Eltern

  • Eine Replik auf das Interview in der NZZ vom 4.11.2013 zu "Das Baby gehört zu seinen Eltern" mit Rainer Böhm

    Für mehr als zwei Drittel der Kleinkinder in der Schweiz ist Fremdbetreuung ein Teil ihres Lebens. Als wichtige Errungenschaft ermöglicht sie Müttern und Vätern, Kindererziehung und Berufstätigkeit zu vereinbaren. Trotzdem machen sich viele Eltern Sorgen über die Auswirkungen, aber die wenigsten getrauen sich, offen darüber zu sprechen. Was bedeutet es, wenn der Zweijährige jeden Morgen weint, wenn er in die Krippe muss? Ist es schlimm, wenn das Kita-Personal immer wieder wechselt? 

    Es versteht sich deshalb von selbst, dass Medienberichte hierzu ein grosses Echo auslösen und die Meinungen zu den Auswirkungen von Fremdbetreuung mehr als nur gespalten sind. Das neueste Beispiel ist in derNZZ (04.11.2013, S. 44) nachzulesen. Während der Artikel von Beat Grossrieder «Der Staat als Gouvernante» (http://www.nzz.ch/wissenschaft/bildung/der-staat--die-gouvernante-1.18178625) differenziert ist, sind gewisse Antworten des Kinder- und Jugendarztes Rainer Böhm «Ein Baby gehört zu seinen Eltern»;http://www.nzz.ch/wissenschaft/bildung/ein-baby-gehoert-zu-seinen-eltern-1.18178627)meines Erachtens (zu) einseitig. Sie machen Glauben, die Forschung unterstütze ganz klar, dass Kinder unter zwei Jahren nicht in die Kita sollten.

    Leider führen solche Antworten dazu, dass die Debatte noch emotionaler und polemischer geführt wird als sie schon ist, derweil wissenschaftliche Erkenntnisse nur soweit zur Kenntnis genommen werden, wie sie in die eigene Ideologie passen. Herzstück der Auseinandersetzung sind dabei Behauptungen, wonach Krippenkinder aggressiver seien, Krippen nicht so gut sind, wie sie sein könnten und dass Kleinkinder bis zwei Jahren deshalb zu Hause betreut werden sollten.

    Ist die Krippe tatsächlich schädlich? Hierzu gibt es eine grosse Anzahl an Untersuchungen, die tendenziell sowohl ein Ja als auch ein Nein zulassen. Es gibt zwei Lager in der Forschung: Während beide in Bezug auf die intellektuelle Entwicklung zum gleichen Schluss kommen – dass sich fremdbetreute Kinder mindestens ebenso gut oder besser entwickeln als ausschliesslich zu Hause betreute – unterscheiden sie sich im Hinblick auf das Sozialverhalten. 

    Das eine Lager konstatiert, dass Krippenkinder in der Schule sozial kompetenter, selbstbewusster und durchsetzungsfähiger sind, sich weniger zaghaft verhalten und insgesamt kooperativer sind. Das andere Lager – und zu diesem gehört der oft zitierte Londoner Kinderpsychologe Jay Belsky – berichtet von Verhaltensschwierigkeiten und Bindungsstörungen. Demnach können Krippenkinder auch unhöflicher, ungestümer, gereizter und aggressiver werden.

    Relativ eindeutig sind die Erkenntnisse im Hinblick auf die Frage des Betreuungsumfangs. Demnach profitieren Kinder am meisten vom Kita-Besuch, wenn ein zu hoher Betreuungsumfang in den ersten zwei bis drei Lebensjahren vermieden wird. Als besonders ungünstig erweisen sich dabei instabile Betreuungsmuster, d.h., wenn Erzieherinnen in Kitas häufig wechseln. Inwiefern kleine Kinder tatsächlich vom Kita-Besuch profitieren, hängt in hohem Mass von den Beziehungen ab, welche die Erzieherinnen und Erzieher zu den Kindern aufbauen, damit sie zu einer Bezugsperson für das Kind werden können. Wenn jedoch diese Beziehungsqualität nicht stimmt, dann kann eine Kita tatsächlich negative Auswirkungen haben.

    Heute wissen wir zudem, dass qualitativ gute Kitas gerade für bildungsbenachteiligte Kinder und ihre Familien langfristig gesehen grosse und positive Effekte auf die kindliche Entwicklung haben können. Aber auch hier gilt selbstverständlich, dass der Betreuungsumfang moderat sein muss. Problematisch ist allerdings die Tatsache, dass solche Kinder oft gar keine Kita besuchen, weshalb sie auch nicht davon profitieren können. Deshalb können wir heute nicht davon ausgehen, dass frühe Förderung in Kitas kompensatorisch – d.h. chancenausgleichend – wirken kann.

    Zusammengenommen schadet die Krippe dem Kleinkind nicht, aber sie kann ein Risiko sein – nicht mehr und nicht weniger. Kinder, die sicher an ihre Eltern gebunden sind, ein Urvertrauen entwickelt haben und sorgfältig eingewöhnt wurden, leiden kaum an einer zeitweiligen, d.h. moderaten, Abwesenheit der Eltern. Wenn die ausserhäusliche Betreuung qualitativ gut ist und nicht zu häufig wechselt, dann können Kleinkinder – auch unter Zweijährige – von ihr profitieren. Und dann fühlen sie sich mit Sicherheit in der Kita auch wohl.

     

  • «Mein Sohn Damian ist mein bester Freund.» Dies war die Antwort von Sylvie Meis (ehemals van der Vaart) in der deutschen BILD-Zeitung auf die Frage, was ihr denn in der schweren Zeit nach der Trennung von ihrem Ehemann, dem Profi-Fussballer Rafael van der Vaart, Kraft gäbe. Sylvie Meis hat damit vielen aus dem Herzen gesprochen: Partner kommen und gehen, das jedoch Kind bleibt. Deshalb setzen viele Eltern auf eine partnerschaftliche Erziehung. 

    Ist dies nicht eine optimale Errungenschaft unserer modernen Gesellschaft? Ausdruck dessen, dass es unseren Kindern besser denn je geht und dass sie nicht mehr unterdrückt werden? Tatsächlich mangelt es vielen von ihnen an kaum etwas: Kinder haben Rechte und gelten als selbstbestimmte Persönlichkeiten. Sie werden geliebt und Tag und Nacht von umsichtigen Vätern und Müttern umsorgt. Kinder entscheiden mit, sei es in der Familie, in der Schule oder in der Freizeit.

    In der Tat sind das Aspekte einer positiven pädagogischen und gesellschaftlichen Entwicklung. Keiner von uns möchte zur so genannten«schwarzen Pädagogik» zurück. Zum Beispiel zum Struwwelpeter, mit dem uns unsere Eltern drohten oder zum Teppichklopfer als Mahnmal elterlicher Autorität. Doch der Trend zum partnerschaftlichen Erziehungsstil ist trotzdem aus mindestens zwei Gründen hoch problematisch

    • Weil eine solche Erziehung die Tendenz hat, die Kindheit abzuschaffen. Väter und Mütter, welche den Nachwuchs als «Freunde» betrachten, formen ihn bereits im Babyalter immer mehr zu kleinen, partnerschaftlichen Erwachsenen. Schon kleine Mädchen und Knaben halten sich heute in Nobelrestaurants ganz selbstverständlich auf, gehen mit zur Eltern-Tanzstunde oder fliegen schon mal als Fünfjährige alleine nach New York. Eltern sind stolz auf ihre frühreifen kleinen Könige.
    • Weil damit eine massive Überforderung der Kinder einhergeht. Sie werden in eine Rolle gedrängt, die sie gar nicht erfüllen können. Denn Kinder werden nicht als fertig entwickelte Wesen – oder gar als kleine Persönlichkeiten – geboren. Deshalb meint «Er-Ziehung» auch eine von Erziehungsnormen geleitete Einübung in all die Kompetenzen, welche unsere Kultur bei mündigen Bürgern voraussetzt.

    Das partnerschaftliche Erziehungsmodell ist deshalb das ungeeignetste Mittel überhaupt. Eltern, die ihrem Kind ab Geburt Autonomie und unbegrenzte Selbstverwirklichung zugestehen, die es schon mit drei Jahren selbst entscheiden lassen, was gut für es ist und die sogar Erwachsenenthemen (oder Partnerprobleme) mit ihm besprechen, identifizieren sich zu stark mit ihm. Erziehung verlangt Distanz und bewusste Abgrenzung. Dies hat nichts mit autoritärer Erziehung zu tun, sondern mit der Schaffung des notwendigen Fundaments, welches das Kind für eine gesunde psychische Entwicklung. Braucht.

    Viele Eltern unterliegen dem Irrglauben, ihr Kind würde sich von selbst gut entwickeln, wenn es ihm materiell gut geht und es partnerschaftlich auf Augenhöhe erzogen werde. Leider ist diese Vorstellung falsch. Es braucht Eltern, die sich vom Kind abgrenzen und sich als Erziehende verstehen. Nur auf diese Weise können sie ihm zeigen, wie man emotionale, charakterliche, soziale, intellektuelle und lebenspraktische Kompetenzen erwirbt. Hierzu sind Regeln und Strukturen nötig, die den Kindern abverlangt und mit ihnen immer wieder eingeübt werden. Dazu gehören alltägliche Abläufe – etwa, dass und wie man sich alleine anziehen lernt, den Tisch abräumt, ein Bettritual einhält, den Schulsack packt. Dazu gehört aber auch, wie man lernt stillzusitzen, zuzuhören, zu warten, bis man etwas bekommt oder zu lernen, sich für etwas anzustrengen. Die psychischen Voraussetzungen für erfolgreiches schulisches Lernen, also eine adäquate Lernhaltung zu erwerben, müssen im Elternhaus eingeübt werden und nicht in der Kita, im Kindergarten oder gar in der Schule. Aber dies kann aber nicht durch einen partnerschaftlichen Erziehungsstil geschehen.

    Selbstverständlich wollen die meisten Eltern das Beste für ihr Kind. Aber sie sind sich oft kaum bewusst, dass sie mit ihrem partnerschaftlichen Erziehungsstil ihr Kind wie einen kleinen König behandeln, um den sich die ganze Welt dreht. Logischerweise ist es für solche Kinder spätestens beim Kindergarteneintritt selbstverständlich, dass sie nicht nur die Familie, sondern auch die ganze Welt steuern können. Es verwundert somit kaum, wenn sie gegen alles rebellieren, dauernd schlecht gelaunt sind und nichts gut finden. In einer solchen Situation bringen auch Erklärungs- und Aushandlungsversuche der Eltern wenig. Die Psyche solcher Kinder ist in einem dauernden Überforderungszustand.

    Partnerschaftliche Erziehung überfordert auch die Eltern: Denn immer mehr Energie aufbringen zu müssen und sich dabei förmlich zu zerreissen, um das Kind zufrieden zu sehen, sprengt die elterlichen Kapazitäten. Deshalb tendieren solche Eltern oft dazu, das Verhalten des Sprösslings als krank zu empfinden und nach entsprechenden Symptomen zu suchen. Dies erklärt sich unter anderem durch die auffallende Häufung von Störungen wie ADHS, Dyskalkulie oder Legasthenie. Ein Gang zum Experten dient dann als hilfreiche Bestätigung der bereits selbst gestellten Diagnose. Und wenn dieser Experte ihre Vorschläge nicht goutiert, wird er eben ausgewechselt – bis einer gefunden ist, der die eigene Vorstellung teilt.

    Für partnerschaftlich erzogene Kinder setzt sich dieser Teufelskreis in der Schule fort: Beschwert sich die Lehrkraft beispielsweise über das unangepasste oder vorlaute Verhalten des Kindes, empfinden die Eltern diese Lehrkraft schnell einmal als reaktionär und reagieren mit einer Klage oder gar einem Rekurs bei der Schulleitung. Damit jedoch schaden sie sich selbst. Denn der einzige Weg, vom überfordernden partnerschaftlichen Erziehungsstil wegzukommen wäre, den Blick auf den eigenen Umgang mit ihm dem Kind zu richten und einzusehen, dass es kaum die partnerschaftlichen Erziehungsstrukturen sind, welche Ordnung bieten und den überfordernden Druck vom Kind nehmen.

    Was könnte man tun, um den partnerschaftlichen Erziehungsstil zu überwinden? Sicher nicht, indem man Kinder einfach strenger erzieht oder wieder mehr Autorität einführt. Vielmehr sollten Eltern ein Bewusstsein entwickeln, sich anders zu verhalten: als eigenständige Erwachsene, die ihrem Kind zwar Herzenswärme und Liebe schenken, seine Autonomie in kleinen Schritten entwickeln helfen, insgesamt jedoch klare Regeln und Normen setzen und diese immer wieder mit ihm einüben.

    Auf einer solchen Grundlage kann die Partnerschaftlichkeit gut etwas warten. Ab der Pubertät ist sie dann jedoch  sehr wichtig. Das zeigt: Auch Erziehung ist Entwicklung. Eltern müssen bereit werden, sich in ihrem Erziehungsstil zu verändern. Kleine Kinder brauchen eine andere Führung der Eltern als grössere Kinder.

  • erschienen in der Aargauer Zeitung/Nordwestschweiz, 3. August 2015

     

    Wählen gehen, eine rechtsgültige Unterschrift haben, Auto fahren, starke alkoholische Getränke konsumieren: All dies dürfen Jugendliche ab 18 Jahren, weil sie volljährig sind. Nur heisst das nicht, dass sie dann erwachsen sind. Die Pubertät hört bei vielen erst in den Zwanzigern auf. 25 ist heute das neue 18. Junge Erwachsene haben es nicht gerade eilig, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und schieben deshalb das Erwachsen-Werden immer weiter nach hinten.

    Warum ist dem so? Weshalb bleiben immer mehr junge Menschen als Nesthocker bei den Eltern wohnen? Dafür gibt es einige gewichtige Gründe: Immer mehr junge Erwachsene absolvieren längere Ausbildungen, so dass sie von den Eltern finanziell abhängig bleiben. Zudem haben viele von ihnen diffuse Berufs- oder Studienziele, weshalb sie sich möglichst lange alle Optionen offenlassen wollen. Doch gibt es auch andere Gründe, die ebenso ernst zu nehmen sind, und das ist in erster Linie die neue Kultur der Überfürsorglichkeit in der Familie. Kinder wachsen heute bereits ab dem frühesten Kindesalter überbeschützt auf. Noch mit 10, 11 Jahren räumen ihnen die Eltern alle Hindernisse aus dem Weg oder lassen sie nie alleine losziehen. Auch wenn der Nachwuchs bereits 14 oder 15 ist, schweben Mami und Pappi immer noch wie Helikopter über ihnen, um bei jeder kleinsten Schwierigkeit einzugreifen und sie vom wahren Leben abzuschirmen.

    Dahinter steckt eine Tragik: Zwar wollen die allermeisten Eltern nur das Beste für ihren Nachwuchs, und das ist vor allem Schulerfolg. Und sie wollen ihre Kinder glücklich machen. Leider ist das eine falsche Idee. Denn Erfolg und Glück sind abhängig vom Streben, herausfordernde Ziele mit eigener Initiative, Autonomie und der Überwindung von Hindernissen zu erreichen. Mit ihrer Überfürsorglichkeit erreichen Eltern deshalb eher das Gegenteil, nämlich dass sich ihre Söhne und Töchter schwer damit tun, Unabhängigkeit und Selbstvertrauen zu entwickeln. Deshalb werden sie bei den kleinsten Schwierigkeiten aus der Bahn geworfen, wenn sie nicht von den Eltern unterstützt werden. Dass dem so ist, sind sich viele Fachleute einig, welche mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Und auch die Forschung schlägt Alarm, dass die besorgniserregende Zunahme an Depressionen, Ängsten, Panikattacken oder des relativ neuen Rauschtrinkens Wege sind, um das Leben zu bewältigen.

    Nur wäre es falsch, die Eltern allein für diese Situation verantwortlich zu machen. Genauso ist es unsere gesellschaftliche Angstkultur, welche Vätern und Müttern dauernd einredet, wie gefährlich und grausam die Welt sei und wie sehr sie deshalb ihre Sprösslinge beschützen müssten. Die Statistik spricht jedoch eine ganz andere Sprache: Kinder und Jugendliche konnten noch nie so sicher aufwachsen wie heute. Es gibt also gar keinen objektiven Grund, den Nachwuchs länger zu behüten.

    Natürlich kann man sich nicht über Nacht unabhängige Söhne und Töchter schaffen. Kinder werden nicht volljährig und dadurch automatisch unabhängig. Eltern müssen sie schrittweise dazu führen. Indem sie ihrem Kind erstens schon früh ermöglichen, Dinge alleine zu tun, seine Probleme nicht selbst lösen und dabei Vertrauen haben, dass es dies auch kann. Indem sie es zweitens auch negative Erfahrungen und Fehler machen lassen. Dazu gehört das Vertrauen in die Erkenntnis, dass die Welt dadurch nicht untergeht. Und drittens sollten sie ihrem Kind zeigen, dass es in Ordnung ist, sich manchmal auch schlecht zu fühlen. Der Mensch lernt durch Erfahrung und vor allem auch durch schlechte Erfahrung.

    Bis dahin scheint aber noch ein weiter Weg zu sein. Unsere Gesellschaft infantilisiert junge Menschen immer mehr. Jüngstes Beispiel ist das gut gemeinte Angebot «Uni für Eltern» der Universität Basel, das Vätern und Müttern an Elternabenden alle erdenklichen Informationen geben will. Dagegen wäre grundsätzlich kaum etwas einzuwenden. Doch verstärken solche Angebote unbeabsichtigt die Tendenz von Eltern, sich auch noch als Karriere-Coach des bereits erwachsenen Nachwuchses zu verstehen. Hätte dieses Angebot tatsächlich zur Folge, dass sich Studentenkinder auch noch an die Universität begleiten lassen – dann wünschte ich mir eine neue Rebellion der Jugend!

  • «Ich habe gar nicht gewusst, dass ein Studium so viel mit Wissenschaft zu tun hat.» Dies hat mir kürzlich eine Studentin nach einem Seminar gestanden. Und unter vorgehaltener Hand hat sie nachgeschoben, dass sie ein Studium eigentlich auch gar nicht interessiere und sie nur den Eltern zuliebe damit begonnen habe.

    Natürlich wäre es ein Leichtes, solche Aussagen einfach als indirektes Produkt überehrgeiziger Eltern und zu uninteressierter, aber angepasster Jugendlicher abzutun. Richtig ist zwar, dass viele Jugendliche heute fast etwas wie ein Spielball ihrer Väter und Mütter geworden sind und in erster Linie das tun, was sie wünschen. Dieser enorme Elterneinfluss kommt auch in den neuerdings an vielen Universitäten eingerichteten Angeboten zum Ausdruck, die sich vor allem an die Eltern neuer Studierender richten. An der Uni Basel heisst dieses Angebot «Uni für Eltern».

    Aber eigentlich geht es bei der Aussage der Studentin um etwas viel Umfassenderes: um die Persönlichkeitsentwicklung. Mit dem Bologna-System ist sie leider ad-acta gelegt, zumindest jedoch sehr erschwert worden. Zwar gab es auch früher schon überbehütete Maturandinnen und Maturanden. Aber im Lizentiats-Studiensystem hatten sie noch die Möglichkeit, sich ganz auf das Studium einzulassen, sich vom Elternhaus zu distanzieren und das zu studieren, was sie interessierte. Es ging nicht um den schnellen Abschluss, um x-Prüfungen pro Semester und Leistungsnachweise, die bestanden werden mussten, um dann abgehakt werden zu können. Das Studium war vielmehr ein Lebensabschnitt, der mit Abnabelung, selbstständig werden und Kompetenzerwerb verbunden wurde. Viele der heutigen Studentinnen und Studenten hätten eigentlich ebenfalls solche Interessen und Ziele. Aber das durchgetaktete Bologna-System erlaubt deren Umsetzung fast nicht mehr. 1 ECTS wird nun mal ohne Wenn und Aber mit 30 Arbeitsstunden gleichgesetzt, und nach jeder Vorlesung und jedem Seminar kommen ein Leistungsnachweis oder eine Prüfung dazu, die zudem an rigide Präsenzpflichten geknüpft sind. Zudem muss man die Bachelorarbeit meistens in einer bestimmten Zeit – in einem oder zwei Semestern – durchbringen. Jede Prüfung kann in der Regel zweimal wiederholt werden, und die Rekursmöglichkeiten sind grosszügig geworden. Weshalb sollen sich Studentinnen und Studenten somit um persönliche Ziele, Werte, Interessen etc. bemühen, wenn alles derart vorprogrammiert, instrumentalisiert, ritualisiert und gespurt ist? Erwachsenwerden muss anderswo stattfinden, an der Uni ist kaum Platz dafür.

    Bologna ist Realität, und daran kann man nichts mehr ändern. Deshalb soll man das Glas auch als halbvoll ansehen. Es gibt auch viel Gutes an Bologna, beispielsweise die Möglichkeit, den Master unabhängig vom Bachelor-Studium zu machen. Master-Studierende sind freiwillig an der Uni und nicht mehr wie noch zu Lizentiatszeiten aus äusserem Zwang. Das macht das Unterrichten besonders schön und interessant.

    Trotzdem bin ich überzeugt: Viele führt das instrumentalisierte Bologna-Studium in eine falsche Richtung mit falschen Erwartungen. Die Anzahl der Studierenden, die weder im Kopf noch im Herz Akademikerin oder Akademiker werden wollen, steigt. Diese jungen Menschen wären an einer Fachhochschule oder einer Höheren Fachschule besser aufgehoben. Ich kenne (zu) viele, die vor allem studieren, weil es zum guten Ton gehört und ihre Eltern dies wünschen. Es erstaunt somit kaum, wenn der Anteil der kaum an Wissenschaft interessierten Studierenden steigt, aber auch der Anteil, der lieber praktisch arbeiten möchte. Denn wenn das vordringliche Ziel, das ein nicht kleiner Teil der Studierenden heute anpeilt, lediglich das Bachelor- oder das Master-Diplom ist, dann geht es wahrscheinlich bei vielen – vor allem bei den Studierenden aus ehrgeizigem Elternhaus – darum, die Pflichten erledigt zu haben. Sie haben damit den Vätern und Müttern Genüge getan, die unbedingt ein «studiertes» Kind haben wollen, um im sozialen Vergleich mit Nachbaren und Freunden bestehen zu können.

    Wir müssten somit weniger auf den Studierenden selbst herumhaken, die unumwunden zugeben, dass sie im Studium vor allem Punkte abholen, sondern eher ihren Eltern ins Gewissen reden.

  • erschienen in: NZZ am Sonntag, 31.03.2019

     

    «Ein Land mit Kindern ist ein Land mit Zukunft.» Mit diesem Satz hat kürzlich ein Politiker sein Plädoyer für eine bessere Familienpolitik beendet. Gleichentags las ich in einer Zeitung unter dem Titel «No Kids please!» einen Beitrag zum Trend von immer mehr Restaurants, Kinder auszusperren. Solche Gegensätze sind ein seltsamer Ausdruck unserer Gesellschaft, zunehmend Menschengruppen voneinander zu trennen, während alle Welt sich mit Begriffen wie Diversität oder Generationenhäusern schmückt.

    Weshalb wachsen Kinder heute so grenzenlos auf?

    Zwar kann man Kinder als unsere Zukunft bezeichnen, trotzdem haben sie auch einen schlechten Ruf. Die Forderung nach kinderfreien Zonen ist deshalb ein heisses Eisen. Die Meinungen sind geteilt, doch läuft mit Sicherheit etwas falsch, wenn ein Kind mit Schokofingern die Sitzbank des Restaurants verschmiert. Insbesondere dann, wenn die Eltern nicht einschreiten und so tun, als ob diese Kleckerei die normalste Sache der Welt sei. Greifen Restaurant-Betreiber ein, dann wahrscheinlich kaum, weil sie Kinderhasser sind, sondern weil sie Schaden abwenden wollen.

    Leider ist das Thema der kinderfreien Zonen eine Arena geworden, in der vor allem moralisiert wird. Diese Moralisierung verhindert, dass die vielleicht wichtigste Frage unberücksichtigt bleibt: Weshalb wachsen Kinder heute so grenzenlos auf? Warum erlauben ihnen die Eltern, sich überall frei zu entfalten und ihre Bedürfnisse kund zu tun?

    Erziehung als kommunikative Anregung zur Selbsterziehung

    Erstens, weil sich das Bild des Kindes enorm gewandelt hat. Galt es bis in die 90er Jahren als widerstands- und anpassungsfähig, überwiegt heute seine Verletzlichkeit, weshalb es keinen Enttäuschungen oder Konflikten ausgesetzt werden soll. Parallel dazu hat der Begriff vom «Vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt» im pädagogischen Feld und in den Köpfen vieler Eltern Einzug gehalten. Erziehung wird deshalb nicht mehr so sehr als Einwirkung, sondern als kommunikative Anregung und Herausforderung zur Selbsterziehung verstanden und praktiziert.

    Gegenüber den angstbesetzten Beziehungsstrukturen früherer Generationen ist das ein grosser Fortschritt, denn autoritäre Eltern hätten dem kleinen Schokofinger im Restaurant vermutlich sofort eins hinter die Ohren verpasst. Doch der Trend zum Verhandlungshaushalt hat Einiges ins Gegenteil verkehrt, so dass sich viele Eltern nur noch als «Flugbegleiter» (Jesper Juul) verstehen, das Kind zum kleinen König machen und sich kaum mehr getrauen, es zu er-ziehen und dadurch eine Distanz zu ihm herzustellen.

    Der zweite Grund liegt in den Familienstrukturen. Partner kommen und gehen, das Kind bleibt. Es ist sogar das einzig Stabile, das Kontinuität über das ganze Leben verspricht, wie dies beim Partner möglicherweise nicht der Fall ist. Das Kind wird zum Glückserfüller, von dem Eltern abhängig werden. Gleichzeitig machen sie sich Sorgen, ihre Disziplinierungsmassnahmen könnten negative Auswirkungen haben und dazu führen, dass sie seine Liebe verlieren. Deshalb betrachten sie es als verlängerten Arm von sich selbst und tun alles dafür, dass das so bleibt.

    Kinder gehören auch in ein Restaurant - damit sie Regeln und Normen kennenlernen

    Doch schon Friedrich Schleiermacher hat gesagt, dass nicht nur Behütung und Unterstützung wichtige Komponenten einer guten Erziehung sind, sondern auch die «Gegenwirkung». Heute nennt man das autoritative Erziehung. Sie zeichnet sich durch Liebe, Wertschätzung und Achtung aus, aber ebenso durch die Vorgabe von Regeln und eine klare Trennung zwischen Erwachsenen- und Kinderebene. Ist die Aussperrtaktik von Restaurants deshalb nicht auch ein Schlag ins Gesicht der Eltern, welche ihre Kinder so erziehen?

    Bei allem Verständnis für Gastronomen: Kinder gehören auch in ein Restaurant. Teil der Erziehung ist es, dass sie an verschiedenen Orten sozialisiert werden, also nicht nur zu Hause oder in Kita, Kindergarten und Schule, sondern auch in der Arztpraxis, im Museum, im Bus – und auch im Restaurant. Kinder sollen die Regeln und Normen kennenlernen, welche an diesen unterschiedlichen Orten gelten. Deshalb wäre der kleine Schokofinger sofort, aber liebevoll in seinem Tatendrang unterbunden worden und die Eltern hätten sich beim Restaurantbetreiber entschuldigt. Zu Hause würde der Knirps dann nicht einfach in einen der boomenden Knigge-Kurse geschickt, sondern mit ihm der nächste Besuch so vorbereitet und eingeübt, dass er nun weiss, was im Restaurant gilt und was sich vom häuslichen Wohnzimmer unterscheidet.

    Eltern dürfen ihre Kinder uneingeschränkt toll finden, aber sie sollen ihnen Regeln mit auf den Weg geben, die immer und überall oder auch nur an spezifischen Orten gelten. Dann müsste es nicht harzen, wenn mehrere Generationen oder Fraktionen unterschiedlicher Lebenseinstellungen zusammentreffen.

  • erschienen in : Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 06.05.2024, 2.


    Ein Vater schaut im Bus auf sein Smartphone, während ihm sein Baby ein zermatschtes Brötli hinstreckt und seinen Blick sucht. Vergeblich. Ein kleines Kind quengelt im Restaurant, sofort zücken Mama und Papa ihr Handy. Stille kehrt ein, das Kind schaut behext auf das Gerät und versinkt in der digitalen Welt.

    Die Digitalisierung verändert Kommunikationskulturen. Das hat positive Seiten: Alltag und Berufstätigkeit organisieren, mit Freunden vernetzt bleiben oder sich über Apps informieren. Doch der hohe Medienkonsum Erwachsener kann für den Nachwuchs negative Auswirkungen haben. Dies belegen inzwischen manche Studien.

    Eltern als Vorbilder für Mediennutzung

    Ab Geburt sind Väter und Mütter die wichtigsten Bindungspersonen für ihren Sprössling. Sie werden auch zu Vorbildern für den Erwerb des Wortschatzes und die Mediennutzung. Damit ein Baby eine sichere Bindung aufbauen kann, braucht es ihre präsente Verfügbarkeit. Einige Eltern interpretieren dies so, dass das Baby im Tragetuch ja in einem engen körperlichen online-Modus sei. «Attachment Parenting» heisst dies in der Wissenschaft.

    Das Smartphone als Suchtfaktor

    Attachment Parenting ist eine gute Sache, aber in dieser Hinsicht ein Trugschluss. Ein Kleinkind braucht die Nähe zu Mama und Papa nicht nur körperlich, sondern auch durch direkten Blickkontakt und Sprache. Wer auf dem Spaziergang trotz Tragetuch dauernd aufs Smartphone starrt, gibt dem Kind zu wenig Nahrung für seine fundamentalen Bedürfnisse. So erlebt es weder eine Bindungsbeziehung noch wird sein Wortschatz angeregt. Bevor Kleinkinder überhaupt sprechen können, müssen sie mindestens 46 Mal einen Begriff gehört und von den Lippen abgelesen haben, damit sie ihn in ihren Wortschatz aufnehmen können. Das ist Lernen durch Vorbild und Nachahmung.

    Gleiches gilt für Erwachsene als Social Media-Modelle. Unbewusst lernen die Kleinen, wie schwer es Mama und Papa fällt, das Gerät für eine kurze Zeit zur Seite zu legen. Sobald nichts läuft, greifen sie automatisch nach ihm. Dafür steht der Begriff «Phubbing». Gemeint ist damit die Angewohnheit, sich mit dem Handy zu beschäftigen, während die Menschen, mit denen man gerade gesellschaftlich verkehrt, vernachlässigt werden. Das Smartphone wird zum Suchtfaktor.

    Wenige Normen zur Entschärfung der Problematik

    Was tun vor diesem Hintergrund? Zunächst einmal selbstkritisch erkennen können, dass das eigene digitale Verhalten die Entwicklung der Kinder beeinflusst. Ob man will oder nicht, Eltern – genauso andere Erwachsene – sind Modelle für die digitale Mediennutzung und sprachliche Entwicklung der Kinder.

    Schon wenige Normen können das Smartphone als Babysitter in seiner Wirkung etwas entschärfen. Erstens sollen Kinder möglichst lange kein eigenes Handy haben. Wer seinem Kind ein Smartphone zum Schuleintritt schenkt, nimmt die Verantwortung nicht wahr. Doch ab der Adoleszenz garantiert seine Verbannung aus dem Alltag keine heile Welt. Junge Menschen werden zu Seismografen, wie sie sich wann, wie und wo Zugang zum Handy verschaffen können. Zweitens braucht jede verantwortungsvolle Medienerziehung klare Regeln. Etwa so: Niemand am familiären Esstisch, im Restaurant oder beim gemeinsamen Spielen nutzt das Gerät. Das gilt auch für beruflich stark engagierte Väter und Mütter, die genau in solchen Momenten einen Team Call erwarten. Auch Schulen sollen klare Normen und Regeln entwickeln – manche haben dies bereits getan.

    Eine nationale Kampagne

    Und schliesslich braucht es eine nationale Kampagne zur grundsätzlichen Mediennutzung. Politik und Medien stehen in der Pflicht, den problematischen Umgang mit dem Handy und die heikle Rolle von Elternhaus und Schule zum Thema zu machen. Aber nicht als Bashing. Ob sich hingegen ein nationales Handy-Verbot für unter Vierzehnjährige durchsetzen liesse, wie neuerdings gefordert wird, ist zu bezweifeln. Die Überprüfung des Alters der User würde Anbieter viel Geld kosten.

    Mein neuer Podcast «Education to go» diskutiert aktuelle Bildungs- und Erziehungsthemen. Die nächste Episode erscheint am 17. Mai 2024. Hörbar auf allen Podcast Portalen. 

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 06.02.2017, 16.

     

    Wir sind Spitze! In keinem anderen Bereich hat die Schweiz in Wettbewerben so viele Medaillen gewonnen wie in der Berufsbildung. Und kürzlich war es wieder so weit: Unsere Delegation holte in Göteborg den Europameistertitel in der Nationenwertung. Was für eine Genugtuung für die Berufsbildung, welche mit Attraktivitätsproblemen und Schwierigkeiten zu kämpfen hat, gute Lehrlinge zu finden!

    Umso mehr erstaunt, dass Berufsmeisterschaften so selten als Ausbildungselemente auf dem Weg zur beruflichen Karriere genutzt werden und Lehrlinge sie sehr oft gar nicht kennen. Auch Fachleute der Berufsbildung wissen wenig über diese Praktikerelite: Was steckt eigentlich hinter Medaillengewinnern? Wie wird man so erfolgreich? Sind sie einfach kluge Köpfe mit goldenen Händen? Solchen Fragen sind wir in Studie nachgegangen, die übermorgen veröffentlicht wird.

    Schulnoten sagen eben wenig über das Entwicklungspotenzial aus

    Talent ist nicht angeboren, dies ist das wichtigste Ergebnis der Untersuchung. Wer es an die Spitze seiner Berufsbranche schafft, istin der obligatorischen Schule längst nicht immer ein guter Schüler gewesen.Drei Viertel waren lediglich mittelmässig oder gar schlecht und dazu oft noch faul. Und viele können auch mit keinem hohen Schulabschluss punkten. Vierzig Prozent haben nur einen mittleren, zwanzig Prozent sogar einen niedrigen Abschluss, also einen der Realschule. Solche Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf die vielen Klagen von Betrieben, sie würden nicht genügend «gute» Lehrlinge finden. Schulnoten oder ein hoher Schulabschluss sagen eben wenig über das Entwicklungspotenzial aus, das in einem jungen Menschen steckt. Unsere Medaillengewinner sind das beste Beispiel dafür, dass die Berufslehre für viele nicht nur zur zweiten Chance geworden ist, sondern auch zu Leistungsexplosionen geführt hat. Aber nur, weil ihnen die Betriebe überhaupt eine Chance gegeben haben!

    Medaillengewinner sind nicht einfach Glückspilze

    Sind die Medaillengewinner somit Glückspilze, denen alles in die Wiege gelegt worden ist? Wer so denkt, liegt vollkommen falsch. Der Weg zur Praktikerelite ist enorm zeitintensiv, entbehrungsreich und erfordert ein hohes persönliches Engagement. Dies steht in einem deutlichen Gegensatz zu dem, was man über «die heutige Jugend» liest. Verwöhnt, konfliktscheu, opportunistisch und flatterhaft sei sie. Solche Vorurteile sind unfair, weil viel zu einseitig. Vier Fünftel unserer Erstplatzierten haben sich auch an den Wochenenden vorbereitet, teilweise deshalb, weil der Betrieb hierfür kein Zeitfenster zur Verfügung stellte. Sie haben auf Freizeit verzichtet, Ferientage oder sogar unbezahlte Ferien bezogen. Doch hinter jeder Medaille steckt auch ein unterstützendes Umfeld, vom Lehrbetrieb über die Berufsfachschule bis hin zu den Experten. Aber die wichtigste Stütze – und dies ist erstaunlich – ist das Elternhaus – die Mutter sogar mehr als der Vater. Auch jenseits des Jugendalters ist der Rat der Eltern am wichtigsten.

    57 Prozent der Medaillengewinner sind beruflich markant aufgestiegen

    Diese Erkenntnis ist für die Attraktivitätsproblematik der Berufsbildung bedeutsam. Zwar wissen wir schon lange, dass die Eltern bei der Berufswahl die heimlichen strategischen Meinungsmacher sind – auch hier wiederum in erster Linie die Mütter – und bereits in der fünften Klasse entscheiden, ob die Berufslehre oder das Gymnasium das Tor zur Berufskarriere werden soll. Unsere Ergebnisse sollten Väter und Mütter deshalb besonders ansprechen: Wer eine Lehre macht und sich dann auf eine Berufsmeisterschaft konzentriert, hat die Karriere auf sicher. 57 Prozent der Medaillengewinner sind beruflich markant aufgestiegen und zur Hälfte bereits in einer Leitungsposition, mehr als 80 Prozent haben Weiterbildungen in Angriff genommen, und fast alle bezeichnen sich selbst als Vorbild für die junge Generation.

    Berufswettbewerbe sind ein besonders wichtiges Instrument für die Förderung der Praktikerelite. Aber solche Massnahmen greifen nur, wenn sie in ein Talentmanagement eingebettet werden, also in die frühe, systematische Suche und gezielte Förderung von Potenzialen – unter Einbezug des Elternhauses. Weil Potenziale jedoch oft verborgen und kaum lediglich an Noten erkennbar sind, kommt jede PR-Massnahme zur Attraktivitätssteigerung nicht um einen Perspektivenwechsel herum: weg vom Blick auf die Schwächen, hin zur Suche nach Stärken! 

  • In der Erziehung und Förderung des Nachwuchses stellt unsere Gesellschaft die Eltern unter einen enormen Vollkommenheitsdruck: Sie sollen das Kind als Persönlichkeit mit eigenständigen Bedürfnissen und Ansprüchen verstehen, ihm umfassende Liebe entgegen bringen, seine Bedürfnisse immer auf den ersten Platz setzen und das Kind nicht unnötig einschränken. In der Wissenschaft spricht man deshalb auch von der «Sentimentalisierung der Kindheit»*. Caroline Thompson nennt sie gar eine «sentimentale Revolution». Hinter diesem Phänomen steckt ein Paradigmawechsel, der Kindheit und Elternschaft in historisch einzigartiger Weise verherrlicht. War die Verherrlichung des Kindes im späten 19. und vor allem im 20.Jahrhundert noch auf eine kleine Gruppe nicht berufstätiger, bürgerlicher Mütter beschränkt gewesen, so trifft dies heute für weite Kreise der Gesellschaft zu und bildet die Grundlage einer modernen Definition von Elternschaft.

    Der kompetente Säugling als Persönlichkeit

    Seitdem die Kindheit entdeckt worden ist, sind Kinder immer wieder in unterschiedlichen Bildern portraitiert worden. Bestimmt vom jeweiligen Zeitgeist widerspiegeln sie in der Regel das, was Wissenschaft und Gesellschaft als zentral erachten. Das Bild des kompetenten Säuglings respektive des kompetenten Kindes passt deshalb bestens zu unserer heutigen Gesellschaft**. Dieses Bild hat sich im Verlaufe der späteren 1990er Jahre einen Eingang in die Köpfe der Mittel- und Oberschicht verschafft. Hinter dem Begriff steckt die Überzeugung, dass bereits Säuglinge Persönlichkeiten sind, die als kompetente Kinder und nicht als unfertige Wesen auf die Welt kommen. Diese Kompetenz muss ihnen nicht erst durch Erziehung, d.h. durch die Eltern oder durch andere Erwachsene, beigebracht werden. Infolgedessen wird auch fast unhinterfragt vorausgesetzt, dass sich ein kompetentes Kind bereits früh auf die Separation von den Eltern einstellen kann und in der Lage ist, sich mit geringen Schwierigkeiten an Babysitter, Kitas, Tagesmütter etc. anzupassen.

    Nicht kompetent, aber lernfähig

    In der Tat hat die moderne Säuglingsforschung Erstaunliches und Verblüffendes enthüllt. Schon Säuglinge können Überraschung, Ekel, Schmerz, Interesse oder Neugier ausdrücken und ihre Mutter und ihren Vater am Geruch erkennen. Auch kleine Kinder können schon viel – wenn man den Blick auf ihre Ressourcen und nicht auf ihre Defizite legt. In dieser Hinsicht sind sie tatsächlich «kompetent»***. Leider sind solche Erkenntnisse häufig vollkommen falsch interpretiert worden. Laut Brockhaus bedeutet Kompetenz nämlich schlicht und einfach «Sachverstand», und Sachverstand setzt Wissen voraus, damit Phänomene und Situationen wahrgenommen, verstanden und eingeordnet werden können. Säuglinge und auch kleine Kinder sind in diesem Sinne noch nicht kompetent. Sie sind lediglich besonders lernfähig und besonders lernbereit. Und darin haben wir sie jahrzehntelang unterschätzt. Der Mythos vom kompetenten Säugling und Kleinkind ist jedoch eine falsch gelegte Fährte, welche in die Überforderung der Eltern und ihrer Kinder führt.

    Der Mythos der grenzenlosen Formbarkeit

    Es ist keinesfalls so, dass Kinder kompetent auf die Welt kommen und wir ihnen folglich nur noch das Wesentliche beibringen müssen, z.B. das frühe Lesen- und Rechnenlernen, Fremdsprachen oder Ballett. Zwar sind kleine Kinder schon früh in der Lage, die Welt um sich herum zu erobern, zu entdecken und zu verstehen. Aber sie und ihre Bezugspersonen müssen dafür viel Zeit aufwenden, um die komplexe Welt an Lauten, Farben, Formen und Gegenständen und Beziehungen zu verstehen. Die Annahme ist widersinnig, dass kompetente Kleinkinder nach dem Motto «Je früher, desto besser» nach bestimmten Vorstellungen geformt werden können. Zwar ist die Vorstellung richtig, dass sie besonders gut lernen können. Es besteht jedoch eine grosse Gefahr, dies mit grenzenloser Formbarkeit gleichzusetzen, nicht zuletzt deshalb, weil ein solches Bild besonders gut zu unseren heutigen Gesellschaftsstrukturen passt. 

    In dem Ausmass, wie das kompetente Kind zu einem normativen Muster geworden und seine Förderung von der Gesellschaft eingefordert wird, steigt der Druck auf die Eltern, ein solches Kind vorzeigen zu können. Die Tatsache, dass sie die alleinige Verantwortung für das Wohlergehen und den Bildungserfolg des Kindes tragen müssen, treibt sie in Ängste und Gewissensbisse, die sie mit einem Hang zur perfekten Elternschaft zu bewältigen versuchen. Der kompetente Säugling ist ein Ausdruck dieses Zeitgeistes. 

    Weiterführende Literatur

    * Honig, M.-S. (1993). Sozialgeschichte der Kindheit im 20. Jahrhundert. In M. Markefka & B. Nauck (Hrsg.), Handbuch der Kindheitsforschung (S. 207.-218). Neuwied: Luchterhand.

    ** Juul, J. (2013). Dein kompetentes Kind: Grundprinzipien der Pädagogik. Reinbek: Rororo.

    *** Dornes, M. (2001). Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen. Frankfurt a. M.: Fischer.

  • Das Gymnasium ist so beliebt wie nie. In den letzten Jahren ist die Quote um ca. 10 Prozent gestiegen. In urbanen Räumen wie Zürich oder Basel beträgt sie bis zu 50%, schweizweit ca. 20 Prozent. Das Gymnasium die neue Volksschule der Zukunft? Genau deswegen brodelt es in der Bildungspolitik. Die steigende Gymnasialquote ist vielen ein Dorn im Auge. Was steckt dahinter? Ist es tatsächlich so, wie man immer wieder hört, dass die Gymnasien mit schlecht qualifizierten Jugendlichen gefüllt werden, die ebenso gut eine Berufslehre absolvieren könnten? Degradiert diese Akademisierung die Berufsbildung tatsächlich zu einem System zweiter Klasse.

    Problematisch ist zunächst einmal, dass man sich den Zugang zum Gymnasium, der meist über eine Aufnahmeprüfung oder über einen Notendurchschnitt erfolgt, auch erkaufen kann. Es wundert deshalb kaum, dass Lernstudios und Nachhilfestunden zu einer riesigen parallelschulischen Lernindustrie geworden sind. Eine solche ‚Flucht‘ ins Gymnasium ist deshalb sozial ungerecht. Und dem Gymnasium nützt sie nur um den Preis nivellierender Tendenzen. Zumindest zeigt dies die Evaluation der Maturitätsreform. Maturanden haben Defizite in Mathematik und der Erstsprache (Deutsch/Französisch/Italienisch).

    Dass sich das Gewerbe gegen einen breiteren Zugang zum Gymnasium wehrt, ist verständlich. Es befürchtet, dass gute Schüler ins Gymnasium abwandern und anforderungshohe Lehrstellen nicht mehr besetzt werden können. Tatsache ist, dass die steigende Gymnasialquote der Berufsbildung die dringend benötigten leistungsstarken Auszubildenden nimmt. Das sind jedes Jahr ca. 10 bis 15 Prozent. Bereits heute müssen Betriebe für gewisse Branchen Auszubildende im Ausland rekrutieren. Im Kanton Aargau kommen aktuell etwa deren 70 aus Deutschland. Der Attraktivitätsverlust der traditionellen Berufslehre ist somit eindrücklich.

    Es gibt aber auch ein anderes Problem, das bisher kaum in den Blick geraten und schon gar nicht diskutiert worden ist: dass der Zugang zum Gymnasium und zur Berufslehre sehr unterschiedlich ist. Wer eine Lehrstelle will, muss viel mehr und Umfassenderes leisten als diejenigen, welche den Sprung ins Gymnasium schaffen wollen. Während hier ein bestimmter Notendurchschnitt genügt, erfordert der Weg in die Berufsbildung vom Jugendlichen ein enormes Engagement: Schnupperlehre, Bewerbungen zu schreiben, sich in Vorstellungsgesprächen oder Assessments erfolgreich bewähren sowie Testverfahren wie Multi- und Basischecks absolvieren.

    Was bedeutet dies? Erstens, dass die Hürden ausgeglichener sein sollten. Das Hauptproblem ist nicht, dass wir zu wenig oder zu viel Gymnasiasten haben, sondern ein Zugangssystem, das Jugendliche beim Eintritt in die Berufslehre benachteiligt und solche ins Gymnasium bevorzugt. Zweitens, dass unser durchlässiges Bildungssystem den Eltern und auch den Jugendlichen selbst viel deutlicher vor Augen geführt werden sollte. Viel zu wenige wissen, dass jederzeit eine Veränderung eines eingeschlagenen Weges möglich ist. So können Maturanden nach einem einjährigen Praktikum eine Fachhochschule besuchen. Oder nach der Lehre mit Berufsmaturität und einer einjährigen Passerelle ein ETH- oder Universitätsstudium aufnehmen. Und Absolventen einer Fachhochschule können als Bachelor an eine Uni oder ETH gehen und dort das Masterstudium aufnehmen. Heute sind fast alle Übergänge möglich, die man sich nur vorstellen kann.

    Nur, sind das Argumente, die ziehen, wenn das Gymnasium dermassen in den Köpfen der Eltern drin ist? Wenn es bald gar als neues Bürgerrecht verstanden wird? Also abwarten und Tee trinken? Den Kampf um einen Platz am Gymnasium zu einem Kampf aufs Messer und die Berufsbildung zur zweiten Wahl werden lassen? Oder vielleicht doch mehr junge, begabte Ausländer aus Griechenland, Spanien oder Portugal für eine berufliche Ausbildung einwandern lassen? 

     

  • Die PISA-Studien, die seit dem Jahr 2000 in dreijährigem Turnus durchgeführt werden, haben dazu geführt, dass die Bildungspolitik einen Grossteil ihrer Energie für Schulen und ihre Schulleistungen verwendet. Die Schulen sollen nicht nur besser werden, sie sollen auch sicherstellen, dass alle Schüler bestimmte Niveaus erreichen. Deshalb werden bereits heute in vielen Kantonen Vergleichsprüfungen eingesetzt, im Kanton Aargau beispielsweise der «Check 5», ein freiwilliger Leistungstest für die 5. Klassen. Auch HarmoS sieht Bildungsstandards inklusive deren Überprüfung in den Fachbereichen Schulsprache, Fremdsprachen, Mathematik und Naturwissenschaften am Ende des 4., 8. und 11. Schuljahres* vor.

    Leider ist es bisher nicht gelungen – auch in Staaten nicht, die schon lange solche Reformen eingeführt haben – auf diese Weise die Leistungsunterschiede zwischen sozialen Gruppen zu verkleinern. Selbstverständlich möchte ich damit nicht behaupten, dass Schülerleistungen auf der Basis von Leistungstests nicht verbessert werden können, sondern lediglich, dass es auf diese Weise nicht gelingt, den Einfluss der sozialen Herkunft auf die Schülerleistungen zu vermindern.

    Den Grund hierfür sehe ich darin, dass die Bildungspolitik viel zu wenig beachtet, was ausserschulisch passiert. Meine These ist eine doppelte: Erstens wird ein grosser Anteil der Lern- und Förderarbeit zunehmend ausserschulisch geleistet. Zweitens kosten solche Unterstützungsanstrengungen viel Geld, Zeit und Energie, weshalb sie nur von einem bestimmten Teil der Bevölkerung geleistet werden können. Deshalb bleiben sie den Familien vorbehalten, welche über die notwendigen materiellen Grundlagen verfügen. Mittel- und Oberschichtkinder profitieren deshalb ganz besonders. Dieser Sachverhalt ist aus der Forschung längst bekannt: So macht der Anteil der Schulen an den Leistungsunterschieden zwischen Schülern – nach Kontrolle ihrer sozialen Herkunft – nur 5% bis 18% aus. Die finanziellen Verhältnisse der Familie erklären jedoch, so die neuen Studien von Stephen Ball**, mehr als 30%.

    Es gibt somit eine neue Ökonomie des Schulerfolgs. Kinder aus gut situierten Familien bekommen früh schon und während ihrer ganzen Schulzeit viel Lernunterstützung, weil ihre Eltern für sie geeignete Bildungsleistungen ausserschulisch einkaufen. Der Markt, der hierzu zur Verfügung steht, ist ein expandierendes System an Angeboten, Dienstleistungen und Kursen geworden. Zweisprachige Vorschulen, Super-Kitas, Lernspielzeuge, Software, Nachhilfe, Förder- und Ferienkurse, private Tutoren, Lernstudios und spezialisierte Lerntherapeuten sowie Personal Trainers sind Teil einer fortlaufenden Kommerzialisierung geworden. Für interessierte Eltern ist es ein leichtes, ein geeignetes Angebot zu finden, wenn die nötigen Finanzen vorhanden sind: Bildungserfolg ist käuflich geworden. Nachhilfestunden bilden dabei nur ein Steinchen in einem grossen Mosaik.

    Unsere Bildungspolitik hat einen bemerkenswerten Anteil daran, weshalb dem so ist. Zum einen versucht sie seit Jahren, die Verantwortlichkeiten der Schule wieder verstärkt ans Elternhaus zu binden. Zum anderen wird landauf landab immer wieder betont, wie wichtig Bildung sei, dass immer mehr Berufe höhere Ansprüche im schulischen Bereich stellen und ein hoher Bildungsabschluss deshalb eine zentrale Bedeutung habe. Wenn nun gut situierte Eltern eifrig auf zusätzliche Bildungsangebote zugreifen, sich damit der Ausbildung ihres Kindes tatsächlich annehmen und in seine Bildung investieren, dann sind solche Anstrengungen eigentlich nichts anderes als eine Reaktion auf die Botschaften der Bildungspolitik.

    Wenn somit ausserschulische Erfahrungen einen Grossteil der Variationen in den Schulleistungen der Schülerinnen und Schüler erklären können, dann ist es falsch, zumindest sehr einseitig, ausschliesslich auf die Schule zu setzen, um benachteiligten Kindern und Jugendlichen bessere Leistungen zu ermöglichen. Wird das Hauptaugenmerk vor allem darauf gelegt, die Standards anzuheben, Vergleichstests einzuführen, den Unterricht zu diesem Zweck noch mehr zu individualisieren oder kleinere Klassen einzuführen, dann werden soziale Ungleichheiten eher verstärkt als beseitigt.

    Schule kann Gesellschaft nicht kompensieren. Leistungsunterschiede werden vor allem in der Familie generiert. Die systematische Vernachlässigung dieser empirischen Tatsache benachteiligt ökonomisch schwache Haushalte enorm. Was Not tut sind ausserschulische Initiativen für Kinder und Jugendliche aus solchen Familien, um die Anstrengungen der Mittel- und Oberschicht zumindest etwas auszugleichen. Diese Initiativen sollten die gleiche Systematik haben wie die Bildungsstandardreform. Damit ist aber nicht das gemeint, was vor einiger Zeit ein kantonaler Lehrerverband vorgeschlagen hat: eine Verstaatlichung von Nachhilfe. Vielmehr geht es um ein umfassendes Angebot, das ökonomisch benachteiligte Kinder und Jugendliche in ihrer Gesamtentwicklung fördert. Wenige Leuchttürme gibt es bereits, z.B. das Projekt ChagALL des Instituts Unterstrass in Zürich.

     

    Weiterführende Anmerkungen und Literatur

    * Ausgehend vom 1. Kindergartenjahr, das als erstes Schuljahr gelten wird.

    ** Ball, S. (2010). New Class Inequalities in Education: why education policy maybe looking in the wrong place! Education Policy, Civil Society and Social Class. International Journal of Sociology and Social Policy30 (3/4), 155-166.

  • Haben Sie Kinder, die noch Masern oder Mumpf gehabt haben oder gehörten Sie selbst einmal zu diesen kleinen Patienten? Dann können Sie sich glücklich schätzen, dass Sie noch wissen, was eine "richtige" Kinderkrankheit ist. Heute heissen sie Wahrnehmungs-, Entwicklungs- oder Sprachstörung.

    Die neusten Studien, die ich letzte Woche zu Gesicht bekommen habe, zeigen, dass mindestens 60% der Kinder im Primarschulalter bereits eine Therapie hinter sich haben. Etwa ein Drittel der Sechsjährigen gehen in eine Sprach-, Ergo- oder andere Therapie. Dann kommt noch die ADHS-Diagnose dazu, die heute ca. 5% der Kinder betrifft. Mindestens eins von zehn Kindern war schon in psychotherapeutischer Behandlung, und mehr als 10% leiden an Schul- und Prüfungsangst. Tendenz steigend. Man mag zwar einwenden, dass es doch ein unglaublicher Fortschritt ist, wenn man heute solche differenzierten Diagnosen stellen und all die Störungen therapieren kann. Das stimmt sicher teilweise, doch fragt sich, ob es nicht einfach der zunehmende Leistungsdruck der Schule ist, welcher dieses Phänomen verantwortet.

    Dieser ist meines Erachtens jedoch nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist die, dass heutige Eltern eine maximale Erwartungshaltung an ihre Kinder und auch Ärzte eine gewisse Sucht für die Diagnose entwickelt haben. Die Suche nach kindlichen Defekten ist übermächtig geworden – obwohl die ganze Welt von Ressourcenorientierung spricht. Die Kinder selbst haben sich in den letzten Jahren nur wenig verändert. Verändert hat sich vor allem unsere Vorstellung darüber, was ‚normal‘ ist. Dass diese sehr eng ist, zeigt sich daran, dass jegliche Variation der Norm sogleich als pathologisch erklärt wird. Eltern wollen sie sogleich behoben haben. Sie bringen ihr Kind zum Spezialisten so wie das Auto in die Garage zum Service.

    Ein Grundproblem sind die vielen Abklärungstests. Sie beginnen schon bald, nachdem die Schwangerschaft festgestellt worden ist. Nackenfaltenmessung, Fruchtwasserpunktion, monatliche Ultraschalluntersuchungen – vor zwanzig Jahren waren sie nur bei Risikoschwangerschaften angesagt. Heute, so heisst es, seien sie bei allen Kindern nötig, um ganz sicher zu sein, dass alles gut kommt. Ganz sicher?

    Sicher nicht, denn erstens weiss die Medizin zur Genüge, dass man sehr schnell eine Störung mit einem Test finden kann, wenn man auf etwas Bestimmtes fokussiert. Haben Sie beispielsweise schon einmal einen ADHS-Fragebogen angeschaut? Wenn ich an unsere Kinder zurückdenke und ihn ausfülle, dann hätten beide unserer Kinder ein ADHS gehabt.

    Leider läuft auch Vieles mit der so genannten Sprachförderung schief. Obwohl sie grundsätzlich sehr notwendig ist, um Kinder gut auf den Schuleintritt vorzubereiten, hat diese Entwicklung zu einer Heerschar an Instrumenten zur ‚Sprachstandsfeststellung‘ geführt, die vor allem den Nachweis liefern, dass Kinder ‚Therapiebedarf‘ haben und dann etikettiert werden. So wird beispielsweise kaum unterschieden, ob ein Kind lediglich einen Entwicklungsrückstand hat und deshalb einer temporären Förderung bedarf oder ob es sich um eine Störung handelt, welche eine Therapie erforderlich macht.

    Wie die beiden Kinderärzte Thomas Baumann und Romedius Alber schreiben, löst jede Diagnose etwas aus – und fast immer etwas Negatives. Die Suche nach dem defekten Kind hat deshalb vor allem dazu geführt, dass unser System heute mehr kranke als gesunde Kinder produziert. Müsste uns dies nicht mehr zu denken geben?



     

  • Unzweifelhaft ist Ängstlichkeit ein Teil von Elternschaft. Es gibt ein persönliches und soziales Gefühl von Verletzlichkeit, das mit der Schwangerschaft und dem Bewusstsein aufkommt, nun bald für ein vollkommen von einem selbst abhängiges Wesen verantwortlich zu sein. Dies war schon immer so.

    Stete Kontrolle und Fürsorge garantiert keine erfolgreichen Kinder

    Aber heute es gibt etwas Einmaliges über die Natur elterlicher Ängstlichkeit: die Überzeugung, dass etwas mit den Kindern schief geht, wenn sie nicht andauernd kontrolliert und alle schlechten Dinge oder Gefahren von ihnen ferngehalten werden. Viele Eltern planen deshalb alles bis ins letzte Detail. Sie informieren sich ständig. Über diese Therapie und jene, über glutenfreie Geburtstagskuchen und biologischen Apfelsaft. Keinen Zucker. Keine Pizzas. Sie kaufen geschlechtsneutrales Spielzeug und wachen darüber, dass die Kinder nicht TV schauen oder nur bildendes TV.

    Und dabei wird ihnen vorgegaukelt, als ob alles nur eine Frage reiner Willensanstrengung und guter Planung sei. Als ob man ein positives Selbstbild, eine gute Persönlichkeitsentwicklung, Sportlichkeit, vor allem aber Schulerfolg einfach so in den Griff kriegen könnte! Man muss die Kinder nur in die richtige Kita und in die richtige Schule schicken, und wenn nötig, noch ins Lernstudio – dann ist dem Sprössling eine erfolgreiche Lebensbahn gewiss.

    Auch die Medizin steht dafür bereit. Man kann schon Kindergärtlern die richtige Pille geben, damit sie weniger scheu sind oder ruhiger und angepasster werden. Genauso kann mandie Kinder in den richtigen Förderkurs schicken, z.B. ins Fussball (dann wird der Sohn vielleicht teamfähiger und abgehärteter), ins Judo (dann lernt er endlich, sich selbst zu verteidigen und nicht immer so weinerlich zu sein) oder die Tochter ins Ballett (dann wird sie graziler und weiblicher).

    Der enorme Gesellschaftsdruckt zwingt Eltern zur Perfektion

    Nur, was tun, wenn all dies nicht funktioniert? Dann liegt der Fehler bei den Eltern. Das heisst: Sie müssen besser und perfekter werden. Dieser Gesellschaftsdruck ist einer der Hauptgründe, weshalb sie ihren Nachwuchs nonstop umsorgen und kontrollieren. Solche Anstrengungen sind somit nicht das Ergebnis ihrer Unfähigkeit, Kinder «richtig» zu erziehen. Vielmehr ist es unsere gesellschaftliche Angstkultur, die Väter und Mütter dazu zwingt, perfekt zu sein und perfekte Kinder haben zu wollen*. Darüber berichte ich in meinem Buch.

    Diese Angstkultur hat enorme Auswirkungen: Eltern sorgen sich Tag und Nacht, dass aus den Kindern nicht das werden könnte, was sie sich erhoffen, dass sie nicht fähig sein könnten, das Leben zu meistern – wenn sie sich als Vater oder Mutter nicht mächtig ins Zeug legen und störende Hindernisse, Emotionen oder unliebsame Erfahrungen von ihnen fern halten.

    Kinder sind noch nie so sicher aufgewachsen wie heute

    Diese Panik hat ein fast paranoides Mass angenommen. Die Paradoxie dabei ist, dass gerade das, was Eltern bei ihren Kindern verhindern sollen und wollen, oft fehlt: die tatsächliche Gefahr.Noch vor zehn Jahren galt es weitgehend als unbedenklich, den Schulweg zu Fuss zu bestreiten, am Nachmittag zur Schulfreundin zu laufen oder ins Fussballtraining mit dem Fahrrad zu fahren. Heutige Eltern sind noch so aufgewachsen, empfinden es aber für den eigenen Nachwuchs als Zumutung und Gefahr.Doch die Statistik spricht eine ganz andere Sprache: Kinder konnten noch nie so sicher aufwachsen wie heute. Straftäter, die sich an den Kindern vergreifen, sind deutlich seltener geworden als in den 1980er Jahren.

    Wie könnten sich Eltern der Angst-Paranoia besser widersetzen? Indem sie immer wieder prüfen, welche Grenzen zum Schutz des Kindes gesetzt und eingehalten werden müssen und welche Grenzen es durch eigene Erfahrungen eindrücklicher erfahren kann als durch elterliche Mahnungen und Verbote. Nur so können Kinder über sich selbst hinauswachsen und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln. Dies ist aber nur möglich, wenn Eltern – und manchmal auch Grosseltern – mehr Mut und Gelassenheit entwickeln und auch öfters den gesunden Menschenverstand walten lassen. Paradoxerweise wissen viele Eltern darum. Ich habe mit vielen Vätern und Müttern in unseren Studien gesprochen, die erkennen, dass sie ihren Kindern aus übertriebener Sorge wichtige Erfahrungen und viel Freiheit vorenthalten, von der sie selbst als Kinder noch profitiert haben.

    Es braucht mehr Solidarität unter Erwachsenen

    Darüber hinaus gibt es einen wichtigen Punkt, den Frank Furedi in seinem Buch Paranoid Parenting (»Elternparanoia«**) anspricht. Er erachtet den Zerfall der Erwachsenensolidarität als einen Hauptgrund für die Dominanz unserer Angst- und Sicherheitskultur. Deshalb fordert er eine grössere Solidarität unter Erwachsenen. Tatsächlich haben sich Eltern bis in die 1980er Jahre hinein darauf verlassen können, dass andere Erwachsene – Nachbarn, aber eben auch Fremde – zu Hilfe eilen, wenn Kinder in einer Notlage sind oder Hilfe brauchen. Dieses Bewusstsein müsste sich unsere Gesellschaft wieder aneignen und lernen, ein Gesamtverantwortungsgefühl zu zeigen.

    Eltern sollten sich darauf verlassen können (und auch wollen!), dass andere Erwachsene in der Öffentlichkeit ein Auge auf ihre Kinder haben. Dies bedeutet jedoch, dass alle, in erster Linie auch Eltern, das innere Bild des bösen fremden Erwachsenen, der sich an den Kindern vergreift, überarbeiten.

     

    Weiterführende Literatur

    *Stamm, M. (2016). Lasst die Kinder los!Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. München: Piper.

    **Furedi, F. (2004). Furedi, F. Die Elternparanoia. Warum Kinder mutige Eltern brauchen. München: dtv.

  • Wer in der Schweiz die Chance bekommt, das Gymnasium zu besuchen, stammt wahrscheinlich aus einer gut situierten Familie. Arbeiterkinder oder solche aus einfachen Migrantenfamilien haben hingegen fünfmal schlechtere Chancen – wohlverstanden bei gleichen Schulleistungen. Zu diesem Schluss kommen verschiedene Studien*. Weshalb dem so ist, erklären sie mit den primären und sekundären Herkunftseffekten: 

    • Die primären Effekte werden für das Phänomen verantwortlich gemacht, dass Arbeiterkinder im Durchschnitt schlechtere Schulnoten als besser situierte Kinder haben. Die Ursache wird dabei in der geringeren Anregung und Förderung durch das Elternhaus vermutet.
    • Die sekundären Effekte erklären die Folgen der unterschiedlichen Bildungsentscheidungen des Elternhauses. Gut situierte Eltern sind deutlich bildungsambitionierter und streben deshalb markant häufiger das Gymnasium an, einfacher gestellte Eltern lehnen es hingegen oft ab.

    Gerade diese sekundären Herkunftseffekte verweisen auf die grosse Bedeutung des Elternwillens. Markus Neuenschwander** hat in seiner Studie aufgezeigt, wie sehr Elternerwartungen auch die Lehrkräfte beeinflussen. Bestimmte Eltern haben den Schlüssel offenbar in der Hand, wenn es um den Schulerfolg des Kindes geht. Und zwar so sehr, dass Lehrkräfte einem Kind aus Familien mit hohen Bildungserwartungen bei gleicher Leistung bessere Noten geben. In der Studie von Franz Baeriswyl und seinen Kollegen*** haben 5.6% der Schüler eine Übertrittsempfehlung nur deshalb erhalten, weil die Eltern intervenierten. Verstärkt werden solche Effekte dadurch, dass einfacher gestellte Eltern die schlechtere Bewertung ihres Kindes respektive die Nichtempfehlung fürs Gymnasium gar nicht als ungerecht einschätzen und sich auch nicht wehren.

    Somit spielen weniger leistungsimmanente, sondern vielmehr soziale Faktoren beim Übertritt ins Gymnasium eine Rolle. Der Elternwille verstärkt die soziale Ungleichheit. Folgedessen erstaunt auch kaum, dass der Anteil an Schülerinnen und Schülern, welche die Leistungsvoraussetzungen für das Gymnasium eigentlich nicht mitbringen, es jedoch trotzdem besuchen, gestiegen ist.

    Aus solchen Gründen sind die Regelungen für den Übertritt ins Gymnasium besonders bedeutsam. In der Schweiz sind sie sehr unterschiedlich. Am verbreitetsten sind drei Systeme (teilweise in Kombination): die Aufnahmeprüfung, Noten und Eignungsfeststellung sowie die Empfehlung der Primarschule. Diejenigen Kantone, welche auf einem rein leistungsbasierten Schlüssel die Zuteilung vornehmen, haben somit chancengerechtere Systeme. Das heisst aber nicht, dass die Aufnahmeprüfung das Instrument der Wahl ist. Sie erzeugt nämlich früh schon einen enormen Leistungsdruck und schafft parallele Förder- und Unterstützungssysteme (Lernstudios, Nachhilfe etc.), die sich einfache Familien wiederum nicht leisten können. Zudem berücksichtigt das Aufnahmeprüfungssystem andere Faktoren wie Motivation, Leistungsbereitschaft oder akademisches Interesse nicht.

    Fazit

    Die Frage, wer das Gymnasium besuchen soll und wer nicht, ist in der Bildungspolitik ein heisses Eisen. Aber bei weitem nicht nur wegen des immer wieder beklagten «Akademisierungstrends», sondern vor allem auch aufgrund der Forderung, dass die «richtigen» Schüler das Gymnasium besuchen sollten. Weil in diesem Zusammenhang offenbar der Elternwille eine zentrale Rolle spielt, gehen Kinder aus bildungsambitionierten Familien deutlich häufiger ins Gymnasium, während solche aus einfacheren Familien eine Berufslehre machen. Das ist jedoch keinzukunftsträchtiger Zustand. Eigentlich sollten Neigungen und Fähigkeiten den Ausschlag zur Bildungs- und Berufswahl geben. Wenn dem so wäre, dann wären in der Berufsbildung mehr leistungsstarke Jugendliche aus gut situierten Familien vertreten, in den Gymnasien jedoch mehr intellektuell begabte Kinder aus Arbeiter- und benachteiligten Migrantenfamilien.

    Ein wichtiges bildungspolitisches Ziel sollte sein, den Elternwillen zurückzubinden, die unabhängigen Interessen des Kindes jedoch mehr zu gewichten – und dabei ebenso die Kinder aus Arbeiterfamilien zu ermuntern und zu befähigen, den gymnasialen Weg gehen zu wollen. Notwendig wären deshalb Potenzialanalysen für alle Kinder, jenseits von Leistungstests.

     

    *Helbig, M. & Gresch, C. (2013). Soziale Spaltung am Ende der Grundschule. WZ Brief 26.12., Berlin: Wissenschaftszentrum.

    ***Maaz, K., Trautwein, U. & Baeriswyl, F. (2011). Herkunft zensiert.Herkunft zensiert – Leistungsdiagnostik und soziale Ungleichheiten in der Schule. Vodafone Stiftung Deutschland.

    *Möller, C. (2015).Herkunft zählt (fast) immer. Soziale Ungleichheiten unter Universitätsprofessorinnen und -professoren. Bildungssoziologische Reihe. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

    **Neuenschwander, M. (2013). Selektion beim Übergang in die Sekundarstufe I und in den Arbeitsmarkt im Vergleich. In M. P. Neuenschwander (Hrsg.), Selektion in Schule und Arbeitsmarkt (S. 63-97). Zürich/Chur: Rüegger.

  • erschienen in: Aargauer Zeitung/ Die Nordwestschweiz, 28.12.2015, 18.

     

    Weihnachten ist vorbei. Schön sind die Erinnerungen an die leuchtenden Kinderaugen beim Anblick der Päckli unter dem Christbaum. Durchschnittlich 10.5 Geschenke bekommt ein Kind, zwei von den Eltern, vier von den beiden Grosseltern, je eines von Gotte und Götti, Tanten und Onkeln und vielleicht auch eines vom neuen Freund der Grossmutter. Schliesslich liebt man ja den Nachwuchs, deshalb kauft man ihm auch so viel Spielzeug. Unterschreiben würde das natürlich kaum jemand, und doch scheinen viele Familien danach zu handeln.

    Etwas durchzogen sind die Erinnerungen daran, wie die Kinder am Weihnachtsabend im Akkord das Papier von den Geschenken rupften in der Erwartung, die richtige Barbie-Puppe komme endlich zum Vorschein, der lang ersehnte Dartblaster oder die Markenturnschuhe von Nike. Wunschzettel sind heute längst zu Bestellzetteln geworden. Doch mehr Spielzeug oder mehr Markenklamotten bedeuten noch lange nicht zufriedenere Söhne und Töchter. Viele von ihnen sind so übersättigt, dass sie sich nur noch kurz über Neues freuen können. Und wenn es nicht das Richtige ist, wird das Geschenk noch am Abend in eine Ecke gestellt.

    Dass sich junge Menschen zunehmend über das, was sie haben und bekommen, definieren, ist nicht verwunderlich. Die Industrie gibt jährlich Millionen von Franken für Werbung aus, die zielgerichtet Kinder und Jugendliche ansprechen soll. Das funktioniert prima. Schon ab dem frühen Kindesalter lassen sich mit elektronischen Spielzeugen die Wünsche der Kinder und offenbar das Einverständnis der Eltern steuern. Dass sie gerade in dieser Hinsicht oft relativ grosszügig sind, geschieht nicht deshalb, weil sie aus Selbstlosigkeit dem Kind eine Freude machen wollen. Es ist auch ein Stück Taktik dabei. Denn ein Kind, das sich mit dem Mini-Computer oder dem iPhone beschäftigt, ist oft über Stunden angenehm ruhig, kommt nicht ständig angelaufen, macht keinen Schmutz und keine Unordnung – kurz: Es stört nicht, strengt nicht an und zeigt sich im Restaurant meist wohlerzogen.

    Geht es nach der neueren Hirnforschung, dann haben Spielzeugberge langfristig negative Nebenwirkungen. Ein zu viel an Geschenken und Reizen legt das Lustzentrum des Gehirns lahm, so dass sich Kinder kaum mehr für etwas richtig und auch längerfristig begeistern können. Mit anderen Worten: Wer zu viel hat, kommt emotional zu kurz.

    Doch was tun? Natürlich wecken Überflusserfahrungen die Sehnsucht nach der guten alten Zeit. Doch wir können nicht zurück zu den Kindern aus Bullerbü und ihnen an Weihnachten nur Lebkuchen oder gestrickte Socken schenken. Familien könnten sich jedoch vermehrt überlegen, was sie den Kindern geben können, das nicht mit Geld zu erwerben ist und wie sie mit den Spielzeugbergen sinnvoller umgehen könnten.

    Der erste Punkt ist relativ einfach zu beantworten. In der Kinderstudie World Vision haben zwei Drittel der Kinder auf die Frage, was sie fürs nächste Jahr wünschen, geantwortet: «Mehr Zeit in der Familie». Man könnte den Kindern also auch mehr Zeit schenken. Aber nicht solche der Dauerunterhaltung, sondern entschleunigende Alltagszeit. Das kann beim Aufräumen, beim Wäscheaufhängen, beim Veloflicken und Autoputzen, beim Kochen, beim Laubwischen oder Tischdecken sein. In solch wenig spektakulärem, aber gemeinsamem Tun steckt zugleich viel Weltwissen, deshalb sind Alltagsgegenstände oft spannender als die überquellenden Spielzeugregale im Kinderzimmer.

    Die Antwort auf die zweite Frage – wohin mit dem Heer an Spielzeug – könnte eine Art «Filiale im Keller» sein, wie dies kürzlich eine Mutter im «Beobachter»vorgeschlagen hat. Das Spielzeug wird thematisch sortiert und in Schachteln im Keller gestapelt. Wer von nun an mit etwas spielen will, darf eine Schachtel nach oben holen. Dafür wandert eine andere in den Keller. Diese Strategie lässt Kinder erfahren, dass man sich über Spielzeug wieder freuen kann, wenn man eine Zeitlang auf es verzichtet.

    In 360 Tagen ist wieder Weihnachten, und erneut werden Kinder unter einem Berg an Überflüssigem zu verschwinden drohen. Warum also nicht schon heute den Vorsatz fassen, die eigene Schenkfreude – aber auch die der Grosseltern und anderen Verwandten – etwas einzudämmen oder anders zu definieren?

  • Vor ein paar Tagen hat mir ein Kollege, Rektor eines Gymnasiums im Schweizer Mittelland, geschrieben, dass sie an seiner Schule immer mehr Probleme mit den Eltern – und weniger mit den Schülern - hätten. Eltern würden sich zunehmend für ihr ‚Kind‘ (auch wenn es bereits gegen zwanzig geht) verantwortlich fühlen, für seine Noten und seine soziale Befindlichkeit in der Schule. Und häufig würden sie nun auch bei der Maturaarbeit eine wichtige Rolle einnehmen.

  • Viele Vorschulkinder können heute mehr als noch vor zwanzig Jahren. Beispielsweise schon Sätzchen lesen, bis auf 100 zählen, Geige spielen oder sich auf Englisch unterhalten. Dies nicht etwa deshalb, weil sie generell gescheiter geworden sind, sondern, weil sie früher und intensiver gefördert werden. Frühförderung ist in. Die Vielfalt an Angeboten ist riesig, die Nachfrage auch.

    Allerdings sind nicht wenige dieser Kinder emotional retardiert. Sie können kaum warten, bis sie etwas bekommen. Ist dies nicht der Fall, reagieren sie mit Wutausbrüchen. Tisch decken oder Hamster füttern? Darauf haben sie keine Lust. Mit Kritik der Kindergärtnerin kommen sie schlecht zurecht, und Misserfolge können sie kaum ertragen. Solches Verhalten gehört zwar im Kleinkindalter noch zum normalen Entwicklungsprozess. Doch sollte ein vier- bis fünfjähriges Kind ein gewisses Mass anBewältigungsverhaltenerworben haben und seine Gefühle teilweise kontrollieren können.

    Emotionale Kompetenz gilt als ein wichtiger Schutzfaktor für die kindliche Entwicklung. Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass zwischen mangelndern emotionalern Fähigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten ein eindeutiger Zusammenhang besteht. Vor diesem Hintergrund sind auch die Medienberichte zu lesen – beispielsweise in der NZZ am Sonntag, 21. Februar 2016 von René Donzé – über die Zunahme der Verhaltensauffälligkeiten bei den Kindergärtlern.

    Weshalb ist dem so? Dahinter stecken viele Ursachen, doch dürften zwei besonders wichtig sein:

    • Intellektuelle Schulvorbereitung: Die Art und Weise, wie heute frühe Förderung in der Familie, aber teilweise auch in vorschulischen Institutionen, betrieben wird, hat Auswirkungen auf die emotionale Verkümmerung von Kindern. Oft liegt der Fokus auf der Schulvorbereitung im Sinne frühen Lesen- und Rechnenlernens, währendem die emotionale und soziale Entwicklung stark vernachlässigt wird.
    • Verwöhnung und Überbehütung: Ein verwöhnender und überbehütender Erziehungsstil ist heute weit verbreitet. Kinder, die so erzogen werden, haben keine guten Entwicklungsbedingungen. Werden ihnen zudem alle Hindernisse aus dem Weg geräumt und jeder Wunsch erfüllt, fällt es ihnen logischerweise schwer, im Kindergarten Regeln anzuerkennen, warten zu können, bis sie an die Reihe kommen, aber auch Leistungsbereitschaft und Autonomie sowie ein gesundes Mass an Selbstkontrolle und Selbstvertrauen zu entwickeln.

    Dieser Trend ist fatal. Denn die Forschung belegt mit grosser Eindeutigkeit, dass Schul-, Berufs- und Lebenserfolg nicht primär von einem hohen Intelligenzquotienten und vielen Frühförderkursen abhängt, sondern ebenso vom Ausmass der emotionalen Kompetenz. Der Umgang mit den eigenen Gefühlen, die Fähigkeit sich selbst beherrschen zu lernen, mit Konflikten umzugehen – also all das, was wir als «Frustrationstoleranz» bezeichnen – sind ganz wesentliche Einflussfaktoren, die sich auf den schulischen Erfolg eines Kindes auswirken und seinen Lebensweg vielfältig beeinflussen. Deshalb schneiden Kinder, die früh schon lernen, Bedürfnisse aufzuschieben, Gefühle zu kontrollieren, Enttäuschungen zu ertragen und Hindernisse zu überwinden, in der Schule besser ab und sind auch später lebenserfolgreicher.

    Die frühe Förderung emotionaler Kompetenzen ist somit genauso wichtig wie die Förderung schulnaher Fähigkeiten. Leider ist diese empirisch vielfach belegte Tatsache bislang stark vernachlässigt worden. Zwar wird die emotionale Entwicklung in vielen Erziehungsratgebern, Bildungs- und Lehrplänen erwähnt. Doch bleiben die Aussagen oft zu allgemein, zu plakativ und stellen zu einseitig das Kind und seine Bedürfnisse ins Zentrum. Die Entwicklung emotionaler und sozialer Kompetenzen fordert dem Kind aber immer auch etwas von den Eltern und seinen Bezugspersonen ab, nämlich zu lernen, die eigenen Bedürfnisse zu kontrollieren.

    Es ist an der Zeit, dass wir uns von der Kultur verabschieden, Frühförderung und Schulleistungen isoliert und ohne Bezug zu Verhaltensauffälligkeiten zu diskutieren. Die Förderung emotionaler Kompetenzen, welche auch die Basis für die soziale Entwicklung darstellt, ist nicht nur eine Grundbedingung für den Wissenserwerb, sondern ebenso für das gesunde Aufwachsen des Nachwuchses. Eltern und pädagogische Fachkräfte, welche die emotionale Entwicklung aktiv lenken, machen dem Kind ein grosses Geschenk. Sie schützen es vor Verhaltensauffälligkeiten und machen es fit für die Schule und das Leben.

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    Verantwortungsvolle Elternschaft wird mit der Pflicht gleichgesetzt, die Kinder dauernd zu überwachen. Dies ist jedoch eine spezifisch deutschsprachige und anglo-amerikanische Idee, denn in vielen anderen Gesellschaften geniessen Kinder weit mehr Freiheiten, sich alleine oder zumindest selbstverantwortlich in der Aussenwelt zu bewegen. Dabei ist unsere Angst um die kindliche Sicherheit auf einem beispiellosen und fast schon schizophrenen Niveau angelangt. Unfälle – ein aufgeschürftes Knie, ein Sturz vom Velo oder vom Dreirad – aber auch vielleicht eine Magenverstimmung, weil etwas nicht ganz Sauberes gegessen worden ist – gelten zunehmend als absolute Gefahren, die unter allen Umständen vermieden werden sollen.

    Solche Überzeugungen sind eine grosse Belastung für unsere Kinder, weil sie zur Folge haben, dass sie ihre Selbstständigkeit und Persönlichkeit nicht entwickeln können. Und für die Eltern, weil sie ein Leben in dauernder Aufmerksamkeit führen müssen. Weshalb betrachtet unsere Gesellschaft die Kinder ausschliesslich durch eine Risikobrille?

    Paradoxerweise wissen viele Eltern um die Problematik dieser Risikoscheuheit. Ich habe mit einigen Vätern und Müttern gesprochen, die erkennen, dass die Erfahrungen ihrer Kinder nichts mehr mit ihrer eigenen Kindheit zu tun haben und dass heutige Kindheit in vielerlei Beziehung wenig frei ist: Auch in den Medien liest man zunehmend, dass kleine Kinder heute zu sehr in Watte gepackt werden. Tatsächlich ist vor übertriebenem Schutz, unverhältnismässigen Sicherheitsvorkehrungen und überbordender Geborgenheit zu warnen. Jedes Kind hat ein Recht auf eigene blaue Flecken. Nicht jede Gefahr muss aus dem Weg geräumt und jede Ecke abgerundet werden.

    Die Erkenntnis, dass Risikoscheuheit schädliche Auswirkungen auf die Qualität des Aufwachsens und die Entwicklung der Kinder hat, ist somit eine wichtige und eine überfällige. Trotzdem trägt unsere Gesellschaft – und oft vor allem auch selbst ernannte Experten – massgeblich dazu bei, ein Klima der Angst zu schüren. Ein Beispiel, das mir eine Mutter erzählt hat, illustriert dies sehr gut.

    «Ich war auf dem Heimweg durch einen Park mit meinen beiden Kindern, dem dreijährigen Sohn und der fünfjährigen Tochter. Weil sie unbedingt vorausgehen wollte und ich wusste, dass sie ein vernünftiges Kind ist, liess ich sie. Aber ich sagte ihr, sie solle beim Tor, das in der Nähe der Strasse ist, warten. Bis ich mit meinem Dreijährigen dort war, hatte ich etwa drei Minuten. Wie erwartet, stand meine Tochter neben dem Tor und wartete auf uns. Aber es stand auch eine ganze Anzahl Menschen um sie herum. Ich musste viele kritischen Kommentare anhören, und eine Frau nannte mich gar eine durch und durch verantwortungslose Mutter.»

    Obwohl viele Eltern spüren, dass sie ihrem Kind mehr zutrauen sollten, verhindern gerade solche Beispiele, dass sie es auch tatsächlich tun. Dazu kommt eine moralische Panik, die in den letzten Jahren enorm zugenommen hat. Die Angst vor Unfällen, vor Verbrechen oder vor Kindsmissbrauch hat dazu geführt, dass Eltern ihre Kinder nicht allein zur Schule laufen lassen, sondern sie fahren oder sie begleiten. Wir haben in unserer Nähe einen schönen Kinderspielplatz mit vielen Möglichkeiten zum Herumtollen, mit Büschen und Hecken, mit Bäumen und Pflanzen – mit all dem, was Kinder zum Herumtollen brauchen. Das Einzige, was diesem Platz fehlt, sind Kinder. Sogar an schönen Sommertagen ist er oft leer, oder dann kann man Eltern mit ihren Kindern sehen, welche sie genau überwachen.

    Die Besessenheit unserer Gesellschaft um die Sicherheit der Kinder ist wahrscheinlich schädlicher als es die Risiken sind, denen sie täglich ausgesetzt sind. Kinder können sich von Unfällen schnell erholen. Und sie können sehr gut auch Misserfolge überwinden und Fehler ertragen – wenn sie in einer liebevollen und wertschätzenden Umgebung aufwachsen. Wenn Eltern allerdings ihre Kinder in ihrer Risikoscheuheit ersticken und ihren Erkundungs- und Freiheitsradius einengen, dann machen sie ihre Kinder glauben, dass Gefahren den natürlichen Status des Aufwachsens darstellen.

    Das Kind in bestimmten Momenten loslassen zu können ist immer schwierig für Eltern. Aber die Befreiung des Kindes von der elterlichen Risikobesessenheit ist zentral für seine gute Entwicklung.

  • Kürzlich hatte ich einen Vortrag im Rahmen eines Elternbildungstages. Dabei waren auffallend viele Väter mit ihren Kleinkindern anwesend. Sie kümmerten sich ganz selbstverständlich um ihren Nachwuchs, so dass offensichtlich wurde: Diese Männer sind nicht nur Sonntagsväter. Das hat mir gefallen.

    Was mich zunächst beeindruckt, dann jedoch zunehmend irritiert hat, war das Wissen dieser Väter über Kindererziehung, sprich, über das, was offenbar gerade in den neusten Erziehungsratgebern steht und ‚in‘ ist. Über die vielen Erziehungs-, Einschlaf- und Durchschlaf-, Anti-Schreimethoden etc. wussten diese Väter insgesamt viel mehr als ich. Auf der Heimreise habe ich mich dann gefragt: Wieso sind eigentlich Erziehungsratgeber dermassen beliebt? Wieso verlassen sich heutige Eltern so sehr auf sie?

    Zunächst gibt es eine gewisse Ironie: Noch nie hat es ein so riesiges Angebot an Ratgebern gegeben, die es sogar auf die vorderen Plätze der Bestseller-Liste schaffen. Noch nie haben wir so viel über Kinder, Kindheit und Familie gewusst als heute. Aber auch noch nie zuvor haben Kinder offenbar so viele Probleme gehabt (oder gemacht) wie heute. Trotz der Flut an Ratgebern ist in den letzten Jahren jedoch keine neue Erziehungssicherheit entstanden, sondern eher das Gegenteil, nämlich eine verstärkte Unsicherheit. Wo liegt das Problem?

    Es liegt in erster Linie darin, dass Eltern solche Ratgeber verschlingen – häufig einen nach dem anderen – weil sie von der Angst getrieben sind, etwas falsch zu machen und ihrer Aufgabe vielleicht nicht mehr gewachsen sein könnten. Darüber hinaus konsultieren sie Logopädinnen, Ergotherapeuten und Psychologen, in der Hoffnung, es gäbe ein Geheimrezept, welches die Probleme mit dem Kind aus der Welt schaffen könnte.

    Selbstverständlich gibt es nichts gegen gute Ratgeber und Fachleute einzuwenden. Sie behandeln kindliche und familiäre Alltagsfragen zur Sauberkeitserziehung, zu Ess-, Schlaf- und Reinlichkeitsgewohnheiten, zu Entwicklungsstörungen, zum ersten Schultag oder zum Umgang mit Kindern in der Pubertät. Auf diese Weise werden Ratgeber und Experten zu Hilfserziehern, weil sie Eltern auch entlasten können, grosse und kleine Alltagsereignisse erzieherisch zu bewältigen.

    Problematisch an vielen Erziehungsratgebern ist aber, dass sie sich als Verheissung anbieten und den Eltern die Erziehung aus der Hand nehmen oder – und dies ist noch schwerwiegender – ihnen das Vertrauen in die eigene Fähigkeit rauben, die Kinder in einer richtigen Weise erziehen zu können. Verstärkt wird diese Wirkung dadurch, dass viele Ratgeber einen sehr mahnenden, sorgenden Tonfall haben und sich zudem häufig mit dem Etikett «von pädagogischen Fachleuten empfohlen», «pädagogisch erprobt» oder «wissenschaftlich getestet» schmücken. Auf diese Weise vermitteln sie den Eltern: «Wir verstehen von Erziehung viel mehr als Sie.»

    Erziehungsratgeber treten nicht selten an die Stelle des gesunden Menschenverstandes von Müttern und Vätern. Damit laufen sie jedoch Gefahr, ihre vielleicht wichtigste Erziehungskompetenz zu verlieren: die Intuition. Gemeint ist damit das ‚gefühlte Wissen’, das man häufig gar nicht erklären kann. Eltern hätten viel intuitives Wissen, aber es ist heute oft verschüttet.

    Konsultiert man Internetforen oder Briefkästen, so ist es immer wieder erstaunlich, wie viele Eltern einfach eine Beratung wollen, um zu wissen, was sie konkret in einer bestimmten Situation machen sollen. Welches wäre meine Antwort?

    • Erstens würde ich sie ermuntern, ihre Position als Eltern wieder einzunehmen, d.h. diejenige Position, die das Kind erzieht und entscheidet, was gut für es ist. Und ich würde ihnen raten, sich vor allem nicht an Bezugspunkten zu orientieren, die gar nicht die ihrigen sind.
    • Zweitens würde ich ihnen empfehlen, die Antwort des Schriftstellers D. H. Lawrence auf die Frage «Wie erziehe ich mein Kind?», zu Herzen zu nehmen: «Regel Nummer eins: Lass es in Ruhe. Regel Nummer zwei: Lass es in Ruhe. Regel Nummer drei: Lass es in Ruhe. Für den Anfang ist das genug.»
    • Und drittens würde ich ihnen das nicht ganz ernst gemeinte Buch «Leitfaden für faule Eltern» von Tom Hodgkinson empfehlen. In 19 Kapiteln wettert er über die Sinnlosigkeit von Familienausflügen, das Elend moderner Spielzeuge oder die Nutzlosigkeit von Fernsehern, aber er fordert auch gemeinsame Familienmahlzeiten, gute Manieren und Mithilfe der Kinder im Haushalt.

     

    Literatur

    Hodgkinson, T. (2009). Leitfaden für faule Eltern. Berlin: Rogner & Bernhard. 

  • Die Wogen gehen hoch, die Meinungen sind mehr als nur gespalten: der Familienartikel, über den am 3. März abgestimmt wird, scheidet die Geister. Verständlich, dass die Bürgerinnen und Bürger so viel Herzblut in dieses Thema stecken, geht es doch schliesslich um das Herzstück unserer Existenz: Partner kommen und gehen, das Kind bleibt. Und Kinder und ihre Familien sind die Zukunft unserer Gesellschaft. Es ist deshalb von zentraler Bedeutung, wie sich die Schweiz in der Familienpolitik positioniert.

    Was weiss die Forschung hierzu? Für die vorliegende Abstimmung sind vier Punkte besonders bedeutsam: erstens, dass die Familie für die Entwicklung eines Kindes die wichtigste Instanz darstellt, wie auch immer Familienformen und Organisationsstrukturen sind. Die Familie stellt somit die entscheidenden Weichen. Zweitens ist Fremdbetreuung für mehr als zwei Drittel der Kleinkinder in der Schweiz ein Teil ihres Lebens. Als wichtige Errungenschaft der Moderne ermöglicht sie Müttern und Vätern, Kindererziehung und Berufstätigkeit miteinander zu vereinbaren. Weil diese Vereinbarkeit teilweise viel Geld kostet, werden Kinder jedoch oft nicht nur in der teuren Krippe, sondern zusätzlich auch von Verwandten, Nachbarn oder Grosseltern betreut. Dieser Betreuungsmix erfordert von den Eltern allerdings ein oft anstrengendes Organisationsmanagement und vom Kind nicht selten eine hohe Stressresistenz. Drittens sind Geborgenheit und Nestwärme – zwei grundlegende Merkmale einer guten Bindung des Kindes an seine Eltern – nicht von der Anzahl Stunden, die sie miteinander verbringen, abhängig, sondern in erster Linie von der Qualität des Zusammenseins. Und viertens zeigen viele internationale Studien, dass in Ländern mit einer besonders erfolgreichen Familienpolitik der Staat eine starke Rolle inne hat, der Dezentralisierung jedoch ebenso grosse Bedeutung beigemessen wird.

    Im Familienartikel 115a, der den Titel «Familienpolitik» erhalten soll, spiegeln sich diese Erkenntnisse in den drei Absätzen. Gerade aus einer wissenschaftlichen Perspektive ist der Artikel für die Schweiz deshalb zukunftsträchtig, weil er neben dem ‚Vereinbarkeitsmodell' (Familie und Berufsarbeit sollen bedarfsgerechter unter einen Hut gebracht werden können) weiterhin auch das ‚Familienmodell' unterstützt, das den Müttern – sehr selten sind es Väter – erlaubt, über einen längeren Zeitraum kein Geld zu verdienen und sich ausschliesslich den Kindern zu widmen. In der Schweiz haben bisher gut 30% der Familien diese Lebensform und ungefähr 70% das Modell mit familienergänzender Betreuung gewählt. In unserer pluralistischen Gesellschaft müssten solche unterschiedlichen Auffassungen vom ‚richtigen Familienleben'eigentlich nebeneinander bestehen können. Blickt man auf den Abstimmungskampf, dann scheint dem aber kaum so zu sein: Da ist einerseits die politische Rechte, die besonders pointiert und mit teilweise fragwürdiger Werbung eine Mutter einfordert, die zu Hause bleibt, damit aus ihrem Kind kein ‚Staatskind' wird. Da sind andererseits aber ebenso Stimmen aus vielen politischen Lagern, die diejenigen Eltern, die sich für das Familienmodell entscheiden, schnell einmal als Bünzli oder Spiesser und als Inbegriff einer antifeministischen und antiliberalen Gesellschaft etikettieren.

    Ist es nicht absurd? Lange Zeit wurde beklagt, der Bund kümmere sich nicht um die Familienpolitik. Jetzt, wo ein aus wissenschaftlicher Sicht ausgereifter Artikel vorliegt, degradiert man ihn zur simplen Frage, ob man Familie und Beruf unter einen Hut bringe. Der Familienartikel verfolgt jedoch breitere Perspektiven. Gerade weil die Familie das biographische Zentrum des Kindes ist, jedes dritte Kind in der Schweiz jedoch nicht in eine Familie hineingeboren wird, die ihm gute Aufwachsbedingungen ermöglicht, ist eine stärkere Verantwortung des Bundes ein wichtiger Pfeiler einer zukunftsgerichteten Familienpolitik. Weil trotz der Ausweitung seiner Rolle die dezentraler Vielfalt bestehen bleibt, kann auf diese Weise vor Ort eine stärkere Aufgeschlossenheit gegenüber den Bedürfnissen und der Bedeutung von Familien erwartet und auch provoziert werden. Denn es ist an der Zeit, dass nicht mehr der Wohnort allein entscheidet, ob Frauen und Männer die Unterstützung, aber auch die Freiheit bekommen, die sie brauchen, um ihrer Verantwortung für ihre Familie gerecht zu werden und ihr Familienleben nach ihren eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen zu gestalten. Der Familienartikel ermöglicht, dass sie selbst entscheiden können, wie sie Fürsorge und Erwerbsaufgaben wahrnehmen und in der Familie aufteilen wollen.

  • Der beliebteste Twitter-Inhalt in Deutschland war vor drei Wochen das «Betreuungsgeld» gewesen. Zuvor war es am 9. November 2012 vom Bundestag mit einem sehr knappen Mehr beschlossen und damit Folgendes festgelegt worden: Jeder Familie, die ihr 13 bis 36 Monate altes Kind in keine Kindertagesstätte steckt oder keine staatlich geförderte Tagesfamilie in Anspruch nimmt, soll ab dem 1. August 2013 zunächst 100, später 150 Euro monatlich für die Betreuung zu Hause ausbezahlt werden.

    Die Frage, welche hinter der Idee ‚Betreuungsgeld‘ steckt, ist eine hoch brisante und auch für die Schweiz aktuelle, nämlich die: Soll der Staat neben dem ‚Krippenmodell‘ (Subventionierung von Krippen) auch ein ‚Familienmodell‘ unterstützen, das den Müttern – sehr selten sind es Väter – erlaubt, über einen längeren Zeitraum kein Geld zu verdienen und sich ausschliesslich den Kindern zu widmen? Gemäss unserer FRANZ-Studie (=Früher an die Bildung, erfolgreicher in die Zukunft?), die in diesen Tagen abgeschlossen wird und Auskunft über Familien der Mittelschicht gibt, wählen in der Schweiz gut 30% der Familien diese Lebensform, währenddem sich ungefähr 70%  für ein Modell mit familienergänzender Betreuung entscheiden. Man könnte somit davon ausgehen, dass in einer pluralistischen Gesellschaft wie der unsrigen unterschiedliche Auffassungen vom ‚richtigen Familienleben‘ gleichermassen akzeptiert werden und nebeneinander bestehen können. Dem ist aber kaum so. Gerade die politischen Parteien verkörpern die enorme Polarität, welche dieser Frage zu Grunde liegt. Da die politische Rechte besonders pointiert die Stärkung der Familie als Erziehungshoheit sowie eine Mutter einfordert, die zum Kind gehört und deshalb zu Hause bleibt, werden aus der Sicht anderer Parteien diejenigen Eltern, die sich für das Familienmodell entscheiden, schnell einmal als Bünzli oder Spiesser und als Inbegriff einer antifeministischen und antiliberalen Gesellschaft etikettiert. Verstärkt wird diese Etikettierung dadurch, dass es sehr wenige Paare gibt, welche diese Lebensform öffentlich, gehaltvoll und undogmatisch verteidigen.

    Obwohl der deutsche Bundstag das Betreuungsgeld mit 310 zu 282 Stimmen angenommen hat, ist es äusserst umstritten. Leider überwiegt in der Diskussion eine Schwarz-Weiss-Polemik die am lautstarksten von Kanzlerkandidat Steinbrück und vom Fraktionschef der Grünen, Trittin, geführt wird. Sie bezeichnen das Betreuungsgeld mit dem etwas sarkastischen Ausdruck «Herdprämie» oder auch mit «Fernhalteprämie». Steinbrück nannte es in der Debatte gar als «schwachsinnig». Es sei bildungs-, finanz-, gesellschafts- und arbeitsmarktpolitisch falsch, weil das Betreuungsgeld für Frauen Anreize schaffe, nach der Geburt eines Kindes länger dem Beruf fernzubleiben. Das werde ihre späteren Berufschancen mindern. «Weniger Frauen werden eine eigene Berufsbiografie schreiben, weniger Kinder werden Chancen auf frühe Bildungsförderung haben», sagte der SPD-Politiker.

    Obwohl dieses Argumentationsmuster nicht zurückgewiesen werden kann, ist es ein einseitiges. Es verknüpft auf unglückliche Weise das politisch motivierte Konzept des Betreuungsgeldes mit einem präferierten Lebensmodell und gibt vor, als ob das Kita-Betreuungssystem für junge Kinder das einzig Richtige sei. Vor dem Hintergrund internationaler Forschungserkenntnisse ist diese Einseitigkeit falsch. Wir wissen aus der Forschung zur Genüge, dass Kinder je nach ihrer sozialen Herkunft, ihrem Temperament, der Bindungssicherheit zur Mutter resp. zum Vater und insbesondere auch je nach Qualität des familienergänzenden Angebots sehr unterschiedlich profitieren. Genauso wissen wir, dass eine familienergänzende Betreuung immer nur als (hoffentlich positive) Ergänzung zur Kernfamilie des Kindes und nie als Ersatz verstanden werden kann und dassVater und Mutter die wichtigste Sozialisationsinstanz ihres Kindes sind.

    Das Betreuungsgeld hat wahrscheinlich deutlich mehr Nachteile als Vorteile haben (siehe hierzu beispielsweisehttp://argumentia.de/thema/betreuungsgeld). Doch scheint die Engführung der Argumentation eher bescheiden und stark ideologielastig, vor allem deshalb, weil es zwei Grundfragen ausblendet:

    • Was spricht gegen die Wahlfreihheit der Eltern, sich für ein bestimmtes, vielleicht zeitlich beschränktes, Lebensmodell zu entscheiden?
    • Oder anders – und mit dem interessanten Aufsatz im ZEIT-MAGAZIN gefragt: «Was machen Sie denn beruflich?» (31.10.2012): Ist Hausfrau (oder Hausmann)  eine frei gewählte weibliche (oder männliche) Lebensform unter vielen (…) oder ein Anachronismus, der überwunden werden muss, vergleichbar mit einem niedrigen Bildungsstand unter manchen Einwanderungsgruppen?

  • Anfangs letzter Woche wurde bekannt, dass die älteste Engadiner Privatschule, das Hochalpine Institut Ftan, noch diesen Sommer schliessen muss. Als Grund angegeben wurden der drastische Schülerschwund und finanzielle Probleme. Offenbar müssen aber auch andere traditionsreiche Internate ihre Schüler intensiver suchen und sich Einiges einfallen lassen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Ein Hauptgrund für die vermehrte Konkurrenz dürften die vielen Privatschulen sein, die wie Pilze aus dem Boden schiessen, insbesondere in grossen Städten wie Zürich, Genf, Bern oder Basel. Rund um den Zürichsee ist das Angebot besonders dicht. So startet die Swiss International School im Schwyzerischen Pfäffikon dieser Tage mit dem Ziel, im Vollausbau 300 Plätze anzubieten. Was steckt eigentlich hinter diesem Privatschul-Trend? Wieso sind die Wartelisten trotz meist (sehr) hoher Gebühren lang,und was bedeutet er für unsere Gesellschaft insgesamt?

    Schweizweit besuchen durchschnittlich ca. 5% der Kinder und Jugendliche eine Privatschule, Tendenz steigend. Das ist an sich noch kein hoher Marktanteil, doch wenn man die Privatschülerquote in einzelnen Gemeinden betrachtet, dann gibt dies zu denken. Im Kanton Zürich haben beispielsweise Gemeinden wie Zumikon, Rüschlikon oder Kilchberg Privatschülerquoten von gegen 25%, im Kanton Schwyz ist es Wollerau mit 21% und Walchwil im Kanton Zug mit 23%. Vor dem Hintergrund, dass Privatschulen immer mehr glorifiziert werden, ist das eine bemerkenswerte Realität.

    Um es vorweg zu nehmen: Ich bin nicht gegen Privatschulen, und ich verstehe Eltern, welche aufgrund schlechter Erfahrungen oder übermässigem Leiden ihres Nachwuchses fürchten, ihr Kind könnte an der öffentlichen Schule scheitern und es deshalb in eine Privatschule stecken.Sie wollen das Beste für ihr Kind,und suchen deshalb eine Schule ihrer Vorstellung. Sorgen bereitet mir jedoch, dass Eltern bereitsbei kleinsten negativen Erfahrungen der Schule mit diesem Schritt drohen und ihn dann auch vollziehen. Es sind bei weitem nicht nur Klagen, die Klassen seien zu gross, das Kind würde gemobbt oder die Schülerschaft sei zu heterogen. Viele Eltern sind überzeugt,die Volksschule werde ihrem Kind nicht gerecht, es würde in seinen Begabungen zu wenig gefördert, weshalb sie das Ziel Gymnasium und Studium als gefährdet sehen.Der Wechsel in eine Privatschule hat oft mit einer Art Bildungspanik zu tun, das Kind könnte die in es gesetzten Ziele nicht erfüllen.

    Gerade deswegen sind Privatschulen eine enorme Konkurrenz für die öffentlichen Schulen geworden. Denn sie richten sich an der Familie und dem Elternwillen aus, sind oft flexibler und auf die individuelle Förderung ausgerichtet. Deshalb gibt es in ihnen auch weniger Sitzenbleiber. Und auch was ihre Leistungen betrifft, kann ihnen ein gutes Zeugnis ausgestellt werden. Gerade die PISA-Studien haben gezeigt, dass sich Privatschulen in dieser Hinsicht kaum von den öffentlichen Schulen unterscheiden. Allerdings liegt der Grund nicht in ihrer besseren Qualität, sondern in der allgemein homogen hohen sozialen Herkunft der Kinder. Denn berücksichtigt man diese, dann schneiden öffentliche Schulen eher besser ab.

    Dieses Ergebnis spricht somit eigentlich für die öffentlichen Schulen und ihre hohe Integrationsfähigkeit. Denn sie haben bekanntlich einen gesellschaftlichen Auftrag, alle Kinder, sowohl die Besten als auch die Schwächsten, auszubilden, zu fördern und zu integrieren. Aber leider haben die öffentlichen Schulen es in den letzten Jahren oft versäumt, mit den Privatschulen gleichzuziehen. Beispielsweise: das eigene Profil zu schärfen und sichtbar zu machen, klare pädagogische und erzieherische Grundsätze im Sinne eines Wertekanons aufzuzeigen und die kindliche Verantwortung zu stärken, dieBindung zwischen Lehrern und Schülern stärker zu gewichten, Ganztageskonzepte einzurichten, bilinguales Lernen zu ermöglichen, neue Lehr- und Lernformen sowie vielfältige Angebote systematisch einzuführen etc.

    Die Volksschule versteht sich heute – von wenigen Ausnahmen abgesehen – zu stark als Opfer der gesellschaftlichen Entwicklung. Sie klagt zu viel, anstatt das Zepter in die Hand zu nehmen und aufzuzeigen, wozu sie fähig ist. Die Volksschule muss ein Spiegel der Gesellschaft sein, nicht die Privatschulen. Sie dürfen lediglich eine sinnvolle Ergänzung der öffentlichen Schulen sein.

    Dass Eltern ihre Kinder, die an der öffentlichen Schule negative Erfahrungen machen, aus der Schule nehmen und sie in eine private Schule schicken, ist zwar verständlich, aber trotzdem kein gutes Zeichen: Man sollte diese Entwicklung ernst nehmen, denn zu lange hat man die Privatschulen als qualitativ weniger gute Institutionen für vermögende und verwöhnte Kinder abgetan. Es darf nicht so sein, dass diejenigen, die es sich leisten können, eine gute Privatschulbildung bekommen und die anderen in der öffentlichen Schulen bleiben müssen. Eine gute Ausbildung muss für alle unabhängig von der finanziellen Situation möglich sein.

    Nicht nur die öffentlichen Schulen sind gefordert, sondern auch die Bildungspolitik. Und zwar deshalb, weil mit dem Privatschul-Boom ein weiteres, bisher kaum diskutiertes Problem verbunden ist: die Schwächung der Berufsbildung. Denn es versteht sich von selbst, dass Eltern, die ihr Kind für teures Geld in eine Privatschule schicken, den akademischen Weg im Blick haben und nicht die Berufslehre. Weil die Berufsbildung auch in dieser Hinsicht die Verliererin ist, braucht es dringend grundlegende Änderungen. Kantone, die mit ihrer Steuerpolitik übermässig finanzstarke und bildungsambitionierte Eltern anziehen, müssten gezielt und mit identischen finanziellen Aufwendungen die Berufsbildung stärken.

  • Viele, vor allem gut ausgebildete Eltern sind heute überinformiert. Sie wissen alles über Hirnforschung, über Babymassage, über Einschlaf- und Durchschlaf- oder Anti-Schreimethoden, über die richtige Ernährung oder über frühes Fremdsprachenlernen. Sie klammern sich an Lernkurven fest, vergleichen ihr Kind ständig mit dem Nachwuchs der Nachbarn und haben Angst vor eigenen Fehlern. Dabei verkümmert häufig ihre Intuition, d.h. ihre Fähigkeit, zu spüren, was gut für ihr Kind ist und was nicht. Eltern sollten wieder lernen, besser auf ihr Bauchgefühl zu hören, aber auch ihre Vernunft zu nutzen. Intuition und Vernunft bilden die beiden Pole der Erziehungskompetenz.

    Allerdings ist Intuition noch immer verpönt. Sie gilt als wenig professionell. Blickt man in die Bücherregale und die Websiten von Buchhandlungen, dann verstärkt sich diese Einschätzung. Erziehungsratgeber, die aufliegen, haben Hochkonjunktur. Eltern glauben ihnen aufs Wort. Vor allem dann, wenn sie vorgeben, von «pädagogischen Experten» entwickelt worden zu sein. Dies ist verständlich. Denn jahrelang hat die Forschung unterstrichen, dass Eltern ihre Kinder umso besser erziehen, je mehr sie sich von Verstand und Vernunft leiten lassen. Gefühle, so haben Väter und Mütter in Elternkursen gelernt, sind eherstörendes Beiwerk, welche die Vernunft schnell einmal unterwandern können. Eltern, die sich an wissenschaftlichem Wissen orientieren, sind somit ein Segen für unsere Gesellschaft. Sie schützen sich nicht nur vor Selbstüberschätzung, sondern ihre Kinder auch vor Willkür. Leider stimmt dies so nicht.

    Es braucht auch eine Portion Intuition. Wir alle verfügen über sie, doch haben wir sie häufig verlernt. Allerdings meint Intuition nicht einfach ‚spontan sein‘. Vielmehr gibt es so etwas wie eine professionelle Intuition. Gerd Gigerenzer bezeichnet sie in seinem lesenswerten Buch «Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition» als «gefühltes Wissen».Das Bauchgefühl ist somit keine Eingebung von oben oder nur eine Vorstellung, sondern unbewusste Intelligenz. Sie entsteht aus einer Fülle von Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben. Auf Basis dieser abgespeicherten Erfahrungen können wir – scheinbar aus dem Bauch heraus – in vielen Situationen schnelle Entscheidungen treffen. Im Sport sind hierfür Roger Federer oder Xherdan Shaqiri beste Beispiele.

    Wenn Eltern ihre Intuition nutzen, spielen Gefühl und Vernunft gleichermaßen eine Rolle. Dieses Phänomen konnte ich kürzlich im Tram beobachten: Eine Mutter mit ihrem ca. Zweijährigen im Wagen, verliess das Tram an der nächsten Haltestelle wieder fast fluchtartig, weil der Kleine so ausserordentlich schrie und die Blicke der genervten Tram-Passagiere alles sagten, was man sich vorstellen kann. Richtig, aber wahrscheinlich vollkommen intuitiv, hat sie gehandelt, denn es hätte kaum eine erzieherische Alternative gegeben. Hätte ich diese Mutter allerdings unmittelbar nachher gefragt, welche Vernunft sie bei dieser Entscheidung angewendet habe, hätte sie mit grosser Sicherheit geantwortet, dass sie gar keine Zeit zum Überlegen gehabt, sondern ausschliesslich aus den Bauch heraus gehandelt habe.

    Mehr Intuition wäre gerade in der frühen Förderung wichtig. Eltern sollten wieder lernen, der Intuition und den dahintersteckenden Faustregeln mehr zu vertrauen, aber auch lernen, wann sie diesen nicht vertrauen können. Eltern können Intuition schulen, indem sie versuchen

    den richtigen, d.h. dem Kind (und nicht den eigenen Interessen) angemessenen Zeitpunkt zu finden, mit einer bestimmten Förderung zu beginnen;

    ihr Kind so achtsam zu fördern, dass sie es nicht überfordern;

    sich zu fragen, ob die Förderung, die sie im Kopf haben, auch tatsächlich zu ihrem Kind passt;

    sie Signale ihres Kindes ernst zu nehmen.

    «Aus dem Bauch heraus» bedeutet jedoch nicht, den Kopf abzuschalten und kein Buch mehr über Erziehung zu lesen. Erziehungskompetenz meint eine Kombination von Wissen und Elementen intuitiver Praxis. Intuition ist auf (theoretisches) Wissen angewiesen. Eltern, die (noch) wenig davon haben, sollten sich nicht unbedingt ausschliesslich auf ihre Intuition verlassen. Väter und Mütter mit reichhaltiger Erfahrung und genug verinnerlichtem Wissen sind jedoch bestens dafür ausgerüstet, ihr Bauchgefühl mehr sprechen zu lassen.

  • Ich bin soeben von einem dreiwöchigen Auslandaufenthalt in Argentinien zurückgekehrt. Zwar widmeten wir uns in erster Linie dem Tango Argentino und seinen (enormen) Herausforderungen, doch nutzte ich die Reise auch, mich mit dem argentinischen Bildungssystem, insbesondere demjenigen des Vorschul- und Schuleingangsbereichs, auseinanderzusetzen. Mein Interesse gründet dabei nicht in erster Linie und ausschliesslich im Wissen, was nun genau Argentinien in diesem Bereich leistet oder unterlässt, sondern vor allem auch, was anders ist als bei uns und was uns dieses Andere auch sagen könnte. Mein Blog «Mit dem Pferd zur Schule» diskutiert dieses Andere anhand der ‚pädagogischen Qualität‘: dass man diese in anderen Kulturen ganz anders interpretieren kann als wir dies hierzulande mit unserer ‚ethnozentrischen Perspektive‘ üblicherweise tun.

    Mit ‚ethnozentrisch‘ gemeint ist unsere vorherrschende Denkweise, andere Kulturen und Gemeinschaften aus der Perspektive unserer eigenen Kultur zu beurteilen und anhand unserer Normen zu bewerten. Folglich halten wir das, was wir hierzulande als ‚pädagogische Qualität‘ definieren, auch unhinterfragt als das Beste für alle anderen und Abweichungen davon als Mängel.

    Nachfolgendes Erlebnis bei einer argentinischen Gaucho-Familie ist ein gutes Beispiel für einen anderen Blick auf die pädagogische Qualität. Das, was bei ihnen als entwicklungsangemessen gilt, wird bei uns schnell einmal als überfordernd und als entwicklungsunangemessen bewertet. Also: Unsere Gastgeber waren eine Gaucho-Familie, bestehend aus vielen Erwachsenen und mindestens sechs Kindern. Sie betreibt vor den Toren von Buenos Aires, etwa 150 km entfernt, auf ihrer «Estancia» eine grosse Rinder- und Pferdezucht. Kindergarten und öffentliche Schule sind 7 km entfernt. Nicht etwa ein öffentlicher Schulbus bringt die Kinder dorthin, sondern das Pferd. Meist sind es zwei Kinder – auf dem obenstehenden Bild der siebenjährige Erstklässler Manuel und der fünfjährige Kindergärtler Fabian – die sich ein Pferd teilen müssen. Sie reiten so zur Schule, alleine und ohne Aufsicht. Für die Eltern und die Lehrkräfte ist dies selbstverständlich. Die Kinder – so deren Argumentation – würden sowieso fast ab Geburt mit dem Pferd vertraut, und es sei notwendig, dass sie diesem gegenüber auch Verantwortung übernehmen. Während des Unterrichts bleiben die Pferde auf der Weide neben dem Schulhaus. Für Fabian und Manuel kommt der wichtigste Moment jedoch nach der Schule: Dann veranstalten sie jeweils sie mit den anderen Kindern Wettrennen. Bei unserem Besuch war gerade das 3 km entfernte Bus-Häuschen das Ziel.

    Und wie ich dieser davon stiebenden Gruppe von Kindern nachsah, kam mir das in den Sinn, was ich in meinem Dossier «Achtung fertig Schuleintritt» (siehe auf der Website unter ‚Publikationen‘) den Eltern von Kindergärtlern und Schulneulingen empfehle:

    «dass sie[die Eltern] ihr Kind nicht mit dem Auto zur Schule bringen sollten und es dadurch Sicherheit gewinnen könne, sich selbständig im Verkehr zu bewegen oder sie es mit Kleidungsstücken kleiden sollten, die mit licht-reflektierenden Materialien versehen sind…(Seite 30)

    Und ich überlegte mir, wie gut es wäre, genau diesen Moment mit den wild reitenden Kindern als Video-Aufnahme für Referate und Weiterbildungen zur Verfügung zu haben. Ein solches Video würde einen guten Ausgangspunkt bilden für hiesige Diskussionen zu den Inhalten pädagogischer Qualität, zu motorischer Frühförderung, zu Elternverantwortung und Überbehütung, zu Sicherheit und Prävention etc. etc. Schade, so bleibt mir nur, anhand des Bildes von Fabian und Manuel jeweils von meinem Erlebnis zu erzählen und damit für ein (selbst-)kritischeres Verständnis zu werben, dass unsere Überzeugung von pädagogischer Qualität nicht per se internationale Gültigkeit haben kann und dass wir aus solchen Vergleichen durchaus etwas lernen könnten.

     

  • Es brodelt erneut in der Bildungspolitik. Waren es vor zwei Jahren die steigenden Maturandenquoten gewesen, die vielen ein Dorn im Auge waren, so ist es heute eine Aussage in der Sonntagspresse vom 29. Juli. Denn der neue Rektor, Herr Guzzella, hat sich mit einer Aussage sehr erfolgreich und auch geschickt in der Öffentlichkeit bemerkbar gemacht. Er fordert nämlich härtere Matura-Prüfungen sowie eine bessere Förderung der Talentierten. Innovation sei das beste Kapital der Schweiz, sagt er.

    Solche Aussagen unterstütze ich sehr. Denn dass das ‚Niveau‘ an den Schulen gesunken ist, wird schon längere Zeit beklagt. Nur weiss niemand so genau, wie man dieses Problem tatsächlich beheben könnte. Die einen plädieren für frühkindliche Bildung, die andere für Tagesschulen und Elternbildung, die dritten für einen besseren Unterricht. Oder eben, wie dies Herr Guzzella fordert, für strengere (Maturitäts-)Prüfungen. Nur – alle diese Forderungen sind bei genauerem Hinsehen nur die eine Seite der Medaille. Und damit Ausdruck eines relativ engen Blicks auf unser Bildungssystem.Seit langem wissen wir, dass Eltern wichtiger sind als die Schule und dass es ohne Fleiss keinen Preis gibt. Was meine ich damit?

    Das Gymnasium ist so beliebt wie noch nie. In der Schweiz besuchen derzeit ca. 74 000 Jugendliche eine Schule, die zur Matura führt. Eltern haben heute einen enormen Drang nach hoher Bildung. Dies trifft insbesondere auf gut gebildete Zugewanderte aus Deutschland zu, denn dort gilt das Abitur für die gebildete Mittelschicht als Standard. Es erstaunt somit nicht, wenn Eltern alles tun, damit ihr Kind die Aufnahmeprüfung besteht. 63% tun dies mittels Nachhilfe, das wissen wir aus verschiedenen empirischen Studien.

    Wenn also gefordert wird, dass die Maturitätsprüfungen strenger werden sollen, dann ist mit einiger Sicherheit damit zu rechnen, dass Eltern ihre Optimierungsstrategien anpassen werden, sprich: Sie werden versuchen, ihren Kindern über Lernstudios, Lern-Foren oder über Privatschulen zu Vorteilen zu verhelfen, damit sie auch allenfalls härtere Matura-Prüfungen bestehen. Und wenns sein muss, werden sie Bewertungen der Lehrkräfte ablehnen oder auch Anwälte einschalten. Und schliesslich, kann man ja auch eine Klasse wiederholen…Von solchen Strategien hat mir kürzlich ein Rektor eines Gymnasiums berichtet.

    Dass Begabungsreserven entdeckt und Talente besser gefördert werden sollten, ist unbestritten. Dies über strengere Maturitätsprüfungen oder die Anhebung der Studiengebühren zu tun, sind meines Erachtens jedoch kaum geeignete Wege. Sollen die Chancen auf eine Matura oder auf ein ETH-Studium nicht eine Frage der sozialen Ungerechtigkeit werden – weil sie sich über Geld kaufen lassen – dann müssen die Zugangsbedingungen verändert werden. Sprich: Der Zugang zu den Gymnasien sollte nicht allein auf Noten abgestützt werden. Noten sind in einem hohen Mass unpräzis und allein auf sie aufbauende Aufnahmeverfahren kaum mehr zeitgemäss. Dies hat zur Folge, dass ein nicht kleiner Anteil derjenigen, die den Sprung ins Gymnasium schaffen, lediglich besonders fleissig oder durch das Elternhaus gefördert sind und deshalb nur am Rande über die ‚überdurchschnittlichen’ Fähigkeiten verfügen, die dem Gymnasium traditionell zugeschrieben werden

    Meines Erachtens wäre es problematisch, wenn sich die ETH einem linearen Denken verschreiben würde, denn bildungssoziologisch gesehen ist es leider überholt. Eltern und die paraschulische Lernindustrie sind längst zu den wesentlichen Parametern für das Matura-Doping geworden. Das Hauptproblem besteht somit nicht darin, dass die Maturanden zu wenig leisten, sondern dass wir keine modernen, dem meritokratischen Prinzip angemessenen Zugangswege und Beurteilungssysteme entwickelt haben. Meritokratie meint, dass jenseits von Stand und kultureller Herkunft Potenzial und Leistung des Individuums im Mittelpunkt stehen.

  • erschienen in: Aargauer Zeitung, Die Nordwestschweiz, 11.08.2014

    Es ist eigenartig: Die Schweizer Berufsbildung geniesst einen ausgesprochen guten Ruf, doch gehen ihr langsam die Lehrlinge aus. Noch 2007 hätte man sich nicht vorstellen können, dass viele Betriebe sieben Jahre später in bestimmten Berufen händeringend junge Menschen für eine Berufsausbildung suchen. Die Forderung des Gewerbes nach einem Umdenken in der Bildungspolitik ist deshalb nur zu unterstützen. Zwar tun Bund und Kantone mitgezielten Kampagnen ausgesprochen viel. Auch viele Betriebe haben entdeckt, dass sie sich stärker um potenzielle Auszubildende bemühen müssen. Der Erfolg ist trotzdem bescheiden geblieben.

    Der Hauptgrund dürfte darin liegen, dass die Eltern als diewichtigste Orientierungsinstanz bei der Berufswahl des Nachwuchses ausgeblendet wurden.Väter, vor allem aber die Mütter, haben nicht nur einen grossen emotionalen Einfluss, sondern sind auch die wichtigsten Bezugspersonen ihrer Söhne und Töchter. Die Gleichaltrigen sind in diesem Prozess weniger wichtig. Deshalb halten Elterndas Zepter fest in der Hand und nehmendas, was die Schulen«Berufsorientierung» bezeichnen, oft gar nicht als Prozess wahr, sondern lediglich als Umsetzung ihrer eigenen Vorstellungen. Der Sohn oder die Tochter soll den Beruf wählen, den sie selbst als der angemessenste erachten.

    Wo liegt das Problem?Vor allem darin, dass die Kantonsschule, also derakademische Bildungsweg, eine grosse Anziehungskraft hat und viele Eltern glauben, er sei der einzig Richtige und Sichere. Die Berufslehre ist für sie eher eine Sackgassenausbildung. Nur, wer sollte ihnen dies verübeln, wenn die ganze Welt vonExzellenz spricht, von der Vorschule («Exzellenzkrippen») bis zur Hochschule («Exzellenzuniversitäten»)? Eigentlich ist es mehr als verständlich, wenn viele Eltern dadurch zunehmend beunruhigt sind,ihre Sprösslinge könnten im Wettbewerb um eine gute Ausbildung nicht bestehen.Konkurrenzfähigkeit ist deshalb zum unausgesprochenen Erziehungsziel geworden.

    Die Medaille hat wie immer eine Kehrseite.Väter und Mütter entwickeln zunehmend unrealistische Vorstellungen von den Fähigkeiten ihres Kindes. Akademikereltern überschätzen sie häufig, während Eltern aus einfachen Sozialschichten sie oft unterschätzen. Dies ist ein wesentlicher Grund dafür, dassdie Berufsbildung vor allem von Jugendlichen aus nicht akademischen Elternhäusern in Anspruch genommen wird. Zwar darf man Kantonsschule und Berufslehre nicht gegeneinander ausspielen. Doch ist dieser Zustand mit Sicherheit nicht zukunftsträchtig. Denn in erster Linie sollten Neigungen und Fähigkeiten den Ausschlag zur Berufs- und Bildungswahl geben und nicht die Präferenz der Eltern. Wenn dem so wäre, dann wären mehr Talente in der Berufsbildung vertreten.

    Nur, wer weiss denn schon, dass Berufslehre und Berufsmaturität den Weg an eine Fachhochschule erlauben und mittels einer Passerelle sogar ein Universitätsstudium möglich ist?Zu viele Eltern (und oft auf Lehrkräfte) kennendie einmalige Durchlässigkeit unseres Bildungssystems gar nicht. Diese Informationslücke ist in allen Sozialschichten festzustellen, insbesondere auch in ausländischen Familien.

    Es ist klar: Die Diskussion um die schwindende Attraktivität der Berufsbildung, der«Kampf um die Talente», hat sich bisher zu einseitig auf Schulen, Betriebe und Verbände konzentriert. Die Familie ist vergessen gegangen.Wenn dieBerufsbildung als gleichwertige Alternative zum akademischen Bildungsweg wahrgenommen und von den Eltern und ihrem Nachwuchs tatsächlich auch gewählt werden soll, dannmüssen sie zum zentralen Element in der aktuellen Diskussion um den Lehrlingsmangel werden.Deshalb gilt es, Strategien zu entwickeln. Anzusetzen ist auf mindestens zwei Ebenen.

    Es braucht eine umfassende Aufklärungsarbeit. Zwarfehlt es nicht an Information und Ratgebern zur Berufswahl, wohl jedoch an solchen relevanter Art. Sie thematisieren zu wenig die Vor- und auch Nachteile der verschiedenen Bildungswege sowie die Fähigkeiten und Talente, über welche der Nachwuchs im Hinblick auf Kantonsschule und berufslehre verfügen müsste. Oft wissen Eltern zudem kaum, wie sie vorhandene Berufsinformation auswählen und gewichten sollen. Zudem kommen sie viel zu spät damit in Kontakt. Die Forschung zeigt nämlich, dass Eltern ihreBildungsentscheidungen sehr früh, meist bereits im Primarschulalter, fällen. Deshalb muss Informationsmaterial viel früher als dies bisher der Fall gewesen ist, zur Verfügung stehen. Will die Berufsbildung ihre Attraktivität steigern, tut sie somit gut daran, sich verstärkt auf die Eltern als heimliche Meinungsmacher zu konzentrieren.

  • Im Kanton Zürich hat ein Sechstklässler im letzten Frühling die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium nicht bestanden, weil sein Aufsatz nur mit einer 2 benotet worden war. Die Eltern rekurrierten, zuerst bei der Bildungsdirektion, dann beim Verwaltungsgericht. Dieses hat nun entschieden, dass der Aufsatz neu beurteilt werden muss*.

    Dies ist noch keine bemerkenswerte Geschichte. Bemerkenswert ist jedoch, dass Rekurse in allen Kantonen zunehmen und auch vor der Universität nicht Halt machen. Erstaunlicherweise sind es auch hier noch die Eltern und nicht die Studierenden selbst, welche die Rekurse in die Wege leiten und sie verantworten.

    Warum engagieren sich Eltern derart für ihre Kinder, auch wenn sie schon erwachsen sind? Warum ist nur das Gymnasium gut genug, und weshalb wird eine nicht bestandene Prüfung zur Katastrophe? Unser Bildungssystem ist ja enorm durchlässig, so dass auch «Spätzündern» viele Optionen von der Berufslehre bis an die Universität offen sind und Eltern folgedessen  entspannter sein könnten.

    Viel zu einseitig ist die oft gehörte Erklärung, Väter und Mütter seien zu ehrgeizig, sie wollten aus ihrem Nachwuchs perfekte Kinder machen und sich dann mit ihrem Erfolg brüsten. Zutreffender ist, dass gesellschaftlich bedingte Hintergründe Eltern in ihren Bildungsambitionen stark beeinflussen. Neoliberalistische Strömungen haben in den letzten beiden Jahrzehnten nicht nur die Wettbewerbsorientierung stark gefördert, sondern auch die individuelle Eigenverantwortung für Berufserfolg und Familienglück. Für Väter und Mütter heisst dies, dass sie nicht nur für ihr persönliches Wohlergehen selbst verantwortlich sind, sondern auch für das ihrer Kinder. Ist der Nachwuchs erfolgreich, ist das ihr Verdienst, gerät er nicht nach Wunsch, sind sie ebenfalls Schuld, weil sie «aus ihren Kindern zu wenig gemacht haben». Und gemeint sind meistens die Mütter.

    Frauen fühlen sich heute mehr denn je für die Erziehung und Förderung ihrer Kinder zuständig (und oft auch allein verantwortlich), auch dann, wenn sie zu einem grossen Teil berufstätig sind. Sie tun deshalb sehr viel, um ihre Kinder von den gesellschaftlichen Unsicherheiten zu schützen und ihnen eine optimale Schullaufbahn zu ermöglichen. Solche Anstrengungen nennt die Forschung «Statusabsicherung». Dazu gehören viele Aktivitäten, von denen drei besonders verbreitet sind: die schulische, die talentbezogene und die emotionale Statusabsicherung.

    • (Vor-)Schulische Statusabsicherung**: Sie beginnt schon sehr früh, mit der Wahl der Kita, der Spielgruppe oder des Förderkurses. Vor allem die Mütter machen sich viele Gedanken zur Entwicklung des Kindes oder zur besten Förderung. Aber sie forschen auch bei Freunden, Nachbarn und Verwandten nach, was diese genau tun und wie. Im Schulalter gehören dann auch Analysen dazu, ob das Kind die richtige Lehrperson hat, den richtigen (aber nicht zu anspruchsvollen) Schulstoff vermittelt bekommt, ob die Hausaufgaben verständlich sind, die Schulkameraden angemessen sind und das Kind in der Schule richtig behandelt wird.
    • Talentförderung als Statusabsicherung: Weil es immer mehr Bücher zu Themen wie «Jedes Kind ist hochbegabt» gibt oder zu «Erkennen Sie, was in Ihrem Kind steckt», wird es für Eltern fast zwingend, auch beim eigenen Kind Talente zu suchen und zu fördern. Dies tun sie mittels ausser- und innerfamiliären Aktivitäten, Förderkursen oder auch Feriencamps etc. Wie Eltern dies tun, ist aber sehr unterschiedlich. An einem extremen Pol sind die «Tigermütter»***, welche aus ihren Kindern Wunderkinder machen möchten. Vor allem in der musischen oder sportlichen Talentförderung sieht man auch viele «Goldmedaillen-Eltern»****, welche vom Nachwuchs erwarten, dass er unter Druck Höchstleistungen erbringt. Auf der anderen Seite gibt es Väter und Mütter, welche der wettbewerbsorientierten Form von Talentförderung widerstehen. Dies ist aber nicht einfach, weil sie oft mit Vorwürfen eingedeckt werden, sie würden den «Kindern etwas vorenthalten» und ihr Talent vergeuden.
    • Emotionale Statusabsicherung: Ebenso grosse Anstrengungen unternehmen viele Eltern, damit ihr Kind glücklich und sein Wohlbefinden sichergestellt ist. Vor allem Mütter sind bemüht, seine Bedürfnisse über die eigenen zu stellen, immer zu wissen, wie es ihm geht und es auf keinen Fall leiden zu sehen. Deshalb klammern sie möglichst alle Unannehmlichkeiten aus und halten jegliche Unbill des Alltagslebens von ihm fern. Oft sagen Mütter sogar, ihr erstes und einziges Ziel sei, dass ihr Kind «glücklich sei». Leider ist diese Art von Glück ein schwer fassbares und kaum einzulösendes Ziel.

    Diese drei Formen von Statusabsicherung ist für Kinder ohne Zweifel von einem gewissen Nutzen, weil sie vor dem Misserfolg bewahrt werden, den Weg ins Gymnasium nicht zu schaffen und sie auch ihre Talente entfalten können. Darüber hinaus wachsen sie in einem sehr behüteten und emotional ausgesprochen liebevollen Umfeld auf. Damit können aber auch viele psychische Konsequenzen verbunden sein. Beispielsweise im Sport, wenn Kinder immer siegen sollten, jedoch lediglich normale Leistungen zu erbringen im Stande sind. Oder wenn sie zu Bestnoten in Deutsch und Mathematik gepusht werden, dadurch jedoch ihre an sich breiten Interessen in Literatur, Kunst oder Naturwissenschaft verlieren. Schliesslich kann sich auch die mütterliche und väterliche Angst um die Wettbewerbsfähigkeit des Kindes auf es selbst übertragen und Spannungen, Verweigerung oder körperliche Beschwerden zur Folge haben. Wenn zudem vor allem Mütter für ihr Kind alles richten, dann gewöhnt es sich an solche Dienstleistungen und entwickelt den Anspruch, nicht es selbst, sondern die Umgebung sei für sein Glück verantwortlich. Dies wiederum kann zu einem Verhalten gelernter Hilflosigkeit führen.

    Intensive, perfekte Eltern- resp. Mutterschaft hat negative Auswirkungen, nicht nur auf die Frauen selbst, sondern ebenso auf die Kinder. Selbstverständlich ist es keine Frage, dass die Beziehung zwischen Mutter, Vater und Kind enorm wichtig und auch entscheidend ist für ein gesundes Aufwachsen. Doch elterliche Überinvestitionen führen zur Paradoxie, dass das Kind abhängig wird und zu kurz kommt. Es kann nicht selbstständig werden, Herausforderungen nicht alleine meistern und auch keine Frustrationstoleranz lernen.

    Es genügt nicht, Eltern lediglich aufzufordern, weniger in ihren Nachwuchs zu investieren. Notwendig sind andere Denkmuster. Wir brauchen vor allem eine Gesellschaft, welche Eltern weniger schuldig spricht, eine Politik, welche sie in ihrer Arbeit unterstützt – und wir brauchen Männer und Frauen, die sich von der Verpflichtung zu intensiver Elternschaft emanzipieren und versuchen, lediglich hinreichend gute Eltern zu sein. Die Kinder werden es ihnen danken – auch wenn es vielleicht nicht direkt ins Gymnasium reicht. Janusz Korczak hat einmal formuliert «Jedes Kind hat das Recht, das zu sein, was es ist.»

    Literaturhinweise

    *http://www.nzz.ch/zuerich/aktuell/zuercher-verwaltungsgericht-per-rekurs-ans-gymnasium-ld.108732

    **Bude, H. (2011). Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet. München: Hanser.

    ***Chua, A. (2011). Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte.München: Hanser.

    **** Stamm, M. (2016). Lasst die Kinder los! Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. München: Piper.

  • Kürzlich war ich beruflich in Berlin tätig. Eine Kollegin erzählte mir dabei, dass es immer mehr Restaurants gäbe, welche Kinder aussperren würden. Zwar ist mir diese Tatsache bereits aus anderen Ländern bekannt, wo Restaurants mit dem Schild «No Kids allowed» deutlich machen, welche Klientel sie wollen. Offenbar kommt diese Bewegung nun auch zu uns. Die Wirte, so meine Kollegin, seien meist zufrieden mit ihrer Aktion, vor allem Kinderlose würden vermehrt kommen und «kinderfreie Zonen» seien wirtschaftlich erfolgreich.

    Zwar kenne ich in der Schweiz nur sehr wenige Restaurants, in denen Kinder unerwünscht sind. Aber die Diskussionen in Blogs, Briefkästen von Elternzeitschriften und in Tageszeitungen zeigen, dass das Thema auch hierzulande ein heisses Eisen ist. Ist es Ausdruck einer wachsender Kinderfeindlichkeit? Sind Kinder tatsächlich nur noch erwünscht, wenn sie sich still verhalten? Und, ist «sich still verhalten» gleichzusetzen mit «gut erzogen»?

    Mit Sicherheit läuft dann etwas verkehrt, wenn ein Kind mit Coupe Dänemark-Schokoladefinder die Fenster oder gar die Sitzbank des Restaurants verschmiert. Insbesondere dann, wenn die Eltern nicht einschreiten und gar so tun, als ob dies die normalste Sache der Welt sei. Wenn Restaurant-Betreiber dann eingreifen, ist dies verständlich. Denn sie haben verständlicherweise andere Interessen als Eltern. Vor allem wollen sie nicht, dass Eltern das Restaurant zur eigenen Wohnstube machen. Deshalb spricht für die Betreiber, dass sie «erzogene Kinder» wollen. Obwohl dies eine provozierende Forderung ist, Kinderhasser sind sie wohl kaum.

    Andererseits spricht auch Einiges für die Eltern: Kinder gehören auch in ein Restaurant. Teil der Erziehung ist es, dass Kinder an verschiedenen Orten ‚sozialisiert‘ werden, also nicht nur zu Hause, bei der Gotte, den Grosseltern oder in der Krippe, sondern auch in der Arztpraxis, im Museum, im Schwimmbad oder im Tram. Kinder sollen die Regeln und Normen kennenlernen, welche an diesen unterschiedlichen Orten gelten.

    Es wäre aber vermessen, von kleinen Kindern zu erwarten, dass sie per Knopfdruck wissen, was ein Restaurant vom häuslichen Wohnzimmer unterscheidet. Gibt man ihnen jedoch etwas Zeit, dann lernen sie schnell und intuitiv, dass es diese Unterschiede gibt, aber nur dann, wenn Eltern nicht nur «Flugbegleiter» (Jesper Juul), sondern Erzieher sind und mit Nachdruck die geltenden Normen durchsetzen. Und, wenn das Restaurant nicht zu ihrer ritualisierten Bleibe wird.

    Sitzen Väter und Mütter stundenlang mit ihren Kindern im Restaurant oder im Café, dann ist dies für sie und ihre Kinder ungünstig. Wahrscheinlich signalisieren sie damit jedoch ein Bedürfnis: Vielleicht brauchen sie den Austausch mit anderen Eltern, vielleicht fällt ihnen sonst zu Hause die Decke auf den Kopf, vielleicht auch sehnen sie sich nach dem Zustand, als sie noch keine Kinder hatten und sie vollkommen frei waren. Mit Sicherheit ist dieses Sitzleder von Eltern auch ein Ausdruck dafür, dass es aktuell viel zu wenig Begegnungsräume für Familien gibt.

    Das eingangs beschriebene Coupe Dänemark-Beispiel ist jedoch auch ein guter Hinweis auf die unterschiedlichen Erziehungsstile. Aus der Forschung kennen wir verschiedene Erziehungsstile, drei davon spielen bei diesem Beispiel eine Rolle. Erstens der autoritäre Erziehungsstil, der enge Kontrolle und Bestrafung ausübt. Autoritäre Eltern hätten dem kleinen Schokofinger wohl sofort eins hinter die Ohren verpasst. Zweitens der Laissez-Faire Erziehungsstil, der sich vollkommen an den Bedürfnissen des Kindes orientiert. Obiges Beispiel entspricht ihm vollkommen, denn die Eltern reagieren gar nicht auf die Kleckerei des Kindes und sind insgesamt vielleicht sogar stolz auf seine Kreativität. Das angemessene Verhalten wäre der autoritative Erziehungsstil. In unserer westlichen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft gilt er als derjenige, welche einer guten Erziehung am meisten förderlich ist. Dieser Erziehungsstil nimmt die Bedürfnisse des Kindes ernst, zeigt ihm Wärme, Wertschätzung und Anerkennung, formuliert aber ganz klare Regeln und Normen, die eingehalten werden müssen. Der kleine Schokofinger wäre somit sofort, aber liebevoll in seinem Tatendrang unterbunden worden und die Eltern hätten sich beim Restaurantbetreiber entschuldigt.

    Ein solches autoritatives Verhalten bedingt jedoch – und dies fällt heute vielen Eltern schwer – dass sie bereit sein müssten, in einen Konflikt mit dem Kind zu treten und es zurechtzuweisen, vielleicht gar zu strafen, wenn es die Regeln nicht befolgt – und auch zu ertragen, dass es dann vielleicht unglücklich ist. All dies erfordert Geduld, Gelassenheit und auch Zeit. Und diese ist heute ein knappes Gut.

    Meines Erachtens wäre es jedoch verfehlt, wie dies immer wieder geschieht, alle Eltern einfach an den Pranger zu stellen und von einer allgemeinen «Erziehungskatastrophe» zu sprechen. 70% der Eltern leisten im Allgemeinen sehr viel und fast alle wollen das Beste für ihr Kind. Man muss sie deshalb unterstützen, ihre erzieherische Rolle als Autorität einzuhalten.

    Eltern dürfen ihre Kinder uneingeschränkt toll finden und ihrem Kind Liebe entgegenbringen, aber ohne Schuldgefühle. Sie sollten ihm gegenüber aber auch kritisch sein und ihm Grenzen aufzeigen, die immer und überall gelten – und dabei konsequent bleiben. Dann müsste es eigentlich möglich sein, dass wir auch in Restaurants oder Cafés ein «Generationenhaus» bleiben können…

  • Das Gymnasium ist Schuld, dass der Berufsbildung die guten Lehrlinge fehlen. Diese Aussage hört man immer wieder, wenn es um den Lehrlingsmangel geht. Die Berufsbildung sieht sich als Verliererin. Aber ist das Gymnasium wirklich der Prügelknabe? Eher nicht, denn gute Lehrlinge fehlen der Berufsbildung nicht einfach deshalb, weil sie sich fürs Gymnasium entscheiden. Die Hauptursache liegt in den sinkenden Schülerzahlen, welche die Berufsbildung gegenwärtig besonders spürt. Denn nach wie vor wählen gleich viel oder etwas mehr Jugendliche das Gymnasium oder eine Vollzeitschule, weshalb der Berufsbildung nicht mehr so viele leistungsfähige junge Menschen zur Verfügung stehen.

    Die soziale Herkunft entscheidet den Zugang zur Bildung

    Aber es geht kaum darum, dass zu wenige der leistungsfähigen Jugendlichen eine Berufslehre absolvieren und zu viele das Gymnasium. Das Störende liegt darin, dass nicht Begabung und Interesse über den Zugang zur Bildung entscheiden, sondern die soziale Herkunft. Vereinfacht gesagt besuchen die oberen Schichten das Gymnasium und studieren dann mehrheitlich an der Universität. Die unteren Schichten machen eine Berufslehre und vielleicht noch eine Berufsmaturität. Doch wer aus einer Arbeiterfamilie stammt, geht deutlich seltener nachher an eine Fachhochschule.

    Das ist kein zukunftsträchtiger Zustand. Wenn Neigungen und Fähigkeiten tatsächlich den Ausschlag zur Bildungs- und Berufswahl geben würden, dann wären in der Berufsbildung mehr Jugendliche aus gut situierten Familien vertreten und in den Gymnasien mehr intellektuell begabte Kinder aus Arbeiter- und Migrantenfamilien.

    Die Ursache liegt teilweise bei den Eltern

    Liegt die Ursache des Übels somit bei den Eltern? Man liest in den Medien ja oft, dass die Gutsituierten ihren Ehrgeiz zügeln und ihre Sprösslinge für eine Berufslehre motivieren sollen. Die Sache ist aber komplizierter. Bildung ist heute längst kein öffentliches, sondern ein hart umkämpftes privates Gut. Viele Väter und Mütter der Mittelschicht praktizieren das, was die Bildungspolitik jahrelang von ihnen erwartet hat, nämlich eine bildungsbeflissene Elternschaft. Sie haben ihre Antennen dauernd ausgefahren und bemühen sich darum, dass der Nachwuchs von Anfang an die gleichen oder besseren Chancen hat wie die anderen Kinder. Deshalb grenzen sie sich nach unten ab. Aus Angst, der beste Freund des Kindes könnte aus der Unterschicht kommen und einen schlechten Einfluss haben, ziehen sie in bessere Quartiere, schicken die Kinder in gute Schulen und lesen für sie die «richtigen» Freunde aus. Ansteckungsangst nennt dies derBildungssoziologe Heinz Bude.  

    Kinder verschiedener Schichten sind heute wie durch eine Kontaktsperre voneinander getrennt. Dass sie deshalb andere Welten nicht mehr kennenlernen,liegt aber auch an der Ansteckungangst einfach gestellter Familien. Weil ihnen die akademische Welt meist fremd ist und sie die Bildungsversessenheit der «gut Betuchten» ablehnen, sind sie dem Gymnasium gegenüber oft enorm skeptisch eingestellt. Sie sind überzeugt, dass junge Menschen, die den akademischen Weg wählen, nicht wissen, was arbeiten heisst. Davor wollen sie ihr eigenes Kind bewahren, auch wenn es intellektuell begabt und akademisch interessiert ist. Doch genau solche Kinder gehörten ins Gymnasium und nicht in die Berufsbildung.

    Eine Vision: Chancengerechtigkeit in den Mittelpunkt stellen

    Eine Lösung gibt es kaum, doch eine Vision. Wir sollten aufhören, über zu ehrgeizige oder zu bescheidene Eltern zu diskutieren und stattdessen die Chancengerechtigkeit in den Mittelpunkt stellen. Chancengerechtigkeit zielt darauf ab, dass jeder junge Mensch die gleichen Chancen wie der andere bekommt, seine individuellen Begabungen zu entwickeln. Um diese zu erkennen, braucht es Potenzialanalysen, diesowohl handwerkliche Neigungen als auch akademische Fähigkeiten sichtbar machen. Dann würde auch die unheilige Praxis ein Ende finden, nämlich Mittelschichtskinder mit guten Schulnoten unhinterfragt und ohne Bezug zu ihren Fähigkeiten und Interessen ins Gymnasium zu schicken, Unterschichtskinder jedoch lediglich mit der Begründung in die Berufsbildung, die Eltern könnten ihnen ja doch nicht helfen.

    Dass Gymnasium und Berufsbildung derart gegeneinander ausgespielt werden, ist nicht nur unverständlich, sondern auch unhaltbar. So wird Bildung zum teuflischen Gut und unsere Bildungsvielfalt zur grossen Verliererin.

  • erschienen in Aargauer Zeitung/Nordwestschweiz, 4. Mai 2015, 16.

    Der Kindergarten ist obligatorisch und in die Schulpflicht eingebunden. Damit setzt die Bildungspolitik ein Zeichen, dass sie die frühe Förderung ernst nimmt. Tatsächlich können viele Kindergärtler schon rechnen, lesen oder schreiben. Gelernt haben sie es im Förderkurs, von den Eltern oder beim grossen Bruder abgeschaut. Nur, Kindergärten haben eigentlich andere Probleme. In unseren Forschungsstudien klagen viele Lehrkräfte über massive Entwicklungsdefizite. Der Anteil der Kinder, die kaum mehr Treppen steigen, die Hände selbst waschen, den Reissverschluss der Jacke schliessen oder die Schuhe binden können, nimmt stark zu. Und es gibt immer mehr, die noch Windeln brauchen.

    Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, wenn Gemeinden Kriterien zusammentragen, über welche Fähigkeiten und Fertigkeiten Kinder beim Kindergarteneintritt verfügen sollten. Das hat kürzlich auch die Stadt Baden mit einem Merkblatt getan, doch hat dies bei den Eltern hohe Wellen geworfen. Aus einer pädagogischen Perspektive sind solche Kriterien jedoch in Ordnung und zwar aus zwei Gründen. Erstens ist der Kindergarten darauf angewiesen, Kinder zu unterrichten, die ein grundlegendes Mass an Selbstständigkeit erreicht haben. Zweitens tun Eltern gut daran, ihr Kind auf dieses Ziel hin zu erziehen, denn ein erfolgreicher Übergang ist für den späteren Schulerfolg und für die Bewältigung aller weiteren Übergänge zentral.

    Selbstverständlich kann man argumentieren, die Kinder seien noch so klein und aufgrund des Stichtages vom 31. Juli manchmal erst gut vier Jahre alt. Dies ist jedoch eine falsche Optik. Die Erziehung zur Selbstständigkeit beginnt schon im frühen Kindesalter. Väter und Mütter sind auf dem rechten Weg, wenn sie ihren Nachwuchs nicht überbehüten, ihm nicht dauernd alle Hindernisse aus dem Weg räumen und ihn vor jeder Gefahr schützen. Wer hingegen sein Kind auch mit drei Jahren noch im Buggy herumstösst, weil es angeblich so schnell müde wird, es jede Treppe hochträgt, wenn es dies selbst nicht schafft oder ihm aus Verletzungsangst keine Schere in die Hand gibt, riskiert, dass es nicht «kindergartenfähig» wird.

    Dies gilt auch für Kinder, die noch in die Windeln machen. Denn Trocken werden ist nicht nur ein Kriterium der Reife, sondern ebenso eine Frage der Erziehung. Kleinen Kindern wird meist zwischen 18 und 36 Monaten der Drang bewusst, die Blase oder den Darm zu entleeren. Dies drücken sie mit ihrem Verhalten aus, mit Körper und Mimik, manchmal auch mit der Sprache. Damit signalisieren sie, dass sie jetzt bereit sind. Diese Eigeninitiative sollten Eltern zum Anlass nehmen, ihrem Sprössling durch ihre Vorbildfunktion, aber ohne Druck und Zwang, zu zeigen, wie man auf den Topf oder die Toilette geht. Leider gibt es Laissez-Faire-Eltern, welche diesen Zeitpunkt verpassen. Denn wer auf die Signale des Kindes mit einem lapidaren Satz «Kein Problem, du hast ja eine Windel an» reagiert oder ihm am Freitag- und Samstagabend Windeln anzieht, weil man länger schlafen will, der erzieht es geradezu zu einem Windelkind. Denn es versteht diese Botschaften logischerweise so, dass es auch anders geht und es normal ist, in die Windeln zu machen. Dann jedoch wird es ausserordentlich schwierig, dieses Verhalten wieder umzutrainieren.

    Natürlich ist ein gelingender Übergang ebenso vom Kindergarten und der familienergänzenden Betreuung (Kita, Tagesfamilie, Spielgruppe, Grosseltern etc.) abhängig, inwiefern sie mit den Eltern in der Erziehung zur Selbstständigkeit am gleichen Strang zieht. Trotzdem gehört die Windelfrage in den Verantwortungsbereich des Elternhauses. Zwar gibt es immer besondere Fälle – beispielsweise, wenn ein Geschwisterchen geboren wird und das grössere Kind wieder ein Babyverhalten annimmt oder wenn familiäre Spannungen vom Kind auf diese Weise bewältigt werden – doch ist der Kindergarteneintritt der späteste Zeitpunkt, an dem ein Kind windelfrei sein sollte. Und weil es durchaus auch schwierige Kinder gibt, sollten unsichere Eltern verstärkt Familienbildungsangebote in Anspruch nehmen können, welche sie auf dem Weg zur Kindergartenfähigkeit ihres Sprösslings unterstützen. Für ein Kind ist es eine Schmach, mit Windeln schulpflichtig zu werden.

     

  • Tickt ein junger Mann richtig, wenn er sich entscheidet, «Fachperson Kinderziehung HF» zu werden? Viele bezweifeln dies. Weichei, Softie etc. hat ein Jugendlicher aus unserem Bekanntenkreis einstecken müssen, als er seinen Berufswunsch bekannt gemacht hat. Die Gesellschaft wünscht sich eher Männer, die starke Kerle sind, eben Ingenieure, Lokomotivführer oder Informatiker, aber kaum Erzieher in Kinderkrippen. Auch Mütter und Väter denken noch vielfach so: Töchter seien prädestiniert für emotionale, soziale Bereiche, Söhne sollten eher etwas ‚Richtiges‘ lernen und damit einmal eine Familie ernähren können.

    Die aktuellen Daten sprechen eine deutliche Sprache: 3‘300 Frauen absolvieren aktuell eine Ausbildung «Fachperson Kindererziehung HF», aber nur gut 300 Männer. Und wieviele von ihnen einmal ihren Beruf tatsächlich ausüben werden, steht in den Sternen. Die Mehrheit der Kitas in der Schweiz hat auch noch keinen einzigen Mann angestellt. Mit dieser Problematik stehen wir allerdings nicht alleine da. Auch in Deutschland sieht die Situation mit ca. 4% Männern in Kitas nicht viel besser aus. Und dies trotz der breit angelegten Initiative «Mehr Männer in die Kitas», die vom Bund mit 13 Millionen Euro seit gut drei Jahren finanziert wird. Selbstverständlich kann man das Glas auch als halbvoll, also positiv, betrachten: Im Jahr 2006 waren es in der Schweiz noch ganze 43 Männer gewesen, welche die Ausbildung absolviert hatten, die heutige Anzahl entspricht damit einer Zunahme von etwa 700%.

    Weshalb wäre es denn so wichtig, mehr Männer in Kitas zu haben? Gründe gibt es viele, in erster Linie sind es zwei: Erstens, weil in den Familien oft männliche Bezugspersonen fehlen und Lehrer auch in Kindergärten, Primarschulen und in der Sekundarstufe I äusserst rar geworden sind. Zweitens, weil sich Geschlechtsstereotypien früh festsetzen. Kleine Kinder, die von Männern in der Kita betreut werden (und natürlich auch von Vätern zu Hause …), könnten deshalb schon in den ersten Lebensjahren erfahren, dass es keine typischen Männer- und Frauenberufe gibt. Und dass Erzieher genauso wie Erzieherinnen mit ihnen basteln, singen, werken und spielen, sie trösten und wickeln und ihnen das Essen geben können.

    Vor diesem Hintergrund ist es äusserst lobenswert, dass auch hierzulande eine Werbekampagne von KitaS, Curaviva und Männer.ch. im Jahr 2014 gestartet werden soll. Nur stellt sich die Frage, ob dies der einzig richtige Weg ist. Gerade weil die Vorurteile gegenüber Männern in Kitas enorm sind, muss man auch anderswo ansetzen und zwar bei den Berufsberatungen und der Lehrerschaft der Sekundarstufe I. Gerade die Kritik an den Berufsberatungen ist ja nicht neu: Moniert wird seit längerem, sie würden das geschlechtstypische Berufswahlverhalten der Jugendlichen unterstützen. Von Bedeutung wäre deshalb die Frage, wie es Berufsberatungen – aber selbstverständlich auch Lehrkräften – angesichts des Männermangels in Kitas (und auch generell in sozialen Berufen) gelingt, Jugendliche zu ermutigen, auch geschlechtsuntypische Berufe zu wählen. Ziel wäre es, dass gerade auch Berufsberatungen verstärkt mithelfen, die Segregation des Arbeitsmarktes in Frauen- und Männerberufe aufzuweichen und nicht noch zu verfestigen.

    Keinesfalls will ich hier Berufsberatungen und Lehrkräfte beschuldigen. Mit Sicherheit versuchen sie, ihr Bestes zu geben. Aber – so vermute ich – sie tappen oft in die Geschlechterfalle. Ein Beispiel: In den Medien kann man immer und immer wieder lesen, dass Erzieher in Kitas wenig verdienen und junge Männer schliesslich einmal eine Familie ernähren sollen. Bereits diese beiden Gedanken können sie – gerade, weil sie ja sowieso zweifeln – davon abhalten, den Beruf Fachperson in einer Kita überhaupt in den Blick zu nehmen.

    Neben Berufsberatungen und Lehrkräften gibt es aber noch ein weiteres Problem: Die Tatsache, dass Männer in Kitas als Risikofaktor angesehen werden und oft unter generellen Missbrauchsverdacht gestellt werden. Viele Eltern haben Vorurteile gegenüber männlichem Personal in Kitas, dass sie zu sexuellen Übergriffen neigen würden. 40% der Eltern und 34% des Kitapersonals befürchten dies. Entsprechend berichten mir Kitaleiterinnen immer wieder von Eltern, die wünschen, dass Männer ihr Kind nicht wickeln dürfen. Verbände haben reagiert und einen Verhaltenskodex für ihre Mitglieder ausgearbeitet. Dass dies jedoch ein eigentlicher Akt der Diskriminierung von Männern in Kitas darstellt – davon getraut sich kaum jemand zu sprechen.

    Sicher ist, dass es  noch viel Entwicklungs- und Veränderungsarbeit braucht, in erster Linie in den Köpfen unserer Gesellschaft. Männer können sehr viel mit kleinen Kindern anfangen, aber solange sie als Erzieher gefragt werden: «Wie lange willst du dies noch machen, hast du nichts Besseres?» ist noch wenig erreicht.

    Bildungs- und Sozialpolitik müssen sich dieser Problematik annehmen. Es kann nicht sein, dass einerseits von «den neuen Vätern» gesprochen wird, sie den Vaterschaftsurlaub neu verhandeln will und verlangt, dass Väter nach der Geburt längere Zeit bei der Familie sein können, Männer andererseits jedoch in Kitas quasi inexistent sind. Wie kann sich dann in Kitas widerspiegeln, dass Erziehung, Betreuung und Bildung auch Männersache ist?

    Alte Rollenklischees dürfen allerdings nicht wieder aufgewärmt werden: Männer in Kitas sind nicht darauf zu reduzieren, dass sie anders mit den Kindern umgehen, gut Fussball spielen, werken und toben können und den Knaben als Vorbilder dienen sollen. Zwar zeigt die Forschung mit grosser Eindeutigkeit, dass sich Männer anders verhalten als Frauen und die Kinderbetreuung damit bereichern. Aber bisher ist wissenschaftlich nicht belegt, dass Männer in Kitas tatsächlich einen Unterschied machen.

    Alle Welt wünscht sich eine Frauenquote in Chefetagen. Grundsätzlich würde ich eigentlich gern für eine Männerquote in Kitas plädieren, z.B. für eine 20%-Quote. Nur, wenn es einfach (noch) zu wenig Männer gibt, die den Beruf ausüben wollen, dann nützt auch die beste Quote nichts. Deshalb müssen wir auch ein andere Segment, als lediglich die jüngsten Männer in den Blick nehmen: Viele Männer in den besten Jahren denken über berufliche Umstiege und Umorientierungen nach, viele Arbeitnehmer 50+ möchten ihre Potenziale, die sie oft im sozialen Bereich entwickelt haben, neu unter Beweis stellen. Weshalb könnten nicht auch ältere Männer im Zuge einer Neuqualifizierung in Kitas tätig werden? Vielleicht sogar ehrenamtlich?

  • Die Schweiz arbeitet sich hoch in Richtung mehr Maturanden. Nur im Gymnasium, so das Kalkül vieler Eltern, liegt die Zukunft ihrer Kinder. Offenbar ist dabei ist laut Die ZEIT (21.09.2011) und Tages Anzeiger (05.10.2012) so etwas wie ein 'Grenzverkehr' entstanden: Immer mehr Eltern - Deutsche wie Schweizer - würden ihre Kinder in deutsche Gymnasien jenseits der Grenze schicken.

    Das Phänomen des Gymnasiums als einzigem Bildungsziel ist neu, gleichzeitig auch paradox: Noch nie haben Eltern so viel Geld ausgegeben und so viel in Kauf genommen für die Bildung ihrer Kinder. Aber auch noch nie haben sie so grosse Angst gehabt, dass sie es nicht schaffen könnten.

    Hat der neue ETH-Rektor, Lino Guzzella, der kürzlich mit seiner Forderung nach härteren Maturaprüfungen für einiges Aufsehen gesorgt hat, diese Panik noch geschürt? Immerhin dürfte es in Zukunft für Eltern etwas schwieriger werden, den Kindern mit der Matura die besten Plätze auf dem Weg zur akademischen Karriere sichern zu können.

    Nein, das hat er nicht. Denn Eltern werden immer Wege finden, staatlich gelenkte Vorgaben zu unterlaufen, zumindest diejenigen, die an der Bildung ihrer Kinder interessiert sind. Und dies ist heute die überwiegende Mehrheit der Mittelschicht. Für sie ist Bildung längst kein selbstverständliches öffentliches, sondern ein hart umkämpftes privates Gut geworden. Ihre Interessen sind legitim: Die Kinder sollen mindestens den gleichen Status wie sie erreichen oder, besser noch, ihn übertreffen. Wer selbst ein Gymnasium absolviert hat, tut alles dafür, dass dies auch für die eigenen Kinder so bleibt. Und wer zu den Bildungsaufsteigern gehört, die in bessere Positionen gerutscht sind als ihre Eltern, will seine Kinder so unterstützen, dass sie von Anfang an die besseren Chancen als die anderen haben. Heinz Bude nennt dies in seinem lesenswerten Buch «Bildungspanik» auch Ansteckungsangst: Deshalb sucht und verteidigt man Privilegien.

    Dass der Einfluss des Umfeldes entscheidend für die Entwicklung des Kindes ist, wissen die Eltern. Deshalb hat ihre Ansteckungsangst auch etwas Vermeidendes in sich: indem sie Quartiere mit vielen ausländischen Kindern und bildungsfernen Familien verlassen und in solche mit Gleichgestellten und Gleichgesinnten ziehen. Frühförderung ist zur Norm und das Gymnasium zum unhinterfragten Ziel geworden, von Nachhilfestunden und Lernstudios gar nicht zu reden.

    Dies ist eine verfahrene Situation. Denn in der Schweiz haben wir keine Bildungskatastrophe, kaum Jugendarbeitslosigkeit, und wir driften auch nicht nach unten ab. Wenn Eltern ihren ganzen Ehrgeiz aufs Gymnasium setzen, wird Bildung zum teuflischen Gut und unsere Bildungsvielfalt zur grossen Verliererin. Die Berufsbildung verliert an Prestige, obwohl die Lehre mit Berufsmatura nicht nur eine berufliche Ausbildung, sondern auch den Zugang zu den Fachhochschulen sichert.

    Das Problem ist aber nicht nur das, dass sich Eltern viel zu sehr aufs Gymnasium konzentrieren. Ihre Ansteckungsangst trübt auch den Blick auf eine soziologische Tatsache: dass wir in einer Risikogesellschaft leben, in der es immer Verlierer geben wird und zwar deshalb, weil andere pfiffiger, frustrationstoleranter oder durchsetzungsfähiger sind. Zwar ist die Familie für die Prognose des Bildungserfolgs zentral. Aber was die Kinder dann auf dem Markt tatsächlich erreichen und wie sie sich durchsetzen können, bleibt auch in der bildungsambitioniertesten Familie unsicher. Ausbildung ist immer auch ein Einüben in die Anforderungen einer komplexen Gesellschaft. Diese sind bunter und vielfältiger als der Tunnelblick aufs Gymnasium.

  • erschienen in NZZ, 17.05.2018, 10.

    Besonders fleissig und gute Noten – ein solches Kind ist der Traum mancher Eltern. Ist es zudem überdurchschnittlich intelligent, dann hat es beste Aussichten auf eine besonders erfolgreiche Bildungslaufbahn. Doch in vielen Fällen sind solche Kinder nicht hochbegabt, sondern Überleister. Überleister sind junge Menschen, die mehr leisten, als man von ihnen aufgrund ihrer intellektuellen Fähigkeiten erwartet.

  • Erschienen in: Aargauer Zeitung/Nordostschweiz, 15.02.2016, 18.

     

    Frauenquoten, gleicher Lohn für Frau und Mann, Teilzeitarbeit auch für Väter, Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Der Weg zur Gleichberechtigung ist gepflastert mit Schlagworten. Die Marschrichtung scheint klar, der Weg aber noch lang. Trotzdem beginnt uns diese Strategie zu überfordern. Sichtbar wird dies schon bei jungen Paaren, die Eltern werden. Man gibt das Kind möglichst früh in die Krippe, damit Mütter gleichberechtigt mit den Vätern wieder arbeiten gehen können. Auch die Wirtschaft ist höchst interessiert, dass weniger gut ausgebildete Frauen am Herd stehen, dafür im Beruf. Und dies am besten Vollzeit, damit ihr Potenzial nicht verloren geht. Diejenigen Mütter jedoch, welche die Karriereleiter hochklettern wollen, müssen die männlichen Spielregeln einhalten. Sie schuften und schuften, um vorwärts zu kommen und nicht selten ignorieren sie auch ihre Bedürfnisse. Gleiches gilt für Väter. Etwa 90% arbeiten Vollzeit, um das Familieneinkommen zu sichern, sollen aber zu Hause gleich viel Familien- und Hausarbeit übernehmen wie die Partnerin. Keiner darf hinter dem anderen zurückstehen. Die Männer haben genug lange als das faule Geschlecht gegolten.

    Viele Paare stehen jedoch unter Dauerstrom. Damit sie allesin den Griff kriegen, werden sie zu Terminpartnern und Logistikgfachleuten. Und eigentlich klappt alles bestens, wenn nur das Kind nicht schon wieder Fieber hätte, der Partner die superwichtigen Abendtermine nicht alle wahrnehmen würde oder wenn der Babysitter nicht schon wieder krank wäre.

    Das Bedrückende an dieser Situation scheint mir aber etwas Anderes zu sein. In unserer neuen Väter-Studie sagen fast 80%, dass sie viel zu wenig Zeit hätten für die Zweisamkeit mit der Partnerin. Und ebenso viele Mütter sind der Meinung, den Vätern fehle oft die Gelassenheit, am Abend über anderes als den Beruf zu sprechen. Mit dem Vereinbarkeitsproblem ist offenbar auch die Gefahr verbunden, die Sprache zu verlieren: dass man sich kaum mehr ganz aufeinander einlassen kann. Und dies ohne dass im Kopf ein Sturm von Gedanken tobt, über den Job, über das schlechte Gewissen und die Ausreden, weshalb man Vieles wieder nicht geschafft hat.

    Was nun? Das Rad kann nicht zurückgedreht werden. Dass Frauen Karriere machen, ist gut; für sie selbst, für die Gesellschaft, für die Männer. Wenn sie sich mehr um ihre Kinder kümmern und zu Hause anpacken, denn dies erzeugt Druck auf die Wirtschaft, flexibler zu werden. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass Frauen und Männer Beruf und Familie vereinbaren könnten – aber nicht in unserer rückständigen Arbeitskultur mit ihrem eigenartigen Produktivitätsbegriff. Ich meine damit vor allem die zunehmende Verquickung von Familien- und Wirtschaftspolitik und die Instrumentalisierung von Müttern und Vätern als Arbeitskräfte. Es ist nicht so, dass Frauen Kinder bekommen sollen, um dem demografischen Wandel entgegenzuwirken und möglichst schnell dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung zu stehen. Es ist auch nicht so, dass Männer weniger, aber effizienter arbeiten sollen, um mehr zu Hause zur Verfügung zu stehen. Es ist nicht alles nur eine Frage von Geld, Organisation und gutem Wille der Eltern. Familien sind Entwicklungssysteme und keine mechanisch funktionierenden Gebilde!

    Einfach noch mehr Entlastung der Familien zu fordern, noch mehr Teilzeitarbeit für beide Partner und noch mehr Kitas ist somit nur die eine Seite der Medaille. Wir bräuchten vor allem eine grundlegende Veränderung heutiger Denkmuster und eine andere Anerkennungsordnung von Vätern und Müttern. Erstens müsste die Arbeitswelt Möglichkeiten schaffen, damit sich Eltern in der intensivsten Familienphase etwas zurücknehmen können, um sich später wieder reinzuhängen. Zweitens wäre damit eine Herausforderung für die Paare selbst verbunden. Der Paartherapeut Jürg Willi nennt sie «Koevolution», die Kunst gemeinsamen Wachsens. Übertragen auf berufstätige Väter und Mütter würde dies bedeuten, dass Karriereplanung viel längerfristiger und nie isoliert nur bei sich selbst geschehen kann, sondern immer in der Entwicklung mit dem Du.

  • Eigentlich müssten unsere Lebensbedingungen dazu führen, dass Männer und Frauen die traditionellen Rollenverteilungen ihrer Eltern immer mehr hinterfragen und neue Ideen entwickeln, wie sie Partnerschaft leben wollen. Dies dürfte insbesondere für junge Paare gelten, da ja gerade sie zumindest teilweise bereits in diese Richtung sozialisiert worden sind. Dem ist nur teilweise so. 

    Die Geburt des ersten Kindes als Weichenstellung

    Mit der Geburt des ersten Kindes setzt bei manchen Paaren ein Traditionalisierungsprozess ein. Erstaunlicherweise gilt dies nicht selten auch dann, wenn Frauen ähnliche Einkommenschancen wie ihre Partner haben. Die Erkenntnisse hierzu sind ernüchternd und verweisen darauf, dass die Politik die neuen Ressourcenverhältnisse zwischen den Partnern – er arbeitet weniger, sie arbeitet mehr – zu optimistisch eingeschätzt hat. Besonders eindrucksvoll ist, dass mit zunehmender Dauer der Partnerschaft die Bereitschaft von Männern abnimmt, sich verstärkt in die Haus- und Familienarbeit einzubringen. Das bedeutet, dass selbst bei den zunächst partnerschaftlich organisierten Paaren nicht wenige in Richtung Traditionalisierung kippen und zwar unabhängig vom jeweiligen Bildungsstand.

    Die theoretischen Versuche, das Phänomen zu erklären

    Wie kann man dieses Phänomen theoretisch erklären? Dazu stehen Ansätze zu Rollenerwartungen, zur Haushaltsökonomie, zu den Machtverhältnissen und zur intensiven Mutterschaft zur Verfügung.

    Rollenerwartungen: Dieser Ansatz geht davon aus, dass in der Gesellschaft geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen vorherrschen, die jedes Kind im Verlaufe seiner Sozialisation und Erziehung verinnerlicht und sich dann mehr oder weniger entsprechend verhält. Auch als erwachsene Person will man seine Rollen einhalten, um so die eigene Identität zu finden und zu sichern. Traditionell haben Frauen diese in Hausarbeit und Kinderbetreuung, Männer in der Ernährerfunktion gefunden. Weil sich in den letzten Jahren diese gesellschaftlichen Zuschreibungsmuster trotz Emanzipations- und Gleichstellungsbemühungen nur schleppend geändert haben, sind die Prioritäten der Partner auch nur unwesentlich anders geworden. Doch gibt es immer mehr Frauen und Männer, die sich mit den dominierenden Geschlechtsrollennormen kritisch auseinandersetzen und diese dann in ihrer Familienpraxis innovativ verändern. Die Einstellung ist deshalb die wichtigste Komponente, weshalb sich Paare so und nicht anders verhalten. Gegen dieses Erklärungsmuster spricht jedoch die Tatsache, dass viele Paare sich trotz moderner Einstellungen in der Vereinbarkeitsfrage konservativ verhalten.

    Ökonomische Arbeitsteilung: Dieses Erklärungsmodell versteht Haushalt und Familie als Kleinunternehmen, dessen Ziel es ist, das Wohlbefinden der Mitglieder zu fördern. Besonders wesentlich sind die finanziellen Mittel. Hat der Mann ein höheres Salär und die Frau geringere Verdienstmöglichkeiten, wird eine relativ traditionelle Rollenaufteilung vorgenommen. Diese ermöglicht, dass Eltern für die Kinder und sich selbst finanziell mehr leisten können, während eine egalitäre Aufteilung oft mit finanziellen Einschränkungen verbunden ist. Dies können oder wollen viele Paare nicht auf sich nehmen. Sie arbeiten, weil sie das Geld brauchen, nicht aus Luxus. Ein Teil der Männer kann die Familie noch alleine durchbringen, aber ein größerer Teil kaum. Im Ansatz für das Erklärungsmodell der ökonomischen Arbeitsteilung spricht die Tatsache, dass die Mehrheit der relativ gut verdienenden Paare deutlich häufiger das Teilzeit-Teilzeit-Modell wählen und ein deutlich geringeres Traditionalisierungsrisiko haben – aber nur dann, wenn sie dieses Modell früh schon wählen. Gegen das Modell spricht der relativ große Anteil an gut verdienenden Paaren, welche weiterhin das Vollzeit-Teilzeit-Modell wählen.

    Machtverhältnisse: Nicht nur die Finanzen und die Rollenvorstellungen sind ausschlaggebend dafür, wie sich Paare organisieren. Auch die Machtverhältnisse in der Partnerschaft sind wesentlich. Dieser theoretische Ansatz geht davon aus, dass in einer Partnerschaft jeder der beiden Partner versucht, seinen Nutzen (das, was man gerne tut) zu maximieren und seine Kosten (das, was man nicht gerne tut) zu minimieren. Was jedoch die beiden Partner als Nutzen und was als Kosten definieren, ist sehr unterschiedlich. Frauen beispielsweise nehmen für sich eher die Pflege des Kindes oder bestimmte Haushaltsarbeiten in Anspruch und delegieren Ungeliebtes (z. B. Steuererklärung ausfüllen) an den Partner. Für Männer gilt anderes. Prioritär ist für sie oft der direkte Umgang und das Spielen mit dem Kind, sekundär jedoch Putzen oder Wäsche bügeln. Aber auch gemäß diesem Erklärungsansatz ist derjenige Partner mächtiger, der ein höheres Salär bezieht beziehungsweise eine bessere Perspektive auf dem Arbeitsmarkt hat. Da Männer häufig diese Personen sind, drücken sie sich vor den am wenigsten attraktiven Aufgaben und überlassen diese eher den Partnerinnen. Die große Frage ist aber, weshalb dies die Frauen überhaupt zulassen.

    Das Ideal der guten Mutter:Dass gerade auch diejenigen Frauen, welche die Vision einer gleichgestellten Partnerschaft verfolgen, oft die gesamte familieninterne Verantwortung übernehmen, hat viel mit den vorherrschenden gesellschaftlichen Normen über berufstätige Mütter zu tun. Diese Normen orientieren sich an der Ideologie der guten Mutter, die gegenwärtig eine erstaunliche Renaissance erlebt. Eine Folge davon ist, dass viele Frauen die Gesamtverantwortung für das Haushalts- und Familienmanagement zu Beginn der Mutterschaft teils fast euphorisch übernehmen und sich entscheiden, den Arbeitsplatz zu quittieren oder weniger zu arbeiten. Sie denken, es sei doch nur gerecht, wenn sie kürzer treten, weil sie ja schließlich die Mütter seien und das Mutterideal in sich tragen würden. 70 Prozent der Paare antworteten auf die Frage nach den Kriterien für die Aufteilung von Job und Haushalt, dass der Wunsch der Mutter, mehr Zeit mit dem Kind zu verbringen, eine große Rolle gespielt habe.[3] Nur bei 36 Prozent war der Wunsch der Mütter wichtig, ihren Beruf mit der Familie vereinbaren zu können. Diese Daten verweisen zwar darauf, wie sehr die egalitäre Arbeitsteilung in Beruf und Haushalt nach der Familiengründung in den Hintergrund gerät, vielleicht aber nur vorübergehend.

    Zeitgeist, Theorie und Praxis

    Problematisch ist, dass in keinem der theoretischen Erklärungsversuche die Rolle der Rahmenbedingungen und des Zeitgeistes genügend zur Sprache kommen. Zwar ist es eine Tatsache, dass die Mehrheit der Männer ein höheres Einkommen hat als die Frauen, doch die ebenso bedeutsamen Rahmenbedingungen aussen vor bleiben (z. B. politische Aspekte wie die systematische staatliche Förderung der finanziellen Ungleichheit durch Einkommenssteuerrecht und Sozialversicherungsrecht oder die relativ konservative Familienpolitik). Solche Rahmenbedingungen dürften eine besonders wichtige Rolle bei der Wahl des Erwerbsmodells der Paare spielen. Es istkeinesfalls nur die Macht der Tradition, der Überzeugung oder der Natur, welche den Wandel bremst. Dies gilt auch dann, wenn man ihn wirklich will. Für jede Familie gibt es auch eine Macht der Finanzen.

    Somit braucht es auch einen veränderten Blick auf Männer und ihre Partnerinnen, auf ihre Leistungen für und in der Familie. Die Diskussion um die Vereinbarkeitsfrage konzentriert sich in der Familienpolitik zu stark auf die Vereinbarkeitsproblematik der Frauen und zu wenig um die damit verbundenen Herausforderungen der Männer.

    Literatur

    Weiterführende Hinweise finden sich in: Stamm, M. (2018). Neue Väter brauchen neue Mütter. Weshalb Familie nur gemeinsam gelingt. München: Piper.

  • erschienen in Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 09.08.2019, 4.

     

    Helikopter-, Drohnen-, Problem-, Kampf- oder Nörgeleltern. Die Liste ist lang, wenn es um die Beschreibung des Ehrgeizes von Mamas und Papas geht, welche gegen Noten, Hausaufgaben, Selektionsentscheide oder Schulhauszuteilungen kämpfen. Oft agieren sie nicht allein, sondern nehmen Kinderärztin oder Anwalt gleich mit zum Elterngespräch. Das Hauptproblem ist ihre Sorge, das Kind könnte scheitern oder unglücklich werden. Und das wäre für viele ein persönlicher Misserfolg.

    Eltern verhalten sich so, wie dies die Bildungspolitik eingefordert hat

    Die Anzahl Rekurse, die jedes Jahr bei Schulleitungen und Behörden eintreffen, sprechen eine deutliche Sprache. Administrativ müssen Schulen genau dokumentieren, was sich wann weshalb ereignet hat und wie der Leistungsstand jedes Kindes ist. Eine Prüfung lediglich zu korrigieren und zurückzugegeben liegt nicht mehr drin, sie muss auch kopiert und abgelegt werden. Zudem lassen immer mehr Schulen Briefe, Prüfungsberichte oder Hausaufgaben unterschreiben, und wenn’s ins Klassenlager geht, müssen mancherorts Eltern ihr Einverständnis geben, dass die Tochter am offenen Feuer eine Wurst bräteln darf.

    Der Rekurs ist ein wichtiges Gegenmittel zur Macht der Schule. Darum ist es falsch, die Schuld für Konflikte allein den Eltern zuzuschieben. Die meisten verhalten sich so, wie dies die Bildungspolitik seit den neunziger Jahren einfordert: Eltern sollen sich für die Schule interessieren und sich ihrer wichtigen Rolle bewusste werden. Heute ist Elternarbeit in den kantonalen Bildungsgesetzen verbindlich festgelegt. In der Standesregel 6 des Dachverbandes der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) verpflichten sich Lehrpersonen, mit Erziehungsberechtigten partnerschaftlich zusammenzuarbeiten, ihre Anliegen wahrzunehmen und sich offen für Gespräche zu zeigen.

    Die Hausaufgaben und der Elternehrgeiz

    Doch der Ehrgeiz mancher Eltern hat sich ins Gegenteil verkehrt. Ihr einst eher passives Verhalten haben sie in ein aktives Engagement verwandelt, um den Nachwuchs mit enormer Anstrengung verteidigen zu können, währendem die pädagogische Autorität von Lehrerinnen und Lehrern dahinschwindet. Wie diese Autorität gestärkt werden könnte und wann Elternengagement zu gross, genügend oder ungenügend ist – das wären wichtige Fragen, die wegen der Konzentration auf Problemeltern in den Hintergrund gerückt sind. Vergessen geht dabei, dass es nicht nur Problemeltern gibt, sondern auch solche, die Angst haben, als solche etikettiert zu werden. In unserer Familienstudie haben sich Mütter und Väter beklagt, in der Schule sei von ihrem mangelnden Engagement die Rede, weil sie ihre Kinder «nur» versorgen, im Sportverein oder der Musikschule anmelden, sie zur Schule schicken und ihnen eine intakte Familie bieten würden – aber nicht mehr.

    Ein gutes Beispiel sind die Hausaufgaben. Zwar waren sie schon vor zwanzig Jahren ein familiärer Krisenherd, aber heute ist die Situation bizarr. Viele Eltern büffeln täglich mit dem Sprössling, damit er mit fein herausgeputzten Hausaufgaben zur Schule kommt, Mama oder Papa jedoch mehr als nur ein bisschen Hilfe geleistet haben.

    Wo hört Elternhilfe auf und wo beginnt Schummeln?

    Im Lehrplan 21 steht zwar viel von Selbstverantwortung. Doch wie kann man Kindern beibringen, dass die eigene Leistung zählt, wenn es selbstverständlich geworden ist, ihnen permanent zur Seite zu stehen? Wo hört die Hilfe auf und wo beginnt das Schummeln? Möglicherweise werden Kinder, die ihre Hausaufgaben mit aktiver Elternhilfe erledigen, später als Student oder Studentin kaum Probleme sehen, wenn sie aus Wikipedia einfach abschreiben und ein solches Plagiieren als normal empfinden.

    Was können wir daraus lernen? Dass den Kindern mehr Verantwortung übertragen werden soll und die Schule den ersten Schritt tun muss. Ein wichtiger Aspekt ihrer pädagogischen Autorität liegt darin, dass Eltern nicht via Hausaufgaben zu verordneten Paukern werden müssen und dass Hausaufgaben in den Verantwortungsbereich des Schulkindes im Auftrag der Lehrperson gehören. In dieser Hinsicht gibt es Leuchtturmschulen, doch leider auch Kantone, in denen Eltern gesetzlich verpflichtet sind, Hausaufgaben zu kontrollieren. Solche Gesetze machen die kindliche Eigenverantwortung schwierig und behindern diejenigen Lehrkräfte, welche das selbstverantwortete Lernen im Unterrichtsalltag umsetzen möchten.

  • In der Schweiz hat sich punkto Akzeptanz von Krippen für Kleinkinder in den letzten Jahren viel geändert. Allgemein gilt als unbestritten, dass mehr Krippenplätze erforderlich sind, weil beide Eltern arbeiten wollen oder auch müssen. Am 1. Mai 2012 hat Bundesrätin Sommaruga diese sozialen Tatsache zusätzlich unterstrichen, weil sie einen Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Frauenpolitik gemacht hat. Mit ihrer Feststellung, dass die Wirtschaft jährlich zehntausende Menschen in die Schweiz hole, gleichzeitig jedoch sehr viele gut ausgebildete Schweizerinnen nicht berufstätig seien, postulierte sie – indirekt natürlich – die Fremdbetreuung von Kindern, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern.

    Zwar bin ich mit der Verknüpfung von Zuwanderung und Frauenfrage insgesamt nicht ganz einverstanden (siehe mein Blog vom 6. Mai 2012), doch bin ich sehr erfreut, dass insgesamt heute deutlich mehr Rationalität in der Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und damit der Betreuungsfrage festzustellen ist. Blickt man jedoch etwas genauer hin, dann scheinen doch einige Mütter und Väter mit ihren Gefühlen in Konflikt zu geraten.

    Zum Einen höre ich immer wieder von berufstätigen Familienfrauen und -männern, dass man heute gar nicht mehr ‚in' sei, wenn nicht beide Elternteile arbeiten würden. Das kann dann bisweilen so weit gehen, dass Eltern krampfhaft nach Betreuungsmöglichkeiten suchen, innerlich aber gar nicht hinter ihrer Strategie stehen können. Mütter – aber auch Väter – getrauen sich in solchen Situationen oft kaum mehr, auf ihre eigenen Gefühle zu hören. Würden sie dies tun, dann würden sie – möglicherweise – spüren, was ihr Kind wirklich braucht. Vielleicht eine andere Betreuungssituation, vielleicht weniger Tage in der Krippe, vielleicht am Morgen etwas länger mit den Eltern kuscheln?

    Sicher ist, dass man als Mütter und Väter sehr intensive Gefühle gegenüber dem Kind in einer Trennungssituation hat, Gefühle, die einen leicht trügen, aber auch verunsichern. Ich erinnere mich sehr gut an die Zeit, als ich unsere Kinder zweimal pro Woche in die Krippe brachte und ich mich dann aus lauter Trennungsschmerz kaum auf meine Arbeit konzentrieren konnte. Selbstverständlich ist es gut, dass Eltern heute der Gefühlskonfusion häufig besser ausweichen können als dies bei uns vor 20 Jahren der Fall war. Aber trotzdem werde ich den Eindruck nicht los, dass manche Eltern das Krippenleben auch schönreden, obwohl sie ungute Gefühle haben und dies über längere Zeit.

    Das Fazit ist aber keinesfalls, Fremdbetreuung zu verteufeln oder einfach nur die Qualität der Krippen anzuprangern. Vielmehr müssten Eltern meines Erachtens genauer hinschauen – und auch die Kitas, die Tagesfamilien, die Nannies etc. selbst. Die Hauptfrage müsste sein: Was ist gut für das Kind und was ist auch gut für seine Eltern? Die falsche Strategie ist es, das Kind so umzudefinieren, dass es in die gewählte Betreuungssituation passt.

    Und vielleicht – aber dies ist ein unpopulärer Gedanke – könnte sich eine junge Familie auch überlegen, ob es besser wäre für eine gewisse Zeit – vielleicht sind es nur ein paar Monate – zu überlegen, ob Kind und Karriere hinausgeschoben werden sollten...

     

     

  • Wir waren zwei Wochen auf der wunderbaren Nordseeinsel Sylt in den Ferien. Vorher hatten wir in Hamburg und Umgebung Halt gemacht. Dieser Teil Deutschlands ist einmalig: wunderbare Landschaften, angenehmes Klima und unzählige Freizeitmöglichkeiten. Wo schon findet man gleichzeitig Himmel und Meer, Brandungsbaden, mannshohe Wellen, Dünen, Wattwanderungen, Reetdächer, Strandkörbe, aber auch hüllenloses Baden an FKK-Stränden? Die Insel gilt als die Ferieninsel schlechthin. Schon im 19. Jahrhundert schwörte, wer auf Sylt Ferien machte, auf die heilende Kraft des Nordseeklimas. Doch was ist es, das Sylt so beliebt macht? Erstens, dass die Insel ein Paradies für Familien mit Kindern ist, zweitens aber auch ein Paradies für die «Ü65» inklusive für die Schönen und Reichen. Segen oder Fluch?

    Ein Segen ist Sylt sicher, weil die Insel als Ferienparadies der Familienfreundlichkeit wirbt. Ich habe noch selten so viele familienfreundliche Hotels und Clubs gesehen, in denen Eltern bereits Neugeborene von Babysittern betreuen lassen und ältere Kinder fast Tag und Nacht in die Obhut von Kinderanimatoren geben können. Es gibt sogar Restaurants, in denen Eltern ihren Nachwuchs auch fürs Essen im Kinder-Schlaraffenland abgeben und so ungestört unter sich sein können. Toben und Schreien sind sehr hier willkommen – in garantiert extra familienfreundlichen Zonen.

    Die andere Seite der Kinderfreundlichkeit ist der Fluch ihres Verbots. Zwischen Hamburg und Sylt gibt es eine schöne Anzahl Hotels, in denen Kinder unerwünscht sind. «Ü14» heissen sie in der Regel, und sie werben mit «Adults only». Familien- und kinderfreundlich zu sein ist in Deutschlands Norden – wie natürlich in vielen anderen Gegenden Europas und auch in anderen Kontinenten – keine Selbstverständlichkeit. Weshalb jedoch werden Kinder ausgesperrt? Eine Hotelière in Hamburg hat mir klipp und klar gesagt: «Weil Kinder keine dezenten und formbaren Gäste sind.» Sie seien nicht nur oft zu laut, schlecht erzogen und würden mit ihren Schokofindern alles dreckig machen, sondern vor allem auch die dezentere und einträglichere Kundschaft vertreiben.

    Über eine solche Aussperrtaktik kann man geteilter Meinung sein und es lässt sich durchaus von einem notwendigen Wettbewerb im Tourismus sprechen. Deshalb ist anzunehmen, dass sich Hotels zukünftig immer mehr spezialisieren werden: auf familienfreundliche Hotels, auf solche für Singles, für verliebte Paare, für «Ü65» oder eben für «Ü14». Nur frage ich mich, welche gesellschaftlichen Entwicklungen die Tatsache spiegelt, dass das eine Hotel damit wirbt, Kinder zu mögen und das andere, sie auszusperren. Ist es nicht abstrus, dass unsere Gesellschaft die Menschen immer mehr in Zonen für bestimmte Gruppen einteilt, während alle Welt von «Generationenhäusern», vom Wert der Grosseltern für ihre Enkel, aber auch von «interkultureller Kompetenz», von «Multikulturalität» oder «Diversity-Management» spricht?

    Kindergeschrei sei die Musik der Zukunft, damit unsere Gesellschaft überleben könne – stand vor ein paar Tagen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Eine Logik des Zwangsläufigen oder eher der Perversion? In den Ferien unter sich bleiben – das darf doch keine Nische mit Zukunft sein!

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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