Lehrlingsmangel

  • Am 21. Januar 2014 diskutierten wir in der Arena**** der Swiss Bau in Basel unter dem Titel «Wer baut die Schweiz von morgen?» die Frage, wo die Gründe für den Mangel an Nachwuchskräften liegen. Und auch am 13. Februar 2014 haben wir im Rahmen des Laufenburger Gesprächs zum Lehrlingsmangel, das von der Technischen Rundschau organisiert worden ist (http://www.technische-rundschau.ch), die Aussage «Ohne Nachwuchs keine Swissness» unter die Lupe genommen. Dabei sind wir jeweils schnell auf zwei Aspekte gestossen: erstens auf die Bedeutung des Images oder Prestiges, das Jugendliche einem Beruf zuschreiben und zweitens auf die Rolle von Berufsbezeichnungen. Solche Aspekte möchte ich in diesem Blog vertiefen. Meine These ist dabei die, dass der Imagefaktor bei der Berufswahl heutiger Jugendlicher wichtiger ist als die Tätigkeit an sich.

    Wir wissen es alle: Die Zahl der Jugendlichen sinkt und wird weiter sinken. Dazu kommt, dass eine grosse Anzahl der Erwerbstätigen in den nächsten Jahren aus Altersgründen ausscheiden wird. Daraus resultiert eine Schere, die für viele Betriebe zum Problem werden dürfte: Weil der Trend zum Gymnasium ungebrochen ist, stehen der Berufsbildung immer weniger Jugendliche zur Verfügung. Um diese kleiner werdende Gruppe wird sie verstärkt kämpfen müssen.

    Bekanntlich gibt es genug offene Lehrstellen. Das Problem liegt jedoch darin, dass es sich in der Regel nicht um diejenigen Lehrstellen handelt, die sich die Jugendlichen wünschen. Von ihrem Elternhaus sind sie sich gewohnt, mit ihren Bedürfnissen im Mittelpunkt zu stehen und ihre Wünsche erfüllt zu bekommen. Deshalb geben sie die Suche nach der Traumlehrstelle nicht einfach so auf, nur weil ein anderer, für sie wenig attraktiver Ausbildungsplatz zur Verfügung stehen würde. Berufswahl heisst ja auch Suche nach der eigenen Identität. Und diese Suche ist immer mit Anerkennung bei den Gleichaltrigen (den «Peers») verbunden. Deshalb geht es bei der Lehrstellensuche auch vor allem darum, was andere über einen Beruf denken.

    Aus solchen Gründen ist der Kampf der Betriebe um Jugendliche sehr unausgeglichen. Für Betriebe, welche, «Traumberufe» mit einem guten Image anbieten, ist es einfacher als für solche mit einem schlechten Image. Lehrlinge für Branchen wie Informatik, Büro und Informationswesen, Design, Druck oder Kunstgewerbe finden sich viel leichter als für das Baugewerbe, für technische Berufe oder das verarbeitende Gewerbe (Metzger, Bäcker etc.). Besonders ausgeprägt zeigt sich die Bedeutung des Image-Faktors bei den leistungsschwächeren Jugendlichen,welche eine Attestausbildung machen wollen.

    Nicole Bussmann, Berufsbildungsfachfrau aus Zürich, macht die Erfahrung*, dass bei jungen Frauen vor allem solche Bereiche beliebt sind, in denen im Job ein «weisser Kittel» getragen wird (Gesundheitsberufe, Kosmetik etc.), während bei jungen Männern Berufe im Zusammenhang mit Autos (Reifenpraktiker, Automobilassistent) ein besonderes Prestige hätten. Sie würden sich die Hände gerne schmutzig machen, aber nur, weil sie von einem Auto stammen.

    Welches sind die Gründe für solche Ungleichgewichte? In erster Linie, so ein Bericht des BiBB (Bundesinstituts für Berufsbildung, Bonn**), die folgenden:

    Ausbildungsberufe als «Visitenkarten»:Weil Jugendliche bei der Berufswahl auch nach sozialer Anerkennung suchen, ist es ihnen wichtig, was «die Anderen» über die in Frage kommenden Berufe denken. Attraktiv sind deshalb solche Berufe, die auf «coole», reiche und geachtete Menschen schliessen lassen. Ist dies nicht der Fall, reagieren Jugendliche ablehnend oder zumindest sehr zurückhaltend auf solche Berufe.

    Berufsbezeichnungen als «Hinweisschilder»: Für Jugendliche sind Berufsbezeichnungen Hinweisschilder dafür, was sie im Beruf erwarten könnte. Berufe wie «Bäcker» oder «Metzger» werden oft falsch interpretiert, mit Märchenbüchern und Kassetten ihrer Kindheit assoziiert, deshalb als hoffnungslos veraltet gehalten und gemieden.

    Ausbildungsberufe in der «Scheuklappenperspektive»: Weil die Belastung der Lehrstellensuche hoch ist, versuchen Jugendliche, diese auf ein Mindestmass zu reduzieren. Deshalb konzentrieren sie sich auf eine minimale Anzahl von maximal etwa vier Berufen – eben auf diese mit dem grössten Image-Faktor.

    Solche Ergebnisse provozieren die Frage: Wie könnte das Image verbessert werden? Zunächst einmal offenbar über die Medien! Denn eine andere Studie*** kommt zum Schluss, dass beliebte TV-Vorabendserien («Daily Soaps») das Image des Berufs stark beeinflussen. Da sich solche Serien jedoch fast ausschliesslich auf kreative und selbstständig ausgeübte Berufe in Dienstleistungsbereich konzentrieren und gewerbliche sowie technische Berufe kaum vorkommen, präsentieren sie eine vollkommen verzerrte Berufsrealität, mit dem Ergebnis, dass Jugendliche die gezeigten Modelle und keine anderen mit dem Image-Faktor verbinden.

    Da man natürlich Medien kaum zwingen kann, ihre Serien anders zu gestalten und dadurch das gesellschaftliche Bewusstsein in kurzer Zeit zu ändern, gilt es, nach pragmatischen Lösungen zu suchen. Bisweilen gelingt eine Image-Verbesserung allein über die Veränderung der Berufsbezeichnung (z.B. vom Drechsler zum Holzhandwerker EFZ / Drechslerei; von Verkäufer zu Detailhandelsfachmann EFZ / Bewirtschaftung oder Beratung resp. von Verkaufshelfer zu Detailhandelsassistent EB). Betriebe machen nach solchen Umbenennungen teilweise die Erfahrung, dass sich die Bewerberanzahl deutlich erhöht. Andererseits zeigt sich, dass eine lediglich auf Sprachkosmetik angelegte Veränderung auch als Mogelpackung verstanden werden kann. Dies spricht sich rasch herum und kann auch gegenteilige Folgen haben, wenn Auszubildende am ersten Tag der Ausbildung feststellen, dass ihre Inhalte trotz verheissungsvollem Titel nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen.

    Deshalb scheint es günstiger, die Attraktivität der Berufe anders zu stärken:

    • über die frühzeitige Information an Schulen, an Elternabenden und von Berufsberatungen und vor allem: die proaktive Zusammenarbeit mit ihnen

    • über das direkte Ansprechen ausländischer Familien, welche unser duales Berufsbildungssystem nicht kennen

    • über direkte Kontaktaufnahme mit potenziellen Bewerberinnen und Bewerbern

    • über die Lehrbetriebe selbst, welche sich um gute die Ausbildungsbedingungen bemühen: Schnupperlehren abwechslungsreich gestalten, Lehrlinge nicht als billige Arbeitskräfte missbrauchen und Lehranteile entsprechend gewichten; leistungsstarke Lehrlinge nicht daran hindern, die Berufsmatura während der Ausbildung zu absolvieren – und leistungsschwächere versuchen, auch mit Nachhilfestunden zu unterstützen (so wie dies Renzo Canonica im Ausbildungszentrum Winterthur tut)

    • über Anreizsysteme, welche Lehrlinge an die Betriebe binden (Aussicht auf Fortbildungen oder Auslandaufenthalte, auf die Zuweisung spezifischer Aufgabe, auf spätere Karrieremöglichkeiten etc.)

    • über die Veränderung der Selektionspraxen der Betriebe, d.h. geringere Gewichtung von Schulnoten, Multi- und Basic-Checktests sowie schriftlicher Bewerbungsunterlagen, jedoch stärkere Gewichtung des ausserschulischen Engage­ments und des Berufsinteresses. Für einen erfolgreichen Lehrabschluss sind Schulnoten oft kein ausschlaggebendes Kriterium vor allem nicht für schulmüde Jugendliche

    • über Kampagnen, welche Rollenmodelle einschliessen und nicht nur die Höhe der Saläre betonen

    Zusammengefasst gilt das, was Herbert Rutz, Inhaber und Geschäftsführer der Femec AG in Wetzikon, am Laufenburger Gespräch gesagt hat: «Die Betriebe müssen erkennen, dass sie es sind, welche aktiv werden müssen und zwar auf eine kreative Art und Weise.» Jammern ist definitiv passé.

    Literatur

    *20 Minuten, 16.12.2013 http://www.20min.ch/schweiz/news/story/-Viele-Junge-haben-unrealistische-Wuensche--17556247

    ** Ulrich, J. G. (2006). Berufsbezeichnungen und ihr Einfluss auf die Berufswahl von Jugendlichen. Abschlussbericht. Bonn: BiBB.https://www2.bibb.de/tools/fodb/pdf/eb_23103.pdf

    *** Dostal, W. & Troll, L. (2004). Die Berufswelt im Fernsehen. Informationen für die Beratungs- und Vermittlungsdienste,8, 8.12.http://doku.iab.de/ibv/2004/ibv2404_57.pdf

    **** http://www.swissbau.ch/de-CH/ueber-die-swissbau/interaktiv/eventreport/2014/01/swissbau-focus-arena-bildung-fuer-die-bauwirtschaft-wer-baut-die-schweiz-von-morgen.aspx

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    Erschienen in:Aargauer Zeitung / Nordwestschweiz, 26.01., 18.

     

    Es ist paradox: Viele Betriebe beklagen, dass sie ihre Ausbildungsplätze nicht mehr mit geeigneten Lehrlingen besetzen können. Trotzdem waren im Dezember 2014 ca. 9%der 15- bis 24-Jährigen ohne Arbeit und 16‘000 im Übergangssystem. Damit werden Angebote bezeichnet, die eine Brücke bauen zwischen der obligatorischen Schule und einer Berufslehre oder einer weiterführenden Schule. Dazu gehören etwa ein Motivationssemester, ein 10. Schuljahr, eine Au-Pair-Stelle oder ein Praktikum.

    Die Berufsbildung steht vor grossen Herausforderungen. Sie muss nicht nur jungen Menschen mit schlechten Startchancen den Übergang in die Ausbildung durch geeignete Massnahmen erleichtern, sondern auch für leistungsstarke Jugendliche attraktiv bleiben oder wieder werden. Weil aufgrund des Geburtenrückgangs und des Trends zum Gymnasium immer weniger geeignete Lehrlinge auf dem Markt sind, können sich leistungsstarke Jugendliche ihren Ausbildungsplatz aussuchen. Besondere Schwierigkeiten bei der Nachwuchssuche haben Bauberufe, das Gastgewerbe oder Betriebe im Lebensmittelhandwerk wie Metzger, Bäcker oder Konditoren. Sie gelten als wenig attraktiv, weil Arbeitszeiten, Verdienstmöglichkeiten oder Berufsimage nicht den Vorstellungen vieler Jugendlicher (und oft auch ihrer Eltern!) entsprechen. Folglich haben Firmen und Verbände begonnen, sich besser zu vermarkten.

    Viele von ihnen sind bereits ausgesprochen aktiv geworden, einige haben auch gute Strategien entwickelt. Besonders zu erwähnen sind zwei aktuelle Kampagnen des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). «Berufsbildungplus.ch» sucht gezielt Talente für die Berufsbildung, während mit «Match-Prof» die Zahl der offenen Lehrstellen markant gesenkt werden soll.   

    Aber lange nicht alle Massnahmen sind gut durchdacht, einige Lockvogel-Strategien sind besonders problematisch. Dazu gehören Arbeitgeber, die aus Angst vor unbesetzten Ausbildungsplätzen nun schon Prämien wie Fahrstunden, gratis SMS- oder Handy-Minuten, ein iPhone oder auch ein Abonnement für ein Fitness-Studio anbieten. Noch weiter geht eine Gastronomiekette, die den besten Lehrlingen ein Betriebsauto zur Verfügung stellt. Offenbar scheuen manche Betriebe keine Kosten, um die Jugendlichen wie begehrte Stars zu umwerben. Manchmal scheint dies zu funktionieren. Aber der Trend zu Belohnungen und Geschenken dürfte sich kaum durchsetzen.

    Zwar reicht es bei weitem nicht aus, wenn Firmen ihre offenen Lehrstellen lediglich ausschreiben. Wer sich so verhält, hat im Verteilungskampf um die klügsten Köpfe oder die goldensten Hände das Nachsehen. Denn grosse Unternehmen grasen den Markt schon sehr früh ab. Gerade für kleinere Unternehmen muss deshalb das Motto gelten: Jugendliche möglichst gezielt schon in der Schule ansprechen, umfassend informieren, am besten auch über Einladungen in den Betrieb und über das Angebot von Zusatzqualifikationen. Vor allem aber sollten sich Firmen um gehaltvolle Schnupperlehren bemühen. Eine gute Schnupperlehre ist wichtiger als jede in Aussicht gestellte Prämie.

    Verheerend wäre, wenn Betriebe mangels geeigneter Kandidaten ihre Ausbildungsplätze nicht mehr besetzen.Diese Taktik würde die Fachkräftesicherung enorm schwächen. Deshalb muss der Lehrlingsmangel zum Anlass genommen werden, die Rekrutierungsstrategien zu überdenken. Wer ausschliesslich auf Schulnoten, Leistungstests und einen hohen Schulabschluss setzt, schränkt den Kreis potenziell guter Bewerberinnen und Bewerber stark ein. Denn solche Kriterien sagen wenig aus über das Potenzial, das in einem jungen Menschen steckt. Nur allzu bekannt ist, dass Jugendliche, welche diesen Kriterien nicht entsprechen, gar keine Chance bekommen,im Bewerbungsprozess zu zeigen, wozu sie fähig wären. Rekrutierungsverfahren müssten deshalb stärker auf Motivationsfaktoren und Persönlichkeitsmerkmale setzen: auf ein gutes Selbstvertrauen, auf das Interesse am Betrieb und auf die Bereitschaft, sich reinzuknien und Neues zu lernen.

    Man kann das Glas immer als halbleer oder als halbvoll betrachten. Der Lehrlingsmangel bietet den Betrieben eine Chancezu erkennen, dass sie es sind, welche auf eine neue Art und Weise aktiv werden müssen. Jammern ist definitiv passé.

  • Unglaublich, aber wahr: Noch vor ein paar Jahren dominierte die Jugendarbeitslosigkeit und die mit ihr verbundenen fehlenden Zukunftsperspektiven unserer Jugendlichen. Heute hat sich die Situation diametral verändert. Der Mangel an Ausbildungsplätzen ist einem Mangel an qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern gewichen: Aus dem Lehrstellenmangel ist ein Lehrlingsmangel geworden. In diesem Zusammenhang wurde bisher wenig diskutiert, dass dadurch auch die betriebliche Nachwuchssicherung und das unternehmerische Wachstum gefährdet sind. Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels dürfte sich diese Situation weiter verschärfen.

    Unbesetzte respektive schwierig zu besetzende Lehrstellen sind somit eine ernst zu nehmende  Problematik. Die aktuelle Situation ist dabei eine sehr spezielle: Neben dem sich immer deutlicher abzeichnenden Fachkräftemangel machen der Berufsbildung vor allem die demografischen Veränderungen zu schaffen. Stimmen die Daten des Bundesamtes für Statistik, dann wird die Anzahl Jugendlicher in diesem Altersspektrum bis zum Jahr 2020 drastisch sinken. Dazu kommt, dass die gymnasiale Ausbildung attraktiver denn je ist, obwohl längst nicht alle, welche eine Aufnahmeprüfung absolvieren, tatsächlich erfolgreich sind. Anzunehmen ist deshalb, dass die Berufsbildung weiterhin für viele Jugendliche lediglich zweite Wahl bleiben wird. Da vor allem die Jugendlichen mit guten Noten ins Gymnasium eintreten, dürften zudem die absoluten Zahlen der leistungsstarken Auszubildenden in der Berufsbildung weiter sinken.

    Aktuell wird sehr viel unternommen, um diese Problematik zu beheben. So will das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) mit der von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt initiierten Kampagne «Berufsbildungplus.ch» vermehrt Talente suchen und fördern. Als bildungspolitische Massnahmen vorgesehen sind zudem die Motivierung junger Frauen für technische Berufe oder die gezielte Nutzung des Potenzials junger Migrantinnen und Migranten. Ferner werden die Berufs(-weltmeister)schaften breit propagiert. Einzelne Verbände sind bereits ausgesprochen aktiv geworden in der Anwerbung potenzieller Auszubildender. Auch viele Betriebe haben begonnen, ihre Rekrutierungsstrategien den schwierigen Bedingungen anzupassen. 2014 soll laut Bundesrat Schneider-Ammann das Jahr der Berufsbildung werden: Vom 17. bis zum 21. September 2014 werden in Bern die ersten nationalen Berufs-Schweizermeisterschaften stattfinden.

    So weit so gut. Die andere Seite der Medaille ist leider die, dass aktuell ca. 10% der 15- bis 24-jährigen Jugendlichen im Dezember 2013 ohne Arbeit waren. 16 500 Jugendliche befanden sich im Übergangssystem. Damit werden alle Angebote bezeichnet, die eine Brücke bauen zwischen obligatorischer Schulzeit und einer Berufslehre resp. einer weiterführenden Schule. Dazu gehören beispielsweise ein Motivationssemester, ein 10. Schuljahr, eine Au-Pair-Stelle oder ein Praktikum etc. Jugendliche, welche sich in diesem Übergangssystem befinden, teilen eine gemeinsame Erfahrung: dass der Übergang Schule-Beruf für sie nicht erwartungsgemäss funktionierte. Die Hintergründe sind jedoch sehr unterschiedlich, so dass sich mindestens vier Gruppen Jugendlicher unterscheiden lassen:

    • Gruppe 1: Zu ihr gehören Jugendliche, welche zwar eine höhere Ausbildung angestrebt hatten, diese jedoch auf dem geraden gymnasialen Weg nicht erreichen konnten.

    • Gruppe 2: Sie umfasst solche Jugendlichen, welche trotz mehr oder weniger intensiver Suche keinen Ausbildungsplatz gefunden hatten.

    • Gruppe 3: Sie bündelt solche Jugendlichen , welche schlecht orientiert waren und deshalb ohne Planung ins Übergangssystem hineinstolperten.

    • Gruppe 4: Sie subsumiert diejenigen Jugendlichen, welche aufgrund ihres «strategischen Wartens» im Übergangssystem landeten, d.h., dass sie lieber eine weitere Schlaufe drehten als eine konkrete Ausbildung wählten.

    Solche Probleme verdeutlichen: Die Schweizer Berufsbildung hat eine Achillesferse. Auf der einen Seite klagen verschiedene Branchen über den Lehrlingsmangel, andererseits dreht jeder zehnte Jugendliche eine Warteschlaufe. Folgt man den Erklärungen vieler Betriebe und Verbände, so hat diese Achillesferse einen konkreten Namen: die «fehlende Ausbildungsreife». Im April 2013 gaben mehr als 30% der befragten Betriebe als Gründe für ihre unbesetzten Lehrstellen einen «Mangel an qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern» an. Hört man sich etwas herum, so lässt sich der Begriff schnell einmal konkretisieren: Neben schlechtem Benehmen oder Unpünktlichkeit klagen viele Lehrbetriebe über fehlendes Grundlagenwissen. Bewerberinnen und Bewerber könnten kaum mehr einen Text ohne Fehler schreiben oder die minimalsten mathematischen Grundoperationen beherrschen.

    Solche Klagen wirken neu, sind es aber nicht. Wir kennen sie seit mindestens zwanzig Jahren (und wir kennen sie auch an Gymnasien und Universitäten!). Manchmal sind es einfach Schutzbehauptungen, weil sich Betriebe nicht verändern oder keine Ausbildungsplätze mehr anbieten wollen. Die Klagen sind jedoch so intensiv, dass sich die Bildungspolitik damit auseinandersetzen muss. Nur, was ist zu tun? Einfach mehr Drill von der obligatorischen Schule verlangen, damit sie diese Mängel behebt und garantiert, dass alle Schüler über solche «Mindestkompetenzen» verfügen? Wir alle wissen, dass dies angesichts der heutigen heterogenen Schülerklientel und unter den gegebenen finanziellen Bedingungen kaum im geforderten Tempo möglich sein wird. Sollen somit die Betriebe ihre Anforderungen nach Ausbildungsreife strikt durchsetzen und deshalb Ausbildungsplätze aufgrund fehlender Qualifikationen der Bewerberinnen und Bewerber streichen? Dies wiederum wäre für die Nachwuchs- und Fachkräftesicherung unseres Landes fatal. Schon letztes Jahr verzeichnete der Verband für Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie Swissmem für seine Branche einen Rückgang der Neuanstellungen von Lehrlingen um 8%.

    Meines Erachtens ist die hier beschriebene Achillesferse der Berufsbildung nicht lediglich ein Problem der fehlenden Ausbildungsreife. Mit Sicherheit gibt es auch Gründe, die bei den Betrieben selbst liegen. Darauf verweist unsere empirische Untersuchung zum Lehrlingsmangel, die wir im letzten Sommer veröffentlicht haben*. In dieser Untersuchung haben wir «erfolgreiche Lehrbetriebe» (definiert als Betriebe, welche alle Lehrstellen besetzen konnten) mit «nicht erfolgreichen Betrieben» verglichen (definiert als Betriebe mit unbesetzten Lehrstellen). Im Ergebnis zeigte sich, dass sich diese beiden Gruppen in ihren Rekrutierungs- und Selektionsstrategien deutlich voneinander unterschieden. Betriebe haben folgedessen einen relativen grossen Einfluss darauf, ob sie geeignete Kandidatinnen und Kandidaten finden oder nicht. Betriebe sind nicht nur Opfer der aktuellen Situation.

    Was zeichnet somit erfolgreiche Lehrbetriebe aus? Und was könn(t)en weniger erfolgreiche Betriebe von ihnen lernen? Acht Faktoren sind ausschlaggebend. Erfolgreich Betriebe

    1. werben systematisch und kontinuierlich um gute Auszubildende und schreiben solche auch direkt an;

    2. arbeiten regelmässig mit Schulen und Bildungsträgern zusammen und machen auf ihr Unternehmen aufmerksam;

    3. bemühen sich systematisch darum, Eltern frühzeitig zu erreichen;

    4. arbeiten direkt mit Berufsberatungen zusammen;

    5. bauen bedeutungsvolle Gesten in ihre Strategien ein (Präsenz an Betriebes- und Ausstellungsmessen etc.);

    6. setzen Anreize ein, welche Jugendliche an sie binden. Deshalb sind sie nicht konsumorientiert (wie Fahrstunden, SMS-Minuten etc.), sondern setzen auf Kompetenzerweiterung und Karrieremöglichkeiten wie interessante Weiterbildungen oder einen Einsatz in einer Auslandfiliale;

    7. berücksichtigen Bewerbungen von Jugendlichen aller Schulniveaus;

    8. gewichten Multi-/Basis-Checks und schriftliche Bewerbungsunterlagen, Schulnoten und Absenzen geringer, Persönlichkeitsmerkmale wie Leistungsbereitschaft, Höflichkeit, Fleiss, Pünktlichkeit etc. jedoch höher.

    Betriebe sollten generell viel stärker zwischen Leistung (Schulnoten) und Potenzial unterscheiden und Fähigkeiten jenseits des schulischen Wissens in ihren Rekrutierungsstrategien berücksichtigen. Die einseitigen Klagen über die «fehlende Ausbildungsreife» sind wenig innovativ und bilden nur die die eine Seite der Medaille ab. Denn wer zu sehr auf schulische Kompetenzmerkmale setzt, schränkt den Kreis potenziell guter Bewerberinnen und Bewerber stark ein und nutzt das Potenzial in keiner Art und Weise. Gerade weil heute der Ansturm aufs Gymnasium so gross ist, sind es zunehmend die Schülerinnen und Schüler mit weniger gute Schulnoten und mit weniger geradlinigen Schullaufbahnen, die der Berufsbildung zur Verfügung stehen werden. Diese jedoch sind nicht minder geeignet, die zukünftigen Talente der Schweizer Berufsbildung zu werden. Der Blick auf sie muss sich allerdings zwingend verändern.

     

    Literatur

    *Stamm, M. (2013). Dossier Lehrlingsmangel. Strategien zur Rekrutierung des Nachwuchses.(http://www.margritstamm.ch/component/docman/cat_view/4-dossiers.html?Itemid=)

  • Ist es nicht sonderbar? Zur Zeit verzeichnet die Schweiz einen markanten Lehrlingsmangel. Trotzdem sind laut dem Bundesamt für Statistik 10.6% der jungen Menschen ohne Arbeit resp. ohne Ausbildungsplatz. Daraus lässt sich der Schluss ziehen: Unser System produziert einerseits zu wenig potenzielle Auszubildende, andererseits immer noch zu viele Bildungsverlierer. Und zu ihnen gehören vor allem Realschüler. Warum ist das so?

    Schon lange wissen wir: Realschüler haben einen eher eingeschränkten Zugang zum Ausbildungsmarkt. Sie sind diejenigen, die am häufigsten im Übergangssystem vertreten sind: Überdurchschnittlich oft absolvieren sie ein zehntes Schuljahr, ein Motivationssemester oder ein anderes Brückenangebot. Dazu kommt, dass ihre Aussichten auf einen beruflichen Ausbildungsplatz auf ein begrenztes und häufig als wenig attraktiv erachtetes Berufsspektrum bezogen sind. Es sind also keineswegs nur die jungen Frauen – wie dies bisher immer betont worden ist – welche gegenüber den jungen Männern benachteiligende Bedingungen beim Berufseinstieg vorfinden, sondern ebenso sehr die Gruppe der Realschüler, welche am unteren Ende der Skala platziert ist. Wilfried Schneider hat sie einmal die «Kellerkinder» unserer Gesellschaft genannt.

    Sind Realschüler tatsächlich dümmer als Sekundarschüler oder als solche, welche ins Gymnasium wechseln wollen? Oder liegt es vielleicht daran – wie man dies in letzter Zeit sehr oft hört und liest – dass die Anforderungen in der beruflichen Grundbildung eben gestiegen und Realschüler darüber hinaus oft nicht ‚ausbildungsreif‘ seien?

    Hierzu liegen nur sehr wenige, aber interessante Forschungsergebnisse vor. So zeigt beispielsweise Paula Protz in ihrer Dissertation auf, dass weder die erhöhten Anforderungen ursächlich dafür verantwortlich sind, wenn Realschüler keine Lehrstelle finden noch die angehobenen schulischen Voraussetzungen. Von einem generellen Trend komplexer und anspruchsvoller werdender Lernanforderungen könne kaum die Rede sein.

    Für die schlechteren Chancen der Realschüler sind vielmehr andere Mechanismen mitverantwortlich. Zum ersten ist es die Tatsache, dass ihr Anteil seit den 1960er Jahren um fast 30% gesunken ist, d.h. von ehemals 40% auf heute 10% bis 20%. Deshalb stehen seit vielen Jahren höher qualifizierte Schulabgänger in weit umfassenderem Ausmass zur Verfügung. Demzufolge können Betriebe vermehrt Jugendliche mit einem Abschluss auf einem anforderungshöheren Schulniveau wählen.

    Zum zweiten dürfte die so genannte «Diskreditierungsthese» eine Rolle spielen. Dieser Begriff stammt von Heike Solga. Gemäss dieser These werden Realschüler gerade wegen des Trends zu höheren Schulabschlüssen immer mehr als minderwertige soziale Gruppe wahrgenommen. Dies zeigt sich im weit verbreiteten Vorurteil, dass ihre Voraussetzungen nicht ausreichen würden, um erfolgreich eine Berufslehre zu absolvieren und dann einen guten Abschluss zu erzielen. Diese These hat sich in unseren Untersuchungen bestätigt. Viele Betriebe nehmen Realschüler nicht nur als «normabweichende Minderheit» wahr, sondern diskreditieren sie auch, weil sie ihnen gar keine Chance geben, sich im Bewerbungsprozess um eine Lehrstelle überhaupt zu präsentieren. Und dies unabhängig davon, ob sie die beruflichen Anforderungen für eine Lehre im entsprechenden Segment erfüllen würden oder nicht.

    Solche Vorurteile und die stete Kritik an der fehlenden Ausbildungsreife der Jugendlichen haben in den heutigen Zeiten des Lehrlingsmangels bei einer gleichzeitig grossen Anzahl unbeschäftigter Jugendlicher selbstmörderische Tendenzen für die Berufsbildung. Der Lehrlingsmangel ist durch die Akademisierung einerseits (immer mehr wollen ans Gymnasium) und die Demografie (die sinkenden Geburtenzahlen) entstanden und es ist in nächster Zeit kaum eine Trendwende in Sicht. Deshalb wird sich das duale System verändern und sich den Realschülern verstärkt öffnen müssen – einer Klientel, die es bisher eher gemieden hat.

    Hierzu braucht es einen Perspektivenwechsel. Unsere Untersuchungen zeigen, dass Realschüler oft über viel Potenzial verfügen und dies zeigen könnten – wenn sie überhaupt Zugang zum Auswahlprozess erhalten. Um das Potenzial zu entdecken, sollten Betriebe Schulniveau, Schulnoten und Klassenwiederholungen weniger stark gewichten als dies bis anhin der Fall war. Erfolg versprechender sind Rekrutierungsverfahren, die sich stärker auf Motivationsfaktoren sowie Persönlichkeitsmerkmale konzentrieren: auf ein gutes Selbstvertrauen, auf das Interesse am Betrieb, auf die Bereitschaft, dazuzulernen und auf eine ausgeprägte Frustrationstoleranz.

    Die Berufslehre kann für viele Realschüler zur zweiten Chance werden! Wie anders lässt sich erklären, dass in unserer Studie «Migranten mit Potenzial» überdurchschnittlich oft Realschüler die beste Lehrabschlussprüfung machten, obwohl sie schlechte Schüler gewesen waren und häufig eine oder mehrere Klassen hatten wiederholen müssen?

     

    Literatur

    Protsch, P. (2012). Segmentierte Ausbildungsmärkte. Berufliche Chance von Hauptschülerinnen und Hauptschülern im Wandel. Dissertation. Freie Universität Berlin.

    Solga, H. (2005). Ohne Abschluss in die Bildungsgesellschaft. Opladen: Leske + Budrich.

    Stamm, M. (2013). Lehrlingsmangel. Strategien für die Rekrutierung des Nachwuchses.  http://www.margritstamm.ch/component/docman/cat_view/4-dossiers.html?Itemid=

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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