Jugend

  • erschienen in der Aargauer Zeitung/Nordwestschweiz, 3. August 2015

     

    Wählen gehen, eine rechtsgültige Unterschrift haben, Auto fahren, starke alkoholische Getränke konsumieren: All dies dürfen Jugendliche ab 18 Jahren, weil sie volljährig sind. Nur heisst das nicht, dass sie dann erwachsen sind. Die Pubertät hört bei vielen erst in den Zwanzigern auf. 25 ist heute das neue 18. Junge Erwachsene haben es nicht gerade eilig, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und schieben deshalb das Erwachsen-Werden immer weiter nach hinten.

    Warum ist dem so? Weshalb bleiben immer mehr junge Menschen als Nesthocker bei den Eltern wohnen? Dafür gibt es einige gewichtige Gründe: Immer mehr junge Erwachsene absolvieren längere Ausbildungen, so dass sie von den Eltern finanziell abhängig bleiben. Zudem haben viele von ihnen diffuse Berufs- oder Studienziele, weshalb sie sich möglichst lange alle Optionen offenlassen wollen. Doch gibt es auch andere Gründe, die ebenso ernst zu nehmen sind, und das ist in erster Linie die neue Kultur der Überfürsorglichkeit in der Familie. Kinder wachsen heute bereits ab dem frühesten Kindesalter überbeschützt auf. Noch mit 10, 11 Jahren räumen ihnen die Eltern alle Hindernisse aus dem Weg oder lassen sie nie alleine losziehen. Auch wenn der Nachwuchs bereits 14 oder 15 ist, schweben Mami und Pappi immer noch wie Helikopter über ihnen, um bei jeder kleinsten Schwierigkeit einzugreifen und sie vom wahren Leben abzuschirmen.

    Dahinter steckt eine Tragik: Zwar wollen die allermeisten Eltern nur das Beste für ihren Nachwuchs, und das ist vor allem Schulerfolg. Und sie wollen ihre Kinder glücklich machen. Leider ist das eine falsche Idee. Denn Erfolg und Glück sind abhängig vom Streben, herausfordernde Ziele mit eigener Initiative, Autonomie und der Überwindung von Hindernissen zu erreichen. Mit ihrer Überfürsorglichkeit erreichen Eltern deshalb eher das Gegenteil, nämlich dass sich ihre Söhne und Töchter schwer damit tun, Unabhängigkeit und Selbstvertrauen zu entwickeln. Deshalb werden sie bei den kleinsten Schwierigkeiten aus der Bahn geworfen, wenn sie nicht von den Eltern unterstützt werden. Dass dem so ist, sind sich viele Fachleute einig, welche mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Und auch die Forschung schlägt Alarm, dass die besorgniserregende Zunahme an Depressionen, Ängsten, Panikattacken oder des relativ neuen Rauschtrinkens Wege sind, um das Leben zu bewältigen.

    Nur wäre es falsch, die Eltern allein für diese Situation verantwortlich zu machen. Genauso ist es unsere gesellschaftliche Angstkultur, welche Vätern und Müttern dauernd einredet, wie gefährlich und grausam die Welt sei und wie sehr sie deshalb ihre Sprösslinge beschützen müssten. Die Statistik spricht jedoch eine ganz andere Sprache: Kinder und Jugendliche konnten noch nie so sicher aufwachsen wie heute. Es gibt also gar keinen objektiven Grund, den Nachwuchs länger zu behüten.

    Natürlich kann man sich nicht über Nacht unabhängige Söhne und Töchter schaffen. Kinder werden nicht volljährig und dadurch automatisch unabhängig. Eltern müssen sie schrittweise dazu führen. Indem sie ihrem Kind erstens schon früh ermöglichen, Dinge alleine zu tun, seine Probleme nicht selbst lösen und dabei Vertrauen haben, dass es dies auch kann. Indem sie es zweitens auch negative Erfahrungen und Fehler machen lassen. Dazu gehört das Vertrauen in die Erkenntnis, dass die Welt dadurch nicht untergeht. Und drittens sollten sie ihrem Kind zeigen, dass es in Ordnung ist, sich manchmal auch schlecht zu fühlen. Der Mensch lernt durch Erfahrung und vor allem auch durch schlechte Erfahrung.

    Bis dahin scheint aber noch ein weiter Weg zu sein. Unsere Gesellschaft infantilisiert junge Menschen immer mehr. Jüngstes Beispiel ist das gut gemeinte Angebot «Uni für Eltern» der Universität Basel, das Vätern und Müttern an Elternabenden alle erdenklichen Informationen geben will. Dagegen wäre grundsätzlich kaum etwas einzuwenden. Doch verstärken solche Angebote unbeabsichtigt die Tendenz von Eltern, sich auch noch als Karriere-Coach des bereits erwachsenen Nachwuchses zu verstehen. Hätte dieses Angebot tatsächlich zur Folge, dass sich Studentenkinder auch noch an die Universität begleiten lassen – dann wünschte ich mir eine neue Rebellion der Jugend!

  • Schon lange ist bekannt, dass Kinder mit Migrationshintergrund schlechtere Schulleistungen erbringen als einheimische Kinder und dass diese Unterschiede, vor allem in den sprachlichen und sozialen Kompetenzen, bereits beim Eintritt in den Kindergarten deutlich sichtbar werden. Darauf verweisen viele Studien. Eine Konsequenz aus diesen empirischen Tatsachen war und ist, dass solche Kinder in sprachlich ausgerichteten Gruppen, in Sprachförderprogrammen oder in anderen Massnahmen gezielt gefördert werden. Bund, Kantone und Gemeinden geben hierfür viel Geld aus.

    Diese Strategie ist bisher auf grosse Akzeptanz gestossen und nur von der politisch Rechten dahingehend kritisiert worden, dass (Migranten-)Familien selbst verantwortlich seien für die Integration und schulische Vorbereitung ihrer Kinder und nicht der Staat.

    Jenseits jeglichen politischen Blickwinkels stellt sich jedoch zunehmend die Frage, weshalb es trotz enormer finanzieller Aufwendungen bisher nicht gelungen ist, das Potenzial dieser Kinder so zu fördern, dass sie beim Schuleintritt günstigere Startchancen haben. Eine Ursache sehe ich darin, dass wir immer bei den Kindern und ihren Familien ansetzen und nie bei den Merkmalen unseres Bildungssystems.

    Diese Ursache lässt sich zweifach begründen. Zum einen gibt es in der Bildungsforschung das unbewusste und nicht diskutierte Ritual, Ergebnisse aus wissenschaftlichen Untersuchungen zu wiederholen (man spricht dann von «Replikationsstudien»). Auch in der Forschungsförderung zeigt sich, dass Projekte zu benachteiligten Migranten bevorzugt behandelt werden und dass auch Kantone am meisten Finanzen in wissenschaftliche Begleituntersuchungen dieses Mainstreams stecken. Das Ergebnis solcher Studien ist fast immer das gleiche: Migrantenfamilien vernachlässigen (zu) oft ihre Kinder, fördern sie zu wenig, gehen nicht an Elternabende und interessieren sich nicht ausreichend für unser Bildungssystem. Deshalb gelten ihre Kinder als Bildungsverlierer. Zum zweiten werden solche Ergebnisse von den Medien oft hochstilisiert. Migrantenkinder werden zu einer Risikogruppe, über die bei jeder Gelegenheit ausführlich berichtet wird.

    Meines Erachtens ist es vollkommen falsch, immer nur über das Versagen der Migrantenkinder und ihrer Familien zu sprechen, nie jedoch über das Versagen unseres Bildungssystems. Dass auch mehr als zehn Jahre nach PISA die Herkunft immer noch den Schulerfolg bestimmt, ist ein Skandal. Und zwar einer, der nicht lediglich mit einem Sprachförderprogramm für Spielgruppen behoben werden kann. Alle sprechen zwar inzwischen vom «Potenzial der Migranten» und davon, wie es genutzt werden soll, gerade auch im Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel. Aber was bringt es, wenn unser Blick nach wie vor auf die individuellen Defizite der Kinder und ihrer Familien gerichtet ist? Wenn wir uns weiterhin davor hüten, über die Leistungsfähigkeit unseres Bildungssystems im Hinblick auf Integration und Chancengerechtigkeit zu reden? Mit Sicherheit wird uns dieser Scheuklappenblick nicht weiter bringen.

    Deshalb sollten wir den Blick konsequent vom Misserfolg der Familien, ihre Kinder zu fördern, weglenken auf die Barrieren unseres Bildungssystems und uns fragen, weshalb sie von solchen Kindern und ihren Familien nicht überwunden werden können. Setzen wir auf diese Barrieren, müssen wir uns jedoch mit der institutionellen Diskriminierung und ihren Folgen auseinandersetzen. Die institutionelle Diskriminierung geht davon aus, dass organisationale Strukturen oder institutionelle Regelungen des Bildungssystems zu Benachteiligungen von bestimmten Gruppen führen. Die bekanntesten diskriminierenden Mechanismen werden beispielsweise in der massiven Häufung von Kindern mit Migrationshintergrund in Realschulen, Einschulungsklassen oder in den Warteschlaufen beim Eintritt in die Berufsbildung sichtbar, welche solche Jugendlichen viel häufiger als Einheimische drehen müssen.

    Die erste Adressatin des Blicks auf die institutionelle Diskriminierung ist deshalb nicht die pädagogische Praxis, sondern die Bildungspolitik. Sie müsste federführend werden, damit wir endlich die Struktur des Bildungssystems verändern und – vor allem die Rolle und Bedeutung der Migranten neu bestimmen.

  • Im Sommer haben wir auf einer Bergtour im Wallis in einer SAC-Hütte übernachtet. Wie üblich musste man sich auch dort die Getränke selbst am Buffet holen. Held des Tages war dabei der vielleicht zwölfjährige Knabe, dessen Sommerjob es war, am Abend vor und nach dem Nachtessen alle Bestellungen der Gäste entgegenzunehmen und die Kosten abzurechnen.

    Es war vor allem deshalb eine Meisterleistung, weil er nicht nur die Bestellungen der Gäste aus Frankreich, England, Deutschland und den Niederlanden aufnahm, sondern jeweils auch alle Beträge feinsäuberlich schriftlich addierte und sich dabei nicht aus der Ruhe bringen liess. Wahrscheinlich habe nicht nur ich mich dabei gefragt, ob er wohl in der Schule ein guter Schüler ist, wenn er doch in der Praxis so viel üben kann.

    Aber darum geht es mir heute gar nicht, sondern vielmehr um das, was dieser Zwölfjährige eigentlich macht: «Kinderarbeit». Dieser Begriff riecht zwar stark nach Entwicklungsländern, ist in dieser Konnotation aber natürlich falsch. Und doch lohnt es sich, einmal einen Blick auf dieses Phänomen zu werfen. In der Schweiz gibt es zwar kein absolutes Verbot von Kinderarbeit und für Kinder unter 15 Jahren sind viele Ausnahmen möglich. Diese Regelungen sind aber komplex und weitgehend unbekannt.

    Unter 13jährige dürften beispielsweise maximal neun Stunden pro Woche arbeiten, Ältere etwas länger – wenn Ferien sind. Dass sich viele Kinder in einer Grauzone bewegen, zeigt sich, wenn man die vielen Untersuchungen zum Freizeitverhalten Jugendlicher studiert: Ein Grossteil würde wahrscheinlich solche Normen deutlich überschreiten.

    Kinderarbeit ist in der Schweiz weit verbreitet. In einer unserer Studien haben im Jahr 2009 80% der befragten 13jährigen angegeben, gelegentlich oder regelmässig zu jobben, und dies mit Einwilligung und Unterstützung der Eltern. Dieses Phänomen ist zwar alt. Die meisten von uns haben sicher mehrheitlich warme Erinnerungen an das erste verdiente Geld. Neu daran ist jedoch, dass fast alle Kinder heute jobben, um sich materielle Dinge zu leisten, die ihnen die Eltern nicht bieten können. Viele brauchen auch das Geld ausschliesslich für die Parties am Wochenende.

    Sind die heutigen Kids somit zu materialistisch und gar zu geschäftstüchtig, weil sie in der Art und Weise, wie man Kohle scheffeln kann, immer raffinierter werden? Oder hat ein solches Jobben auch einen pädagogischen Wert, weil sich Kinder Ziele setzen, die Zeit einteilen und sich für etwas Bestimmtes längere Zeit anstrengen müssen? Die Meinungen hierzu sind sehr gespalten.

    So fragen sich die einen, ob Kinderarbeit nicht immer mehr zu einem Vollzugsdefizit des Kinder- und Jugendarbeitsschutzes würde, wie dies beispielsweise in der FAZ im letzten Sommer moniert wurde. Auch die Interpellation in der Berner Kantonsregierung verweist in eine ähnliche Richtung. Als nach dem letzten Gurnigelrennen Schüler zum Putzen der Rennstrecke eingesetzt worden waren, hatte sich eine Votantin gefragt, ob es sich dabei nicht um Kinderarbeit handle.

    Andere wiederum relativieren und unterstreichen, dass Kinderarbeit eine legitime Aktivität sei, die erst noch erlaube, ausserschulische Kompetenzen und damit praktische Intelligenz zu erwerben. Die Dritten – häufig Lehrkräfte – finden oft, dass beides zusammen – Jobben und Lernen – nicht gehe und der Schule schade. Empirisch hat sich dies in unserer Studie nicht bestätigt. Es waren eher die Besten, welche auch am häufigsten arbeiteten.

    Wie viele Millionen jährlich in der Schweiz in Kinderarbeit fliessen, wissen wir nicht, es dürften jedoch mit Sicherheit einige sein. Angesichts der aktuellen Diskussion um die Kinderrechte in der Schweiz und die geplante Inkraftsetzung des neuen Kinder- und Jugendförderungsgesetz KJFG auf den 1. Januar 2013 wäre eine Diskussion dessen, was Kinderarbeit ist und welchen Zielen und Zwecken sie (nicht) dienen soll, zumindest von Interesse:

    Ist Kinderarbeit ein soziales Recht oder eher eine Ausbeutung unseres Nachwuchses? Sollten Rechte an die Stelle von Verboten treten oder umgekehrt? 

  • Die aktuelle Diskussion zur Zuwanderung in der Schweiz macht nicht nur deutlich, wie hoch die Wellen schlagen, sondern auch, wie das Thema «Migration und (mangelnde) Integration» diskutiert wird. Es ist eine Debatte entstanden, die Integration vorwiegend als harte Zwangsveranstaltung begreift und mit Sanktionsdrohungen durchgesetzt werden soll.

    Das ist eine problematische Entwicklung, aus mindestens zwei Gründen: Erstens, weil damit eine Projektion von Feindbildern entsteht und zu einem Paradigma zu werden droht, das sich in den Köpfen festsetzt und all die vielen Bemühungen um eine innovative und partnerschaftliche Schweizer Migrationspolitik gefährdet. Verstärkt wird dies zweitens durch den Umstand, dass auch der Blick auf bereits in der Schweiz lebende Migranten ein fast durchgängig negativer ist. Sie und ihre Familien werden in der Öffentlichkeit vor allem als Träger von Defiziten stigmatisiert. Kriminalität, Fundamentalismus, Zwangsehen, Sprachprobleme oder mangelnde schulische Unterstützung sind nur ein paar Stichworte einer langen Liste ihres Ungenügens, die unser Bild des kostenverursachenden Ausländers nähren und zur Kritik an der gescheiterten Integration und zur Forderung nach einer Beschränkung der Zuwanderung beitragen.

    Weshalb spricht man in der Schweiz eigentlich immer von ‚den Migranten‘, den ‚Zuwanderern‘? Wo bleibt – mit Ausnahme auf die hoch qualifizierten Fachkräfte rsp. die Expats – der Blick auf die Ressourcen von Migranten, auf ihre Potenziale? Wo bleiben selbstkritische Fragen, inwiefern wir in unseren Schulen, Ausbildungsinstitutionen und Betrieben Migrantenkinder und -jugendliche so fördern und ausbilden, dass sie ihre Potenziale tatsächlich entfalten können? Ich bin überzeugt: Sie bilden die Bevölkerungsgruppe mit den wohl am häufigsten nicht entdeckten Begabungsreserven. Unsere Längsschnittstudie MIRAGE («Migranten als gesellschaftliche Aufsteiger») liefert die Hintergründe hierzu.

    Medien spielen eine entscheidende Rolle, ob und wie Migranten zu ‚Fremden‘ gemacht werden und welches (Zerr-)Bild der ‚multikulturellen Schweiz‘ vermittelt wird. Medien wählen aus, akzentuieren und vernachlässigen. Selbstverständlich gibt es – ebenso wenig wie die Migranten – die Medien. Weder inhaltlich noch stilistisch sind sie miteinander vergleichbar. Das gilt für Tageszeitungen, für Boulevardmagazine oder Nachrichtenmagazine, TV und Radio. Dies beschreiben Christoph Butterwegge und Gudrun Hentgens in ihrem lesenswerten Buch «Massenmedien, Migration und Integration». Aber auch MedienmacherInnen selbst vertreten voneinander abweichende migrationspolitische Überzeugungen. Dies wirkt sich mit Sicherheit auf ihre Berichterstattung aus.

    Meine Wahrnehmung ist die, dass die aktuelle Berichterstattung zur Zuwanderungs- und Migrationsfrage in der Schweiz den Trend zur Polarisierung fördert und forciert. Positiv dargestellt wird vor allem die Zuwanderungselite, während ‚normale‘ und ‚sozial benachteiligte‘ Migranten in erster Linie die Hauptdarsteller sind, wenn es um schulische Problemdiskussionen geht. Man verfolge nur einmal, wie über Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund berichtet wird, die Bildungslücken aufweisen und deren Familien selbstverständlich einen Grossteil der Schuld am Versagen ihrer Kinder zugeschoben wird. Welche Rolle unsere Integrationspolitik dabei spielt, wird kaum je selbstkritisch reflektiert.

    Die modernen Medien haben eine gesellschaftliche Integrationsfunktion. Medienfachleute prägen unser migrationspolitisches Klima entscheidend. Meines Erachtens sollten sie ein umfassenderes Bild von Migranten zeichnen. Dazu gehört vor allem auch der positive Blick auf das, was diese können, leisten und für unsere Gesellschaft tun. Statt über Migranten sollten Medien viel häufiger mit Migranten sprechen. Sie sind in der Lage, ein genaueres Bild der «Ausländerwirklichkeit» bei uns zu zeichnen und das verbreitete Vorurteil, Migranten seien grösstenteils «Asoziale» oder «Wohlfahrtsmigranten» abzubauen. Wenn wir zudem bedenken, dass die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen heute ganz entscheidend über die Medien erfolgt, kann die verantwortliche Bedeutung der Medienberichterstattung nicht überschätzt werden. Welche Klischees, Feindbilder und Stereotype unserem Nachwuchs vorgesetzt werden oder eben nicht (mehr), entscheidet, ob und wie Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund überhaupt integrierter Teil unserer Gesellschaft werden können.

     

    Quelle: Contrast – Weekblad over de mulitculturele samenleving, 28.02.2002, siehe auch Butterwegge & Hentgens, S. 254).

  • Viele haben sich in den Medien schon geäussert zum Strassenfest «Tanz dich frei» in Bern vom Samstag, den 2. Juni 2012. Viele haben auch Bilanz gezogen. Während sich die Befürworterseite zufrieden gegeben hat, kritisierten Gegner neben der Durchführungsart – das Fest war unbewilligt gewesen – vor allem die Folgen der Abfallberge oder der Sprayereien. Daneben sind ein paar grundsätzliche Fragen aufgeworfen worden, etwa, wie man mit den Forderungen der Jugend nach mehr Freiraum umgehen sollte. Bilanzierend hält die Mehrheit fest, dass es sich hoffentlich um eine einmalige Sache handle, man aber auf dieses Zeichen jetzt reagieren sollte.

    Insgesamt hat sich gezeigt, dass die ältere Generation «Tanz dich frei»-Aktionen eher ablehnt. Befürchtet wird denn auch, die Idee könnte zum Anfang neuer Jugendunruhen werden. Vielleicht war deshalb auffallend häufig die Rede davon, dass es sich um ein déja-vu handle, im Sinne von: «Das haben wir, als wir jung waren, auch so gemacht.» Dies scheint mir allerdings zu einfach gedacht, denn die Gründe, die hinter solchen Aktionen stecken, sind sehr oft unklar, für uns Ältere sowieso. Die Welt ist zu komplex, als dass wir erklären könnten, was denn genau für die Jugendlichen unerträglich ist. Meines Erachtens ist in der ganzen Diskussion bisher wenig herausgekommen.

    Für mich ist «Tanz dich frei» eine wichtige Angelegenheit. Aber ausschliesslich in Bezug auf die Idee, nicht in Bezug auf die rechtlichen Bedingungen und die finanziellen Folgen. Denn «Tanz dich frei» zeigt, dass sich die Jugend noch empören kann. Unsere Demokratie lebt davon. In diesem Sinn ist Empörung kostbar. Erst, wenn man sich empört, wird man aktiv und engagiert. ‚Ohne-Mich‘-Typen sind das Schlimmste, was unserer Gesellschaft widerfahren kann, die Fähigkeit zur Empörung ist jedoch konstitutiv für unsere Demokratie.

    Nur, wofür lohnt sich Empörung? Tatsächlich für «Tanz dich frei»? Gibt es nicht viele andere Themen, für die sich Empörung lohnen würde? Beispielsweise für junge Migrantinnen und Migranten, die wegen ihrem Namen oder ihrem Pass nach wie vor gegenüber den Schweizer Jugendlichen enorm benachteiligt sind? Für ältere Menschen, d.h. für 50+, die immer mehr Schwierigkeiten haben, eine ihnen angemessene berufliche Tätigkeit zu behalten oder zu finden? Oder ganz allgemein für mehr Bildung und weniger Kampfjets? Man könnte auch ins kriselnde Ausland schauen und sich darüber empören, dass junge Griechen oder Spanier, als verlorene Generation bezeichnet, verzweifelt um eine Ausbildung und einen Verdienst kämpfen.

    «Tanz dich frei» -Sympathisanten und -Anhängern, aber auch -Gegnern, sei empfohlen, das kleine Büchlein von Stéphane Hessel «Empört Euch!» zu lesen. Es ist zwar kein Meisterwerk für eine dichte Argumentation, wohl aber für gelingende Bekenntnisse. Und es ist ein Werk, das berührt. Hessel ist 93 Jahre alt, und er ist immer noch beseelt von unverwüstlichem Zutrauen in die Möglichkeiten der Entwicklung von Empörung. In seiner hoffnungsvollen Botschaft liegen vielleicht auch Ideen für «Tanz dich frei».

    Im Büchlein von Stéphane Hessel steht dieser Angelus Novus von Paul Klee (1920) als Einleitung. Auf ihn hat sich Walter Benjamin (1940) bezogen, als er diesen Engel in Abwehrhaltung gegenüber einem Sturm diskutierte und den Sturm selbst als gesellschaftlichen Fortschritt bezeichnete.

  • Ist es nicht sonderbar? Zur Zeit verzeichnet die Schweiz einen markanten Lehrlingsmangel. Trotzdem sind laut dem Bundesamt für Statistik 10.6% der jungen Menschen ohne Arbeit resp. ohne Ausbildungsplatz. Daraus lässt sich der Schluss ziehen: Unser System produziert einerseits zu wenig potenzielle Auszubildende, andererseits immer noch zu viele Bildungsverlierer. Und zu ihnen gehören vor allem Realschüler. Warum ist das so?

    Schon lange wissen wir: Realschüler haben einen eher eingeschränkten Zugang zum Ausbildungsmarkt. Sie sind diejenigen, die am häufigsten im Übergangssystem vertreten sind: Überdurchschnittlich oft absolvieren sie ein zehntes Schuljahr, ein Motivationssemester oder ein anderes Brückenangebot. Dazu kommt, dass ihre Aussichten auf einen beruflichen Ausbildungsplatz auf ein begrenztes und häufig als wenig attraktiv erachtetes Berufsspektrum bezogen sind. Es sind also keineswegs nur die jungen Frauen – wie dies bisher immer betont worden ist – welche gegenüber den jungen Männern benachteiligende Bedingungen beim Berufseinstieg vorfinden, sondern ebenso sehr die Gruppe der Realschüler, welche am unteren Ende der Skala platziert ist. Wilfried Schneider hat sie einmal die «Kellerkinder» unserer Gesellschaft genannt.

    Sind Realschüler tatsächlich dümmer als Sekundarschüler oder als solche, welche ins Gymnasium wechseln wollen? Oder liegt es vielleicht daran – wie man dies in letzter Zeit sehr oft hört und liest – dass die Anforderungen in der beruflichen Grundbildung eben gestiegen und Realschüler darüber hinaus oft nicht ‚ausbildungsreif‘ seien?

    Hierzu liegen nur sehr wenige, aber interessante Forschungsergebnisse vor. So zeigt beispielsweise Paula Protz in ihrer Dissertation auf, dass weder die erhöhten Anforderungen ursächlich dafür verantwortlich sind, wenn Realschüler keine Lehrstelle finden noch die angehobenen schulischen Voraussetzungen. Von einem generellen Trend komplexer und anspruchsvoller werdender Lernanforderungen könne kaum die Rede sein.

    Für die schlechteren Chancen der Realschüler sind vielmehr andere Mechanismen mitverantwortlich. Zum ersten ist es die Tatsache, dass ihr Anteil seit den 1960er Jahren um fast 30% gesunken ist, d.h. von ehemals 40% auf heute 10% bis 20%. Deshalb stehen seit vielen Jahren höher qualifizierte Schulabgänger in weit umfassenderem Ausmass zur Verfügung. Demzufolge können Betriebe vermehrt Jugendliche mit einem Abschluss auf einem anforderungshöheren Schulniveau wählen.

    Zum zweiten dürfte die so genannte «Diskreditierungsthese» eine Rolle spielen. Dieser Begriff stammt von Heike Solga. Gemäss dieser These werden Realschüler gerade wegen des Trends zu höheren Schulabschlüssen immer mehr als minderwertige soziale Gruppe wahrgenommen. Dies zeigt sich im weit verbreiteten Vorurteil, dass ihre Voraussetzungen nicht ausreichen würden, um erfolgreich eine Berufslehre zu absolvieren und dann einen guten Abschluss zu erzielen. Diese These hat sich in unseren Untersuchungen bestätigt. Viele Betriebe nehmen Realschüler nicht nur als «normabweichende Minderheit» wahr, sondern diskreditieren sie auch, weil sie ihnen gar keine Chance geben, sich im Bewerbungsprozess um eine Lehrstelle überhaupt zu präsentieren. Und dies unabhängig davon, ob sie die beruflichen Anforderungen für eine Lehre im entsprechenden Segment erfüllen würden oder nicht.

    Solche Vorurteile und die stete Kritik an der fehlenden Ausbildungsreife der Jugendlichen haben in den heutigen Zeiten des Lehrlingsmangels bei einer gleichzeitig grossen Anzahl unbeschäftigter Jugendlicher selbstmörderische Tendenzen für die Berufsbildung. Der Lehrlingsmangel ist durch die Akademisierung einerseits (immer mehr wollen ans Gymnasium) und die Demografie (die sinkenden Geburtenzahlen) entstanden und es ist in nächster Zeit kaum eine Trendwende in Sicht. Deshalb wird sich das duale System verändern und sich den Realschülern verstärkt öffnen müssen – einer Klientel, die es bisher eher gemieden hat.

    Hierzu braucht es einen Perspektivenwechsel. Unsere Untersuchungen zeigen, dass Realschüler oft über viel Potenzial verfügen und dies zeigen könnten – wenn sie überhaupt Zugang zum Auswahlprozess erhalten. Um das Potenzial zu entdecken, sollten Betriebe Schulniveau, Schulnoten und Klassenwiederholungen weniger stark gewichten als dies bis anhin der Fall war. Erfolg versprechender sind Rekrutierungsverfahren, die sich stärker auf Motivationsfaktoren sowie Persönlichkeitsmerkmale konzentrieren: auf ein gutes Selbstvertrauen, auf das Interesse am Betrieb, auf die Bereitschaft, dazuzulernen und auf eine ausgeprägte Frustrationstoleranz.

    Die Berufslehre kann für viele Realschüler zur zweiten Chance werden! Wie anders lässt sich erklären, dass in unserer Studie «Migranten mit Potenzial» überdurchschnittlich oft Realschüler die beste Lehrabschlussprüfung machten, obwohl sie schlechte Schüler gewesen waren und häufig eine oder mehrere Klassen hatten wiederholen müssen?

     

    Literatur

    Protsch, P. (2012). Segmentierte Ausbildungsmärkte. Berufliche Chance von Hauptschülerinnen und Hauptschülern im Wandel. Dissertation. Freie Universität Berlin.

    Solga, H. (2005). Ohne Abschluss in die Bildungsgesellschaft. Opladen: Leske + Budrich.

    Stamm, M. (2013). Lehrlingsmangel. Strategien für die Rekrutierung des Nachwuchses.  http://www.margritstamm.ch/component/docman/cat_view/4-dossiers.html?Itemid=

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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