...?

  • Tickt ein junger Mann richtig, wenn er sich entscheidet, «Fachperson Kinderziehung HF» zu werden? Viele bezweifeln dies. Weichei, Softie etc. hat ein Jugendlicher aus unserem Bekanntenkreis einstecken müssen, als er seinen Berufswunsch bekannt gemacht hat. Die Gesellschaft wünscht sich eher Männer, die starke Kerle sind, eben Ingenieure, Lokomotivführer oder Informatiker, aber kaum Erzieher in Kinderkrippen. Auch Mütter und Väter denken noch vielfach so: Töchter seien prädestiniert für emotionale, soziale Bereiche, Söhne sollten eher etwas ‚Richtiges‘ lernen und damit einmal eine Familie ernähren können.

    Die aktuellen Daten sprechen eine deutliche Sprache: 3‘300 Frauen absolvieren aktuell eine Ausbildung «Fachperson Kindererziehung HF», aber nur gut 300 Männer. Und wieviele von ihnen einmal ihren Beruf tatsächlich ausüben werden, steht in den Sternen. Die Mehrheit der Kitas in der Schweiz hat auch noch keinen einzigen Mann angestellt. Mit dieser Problematik stehen wir allerdings nicht alleine da. Auch in Deutschland sieht die Situation mit ca. 4% Männern in Kitas nicht viel besser aus. Und dies trotz der breit angelegten Initiative «Mehr Männer in die Kitas», die vom Bund mit 13 Millionen Euro seit gut drei Jahren finanziert wird. Selbstverständlich kann man das Glas auch als halbvoll, also positiv, betrachten: Im Jahr 2006 waren es in der Schweiz noch ganze 43 Männer gewesen, welche die Ausbildung absolviert hatten, die heutige Anzahl entspricht damit einer Zunahme von etwa 700%.

    Weshalb wäre es denn so wichtig, mehr Männer in Kitas zu haben? Gründe gibt es viele, in erster Linie sind es zwei: Erstens, weil in den Familien oft männliche Bezugspersonen fehlen und Lehrer auch in Kindergärten, Primarschulen und in der Sekundarstufe I äusserst rar geworden sind. Zweitens, weil sich Geschlechtsstereotypien früh festsetzen. Kleine Kinder, die von Männern in der Kita betreut werden (und natürlich auch von Vätern zu Hause …), könnten deshalb schon in den ersten Lebensjahren erfahren, dass es keine typischen Männer- und Frauenberufe gibt. Und dass Erzieher genauso wie Erzieherinnen mit ihnen basteln, singen, werken und spielen, sie trösten und wickeln und ihnen das Essen geben können.

    Vor diesem Hintergrund ist es äusserst lobenswert, dass auch hierzulande eine Werbekampagne von KitaS, Curaviva und Männer.ch. im Jahr 2014 gestartet werden soll. Nur stellt sich die Frage, ob dies der einzig richtige Weg ist. Gerade weil die Vorurteile gegenüber Männern in Kitas enorm sind, muss man auch anderswo ansetzen und zwar bei den Berufsberatungen und der Lehrerschaft der Sekundarstufe I. Gerade die Kritik an den Berufsberatungen ist ja nicht neu: Moniert wird seit längerem, sie würden das geschlechtstypische Berufswahlverhalten der Jugendlichen unterstützen. Von Bedeutung wäre deshalb die Frage, wie es Berufsberatungen – aber selbstverständlich auch Lehrkräften – angesichts des Männermangels in Kitas (und auch generell in sozialen Berufen) gelingt, Jugendliche zu ermutigen, auch geschlechtsuntypische Berufe zu wählen. Ziel wäre es, dass gerade auch Berufsberatungen verstärkt mithelfen, die Segregation des Arbeitsmarktes in Frauen- und Männerberufe aufzuweichen und nicht noch zu verfestigen.

    Keinesfalls will ich hier Berufsberatungen und Lehrkräfte beschuldigen. Mit Sicherheit versuchen sie, ihr Bestes zu geben. Aber – so vermute ich – sie tappen oft in die Geschlechterfalle. Ein Beispiel: In den Medien kann man immer und immer wieder lesen, dass Erzieher in Kitas wenig verdienen und junge Männer schliesslich einmal eine Familie ernähren sollen. Bereits diese beiden Gedanken können sie – gerade, weil sie ja sowieso zweifeln – davon abhalten, den Beruf Fachperson in einer Kita überhaupt in den Blick zu nehmen.

    Neben Berufsberatungen und Lehrkräften gibt es aber noch ein weiteres Problem: Die Tatsache, dass Männer in Kitas als Risikofaktor angesehen werden und oft unter generellen Missbrauchsverdacht gestellt werden. Viele Eltern haben Vorurteile gegenüber männlichem Personal in Kitas, dass sie zu sexuellen Übergriffen neigen würden. 40% der Eltern und 34% des Kitapersonals befürchten dies. Entsprechend berichten mir Kitaleiterinnen immer wieder von Eltern, die wünschen, dass Männer ihr Kind nicht wickeln dürfen. Verbände haben reagiert und einen Verhaltenskodex für ihre Mitglieder ausgearbeitet. Dass dies jedoch ein eigentlicher Akt der Diskriminierung von Männern in Kitas darstellt – davon getraut sich kaum jemand zu sprechen.

    Sicher ist, dass es  noch viel Entwicklungs- und Veränderungsarbeit braucht, in erster Linie in den Köpfen unserer Gesellschaft. Männer können sehr viel mit kleinen Kindern anfangen, aber solange sie als Erzieher gefragt werden: «Wie lange willst du dies noch machen, hast du nichts Besseres?» ist noch wenig erreicht.

    Bildungs- und Sozialpolitik müssen sich dieser Problematik annehmen. Es kann nicht sein, dass einerseits von «den neuen Vätern» gesprochen wird, sie den Vaterschaftsurlaub neu verhandeln will und verlangt, dass Väter nach der Geburt längere Zeit bei der Familie sein können, Männer andererseits jedoch in Kitas quasi inexistent sind. Wie kann sich dann in Kitas widerspiegeln, dass Erziehung, Betreuung und Bildung auch Männersache ist?

    Alte Rollenklischees dürfen allerdings nicht wieder aufgewärmt werden: Männer in Kitas sind nicht darauf zu reduzieren, dass sie anders mit den Kindern umgehen, gut Fussball spielen, werken und toben können und den Knaben als Vorbilder dienen sollen. Zwar zeigt die Forschung mit grosser Eindeutigkeit, dass sich Männer anders verhalten als Frauen und die Kinderbetreuung damit bereichern. Aber bisher ist wissenschaftlich nicht belegt, dass Männer in Kitas tatsächlich einen Unterschied machen.

    Alle Welt wünscht sich eine Frauenquote in Chefetagen. Grundsätzlich würde ich eigentlich gern für eine Männerquote in Kitas plädieren, z.B. für eine 20%-Quote. Nur, wenn es einfach (noch) zu wenig Männer gibt, die den Beruf ausüben wollen, dann nützt auch die beste Quote nichts. Deshalb müssen wir auch ein andere Segment, als lediglich die jüngsten Männer in den Blick nehmen: Viele Männer in den besten Jahren denken über berufliche Umstiege und Umorientierungen nach, viele Arbeitnehmer 50+ möchten ihre Potenziale, die sie oft im sozialen Bereich entwickelt haben, neu unter Beweis stellen. Weshalb könnten nicht auch ältere Männer im Zuge einer Neuqualifizierung in Kitas tätig werden? Vielleicht sogar ehrenamtlich?

  • Am Morgen müssen sie früh weg, am Abend kommen sie spät nach Hause. Sind sie endlich da, wechseln sie Windeln, erzählen eine Gutenachtgeschichte oder helfen bei den Hausaufgaben zum Dreisatzrechnen.Tatsächlich hat sich bei den Vätern in den letzten Jahren Vieles geändert. Sie investieren deutlich mehr Zeit in ihre Kinder und mit überwiegend hohem Engagement.Trotzdem ist der Standardvorwurf aus weiblichem Munde immer noch weitgehend derselbe: Männer sind das faule Geschlecht. Sie tun zu wenig im Haushalt, und wenn das Kind einmal krank ist, sind es die berufstätigen Mütter, welche zu Hause bleiben müssen. Auch im Privaten seien Männer immer noch die ewigen Praktikanten und die Juniorpartner der Mütter.

    Obwohl die Statistik zeigt, dass ein Wandel stattgefunden hat, hapert es bei der praktischen Umsetzung. Zumindest sind nicht wenige davon überzeugt, dass Vieles besser wäre, wenn die Väter zu Hause mehr Präsenz markieren würden. Solche Vorstellungen sind jedoch trügerisch und insgesamt einseitig. Denn sie beruhen auf der Annahme, dassein Mehr an zeitlicher Verfügbarkeit automatisch die Entwicklung der Kinder fördert und die Partnerschaft glücklicher macht. Unsere neuestenForschungsergebnisse der Väter-Studie TARZAN, die anfangs 2016 veröffentlicht werden, zeigen jedoch anderes: Es kommt weniger auf die Anzahl Stunden an, sondern mehr, mit wieviel Herzblut der Vater in der Familie wirkt. Auch Vollzeit arbeitende Männer können eine sehr engagierte Vaterschaft praktizieren und ihre Kinder positiv beeinflussen. Dass einegrössere väterliche Präsenz automatisch besser sei, ist somit radikal in Frage zu stellen.

    Weshalb nimmt man dies nicht verstärkt zur Kenntnis? Und warum setzt man so sehr auf das Stereotyp des präsenten Vaters als quasi einzigem Qualitätsmerkmal? Mit Sicherheit auch deshalb, weil sich die Forschung jahrelang ausschliesslich darauf eingeschossen hat. So stellt eine Studie nach der anderen fast Identisches fest: dass Mütter nach wie vor in der Fürsorge für die Kinder und im Haushalt mehr leisten, weshalb es eine deutliche Asymmetrie zu Lasten der Frauen gibt.

    Leider hat der enge Fokus dazu geführt, dass wichtige Aspekte von Vaterschaft in der Diskussion vollkommen ausgeblendet werden. Dazu gehören beispielsweise die vielen indirekten Beiträge von Vätern zum Wohl der Kinder und der Familie jenseits ihrer direkten Präsenz oder dem Engagement im Haushalt. Beispielsweise, dass sich vielevon ihnen neben den familiären Aufgaben als Haupternährer ums Geldverdienen kümmern. Väter erwirtschaften im Schnitt immer noch rund drei Viertel des Haushalteinkommens. Ob wir dies gerne hören oder nicht: Auch Erwerbsarbeit ist eine männliche Form der Fürsorge. Zu den weiteren indirekten Leistungen zählt die Forschung auch Verantwortlichkeiten, welche viele Väter regelmässig übernehmen. Dazu gehörenKontroll- und Unterstützungsleistungen(z.B. Hausaufgabenunterstützung, Überwachung des Medienkonsums); die Beschaffung von Gütern und Dienstleistungen zur materiellen Versorgung der Familie etwa in Form von Überstunden oder um eine Ausstattung oder eine Fördermassnahme des Kindes finanzieren zu können; die Unterstützung der sozialen Kontakte der Kinder, beispielsweise, wenn es um Freundschaften geht; das väterliche Engagement in der Schule oder in anderen Institutionen zu Gunsten der Kinder; der Besuch beim Kinderarzt oder auch der Einkauf neuer Kleider mit dem Nachwuchs.

    Um nicht falsch verstanden zu werden: Selbstverständlich brauchen wir ein neues Emanzipationsbündnis zwischen Frauen und Männern, zwischen Müttern und Vätern,um die gleichberechtigte Teilhabe beider Geschlechter am Arbeits- und Familienleben verwirklichen zu können. Aber dies können wir nur leisten, wenn wir unseren Blick auf die Aufgaben objektivieren, welche Väter in und neben der Familie für diese leisten.Väter sind nicht per se dann gute Väter, wenn sie dauerpräsent sind.

    Es gibt deutliche Mängel in der Wertschätzung von Vätern. Viele von ihnen engagieren sich facettenreicher für Frau und Kind als wir dies in unseren Köpfen wahrhaben wollen. Deshalb verstärkt der simplizistische Vorwurf an die mangelnde Präsenz der Väter nur die aggressive Vorurteilsbildung.

  • Wenn Sie momentan die Fussball-EM verfolgen, dann kennen Sie mit Sicherheit Namen wie Shami Khedira oder Danny Welbeck. Das sind besonders interessante Spieler. Shami Khedira verfügt zudem über eine besondere Kompetenz, die ich als professionelle Intuition bezeichnen würde.

     Professionelle Intuition ist ‚gefühltes Wissen‘. Dieses Wissen ist zwar sehr schnell im Bewusstsein, doch kann häufig nicht erklärt werden, weshalb es plötzlich da ist. Es ist aber nicht einfach Spontaneität, sondern eher Wissen, das aus Erfahrung entsteht. Khedira beschreibt dies in einem Interview in der neusten Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT etwa so:

    "Am Anfang wollte ich nur spielen. Dann hat mir mein Trainer gesagt: Wenn du lernst, ein Spiel besser zu lesen, dann kannst du Profi werden. Dann hat es klick gemacht bei mir. Ich habe gemerkt, dass man als Spieler das Spiel ganz bewusst beeinflussen kann. Ich mache mir Gedanken, wie ich mich in bestimmten Situationen verhalten habe und versuch dann, dies wieder anzuwenden. Es ist eigentlich Erfahrung. Nur am Anfang musste ich lange überlegen."

    Genau diese professionelle Intuition vermisse ich manchmal in der Schule: dass Lehrkräfte in der Lage sind, Entscheidungen auch spontan fällen zu können. Wie dies aussehen könnte, habe ich kürzlich bei einer Berufsschullehrerin bewundert, und zwar deshalb, weil sie nicht zuerst denken musste, bevor sie etwas intuitiv (und hoch professionell) tat. Sie führte in ihrer Klasse ein ‚Blitzlicht‘ durch – alle Schüler mussten sich ganz kurz zu einer von ihr gestellten Frage äussern – weil sie den Eindruck hatte, dass ‚etwas nicht stimmt‘. Als ich sie nachher fragte, welches Wissen sie dabei angewendet habe, antwortete sie: "Gar keines, ich hatte keine Zeit, weil ich mit der Klasse beschäftigt war."

    Das Können guter Lehrerinnen und Lehrer besteht folglich nicht nur aus der Anwendung von wissenschaftlichem Wissen oder praktischer Übung, sondern auch aus Elementen intuitiver Praxis. Weder ein grosses Fachwissen noch eine ausreichende Praxis machen das aus, was wir mit ‚professionell unterrichten‘ verbinden. Deshalb müsste professionelle Intuition in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung und auch in der Fort- und Weiterbildung viel stärker trainiert werden. Aber, ist dies möglich?

    Natürlich und zwar genauso, wie dies Sami Khedira berichtet. Indem Lehrkräfte und die, die es werden wollen, Schlüsse aus den Faustregeln ziehen, die sich bisher bewährt haben. Das heisst nichts Anderes, als dass guter Unterricht auch aus jenem sechsten Sinn entstehen kann, den der Volksmund ‚Bauchgefühl‘ nennt.

    Wer allerdings jetzt denkt, dass in der Schule immer aufgrund eines Bauchgefühls gehandelt werden sollte, der irrt. Intuition ist auf theoretisches Wissen angewiesen. Wer (noch) wenig davon hat, sollte sich nicht unbedingt auf seine Intuition verlassen. Danny Welbeck ist deshalb vielleicht auch nicht das beste Beispiel für professionelle Intuition, weil er noch zu unerfahren ist. Gereifte Spieler wie Shami Khedira – oder eben Lehrkräfte mit grosser Erfahrung und genug verinnerlichtem beruflichen Wissen – sind jedoch bestens dafür ausgerüstet, ihr Bauchgefühl mehr sprechen zu lassen. Ob dies immer zum Erfolg führt, ist jedoch eine andere Frage. Deutschland ist zumindest auf gutem Weg …

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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