Potenzial

  • Eine traditionelle Erkenntnis der Forschung zu Selektionsverfahren in der beruflichen Grundbildung ist die, dass die Engpässe der vergangenen Jahre die Zugangschancen bestimmter Gruppen gefördert, anderer Gruppen hingegen behindert haben*. So liegt bis heute die Ausbildungsbeteiligung junger Ausländerinnen und Ausländer unter denjenigen der Einheimischen. Anerkannt ist dabei, dass es vor allem betriebliche Auswahlstrategien sind, welche sie benachteiligen. Darüber hinaus weisen insbesondere Schülerinnen und Schüler aus anforderungsniedrigen Schulstufen deutlich geringere Einmündungsquoten auf, weil sie sich häufiger in der Warteschlaufe befinden als Jugendliche höherer Schulniveaus. Gerade für Jugendliche aus einfachen (Migranten)-Familien trifft dies ausgesprochen oft zu.

    Benachteiligung von Realschülern

    Diese Situation hat sich aktuell zwar aufgrund des Lehrlingsmangels etwas abgeschwächt. Trotzdem waren im April 2017 immer noch mehr als 16'000 Personen in der Warteschlaufe. Aus der Forschung ist bekannt, dass es sich dabei um besonders viele Realschülerinnen und Realschüler handelt. Weshalb werden vor allem sie in der Berufseinmündungsphase derart krass benachteiligt? Zum ersten, weil seit vielen Jahren höher qualifizierte Schulabgänger in umfassenderem Ausmass zur Verfügung stehen, sodass Betriebe vermehrt Jugendliche mit einem Abschluss auf einem anforderungshöheren Schulniveau wählen können. Negativ gewendet gehen damit zweitens bestimmte Merkmale von Jugendlichen einher, die vorurteilsbehaftet sind**.

    Negative und positive Diskriminierung

    Diskriminierend wirken Schulabschlüsse (wie Realschule), ethnische Herkunft oder auch das Geschlecht. Sie führen zu einem allgemeinen Tunnelblick, der im Einzelfall negative – oder positive – Diskriminierungen nach sich zieht. Um eine positive Diskriminierung handelt es sich dann, wenn Jugendliche beispielsweise aufgrund ihres hohen Schulabschlusses oder ihrer bildungsnahen familiären Herkunft a priori positiv beurteilt werden und deshalb ohne grosse Bemühungen zu einem Ausbildungsplatz kommen. Gleichzeitig werden Realschülerinnen und -schüler mit negativen Diskriminierungen konfrontiert.

    Unterdurchschnittliches Zutrauen in Realschülerinnen und Realschüler

    Realschülern wird grundsätzlich weniger zugetraut. Man könnte dies auch als negativen Pygmalioneffekt bezeichnen (d.h. dass sich eine vorweggenommene negative Einschätzung eines Schülers oder einer Schülerin durch eine Lehrperson im späteren Verlauf bestätigt.

    Positive und negative Diskriminierungen zeigen sich dort, wo

    • 33 von 100 Betrieben einen Abschluss auf einem anforderungshohen Schulniveau automatisch als einen Indikator für überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit betrachten***.
    • ein Realschulabschluss nur von einem von hundert Betrieben mit einer überdurchschnittlichen Ausbildungsmotivation in Verbindung gebracht wird, während dies bei Jugendlichen aus dem höchsten Schulniveau vier von zehn Betrieben sind.
    • von jedem fünften Betrieb unhinterfragt davon ausgegangen wird, dass sowohl bei Jugendlichen mit Realschulabschluss als auch bei denen mit Migrationshintergrund beträchtliche Motivationsdefizite vorliegen.
    • von kaum einem Betrieb in Erwägung gezogen wird, dass ein Realschüler oder eine Realschülerin über überdurchschnittliche Fähigkeiten in einem bestimmten Gebiet verfügen könnte.

    Solche Muster lassen sich auch mit der so genannten «Diskreditierungsthese»**** erklären. Demzufolge werden Realschüler gerade wegen des Trends zu höheren Schulabschlüssen immer mehr als minderwertige Gruppe wahrgenommen. Dies zeigt sich beispielsweise im weit verbreiteten Vorurteil, dass ihre Voraussetzungen nicht ausreichen würden, um erfolgreich eine Berufslehre zu absolvieren und dann einen guten Abschluss zu erzielen. Diese These hat sich in unseren Untersuchungen bestätigt. Viele Betriebe nehmen Realschüler nicht nur als normabweichende Minderheit wahr, sondern diskreditieren sie auch, indem sie ihnen gar keine Chance geben, sich im Bewerbungsprozess um eine Lehrstelle überhaupt präsentieren zu können. Und dies unabhängig davon, ob sie die beruflichen Anforderungen für eine Ausbildung im entsprechenden Segment erfüllen würden oder nicht.

    Nur: In allen unserer bisherigen Forschungsstudien zeigt sich, dass auch Realschülerinnen und Realschüler über verdecktes Potenzial verfügen. Unsere Forschungsstudie zu den Medaillengewinnern an den SwissSkills 2014 zeigen, dass zwar drei Viertel von ihnen in der obligatorischen Schule lediglich mittelmässig oder gar schlecht waren und dazu oft noch faul. Und viele können auch mit keinem hohen Schulabschluss punkten. Vierzig Prozent haben nur einen mittleren, zwanzig Prozent sogar einen niedrigen Abschluss, also einen der Realschule. Trotzdem konnten sie sich während der Berufslehre entfalten und  an den Berufsmeisterschaften eine Medaille gewinnen.

    Der Tunnelblick auf gute Noten

    Unsere Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf die vielen Klagen von Betrieben, sie würden nicht genügend «gute» Lehrlinge finden. Schulnoten oder ein hoher Schulabschluss sagen eben wenig über das Entwicklungspotenzial aus, das in einem jungen Menschen steckt. Unsere Medaillengewinner sind das beste Beispiel dafür, dass die Berufslehre für viele nicht nur zur zweiten Chance geworden ist, sondern auch zu Leistungsexplosionen geführt hat. Aber nur, weil ihnen die Betriebe überhaupt eine Chance gegeben haben!

     

    Weiterführende Literatur

    *Imdorf, C. (2014). Die Bedeutung von Schulqualifikationen, nationaler Herkunft und Geschlecht beim Übergang von der Schule in die betriebliche Berufsausbildung. In M. P. Neuenschwander (Hrsg.), Selektion in Schule und Arbeitsmarkt (S. 41-62). Zürich/Chur: Rüegger.

    **Ebbinghaus, M. & Loter, K. (2010). Besetzung von Ausbildungsstellen. Eine Untersuchung zum Einfluss von Struktur- und Ausbildungsmerkmalen. Bonn: Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

    ***Ebbinghaus, M., Bahl, A., Flemming, S., Hucker, T., Kroll, S. & Uhly, A. (2011). Rekrutierung von Auszubildenden. Betriebliches Ausbildungsverhalten im Kontext des demografischen Wandels. Bonn: Bundesinstitut für Berufsbildung. Egloff, E. & Jungo, D. (2013). Elterninformation Berufswahl. Bern: Schulverlag plus.

    ****Solga, H. & Menze, L. (2013). Der Zugang zur Ausbildung. Wie integrationsfähig ist das deutsche Berufsbildungssystem? WSI-Mitteilungen, 66, 1, Schwerpunktheft «Von Insidern und Outsidern. Zur Integrationsfähigkeit des Berufsbildungssystems», 5-14.

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    In der Schweiz gibt es viele Leuchttürme guter Talentförderung. Ein Beispiel sind die Schweizer Berufsmeisterschaften Swiss Skills, die erstmals 2014 stattgefunden haben. DerartigeTalentförderung entspricht genau dem, was der Begriff auch meint: Junge Menschen sind dann Talente, wenn sie in einem bestimmten Bereich über ein überdurchschnittliches Leistungsvermögen verfügen und sie dieses mit gezielter Unterstützung von Lehrkräften und Berufsbildnern so ausbauen können, dass es zu Expertise auf höchstem Niveau wird.

    Leider hat sich in den letzten Jahren unbemerkt eine «Talent-Epidemie» ausgebreitet. Davon zeugen all die Plakate, auf denen mit jungen Menschen geworben wird: «Wir brauchen Ihr Talent – machen Sie Ihre Ausbildung bei uns!» oder «Absolviere ein Talentjahr, wenn du nicht weisst, ob du eher ins Gymnasium oder eine Berufslehre absolvieren willst!» Eigentlich tönt dies gut. Endlich weg von der Defizitperspektive hin zu dem, was junge Menschen können! Auf einen solchen Perspektivenwechsel haben wir lange gewartet. Trotzdem freue ich mich darüber nur eingeschränkt.

    Viele Hochglanzbroschüren lassen nämlich erheblichen Zweifel aufkommen. Zwar verwenden sie den Begriff Talent fast auf jeder zweiten Zeile, ob die Förderung von Talenten in der Praxis auch umgesetzt wird, bleibt aber fraglich. Auch unsere Forschungsstudien zu leistungsstarken Jugendlichen in der Berufsbildung verweisen auf eine andere Realität. Wie oft schmückt man sich vordergründig mit Talentförderung, jammert aber im praktischen Alltag über die mangelnde «Ausbildungsreife» Jugendlicher und über all das, was sie nicht mehr können. Slogans zur Talentförderung sind deshalb nicht selten lediglich ein geschicktes Vertuschen des defizitären Menschenbilds und somit ein Etikettenschwindel.

    Die Ausbildungsqualität darf nicht manipuliert werden. Deshalb ist es wünschenswert, den inflationären Gebrauch des Begriffs «Talent» zu unterbinden und nur dort zu verwenden, wo die Potenziale junger Menschen tatsächlich gefördert werden. Dies ist jedoch einfacher gesagt als getan. Denn dafür braucht es Lehrkräfte und Berufsbildner, die sich im wahrsten Sinne des Wortes als Talentförderer verstehen. Will nämlich eine Berufsbildnerin das verborgene goldene Händchen eines jungen Migranten oder ein Kantilehrer das intellektuelle Potenzial einer unbequemen Schülerin nicht sehen, dann bleiben Begabungen und Ressourcen unentdeckt und ungenutzt – auch wenn in Leitbildern und Unternehmensrichtlinien Gegenteiliges steht. Haltungen sind deshalb von grundlegender Bedeutung. Nur wer Potenziale bei allen jungen Menschen erwartet, sie erkennen und anerkennen und unterstützen will, betreibt Talentförderung. Und wer fördert, muss in der Lage sein, hochstehende Übungs- und Trainingsprozesse so zu arrangieren, dass die jungen Talente im richtigen Mass herausgefordert und animiert werden, über sich selbst hinauszuwachsen. Dies alles genügt nicht. Talentförderung muss auch Chefsache sein und als grundlegende Ausbildungsaufgabe verstanden werden. Schul- und Geschäftsleitungen, welche ihre Lehrkräfte und Berufsbildner unterstützen, sind deshalb das Herzstück aller Anstrengungen.

    Nur, woran erkennt man, ob Schulen und Betriebe Talentförderung ernst nehmen? Erstens, inwiefern Programme zur Potenzialförderung existieren, und zwar für alle, also unabhängig von der sozialen oder kulturellen Herkunft und vom Geschlecht. Zweitens, ob sie stolz sind, junge Menschen auszubilden und auch an sie glauben und drittens, ob sie selbst von ihrer Arbeit mit jungen Menschen beflügelt sind. So einfach ist das.

    Die Talent-Epidemie darf uns nicht Glauben machen, dass junge Menschen tatsächlich talentierter als früher sind. «Talent», so wie der Begriff heute gebraucht wird, ist in vielen Fällen nichts anderes als eine Worthülse, eine PR-Massnahme im«Kampf um die Talente», d.h. umrar gewordene Lehrlinge oder, um teure Ausbildungen beliebt zu machen. Nicht selten ist das Gerede um Talente oberflächlich, weshalb es der Sache eher schadet als nützt. Eine Rückbesinnung auf das, was Talent meint und wann der Begriff verwendet werden soll, tut Not.

  • Kürzlich war ich Gast in der Sommerserie von Radio DRS „20 Köpfe – 20 Ideen“. Gewünscht war gewesen, dass ich eine Vision für die Schweiz der Zukunft formulieren solle. Ich habe „Talente im Alter“ gewählt, weshalb? Erstens, weil ich bisher alle Lebensphasen – von der Wiege bis zum Erwachsenenalter  – erforscht habe, Talententwicklung im Alter aber eine wissenschaftliche Black Box ist: Sowohl im anglo-amerikanischen als auch im deutschsprachigen Raum gibt es nicht mehr als eine Handvoll Studien hierzu. Zweitens, weil ich die Entwicklung im Alter als notwendiges Pendant zur frühkindlichen Bildung betrachte und diese auch einer meiner Forschungsschwerpunkte darstellt. Und natürlich drittens, weil ich mit Jahrgang 1950 selbst im Prozess des Alterns stecke und meine, langsam erahnen zu können, welche Herausforderungen ein gutes / erfolgreiches / sinnvolles / befriedigendes / erfülltes Altern mit sich bringt, will man nicht lediglich die traditionellen Pfade wie etwa die Erhaltung und Verteidigung einer beruflichen Spitzenposition, ausgedehnte Reisen oder sportliche Gewaltstrainings beschreiten.

    In meinem Radiobeitrag habe ich ein Bild des Alter(ns) gezeichnet, das die Entfaltung von Potenzial und Talenten in den Mittelpunkt stellt. Und zwar auf der Basis eines Verständnisses von Entwicklung, das die ganze Lebensspanne umfasst, eben: von der „Wiege bis zur Bahre“ und immer von Verlust und Wachstum, von Abbau und Gewinn gekennzeichnet ist.

    Nach diesem Beitrag habe ich sehr, sehr viel Rückmeldungen bekommen: per Mail, per Brief, per Telefon. Das hat mich zwar nicht besonders erstaunt, denn meine bisherigen Referate zu dieser Thematik haben immer Interesse und eine grosse Zuhörerschaft gefunden. Was mich aber besonders nachdenklich gestimmt hat, war vor allem eine Bemerkung: dass nämlich viele Menschen die Pensionierung geradezu ersehnen würden. Wenn es dann endlich so weit sei, dann seien diese Menschen vom Berufsleben so ausgelaugt, dass sie ihre Talente gar nicht mehr entwickeln könnten.

    Ich gestehe, dass ich mir zu diesem Aspekt bisher noch wenig Gedanken gemacht habe. deshalb habe ich nach entsprechenden Forschungserkenntnissen gesucht, aber kaum welche gefunden. Wieviele Menschen somit tatsächlich die Pensionierung ersehnen und die Tage zählen, bis es so weit ist, wissen wir nicht. Genauso wenig ist zur anderen Seite der Medaille bekannt: Wieviele Menschen gar nicht pensioniert werden, sondern länger arbeiten möchten.

    Eines scheint mir aber sicher – auch wenn empirische Erkenntnisse fehlen: Betriebe müssen weit stärker als bis anhin Talentmanagement betreiben und zwar ein solches, das nicht mit ‚Seniorisierung’ verbunden ist, sondern mit der Entwicklung von Expertise. Wahrscheinlich lohnt sich dies auch finanziell, man denke nur einmal daran, wie viele Ressourcen durch das Ausharren am Arbeitsplatz, durch Burnout und Krankschreibungen verloren gehen dürften. Menschen um die 50+ müssen neue, andere und vertiefende Möglichkeiten bekommen, sich beruflich weiterzuentwickeln und sich auch umorientieren zu können. Wenn aus der Forschung bekannt ist, dass beispielsweise Sachwissen und Denkstrategien, Sozialkompetenz, Konfliktfähigkeit oder Fürsorge auch nach der Mitte des Lebens noch enorm entwickelt werden können – dann erscheint es geradezu sträflich, wenn Betriebe dieses Potenzial brach liegen lassen.

    Selbstverständlich bin ich mir bewusst, dass dies leichter gesagt als getan ist. Denn unserer Gesellschaft mangelt es immer noch an etwas Fundamentalem: dass der Jugendwahn zu sehr als begehrenswerter Normalzustand gilt.

  • In unserer modernen Leistungsgesellschaft dominiert der Mythos des erfolgreichen Kindes. Der Druck, ein frühreifes und vielleicht auch hochbegabtes Kind zu haben, ist so ansteckend, dass man dem schnell verfällt. Für nicht wenige Eltern liegt der Wert des Kindes in seiner Leistung, und ein Spitzenschüler gilt als Mass für eine gute Erziehung. Doch allein schon diese Idee stresst die Eltern, aber auch viele Lehrkräfte – und Kinder entwickeln sich immer weiter weg von dem, was sie eigentlich in ihrem Kern wären.

    Kinder, die in einer sorgenvollen familiären Treibhaus-(Hothousing)-Atmosphäre aufwachsen, übernehmen die Ängstlichkeit, absorbieren und internalisieren sie – und glauben, Schule, Freizeit und überhaupt die ganze Welt seien stressvolle Orte. Die Konsequenzen reichen von Schlafproblemen über Migräne bis zu Magenbeschwerden und Panikattacken o.ä. Obwohl einige der Symptome organisch sind, werden andere durch das angstvolle Elternverhalten beeinflusst.

    Hochbegabung als stigmatisierende Etikette

    Eltern und auch Lehrkräfte sind sich oft (zu) sicher, dass sie genau wissen, wie sich ein Kind in seiner Haut fühlt. Tatsache ist, dass dies lange nicht immer zutrifft. Nehmen wir das Beispiel von Luca (9J.), das mir eine Psychologin erzählt hat.

    Luca begann, sich überall im Gesicht zu kratzen. Das wurde zu einer so grossen Gewohnheit, dass die Eltern mit ihm in eine Therapie gingen. Sie beschrieben ihn als Kind, das sein Potenzial trotz einer diagnostizierten Hochbegabung nicht ausschöpft. Aber fragte man Luca, tönte es anders. Er sagte: «Alle sagen mir, du bist hochbegabt, aber ich hasse es, hochbegabt zu sein. Alle erwarten von mir, dass ich in vielen Dingen besser bin, weil ich hochbegabt bin. Ich bin zwar hochbegabt, aber ich weiss nicht, wie ich besser werden kann.»

    Doch auch seine Eltern waren davon betroffen, weil der Lehrer ihnen immer wieder zurückmeldete, dass sich Luca nicht genug Mühe geben würde und er alles viel besser könnte, wenn er wollte. Die Eltern verstanden dieses Feedback als Hinweis darauf, dass sie ihren Sohn zu wenig herausforderten.

    So denken viele Familien. In unserer Gesellschaft ist die Idee, Eltern sollten ihre Kinder optimieren, eine tief verankerte Überzeugung der unbedingten Ausschöpfung des Potenzials.

    Das zweischneidige Schwert der Suche nach dem Potenzial

    Doch das Wort Potenzial ist zweischneidig. Weil es ausschliesslich positiv konnotiert wird, werden die zugrunde liegenden stigmatisierenden Implikationen zu wenig berücksichtigt. Wenn wie in obigem Beispiel Luca kommuniziert wird, er würde sein Potenzial nicht ausschöpfen, wird ihm gleichzeitig rückgemeldet, dass er nicht das ist, was er sein sollte. Doch eigentlich würde sich Luca vor allem danach sehnen, gelobt zu werden, für das, was er im Moment ist oder was er im Moment gut kann. Weil er konstant mit einem «Soll-Status» verglichen wird, fühlt er sich frustriert und wird verärgert.

    Der Begriff Potenzial muss neu definiert werden. Anstatt darunter zu verstehen, dass aus dem Kind das werden soll, was man erwartet, sollten wir uns der Potenz des Kindes, seinen ihm innewohnenden Kräfte im Hier und Jetzt zuwenden. Wer dies tut und spürt, was im Kind aktuell steckt, muss sein Potenzial nicht in die Zukunft projizieren. Stellen wir uns vor, wie gut sich Luca fühlen würde, wenn seine Eltern und sein Lehrer einfach denken würden, er sei so wie er ist in Ordnung!

    Der druckfreie Blick auf Kinder erfordert Standhaftigkeit

    Doch der positive und druckfreie Blick auf Kinder ist nicht zeitgemäss. Deshalb braucht eine solche Einstellung viel Mut und Standhaftigkeit der Eltern, den Freunden, Nachbarn und Verwandten zu widerstehen, die andauernd von der Ausschöpfung des Potenzials sprechen und sie darauf verweisen, was sie alles unterlassen.

    Eltern, die versuchen, ihre Optimierungsstrategie zu mässigen, entgegnen immer wieder, sie seien die einzigen, welche ihre Kinder nicht gezielt fördern würden und das sei sehr schwierig. Dies ist mehr als nachvollziehbar! Aber wenn sie ihren Nachwuchs zu einem eigenständigen und glücklichen jungen Menschen erziehen wollen, müssen sie gewillt sein, gegen den Strom zu schwimmen. Anstatt treu dem Diktat der anderen zu folgen, sollten sie sich auf das Wesen des Kindes und sein «Recht auf den heutigen Tag einstellen» (Janusz Korczak), denn darin liegen alle Antworten.

    Wer diesen Weg wählt, wird wahrscheinlich dem Kind

    - ein Selbstbestimmungsrecht über seine Kindheit einräumen und ihm den Lead überlassen, was es interessiert und motiviert

    - ermöglichen, dass es sich an seiner Kindheit erfreuen kann und mit möglichst wenig Fremdterminen zugedeckt, dafür mit viel Platz und Zeit ausgestattet wird

    - Freude an Hobbies zugestehen, ohne es in Wettbewerbssituationen zu drängen

    - zubilligen, dass es auch durchschnittlich sein darf.

  • Ein Teil dieses Blogs ist erschienen in der Aargauer Zeitung/Nordwestschweiz, 08.12.2014, 16.

    Wir alle kennen die Sehnsucht: Das Ziehen in der Brust, das heftige und schmerzliche Verlangen nach etwas Unerfüllbarem – aber auch das Schwelgen in der Vorstellung vom grossen Glück. Sehnsucht ist eine Quelle von Lebendigkeit, aber auch ein Grund für masslose Enttäuschungen, wenn sie nicht erfüllt wird. Das beste Beispiel für die Sehnsucht als bittersüsse Zwiespältigkeit ist das Weihnachtsfest, das Fest der Liebe, der Geborgenheit und Besinnlichkeit.Ist es dann da, sieht die Realität oft anders aus, und man ist bitter enttäuscht, wenn der Haussegen wieder schief hängt. Deshalb gehört das Bedauern zur Sehnsucht wie der Schatten zum Licht.

    Sehnsucht ist ein urdeutsches Konzept. Dichter und Philosophen aller Zeiten haben ihren lustvoll-schmerzlichen Zustand in literarischen Gestalten wie Romeo und Julia, Faust und Gretchen oder Tristan und Isolde besungen. Offenbar übt die unerreichbare persönliche Utopie, die erlebte Unvollständigkeit, eine besondere Anziehungskraft auf uns aus. Sehnsucht gilt denn auch – nach Liebe und Gemütlichkeit – als drittschönstes Wort im deutschen Sprachraum.

    Es ist somit keine Frage: Sehnsucht treibt uns um. Sie bestimmt den Menschen über die gesamte Lebensspanne hinweg, von der Kindheit bis zum Tod. In der Kindheit zeigt sie sich als Heimweh, im Jugendalter als Fernweh und im Erwachsenenalter vielleicht als Utopie der Zukunft oder – mit Blick auf die Vergangenheit – als Nostalgie. Ganz unterschiedlich sind jedoch die Inhalte, welche die Sehnsucht beflügeln. Junge und jüngere Menschen sehnen sich eher nachder grossenLiebe, nach einem Kind und einem guten Beruf. Im mittleren Lebensalter ist es vor allem eine erfüllte Partnerschaft, und bei älteren Menschen sind es persönlich gefärbte Motive oder die Sehnsucht nach dem verlorenen oder einem neuen Partner.

    Die Sehnsucht gilt bis heute als wenig erforscht. Die«Sehnsuchtsforscher» sind fast an einer Hand abzuzählen: Paul Baltes*, Susanne Scheibe**, Werner Schmid*** oder Werner Gross****. Gerade deshalb interessiert unsere Forschungsstudie «Talent Scout 60+», welche die Entwicklung der Potenziale und Interessen von Menschen auf dem Weg in die Pensionierung untersucht. Im Kern zeigt sie nämlich auf, dass sich älteren Menschen um die 60 offenbar eine besondere Form von Sehnsucht eröffnet: eine starke Suche nach Optimierung, Veränderung oder Vollendung. Dieser Befund ist allerdings kaum überraschend, vielmehr hat er eine innere Logik. Heute gilt die Pensionierung nicht mehr als Anfang einer Restzeit, sondern als Start in eine neue Lebensphase, in der das Leben umgekrempelt werden kann. Sehnsucht ist deshalb Ausdruck des drängenden Wunsches nach neuen Lebensumständen, Lebensentwürfen oder auch nach Vollendung. Sie kann zum Inbegriff der Freiheit werden, nichts mehr so belassen zu müssen, wie es ist und alles neu in Bewegung setzen zu können. Sehnsucht kann deshalb auch als wichtiger Motivator verstanden werden, vielleicht auch als Strategie, um «erfolgreich» zu altern, d.h. Wege zu finden, wie der Geist die Biologie und damit Defizite und Verluste erträglich werden lassen oder überwinden kann.

    Sehnsucht speist sich aus sechs Komponenten, die auch im Portrait von Anna B. (siehe unten) aus unserer Talent Scout-Studie zum Ausdruck kommen:

    Unvollkommenheit: Das Gefühl, dass einem etwas im Leben fehlt.

    Utopie: Die persönliche Utopie, dass man etwas erreichen möchte, wahrscheinlich aber nie mehr erreichen wird.

    Gefühlsambivalenz: Ein ersehntes Ziel vor Augen haben und gleichzeitig wissen, dieses wahrscheinlich nicht zu erreichen.

    Reflexion: Ein intensives, jedoch selbstkritisches Nachdenken über das Ersehnte und das Bewerten des derzeitigen Entwicklungsstandes, oft im Vergleich zu anderen.

    Dreizeitigkeit: Das gleichzeitige Sehnen nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

    Symbolgehalt: Symbole als Stellvertreter von Sehnsuchtsobjekten (z.B. das Meer als Verkörperung der Freiheit, Unendlichkeit und Nähe zur Natur).

    Die schmerzlich-schöne Utopie eines vollkommenen Lebens kann eine Quelle der Motivation, gleichzeitig aber auch der Resignation sein. Weil Sehnsucht sowohl befreien als auch lähmen kann, wohnen ihr zwei Gefahren inne: erstens, dass sie mit der Erfüllung ihren Sinn verliert und sich in Gewohnheit verwandelt. Denn mit dem Erreichen wird das so innig Ersehnte leblos und leer. Die zweite Gefahr ist die, dass unbändige Sehnsucht ausser Kontrolle gerät, negative Folgen haben und in Melancholie oder Nostalgie umschlagen kann.

    Sowohl Erfüllung als auch Nichterfüllung können Ursachen sein, damit der Mensch aus lauter Sehnen krank wird und aus Sehnsucht Sucht entstehen kann. Dies ist zumindest eine mögliche Erklärung für die Ergebnisse aktueller Studien, wonach in der Schweiz rund jede zehnte Person über 65 eine süchtige Abhängigkeit entwickelt, nicht selten sogar erst nach der Pensionierung.

    Die entscheidende Frage ist somit die, wie wir mit Sehnsüchten umgehen. Denn trotz der beschriebenen Gefahren ist Sehnsucht unverzichtbar. Wir brauchen ihre Energie, die sie in uns freisetzen kann. Um der Sucht zu entgehen, bedarf es gemäss dem Philosophen Werner Schmid*** einer Anstrengung der bewussten Lebensführung. Sie besteht darin, den Unterschied zwischen dem Ersehnten und dem Realen zu bewältigen und dadurch die Sehnsucht derart zu mässigen, so dass sie zu unseren vorhandenen Möglichkeiten passt. Dann wird sie eine Kraft, die der Einzelne nutzen kann, um ein blockiertes Ziel zu lösen oder dem Leben eine neue Richtung zu geben. Voraussetzung ist jedoch: Man denkt über sich nach. Warum nicht gerade in der Adventszeit?

     

    Anna, B. (60+),Personalberaterin, die eigentlich gerne Musikerin geworden wäre, sagt: Ich finde es schade, dass ich in meinem Berufsleben so wenig auf Musik habe setzen können («Unvollständigkeit»). Mein Lebenstraum heute wäre, einmal in einer Formation zu spielen – aber ich befürchte, dafür bin ich zu alt («Unerreichbarkeit»). Wenn ich an meine jungen Jahre denke, wie ich an der Expo 68 Klavier gespielt habe, dann macht mich dies glücklich, gleichzeitig aber auch traurig, weil ich wahrscheinlich nie mehr dieses Niveau erreichen werde («Gefühlsambivalenz»). Heute frage ich mich häufig, wenn ich die junge und jüngere Generation sehe, was ich hätte anders machen können, um mich mehr der Musik zu widmen («Reflexion»). Als Kind hätte ich von meinen Eltern alles haben können. Das geht mir oft durch den Kopf. Deshalb ist es heute ein inniger Wunsch von mir, ein Instrument zu lernen und noch etwas Neues zu erreichen. Musik zu machen ist für mich eine kreative Energie, die ich so bisher nicht gekannt habe («Symbolgehalt»).

     

    * Baltes, P. (2008). Positionspapier: Entwurf einer Lebensspannen-Psychologie der Sehnsucht. Psychologische Rundschau, 59, 2, 77-86.http://www.sozialpsychologie.uni-frankfurt.de/wp-content/uploads/2012/10/baltes-2008-sehnsucht.pdf

    ** Scheibe, S. (2005).Longing («Sehnsucht») as a new lifespan concept: A developmental conceptualization and its measurement in adulthood.Dissertation, Freie Universität, Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie, Berlin.

    *** Schmid, W. (o.J.) Von der Bedeutung der Sehnsucht. Warum Menschen sich sehnen und warum Erfüllung so schwer ist.http://spol.ch/20jahre/wp-content/uploads/2011/04/Von-der-Bedeutung-der-Sehnsucht.pdf


    **** Gross, W. (2002). Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht. Freiburg.

     

     

     

  • erschienen in NZZ, 17.05.2018, 10.

    Besonders fleissig und gute Noten – ein solches Kind ist der Traum mancher Eltern. Ist es zudem überdurchschnittlich intelligent, dann hat es beste Aussichten auf eine besonders erfolgreiche Bildungslaufbahn. Doch in vielen Fällen sind solche Kinder nicht hochbegabt, sondern Überleister. Überleister sind junge Menschen, die mehr leisten, als man von ihnen aufgrund ihrer intellektuellen Fähigkeiten erwartet.

  • Aktuell ist die Abschaffung der Gymiprüfungen im Kanton Zürich in aller Leute Munde. Das Hauptargument der Befürworter, die im Kantonsrat eine parlamentarische Initiative eingereicht haben, ist das der verzerrten Zugangschancen und der Benachteiligung von Kindern aus weniger gebildeten und armen Familien. Das Hauptargument der Gegner betrifft die Angst vor Hunderten von zusätzlichen Schülern, welche die Gymnasien gar nicht verkraften könnten.

    Wer hat aus wissenschaftlicher Sicht ‚Recht‘? Zunächst einmal: eher die Befürworter! Für ihre Argumente spricht die Tatsache, dass der Zugang zum Gymnasium, so wie er heute im Kanton Zürich – und in verschiedenen anderen Kantonen – gestaltet ist, erkauft werden kann. Es gibt eine riesige parallelschulische Lernindustrie mit Nachhilfestunden, Lernstudios, Wochenende-Workshops etc. Das alles kostet viel Geld, weshalb Kinder aus weniger begüterten Familien ganz klar benachteiligt sind.

    Zweitens können die Befürworter damit punkten, dass auch aus wissenschaftlicher Sicht zahlreiche Argumente dafür sprechen, dass der Zugang zu den Gymnasien nicht mehr allein auf Noten abgestützt werden sollte. Noten sind in einem hohen Mass unpräzis und allein auf sie aufbauende Aufnahmeverfahren kaum mehr zeitgemäss. Deshalb sollten neue Selektionskriterien gefunden werden, welche auch Entwicklungsmöglichkeiten und Lernverhalten des Kindes unter die Lupe nehmen.

    Die Gegner argumentieren vor allem damit, dass eine Abschaffung der Gymiprüfung zur Folge hätte, dass die Gymnasien Schüler aufnehmen müssten, die nur fraglich für eine akademische Ausbildung prädestiniert wären. Dieses Argument ist falsch, weil es bereits jetzt zutrifft: Ein nicht kleiner Anteil derjenigen, die den Sprung ins Gymnasium über die Aufnahmeprüfung schaffen, ist lediglich besonders fleissig und durch das Elternhaus gefördert, verfügt jedoch nur am Rande über die traditionell für das Gymnasium erforderlichen ‚kognitiv überdurchschnittlichen’ Fähigkeiten. Das zweite Argument der Gegner ist hingegen stichhaltiger: dass die Gymiprüfung im Kanton Zürich ein gerechtes Verfahren sei. Tatsächlich hat die wissenschaftliche Überprüfung durch Urs Moser von der Universität Zürich ergeben, dass es die ‚Richtigen‘ ans Gymnasium schaffen, d.h., wer im Intelligenztest (den Moser et al. durchgeführt haben) gut abschneidet, schafft auch die Prüfung ans Gymnasium.

    Soweit so gut. Was sowohl Befürworter als auch Gegner offenbar nicht bedacht haben, ist die empirische Tatsache, dass sich Chancengerechtigkeit nicht durch die Abschaffung der Gymiprüfung ‚herstellen‘ lässt. Gut belegt ist nämlich, dass Kinder mit Migrationshintergrund und aus benachteiligten Sozialschichten eine vielfach geringere Chance haben, den Sprung ins Gymnasium zu schaffen als Kinder aus privilegierteren Sozialschichten. Somit kommen zwar die ‚Richtigen‘ ins Gymnasium, doch bleiben viele, welche genauso viel oder mehr Potenzial hätten und auch zu den ‚Richtigen‘ zu zählen wären, auf der Strecke – und dies ab Schuleintritt. Bereits hier werden nämlich die Weichen gestellt. Das Hauptproblem ist die Annahme vieler Lehrkräfte, Schüler mit Migrationshintergrund und solche aus sozial schwachen Familien seien sowieso «bildungsfern» und deshalb weniger intelligent als Kinder aus gutsituierten Familien. Deshalb sucht man bei ihnen gar nicht nach versteckten Begabungen und fördert sie auch nicht so, dass diese sichtbar werden könnten.

    Fazit

    Will man mehr Chancengerechtigkeit beim Zugang zum Gymnasium, so ist nicht die Abschaffung der Prüfung der richtige Weg. Vielmehr müsste man benachteiligten Kindern früh schon helfen, die ihnen in den Weg gestellten Hürden zu überwinden. Lehrkräfte müssten lernen, wie man ihre Potenziale erkennt, wie man diese zur Entfaltung bringt und wie man ihre Familien überzeugt, ihr Kind auf das Gymnasium schicken zu wollen. Dies alles bedingt aber vor allem Eines: eine Änderung von Haltungen und Vorurteilen, und eine solche ist nicht mit der Abschaffung der Gymiprüfung zu erreichen.

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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Telefon   +41 79 239 77 12
    +41 79 550 51 50 (Romina Zenklusen)
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