Universität

  • erschienen in der Aargauer Zeitung/Nordwestschweiz, 3. August 2015

     

    Wählen gehen, eine rechtsgültige Unterschrift haben, Auto fahren, starke alkoholische Getränke konsumieren: All dies dürfen Jugendliche ab 18 Jahren, weil sie volljährig sind. Nur heisst das nicht, dass sie dann erwachsen sind. Die Pubertät hört bei vielen erst in den Zwanzigern auf. 25 ist heute das neue 18. Junge Erwachsene haben es nicht gerade eilig, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und schieben deshalb das Erwachsen-Werden immer weiter nach hinten.

    Warum ist dem so? Weshalb bleiben immer mehr junge Menschen als Nesthocker bei den Eltern wohnen? Dafür gibt es einige gewichtige Gründe: Immer mehr junge Erwachsene absolvieren längere Ausbildungen, so dass sie von den Eltern finanziell abhängig bleiben. Zudem haben viele von ihnen diffuse Berufs- oder Studienziele, weshalb sie sich möglichst lange alle Optionen offenlassen wollen. Doch gibt es auch andere Gründe, die ebenso ernst zu nehmen sind, und das ist in erster Linie die neue Kultur der Überfürsorglichkeit in der Familie. Kinder wachsen heute bereits ab dem frühesten Kindesalter überbeschützt auf. Noch mit 10, 11 Jahren räumen ihnen die Eltern alle Hindernisse aus dem Weg oder lassen sie nie alleine losziehen. Auch wenn der Nachwuchs bereits 14 oder 15 ist, schweben Mami und Pappi immer noch wie Helikopter über ihnen, um bei jeder kleinsten Schwierigkeit einzugreifen und sie vom wahren Leben abzuschirmen.

    Dahinter steckt eine Tragik: Zwar wollen die allermeisten Eltern nur das Beste für ihren Nachwuchs, und das ist vor allem Schulerfolg. Und sie wollen ihre Kinder glücklich machen. Leider ist das eine falsche Idee. Denn Erfolg und Glück sind abhängig vom Streben, herausfordernde Ziele mit eigener Initiative, Autonomie und der Überwindung von Hindernissen zu erreichen. Mit ihrer Überfürsorglichkeit erreichen Eltern deshalb eher das Gegenteil, nämlich dass sich ihre Söhne und Töchter schwer damit tun, Unabhängigkeit und Selbstvertrauen zu entwickeln. Deshalb werden sie bei den kleinsten Schwierigkeiten aus der Bahn geworfen, wenn sie nicht von den Eltern unterstützt werden. Dass dem so ist, sind sich viele Fachleute einig, welche mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Und auch die Forschung schlägt Alarm, dass die besorgniserregende Zunahme an Depressionen, Ängsten, Panikattacken oder des relativ neuen Rauschtrinkens Wege sind, um das Leben zu bewältigen.

    Nur wäre es falsch, die Eltern allein für diese Situation verantwortlich zu machen. Genauso ist es unsere gesellschaftliche Angstkultur, welche Vätern und Müttern dauernd einredet, wie gefährlich und grausam die Welt sei und wie sehr sie deshalb ihre Sprösslinge beschützen müssten. Die Statistik spricht jedoch eine ganz andere Sprache: Kinder und Jugendliche konnten noch nie so sicher aufwachsen wie heute. Es gibt also gar keinen objektiven Grund, den Nachwuchs länger zu behüten.

    Natürlich kann man sich nicht über Nacht unabhängige Söhne und Töchter schaffen. Kinder werden nicht volljährig und dadurch automatisch unabhängig. Eltern müssen sie schrittweise dazu führen. Indem sie ihrem Kind erstens schon früh ermöglichen, Dinge alleine zu tun, seine Probleme nicht selbst lösen und dabei Vertrauen haben, dass es dies auch kann. Indem sie es zweitens auch negative Erfahrungen und Fehler machen lassen. Dazu gehört das Vertrauen in die Erkenntnis, dass die Welt dadurch nicht untergeht. Und drittens sollten sie ihrem Kind zeigen, dass es in Ordnung ist, sich manchmal auch schlecht zu fühlen. Der Mensch lernt durch Erfahrung und vor allem auch durch schlechte Erfahrung.

    Bis dahin scheint aber noch ein weiter Weg zu sein. Unsere Gesellschaft infantilisiert junge Menschen immer mehr. Jüngstes Beispiel ist das gut gemeinte Angebot «Uni für Eltern» der Universität Basel, das Vätern und Müttern an Elternabenden alle erdenklichen Informationen geben will. Dagegen wäre grundsätzlich kaum etwas einzuwenden. Doch verstärken solche Angebote unbeabsichtigt die Tendenz von Eltern, sich auch noch als Karriere-Coach des bereits erwachsenen Nachwuchses zu verstehen. Hätte dieses Angebot tatsächlich zur Folge, dass sich Studentenkinder auch noch an die Universität begleiten lassen – dann wünschte ich mir eine neue Rebellion der Jugend!

  • Das Gerede von der Akademikerschwemme ärgert mich, auch deshalb, weil Berufsbildung und Gymnasium immer wieder gegeneinander ausgespielt werden. Es muss nicht jeder studieren, heisst es, leistungsstarke Schüler wären in einer Berufslehre oft besser aufgehoben als im Gymi. Stimmt! Und zwar für solche, die eigentlich handwerkliche Begabungen hätten, sich aber kaum für akademische Inhalte interessieren und die Matura nur mit Ach und Krach hinkriegen. Für eine jenseits junger Migranten nahezu unbeachtete Gruppe trifft jedoch Umgekehrtes zu: Kinder aus einheimischen Arbeiterfamilien, die das intellektuelle Potenzial für ein Studium hätten, aber niemals eine Gelegenheit hierfür bekommen. Schaut man nämlich den empirischen Tatsachen ins Auge, dann wird dies sofort deutlich: Haben die Eltern studiert, so tun dies 88% der Kinder auch, aus Arbeiterfamilien schafft es hingegen nur knapp jeder Vierte (24%). Ihr Anteil hat sich seit den 1970er Jahren lediglich um 10% erhöht. Der enorme Zustrom zu den Gymnasien und Universitäten nährt sich deshalb vor allem vom Nachwuchs gut situierter Familien. Ihr Anteil hat sich in den letzten dreissig Jahren nahezu verdoppelt.

    Leben wir somit in einem ungerechten Land? Ja, wenn man den so oft benutzten Begriff der Chancengleichheit heranzieht. Er meint, dass allen Menschen jeder Zugang zur Ausbildung gleichermassen offen stehen muss. Mit Blick auf die Arbeiterkinder ist dieses Postulat noch nicht verwirklicht. UnsererGesellschaft geht deshalb jedes Jahr ein grosses Reservoir ansolchem intellektuellen Potenzial verloren.

    Weshalb ist dem so? Als Hauptgrund wird meistdie Schule genannt, der es nicht gelingen würde, die herkunftsbedingten Benachteiligungen junger Menschen auszugleichen. Dies ist jedoch zu eng gedacht. Zwar spielt die Schule mit Sicherheit eine Rolle, die grössere Bedeutung hat jedoch die Familie. Denn oft sind einfach gestellte Eltern dem Gymnasium enorm skeptisch eingestellt. Die akademische Welt ist ihnen fremd, und sie sind überzeugt, dass junge Menschen, die studieren, nicht wissen, was arbeiten heisst.

    Glücklicherweise gibt es immer wieder Arbeiterkinder, welche es aus eigener Kraft oder mit Unterstützung eines Mentors trotzdem schaffen. An der Uni erwarten sie jedoch neue Bewährungsproben. Sie müssen aufeigene Faust und ohne Elternrat einefür sie vollkommen neue akademische Welt erobern. Deshalb kommen sich viele hier zunächst einmaldeplatziert vor. Sie haben Angst, im intellektuellen Zirkel nicht mithalten zu können und nicht die richtige Sprache zu sprechen. Gleichzeitig haben sie Hemmungen, den Mitstudenten zu sagen, wo sie herkommen. Wenn sie erzählen, dass ihre Mutter «nur» Schneiderin ist und der Vater in der Fabrik arbeitet, dann fühlen sie sich oft wie von einem anderen Stern. Denn viele der bildungsnahen Studierenden haben noch nie vorher mit Arbeiterkindern engeren Kontakt gehabt.

    Vielen Studentinnen und Studenten, die in Arbeiterfamilien gross geworden sind, fällt es verständlicherweise schwer, die unterschiedlichen Lebenswelten zusammenzubringen. Das fängt schon damit an, wenn sie dem eigenen Vater erklären sollen, was studieren überhaupt heisst, weshalb sie nichts verdienen und was sie eigentlich den ganzen Tag an der Uni machen. Das kann ein harter Bruch sein. Deshalb braucht es auch an den Universitäten dringend Mentoren, die Studierende aus Arbeiterfamilien gezielt unterstützen.

    Wie jedoch können wir grundsätzlich mehr intellektuell begabte Arbeiterkinder an die Universität bringen? Mit Sicherheit nicht, indem man erst bei der Matura mit Kampagnen oder finanziellen Unterstützungsleistungen ansetzt, sondern viel früher, nämlich in der Primarschule.Hier müssen ihre Begabungsreserven entdeckt und ihre Eltern ermutigt werden, an das akademische Potenzial ihres Kindes zu glauben. Nicht nur Lehrkräfte, sondern auch Trainer von Vereinen, Pfarrpersonen etc. spielen dabei eine unschätzbare Rolle.

    Aber auch die Bildungspolitik täte gut daran, ihre Anstrengungen verstärkt auf diese Gruppe junger Menschen auszurichten. Sie sind ganz besonders darauf angewiesen, dass nicht nur über Chancengleichheit gesprochen, sondern sie auch praktiziert wird.

  • Kürzlich habe ich in meinem Seminar "Identität und Vorbilder"  einen einfachen Leistungsnachweis für die Studierenden formuliert: einen in Bezug auf Grammatik und Rechtschreibung einwandfreien Text von anderthalb Seiten zu einem inhaltlich relevanten Seminarthema zu verfassen. Leistungsnachweise sind notwendig, um die erforderlichen Kreditpunkte (ECTS) gutgeschrieben zu bekommen. 1 ECTS wird mit 30 Arbeitsstunden gleichgesetzt, so dass die 3 ECTS meines Seminars 90 Arbeitsstunden erforderten.

    Die Studierenden fanden diesen Leistungsnachweise eine coole Sache, ich auch. Jedoch aus unterschiedlichen Gründen. Währendem sie wahrscheinlich in den lediglich 1.5 Seiten Text ein schnell zu erreichendes Ziel sahen, freute ich mich auf einwandfreie Arbeiten. Darin lag ja auch mein Ziel: die Studentinnen und Studenten für eine korrekte und sorgfältig genutzte Sprache zu sensibilisieren. Meine Rechnung ging jedoch kaum auf: 80% der Studierenden gelang es nicht, einen korrekten Text abzuliefern. Drei-, manchmal auch viermal, musste ich ihn zum Überarbeiten zurückweisen. Das eigentliche Problem bestand jedoch gar nicht darin, dass diese Studierenden Grammatik und Rechtschreibung schlecht beherrschten, sondern, dass sie vor allem auf die Uhr schauten. Genau dann, wenn die von ihnen errechnete Zeit, die sie für diesen Leistungsnachweis aufwenden wollten und sollten, abgelaufen war, beendeten sie die Arbeit und gaben mir diese im aktuellen Zustand ab. Durchlesen oder korrigieren lag dann eben nicht mehr drin. Mein Fazit: Die vorgeschriebene Norm ist wichtiger als der Inhalt. Daran sind jedoch weniger die Studierenden Schuld als das Bologna-System.

    Um es klar zu stellen: Ich bin keine grundsätzliche Gegnerin des Bologna-Systems, habe jedoch deutliche Vorbehalte. Das Bologna-System hat viel Gutes gebracht, beispielsweise die Internationalisierung des Studiums, vor allem aber seine Zweiteilung in Bachelor und Master. Diese Zweiteilung ermöglicht, gezielt individuelle und der Neigung entsprechende Schwerpunkte zu setzen. Aber Bologna hat auch entscheidende Nachteile. Ich bin überzeugt, dass der Weg in Richtung Normierung, Formalisierung und Beschleunigung ein problematischer ist. Es ist bizarr, wenn vor allem die Kreditpunkte derart im Mittelpunkt stehen, dass sie die Studierenden zu dressieren vermögen. Wie soll man es ihnen verübeln, wenn sie angesichts solcher Tatsachen berechnen, wie viele ECTS ihnen noch bis zum Abschluss des Studiums fehlen und nicht, welche Inhalte es noch zu bearbeiten gilt?

    Normierung und Formalisierung verlangen, dass nicht nur genaue Lernziele definiert und den Studierenden kommuniziert, sondern ihnen auch alle schriftlichen Unterlagen wie Vorlesungsskripte oder Seminarunterlagen zeitnah abgegeben werden müssen. Insgesamt hat diese masslose Normierung auch dazu geführt, von Studierenden immer seltener Texte selbständig formulieren lernen müssen oder dass immer weniger Zeit bleibt, um den Kerngedanken eines Textes zu erfassen und Kritik daran zu üben. Folgedessen überrascht kaum, dass Studierende, die in der Lage sind, eine Vorlesung in eigenen Worten angemessen zusammenfassen zu können, rar werden. Andererseits sind sie viel vifer als frühere Studierende, beispielsweise wenn es darum geht, einen Inhalt spontan zu erfassen und ins Gedächtnis aufzunehmen. Auch die Jargonhaftigkeit beherrschen sie gut. Begriffe, welche sie einmal gehört haben, können sie schnell relativ gut anwenden, auch wenn sie kaum wissen, was sie eigentlich bedeuten.

    Das Bologna-System ist eine Art Dressur. Ins Gute gewendet: weil Studentinnen und Studenten auf der Basis klar definierter Signale (ECTS, Präsenzpflicht, fixer Studienplan, genaue Zeitvorgaben etc.) zum exakten Ausführen einer gewünschten Aufgabe („Leistungsnachweis“) veranlasst werden und weil man sich so erhofft, dass sie schneller studieren und früher dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Einschulung mit 5, Matura mit 18 und mit 22 oder 23 mit dem Bachelor in der Tasche in die Praxis. Tatsache ist jedoch, dass kaum jemand in den Sozialwissenschaften das Studium in den vorgegebenen Semestern abschliesst. Leider zeigt sich, dass das Bologna-System faktisch eine Verlängerung des Studiums mit sich gebracht hat. Schuld daran sind die starren Strukturen, die vielen Prüfungen – und auch der Fakt, dass mehr als 80% der Studierenden nebenher noch arbeiten.

    Dies finde ich weiter gar nicht schlimm. Denn ein junger Mensch von 22 Jahren mit einem Bachelor auf dem Arbeitsmarkt wird (zumindest hierzulande) kaum ernst genommen und auf eine verantwortungsvolle Berufsposition gesetzt. Weit schlimmer finde ich, dass Bologna-Studierende vor lauter ECTS-Punkten und Reglementierungen das Wichtigste, was für den Einstieg ins Berufsleben so wichtig wäre, nicht mehr entwickeln können – ihre Persönlichkeit. Sie können nicht mehr herausfinden, wer sie sind, was sie interessiert und wer sie sein möchten. Die fehlende Rechtschreibe- und Grammatikkompetenzen in meinem Seminar haben mir gezeigt, dass diese vor allem ein Symptom des grösseren Konflikts sind, und der heisst Bologna.

  • Wir alle kennen das Vorurteil, dass Mädchen einfach schlechter in Mathematik seien und dies einer biologischen Tatsache entspreche. Und es ist auch eine oft gestellte Journalistenfrage, ob das männliche Geschlecht deshalb klüger als das weibliche Geschlecht sei. Schliesslich sind Frauen an Universitäten und Fachhochschulen in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) deutlich unterrepräsentiert. Wenn man die Gründe nicht in der Biologie sucht, dann am ehesten in den gesellschaftlichen Stereotypen und in den Vorurteilen von Lehrkräften, Eltern und Berufsbildnern. Eine neue und repräsentative deutsche Studie* bringt nun ein bisher unbeachtetes Kriterium in die Diskussion: Knaben schreiben sich bereits in der 5. Klasse der Primarschule höhere Kompetenzen in Mathematik zu und zwar in einem Mass, das überhaupt nicht den Schulnoten entspricht. Bei den Mädchen ist es deutlich anders. Vielleicht liegt in diesem Sachverhalt eine Möglichkeit, die MINT-Förderung anders und vor allem neu auszurichten: dass Mädchen bereits in der Primarschule in ihrem Selbstvertrauen in die mathematischen Fähigkeiten bestärkt werden, von Lehrkräften und Eltern.

    Knaben sind in Mathe besser

    Die PISA-Ergebnisse weisen einen Vorsprung der Mädchen in der Lesekompetenz in vielen der einbezogenen Länder nach, während in Mathematik markante länderspezifische Geschlechtsunterschiede festzustellen sind. So sind die Differenzen zu Gunsten des männlichen Geschlechts in einigen Ländern (beispielsweise Korea, Österreich oder Brasilien) besonders gross, während es anderen Ländern wie etwa Irland, Japan oder Grossbritannien gelingt, bei der Lesekompetenz der Knaben sowohl höhere durchschnittliche Punktwerte zu erreichen als auch die geschlechtsspezifischen Unterschiede in Mathematik in Grenzen zu halten oder gar auszugleichen.Damit widerlegen auch die PISA-Studien, dass die im Schnitt schlechteren Mathematikleistungen des weiblichen im Vergleich zum männlichen Geschlecht biologisch erklärbar seien.

    Theoretische Erklärungen der männlichen Vorteile

    Auch wenn PISA zeigt, dass die Unterschiede kaum lediglich biologischen Ursprungs sein können, stellt sich die Frage, wie man die Geschlechtsunterschiede erklären kann. Hierzu liegen verschiedene Erklärungsversuche vor. Der erste ist die so genannte sich selbst erfüllende Prophezeiung. Gemeint ist damit, dass Frauen vermehrt befürchten, benachteiligt zu sein und deshalb in Tests schlechter abschneiden. Verschiedene Laborexperimente wiesen nach, dass wenn man Frauen einredete, das weibliche Geschlecht würde in mathematischen Tests leider grundsätzlich schlechter abschneiden, dies in den anschliessenden Tests auch tatsächlich zutraf. Die Autoren solcher Experimente** sind der Ansicht, dass das weibliche Gehirn offenbar anders tickt – der Mythos der unbegabten Mädchen und Frauen ist aktueller denn je. Diese Annahme wird heute jedoch in Zweifel gezogen.

    Lange Zeit setzte man deshalb auf den zweiten Erklärungsversuch, auf die Erwartungen und Vorurteile von Eltern und Lehrkräften. Aufgrund verschiedener Studien ist anzunehmen, dass sie Knaben womöglich stärker in MINT-Fächern ermuntern und damit den Mädchen signalisieren, dass diese Ausrichtung für sie eher ungeeignet ist***.

    Selbstunterschätzung: der vielversprechende Erklärungsversuch

    Die neue Studie des DIW unter der Leitung von Felix Weinhardt verfolgt eine andere Perspektive.Der Autor ist der Frage nachgegangen, inwiefern eine der Ursachen schon im Grundschulalter zu suchen ist. Auf Basis eines für Deutschland repräsentativen Datensatzes des Nationalen Bildungspanels wurde untersucht, wie Jungen und Mädchen ihre Fähigkeiten in Mathematik – und im Vergleich dazu im Fach Deutsch – einschätzen. Die Ergebnisse zeigen, dass sich Schüler bereits in der fünften Klasse höhere Kompetenzen in Mathematik zuschreiben als Schülerinnen – in einem Maße, das durch bessere Schulnoten nicht gedeckt ist. Die Unterschiede bestehen über die gesamte Schulzeit bis zur zwölften Klasse fort. Mit Blick auf den bereits heute vielfach beklagten Fachkräftemangel im MINT-Bereich ist das insofern bedeutend, als dass Frauen diese Fächer möglicherweise auch deshalb deutlich seltener studieren als Männer, weil sie ihre mathematischen Fähigkeiten in der frühen Schulzeit zu pessimistisch eingeschätzt und deshalb Präferenzen für andere Fächer, meist Sprachen, entwickelt haben. Um dem entgegenzuwirken, sollten Mädchen bereits in der Grundschule in ihrem Selbstvertrauen mit Blick auf mathematische Fähigkeiten bestärkt werden, beispielsweise durch Lehrkräfte und Eltern.

    Weiterführende Literatur

    *Weinhardt, F. (2017).Ursache für Frauenmangel in MINT-Berufen? Mädchen unterschätzen schon in der fünften Klasse ihre Fähigkeiten in Mathematik. Berlin: DIW.DIW Wochenbericht Nr. 45.2017.http://www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_01.c.568725.de

    **Dar-Nimrod, I. & Heine, S. (2016). Essentially biased: Why people are fatalistic about genes. In J. Olson (Ed.), Advances in Experimental Social Psychology,Vol. 55. 

    ***Stamm, M. (2014).Stamm, M. (2014). Nur (k)eine Berufslehre. Eltern als Rekrutierungspool. Dossier 14/4. Bern: Forschungsinstitut Swiss Education. http://www.margritstamm.ch/dokumente/dossiers/252-nur-k-eine-berufslehre/file.html

  • Von der Vorschule bis zur Hochschule steht seit geraumer Zeit das Potenzial von Migrantinnen und Migranten auf der Agenda der Bildungspolitik. Recht so! Denn es hat lange genug gedauert, bis man vom negativ besetzten Bild «der» Migranten weggekommen ist. Trotzdem hat der verstärkte Fokus auf sie leider dazu geführt, dass eine genauso wichtige Gruppe fast vergessen worden ist: die einheimischen Arbeiterkinder. Ähnlich wie dies bei benachteiligten Migrantenkindern der Fall ist, schaffen es viel zu wenige von ihnen an die Universität. Welches sind die Hintergründe?

    Noch vor 40 Jahren hatte unsere Gesellschaft im Anschluss an Ralf Dahrendorf (1965*) das grosse Ziel, «Bildung als Bürgerrecht» zu verwirklichen und jedem Kind – auch den Mädchen, denen vom Land, den katholischen und den Arbeiterkindern («das katholische Arbeitermädchen vom Lande»**) – zu einer ihrer Begabung entsprechenden Ausbildung zu verhelfen. Die «Ausschöpfung der Begabungsreserven***» wurde zum erklärten Ziel der Bildungsreformen der 1960er und 1970er Jahre.

    Ein Blick in die Statistik zeigt, dass die Begabungsreserven tatsächlich ausgenützt wurden. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Zustrom zu den Gymnasien und Universitäten deutlich verstärkt und das Bildungsniveau insgesamt ansteigen lassen. Leider betrifft diese Entwicklung vor allem Kinder aus bildungsnahen Familien. Kinder mit Eltern, die studiert haben, gehen zu 88% ebenfalls an die Universität. Aus Arbeiterfamilien schafft es hingegen nur etwa jeder vierte Jugendliche (24%). Diese Quote hat sich seit den 1970er Jahren lediglich um etwa 10% erhöht****.

    Der Zugang zu den Schweizer Universitäten – ich spreche nicht von den Fachhochschulen, an denen die Situation leicht besser aussieht – ist somit immer noch selektiv. Dafür gibt es verschiedene Gründe, von denen drei als besonders wichtig sind:

    Soziale Herkunft beeinflusst Leistung: Studien wie PISA, IGLU und wie sie alle heissen, haben deutlich gemacht, dass Kinder aus einfachen Verhältnissen bei gleichen kognitiven Fähigkeiten signifikant (etwa 3.8 mal) tiefere Chancen haben, aufs Gymnasium zu kommen als Kinder aus hohen Sozialschichten. Dies gilt auch für hochbegabte Kinder.

    Skepsis der Eltern:Die Entscheidungen der Eltern bei der Berufswahl differieren nach Sozialschicht. Während solche aus hohen Sozialschichten eine grosse Bildungsmotivation haben und sich schon ca. in der vierten Klasse fürs Gymnasium und den akademischen Bildungsweg entscheiden*****, sind Eltern unterer Sozialschichten trotz gleicher Schulleistungen ihrer Kinder dem Gymnasium gegenüber sehr skeptisch eingestellt. Die akademische Welt ist für sie fremd, weshalb sie von den erwarteten Kosten zurückschrecken, aber gleichzeitig den frühen Lohn des Nachwuchses in der Berufslehre besonders stark gewichten. Viele von ihnen sind auch überzeugt davon, dass junge Menschen, die studieren, nicht wissen, was arbeiten heisst.

    Sich vom eigenen Milieu distanzieren:Arbeiterkinder können weder intellektuell noch strategisch von ihren Eltern Hilfe bekommen, weil diese die akademische Welt nicht kennen und Bildung, Intellekt und geistige Interessen nicht selten kaum wertschätzen. Das ist eine grosse psychische Herausforderung für die Kinder, weshalb sie sich oft und schmerzhaft von der Herkunftsfamilie distanzieren.

    Haben Arbeiterkinder all diese Hürden überwunden und landen sie trotzdem an der Uni, dann können sie sich endlich bewähren. Sie sind nämlich ebenso gut wie die besser situierten Kinder und brechen auch nicht häufiger das Studium ab. Dies ist alles andere als selbstverständlich, denn Arbeiterkinder müssen  an der Universität eine für sie vollkommen neue Welt auf eigene Faust erobern und deshalb im Hörsaal und den Seminarien enorm viel Selbstbewusstsein respektive Selbstvertrauen unter Beweis stellen.

    Ihre Väter und Mütter waren mit Sicherheit nicht an Veranstaltungen, wie sie nun zunehmend für Eltern von angehenden Studierenden organisiert werden. Veranstaltungen wie die an der Universität Basel «Uni für Eltern ******», werden fast ausschliesslich von Eltern besucht, die selbst auch einen akademischen Bildungshintergrund haben. Ihnen wird hier erklärt, was Studieren bedeutet und wie sie ihre Kinder unterstützen können. Eigentlich ist dies paradox, denn solche Eltern wissen ja eigentlich bereits, wie es geht, währendem Arbeitereltern auf solche Informationen grundsätzlich angewiesen wären, aber logischerweise sich gar nicht an eine Universität getrauen.

    Es erstaunt deshalb kaum, dass sich viele Arbeiterkinder an der Uni deplatziert vorkommen und alle um sich herum als viel wissender empfinden. Viele von ihnen haben Mütter, die ungelernt und Väter, die Maurer, Bodenleger oder Briefträger sind und keine Ahnung haben, was eine «Universität» überhaupt ist und wie es dort zu und her geht. Ihre Eltern können ihnen aber nicht nur keinen akademischen Rat mit auf den Weg geben, sondern auch keine oder zu wenig Finanzen. Zwei von drei Studierenden aus einem Arbeitermilieu müssen deshalb neben dem Studium zwingend Geld verdienen, währendem dies nur für eine von drei Personen aus gut situierten Elternhäusern der Fall ist.

    Eine der Hauptschwierigkeiten von Arbeiterkindern an der Universität besteht jedoch – wie bereits angetönt – darin, dass sie einen Spagat vollziehen müssen zwischen den unterschiedlichen Welten, in denen sie leben. Während sie zu Hause eine vollkommen andere Tradition erleben, die Eltern sich kaum vorstellen können, was sie denn an der Uni überhaupt machen und sie deshalb zu Hause auch kaum etwas von ihrem Uni-Alltag erzählen, haben sie gleichzeitig Hemmungen, ihren Kommilitonen zu sagen, wo sie herkommen. Wenn sie erzählen, dass ihre Mutter nur acht Jahre die Schule besucht hat und der Vater in der Fabrik arbeitet, dann fühlen sie sich oft wie von einem anderen Stern. Denn viele der bildungsnahen Studierenden haben noch nie vorher mit Arbeiterkindern engeren Kontakt gehabt.

    Es ist deshalb ausgesprochen wichtig, dass sich die Bildungspolitik mit ihren Anstrengungen nicht ausschliesslich auf junge Migrantinnen und Migranten ausrichtet, sondern ebenso auf unsere einheimischen Arbeiterkinder. Beide Gruppen brauchen sozialen Beistand von aussen, durch Tutoren, Mentees, Unterstützungsprogramme, aber genauso durch engagierte Lehrkräfte, Trainer in Vereinen, Pfarrer etc. Es wäre fatal, wenn Unterstützungsprogramme weiterhin ausschliesslich auf junge Migrantinnen und Migranten ausgerichtet bleiben würden. Sie sind zwar gut gemeint und wichtig, aber enorm selektiv. Unsere Arbeiterkinder sind auf Gleichbehandlung angewiesen.

     

    Literatur

    * Dahrendorf, R. (1965). Bildung ist Bürgerrecht. Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik. Hamburg: Nannen.

    ** Peisert, H. (1967). Soziale Lage und Bildungschancen in Deutschland. München: Piper.

    *** Heller, K. A. (2008). Von der Aktivierung der Begabungsreserven zur Hochbegabtenförderung. Forschungsergebnisse aus vier Dekaden. Berlin: LIT.

    **** Stamm, M. (2014a). Minoritäten als Begabungsreserven. In M. Stamm (Hrsg.), Handbuch Talententwicklung. Theorien, Methoden und Praxis in Psychologie und Pädagogik (S. 375-384). Bern: Huber.

    ***** Stamm, M. (2014b). Nur (k)eine Berufslehre. Eltern als Rekrutierungspool. Dossier 14/4. Bern: Forschungsinstitut Swiss Education.

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Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
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