Paare

  • erschienen in: Aargauer Zeitung/Nordwestschweiz, 16.03.2015

    Lange Ehen sind ein Phänomen, weil es immer weniger von ihnen gibt. Gemeint sind damit Paare, die im Anschluss an das Jawort 30, 40, 50 oder mehr Jahre verheiratet bleiben. In der Schweiz werden jedoch 43 von 100 Ehen nach durchschnittlich 14.3 Jahren geschieden. Was steckt somit hinter den Paaren, die für immer zusammenbleiben, bis dass der Tod sie scheidet? Ist es die ewige Liebe oder eine notwendige Routine? Oder gibt es sogar ein Geheimnis, eine Art Glücksformel für die Erhaltung der feurigen Leidenschaft?

    Nein, die scheint es kaum zu geben und auch keine Rezepte. Zwar liest man in Ratgebern immer wieder davon, und sie tönen auch ganz griffig: «Seien Sie etwas grosszügiger mit ihm, gönnen Sie ihm seine Männerrunde!» «Bringen Sie ihr regelmässig Blumen nach Hause, und vergessen Sie auf keinen Fall ihren Geburtstag.» «Nennen Sie einander nicht Mama und Papa!» oder «Hören Sie nie auf, Ihre Gattin beim Fortgehen oder Heimkommen zu küssen!» Doch sind solche Tipps bei weitem keine Anleitungen zur lebenslangen Ehe, sondern lediglich kurios und nervig. Folgt man dem Psychotherapeuten Irvin D. Yalom im Film «Yaloms Cure», dann sind Ehen genauso individuell wie die Eheleute selbst.

    Dies bestätigt auch ein Blick in das wissenschaftliche Wissen, das allerdings erstaunlicherweise dürftig ist. Trotzdem lassen sich, natürlich stark vereinfachend, vier Typen lang verheirateter Paare herausfiltern: «Die unzertrennlich Symbiotischen», «die raumsuchenden Individualisten», «die aneinander Wachsenden» und «die zweckgerichteten Rationalisten». Für die «unzertrennlich Symbiotischen» ist es unerträglich, nicht beisammen sein zu können. Abstand vom anderen haben zu müssen, empfinden sie als Verletzung. In ihrer langen Ehe sind sie sich so gut wie nie von der Seite gewichen. Deshalb können sie die Zeit, die sie getrennt verbringen mussten, genau benennen. Ganz anders «die raumsuchenden Individualisten», deren Ehe von einer grossen Dynamik gekennzeichnet ist. Ihnen genügen ein gemeinsames Fundament und wenige geteilte Interessen, um sich einander zugehörig zu fühlen. Dafür brauchen sie viel Freiraum, um Neues zu wagen und sich trotzdem vom anderen inspirieren zu lassen. Das Gemeinsame muss Raum lassen für das Eigene und Persönliche, sonst beengt es. Dies trifft für «die aneinander Wachsenden» nicht zu. Sie haben kontinuierlich die Bereitschaft entwickelt, beruflich, privat und in der Liebe durch den anderen zu wachsen und aus dem Ich viel Du entstehen zu lassen. Der Ehepartner wirkt wie ein Korrektiv, an dem man sich misst und der vielleicht sogar zum Vorbild wird. Davon unterscheiden sich «die zweckgerichteten Rationalisten», bei denen das Zusammenbleiben aus den verschiedensten Gründen notwendig war. Manchmal waren es religiöse oder finanzielle Gründe, manchmal Gesundheitsprobleme, Depressionen oder Neurosen des Ehepartners, oft standen aber auch mangelnde Alternativen im Vordergrund oder das zweckgerichtete Zusammenbleiben, um nicht einsam zu werden.

    Die lange Ehe gibt es somit nicht im Singular, sondern nur im Plural. Trotzdem verfügen solche Ehen auch über gemeinsame Merkmale. Erstens sind zwar nicht alle, aber doch die meisten, aus der grossen Liebe entstanden, vielleicht sogar aus der Liebe auf den ersten Blick, den die Franzosen «coup de foudre» nennen. Doch hat dieser «Blitzschlag» mit dem, was nach den langen Ehejahren da ist, wenig zu tun. Liebe, Vertrautheit oder Unzertrennlichkeit, was immer das Geheimnisvolle auch ausmacht, wächst und verändert sich. Zweitens ist die lange Ehe ein arbeitsreicher Prozess. Es braucht eine gemeinsame Basis, mindestens ein paar geteilte Interessen, aber auch die Einberechnung von Krisen und – vor allem – die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen.

    Was lässt sich folgern, wenn es keine Glücksformel gibt? Wenn man mit 25 Jahren heiratet und 60 mögliche Ehejahre vor sich hat? Sicher nicht, dass man die lange Ehe als ewige Liebe verklärt. Diese ist ein Mythos. Lange Ehen brauchen ebenso ein Quäntchen Glück und Zufall. Aber auch wenn man sich deshalb nur auf eine «Ehe auf Zeit» und vielleicht auf 10 oder 20 Jahre einstellt, tut man gut daran, sich auf ein paar Erfolgsfaktoren lebenslanger Ehen einzustellen.

  • Paare erleben die Zeit in der Familie und am Arbeitsplatz zwar unterschiedlich, doch an beiden Orten dominiert eine Effizienzkultur, die früher nur für den beruflichen Bereich gegolten hat. Überall sollte man sich ständig zu neuen Leistungen antreiben: zu Hause die Quality Time nicht vergessen, am Arbeitsplatz das Total Quality-Management-System leben und in der raren Freizeit auch noch die Selbstoptimierung pflegen. Überall geht es um Qualität.

    Quality Time als Balsam für die Seele

    Die Botschaft, dass nicht die Quantität der Zeit, welche Vater und Mutter mit den Kindern oder in Zweisamkeit verbringen, ausschlaggebend ist, sondern die Qualität, ist deshalb Balsam für die Seele vieler Paare. Mit Qualitätszeit gemeint sind Zeitoptionen für gemeinsame Aktivitäten, die bewusst als Familienzeit wahrgenommen werden. Diese Definition ist jedoch mit einer gefährlichen Botschaft verbunden, denn sie suggeriert, dass man die häusliche Zeitfalle mit Quality Time überwinden könne*. Das ist jedoch eine falsche Verheissung und nichts anderes als ein machtvolles und folgenreiches Wortspiel einer Gesellschaft ohne Zeit, dafür mit einem grossen schlechten Gewissen.

    Quality Time als Wunschdenken

    Sich am Abend und am Wochenende Quality Time-Inseln schaffen zu wollen, ist aus mindestens zwei Gründen ein herausforderndes Wunschdenken:

    Die Unplanbarkeit von Intensität:Mit dem Konzept ist die Vorstellung verknüpft, dass alles hochstehend sein muss: die Zeit für die Kinder und mit ihnen, Zweisamkeit und Gespräche mit der Partnerin oder das Zusammensein mit Freunden. Eine relaxte und unverplante Konzentration auf die Familie gilt deshalb nicht als erstrebenswert und gewöhnliche Quantitätszeit schon gar nicht, weil man dann nur passiv, aber nicht von Herzen engagiert ist. Dies ist jedoch ein Fehlschluss, denn man kann nicht einfach so die Zeiten intensiven Zusammenseins einplanen, damit Beziehungen automatisch gut oder fruchtbar werden und Kinder keine Qualitätseinbussen erleiden. Manchmal wollen Kinder auch einfach Quantitätszeit und nicht Qualitätszeit.

    Überrissene Vorstellungen und ihr Teufelskreis:Das Quality Time-Konzept beinhaltet ebenso die verdeckte Annahme, Eltern müssten sich lediglich Mühe geben und die Zeit besonders gut nutzen, um auf einfache Art und Weise Qualitätszeit herzustellen. Und wer sich so verhalte, werde zum guten Vater oder zur guten Mutter. Derart überrissene Vorstellungen führen jedoch zu Stress- und Überforderungsgefühlen, die ihrerseits das Ringen um Quality Time noch mehr anheizen. Ein Beispiel hierfür sind Eltern, die den Zeitmangel mit Non-Stop-Aktivitäten am Wochenende ausbügeln wollen. Gelingt ihnen dies nicht, dann ist das schlechte Gewissen da, und der Teufelskreis beginnt von vorne.

    Die Gefahr, sich in der Zeitfalle einzurichten

    Das Problematischste am Quality Time-Konzept ist, dass es die Vorstellung unterstützt, man könne die Komplexität des Familiensystems reduzieren. Deshalb beginnen viele Paare, sich auf die Qualitätszeit zu konzentrieren und sich gleichzeitig in der Zeitfalle einzurichten, ohne die Bedingungen zu verändern, welche diese hervorruft. Der Paarforscher Guy Bodenmann** sagt deshalb, Veränderungen müssten beim Stress der Paare geschehen. Dieser führe nämlich dazu, dass sie keine Zeit mehr füreinander haben und keine gemeinsamen Erlebnisse. Wenn jeder sein eigenes Leben lebt, leidet das Wir-Gefühl.

    Auch wenn es auf den ersten Blick verheissungsvoll ist, bleibt das Quality Time-Konzept eine Lüge!

    Weiterführende Literatur

    *Stamm, M. (2016). Lasst die Kinder los! Weshalb entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. München: Piper.

    **Bodenmann, G. Bodenmann, G. & Klingler, C. (2013). Stark gegen Stress. Zürich: Beobachter Edition.

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 10.04.2017, 16.

    Die knappe Zeit bedroht unser Wohlbefinden. Also muss man sie managen und in sie investieren. Dies alles ginge ja noch, wenn sie nur das Berufsleben, aber nicht auch die Familie betreffen würde. Doch permanente Erreichbarkeit, Homeoffice und Telearbeit lassen die beiden Lebenssysteme immer mehr miteinander verschmelzen. Das Zuhause ist nicht mehr ein Ort des Abschaltens, sondern zunehmend ein zweiter Arbeitsplatz, währendem die Firma zum neuen Daheim wird, wo die Arbeit wartet.

    Das Hilfsmittel Multitasking

    Viele Männer berichteten in unserer Väterstudie, dass sie sich erst zu Hause so richtig unter Druck fühlen. Es braucht einen Zeitblock für den Nachwuchs, einen für die Partnerin und wenns geht, noch einen für den Verein oder die Kollegen. Deshalb versuchen Paare, die kostbaren Überreste der Familienzeit bis ins Letzte zu organisieren und zu schützen. Dies erfordert besondere Disziplin, viel Energie und Konzentration – genau wie die Berufsarbeit. Ein Hilfsmittel ist das Multitasking, mit dem inzwischen nicht nur Frauen, sondern auch Männer Erfahrung haben. Sie planen voraus, delegieren und packen Aktivitäten immer dichter hintereinander und nebeneinander: das rasche Abendessen, die Gutenachtgeschichte für die Kleinen und dann noch ein schnelles Telefonat. Mehr als die Hälfte der Väter nehmen das Handy mit aufs WC oder haben es dabei, wenn die Kinder in der Badewanne planschen. Läuft der Geschirrspüler, hören sie den Telefon-Beantworter ab, schauen auf Facebook nach, ob es neue Einträge gibt oder checken noch kurz die Mails. Und, wer viele Dinge schneller als bisher erledigen kann, ist nicht nur stolz, sondern auch der Überzeugung, das Zeitproblem gelöst zu haben.

    Dies zeigt sich auch am Wochenende. Paare geben sich alle erdenkliche Mühe, das während der Woche Liegengebliebene nachzuholen: den Grosseinkauf, den Sonntagssport, das Freizeitprogramm mit Kind und Hund, den Abstecher zu den Grosseltern, aber auch Familienwärme, Sex, Gespräche mit dem Partner und Nachdenken über sich selbst und den nächsten Karriereschritt. Zwar wünscht man sich schon am Donnerstag ein schönes Wochenende, aber eigentlich ist dieses vor allem dazu da, die Zeitverschwendung auszumerzen. Deshalb muss man sich noch den halben Montag davon erholen.

    Früher war das Geldsparen eine Tugend, heute ist es die Effizienz

    Effizienz ist die neue häusliche Tugend, genauso wie dies früher das Geldsparen war. Die abendliche Familienzeit ist zu einem fast mit der Stoppuhr kontrollierten Arbeitssegment geworden, zum nervös machenden Pausenfüller zwischen zwei Systemen. Viele Eltern fühlen sich als Zeitmanager, die den Nachwuchs andauernd antreiben müssen. «Mach schon!» «Aber sicher nicht heute!» «Wenn du nicht kommst, dann gehen wir!» – dies sind nur drei Beispiele der täglichen Hetzerei. Kinder sind jedoch Schlaumeier, die solche Aufforderungen auf ihre eigene Weise beantworten und sich gegen das Tempo und die ständigen Deadlines aufzulehnen beginnen. Am Abend trödeln sie und finden das Pyjama nicht mehr; sie wollen ausgerechnet dann vom Spielplatz wieder nach Hause, wenn eigentlich noch Zeit zum Bleiben wäre oder sie bekommen am Morgen genau in dem Moment einen Wutausbruch, wenn es Zeit zum Gehen ist. Manchmal möchten sie eben keine Qualitäts-, sondern Quantitätszeit, aber vielleicht auch einfach etwas weniger gestresste Eltern.

    Wir sind nicht nur Gefangene, sondern auch Architekten der Zeitfalle

    Natürlich darf man nicht dramatisieren. Die Beschleunigungen, die unsere Gesellschaft erfasst haben, gehören nun einmal zum Berufs- und Familienalltag, und die Realität ist komplex. Trotzdem sind wir uns viel zu wenig bewusst, dass wir nicht nur Gefangene, sondern ebenso Architekten der Zeitfalle sind, in der wir uns befinden. Wer dies erkennt, auf leise oder laute Proteste der Kinder hört und Frustrationen ernst nimmt, wird den eigenen Lebensstil zu ändern versuchen. Eltern, dienicht sofort zu einem Therapeuten rennen, sondern weniger Aufmerksamkeit auf die Kinder richten und mehr auf die eigene Befindlichkeit, machen ihnendas grösste Geschenk. So lernen sie nämlich, wie man sich entspannt und mit Stress umgeht. Der PädagogeJanusz Korczak hat einmal gesagt, dass Kinder ein Recht auf den heutigen Tag haben und sie in der Gegenwart verharren dürfen. Dieses Recht müsste man auch den Erwachsenen zugestehen.

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 05.03.2019, 20.

    Ein fürsorglicher Vater, der nicht nur den Abfallsack vor die Türe stellt, sondern auch das Kind ins Bett bringt, regelmässig die Windeln wechselt, die Wäsche machen kann und sogar den Kinderarzt kennt – das dürfte der Traum vieler Frauen sein. Doch in einer unserer Studien wünscht sich fast jede dritte Frau keinen solchen unermüdlichen Einsatz. In der Forschung heisst dieses Phänomen «Maternal Gatekeeping»: Gemeint sind damit Frauen in der Rolle als Türsteherin, die ihren Partnern die Türen öffnen, blockieren oder gar verschliessen können.

  • erschienen in: Aargauer Zeitung /Die Nordwestschweiz, 27.08.2018, 16.

    Männer, die 100 Prozent arbeiten, sind glücklichere Väter als Teilzeitler. Dieses Ergebnis einer Studie hat unlängst nicht nur für einigen Wirbel gesorgt, sondern auch einer anderen Untersuchung widersprochen, welche das Gegenteil herausgefunden hatte: Nicht Vollzeit-, sondern Teilzeit berufstätige Männer seien glücklicher, weil ihnen die Balance zwischen Kind, Familie und Beruf besser gelingen würde.

  • Janet Yellen ist seit dem 1. Februar 2014 die erste Frau, welche der mächtigsten Notenbank der Welt, dem Federal Reserve Board (Fed) vorsteht. Geboren am 13. August 1946 war sie zu diesem Zeitpunkt genau 67.6 Jahre alt. Zwei Jahre nach dem offiziellen Pensionierungsalter schlägt sie das wichtigste Kapitel ihrer Laufbahn auf.

    Weshalb erwähne ich Yellen? Aus zwei Gründen: erstens, weil sie ein Modell dafür ist, dass die Laufbahn von Frauen oft anders verläuft als die von Männern; zweitens, weil Michael Schönenberger in seinem guten NZZ-Artikel «Scheinargument im Rentenalter»* (8. Februar 2014) eine Studie des Forschungsbüros Infras zitiert, welche empirisch belegt, dass auch in der Schweiz seit 2008 eine deutliche Zunahme der Erwerbsbeteiligung über das Rentenalter hinaus festzustellen ist, ganz besonders bei Frauen – aber auch bei den Männern. Yellen dürfte damit ein neues Modell für einen Berufsverlauf werden, der das lange Leben berücksichtigt.

    Frauen erreichen ihren Karrierehöhepunkt später als Männer. Diese Erkenntnis kann sich für junge und jüngere Paare als hilfreich erweisen. Wenn Frauen und ihre Partner ihr Denken neu justieren und einsehen, dass bedeutsame Leistungen auch (lange) nach der Lebensmitte erbracht werden können und auch sollten, dann sind sie möglicherweise eher in der Lage, eine familiäre Work-Life-Balance mit weniger Druck und Dissonanzen zu finden. Aus meiner Erfahrung weiss ich selbst, wie lang das Leben noch ist, nachdem einen die Kinder nicht mehr Tag und Nacht brauchen. Wenn sich das Nest leert und der Nachwuchs langsam flügge wird, liegt noch ein beträchtlicher Teil des Arbeitslebens vor uns. Eltern, die ihr berufliches Engagement mit kleinen Kindern zurückschrauben, können später immer noch hohe Karrieresprossen erreichen.

    Wäre es nicht eine befreiende Einsicht, daran zu denken, dass man im Leben nicht alles gleichzeitig erreichen und haben muss? Sich etwas zurücklehnen können in einer bestimmten Lebensphase verhindert nicht, sich in einer späteren Lebensphase nochmals richtig reinzuhängen. Genau deshalb ermahnen Experten immer wieder, Frauen und Männer sollten ihre Karriere nicht als Leiter, sondern als Gitter verstehen: Horizontale Veränderungen folgen vertikalen und diese wiederum folgen horizontalen Veränderungen. Es mag zwar länger dauern, um an die Spitze zu gelangen, aber das heisst überhaupt nicht, dass man sie nicht erreicht.

    Selbstverständlich bin ich weit von der Behauptung entfernt, die zeitliche Ausdehnung der Karrierelaufbahn sei immer eine freie Wahl. Für Familien aus bescheidenen Sozialschichten oder für Alleinerziehende ist es eine Notwenigkeit, möglichst in kurzer Zeit einen angemessenen Lohn zu verdienen. Und auch für viele Männer und Frauen in körperlich anstrengenden Berufen ist dies keine willkommene Option.

    Trotzdem ist es eine Perspektive, welche in unserer Gesellschaft fast vollkommen ausgeblendet wird. Dies ist politisch falsch, nicht familienfreundlich und auch nicht auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum langen Leben ausgerichtet. So zeigt die Entwicklungspsychologie der Lebensspanne, dass ältere Menschen heute viel fitter, veränderbarer, entwicklungsfähiger und auch entwicklungswillig sind als jede Generation zuvor. Paare sollten deshalb einen «Masterplan» für ihr gemeinsames Leben aufstellen und von der Vorstellung wegkommen, dass bis 40 alles erreicht sein muss: die Kinder, das Einfamilienhaus und zwei Karrieren auf dem Höhepunkt. Ein solcher Masterplan verhindert, dass – und dies wissen wir ebenfalls aus verschiedenen Studien – ein Paar dann doch zuerst auf die Karriere des Mannes setzt und die Frau den Wiedereinstieg oder die Karriere nicht mehr schafft. Herzstück dieses Masterplans ist «die Kunst des gemeinsamen Wachsens». Jürg Willi* (1985) hat vor fast dreissig Jahren aufgezeigt, wie dies geht: wie Paare gut miteinander leben können, wie sie Wünsche nach Selbstverwirklichung und Autonomie in der Auseinandersetzung mit dem Partner entwickeln und verwirklichen können.

    Nicht nur Paare, auch unsere Gesellschaft braucht einen neuen Masterplan, der die Entwicklung über die gesamte Lebensspanne in den Blick nimmt, auch das Potenzial jenseits des 50. Geburtstages. Ich bin überzeugt, dass in Zukunft viele Frauen und Männer «Yellens» werden können, welche ihren Karrierehöhepunkt erst spät erreichen werden, gar die Pensionierung hinausschieben oder sie mit Teilzeitarbeit verbinden. Janet Yellen ist ein Musterbeispiel dafür, dass länger arbeiten auch heissen kann, die Position zu erreichen, auf die man hingearbeitet hat. Es gibt viele Beispiele, dass das Berufsleben mit 65 Jahren nicht vorbei ist. Im Gegenteil, viele von ihnen laufen sich erst warm.

     

    Literatur

    *Schönenberger, M. (2014). Scheinargument zum Rentenalter, NZZ, 08.02.,http://www.nzz.ch/aktuell/schweiz/scheinargument-zum-rentenalter-1.18238353

    ** Willi, J. (1985). Die Kunst gemeinsamen Wachsens - Ko-Evolution in Partnerschaft, Familie und Kultur. Reinbek: Rowohlt.

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 18.08.2025, 4.


    Paare mit Kindern trennen sich zu schnell. Sie verhalten sich so, wie dies die Wegwerfgesellschaft vormacht. Was nicht mehr gefällt, wird entsorgt. Der Kick lässt nach, man lebt sich auseinander oder es gibt ständig Streit. Die Leidtragenden sind immer die Kinder. Davon liest man in vielen Medien.

    Sechs Typen, wie Paare streiten

    Diese Sichtweise ist trügerisch und nicht objektiv. Eher gilt es zu fragen, ob Trennungen grundsätzlich falsch sind und was dies mit den Kindern macht. Diese wichtige Frage hat mein Kollege Guy Bodenmann, Paarforscher und Professor an der Universität Zürich, untersucht und beantwortet. Das Beste ist nicht, dass Paare nie streiten, sondern wie dies geschieht und ob sie es überhaupt tun.

    Es gibt sechs Typen. Manche der Leserinnen und Leser werden sich wahrscheinlich mit einem Typ identifizieren können: mit den Harmoniesüchtigen (lassen sich scheiden, obwohl sie sich nie gestritten haben und sich in Freundschaft sowie zum Wohl der Kinder trennen); mit den Nörglern (kritisieren, schmollen oder meckern aneinander rum); mit den passiv Aggressiven (er schweigt, sie geht weg oder umgekehrt; sie zeigen sich die kalte Schulter); mit den aktiv Aggressiven (laute und hässige gegenseitige Vorwürfe, man macht sich beiderseits lächerlich oder bezeichnet sich selbst als Opfer). Die gefährlichste Form ist der gewalttätige Typ (manifeste körperliche und verbale Übergriffe). Doch es gibt einen konstruktiven Typ. Solchen Paaren gelingt es, nach einem Streit lösungsorientiert und positiv miteinander zu reden und sich wieder zu finden.

    Ein harmonisches Familienklima ist eine wichtige Grundlage für ein gesundes Aufwachsen der Kinder. Doch harmonisch bedeutet nicht, dass es keine Spannungen und Konflikte geben darf und Paare das verschleiern sollen. Kinder sind Seismografen, man kann ihnen wenig vormachen. Auch wenn Mama und Papa nie vor ihnen streiten und so tun, als ob alles bestens sei – der Nachwuchs spürt schnell, dass Eltern Stress miteinander haben.

    Alltagsstress, übervolle Agenda, Erziehung und Finanzen als hauptsächliche Streitpunkte

    Welche Ursachen sind die hauptsächlichen Streitpunkte von Paaren? Zunächst ist es relativ einfach. Sobald Kinder da sind, bricht die Dyade weg, der Partner respektive die Partnerin ist neben dem Kind nicht mehr das grosse Liebesobjekt. Dazu kommen Alltagsstress, eine übervolle Agenda und Zeitmangel. Das beinhaltet Potenzial für die Eskalation von Streitereien. Zudem sind es Uneinigkeiten in der Erziehung: eher achtsam-bedürfnisorientiert, autoritativ oder doch lieber laissez-faire? Genauso wichtig sind unterschiedliche Vorstellungen, wie man als Familie mit den verfügbaren Finanzen umgehen soll – vor allem, wenn die Mama eher den häuslichen Part übernimmt.

    Manche Paare pflegen einen wertschätzenden Kommunikationsstil. Doch nicht selten nur so lange, wie sie verliebt und nicht gestresst sind. Trifft dies nicht mehr zu, sehen sie ihr Vorurteil bestätigt, eine Paarbeziehung sei sowieso ein Selbstläufer, entweder ist die Chemie da, die Beziehung hält oder eben nicht.

    Konstruktive Paarkonflikte können Kinder stärken

    Doch gemäss Guy Bodenmann gibt es eine gute Nachricht. Paar-Streitigkeiten haben nicht per se negative Auswirkungen auf die Entwicklung und die Seelen der Kinder. Schädlich sind vor allem destruktive Konflikte (tätliche Wutausbrüche, körperliche oder emotionale Verletzungen). Streit allein ist noch kein Zeichen von Schwäche oder fehlender Liebe – im Gegenteil. Werden Probleme frühzeitig und respektvoll angesprochen, fördern sie Klarheit, Intimität und eine gesunde Beziehung. So lernen Kinder, dass Streit zwischen Mama und Papa auch Ausdruck von Nähe und Zuneigung sein kann und Lösungen möglich sind. Können Eltern gemeinsame Lösungen finden, sich (freiwillig!) entschuldigen, versöhnen und wieder Zärtlichkeiten austauschen, werden sie zu Verhaltensmodellen und geben dem Nachwuchs eine wichtige Botschaft mit auf den Weg: Streit ist etwas Gesundes – und wir lieben uns trotzdem.

    Keine Beziehung ist vor Konflikten gefeit. Doch konstruktiv ausgetragen können sie Paare stärken und positive Effekte auf ihre Kinder haben. Überwiegen allerdings längerfristig nicht veränderbare Streitereien, ist eine Trennung oder Scheidung möglicherweise angezeigt. Trotzdem muss die Auflösung einer Partnerschaft mit Kindern gut überlegt und nicht vorschnell aufgegeben werden. Die Entwicklungsperspektive sollte immer das halbvolle Glas sein. 


    Buchtipp: Bodenmann, G. (2023). Streitet euch! Wie Konflikte Paare und ihre Kinder stärken. Ostfildern: Patmos.

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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