Gymnasium

  • Das Gerede von der Akademikerschwemme ärgert mich, auch deshalb, weil Berufsbildung und Gymnasium immer wieder gegeneinander ausgespielt werden. Es muss nicht jeder studieren, heisst es, leistungsstarke Schüler wären in einer Berufslehre oft besser aufgehoben als im Gymi. Stimmt! Und zwar für solche, die eigentlich handwerkliche Begabungen hätten, sich aber kaum für akademische Inhalte interessieren und die Matura nur mit Ach und Krach hinkriegen. Für eine jenseits junger Migranten nahezu unbeachtete Gruppe trifft jedoch Umgekehrtes zu: Kinder aus einheimischen Arbeiterfamilien, die das intellektuelle Potenzial für ein Studium hätten, aber niemals eine Gelegenheit hierfür bekommen. Schaut man nämlich den empirischen Tatsachen ins Auge, dann wird dies sofort deutlich: Haben die Eltern studiert, so tun dies 88% der Kinder auch, aus Arbeiterfamilien schafft es hingegen nur knapp jeder Vierte (24%). Ihr Anteil hat sich seit den 1970er Jahren lediglich um 10% erhöht. Der enorme Zustrom zu den Gymnasien und Universitäten nährt sich deshalb vor allem vom Nachwuchs gut situierter Familien. Ihr Anteil hat sich in den letzten dreissig Jahren nahezu verdoppelt.

    Leben wir somit in einem ungerechten Land? Ja, wenn man den so oft benutzten Begriff der Chancengleichheit heranzieht. Er meint, dass allen Menschen jeder Zugang zur Ausbildung gleichermassen offen stehen muss. Mit Blick auf die Arbeiterkinder ist dieses Postulat noch nicht verwirklicht. UnsererGesellschaft geht deshalb jedes Jahr ein grosses Reservoir ansolchem intellektuellen Potenzial verloren.

    Weshalb ist dem so? Als Hauptgrund wird meistdie Schule genannt, der es nicht gelingen würde, die herkunftsbedingten Benachteiligungen junger Menschen auszugleichen. Dies ist jedoch zu eng gedacht. Zwar spielt die Schule mit Sicherheit eine Rolle, die grössere Bedeutung hat jedoch die Familie. Denn oft sind einfach gestellte Eltern dem Gymnasium enorm skeptisch eingestellt. Die akademische Welt ist ihnen fremd, und sie sind überzeugt, dass junge Menschen, die studieren, nicht wissen, was arbeiten heisst.

    Glücklicherweise gibt es immer wieder Arbeiterkinder, welche es aus eigener Kraft oder mit Unterstützung eines Mentors trotzdem schaffen. An der Uni erwarten sie jedoch neue Bewährungsproben. Sie müssen aufeigene Faust und ohne Elternrat einefür sie vollkommen neue akademische Welt erobern. Deshalb kommen sich viele hier zunächst einmaldeplatziert vor. Sie haben Angst, im intellektuellen Zirkel nicht mithalten zu können und nicht die richtige Sprache zu sprechen. Gleichzeitig haben sie Hemmungen, den Mitstudenten zu sagen, wo sie herkommen. Wenn sie erzählen, dass ihre Mutter «nur» Schneiderin ist und der Vater in der Fabrik arbeitet, dann fühlen sie sich oft wie von einem anderen Stern. Denn viele der bildungsnahen Studierenden haben noch nie vorher mit Arbeiterkindern engeren Kontakt gehabt.

    Vielen Studentinnen und Studenten, die in Arbeiterfamilien gross geworden sind, fällt es verständlicherweise schwer, die unterschiedlichen Lebenswelten zusammenzubringen. Das fängt schon damit an, wenn sie dem eigenen Vater erklären sollen, was studieren überhaupt heisst, weshalb sie nichts verdienen und was sie eigentlich den ganzen Tag an der Uni machen. Das kann ein harter Bruch sein. Deshalb braucht es auch an den Universitäten dringend Mentoren, die Studierende aus Arbeiterfamilien gezielt unterstützen.

    Wie jedoch können wir grundsätzlich mehr intellektuell begabte Arbeiterkinder an die Universität bringen? Mit Sicherheit nicht, indem man erst bei der Matura mit Kampagnen oder finanziellen Unterstützungsleistungen ansetzt, sondern viel früher, nämlich in der Primarschule.Hier müssen ihre Begabungsreserven entdeckt und ihre Eltern ermutigt werden, an das akademische Potenzial ihres Kindes zu glauben. Nicht nur Lehrkräfte, sondern auch Trainer von Vereinen, Pfarrpersonen etc. spielen dabei eine unschätzbare Rolle.

    Aber auch die Bildungspolitik täte gut daran, ihre Anstrengungen verstärkt auf diese Gruppe junger Menschen auszurichten. Sie sind ganz besonders darauf angewiesen, dass nicht nur über Chancengleichheit gesprochen, sondern sie auch praktiziert wird.

  • Am 9. September 2019 erscheint unser Buch "Arbeiterkinder und ihre Aufstiegsangst. Probleme und Chancen von jungen Menschen auf dem Weg nach oben". Verlag Barbara Budrich:

    https://shop.budrich-academic.de/produkt/arbeiterkinder-und-ihre-aufstiegsangst/?v=1ee0bf89c5d1

    Hier ein Auszug aus meiner Einleitung.

  • TEIL I des Essays im Folio der NZZ, 03.05.2021, S. 58-61

    Es muss nicht jeder und jede ins Gymnasium, manche wären in einer Berufslehre besser aufgehoben. Die Berufsbildung braucht dringend leistungsstarke Jugendliche! Diese Argumentation ist richtig, doch gilt sie vor allem für solche mit praxisorientierten Begabungen, die sich weniger für akademische Inhalte begeistern können oder die Matura nur mit Ach und Krach hinkriegen. Umgekehrtes trifft für eine nahezu vergessene Gruppe zu: Intellektuell begabte und interessierte Kinder aus Arbeiter- und einfachen Migrantenfamilien schaffen viel zu selten den Bildungsaufstieg ins Gymnasium. Solche Minoritäten hätten zwar das Potenzial für den Übertritt, bekommen aber keine angemessene Gelegenheit dazu. Empirische Daten machen dies mehr als deutlich. Haben die Eltern studiert, tun dies 88 Prozent der Kinder auch, aus Arbeiterfamilien schafft es hingegen nur knapp jedes vierte Kind (24 Prozent). Und für gerade mal vier Prozent trifft dies zu, wenn der Vater keinen Bildungsabschluss hat. Der Zustrom zur Akademia nährt sich somit immer noch vor allem vom Nachwuchs gut situierter Familien.

    Gymnasium und Universität sind weitgehend das Privileg der Schichten geblieben, die schon Bildung haben. Deshalb geht unserer Gesellschaft jedes Jahr ein grosses Reservoir an intellektuellem Potenzial begabter Minoritäten verloren. Noch immer entscheidet nicht der Grips, wer es ins Gymnasium schafft, sondern vor allem die Herkunft. Dahinter steckt ein Gerechtigkeitsproblem. Das meritokratische Versprechen, wonach die individuelle Leistung den Status und den Erfolg einer Person bestimmt, ist ein Ideal geblieben. Die Distanz zur Realität ist beträchtlich.

    Chancenungleichheit wird kaschiert

    Unser Bildungssystem hält nicht, was es verspricht. Trotz grosser Anstrengungen der Bildungsexpansion in den siebziger und achtziger Jahren haben sich die Chancen für Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Sozialschichten bisher nicht angeglichen. Die Chancenungleichheit ist sogar grösser geworden, weil der Schulerfolg noch stärker als früher von der Herkunft abhängig ist. Spätestens seit den PISA-Studien wissen wir, dass hierzulande die Bildungschancen deutlich ungleicher verteilt sind als in vielen anderen Ländern. Arbeiterkinder, die das Rüstzeug fürs Gymnasium mitbringen würden, landen zu oft in hierarchisch tieferen Schulniveaus, nicht weil sie dumm sind, sondern weil dieser Weg einfacher ist als Hochkämpfen.

    Solche Fakten werden oft mit zwei Legitimationsmustern kaschiert. Erstens ist es der vor allem bei Bildungspolitikerinnen und -politikern beliebte Verweis, dass unser Bildungssystem zu den durchlässigsten der Welt gehöre. Wer es nicht ins Gymnasium schaffe, könne später trotzdem ein Hochschulstudium absolvieren. Zweitens ist die Überzeugung weit verbreitet, dass Väter und Mütter mit keiner oder nur einer Berufslehre sowieso nicht in der Lage seien, ihren Kindern im Gymnasium zu helfen, weshalb sie in der Sekundarschule besser aufgehoben seien. Beide Hinweise sind richtig, die damit verbundenen Argumentationsmuster aber falsch.

    Mit einer Berufslehre und einer Berufsmaturität wird ein Studium an einer Fachhochschule möglich, so das erste Muster. Das ist längst der Ausbildungskönigsweg für junge Menschen aus durchschnittlichen Verhältnissen geworden. Und diese neue Form von Durchlässigkeit hat auch zumindest teilweise zum Abbau der sozialen Ungleichheit beim Hochschulzugang beigetragen. Währendem an Universitäten vier von fünf jungen Menschen aus akademischen Elternhäusern studieren, sind es an den Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen immerhin ein gutes Drittel. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, doch darf sie nicht schöngeredet werden. Es kann nicht sein, dass die neue Durchlässigkeit als Alibi benutzt wird, intellektuell begabte Arbeiterkinder in die Berufsbildung mit dem Hinweis auf die Möglichkeit eines späteren Fachhochschulstudiums abzudrängen, währendem Söhne und Töchter aus Akademikerfamilien unhinterfragt wieder Akademiker werden.

    Auch das zweite Legitimationsmuster hat seine argumentativen Lücken. Es setzt zu sehr auf die Erwartung, dass Eltern die Lernleistung ihrer Kinder festigen helfen sollen und diese «verantwortete Elternschaft» die Grundlage für eine erfolgreiche Schullaufbahn sei. Dem widersprechen fast alle Untersuchungen der frühkindlichen Bildungsforschung. Sie weisen nach, dass Kinder mit einem sehr unterschiedlichen Rucksack an Startkapital und familiären Unterstützungsmöglichkeiten ins Bildungssystem eintreten, dann aber entsprechend ihrer sozialen Herkunft so sortiert werden, dass Arbeiterkinder in die Sekundar- oder Realschule, Akademikerkinder ins Gymnasium gelenkt werden.

    Jeder ist seines Glückes Schmied: eine zu einfache Botschaft

    Dieses problematische Phänomen lässt sich nicht dadurch in den Griff kriegen, indem man gut situierten Eltern einredet, sie sollten ihre Bildungsambitionen herunterfahren. In einer demokratischen Gesellschaft kann man bildungsambitionierte Väter und Mütter nicht daran hindern, ihre Ressourcen einzusetzen, um die Bildungslaufbahn der Kinder zu fördern. Ihre Absichten sind legitim. Die Achillesferse liegt vielmehr in der fehlenden Unterstützung begabter Kinder aus einfachen Sozialschichten und in der meist zu grossen Zurückhaltung ihrer Familien. Oft wollen sie ihr Kind vor einem gymnasialen Bildungsweg bewahren, nur weil sie befürchten, es könnte sich emotional, intellektuell und strategisch von ihnen entfernen.

    An solche Sachverhalte haben wir uns gewöhnt. Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum an Apéros die Problematik von Arbeiterkindern und Gymnasium auffallend schnell mit der Metapher «Jeder ist seines Glückes Schmid» relativiert wird. Alle jungen Menschen aus bescheidenen Verhältnissen, so die Botschaft, könnten es hierzulande mit genug Fleiss, Anstrengung und Hartnäckigkeit zu etwas bringen!

    Erfolgreiche Arbeiterkinder sind deshalb beliebte Medienobjekte, weil man ihre Geschichten nicht nur bewundern, sondern auch mit dem salbungsvollen Schlagwort «Aufstieg durch Bildung» legitimieren kann. Doch solche märchenhaften Schilderungen verdecken die Realität. Ein Arbeiterkind, das es – wie die Amerikaner sagen – Against all Odds ans Gymnasium schafft, hat nicht einfach trotz hoher Intelligenz zusätzlich hart gearbeitet, sondern auch viel Glück gehabt.

    Warum ist dem so? Zur Erklärung gibt es theoretische Modelle, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit einen gemeinsamen Nenner haben. Sie erklären die bestehenden Ungleichheiten vor allem mit familialen Merkmalen sowie den Einflüssen der Schule. Zum einen ist es der Bildungsstand der Eltern, der über Erziehungsstil, Anregungsgehalt und private Förderung die Kompetenzen der Kinder beeinflusst. Er macht bereits beim Eintritt in den Bildungsraum nicht nur die Spreizung der individuellen Leistungsunterschiede zu Gunsten von Kindern aus gut situierten Familien sichtbar, sondern auch ihren spezifischen «Habitus». Dieser Lebensstil kann sich im elaborierten Wortschatz manifestieren, der Kleidung, den ausgewählten Hobbys und dem Freundeskreis, den die Eltern oft handverlesen zusammenstellen. Ausgerüstet mit solchen kulturellen Merkmalen entsprechen diese Kinder den mittelschichtsorientierten Bildungsidealen der Schule. Arbeiterfamilien haben häufig andere Erziehungsziele und Vorstellungen, was gutes kindliches Verhalten respektive Schulerfolg ist. Manche Arbeiterkinder fühlen sich deshalb in der Schule anders als Kinder höher gebildeter Eltern und müssen ihr Sprach- und Verhaltenssystem an die kontrastierende Schulumgebung anpassen. Das gelingt ihnen unterschiedlich.

    «Wer ins Gymnasium geht und studiert, weiss nicht, was arbeiten heisst»

    Zudem fallen die Auswirkungen von familiären Bildungsentscheidungen je nach sozialer Schicht unterschiedlich aus und erklären, weshalb Kinder aus gut situierten Verhältnissen anspruchsvolleren und kostspieligeren Bildungswegen zugewiesen werden, auch wenn sie sich nicht von Kindern aus einfachen Verhältnissen unterscheiden. Geht es ums Gymnasium verfügen gebildete Väter und Mütter über eine grössere Bildungsmotivation, fürchten sich kaum vor Investitionsrisiken und gewichten auch das Sozialprestige höher als Arbeiterfamilien. Diese kennen das Gymnasium nicht aus eigener Erfahrung, schätzen die Zugangshürden als sehr hoch ein und schrecken vor den erwarteten Investitionskosten zurück, was sich in einer deutlichen Skepsis gegenüber akademischer Bildung äussern kann. Er zeigt sich im «Habitus der Notwendigkeit» der ein Verhalten meint, das sich an der Verwertbarkeit der Ausbildung orientiert. Solche Eltern wünschen sich, ihre Kinder sollten wie sie eine Berufslehre absolvieren und relativ schnell eigenes Geld verdienen. Dieser Verwertbarkeitsgedanke kann den intellektuellen Bildungshorizont von Arbeiterkindern deutlich einschränken.

    Selbstverständlich gibt es Arbeiterfamilien, die stolz sind auf ihr smartes Kind, das Gymnasium unterstützen und alles dafür tun, ihm diesen Schritt zu ermöglichen. Doch je niedriger die Bildungsorientierung der Familie, desto deutlicher ist die skeptische Haltung. Aussagen wie «Wer ins Gymnasium geht und studiert, weiss nicht, was arbeiten heisst» werden zu einem schlechten Fundament für junge Menschen, die als erste in der Familie überhaupt darüber nachdenken, das Gymnasium und einen akademischen Bildungsweg in den Blick zu nehmen. Zweifel, ein geringes Selbstbewusstsein und Angst vor dem Scheitern sind als Aufstiegsängste vorprogrammiert. 

  • erschienen in: NZZ, 11.07.2025, 15.


    Wer vor der Matura das Gymnasium verlässt, gilt als Dropout. Die Ursache dafür wird meist in der mangelnden Intelligenz gesehen. Solche jungen Menschen sollten eher eine Berufslehre machen oder eine Fachmittelschule besuchen – heisst es. Tatsache ist, dass etwa drei Viertel der Heranwachsenden das Gymnasium auf direktem Weg abschliessen, 17 Prozent repetieren ein- oder mehrmals, 14 Prozent treten vorzeitig aus.

    In den Medien sind Portraits von Dropouts beliebt. Dazu gehört die Sängerin Nena. Sie hat das Gymnasium vorzeitig verlassen und eine Berufslehre als Goldschmiedin begonnen. Diese hat sie dann abgebrochen, um sich ganz der Musik zu verschreiben. Anders Thomas Mann, der als träumerischer Faulpelz galt und heute als «Minderleister» bezeichnen würde. Zwar stammte er aus einer angesehenen Lübecker Familie und hatte das Zeug zum Abitur. Trotzdem stieg er aus dem Gymnasium aus und arbeitete bis zu seinem Schriftsteller-Debut mit «Buddenbrocks» als Volontär in einer Feuerversicherungsgesellschaft. Und schliesslich Iris Berben, die Rebellin, die vom Internat flog, das Abitur hinwarf und sich dann erfolgreich der Schauspielerei widmete.

    Kantonale Unterschiede

    Aktuell verläuft die Diskussion eher negativ. Im Mittelpunkt stehen meist die mangelnden kognitiven Fähigkeiten und akademischen Interessen von Dropouts. Doch der Schweizer Bildungsbericht 2023 relativiert solche Überzeugungen mit wichtigen Erkenntnissen zur Bedeutung der sozialen Herkunft und des Geschlechts. Wer aus einem einfachen Milieu stammt – mit migrantischer Herkunft oder ohne – tritt überdurchschnittlich oft aus dem Gymnasium aus. Ähnliches gilt für junge Männer im Vergleich zu jungen Frauen. Weitgehend unbeachtet bleiben jedoch Gymeler, die sich zum Austritt entschliessen, weil sie trotz relativ guter Noten eine Berufslehre absolvieren wollen.

    Die Leistungsschwäche als alleinige Ursache für den vorzeitigen Gymiaustritt muss somit angezweifelt werden. Zwar korrelieren tiefe Pisa-Kompetenzen mit dem erhöhten Risiko einer Repetition oder einem vorzeitigen Ausstieg. Gleichzeitig erstaunen die unterschiedlichen kantonalen Übertrittsquoten. Kantone mit höheren Anteilen an Übertritten verzeichnen auch mehr Repetitionen und vorzeitige Ausstiege. Zwei Beispiele: Kein anderer Kanton schickt so viele Jugendliche ans Gymnasium wie Genf mit etwa 45 Prozent. Gleichzeitig müssen es gegen 50 Prozent schon im ersten Jahr wieder verlassen. Anders sieht es im Kanton Tessin aus. Hier treten gut 40 Prozent ins Gymnasium ein. Zwar ist die Selektion weniger streng, doch mehr als 20 Prozent müssen wiederholen und ein weiteres Viertel schafft die Matura dann doch nicht.

    Vier Muster

    Doch der Blick auf Quoten ist zu eng, es braucht eine breitere Perspektive. Das leistet unsere längsschnittlich angelegte Studie. Das Ziel war, die Ursachen von Gymi-Ausstiegen mittels einer Befragung von gut 200, 17- bis 18-jährigen Personen zu beleuchten. Daraus resultierte eine Typologie mit vier Mustern: «Die Überforderten», «Die Neuorientierten», «Die Minderleistenden» und «Die Zurückgezogenen».

    «Die Überforderten» (26%) stammten meist aus gut situierten und engagierten Familien, bekamen oft Nachhilfe, mussten aber trotzdem eine oder mehrere Klassen wiederholen. Obwohl sie relativ viel Zeit für die Stoffbearbeitung aufwendeten, reichte es einfach nicht. Der Gymi-Austritt war deshalb eine eher notwendige Folge. Fast Gegenteiliges galt für «Die Neuorientierten» (24%). Obwohl sie durchschnittliche bis gute Noten hatten, wechselten sie in eine Berufslehre. Die intellektuelle Orientierung am Gymnasium war ihnen zu eng, die praktische Arbeit in einem Betrieb vielversprechender. Deshalb wurde der Ausstieg für manche zum Weg in eine persönliche Identitätsfindung.

    Anders die «Minderleistenden» (23%). Nicht selten wird dieser Typ in der Forschung übersehen, weil er vordergründig den «Überforderten» am meisten entspricht und als leistungsschwach etikettiert wird, obwohl dies in Bezug auf deren Fähigkeiten nicht zutrifft. Die Mehrheit der Minderleistenden war männlich, mehr als drei Vierteln war während ihrer Schulzeit attestiert worden, ein überdurchschnittliches Potenzial zu haben. Dieses Merkmal ist ein wichtiger Unterschied zu den «Überforderten».

    Eher als Aussenseitertyp gilt die Gruppe der «Zurückgezogenen» (27%). Als Hauptgründe für den Ausstieg nannte die Mehrheit Beziehungs- und Akzeptanzprobleme in der Klasse. Obwohl sie kaum schlechte Noten hatten, fühlten sie sich oft am falschen Ort. Überdurchschnittlich vertreten waren junge Menschen aus einfachen Verhältnissen und solche weiblichen Geschlechts.

    Doch nicht nur die Tatsache interessiert, dass es den Aussteiger oder die Aussteigerin nicht gibt, sondern ebenso die Frage, was aus ihnen geworden ist. In den letzten Monaten konnten wir in einer Nacherhebung 60 Prozent der heute etwa 35-Jährigen nochmals befragen und Auskunft erhalten, wo sie aktuell stehen und was sie aus der Rückschau anders machen würden. Dass die Rücklaufquote erfreulich hoch war, dürfte eine Folge unserer kontinuierlichen Kommunikation mit ihnen in all den Jahren sein.

    Zwar hat in der Zwischenzeit jede zehnte Person nochmals eine Ausbildung abgebrochen. Trotzdem verfügen heute achtzig Prozent über einen Hochschulabschluss oder haben eine Höheren Berufsbildung absolviert. Die anderen bezeichnen sich als Freelancer mit verschiedenen Ausbildungen, die allerdings bislang eidgenössisch meist nicht anerkannt sind.

    Selbstreflexion aus der Rückschau

    Würden sie aus der Rückschau etwas anders machen? Mehr als drei Viertel sind mit ihrem nicht geradlinigen Werdegang zufrieden, auch wenn fast die Hälfte die Weichen aus heutiger Sicht etwas anders stellen würde. Einige gaben zu Protokoll, der Ausstieg habe nicht unwesentlich mit den eigenen Unsicherheiten und dem mangelnden akademischen Interesse zu tun gehabt. Und für manche wurde erst im Gymnasium klar, dass eine Berufslehre für sie attraktiver war. Andere sagten, der Ausstieg sei auch ein Aufbegehren gegen die akademischen Wünsche des Elternhauses gewesen.

    Was lässt sich aus diesen Erkenntnissen schliessen? Erstens dürfen vorzeitige Gymi-Ausstiege weder problematisiert noch heroisiert werden. Sie sind nicht per se eine Folge von Leistungsschwäche und Überforderung, sondern genauso ein Manifest für einen schnelleren oder langsameren Neubeginn. Zweitens sind Dropouts noch lange keine Verliererinnen oder Verlierer. Manche konnten gerade über den Ausstieg ihren Weg besser finden oder neue Türen aufstossen. Ein Teilnehmer – heute ist er Inhaber einer Computerfirma – schrieb: «Zuerst war der Austritt für mich schlimm, weil ich am Gymnasium scheiterte und von der Schule keine Unterstützung bekam. Doch dann habe ich gelernt, dass ich mich der Wirklichkeit stellen muss. Langsam hat sich aus dieser Niederlage ungeahnt Neues entwickelt.» Vorzeitige Ausstiege haben somit auch viel mit den positiven Seiten des Scheiterns zu tun.

    Solche Ergebnisse sind auch zwiespältig. Zwar sind Gymnasien nicht für vorzeitige Austritte ihrer Schülerinnen und Schüler verantwortlich, doch sie übernehmen oft eine bestimmte Rolle in solchen Ausstiegsprozessen. Wie sie diese wahrnehmen, begleiten, organisieren oder zu verhindern versuchen, dürfte eine Herausforderung sein und zukünftig werden.

    Die Frage der Haltekraft

    Das Wort der Stunde ist deshalb die «Haltekraft» von Gymnasien. Wichtig sind Schul- und Abteilungsleitungen, die das Thema Schuldistanzierung und vorzeitige Ausstiege zur Chefsache erklären und versuchen, im Kollegium und in den Fachschaften eine einheitliche Strategie zu finden. Schulen, die Partizipation und Integration als wichtiges Qualitätsmerkmal verstehen, reagieren auf häufige Abwesenheiten oder auffällige persönliche und andere Probleme schnell und direkt. Zumindest ist das gemäss der aktuellen Forschung die beste Prävention für die Vermeidung von vorzeitigen Ausstiegen. Mehr können Gymnasien auf Haltungs- und Beziehungsebene wohl kaum tun.

    Anders sieht es auf der Strukturebene aus. Basierend auf dem Wissen um das lebenslange Lernen sollten Gymnasien das Phänomen vorzeitiger Ausstiege aufnehmen und Standards definieren, die zwar nicht auf eine Reduktion der Leistungsansprüche ausgerichtet sind, doch Zeit geben für Neues und für die Suche nach der Vertiefung persönlicher Interessen. Für die Generation Z und die nachrückende Generation Alpha dürften solche Standards besonders wichtig werden, um am Gymnasium zu bleiben. 

  • Das Gymnasium ist so beliebt wie nie. In den letzten Jahren ist die Quote um ca. 10 Prozent gestiegen. In urbanen Räumen wie Zürich oder Basel beträgt sie bis zu 50%, schweizweit ca. 20 Prozent. Das Gymnasium die neue Volksschule der Zukunft? Genau deswegen brodelt es in der Bildungspolitik. Die steigende Gymnasialquote ist vielen ein Dorn im Auge. Was steckt dahinter? Ist es tatsächlich so, wie man immer wieder hört, dass die Gymnasien mit schlecht qualifizierten Jugendlichen gefüllt werden, die ebenso gut eine Berufslehre absolvieren könnten? Degradiert diese Akademisierung die Berufsbildung tatsächlich zu einem System zweiter Klasse.

    Problematisch ist zunächst einmal, dass man sich den Zugang zum Gymnasium, der meist über eine Aufnahmeprüfung oder über einen Notendurchschnitt erfolgt, auch erkaufen kann. Es wundert deshalb kaum, dass Lernstudios und Nachhilfestunden zu einer riesigen parallelschulischen Lernindustrie geworden sind. Eine solche ‚Flucht‘ ins Gymnasium ist deshalb sozial ungerecht. Und dem Gymnasium nützt sie nur um den Preis nivellierender Tendenzen. Zumindest zeigt dies die Evaluation der Maturitätsreform. Maturanden haben Defizite in Mathematik und der Erstsprache (Deutsch/Französisch/Italienisch).

    Dass sich das Gewerbe gegen einen breiteren Zugang zum Gymnasium wehrt, ist verständlich. Es befürchtet, dass gute Schüler ins Gymnasium abwandern und anforderungshohe Lehrstellen nicht mehr besetzt werden können. Tatsache ist, dass die steigende Gymnasialquote der Berufsbildung die dringend benötigten leistungsstarken Auszubildenden nimmt. Das sind jedes Jahr ca. 10 bis 15 Prozent. Bereits heute müssen Betriebe für gewisse Branchen Auszubildende im Ausland rekrutieren. Im Kanton Aargau kommen aktuell etwa deren 70 aus Deutschland. Der Attraktivitätsverlust der traditionellen Berufslehre ist somit eindrücklich.

    Es gibt aber auch ein anderes Problem, das bisher kaum in den Blick geraten und schon gar nicht diskutiert worden ist: dass der Zugang zum Gymnasium und zur Berufslehre sehr unterschiedlich ist. Wer eine Lehrstelle will, muss viel mehr und Umfassenderes leisten als diejenigen, welche den Sprung ins Gymnasium schaffen wollen. Während hier ein bestimmter Notendurchschnitt genügt, erfordert der Weg in die Berufsbildung vom Jugendlichen ein enormes Engagement: Schnupperlehre, Bewerbungen zu schreiben, sich in Vorstellungsgesprächen oder Assessments erfolgreich bewähren sowie Testverfahren wie Multi- und Basischecks absolvieren.

    Was bedeutet dies? Erstens, dass die Hürden ausgeglichener sein sollten. Das Hauptproblem ist nicht, dass wir zu wenig oder zu viel Gymnasiasten haben, sondern ein Zugangssystem, das Jugendliche beim Eintritt in die Berufslehre benachteiligt und solche ins Gymnasium bevorzugt. Zweitens, dass unser durchlässiges Bildungssystem den Eltern und auch den Jugendlichen selbst viel deutlicher vor Augen geführt werden sollte. Viel zu wenige wissen, dass jederzeit eine Veränderung eines eingeschlagenen Weges möglich ist. So können Maturanden nach einem einjährigen Praktikum eine Fachhochschule besuchen. Oder nach der Lehre mit Berufsmaturität und einer einjährigen Passerelle ein ETH- oder Universitätsstudium aufnehmen. Und Absolventen einer Fachhochschule können als Bachelor an eine Uni oder ETH gehen und dort das Masterstudium aufnehmen. Heute sind fast alle Übergänge möglich, die man sich nur vorstellen kann.

    Nur, sind das Argumente, die ziehen, wenn das Gymnasium dermassen in den Köpfen der Eltern drin ist? Wenn es bald gar als neues Bürgerrecht verstanden wird? Also abwarten und Tee trinken? Den Kampf um einen Platz am Gymnasium zu einem Kampf aufs Messer und die Berufsbildung zur zweiten Wahl werden lassen? Oder vielleicht doch mehr junge, begabte Ausländer aus Griechenland, Spanien oder Portugal für eine berufliche Ausbildung einwandern lassen? 

     

  • Wer in der Schweiz die Chance bekommt, das Gymnasium zu besuchen, stammt wahrscheinlich aus einer gut situierten Familie. Arbeiterkinder oder solche aus einfachen Migrantenfamilien haben hingegen fünfmal schlechtere Chancen – wohlverstanden bei gleichen Schulleistungen. Zu diesem Schluss kommen verschiedene Studien*. Weshalb dem so ist, erklären sie mit den primären und sekundären Herkunftseffekten: 

    • Die primären Effekte werden für das Phänomen verantwortlich gemacht, dass Arbeiterkinder im Durchschnitt schlechtere Schulnoten als besser situierte Kinder haben. Die Ursache wird dabei in der geringeren Anregung und Förderung durch das Elternhaus vermutet.
    • Die sekundären Effekte erklären die Folgen der unterschiedlichen Bildungsentscheidungen des Elternhauses. Gut situierte Eltern sind deutlich bildungsambitionierter und streben deshalb markant häufiger das Gymnasium an, einfacher gestellte Eltern lehnen es hingegen oft ab.

    Gerade diese sekundären Herkunftseffekte verweisen auf die grosse Bedeutung des Elternwillens. Markus Neuenschwander** hat in seiner Studie aufgezeigt, wie sehr Elternerwartungen auch die Lehrkräfte beeinflussen. Bestimmte Eltern haben den Schlüssel offenbar in der Hand, wenn es um den Schulerfolg des Kindes geht. Und zwar so sehr, dass Lehrkräfte einem Kind aus Familien mit hohen Bildungserwartungen bei gleicher Leistung bessere Noten geben. In der Studie von Franz Baeriswyl und seinen Kollegen*** haben 5.6% der Schüler eine Übertrittsempfehlung nur deshalb erhalten, weil die Eltern intervenierten. Verstärkt werden solche Effekte dadurch, dass einfacher gestellte Eltern die schlechtere Bewertung ihres Kindes respektive die Nichtempfehlung fürs Gymnasium gar nicht als ungerecht einschätzen und sich auch nicht wehren.

    Somit spielen weniger leistungsimmanente, sondern vielmehr soziale Faktoren beim Übertritt ins Gymnasium eine Rolle. Der Elternwille verstärkt die soziale Ungleichheit. Folgedessen erstaunt auch kaum, dass der Anteil an Schülerinnen und Schülern, welche die Leistungsvoraussetzungen für das Gymnasium eigentlich nicht mitbringen, es jedoch trotzdem besuchen, gestiegen ist.

    Aus solchen Gründen sind die Regelungen für den Übertritt ins Gymnasium besonders bedeutsam. In der Schweiz sind sie sehr unterschiedlich. Am verbreitetsten sind drei Systeme (teilweise in Kombination): die Aufnahmeprüfung, Noten und Eignungsfeststellung sowie die Empfehlung der Primarschule. Diejenigen Kantone, welche auf einem rein leistungsbasierten Schlüssel die Zuteilung vornehmen, haben somit chancengerechtere Systeme. Das heisst aber nicht, dass die Aufnahmeprüfung das Instrument der Wahl ist. Sie erzeugt nämlich früh schon einen enormen Leistungsdruck und schafft parallele Förder- und Unterstützungssysteme (Lernstudios, Nachhilfe etc.), die sich einfache Familien wiederum nicht leisten können. Zudem berücksichtigt das Aufnahmeprüfungssystem andere Faktoren wie Motivation, Leistungsbereitschaft oder akademisches Interesse nicht.

    Fazit

    Die Frage, wer das Gymnasium besuchen soll und wer nicht, ist in der Bildungspolitik ein heisses Eisen. Aber bei weitem nicht nur wegen des immer wieder beklagten «Akademisierungstrends», sondern vor allem auch aufgrund der Forderung, dass die «richtigen» Schüler das Gymnasium besuchen sollten. Weil in diesem Zusammenhang offenbar der Elternwille eine zentrale Rolle spielt, gehen Kinder aus bildungsambitionierten Familien deutlich häufiger ins Gymnasium, während solche aus einfacheren Familien eine Berufslehre machen. Das ist jedoch keinzukunftsträchtiger Zustand. Eigentlich sollten Neigungen und Fähigkeiten den Ausschlag zur Bildungs- und Berufswahl geben. Wenn dem so wäre, dann wären in der Berufsbildung mehr leistungsstarke Jugendliche aus gut situierten Familien vertreten, in den Gymnasien jedoch mehr intellektuell begabte Kinder aus Arbeiter- und benachteiligten Migrantenfamilien.

    Ein wichtiges bildungspolitisches Ziel sollte sein, den Elternwillen zurückzubinden, die unabhängigen Interessen des Kindes jedoch mehr zu gewichten – und dabei ebenso die Kinder aus Arbeiterfamilien zu ermuntern und zu befähigen, den gymnasialen Weg gehen zu wollen. Notwendig wären deshalb Potenzialanalysen für alle Kinder, jenseits von Leistungstests.

     

    *Helbig, M. & Gresch, C. (2013). Soziale Spaltung am Ende der Grundschule. WZ Brief 26.12., Berlin: Wissenschaftszentrum.

    ***Maaz, K., Trautwein, U. & Baeriswyl, F. (2011). Herkunft zensiert.Herkunft zensiert – Leistungsdiagnostik und soziale Ungleichheiten in der Schule. Vodafone Stiftung Deutschland.

    *Möller, C. (2015).Herkunft zählt (fast) immer. Soziale Ungleichheiten unter Universitätsprofessorinnen und -professoren. Bildungssoziologische Reihe. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

    **Neuenschwander, M. (2013). Selektion beim Übergang in die Sekundarstufe I und in den Arbeitsmarkt im Vergleich. In M. P. Neuenschwander (Hrsg.), Selektion in Schule und Arbeitsmarkt (S. 63-97). Zürich/Chur: Rüegger.

  • Vor ein paar Tagen hat mir ein Kollege, Rektor eines Gymnasiums im Schweizer Mittelland, geschrieben, dass sie an seiner Schule immer mehr Probleme mit den Eltern – und weniger mit den Schülern - hätten. Eltern würden sich zunehmend für ihr ‚Kind‘ (auch wenn es bereits gegen zwanzig geht) verantwortlich fühlen, für seine Noten und seine soziale Befindlichkeit in der Schule. Und häufig würden sie nun auch bei der Maturaarbeit eine wichtige Rolle einnehmen.

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 10.12.2021, 2.


    «Try again. Fail again. Fail better.» Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern. Scheitern ist unumgänglich, und die Kunst besteht darin, nicht aufzugeben. Diese geflügelten Worte von Samuel Beckett spiegeln sich in manchen Lebenshilfebüchern wie «Die Kunst des Scheiterns». Sie richten sich an Menschen, die im Management tätig sind oder auch an Otto Normalverbraucher. Doch Scheitern in Schule und Ausbildung? In unserer Optimierungsgesellschaft ist das ein Tabu.

    Fehlschläge werden unbedingt vermieden

    Manche von uns kennen Misserfolge aus der eigenen Bildungslaufbahn. Und nicht wenige haben erlebt, dass sich aus einer scheinbaren Niederlage etwas ungeahnt Neues entwickeln kann. Geht es allerdings um den eigenen Nachwuchs, spricht man über sein Scheitern nur hinter vorgehaltener Hand. Das hat mit der Auffassung von Bildungserfolg zu tun. Kontinuierliche Hochleistungen gelten heute als Wegmarken eines erfolgreichen Bildungsweges, weshalb gute Noten und ein akademischer Schulabschluss zum Statussymbol geworden sind. Rüstet man den Nachwuchs mit der besten Bildung aus, dann ist er ein für alle Mal vor späteren Risiken immunisiert. Diese verbreitete, aber falsche Meinung führt dazu, dass Fehlschläge unbedingt vermieden werden und ein Scheitern unerwünscht oder gar verboten ist.

    Heranwachsende spüren wie Seismografen, was von ihnen erwartet wird. Doch wer nimmt ihnen die Angst vor diesem Druck? Und sagt ihnen überhaupt jemand, dass manche erfolgreiche Erwachsene den Weg erst über Fehlschläge gefunden haben? Dass Fehlschläge bedeutsam sind und nicht nur ein Unfall? Schon lange verweist die Forschung darauf, dass Misserfolge für die Persönlichkeitsentwicklung und für die Herausarbeitung einer Berufsidentität förderlich sind. Doch das Vermeiden jeglichen Versagens hat schädliche Auswirkungen auf junge Menschen, weil so aus «verbotenen» Misserfolgen fast immer Schuldgefühle resultieren. Darum entwickeln viele Jugendliche Gefühle und Ängste, nichts wert zu sein und als Versager abgestempelt zu werden.

    Die Chancen des Scheiterns erkennen

    Der Tunnelblick auf den unbedingten Bildungserfolg verhindert, die Chancen des Scheiterns zu erkennen. Geht es nach dem Philosophen Charles Pépin, können Misserfolge den Willen befeuern, den eingeschlagenen Weg trotz allen Widrigkeiten durchzuziehen. Das trifft dort zu, wo sich begabte Jugendliche aus einfachen Verhältnissen hochkämpfen und trotz eines Realschulabschlusses später die Matura nachholen. Genauso kann ein Scheitern das Loslassen ermöglichen und Auftrieb dafür geben, die bisherige Laufbahn zu verlassen und einen Richtungswechsel vorzunehmen. Beispielsweise, wenn eine Gymnasiastin spürt, dass der von den Eltern vorgegebene akademische Weg nichts für sie ist und sie sich für eine Berufslehre als Schreinerin entscheidet.

    Junge Menschen haben ein Recht, Erfahrungen des Scheiterns zu machen. Solche Erfahrungen lassen sie erkennen, dass ihnen etwas gegenübersteht, das Wirklichkeit heisst. Weil das Scheitern dem Leben innewohnt, ist es ein wichtiger Teil des Eltern- und Lehrerjobs, Fehler und Misserfolge zuzulassen und junge Menschen im Glauben an sich selbst zu stärken. Einfach ist das nicht, denn es braucht ein Fundament für den Umgang mit Fehlschlägen. Heranwachsende, denen alles in den Schoss geworfen und aus Ängstlichkeit jedes Hindernis aus dem Weg geräumt wird, fehlt dieses Fundament. Dies legt ihre Bewältigungsstrategien lahm, Prüfungen des Scheiterns zu bestehen.

    Aus der Schwäche kann eine Stärke erwachsen

    Deshalb sollten Erwachsene den jungen Menschen durch die Unwägbarkeiten des Lebens helfen und ihr Scheitern eher begleiten statt es sofort wegzubügeln. Im Kern liegt darin auch das, was Sigmund Freud das Urvertrauen genannt hat, dass aus einer Schwäche eine Stärke erwachsen kann. Oder anders formuliert: dass das Scheitern zwar eine Türe ist, die sich schliesst – aber gleichzeitig auch ein Fenster, das sich öffnen kann. 

  • Tatsache ist: Viele Kinder gehen heute ins Gymnasium, die vor 15 Jahren noch eine Berufslehre gemacht hätten. Tatsache ist auch, dass fast 100% der Kinder aus Akademikerfamilien eine Matura machen, der Anteil derjenigen aus Arbeiter- und benachteiligten Migrantenfamilien jedoch nach wie vor nicht mehr als 20% bis 30% beträgt und in den letzten zwanzig Jahren kaum gestiegen ist. Das bedeutet, dass die oft geforderte Chancengleichheit vor allem eine ist, die gut situiert aufwachsende Kinder begünstigt. Solche Kinder finden den Weg viel einfacher ins Gymnasium, auch wenn sie gar nicht besonders intelligent sind. Genau dies hat Elsbeth Stern letztlich aufgezeigt*, als sie im Tagesanzeiger von ihren Studien berichtet hat, wonach der durchschnittliche IQ in Zürcher Gymnasien nur 112 Punkte beträgt, diese jedoch zu einem grossen Teil von «bildungsnahen» Kindern besucht würden.

    Was kann man auf diesen Sachverhalt antworten? Zunächst etwas ganz Grundsätzliches: Ein Bildungssystem muss dem meritokratischen Gedanken und gleichzeitig der Chancengleichheit verpflichtet sein, d.h. dass die individuelle Leistung das entscheidende Prinzip ist und nicht die soziale Herkunft. Es sollten also in erster Linie diejenigen ein Gymnasium besuchen, welche kluge Köpfe haben. Darüber hinaus müssten sie über die notwendigen Persönlichkeitsmerkmale verfügen, welche auch mit den Interessen für akademische Fragestellungen verbunden sind. Wie könnte man dies bewerkstelligen?

    Sicher nicht in erster Linie mit IQ-Tests! Zwar wissen wir seit langem, dass IQ-Tests gute Prädiktoren für den zukünftigen Schulerfolg sind, aber in erster Linie deshalb, weil sie das messen, was in der Schule zählt: die akademische Intelligenz, d.h. die Fähigkeit zum abstrakten und logischen Denken**. Bekannt ist jedoch ebenso, dass IQ-Tests nicht kulturfair sind und deshalb Kinder aus anderen Kulturen, aber auch solche aus einfachen Verhältnissen benachteiligen***. Schliesslich ist es fast schon pädagogische Folklore, dass Intelligenz nicht einfach angeboren ist und dann das ganze Leben so bleibt, wie sie einmal gemessen worden ist. Intelligenz wird entwickelt. In einem förderlichen Umfeld, das den Vorstellungen und Gepflogenheiten unserer europäischen Wissensgesellschaft entspricht, gelingt dies besser als in einem Umfeld, das ganz andere kulturelle Vorstellungen hat.

    Nun sind Intelligenztests auf der Basis unseres abendländischen Kulturkreises entwickelt worden. Deshalb sind sie kaum auf ökonomisch, sozial oder kulturell benachteiligte Schülerinnen und Schüler ausgerichtet. Obwohl es inzwischen so genannte kulturfaire Intelligenztests gibt – d.h. Verfahren, die von spezifischen kulturellen Einflüssen weitgehend unabhängig sind und Angehörige anderer Gruppen nicht benachteiligen sollen – haben sie bisher nicht zu befriedigenden Ergebnissen geführt. Nach wie vor muss man deshalb davon ausgehen, dass inadäquate Testaufgaben zu Verfälschungen von Testsituationen und Testergebnissen bei Minoritätsgruppen führen.

    Wenn unser System bildungsgerechter werden soll, dann müssten wir nicht bei IQ-Tests ansetzen, sondern anderswo. Das Gymnasium besuchen sollte, wer sich für akademische Lehrinhalte interessiert, das Sitzleder und die Motivation hat, sich solche Inhalte anzueignen und sie zu verinnerlichen und wer in der Lage ist, sich auch jenseits von schriftlichen Prüfungssituationen zu bewähren, d.h. im alltäglichen Umgang mit den schulischen Anforderungen.

    Gerade weil gut situiert aufwachsende Kinder in dieser Hinsicht vom Elternhaus oft stark gefördert werden – was ich an sich gar kein Problem finde – braucht es dringend eine kompensatorische Förderung der Kinder, die nicht in derart privilegierte Familien hineingeboren worden sind. Weil es aus obigen Gründen offensichtlich ist, dass ihr Potenzial nicht einfach durch IQ-Tests entdeckt werden kann, brauchen sie eine spezielle Vorbereitung auf gymnasiale Selektionsprozeduren jenseits der stofflichen Vorbereitung.

    Das bedeutet, dass unser Bildungssystem, anstatt auf IQ-Tests zu setzen, eherkompensatorische Auswahlstrategien einführen sollte. Kompensatorisch nennt man alle Bemühungen, die bewusst auf die Förderung von Kindern zum Ausgleich von familiären, kulturellen und anderen benachteiligenden Defiziten in der Sozialisation ausgerichtet sind. Auswahlprozeduren müssen deshalb ermöglichen, dass Nachteile ausgeglichen werden können. Dies kann erreicht werden, wenn Kinder aus benachteiligten Familien – dazu gehören sowohl solche aus Migrantenfamilien als auch aus Schweizer Familien – vorangehend spezifische Förderung erhalten oder Lernmöglichkeiten zur Verfügung gestellt bekommen, damit sie sich fehlendes Wissen und Können aneignen und ihre Fähigkeiten demonstrieren können.Dies ist gerade für ökonomisch Benachteiligte oder solche mit eingeschränkten Deutschkenntnissen von besonderer Bedeutung. Ein gutes Beispiel ist das Projekt CHAGALL des Instituts Unterstrass.

    Dass die Bildungsdirektion Zürich die Einführung von IQ-Tests bei der Aufnahme in Gymnasien schon vor einiger Zeit verworfen hat, ist nur zu begrüssen. Schön wäre es, wenn sie sich  zusammen mit den Schulen überlegen würde, wie man benachteiligten Schülerinnen und Schülern bessere Zugangschancen ermöglichen könnte. Solche Kinder bilden nämlich die zahlenmässig am stärksten besetzte Gruppe der so genannten «Minderleister», d.h., derjenigen Kinder, die deutlich schlechtere Schulleistungen erbringen als dies ihrem Potential entsprechen würde. Somit müssten wir unsere Wahrnehmungspraxis schärfen und unsere Vorstellungen verändern, wonach Begabung – sprich Zugang zum Gymnasium – ein Vorrecht einer bestimmten Kultur oder sozialen Schicht sei.

     

    Literatur

    *Interview mit Elsbeth Stern im Tagesanzeiger vom 24.10.2014: "In Schweizer Gymnasien sind Kinder, die nicht dorthin gehören". http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/bildung/In-Schweizer-Gymnasien-sind-Kinder-die-dort-nicht-hingehoeren/story/16462778

    **Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2014). Frühkindliche Sozialisation. Biologische, psychologische, linguistische, soziologische und ökonomische Perspektiven. Halle: Leopoldina. http://www.leopoldina.org/de/publikationen/detailansicht/?publication%5Bpublication%5D=593&cHash=38f625e5bf8f4074e27cc87b9905bfe1

    **Stamm, M. (2010). Begabte Minoritäten. Eine Black Box unseres Bildungssystems und wie sie geknackt werden könnte. Zeitschrift für Sozialpädagogik, 4, 339-356.

     

     

     

     

     

     

  • Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 23.10.2019, 4.


    Kennen Sie Ihren Intelligenzquotienten? Oder den Ihrer Kinder? Wenn nicht, sollten Sie dies vielleicht nachholen. Denn nur so können Sie abschätzen, ob Sie oder Ihr Nachwuchs zu den 70 Prozent der Bevölkerung gehören, die in der Nähe des Mittelwertes liegen (100 Punkte), zu den 15 Prozent der überdurchschnittlich Begabten oder sogar zu den zwei Prozent Hochbegabten mit einem IQ von 130 und mehr. Wenn dies zutrifft, sind Sie vielleicht ein bisschen stolz. Manche Eltern tun deshalb einiges für ein hochbegabtes Kind und rennen von einer Abklärung zu nächsten, bis die Diagnose endlich vorliegt. Man sollte ihnen dafür keine Vorwürfe machen, weil sie nach dem Besten für ihr Kind suchen. Doch blenden sie dabei oft andere wichtige Fähigkeiten aus.

  • Unglaublich, aber wahr: Noch vor ein paar Jahren dominierte die Jugendarbeitslosigkeit und die mit ihr verbundenen fehlenden Zukunftsperspektiven unserer Jugendlichen. Heute hat sich die Situation diametral verändert. Der Mangel an Ausbildungsplätzen ist einem Mangel an qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern gewichen: Aus dem Lehrstellenmangel ist ein Lehrlingsmangel geworden. In diesem Zusammenhang wurde bisher wenig diskutiert, dass dadurch auch die betriebliche Nachwuchssicherung und das unternehmerische Wachstum gefährdet sind. Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels dürfte sich diese Situation weiter verschärfen.

    Unbesetzte respektive schwierig zu besetzende Lehrstellen sind somit eine ernst zu nehmende  Problematik. Die aktuelle Situation ist dabei eine sehr spezielle: Neben dem sich immer deutlicher abzeichnenden Fachkräftemangel machen der Berufsbildung vor allem die demografischen Veränderungen zu schaffen. Stimmen die Daten des Bundesamtes für Statistik, dann wird die Anzahl Jugendlicher in diesem Altersspektrum bis zum Jahr 2020 drastisch sinken. Dazu kommt, dass die gymnasiale Ausbildung attraktiver denn je ist, obwohl längst nicht alle, welche eine Aufnahmeprüfung absolvieren, tatsächlich erfolgreich sind. Anzunehmen ist deshalb, dass die Berufsbildung weiterhin für viele Jugendliche lediglich zweite Wahl bleiben wird. Da vor allem die Jugendlichen mit guten Noten ins Gymnasium eintreten, dürften zudem die absoluten Zahlen der leistungsstarken Auszubildenden in der Berufsbildung weiter sinken.

    Aktuell wird sehr viel unternommen, um diese Problematik zu beheben. So will das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) mit der von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt initiierten Kampagne «Berufsbildungplus.ch» vermehrt Talente suchen und fördern. Als bildungspolitische Massnahmen vorgesehen sind zudem die Motivierung junger Frauen für technische Berufe oder die gezielte Nutzung des Potenzials junger Migrantinnen und Migranten. Ferner werden die Berufs(-weltmeister)schaften breit propagiert. Einzelne Verbände sind bereits ausgesprochen aktiv geworden in der Anwerbung potenzieller Auszubildender. Auch viele Betriebe haben begonnen, ihre Rekrutierungsstrategien den schwierigen Bedingungen anzupassen. 2014 soll laut Bundesrat Schneider-Ammann das Jahr der Berufsbildung werden: Vom 17. bis zum 21. September 2014 werden in Bern die ersten nationalen Berufs-Schweizermeisterschaften stattfinden.

    So weit so gut. Die andere Seite der Medaille ist leider die, dass aktuell ca. 10% der 15- bis 24-jährigen Jugendlichen im Dezember 2013 ohne Arbeit waren. 16 500 Jugendliche befanden sich im Übergangssystem. Damit werden alle Angebote bezeichnet, die eine Brücke bauen zwischen obligatorischer Schulzeit und einer Berufslehre resp. einer weiterführenden Schule. Dazu gehören beispielsweise ein Motivationssemester, ein 10. Schuljahr, eine Au-Pair-Stelle oder ein Praktikum etc. Jugendliche, welche sich in diesem Übergangssystem befinden, teilen eine gemeinsame Erfahrung: dass der Übergang Schule-Beruf für sie nicht erwartungsgemäss funktionierte. Die Hintergründe sind jedoch sehr unterschiedlich, so dass sich mindestens vier Gruppen Jugendlicher unterscheiden lassen:

    • Gruppe 1: Zu ihr gehören Jugendliche, welche zwar eine höhere Ausbildung angestrebt hatten, diese jedoch auf dem geraden gymnasialen Weg nicht erreichen konnten.

    • Gruppe 2: Sie umfasst solche Jugendlichen, welche trotz mehr oder weniger intensiver Suche keinen Ausbildungsplatz gefunden hatten.

    • Gruppe 3: Sie bündelt solche Jugendlichen , welche schlecht orientiert waren und deshalb ohne Planung ins Übergangssystem hineinstolperten.

    • Gruppe 4: Sie subsumiert diejenigen Jugendlichen, welche aufgrund ihres «strategischen Wartens» im Übergangssystem landeten, d.h., dass sie lieber eine weitere Schlaufe drehten als eine konkrete Ausbildung wählten.

    Solche Probleme verdeutlichen: Die Schweizer Berufsbildung hat eine Achillesferse. Auf der einen Seite klagen verschiedene Branchen über den Lehrlingsmangel, andererseits dreht jeder zehnte Jugendliche eine Warteschlaufe. Folgt man den Erklärungen vieler Betriebe und Verbände, so hat diese Achillesferse einen konkreten Namen: die «fehlende Ausbildungsreife». Im April 2013 gaben mehr als 30% der befragten Betriebe als Gründe für ihre unbesetzten Lehrstellen einen «Mangel an qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern» an. Hört man sich etwas herum, so lässt sich der Begriff schnell einmal konkretisieren: Neben schlechtem Benehmen oder Unpünktlichkeit klagen viele Lehrbetriebe über fehlendes Grundlagenwissen. Bewerberinnen und Bewerber könnten kaum mehr einen Text ohne Fehler schreiben oder die minimalsten mathematischen Grundoperationen beherrschen.

    Solche Klagen wirken neu, sind es aber nicht. Wir kennen sie seit mindestens zwanzig Jahren (und wir kennen sie auch an Gymnasien und Universitäten!). Manchmal sind es einfach Schutzbehauptungen, weil sich Betriebe nicht verändern oder keine Ausbildungsplätze mehr anbieten wollen. Die Klagen sind jedoch so intensiv, dass sich die Bildungspolitik damit auseinandersetzen muss. Nur, was ist zu tun? Einfach mehr Drill von der obligatorischen Schule verlangen, damit sie diese Mängel behebt und garantiert, dass alle Schüler über solche «Mindestkompetenzen» verfügen? Wir alle wissen, dass dies angesichts der heutigen heterogenen Schülerklientel und unter den gegebenen finanziellen Bedingungen kaum im geforderten Tempo möglich sein wird. Sollen somit die Betriebe ihre Anforderungen nach Ausbildungsreife strikt durchsetzen und deshalb Ausbildungsplätze aufgrund fehlender Qualifikationen der Bewerberinnen und Bewerber streichen? Dies wiederum wäre für die Nachwuchs- und Fachkräftesicherung unseres Landes fatal. Schon letztes Jahr verzeichnete der Verband für Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie Swissmem für seine Branche einen Rückgang der Neuanstellungen von Lehrlingen um 8%.

    Meines Erachtens ist die hier beschriebene Achillesferse der Berufsbildung nicht lediglich ein Problem der fehlenden Ausbildungsreife. Mit Sicherheit gibt es auch Gründe, die bei den Betrieben selbst liegen. Darauf verweist unsere empirische Untersuchung zum Lehrlingsmangel, die wir im letzten Sommer veröffentlicht haben*. In dieser Untersuchung haben wir «erfolgreiche Lehrbetriebe» (definiert als Betriebe, welche alle Lehrstellen besetzen konnten) mit «nicht erfolgreichen Betrieben» verglichen (definiert als Betriebe mit unbesetzten Lehrstellen). Im Ergebnis zeigte sich, dass sich diese beiden Gruppen in ihren Rekrutierungs- und Selektionsstrategien deutlich voneinander unterschieden. Betriebe haben folgedessen einen relativen grossen Einfluss darauf, ob sie geeignete Kandidatinnen und Kandidaten finden oder nicht. Betriebe sind nicht nur Opfer der aktuellen Situation.

    Was zeichnet somit erfolgreiche Lehrbetriebe aus? Und was könn(t)en weniger erfolgreiche Betriebe von ihnen lernen? Acht Faktoren sind ausschlaggebend. Erfolgreich Betriebe

    1. werben systematisch und kontinuierlich um gute Auszubildende und schreiben solche auch direkt an;

    2. arbeiten regelmässig mit Schulen und Bildungsträgern zusammen und machen auf ihr Unternehmen aufmerksam;

    3. bemühen sich systematisch darum, Eltern frühzeitig zu erreichen;

    4. arbeiten direkt mit Berufsberatungen zusammen;

    5. bauen bedeutungsvolle Gesten in ihre Strategien ein (Präsenz an Betriebes- und Ausstellungsmessen etc.);

    6. setzen Anreize ein, welche Jugendliche an sie binden. Deshalb sind sie nicht konsumorientiert (wie Fahrstunden, SMS-Minuten etc.), sondern setzen auf Kompetenzerweiterung und Karrieremöglichkeiten wie interessante Weiterbildungen oder einen Einsatz in einer Auslandfiliale;

    7. berücksichtigen Bewerbungen von Jugendlichen aller Schulniveaus;

    8. gewichten Multi-/Basis-Checks und schriftliche Bewerbungsunterlagen, Schulnoten und Absenzen geringer, Persönlichkeitsmerkmale wie Leistungsbereitschaft, Höflichkeit, Fleiss, Pünktlichkeit etc. jedoch höher.

    Betriebe sollten generell viel stärker zwischen Leistung (Schulnoten) und Potenzial unterscheiden und Fähigkeiten jenseits des schulischen Wissens in ihren Rekrutierungsstrategien berücksichtigen. Die einseitigen Klagen über die «fehlende Ausbildungsreife» sind wenig innovativ und bilden nur die die eine Seite der Medaille ab. Denn wer zu sehr auf schulische Kompetenzmerkmale setzt, schränkt den Kreis potenziell guter Bewerberinnen und Bewerber stark ein und nutzt das Potenzial in keiner Art und Weise. Gerade weil heute der Ansturm aufs Gymnasium so gross ist, sind es zunehmend die Schülerinnen und Schüler mit weniger gute Schulnoten und mit weniger geradlinigen Schullaufbahnen, die der Berufsbildung zur Verfügung stehen werden. Diese jedoch sind nicht minder geeignet, die zukünftigen Talente der Schweizer Berufsbildung zu werden. Der Blick auf sie muss sich allerdings zwingend verändern.

     

    Literatur

    *Stamm, M. (2013). Dossier Lehrlingsmangel. Strategien zur Rekrutierung des Nachwuchses.(http://www.margritstamm.ch/component/docman/cat_view/4-dossiers.html?Itemid=)

  • erschienen in: Aargauer Zeitung, Die Nordwestschweiz, 11.08.2014

    Es ist eigenartig: Die Schweizer Berufsbildung geniesst einen ausgesprochen guten Ruf, doch gehen ihr langsam die Lehrlinge aus. Noch 2007 hätte man sich nicht vorstellen können, dass viele Betriebe sieben Jahre später in bestimmten Berufen händeringend junge Menschen für eine Berufsausbildung suchen. Die Forderung des Gewerbes nach einem Umdenken in der Bildungspolitik ist deshalb nur zu unterstützen. Zwar tun Bund und Kantone mitgezielten Kampagnen ausgesprochen viel. Auch viele Betriebe haben entdeckt, dass sie sich stärker um potenzielle Auszubildende bemühen müssen. Der Erfolg ist trotzdem bescheiden geblieben.

    Der Hauptgrund dürfte darin liegen, dass die Eltern als diewichtigste Orientierungsinstanz bei der Berufswahl des Nachwuchses ausgeblendet wurden.Väter, vor allem aber die Mütter, haben nicht nur einen grossen emotionalen Einfluss, sondern sind auch die wichtigsten Bezugspersonen ihrer Söhne und Töchter. Die Gleichaltrigen sind in diesem Prozess weniger wichtig. Deshalb halten Elterndas Zepter fest in der Hand und nehmendas, was die Schulen«Berufsorientierung» bezeichnen, oft gar nicht als Prozess wahr, sondern lediglich als Umsetzung ihrer eigenen Vorstellungen. Der Sohn oder die Tochter soll den Beruf wählen, den sie selbst als der angemessenste erachten.

    Wo liegt das Problem?Vor allem darin, dass die Kantonsschule, also derakademische Bildungsweg, eine grosse Anziehungskraft hat und viele Eltern glauben, er sei der einzig Richtige und Sichere. Die Berufslehre ist für sie eher eine Sackgassenausbildung. Nur, wer sollte ihnen dies verübeln, wenn die ganze Welt vonExzellenz spricht, von der Vorschule («Exzellenzkrippen») bis zur Hochschule («Exzellenzuniversitäten»)? Eigentlich ist es mehr als verständlich, wenn viele Eltern dadurch zunehmend beunruhigt sind,ihre Sprösslinge könnten im Wettbewerb um eine gute Ausbildung nicht bestehen.Konkurrenzfähigkeit ist deshalb zum unausgesprochenen Erziehungsziel geworden.

    Die Medaille hat wie immer eine Kehrseite.Väter und Mütter entwickeln zunehmend unrealistische Vorstellungen von den Fähigkeiten ihres Kindes. Akademikereltern überschätzen sie häufig, während Eltern aus einfachen Sozialschichten sie oft unterschätzen. Dies ist ein wesentlicher Grund dafür, dassdie Berufsbildung vor allem von Jugendlichen aus nicht akademischen Elternhäusern in Anspruch genommen wird. Zwar darf man Kantonsschule und Berufslehre nicht gegeneinander ausspielen. Doch ist dieser Zustand mit Sicherheit nicht zukunftsträchtig. Denn in erster Linie sollten Neigungen und Fähigkeiten den Ausschlag zur Berufs- und Bildungswahl geben und nicht die Präferenz der Eltern. Wenn dem so wäre, dann wären mehr Talente in der Berufsbildung vertreten.

    Nur, wer weiss denn schon, dass Berufslehre und Berufsmaturität den Weg an eine Fachhochschule erlauben und mittels einer Passerelle sogar ein Universitätsstudium möglich ist?Zu viele Eltern (und oft auf Lehrkräfte) kennendie einmalige Durchlässigkeit unseres Bildungssystems gar nicht. Diese Informationslücke ist in allen Sozialschichten festzustellen, insbesondere auch in ausländischen Familien.

    Es ist klar: Die Diskussion um die schwindende Attraktivität der Berufsbildung, der«Kampf um die Talente», hat sich bisher zu einseitig auf Schulen, Betriebe und Verbände konzentriert. Die Familie ist vergessen gegangen.Wenn dieBerufsbildung als gleichwertige Alternative zum akademischen Bildungsweg wahrgenommen und von den Eltern und ihrem Nachwuchs tatsächlich auch gewählt werden soll, dannmüssen sie zum zentralen Element in der aktuellen Diskussion um den Lehrlingsmangel werden.Deshalb gilt es, Strategien zu entwickeln. Anzusetzen ist auf mindestens zwei Ebenen.

    Es braucht eine umfassende Aufklärungsarbeit. Zwarfehlt es nicht an Information und Ratgebern zur Berufswahl, wohl jedoch an solchen relevanter Art. Sie thematisieren zu wenig die Vor- und auch Nachteile der verschiedenen Bildungswege sowie die Fähigkeiten und Talente, über welche der Nachwuchs im Hinblick auf Kantonsschule und berufslehre verfügen müsste. Oft wissen Eltern zudem kaum, wie sie vorhandene Berufsinformation auswählen und gewichten sollen. Zudem kommen sie viel zu spät damit in Kontakt. Die Forschung zeigt nämlich, dass Eltern ihreBildungsentscheidungen sehr früh, meist bereits im Primarschulalter, fällen. Deshalb muss Informationsmaterial viel früher als dies bisher der Fall gewesen ist, zur Verfügung stehen. Will die Berufsbildung ihre Attraktivität steigern, tut sie somit gut daran, sich verstärkt auf die Eltern als heimliche Meinungsmacher zu konzentrieren.

  • Im Kanton Zürich hat ein Sechstklässler im letzten Frühling die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium nicht bestanden, weil sein Aufsatz nur mit einer 2 benotet worden war. Die Eltern rekurrierten, zuerst bei der Bildungsdirektion, dann beim Verwaltungsgericht. Dieses hat nun entschieden, dass der Aufsatz neu beurteilt werden muss*.

    Dies ist noch keine bemerkenswerte Geschichte. Bemerkenswert ist jedoch, dass Rekurse in allen Kantonen zunehmen und auch vor der Universität nicht Halt machen. Erstaunlicherweise sind es auch hier noch die Eltern und nicht die Studierenden selbst, welche die Rekurse in die Wege leiten und sie verantworten.

    Warum engagieren sich Eltern derart für ihre Kinder, auch wenn sie schon erwachsen sind? Warum ist nur das Gymnasium gut genug, und weshalb wird eine nicht bestandene Prüfung zur Katastrophe? Unser Bildungssystem ist ja enorm durchlässig, so dass auch «Spätzündern» viele Optionen von der Berufslehre bis an die Universität offen sind und Eltern folgedessen  entspannter sein könnten.

    Viel zu einseitig ist die oft gehörte Erklärung, Väter und Mütter seien zu ehrgeizig, sie wollten aus ihrem Nachwuchs perfekte Kinder machen und sich dann mit ihrem Erfolg brüsten. Zutreffender ist, dass gesellschaftlich bedingte Hintergründe Eltern in ihren Bildungsambitionen stark beeinflussen. Neoliberalistische Strömungen haben in den letzten beiden Jahrzehnten nicht nur die Wettbewerbsorientierung stark gefördert, sondern auch die individuelle Eigenverantwortung für Berufserfolg und Familienglück. Für Väter und Mütter heisst dies, dass sie nicht nur für ihr persönliches Wohlergehen selbst verantwortlich sind, sondern auch für das ihrer Kinder. Ist der Nachwuchs erfolgreich, ist das ihr Verdienst, gerät er nicht nach Wunsch, sind sie ebenfalls Schuld, weil sie «aus ihren Kindern zu wenig gemacht haben». Und gemeint sind meistens die Mütter.

    Frauen fühlen sich heute mehr denn je für die Erziehung und Förderung ihrer Kinder zuständig (und oft auch allein verantwortlich), auch dann, wenn sie zu einem grossen Teil berufstätig sind. Sie tun deshalb sehr viel, um ihre Kinder von den gesellschaftlichen Unsicherheiten zu schützen und ihnen eine optimale Schullaufbahn zu ermöglichen. Solche Anstrengungen nennt die Forschung «Statusabsicherung». Dazu gehören viele Aktivitäten, von denen drei besonders verbreitet sind: die schulische, die talentbezogene und die emotionale Statusabsicherung.

    • (Vor-)Schulische Statusabsicherung**: Sie beginnt schon sehr früh, mit der Wahl der Kita, der Spielgruppe oder des Förderkurses. Vor allem die Mütter machen sich viele Gedanken zur Entwicklung des Kindes oder zur besten Förderung. Aber sie forschen auch bei Freunden, Nachbarn und Verwandten nach, was diese genau tun und wie. Im Schulalter gehören dann auch Analysen dazu, ob das Kind die richtige Lehrperson hat, den richtigen (aber nicht zu anspruchsvollen) Schulstoff vermittelt bekommt, ob die Hausaufgaben verständlich sind, die Schulkameraden angemessen sind und das Kind in der Schule richtig behandelt wird.
    • Talentförderung als Statusabsicherung: Weil es immer mehr Bücher zu Themen wie «Jedes Kind ist hochbegabt» gibt oder zu «Erkennen Sie, was in Ihrem Kind steckt», wird es für Eltern fast zwingend, auch beim eigenen Kind Talente zu suchen und zu fördern. Dies tun sie mittels ausser- und innerfamiliären Aktivitäten, Förderkursen oder auch Feriencamps etc. Wie Eltern dies tun, ist aber sehr unterschiedlich. An einem extremen Pol sind die «Tigermütter»***, welche aus ihren Kindern Wunderkinder machen möchten. Vor allem in der musischen oder sportlichen Talentförderung sieht man auch viele «Goldmedaillen-Eltern»****, welche vom Nachwuchs erwarten, dass er unter Druck Höchstleistungen erbringt. Auf der anderen Seite gibt es Väter und Mütter, welche der wettbewerbsorientierten Form von Talentförderung widerstehen. Dies ist aber nicht einfach, weil sie oft mit Vorwürfen eingedeckt werden, sie würden den «Kindern etwas vorenthalten» und ihr Talent vergeuden.
    • Emotionale Statusabsicherung: Ebenso grosse Anstrengungen unternehmen viele Eltern, damit ihr Kind glücklich und sein Wohlbefinden sichergestellt ist. Vor allem Mütter sind bemüht, seine Bedürfnisse über die eigenen zu stellen, immer zu wissen, wie es ihm geht und es auf keinen Fall leiden zu sehen. Deshalb klammern sie möglichst alle Unannehmlichkeiten aus und halten jegliche Unbill des Alltagslebens von ihm fern. Oft sagen Mütter sogar, ihr erstes und einziges Ziel sei, dass ihr Kind «glücklich sei». Leider ist diese Art von Glück ein schwer fassbares und kaum einzulösendes Ziel.

    Diese drei Formen von Statusabsicherung ist für Kinder ohne Zweifel von einem gewissen Nutzen, weil sie vor dem Misserfolg bewahrt werden, den Weg ins Gymnasium nicht zu schaffen und sie auch ihre Talente entfalten können. Darüber hinaus wachsen sie in einem sehr behüteten und emotional ausgesprochen liebevollen Umfeld auf. Damit können aber auch viele psychische Konsequenzen verbunden sein. Beispielsweise im Sport, wenn Kinder immer siegen sollten, jedoch lediglich normale Leistungen zu erbringen im Stande sind. Oder wenn sie zu Bestnoten in Deutsch und Mathematik gepusht werden, dadurch jedoch ihre an sich breiten Interessen in Literatur, Kunst oder Naturwissenschaft verlieren. Schliesslich kann sich auch die mütterliche und väterliche Angst um die Wettbewerbsfähigkeit des Kindes auf es selbst übertragen und Spannungen, Verweigerung oder körperliche Beschwerden zur Folge haben. Wenn zudem vor allem Mütter für ihr Kind alles richten, dann gewöhnt es sich an solche Dienstleistungen und entwickelt den Anspruch, nicht es selbst, sondern die Umgebung sei für sein Glück verantwortlich. Dies wiederum kann zu einem Verhalten gelernter Hilflosigkeit führen.

    Intensive, perfekte Eltern- resp. Mutterschaft hat negative Auswirkungen, nicht nur auf die Frauen selbst, sondern ebenso auf die Kinder. Selbstverständlich ist es keine Frage, dass die Beziehung zwischen Mutter, Vater und Kind enorm wichtig und auch entscheidend ist für ein gesundes Aufwachsen. Doch elterliche Überinvestitionen führen zur Paradoxie, dass das Kind abhängig wird und zu kurz kommt. Es kann nicht selbstständig werden, Herausforderungen nicht alleine meistern und auch keine Frustrationstoleranz lernen.

    Es genügt nicht, Eltern lediglich aufzufordern, weniger in ihren Nachwuchs zu investieren. Notwendig sind andere Denkmuster. Wir brauchen vor allem eine Gesellschaft, welche Eltern weniger schuldig spricht, eine Politik, welche sie in ihrer Arbeit unterstützt – und wir brauchen Männer und Frauen, die sich von der Verpflichtung zu intensiver Elternschaft emanzipieren und versuchen, lediglich hinreichend gute Eltern zu sein. Die Kinder werden es ihnen danken – auch wenn es vielleicht nicht direkt ins Gymnasium reicht. Janusz Korczak hat einmal formuliert «Jedes Kind hat das Recht, das zu sein, was es ist.»

    Literaturhinweise

    *http://www.nzz.ch/zuerich/aktuell/zuercher-verwaltungsgericht-per-rekurs-ans-gymnasium-ld.108732

    **Bude, H. (2011). Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet. München: Hanser.

    ***Chua, A. (2011). Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte.München: Hanser.

    **** Stamm, M. (2016). Lasst die Kinder los! Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. München: Piper.

  • Das Gymnasium ist Schuld, dass der Berufsbildung die guten Lehrlinge fehlen. Diese Aussage hört man immer wieder, wenn es um den Lehrlingsmangel geht. Die Berufsbildung sieht sich als Verliererin. Aber ist das Gymnasium wirklich der Prügelknabe? Eher nicht, denn gute Lehrlinge fehlen der Berufsbildung nicht einfach deshalb, weil sie sich fürs Gymnasium entscheiden. Die Hauptursache liegt in den sinkenden Schülerzahlen, welche die Berufsbildung gegenwärtig besonders spürt. Denn nach wie vor wählen gleich viel oder etwas mehr Jugendliche das Gymnasium oder eine Vollzeitschule, weshalb der Berufsbildung nicht mehr so viele leistungsfähige junge Menschen zur Verfügung stehen.

    Die soziale Herkunft entscheidet den Zugang zur Bildung

    Aber es geht kaum darum, dass zu wenige der leistungsfähigen Jugendlichen eine Berufslehre absolvieren und zu viele das Gymnasium. Das Störende liegt darin, dass nicht Begabung und Interesse über den Zugang zur Bildung entscheiden, sondern die soziale Herkunft. Vereinfacht gesagt besuchen die oberen Schichten das Gymnasium und studieren dann mehrheitlich an der Universität. Die unteren Schichten machen eine Berufslehre und vielleicht noch eine Berufsmaturität. Doch wer aus einer Arbeiterfamilie stammt, geht deutlich seltener nachher an eine Fachhochschule.

    Das ist kein zukunftsträchtiger Zustand. Wenn Neigungen und Fähigkeiten tatsächlich den Ausschlag zur Bildungs- und Berufswahl geben würden, dann wären in der Berufsbildung mehr Jugendliche aus gut situierten Familien vertreten und in den Gymnasien mehr intellektuell begabte Kinder aus Arbeiter- und Migrantenfamilien.

    Die Ursache liegt teilweise bei den Eltern

    Liegt die Ursache des Übels somit bei den Eltern? Man liest in den Medien ja oft, dass die Gutsituierten ihren Ehrgeiz zügeln und ihre Sprösslinge für eine Berufslehre motivieren sollen. Die Sache ist aber komplizierter. Bildung ist heute längst kein öffentliches, sondern ein hart umkämpftes privates Gut. Viele Väter und Mütter der Mittelschicht praktizieren das, was die Bildungspolitik jahrelang von ihnen erwartet hat, nämlich eine bildungsbeflissene Elternschaft. Sie haben ihre Antennen dauernd ausgefahren und bemühen sich darum, dass der Nachwuchs von Anfang an die gleichen oder besseren Chancen hat wie die anderen Kinder. Deshalb grenzen sie sich nach unten ab. Aus Angst, der beste Freund des Kindes könnte aus der Unterschicht kommen und einen schlechten Einfluss haben, ziehen sie in bessere Quartiere, schicken die Kinder in gute Schulen und lesen für sie die «richtigen» Freunde aus. Ansteckungsangst nennt dies derBildungssoziologe Heinz Bude.  

    Kinder verschiedener Schichten sind heute wie durch eine Kontaktsperre voneinander getrennt. Dass sie deshalb andere Welten nicht mehr kennenlernen,liegt aber auch an der Ansteckungangst einfach gestellter Familien. Weil ihnen die akademische Welt meist fremd ist und sie die Bildungsversessenheit der «gut Betuchten» ablehnen, sind sie dem Gymnasium gegenüber oft enorm skeptisch eingestellt. Sie sind überzeugt, dass junge Menschen, die den akademischen Weg wählen, nicht wissen, was arbeiten heisst. Davor wollen sie ihr eigenes Kind bewahren, auch wenn es intellektuell begabt und akademisch interessiert ist. Doch genau solche Kinder gehörten ins Gymnasium und nicht in die Berufsbildung.

    Eine Vision: Chancengerechtigkeit in den Mittelpunkt stellen

    Eine Lösung gibt es kaum, doch eine Vision. Wir sollten aufhören, über zu ehrgeizige oder zu bescheidene Eltern zu diskutieren und stattdessen die Chancengerechtigkeit in den Mittelpunkt stellen. Chancengerechtigkeit zielt darauf ab, dass jeder junge Mensch die gleichen Chancen wie der andere bekommt, seine individuellen Begabungen zu entwickeln. Um diese zu erkennen, braucht es Potenzialanalysen, diesowohl handwerkliche Neigungen als auch akademische Fähigkeiten sichtbar machen. Dann würde auch die unheilige Praxis ein Ende finden, nämlich Mittelschichtskinder mit guten Schulnoten unhinterfragt und ohne Bezug zu ihren Fähigkeiten und Interessen ins Gymnasium zu schicken, Unterschichtskinder jedoch lediglich mit der Begründung in die Berufsbildung, die Eltern könnten ihnen ja doch nicht helfen.

    Dass Gymnasium und Berufsbildung derart gegeneinander ausgespielt werden, ist nicht nur unverständlich, sondern auch unhaltbar. So wird Bildung zum teuflischen Gut und unsere Bildungsvielfalt zur grossen Verliererin.

  • Die Schweiz arbeitet sich hoch in Richtung mehr Maturanden. Nur im Gymnasium, so das Kalkül vieler Eltern, liegt die Zukunft ihrer Kinder. Offenbar ist dabei ist laut Die ZEIT (21.09.2011) und Tages Anzeiger (05.10.2012) so etwas wie ein 'Grenzverkehr' entstanden: Immer mehr Eltern - Deutsche wie Schweizer - würden ihre Kinder in deutsche Gymnasien jenseits der Grenze schicken.

    Das Phänomen des Gymnasiums als einzigem Bildungsziel ist neu, gleichzeitig auch paradox: Noch nie haben Eltern so viel Geld ausgegeben und so viel in Kauf genommen für die Bildung ihrer Kinder. Aber auch noch nie haben sie so grosse Angst gehabt, dass sie es nicht schaffen könnten.

    Hat der neue ETH-Rektor, Lino Guzzella, der kürzlich mit seiner Forderung nach härteren Maturaprüfungen für einiges Aufsehen gesorgt hat, diese Panik noch geschürt? Immerhin dürfte es in Zukunft für Eltern etwas schwieriger werden, den Kindern mit der Matura die besten Plätze auf dem Weg zur akademischen Karriere sichern zu können.

    Nein, das hat er nicht. Denn Eltern werden immer Wege finden, staatlich gelenkte Vorgaben zu unterlaufen, zumindest diejenigen, die an der Bildung ihrer Kinder interessiert sind. Und dies ist heute die überwiegende Mehrheit der Mittelschicht. Für sie ist Bildung längst kein selbstverständliches öffentliches, sondern ein hart umkämpftes privates Gut geworden. Ihre Interessen sind legitim: Die Kinder sollen mindestens den gleichen Status wie sie erreichen oder, besser noch, ihn übertreffen. Wer selbst ein Gymnasium absolviert hat, tut alles dafür, dass dies auch für die eigenen Kinder so bleibt. Und wer zu den Bildungsaufsteigern gehört, die in bessere Positionen gerutscht sind als ihre Eltern, will seine Kinder so unterstützen, dass sie von Anfang an die besseren Chancen als die anderen haben. Heinz Bude nennt dies in seinem lesenswerten Buch «Bildungspanik» auch Ansteckungsangst: Deshalb sucht und verteidigt man Privilegien.

    Dass der Einfluss des Umfeldes entscheidend für die Entwicklung des Kindes ist, wissen die Eltern. Deshalb hat ihre Ansteckungsangst auch etwas Vermeidendes in sich: indem sie Quartiere mit vielen ausländischen Kindern und bildungsfernen Familien verlassen und in solche mit Gleichgestellten und Gleichgesinnten ziehen. Frühförderung ist zur Norm und das Gymnasium zum unhinterfragten Ziel geworden, von Nachhilfestunden und Lernstudios gar nicht zu reden.

    Dies ist eine verfahrene Situation. Denn in der Schweiz haben wir keine Bildungskatastrophe, kaum Jugendarbeitslosigkeit, und wir driften auch nicht nach unten ab. Wenn Eltern ihren ganzen Ehrgeiz aufs Gymnasium setzen, wird Bildung zum teuflischen Gut und unsere Bildungsvielfalt zur grossen Verliererin. Die Berufsbildung verliert an Prestige, obwohl die Lehre mit Berufsmatura nicht nur eine berufliche Ausbildung, sondern auch den Zugang zu den Fachhochschulen sichert.

    Das Problem ist aber nicht nur das, dass sich Eltern viel zu sehr aufs Gymnasium konzentrieren. Ihre Ansteckungsangst trübt auch den Blick auf eine soziologische Tatsache: dass wir in einer Risikogesellschaft leben, in der es immer Verlierer geben wird und zwar deshalb, weil andere pfiffiger, frustrationstoleranter oder durchsetzungsfähiger sind. Zwar ist die Familie für die Prognose des Bildungserfolgs zentral. Aber was die Kinder dann auf dem Markt tatsächlich erreichen und wie sie sich durchsetzen können, bleibt auch in der bildungsambitioniertesten Familie unsicher. Ausbildung ist immer auch ein Einüben in die Anforderungen einer komplexen Gesellschaft. Diese sind bunter und vielfältiger als der Tunnelblick aufs Gymnasium.

  • Aktuell ist die Abschaffung der Gymiprüfungen im Kanton Zürich in aller Leute Munde. Das Hauptargument der Befürworter, die im Kantonsrat eine parlamentarische Initiative eingereicht haben, ist das der verzerrten Zugangschancen und der Benachteiligung von Kindern aus weniger gebildeten und armen Familien. Das Hauptargument der Gegner betrifft die Angst vor Hunderten von zusätzlichen Schülern, welche die Gymnasien gar nicht verkraften könnten.

    Wer hat aus wissenschaftlicher Sicht ‚Recht‘? Zunächst einmal: eher die Befürworter! Für ihre Argumente spricht die Tatsache, dass der Zugang zum Gymnasium, so wie er heute im Kanton Zürich – und in verschiedenen anderen Kantonen – gestaltet ist, erkauft werden kann. Es gibt eine riesige parallelschulische Lernindustrie mit Nachhilfestunden, Lernstudios, Wochenende-Workshops etc. Das alles kostet viel Geld, weshalb Kinder aus weniger begüterten Familien ganz klar benachteiligt sind.

    Zweitens können die Befürworter damit punkten, dass auch aus wissenschaftlicher Sicht zahlreiche Argumente dafür sprechen, dass der Zugang zu den Gymnasien nicht mehr allein auf Noten abgestützt werden sollte. Noten sind in einem hohen Mass unpräzis und allein auf sie aufbauende Aufnahmeverfahren kaum mehr zeitgemäss. Deshalb sollten neue Selektionskriterien gefunden werden, welche auch Entwicklungsmöglichkeiten und Lernverhalten des Kindes unter die Lupe nehmen.

    Die Gegner argumentieren vor allem damit, dass eine Abschaffung der Gymiprüfung zur Folge hätte, dass die Gymnasien Schüler aufnehmen müssten, die nur fraglich für eine akademische Ausbildung prädestiniert wären. Dieses Argument ist falsch, weil es bereits jetzt zutrifft: Ein nicht kleiner Anteil derjenigen, die den Sprung ins Gymnasium über die Aufnahmeprüfung schaffen, ist lediglich besonders fleissig und durch das Elternhaus gefördert, verfügt jedoch nur am Rande über die traditionell für das Gymnasium erforderlichen ‚kognitiv überdurchschnittlichen’ Fähigkeiten. Das zweite Argument der Gegner ist hingegen stichhaltiger: dass die Gymiprüfung im Kanton Zürich ein gerechtes Verfahren sei. Tatsächlich hat die wissenschaftliche Überprüfung durch Urs Moser von der Universität Zürich ergeben, dass es die ‚Richtigen‘ ans Gymnasium schaffen, d.h., wer im Intelligenztest (den Moser et al. durchgeführt haben) gut abschneidet, schafft auch die Prüfung ans Gymnasium.

    Soweit so gut. Was sowohl Befürworter als auch Gegner offenbar nicht bedacht haben, ist die empirische Tatsache, dass sich Chancengerechtigkeit nicht durch die Abschaffung der Gymiprüfung ‚herstellen‘ lässt. Gut belegt ist nämlich, dass Kinder mit Migrationshintergrund und aus benachteiligten Sozialschichten eine vielfach geringere Chance haben, den Sprung ins Gymnasium zu schaffen als Kinder aus privilegierteren Sozialschichten. Somit kommen zwar die ‚Richtigen‘ ins Gymnasium, doch bleiben viele, welche genauso viel oder mehr Potenzial hätten und auch zu den ‚Richtigen‘ zu zählen wären, auf der Strecke – und dies ab Schuleintritt. Bereits hier werden nämlich die Weichen gestellt. Das Hauptproblem ist die Annahme vieler Lehrkräfte, Schüler mit Migrationshintergrund und solche aus sozial schwachen Familien seien sowieso «bildungsfern» und deshalb weniger intelligent als Kinder aus gutsituierten Familien. Deshalb sucht man bei ihnen gar nicht nach versteckten Begabungen und fördert sie auch nicht so, dass diese sichtbar werden könnten.

    Fazit

    Will man mehr Chancengerechtigkeit beim Zugang zum Gymnasium, so ist nicht die Abschaffung der Prüfung der richtige Weg. Vielmehr müsste man benachteiligten Kindern früh schon helfen, die ihnen in den Weg gestellten Hürden zu überwinden. Lehrkräfte müssten lernen, wie man ihre Potenziale erkennt, wie man diese zur Entfaltung bringt und wie man ihre Familien überzeugt, ihr Kind auf das Gymnasium schicken zu wollen. Dies alles bedingt aber vor allem Eines: eine Änderung von Haltungen und Vorurteilen, und eine solche ist nicht mit der Abschaffung der Gymiprüfung zu erreichen.

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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