Berufsbildung

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 14.01.2019, 16.

    Xherdan Shaqiri und José João Gonçalves: Das sind zwei unterschiedliche Männer mit mindestens drei gemeinsamen Merkmalen. Sie haben einen Migrationshintergrund, können siegen und gehören zur Praktikerelite. Der Nati-Kicker Shaqiri von Manchester United wird heute schon als Legende gefeiert. Ähnliches gilt für José João Gonçalves. Nachdem er im Jahr 2000 aus Portugal in die Schweiz zu seinen Eltern kam, lernte er intensiv Deutsch, machte eine Lehre als Autolackierer und holte 2005 an der Berufsweltmeisterschaft in Helsinki die Goldmedaille. Aktuell besitzt er eine eigene Firma.

  • Am 21. Januar 2014 diskutierten wir in der Arena**** der Swiss Bau in Basel unter dem Titel «Wer baut die Schweiz von morgen?» die Frage, wo die Gründe für den Mangel an Nachwuchskräften liegen. Und auch am 13. Februar 2014 haben wir im Rahmen des Laufenburger Gesprächs zum Lehrlingsmangel, das von der Technischen Rundschau organisiert worden ist (http://www.technische-rundschau.ch), die Aussage «Ohne Nachwuchs keine Swissness» unter die Lupe genommen. Dabei sind wir jeweils schnell auf zwei Aspekte gestossen: erstens auf die Bedeutung des Images oder Prestiges, das Jugendliche einem Beruf zuschreiben und zweitens auf die Rolle von Berufsbezeichnungen. Solche Aspekte möchte ich in diesem Blog vertiefen. Meine These ist dabei die, dass der Imagefaktor bei der Berufswahl heutiger Jugendlicher wichtiger ist als die Tätigkeit an sich.

    Wir wissen es alle: Die Zahl der Jugendlichen sinkt und wird weiter sinken. Dazu kommt, dass eine grosse Anzahl der Erwerbstätigen in den nächsten Jahren aus Altersgründen ausscheiden wird. Daraus resultiert eine Schere, die für viele Betriebe zum Problem werden dürfte: Weil der Trend zum Gymnasium ungebrochen ist, stehen der Berufsbildung immer weniger Jugendliche zur Verfügung. Um diese kleiner werdende Gruppe wird sie verstärkt kämpfen müssen.

    Bekanntlich gibt es genug offene Lehrstellen. Das Problem liegt jedoch darin, dass es sich in der Regel nicht um diejenigen Lehrstellen handelt, die sich die Jugendlichen wünschen. Von ihrem Elternhaus sind sie sich gewohnt, mit ihren Bedürfnissen im Mittelpunkt zu stehen und ihre Wünsche erfüllt zu bekommen. Deshalb geben sie die Suche nach der Traumlehrstelle nicht einfach so auf, nur weil ein anderer, für sie wenig attraktiver Ausbildungsplatz zur Verfügung stehen würde. Berufswahl heisst ja auch Suche nach der eigenen Identität. Und diese Suche ist immer mit Anerkennung bei den Gleichaltrigen (den «Peers») verbunden. Deshalb geht es bei der Lehrstellensuche auch vor allem darum, was andere über einen Beruf denken.

    Aus solchen Gründen ist der Kampf der Betriebe um Jugendliche sehr unausgeglichen. Für Betriebe, welche, «Traumberufe» mit einem guten Image anbieten, ist es einfacher als für solche mit einem schlechten Image. Lehrlinge für Branchen wie Informatik, Büro und Informationswesen, Design, Druck oder Kunstgewerbe finden sich viel leichter als für das Baugewerbe, für technische Berufe oder das verarbeitende Gewerbe (Metzger, Bäcker etc.). Besonders ausgeprägt zeigt sich die Bedeutung des Image-Faktors bei den leistungsschwächeren Jugendlichen,welche eine Attestausbildung machen wollen.

    Nicole Bussmann, Berufsbildungsfachfrau aus Zürich, macht die Erfahrung*, dass bei jungen Frauen vor allem solche Bereiche beliebt sind, in denen im Job ein «weisser Kittel» getragen wird (Gesundheitsberufe, Kosmetik etc.), während bei jungen Männern Berufe im Zusammenhang mit Autos (Reifenpraktiker, Automobilassistent) ein besonderes Prestige hätten. Sie würden sich die Hände gerne schmutzig machen, aber nur, weil sie von einem Auto stammen.

    Welches sind die Gründe für solche Ungleichgewichte? In erster Linie, so ein Bericht des BiBB (Bundesinstituts für Berufsbildung, Bonn**), die folgenden:

    Ausbildungsberufe als «Visitenkarten»:Weil Jugendliche bei der Berufswahl auch nach sozialer Anerkennung suchen, ist es ihnen wichtig, was «die Anderen» über die in Frage kommenden Berufe denken. Attraktiv sind deshalb solche Berufe, die auf «coole», reiche und geachtete Menschen schliessen lassen. Ist dies nicht der Fall, reagieren Jugendliche ablehnend oder zumindest sehr zurückhaltend auf solche Berufe.

    Berufsbezeichnungen als «Hinweisschilder»: Für Jugendliche sind Berufsbezeichnungen Hinweisschilder dafür, was sie im Beruf erwarten könnte. Berufe wie «Bäcker» oder «Metzger» werden oft falsch interpretiert, mit Märchenbüchern und Kassetten ihrer Kindheit assoziiert, deshalb als hoffnungslos veraltet gehalten und gemieden.

    Ausbildungsberufe in der «Scheuklappenperspektive»: Weil die Belastung der Lehrstellensuche hoch ist, versuchen Jugendliche, diese auf ein Mindestmass zu reduzieren. Deshalb konzentrieren sie sich auf eine minimale Anzahl von maximal etwa vier Berufen – eben auf diese mit dem grössten Image-Faktor.

    Solche Ergebnisse provozieren die Frage: Wie könnte das Image verbessert werden? Zunächst einmal offenbar über die Medien! Denn eine andere Studie*** kommt zum Schluss, dass beliebte TV-Vorabendserien («Daily Soaps») das Image des Berufs stark beeinflussen. Da sich solche Serien jedoch fast ausschliesslich auf kreative und selbstständig ausgeübte Berufe in Dienstleistungsbereich konzentrieren und gewerbliche sowie technische Berufe kaum vorkommen, präsentieren sie eine vollkommen verzerrte Berufsrealität, mit dem Ergebnis, dass Jugendliche die gezeigten Modelle und keine anderen mit dem Image-Faktor verbinden.

    Da man natürlich Medien kaum zwingen kann, ihre Serien anders zu gestalten und dadurch das gesellschaftliche Bewusstsein in kurzer Zeit zu ändern, gilt es, nach pragmatischen Lösungen zu suchen. Bisweilen gelingt eine Image-Verbesserung allein über die Veränderung der Berufsbezeichnung (z.B. vom Drechsler zum Holzhandwerker EFZ / Drechslerei; von Verkäufer zu Detailhandelsfachmann EFZ / Bewirtschaftung oder Beratung resp. von Verkaufshelfer zu Detailhandelsassistent EB). Betriebe machen nach solchen Umbenennungen teilweise die Erfahrung, dass sich die Bewerberanzahl deutlich erhöht. Andererseits zeigt sich, dass eine lediglich auf Sprachkosmetik angelegte Veränderung auch als Mogelpackung verstanden werden kann. Dies spricht sich rasch herum und kann auch gegenteilige Folgen haben, wenn Auszubildende am ersten Tag der Ausbildung feststellen, dass ihre Inhalte trotz verheissungsvollem Titel nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen.

    Deshalb scheint es günstiger, die Attraktivität der Berufe anders zu stärken:

    • über die frühzeitige Information an Schulen, an Elternabenden und von Berufsberatungen und vor allem: die proaktive Zusammenarbeit mit ihnen

    • über das direkte Ansprechen ausländischer Familien, welche unser duales Berufsbildungssystem nicht kennen

    • über direkte Kontaktaufnahme mit potenziellen Bewerberinnen und Bewerbern

    • über die Lehrbetriebe selbst, welche sich um gute die Ausbildungsbedingungen bemühen: Schnupperlehren abwechslungsreich gestalten, Lehrlinge nicht als billige Arbeitskräfte missbrauchen und Lehranteile entsprechend gewichten; leistungsstarke Lehrlinge nicht daran hindern, die Berufsmatura während der Ausbildung zu absolvieren – und leistungsschwächere versuchen, auch mit Nachhilfestunden zu unterstützen (so wie dies Renzo Canonica im Ausbildungszentrum Winterthur tut)

    • über Anreizsysteme, welche Lehrlinge an die Betriebe binden (Aussicht auf Fortbildungen oder Auslandaufenthalte, auf die Zuweisung spezifischer Aufgabe, auf spätere Karrieremöglichkeiten etc.)

    • über die Veränderung der Selektionspraxen der Betriebe, d.h. geringere Gewichtung von Schulnoten, Multi- und Basic-Checktests sowie schriftlicher Bewerbungsunterlagen, jedoch stärkere Gewichtung des ausserschulischen Engage­ments und des Berufsinteresses. Für einen erfolgreichen Lehrabschluss sind Schulnoten oft kein ausschlaggebendes Kriterium vor allem nicht für schulmüde Jugendliche

    • über Kampagnen, welche Rollenmodelle einschliessen und nicht nur die Höhe der Saläre betonen

    Zusammengefasst gilt das, was Herbert Rutz, Inhaber und Geschäftsführer der Femec AG in Wetzikon, am Laufenburger Gespräch gesagt hat: «Die Betriebe müssen erkennen, dass sie es sind, welche aktiv werden müssen und zwar auf eine kreative Art und Weise.» Jammern ist definitiv passé.

    Literatur

    *20 Minuten, 16.12.2013 http://www.20min.ch/schweiz/news/story/-Viele-Junge-haben-unrealistische-Wuensche--17556247

    ** Ulrich, J. G. (2006). Berufsbezeichnungen und ihr Einfluss auf die Berufswahl von Jugendlichen. Abschlussbericht. Bonn: BiBB.https://www2.bibb.de/tools/fodb/pdf/eb_23103.pdf

    *** Dostal, W. & Troll, L. (2004). Die Berufswelt im Fernsehen. Informationen für die Beratungs- und Vermittlungsdienste,8, 8.12.http://doku.iab.de/ibv/2004/ibv2404_57.pdf

    **** http://www.swissbau.ch/de-CH/ueber-die-swissbau/interaktiv/eventreport/2014/01/swissbau-focus-arena-bildung-fuer-die-bauwirtschaft-wer-baut-die-schweiz-von-morgen.aspx

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 02.12.2020, 2


    Wer Hebamme werden will, braucht eine Matura. Viele internationale Unternehmen wollen nur noch Leute mit einem Hochschulabschluss einstellen. Die Schweiz braucht mehr akademische Power! Dies ist zumindest der gegenwärtige Entwicklungstrend.

    Ein höheres Qualifikationsniveau breiter Bevölkerungsschichten ist erstrebenswert, denn viele Berufe sind komplizierter geworden. Wer Automechaniker werden will, kann nicht mehr schräubeln und zusammensetzen. Heute müssen Automobil-Mechatroniker die ganze Elektronik verstehen, um etwa ein Airbag-System zu reparieren. Dieser anspruchsvolle Beruf braucht keine Matura. Er ist das beste Beispiel dafür, dass wir nicht pauschal mehr akademisch Gebildete brauchen, wohl aber gut ausgebildete Fachkräfte. Trotzdem dominiert die Überzeugung, nur Akademisierung garantiere das berufliche Können.

    Der Begriff Akademisierung lässt kaum jemanden kalt. Seine magische Bedeutung dürfte einer der Hauptgründe sein, weshalb Probleme nicht gern diskutiert werden. Eines davon ist die falsche Gleichsetzung von Akademisierung und Professionalisierung. Deshalb dominiert die Überzeugung, Professionalisierung – nennen wir sie berufliche Handlungskompetenz – könne am besten über eine akademische Ausbildung erreicht werden.

    Dahinter stecken beinahe elitäre Züge. Dass die Quote der unter 35jährigen Professorinnen und Professoren bereits auf über 15 Prozent gestiegen ist, wird mit Genugtuung zur Kenntnis genommen, weil dadurch die Professionalisierung in der Akademia gesichert sei. In der Berufsbildung machen ähnliche Beispiele viel weniger Eindruck. Etwa die junge Frau, die sich von einer mittelmässigen Realschülerin zu einer Bau-Polierin in einem Grossunternehmen hochgearbeitet hat, die Bauunternehmung auf der Baustelle vertritt und vorwiegend männliche Mitarbeitende führt.

    Warum diese Einseitigkeit? Weil die Akademisierungseuphorie blinde Flecken hat. Zwar wird überall betont, man wolle jegliche Akademisierung vermeiden. Die Swissness unseres Bildungssystems ermögliche, dass jeder und jede über eine Berufslehre an einer Fachhochschule studieren und sogar an die ETH wechseln könne. Hinter dieser Argumentation steckt eine paradoxe Botschaft: dass eine Laufbahn letztendlich doch in ein Studium münden sollte. Eine Polierin mit einer höheren Berufsbildung ist deshalb kaum der Rede wert.

    Die Achillesferse des Akademisierungsbooms ist die vergessene höhere Berufsbildung. Sie vermittelt Qualifikationen, die zur Ausübung einer anspruchs- und verantwortungsvollen Berufstätigkeit erforderlich sind. Und sie versorgt die Wirtschaft mit ausgewiesenen Fachkräften in Technik, Gastgewerbe, Landwirtschaft, Gesundheit und Sozialem, Gestaltung oder Verkehr. Zwar sind wir auf die Professionalisierung solcher Berufsleute angewiesen, trotzdem muss die höhere Berufsbildung inmitten der Akademisierungswelle um ihren Platz kämpfen. Und dies, obwohl sie durchgehend Lob bekommt und junge Menschen beste Chancen haben, Karriere zu machen und gutes Geld zu verdienen.

    Diese Entwicklung ist eine wesentliche Ursache dafür, weshalb in vielen Elternhäusern ein Studium als Mass der Dinge und als Statussymbol gilt. Doch dies ist nicht nur ein Irrglaube, sondern ein Mythos. Wenn ein Sohn einer Geisteswissenschaftlerin Maurer wird, eine höhere Berufsbildung als Bauleiter absolviert und sich später selbständig macht, hat er beste Chancen, seine Mutter einkommens- und karrieremässig zu überholen. Doch auch hier kommt der Bildungssnobismus zum Zug, denn in den Statistiken und auch in den Berichten der OECD wird ein solches Beispiel als «Bildungsabstieg» bewertet.

    Die Bildungspolitik täte gut daran, der Akademisierungseuphorie und ihren ungewollten Folgen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Eine gute Bildung ist die wichtigste Ressource für die Zukunft junger Menschen. Doch Bildung hat viele Facetten. Nur eine ist die Akademia. 

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 06.02.2017, 16.

     

    Wir sind Spitze! In keinem anderen Bereich hat die Schweiz in Wettbewerben so viele Medaillen gewonnen wie in der Berufsbildung. Und kürzlich war es wieder so weit: Unsere Delegation holte in Göteborg den Europameistertitel in der Nationenwertung. Was für eine Genugtuung für die Berufsbildung, welche mit Attraktivitätsproblemen und Schwierigkeiten zu kämpfen hat, gute Lehrlinge zu finden!

    Umso mehr erstaunt, dass Berufsmeisterschaften so selten als Ausbildungselemente auf dem Weg zur beruflichen Karriere genutzt werden und Lehrlinge sie sehr oft gar nicht kennen. Auch Fachleute der Berufsbildung wissen wenig über diese Praktikerelite: Was steckt eigentlich hinter Medaillengewinnern? Wie wird man so erfolgreich? Sind sie einfach kluge Köpfe mit goldenen Händen? Solchen Fragen sind wir in Studie nachgegangen, die übermorgen veröffentlicht wird.

    Schulnoten sagen eben wenig über das Entwicklungspotenzial aus

    Talent ist nicht angeboren, dies ist das wichtigste Ergebnis der Untersuchung. Wer es an die Spitze seiner Berufsbranche schafft, istin der obligatorischen Schule längst nicht immer ein guter Schüler gewesen.Drei Viertel waren lediglich mittelmässig oder gar schlecht und dazu oft noch faul. Und viele können auch mit keinem hohen Schulabschluss punkten. Vierzig Prozent haben nur einen mittleren, zwanzig Prozent sogar einen niedrigen Abschluss, also einen der Realschule. Solche Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf die vielen Klagen von Betrieben, sie würden nicht genügend «gute» Lehrlinge finden. Schulnoten oder ein hoher Schulabschluss sagen eben wenig über das Entwicklungspotenzial aus, das in einem jungen Menschen steckt. Unsere Medaillengewinner sind das beste Beispiel dafür, dass die Berufslehre für viele nicht nur zur zweiten Chance geworden ist, sondern auch zu Leistungsexplosionen geführt hat. Aber nur, weil ihnen die Betriebe überhaupt eine Chance gegeben haben!

    Medaillengewinner sind nicht einfach Glückspilze

    Sind die Medaillengewinner somit Glückspilze, denen alles in die Wiege gelegt worden ist? Wer so denkt, liegt vollkommen falsch. Der Weg zur Praktikerelite ist enorm zeitintensiv, entbehrungsreich und erfordert ein hohes persönliches Engagement. Dies steht in einem deutlichen Gegensatz zu dem, was man über «die heutige Jugend» liest. Verwöhnt, konfliktscheu, opportunistisch und flatterhaft sei sie. Solche Vorurteile sind unfair, weil viel zu einseitig. Vier Fünftel unserer Erstplatzierten haben sich auch an den Wochenenden vorbereitet, teilweise deshalb, weil der Betrieb hierfür kein Zeitfenster zur Verfügung stellte. Sie haben auf Freizeit verzichtet, Ferientage oder sogar unbezahlte Ferien bezogen. Doch hinter jeder Medaille steckt auch ein unterstützendes Umfeld, vom Lehrbetrieb über die Berufsfachschule bis hin zu den Experten. Aber die wichtigste Stütze – und dies ist erstaunlich – ist das Elternhaus – die Mutter sogar mehr als der Vater. Auch jenseits des Jugendalters ist der Rat der Eltern am wichtigsten.

    57 Prozent der Medaillengewinner sind beruflich markant aufgestiegen

    Diese Erkenntnis ist für die Attraktivitätsproblematik der Berufsbildung bedeutsam. Zwar wissen wir schon lange, dass die Eltern bei der Berufswahl die heimlichen strategischen Meinungsmacher sind – auch hier wiederum in erster Linie die Mütter – und bereits in der fünften Klasse entscheiden, ob die Berufslehre oder das Gymnasium das Tor zur Berufskarriere werden soll. Unsere Ergebnisse sollten Väter und Mütter deshalb besonders ansprechen: Wer eine Lehre macht und sich dann auf eine Berufsmeisterschaft konzentriert, hat die Karriere auf sicher. 57 Prozent der Medaillengewinner sind beruflich markant aufgestiegen und zur Hälfte bereits in einer Leitungsposition, mehr als 80 Prozent haben Weiterbildungen in Angriff genommen, und fast alle bezeichnen sich selbst als Vorbild für die junge Generation.

    Berufswettbewerbe sind ein besonders wichtiges Instrument für die Förderung der Praktikerelite. Aber solche Massnahmen greifen nur, wenn sie in ein Talentmanagement eingebettet werden, also in die frühe, systematische Suche und gezielte Förderung von Potenzialen – unter Einbezug des Elternhauses. Weil Potenziale jedoch oft verborgen und kaum lediglich an Noten erkennbar sind, kommt jede PR-Massnahme zur Attraktivitätssteigerung nicht um einen Perspektivenwechsel herum: weg vom Blick auf die Schwächen, hin zur Suche nach Stärken! 

  • Eine traditionelle Erkenntnis der Forschung zu Selektionsverfahren in der beruflichen Grundbildung ist die, dass die Engpässe der vergangenen Jahre die Zugangschancen bestimmter Gruppen gefördert, anderer Gruppen hingegen behindert haben*. So liegt bis heute die Ausbildungsbeteiligung junger Ausländerinnen und Ausländer unter denjenigen der Einheimischen. Anerkannt ist dabei, dass es vor allem betriebliche Auswahlstrategien sind, welche sie benachteiligen. Darüber hinaus weisen insbesondere Schülerinnen und Schüler aus anforderungsniedrigen Schulstufen deutlich geringere Einmündungsquoten auf, weil sie sich häufiger in der Warteschlaufe befinden als Jugendliche höherer Schulniveaus. Gerade für Jugendliche aus einfachen (Migranten)-Familien trifft dies ausgesprochen oft zu.

    Benachteiligung von Realschülern

    Diese Situation hat sich aktuell zwar aufgrund des Lehrlingsmangels etwas abgeschwächt. Trotzdem waren im April 2017 immer noch mehr als 16'000 Personen in der Warteschlaufe. Aus der Forschung ist bekannt, dass es sich dabei um besonders viele Realschülerinnen und Realschüler handelt. Weshalb werden vor allem sie in der Berufseinmündungsphase derart krass benachteiligt? Zum ersten, weil seit vielen Jahren höher qualifizierte Schulabgänger in umfassenderem Ausmass zur Verfügung stehen, sodass Betriebe vermehrt Jugendliche mit einem Abschluss auf einem anforderungshöheren Schulniveau wählen können. Negativ gewendet gehen damit zweitens bestimmte Merkmale von Jugendlichen einher, die vorurteilsbehaftet sind**.

    Negative und positive Diskriminierung

    Diskriminierend wirken Schulabschlüsse (wie Realschule), ethnische Herkunft oder auch das Geschlecht. Sie führen zu einem allgemeinen Tunnelblick, der im Einzelfall negative – oder positive – Diskriminierungen nach sich zieht. Um eine positive Diskriminierung handelt es sich dann, wenn Jugendliche beispielsweise aufgrund ihres hohen Schulabschlusses oder ihrer bildungsnahen familiären Herkunft a priori positiv beurteilt werden und deshalb ohne grosse Bemühungen zu einem Ausbildungsplatz kommen. Gleichzeitig werden Realschülerinnen und -schüler mit negativen Diskriminierungen konfrontiert.

    Unterdurchschnittliches Zutrauen in Realschülerinnen und Realschüler

    Realschülern wird grundsätzlich weniger zugetraut. Man könnte dies auch als negativen Pygmalioneffekt bezeichnen (d.h. dass sich eine vorweggenommene negative Einschätzung eines Schülers oder einer Schülerin durch eine Lehrperson im späteren Verlauf bestätigt.

    Positive und negative Diskriminierungen zeigen sich dort, wo

    • 33 von 100 Betrieben einen Abschluss auf einem anforderungshohen Schulniveau automatisch als einen Indikator für überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit betrachten***.
    • ein Realschulabschluss nur von einem von hundert Betrieben mit einer überdurchschnittlichen Ausbildungsmotivation in Verbindung gebracht wird, während dies bei Jugendlichen aus dem höchsten Schulniveau vier von zehn Betrieben sind.
    • von jedem fünften Betrieb unhinterfragt davon ausgegangen wird, dass sowohl bei Jugendlichen mit Realschulabschluss als auch bei denen mit Migrationshintergrund beträchtliche Motivationsdefizite vorliegen.
    • von kaum einem Betrieb in Erwägung gezogen wird, dass ein Realschüler oder eine Realschülerin über überdurchschnittliche Fähigkeiten in einem bestimmten Gebiet verfügen könnte.

    Solche Muster lassen sich auch mit der so genannten «Diskreditierungsthese»**** erklären. Demzufolge werden Realschüler gerade wegen des Trends zu höheren Schulabschlüssen immer mehr als minderwertige Gruppe wahrgenommen. Dies zeigt sich beispielsweise im weit verbreiteten Vorurteil, dass ihre Voraussetzungen nicht ausreichen würden, um erfolgreich eine Berufslehre zu absolvieren und dann einen guten Abschluss zu erzielen. Diese These hat sich in unseren Untersuchungen bestätigt. Viele Betriebe nehmen Realschüler nicht nur als normabweichende Minderheit wahr, sondern diskreditieren sie auch, indem sie ihnen gar keine Chance geben, sich im Bewerbungsprozess um eine Lehrstelle überhaupt präsentieren zu können. Und dies unabhängig davon, ob sie die beruflichen Anforderungen für eine Ausbildung im entsprechenden Segment erfüllen würden oder nicht.

    Nur: In allen unserer bisherigen Forschungsstudien zeigt sich, dass auch Realschülerinnen und Realschüler über verdecktes Potenzial verfügen. Unsere Forschungsstudie zu den Medaillengewinnern an den SwissSkills 2014 zeigen, dass zwar drei Viertel von ihnen in der obligatorischen Schule lediglich mittelmässig oder gar schlecht waren und dazu oft noch faul. Und viele können auch mit keinem hohen Schulabschluss punkten. Vierzig Prozent haben nur einen mittleren, zwanzig Prozent sogar einen niedrigen Abschluss, also einen der Realschule. Trotzdem konnten sie sich während der Berufslehre entfalten und  an den Berufsmeisterschaften eine Medaille gewinnen.

    Der Tunnelblick auf gute Noten

    Unsere Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf die vielen Klagen von Betrieben, sie würden nicht genügend «gute» Lehrlinge finden. Schulnoten oder ein hoher Schulabschluss sagen eben wenig über das Entwicklungspotenzial aus, das in einem jungen Menschen steckt. Unsere Medaillengewinner sind das beste Beispiel dafür, dass die Berufslehre für viele nicht nur zur zweiten Chance geworden ist, sondern auch zu Leistungsexplosionen geführt hat. Aber nur, weil ihnen die Betriebe überhaupt eine Chance gegeben haben!

     

    Weiterführende Literatur

    *Imdorf, C. (2014). Die Bedeutung von Schulqualifikationen, nationaler Herkunft und Geschlecht beim Übergang von der Schule in die betriebliche Berufsausbildung. In M. P. Neuenschwander (Hrsg.), Selektion in Schule und Arbeitsmarkt (S. 41-62). Zürich/Chur: Rüegger.

    **Ebbinghaus, M. & Loter, K. (2010). Besetzung von Ausbildungsstellen. Eine Untersuchung zum Einfluss von Struktur- und Ausbildungsmerkmalen. Bonn: Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

    ***Ebbinghaus, M., Bahl, A., Flemming, S., Hucker, T., Kroll, S. & Uhly, A. (2011). Rekrutierung von Auszubildenden. Betriebliches Ausbildungsverhalten im Kontext des demografischen Wandels. Bonn: Bundesinstitut für Berufsbildung. Egloff, E. & Jungo, D. (2013). Elterninformation Berufswahl. Bern: Schulverlag plus.

    ****Solga, H. & Menze, L. (2013). Der Zugang zur Ausbildung. Wie integrationsfähig ist das deutsche Berufsbildungssystem? WSI-Mitteilungen, 66, 1, Schwerpunktheft «Von Insidern und Outsidern. Zur Integrationsfähigkeit des Berufsbildungssystems», 5-14.

  • Für immer mehr Berufsausbildungen braucht es eine Matura, z.B. um Kindergärtnerin oder Pflegefachmann zu werden. Viele internationale Unternehmen wollen nur noch Leute mit einem Hochschulabschluss einstellen. Die Schweiz braucht mehr akademische Power! Tatsächlich?

    Zwar will ich hier nicht in die teils übertriebene Kritik am «Akademisierungsboom» einstimmen (vgl. auch meinen Blog vom Juli 2013). Aber ich möchte seine zunehmend elitären Züge etwas genauer unter die Lupe nehmen und dabei auch aufzeigen, weshalb eine akademische Ausbildung keinesfalls berufliche Expertise garantiert.

    Die aktuelle Bildungseuphorie hat zwei Hauptmerkmale: Sie schreitet schleichend, aber unaufhörlich voran, und sie bekommt mindestens teilweise elitäre Züge. So nehmen wir die Nachricht, dass die Quote der unter 35jährigen Professoren bereits auf über 10% gestiegen und damit der Nachwuchs der akademischen Leistungsexzellenz gesichert sei, mit Genugtuung oder gar Bewunderung zur Kenntnis. Deutlich weniger Eindruck macht uns der begabte Schreiner-Lehrling, der bereits im zweiten Ausbildungsjahr die Struktur von Hölzern erkennen und ein Werkstück nach Zeichnungen detailgetreu erstellen kann. Und noch weniger Eindruck macht uns die junge Frau, die sich von einer schlechten Realschülerin zu einer Bau-Polierin in einem Grossunternehmen hochgearbeitet hat,die Bauunternehmung auf der Baustelle vertritt und 20, vorwiegend männliche, Mitarbeitende führt.

    Die Schweiz entwickelt sich zu einer Bildungsgesellschaft. Dass ein wachsender Anteil der Berufstätigen eine höhere Bildung hat, ist somit alles andere als negativ. Immer besser ausgebildete Berufsleute sind im Hinblick auf die internationale Anschlussfähigkeit ein Muss. Vor diesem Hintergrund ist der ‚bildende‘ Anteil vieler Berufslehren sicher zu klein. Aber insgesamt wird das schulische Wissen überbewertet. Dies führt dazu, dass der «Akademisierungsboom» zu einer «Akademisierungsfalle» wird und dabei Ausmasse annimmt, die über das Ziel hinausschiessen. Denn viele Stellen sind plötzlich nur noch auf einen kleinen Kreis von Diplomierten zugeschnitten. Fachleute mit vorwiegend praktischen Fähigkeiten werden von Berufen ausgeschlossen, die bisher genau solche praktischen Kompetenzen verlangt haben.

    Dass es nicht nur eine akademische Intelligenz gibt, gehört zur pädagogischen Folklore. Trotzdem nehmen wir kreative und praktische Intelligenzleistungen kaum zur Kenntnis. Die Expertiseforschung liefert hierzu wichtige Erkenntnisse. Im Gegensatz zur Begabungsforschung, die sich auf angeborene Fähigkeiten konzentriert, interessiert sich die Expertiseforschung für die Merkmale von beruflich erfolgreichen Erwachsenen. Hauptergebnis ist, dass die Fähigkeit, mit realen Problemen erfolgreich umzugehen, das wichtigste Element von Berufskompetenz ist. Viel Fachwissen oder ein hoher Intelligenzquotient, aber auch ausgeprägtes Üben, garantieren noch keine berufliche Expertise. Wir alle kennen Menschen, die in wissenschaftlich hochstehender Weise über ein Problem sprechen, zu dessen Lösung aber wenig beitragen können. Umgekehrt beobachten wir immer wieder, dass auch viel Übungsarbeit noch keine Experten hervorbringt. Diese Tatsache wird in der Expertiseforschung nicht auf mangelnde Begabung, sondern auf die mangelnde Qualität von Übungsprozessen zurückgeführt. Gerade deshalb spielen Lehrkräfte, Trainerinnen oder Lehrmeister eine wichtige Rolle. Neben dem Fachwissen braucht es auch einen gesunden Menschenverstand respektive eine Portion Intuition.

    Was bedeutet dies für die «Akademisierungsfalle»? Erstens, dass sie junge Menschen (und vor allem ihre Eltern) zu einseitig auf den Weg der gymnasialen Matura führt und ihn als Königsweg zum Ausbildungserfolg bezeichnet. Dies hat jedoch zur Folge, dass die Bedeutung des theoretischen Fachwissens über- und diejenige des praktischen Know-Hows unterschätzt wird. Zweitens, dass sie zur Installation immer neuer Bildungshürden führt, die möglicherweise verheerende Konsequenzen haben. Junge Menschen mit praktischen Begabungen finden immer weniger Berufe, in denen sie diese entwickeln und auch zeigen können. Die praktische Intelligenz ist jedoch ein wichtiges Kulturgut, das die Schweiz gross gemacht hat. Kann sich unsere Gesellschaft eine solche Verschwendung dieses Talents leisten?

     

  • Das Gymnasium ist so beliebt wie nie. In den letzten Jahren ist die Quote um ca. 10 Prozent gestiegen. In urbanen Räumen wie Zürich oder Basel beträgt sie bis zu 50%, schweizweit ca. 20 Prozent. Das Gymnasium die neue Volksschule der Zukunft? Genau deswegen brodelt es in der Bildungspolitik. Die steigende Gymnasialquote ist vielen ein Dorn im Auge. Was steckt dahinter? Ist es tatsächlich so, wie man immer wieder hört, dass die Gymnasien mit schlecht qualifizierten Jugendlichen gefüllt werden, die ebenso gut eine Berufslehre absolvieren könnten? Degradiert diese Akademisierung die Berufsbildung tatsächlich zu einem System zweiter Klasse.

    Problematisch ist zunächst einmal, dass man sich den Zugang zum Gymnasium, der meist über eine Aufnahmeprüfung oder über einen Notendurchschnitt erfolgt, auch erkaufen kann. Es wundert deshalb kaum, dass Lernstudios und Nachhilfestunden zu einer riesigen parallelschulischen Lernindustrie geworden sind. Eine solche ‚Flucht‘ ins Gymnasium ist deshalb sozial ungerecht. Und dem Gymnasium nützt sie nur um den Preis nivellierender Tendenzen. Zumindest zeigt dies die Evaluation der Maturitätsreform. Maturanden haben Defizite in Mathematik und der Erstsprache (Deutsch/Französisch/Italienisch).

    Dass sich das Gewerbe gegen einen breiteren Zugang zum Gymnasium wehrt, ist verständlich. Es befürchtet, dass gute Schüler ins Gymnasium abwandern und anforderungshohe Lehrstellen nicht mehr besetzt werden können. Tatsache ist, dass die steigende Gymnasialquote der Berufsbildung die dringend benötigten leistungsstarken Auszubildenden nimmt. Das sind jedes Jahr ca. 10 bis 15 Prozent. Bereits heute müssen Betriebe für gewisse Branchen Auszubildende im Ausland rekrutieren. Im Kanton Aargau kommen aktuell etwa deren 70 aus Deutschland. Der Attraktivitätsverlust der traditionellen Berufslehre ist somit eindrücklich.

    Es gibt aber auch ein anderes Problem, das bisher kaum in den Blick geraten und schon gar nicht diskutiert worden ist: dass der Zugang zum Gymnasium und zur Berufslehre sehr unterschiedlich ist. Wer eine Lehrstelle will, muss viel mehr und Umfassenderes leisten als diejenigen, welche den Sprung ins Gymnasium schaffen wollen. Während hier ein bestimmter Notendurchschnitt genügt, erfordert der Weg in die Berufsbildung vom Jugendlichen ein enormes Engagement: Schnupperlehre, Bewerbungen zu schreiben, sich in Vorstellungsgesprächen oder Assessments erfolgreich bewähren sowie Testverfahren wie Multi- und Basischecks absolvieren.

    Was bedeutet dies? Erstens, dass die Hürden ausgeglichener sein sollten. Das Hauptproblem ist nicht, dass wir zu wenig oder zu viel Gymnasiasten haben, sondern ein Zugangssystem, das Jugendliche beim Eintritt in die Berufslehre benachteiligt und solche ins Gymnasium bevorzugt. Zweitens, dass unser durchlässiges Bildungssystem den Eltern und auch den Jugendlichen selbst viel deutlicher vor Augen geführt werden sollte. Viel zu wenige wissen, dass jederzeit eine Veränderung eines eingeschlagenen Weges möglich ist. So können Maturanden nach einem einjährigen Praktikum eine Fachhochschule besuchen. Oder nach der Lehre mit Berufsmaturität und einer einjährigen Passerelle ein ETH- oder Universitätsstudium aufnehmen. Und Absolventen einer Fachhochschule können als Bachelor an eine Uni oder ETH gehen und dort das Masterstudium aufnehmen. Heute sind fast alle Übergänge möglich, die man sich nur vorstellen kann.

    Nur, sind das Argumente, die ziehen, wenn das Gymnasium dermassen in den Köpfen der Eltern drin ist? Wenn es bald gar als neues Bürgerrecht verstanden wird? Also abwarten und Tee trinken? Den Kampf um einen Platz am Gymnasium zu einem Kampf aufs Messer und die Berufsbildung zur zweiten Wahl werden lassen? Oder vielleicht doch mehr junge, begabte Ausländer aus Griechenland, Spanien oder Portugal für eine berufliche Ausbildung einwandern lassen? 

     

  • Ohne Nachwuchs keine Swissness! Dieser Slogan ist für viele Berufsbranchen zur harten Realität geworden. Immer mehr Ausbildungsbetriebe suchen vergeblich nach Lehrlingen. Betriebe setzen deshalb zunehmend auch auf finanzielle oder materielle Anreize – Gratis-Führerschein, Smartphones oder Fitnessabos sind keine Seltenheit mehr. Solche Goodies sind jedoch kein gutes Mittel, um die geeignetsten Auszubildenden zu finden. Weil sie so nur materiell, nicht aber ideell an den Betrieb gebunden werden, haben sie ein grösseres Risiko, die Lehre abzubrechen. Ein Grundproblem der Diskussion ist aber der eher flüchtige Blick auf die «Psychologie» der Klientel, die jetzt in die Ausbildung kommt oder bereits ist: die «Generation Z». Diese jungen Leute sind nach der Jahrtausendwende geboren, weshalb sie «Post-Millennials» - oder eben «Generation Z» genannt werden.

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    In der Schweiz gibt es viele Leuchttürme guter Talentförderung. Ein Beispiel sind die Schweizer Berufsmeisterschaften Swiss Skills, die erstmals 2014 stattgefunden haben. DerartigeTalentförderung entspricht genau dem, was der Begriff auch meint: Junge Menschen sind dann Talente, wenn sie in einem bestimmten Bereich über ein überdurchschnittliches Leistungsvermögen verfügen und sie dieses mit gezielter Unterstützung von Lehrkräften und Berufsbildnern so ausbauen können, dass es zu Expertise auf höchstem Niveau wird.

    Leider hat sich in den letzten Jahren unbemerkt eine «Talent-Epidemie» ausgebreitet. Davon zeugen all die Plakate, auf denen mit jungen Menschen geworben wird: «Wir brauchen Ihr Talent – machen Sie Ihre Ausbildung bei uns!» oder «Absolviere ein Talentjahr, wenn du nicht weisst, ob du eher ins Gymnasium oder eine Berufslehre absolvieren willst!» Eigentlich tönt dies gut. Endlich weg von der Defizitperspektive hin zu dem, was junge Menschen können! Auf einen solchen Perspektivenwechsel haben wir lange gewartet. Trotzdem freue ich mich darüber nur eingeschränkt.

    Viele Hochglanzbroschüren lassen nämlich erheblichen Zweifel aufkommen. Zwar verwenden sie den Begriff Talent fast auf jeder zweiten Zeile, ob die Förderung von Talenten in der Praxis auch umgesetzt wird, bleibt aber fraglich. Auch unsere Forschungsstudien zu leistungsstarken Jugendlichen in der Berufsbildung verweisen auf eine andere Realität. Wie oft schmückt man sich vordergründig mit Talentförderung, jammert aber im praktischen Alltag über die mangelnde «Ausbildungsreife» Jugendlicher und über all das, was sie nicht mehr können. Slogans zur Talentförderung sind deshalb nicht selten lediglich ein geschicktes Vertuschen des defizitären Menschenbilds und somit ein Etikettenschwindel.

    Die Ausbildungsqualität darf nicht manipuliert werden. Deshalb ist es wünschenswert, den inflationären Gebrauch des Begriffs «Talent» zu unterbinden und nur dort zu verwenden, wo die Potenziale junger Menschen tatsächlich gefördert werden. Dies ist jedoch einfacher gesagt als getan. Denn dafür braucht es Lehrkräfte und Berufsbildner, die sich im wahrsten Sinne des Wortes als Talentförderer verstehen. Will nämlich eine Berufsbildnerin das verborgene goldene Händchen eines jungen Migranten oder ein Kantilehrer das intellektuelle Potenzial einer unbequemen Schülerin nicht sehen, dann bleiben Begabungen und Ressourcen unentdeckt und ungenutzt – auch wenn in Leitbildern und Unternehmensrichtlinien Gegenteiliges steht. Haltungen sind deshalb von grundlegender Bedeutung. Nur wer Potenziale bei allen jungen Menschen erwartet, sie erkennen und anerkennen und unterstützen will, betreibt Talentförderung. Und wer fördert, muss in der Lage sein, hochstehende Übungs- und Trainingsprozesse so zu arrangieren, dass die jungen Talente im richtigen Mass herausgefordert und animiert werden, über sich selbst hinauszuwachsen. Dies alles genügt nicht. Talentförderung muss auch Chefsache sein und als grundlegende Ausbildungsaufgabe verstanden werden. Schul- und Geschäftsleitungen, welche ihre Lehrkräfte und Berufsbildner unterstützen, sind deshalb das Herzstück aller Anstrengungen.

    Nur, woran erkennt man, ob Schulen und Betriebe Talentförderung ernst nehmen? Erstens, inwiefern Programme zur Potenzialförderung existieren, und zwar für alle, also unabhängig von der sozialen oder kulturellen Herkunft und vom Geschlecht. Zweitens, ob sie stolz sind, junge Menschen auszubilden und auch an sie glauben und drittens, ob sie selbst von ihrer Arbeit mit jungen Menschen beflügelt sind. So einfach ist das.

    Die Talent-Epidemie darf uns nicht Glauben machen, dass junge Menschen tatsächlich talentierter als früher sind. «Talent», so wie der Begriff heute gebraucht wird, ist in vielen Fällen nichts anderes als eine Worthülse, eine PR-Massnahme im«Kampf um die Talente», d.h. umrar gewordene Lehrlinge oder, um teure Ausbildungen beliebt zu machen. Nicht selten ist das Gerede um Talente oberflächlich, weshalb es der Sache eher schadet als nützt. Eine Rückbesinnung auf das, was Talent meint und wann der Begriff verwendet werden soll, tut Not.

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    Erschienen in:Aargauer Zeitung / Nordwestschweiz, 26.01., 18.

     

    Es ist paradox: Viele Betriebe beklagen, dass sie ihre Ausbildungsplätze nicht mehr mit geeigneten Lehrlingen besetzen können. Trotzdem waren im Dezember 2014 ca. 9%der 15- bis 24-Jährigen ohne Arbeit und 16‘000 im Übergangssystem. Damit werden Angebote bezeichnet, die eine Brücke bauen zwischen der obligatorischen Schule und einer Berufslehre oder einer weiterführenden Schule. Dazu gehören etwa ein Motivationssemester, ein 10. Schuljahr, eine Au-Pair-Stelle oder ein Praktikum.

    Die Berufsbildung steht vor grossen Herausforderungen. Sie muss nicht nur jungen Menschen mit schlechten Startchancen den Übergang in die Ausbildung durch geeignete Massnahmen erleichtern, sondern auch für leistungsstarke Jugendliche attraktiv bleiben oder wieder werden. Weil aufgrund des Geburtenrückgangs und des Trends zum Gymnasium immer weniger geeignete Lehrlinge auf dem Markt sind, können sich leistungsstarke Jugendliche ihren Ausbildungsplatz aussuchen. Besondere Schwierigkeiten bei der Nachwuchssuche haben Bauberufe, das Gastgewerbe oder Betriebe im Lebensmittelhandwerk wie Metzger, Bäcker oder Konditoren. Sie gelten als wenig attraktiv, weil Arbeitszeiten, Verdienstmöglichkeiten oder Berufsimage nicht den Vorstellungen vieler Jugendlicher (und oft auch ihrer Eltern!) entsprechen. Folglich haben Firmen und Verbände begonnen, sich besser zu vermarkten.

    Viele von ihnen sind bereits ausgesprochen aktiv geworden, einige haben auch gute Strategien entwickelt. Besonders zu erwähnen sind zwei aktuelle Kampagnen des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). «Berufsbildungplus.ch» sucht gezielt Talente für die Berufsbildung, während mit «Match-Prof» die Zahl der offenen Lehrstellen markant gesenkt werden soll.   

    Aber lange nicht alle Massnahmen sind gut durchdacht, einige Lockvogel-Strategien sind besonders problematisch. Dazu gehören Arbeitgeber, die aus Angst vor unbesetzten Ausbildungsplätzen nun schon Prämien wie Fahrstunden, gratis SMS- oder Handy-Minuten, ein iPhone oder auch ein Abonnement für ein Fitness-Studio anbieten. Noch weiter geht eine Gastronomiekette, die den besten Lehrlingen ein Betriebsauto zur Verfügung stellt. Offenbar scheuen manche Betriebe keine Kosten, um die Jugendlichen wie begehrte Stars zu umwerben. Manchmal scheint dies zu funktionieren. Aber der Trend zu Belohnungen und Geschenken dürfte sich kaum durchsetzen.

    Zwar reicht es bei weitem nicht aus, wenn Firmen ihre offenen Lehrstellen lediglich ausschreiben. Wer sich so verhält, hat im Verteilungskampf um die klügsten Köpfe oder die goldensten Hände das Nachsehen. Denn grosse Unternehmen grasen den Markt schon sehr früh ab. Gerade für kleinere Unternehmen muss deshalb das Motto gelten: Jugendliche möglichst gezielt schon in der Schule ansprechen, umfassend informieren, am besten auch über Einladungen in den Betrieb und über das Angebot von Zusatzqualifikationen. Vor allem aber sollten sich Firmen um gehaltvolle Schnupperlehren bemühen. Eine gute Schnupperlehre ist wichtiger als jede in Aussicht gestellte Prämie.

    Verheerend wäre, wenn Betriebe mangels geeigneter Kandidaten ihre Ausbildungsplätze nicht mehr besetzen.Diese Taktik würde die Fachkräftesicherung enorm schwächen. Deshalb muss der Lehrlingsmangel zum Anlass genommen werden, die Rekrutierungsstrategien zu überdenken. Wer ausschliesslich auf Schulnoten, Leistungstests und einen hohen Schulabschluss setzt, schränkt den Kreis potenziell guter Bewerberinnen und Bewerber stark ein. Denn solche Kriterien sagen wenig aus über das Potenzial, das in einem jungen Menschen steckt. Nur allzu bekannt ist, dass Jugendliche, welche diesen Kriterien nicht entsprechen, gar keine Chance bekommen,im Bewerbungsprozess zu zeigen, wozu sie fähig wären. Rekrutierungsverfahren müssten deshalb stärker auf Motivationsfaktoren und Persönlichkeitsmerkmale setzen: auf ein gutes Selbstvertrauen, auf das Interesse am Betrieb und auf die Bereitschaft, sich reinzuknien und Neues zu lernen.

    Man kann das Glas immer als halbleer oder als halbvoll betrachten. Der Lehrlingsmangel bietet den Betrieben eine Chancezu erkennen, dass sie es sind, welche auf eine neue Art und Weise aktiv werden müssen. Jammern ist definitiv passé.

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 03.04.2016, 16.

     

    Die Polarisierung der Berufsbildung ist eigenartig: International wird sie als Exportschlager und Garant gegen Jugendarbeitslosigkeit hochgelobt, selbst jammert sie relativ oft: über die Lehrabbrüche, die fehlenden guten Lehrlinge oder über die vielen, welche nicht «ausbildungsreif» seien. Nicht selten sieht sie sich auch als Prügelknabe des Gymnasiums, das ihr die begabten Jugendlichen wegschnappen würde.

    Solche Klagen haben in Zeiten des Lehrlingsmangels keine günstige Wirkung auf die Attraktivität der Berufsbildung, bei den Jugendlichen selbst und vor allem auch bei den Eltern.Man kann nicht dauernd für sich selbst werben, gleichzeitig jedoch vor allem das Negative betonen. Deshalb wird die Berufsbildung nicht darum herumkommen, ihre Defizitorientierung durch eine Kultur des positiven Blicks zu ersetzen. Denn der Akademisierungstrend (immer mehr Jugendliche wollen in eine Fachmittelschule, etwas mehr ins Gymnasium) und die veränderte Demographie (sinkende Geburtenzahlen) lassen für die nächste Zeit keine Trendwende prognostizieren. Das duale Berufsbildungssystem wird sich folgedessen verstärkt als Talentschmiede darstellen, aber auch den Realschülern und den Jugendlichen im Übergangssystem öffnen müssen. Dies ist jedoch eine Klientel, die es bisher eher gemieden hat.

    Im neuen Berufsbildungsgesetz wird die Förderung leistungsstarker Lehrlinge explizit als Aufgabe der Betriebe und Berufsschulen genannt. Diese Pflicht wird jedoch zu einer enormen Herausforderung, weil Potenziale nicht per se an guten Schulnoten und hohen Schulabschlüssen erkennbar sind, sondern spezifisch gesucht und erkannt werden müssen. Dies ist insofern bedeutsam, weil es viele an sich talentierte Lehrlinge gibt, die in der obligatorischen Schule nicht zu den guten, sondern erstaunlich oft zu den mittelmässigen oder schlechten Schülern oder gar zu den schulmüden und desinteressierten Minderleistern gehörten.

    Zwar gibt es in der Praxis einige gute Projekte, Vorzeigebetriebe und Best-Practice-Berufsschulen, doch orientiert sich eine grosse Mehrheit nach wie vor am Ungenügen der Jugendlichen respektive an ihren Leistungsschwächen. Logischerweise haben deshalb Schulabgänger aus Realschulen und Sekundarschüler mit eher schlechten Noten einen eingeschränkten Zugang zum Ausbildungsmarkt. Sie sind diejenigen, die am häufigsten im Übergangssystem landen: Überdurchschnittlich oft absolvieren sie ein zehntes Schuljahr, ein Motivationssemester oder ein anderes Brückenangebot. Ihre Aussichten auf einen beruflichen Ausbildungsplatz sind auf ein begrenztes und häufig als wenig attraktiv erachtetes Berufsspektrum eingeengt.

    Angesichts der aktuellen Situation tut die Berufsbildung gut daran, über die Bücher zu gehen.Betriebe sollten ihre Selektionsmassnahmen überdenken und stärker zwischen Leistung (Schulnoten, Schulniveau, Klassenwiederholungen etc.) und Fähigkeiten jenseits des schulischen Wissens unterscheiden. Wer zu sehr auf schulische Merkmale setzt, schränkt den Kreis möglicher guter Bewerberinnen und Bewerber stark ein und nutzt das vorhandene, aber oft kaum sichtbare Potenzial in keiner Art und Weise.Erfolg versprechender sind Rekrutierungsverfahren, die sich stärker auf Persönlichkeitsmerkmale konzentrieren: auf ein gutes Selbstvertrauen, auf das Interesse am Betrieb, auf die Bereitschaft, Neues zu lernen und sich zu engagieren – aber ebenso auf gute Schnupperlehren, auf eine proaktive Zusammenarbeit mit Schulen und auf einen frühen Einbezug der Eltern. Nur so bekommen auch als eher schlechte Schüler etikettierte Jugendliche überhaupt einen Zugang zum Auswahlprozess.

    Mit Sicherheit werden Wirtschaft und Industrie zukünftig mehr denn je auf die Möglichkeit angewiesen sein, fachlich begabte Mitarbeitende rekrutieren zu können, die das handwerkliche Metier beherrschen und die berufliche Ausbildung nicht lediglich als Durchgangsstadium zur Fachhochschule nutzen, um dann einen anderen Beruf zu ergreifen. Ob sie Abgänger von Real-, Sekundar- oder Bezirksschulen sind, dürfte dabei eine eher unbedeutende Rolle spielen. Wesentlicher sind ihr Können und ihr inneres Feuer für den Beruf, das sie in der Ausbildung in ihrem Betrieb entwickelt haben.

  • Unglaublich, aber wahr: Noch vor ein paar Jahren dominierte die Jugendarbeitslosigkeit und die mit ihr verbundenen fehlenden Zukunftsperspektiven unserer Jugendlichen. Heute hat sich die Situation diametral verändert. Der Mangel an Ausbildungsplätzen ist einem Mangel an qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern gewichen: Aus dem Lehrstellenmangel ist ein Lehrlingsmangel geworden. In diesem Zusammenhang wurde bisher wenig diskutiert, dass dadurch auch die betriebliche Nachwuchssicherung und das unternehmerische Wachstum gefährdet sind. Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels dürfte sich diese Situation weiter verschärfen.

    Unbesetzte respektive schwierig zu besetzende Lehrstellen sind somit eine ernst zu nehmende  Problematik. Die aktuelle Situation ist dabei eine sehr spezielle: Neben dem sich immer deutlicher abzeichnenden Fachkräftemangel machen der Berufsbildung vor allem die demografischen Veränderungen zu schaffen. Stimmen die Daten des Bundesamtes für Statistik, dann wird die Anzahl Jugendlicher in diesem Altersspektrum bis zum Jahr 2020 drastisch sinken. Dazu kommt, dass die gymnasiale Ausbildung attraktiver denn je ist, obwohl längst nicht alle, welche eine Aufnahmeprüfung absolvieren, tatsächlich erfolgreich sind. Anzunehmen ist deshalb, dass die Berufsbildung weiterhin für viele Jugendliche lediglich zweite Wahl bleiben wird. Da vor allem die Jugendlichen mit guten Noten ins Gymnasium eintreten, dürften zudem die absoluten Zahlen der leistungsstarken Auszubildenden in der Berufsbildung weiter sinken.

    Aktuell wird sehr viel unternommen, um diese Problematik zu beheben. So will das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) mit der von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt initiierten Kampagne «Berufsbildungplus.ch» vermehrt Talente suchen und fördern. Als bildungspolitische Massnahmen vorgesehen sind zudem die Motivierung junger Frauen für technische Berufe oder die gezielte Nutzung des Potenzials junger Migrantinnen und Migranten. Ferner werden die Berufs(-weltmeister)schaften breit propagiert. Einzelne Verbände sind bereits ausgesprochen aktiv geworden in der Anwerbung potenzieller Auszubildender. Auch viele Betriebe haben begonnen, ihre Rekrutierungsstrategien den schwierigen Bedingungen anzupassen. 2014 soll laut Bundesrat Schneider-Ammann das Jahr der Berufsbildung werden: Vom 17. bis zum 21. September 2014 werden in Bern die ersten nationalen Berufs-Schweizermeisterschaften stattfinden.

    So weit so gut. Die andere Seite der Medaille ist leider die, dass aktuell ca. 10% der 15- bis 24-jährigen Jugendlichen im Dezember 2013 ohne Arbeit waren. 16 500 Jugendliche befanden sich im Übergangssystem. Damit werden alle Angebote bezeichnet, die eine Brücke bauen zwischen obligatorischer Schulzeit und einer Berufslehre resp. einer weiterführenden Schule. Dazu gehören beispielsweise ein Motivationssemester, ein 10. Schuljahr, eine Au-Pair-Stelle oder ein Praktikum etc. Jugendliche, welche sich in diesem Übergangssystem befinden, teilen eine gemeinsame Erfahrung: dass der Übergang Schule-Beruf für sie nicht erwartungsgemäss funktionierte. Die Hintergründe sind jedoch sehr unterschiedlich, so dass sich mindestens vier Gruppen Jugendlicher unterscheiden lassen:

    • Gruppe 1: Zu ihr gehören Jugendliche, welche zwar eine höhere Ausbildung angestrebt hatten, diese jedoch auf dem geraden gymnasialen Weg nicht erreichen konnten.

    • Gruppe 2: Sie umfasst solche Jugendlichen, welche trotz mehr oder weniger intensiver Suche keinen Ausbildungsplatz gefunden hatten.

    • Gruppe 3: Sie bündelt solche Jugendlichen , welche schlecht orientiert waren und deshalb ohne Planung ins Übergangssystem hineinstolperten.

    • Gruppe 4: Sie subsumiert diejenigen Jugendlichen, welche aufgrund ihres «strategischen Wartens» im Übergangssystem landeten, d.h., dass sie lieber eine weitere Schlaufe drehten als eine konkrete Ausbildung wählten.

    Solche Probleme verdeutlichen: Die Schweizer Berufsbildung hat eine Achillesferse. Auf der einen Seite klagen verschiedene Branchen über den Lehrlingsmangel, andererseits dreht jeder zehnte Jugendliche eine Warteschlaufe. Folgt man den Erklärungen vieler Betriebe und Verbände, so hat diese Achillesferse einen konkreten Namen: die «fehlende Ausbildungsreife». Im April 2013 gaben mehr als 30% der befragten Betriebe als Gründe für ihre unbesetzten Lehrstellen einen «Mangel an qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern» an. Hört man sich etwas herum, so lässt sich der Begriff schnell einmal konkretisieren: Neben schlechtem Benehmen oder Unpünktlichkeit klagen viele Lehrbetriebe über fehlendes Grundlagenwissen. Bewerberinnen und Bewerber könnten kaum mehr einen Text ohne Fehler schreiben oder die minimalsten mathematischen Grundoperationen beherrschen.

    Solche Klagen wirken neu, sind es aber nicht. Wir kennen sie seit mindestens zwanzig Jahren (und wir kennen sie auch an Gymnasien und Universitäten!). Manchmal sind es einfach Schutzbehauptungen, weil sich Betriebe nicht verändern oder keine Ausbildungsplätze mehr anbieten wollen. Die Klagen sind jedoch so intensiv, dass sich die Bildungspolitik damit auseinandersetzen muss. Nur, was ist zu tun? Einfach mehr Drill von der obligatorischen Schule verlangen, damit sie diese Mängel behebt und garantiert, dass alle Schüler über solche «Mindestkompetenzen» verfügen? Wir alle wissen, dass dies angesichts der heutigen heterogenen Schülerklientel und unter den gegebenen finanziellen Bedingungen kaum im geforderten Tempo möglich sein wird. Sollen somit die Betriebe ihre Anforderungen nach Ausbildungsreife strikt durchsetzen und deshalb Ausbildungsplätze aufgrund fehlender Qualifikationen der Bewerberinnen und Bewerber streichen? Dies wiederum wäre für die Nachwuchs- und Fachkräftesicherung unseres Landes fatal. Schon letztes Jahr verzeichnete der Verband für Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie Swissmem für seine Branche einen Rückgang der Neuanstellungen von Lehrlingen um 8%.

    Meines Erachtens ist die hier beschriebene Achillesferse der Berufsbildung nicht lediglich ein Problem der fehlenden Ausbildungsreife. Mit Sicherheit gibt es auch Gründe, die bei den Betrieben selbst liegen. Darauf verweist unsere empirische Untersuchung zum Lehrlingsmangel, die wir im letzten Sommer veröffentlicht haben*. In dieser Untersuchung haben wir «erfolgreiche Lehrbetriebe» (definiert als Betriebe, welche alle Lehrstellen besetzen konnten) mit «nicht erfolgreichen Betrieben» verglichen (definiert als Betriebe mit unbesetzten Lehrstellen). Im Ergebnis zeigte sich, dass sich diese beiden Gruppen in ihren Rekrutierungs- und Selektionsstrategien deutlich voneinander unterschieden. Betriebe haben folgedessen einen relativen grossen Einfluss darauf, ob sie geeignete Kandidatinnen und Kandidaten finden oder nicht. Betriebe sind nicht nur Opfer der aktuellen Situation.

    Was zeichnet somit erfolgreiche Lehrbetriebe aus? Und was könn(t)en weniger erfolgreiche Betriebe von ihnen lernen? Acht Faktoren sind ausschlaggebend. Erfolgreich Betriebe

    1. werben systematisch und kontinuierlich um gute Auszubildende und schreiben solche auch direkt an;

    2. arbeiten regelmässig mit Schulen und Bildungsträgern zusammen und machen auf ihr Unternehmen aufmerksam;

    3. bemühen sich systematisch darum, Eltern frühzeitig zu erreichen;

    4. arbeiten direkt mit Berufsberatungen zusammen;

    5. bauen bedeutungsvolle Gesten in ihre Strategien ein (Präsenz an Betriebes- und Ausstellungsmessen etc.);

    6. setzen Anreize ein, welche Jugendliche an sie binden. Deshalb sind sie nicht konsumorientiert (wie Fahrstunden, SMS-Minuten etc.), sondern setzen auf Kompetenzerweiterung und Karrieremöglichkeiten wie interessante Weiterbildungen oder einen Einsatz in einer Auslandfiliale;

    7. berücksichtigen Bewerbungen von Jugendlichen aller Schulniveaus;

    8. gewichten Multi-/Basis-Checks und schriftliche Bewerbungsunterlagen, Schulnoten und Absenzen geringer, Persönlichkeitsmerkmale wie Leistungsbereitschaft, Höflichkeit, Fleiss, Pünktlichkeit etc. jedoch höher.

    Betriebe sollten generell viel stärker zwischen Leistung (Schulnoten) und Potenzial unterscheiden und Fähigkeiten jenseits des schulischen Wissens in ihren Rekrutierungsstrategien berücksichtigen. Die einseitigen Klagen über die «fehlende Ausbildungsreife» sind wenig innovativ und bilden nur die die eine Seite der Medaille ab. Denn wer zu sehr auf schulische Kompetenzmerkmale setzt, schränkt den Kreis potenziell guter Bewerberinnen und Bewerber stark ein und nutzt das Potenzial in keiner Art und Weise. Gerade weil heute der Ansturm aufs Gymnasium so gross ist, sind es zunehmend die Schülerinnen und Schüler mit weniger gute Schulnoten und mit weniger geradlinigen Schullaufbahnen, die der Berufsbildung zur Verfügung stehen werden. Diese jedoch sind nicht minder geeignet, die zukünftigen Talente der Schweizer Berufsbildung zu werden. Der Blick auf sie muss sich allerdings zwingend verändern.

     

    Literatur

    *Stamm, M. (2013). Dossier Lehrlingsmangel. Strategien zur Rekrutierung des Nachwuchses.(http://www.margritstamm.ch/component/docman/cat_view/4-dossiers.html?Itemid=)

  • Anfangs letzter Woche wurde bekannt, dass die älteste Engadiner Privatschule, das Hochalpine Institut Ftan, noch diesen Sommer schliessen muss. Als Grund angegeben wurden der drastische Schülerschwund und finanzielle Probleme. Offenbar müssen aber auch andere traditionsreiche Internate ihre Schüler intensiver suchen und sich Einiges einfallen lassen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Ein Hauptgrund für die vermehrte Konkurrenz dürften die vielen Privatschulen sein, die wie Pilze aus dem Boden schiessen, insbesondere in grossen Städten wie Zürich, Genf, Bern oder Basel. Rund um den Zürichsee ist das Angebot besonders dicht. So startet die Swiss International School im Schwyzerischen Pfäffikon dieser Tage mit dem Ziel, im Vollausbau 300 Plätze anzubieten. Was steckt eigentlich hinter diesem Privatschul-Trend? Wieso sind die Wartelisten trotz meist (sehr) hoher Gebühren lang,und was bedeutet er für unsere Gesellschaft insgesamt?

    Schweizweit besuchen durchschnittlich ca. 5% der Kinder und Jugendliche eine Privatschule, Tendenz steigend. Das ist an sich noch kein hoher Marktanteil, doch wenn man die Privatschülerquote in einzelnen Gemeinden betrachtet, dann gibt dies zu denken. Im Kanton Zürich haben beispielsweise Gemeinden wie Zumikon, Rüschlikon oder Kilchberg Privatschülerquoten von gegen 25%, im Kanton Schwyz ist es Wollerau mit 21% und Walchwil im Kanton Zug mit 23%. Vor dem Hintergrund, dass Privatschulen immer mehr glorifiziert werden, ist das eine bemerkenswerte Realität.

    Um es vorweg zu nehmen: Ich bin nicht gegen Privatschulen, und ich verstehe Eltern, welche aufgrund schlechter Erfahrungen oder übermässigem Leiden ihres Nachwuchses fürchten, ihr Kind könnte an der öffentlichen Schule scheitern und es deshalb in eine Privatschule stecken.Sie wollen das Beste für ihr Kind,und suchen deshalb eine Schule ihrer Vorstellung. Sorgen bereitet mir jedoch, dass Eltern bereitsbei kleinsten negativen Erfahrungen der Schule mit diesem Schritt drohen und ihn dann auch vollziehen. Es sind bei weitem nicht nur Klagen, die Klassen seien zu gross, das Kind würde gemobbt oder die Schülerschaft sei zu heterogen. Viele Eltern sind überzeugt,die Volksschule werde ihrem Kind nicht gerecht, es würde in seinen Begabungen zu wenig gefördert, weshalb sie das Ziel Gymnasium und Studium als gefährdet sehen.Der Wechsel in eine Privatschule hat oft mit einer Art Bildungspanik zu tun, das Kind könnte die in es gesetzten Ziele nicht erfüllen.

    Gerade deswegen sind Privatschulen eine enorme Konkurrenz für die öffentlichen Schulen geworden. Denn sie richten sich an der Familie und dem Elternwillen aus, sind oft flexibler und auf die individuelle Förderung ausgerichtet. Deshalb gibt es in ihnen auch weniger Sitzenbleiber. Und auch was ihre Leistungen betrifft, kann ihnen ein gutes Zeugnis ausgestellt werden. Gerade die PISA-Studien haben gezeigt, dass sich Privatschulen in dieser Hinsicht kaum von den öffentlichen Schulen unterscheiden. Allerdings liegt der Grund nicht in ihrer besseren Qualität, sondern in der allgemein homogen hohen sozialen Herkunft der Kinder. Denn berücksichtigt man diese, dann schneiden öffentliche Schulen eher besser ab.

    Dieses Ergebnis spricht somit eigentlich für die öffentlichen Schulen und ihre hohe Integrationsfähigkeit. Denn sie haben bekanntlich einen gesellschaftlichen Auftrag, alle Kinder, sowohl die Besten als auch die Schwächsten, auszubilden, zu fördern und zu integrieren. Aber leider haben die öffentlichen Schulen es in den letzten Jahren oft versäumt, mit den Privatschulen gleichzuziehen. Beispielsweise: das eigene Profil zu schärfen und sichtbar zu machen, klare pädagogische und erzieherische Grundsätze im Sinne eines Wertekanons aufzuzeigen und die kindliche Verantwortung zu stärken, dieBindung zwischen Lehrern und Schülern stärker zu gewichten, Ganztageskonzepte einzurichten, bilinguales Lernen zu ermöglichen, neue Lehr- und Lernformen sowie vielfältige Angebote systematisch einzuführen etc.

    Die Volksschule versteht sich heute – von wenigen Ausnahmen abgesehen – zu stark als Opfer der gesellschaftlichen Entwicklung. Sie klagt zu viel, anstatt das Zepter in die Hand zu nehmen und aufzuzeigen, wozu sie fähig ist. Die Volksschule muss ein Spiegel der Gesellschaft sein, nicht die Privatschulen. Sie dürfen lediglich eine sinnvolle Ergänzung der öffentlichen Schulen sein.

    Dass Eltern ihre Kinder, die an der öffentlichen Schule negative Erfahrungen machen, aus der Schule nehmen und sie in eine private Schule schicken, ist zwar verständlich, aber trotzdem kein gutes Zeichen: Man sollte diese Entwicklung ernst nehmen, denn zu lange hat man die Privatschulen als qualitativ weniger gute Institutionen für vermögende und verwöhnte Kinder abgetan. Es darf nicht so sein, dass diejenigen, die es sich leisten können, eine gute Privatschulbildung bekommen und die anderen in der öffentlichen Schulen bleiben müssen. Eine gute Ausbildung muss für alle unabhängig von der finanziellen Situation möglich sein.

    Nicht nur die öffentlichen Schulen sind gefordert, sondern auch die Bildungspolitik. Und zwar deshalb, weil mit dem Privatschul-Boom ein weiteres, bisher kaum diskutiertes Problem verbunden ist: die Schwächung der Berufsbildung. Denn es versteht sich von selbst, dass Eltern, die ihr Kind für teures Geld in eine Privatschule schicken, den akademischen Weg im Blick haben und nicht die Berufslehre. Weil die Berufsbildung auch in dieser Hinsicht die Verliererin ist, braucht es dringend grundlegende Änderungen. Kantone, die mit ihrer Steuerpolitik übermässig finanzstarke und bildungsambitionierte Eltern anziehen, müssten gezielt und mit identischen finanziellen Aufwendungen die Berufsbildung stärken.

  • erschienen in: Aargauer Zeitung, Die Nordwestschweiz, 11.08.2014

    Es ist eigenartig: Die Schweizer Berufsbildung geniesst einen ausgesprochen guten Ruf, doch gehen ihr langsam die Lehrlinge aus. Noch 2007 hätte man sich nicht vorstellen können, dass viele Betriebe sieben Jahre später in bestimmten Berufen händeringend junge Menschen für eine Berufsausbildung suchen. Die Forderung des Gewerbes nach einem Umdenken in der Bildungspolitik ist deshalb nur zu unterstützen. Zwar tun Bund und Kantone mitgezielten Kampagnen ausgesprochen viel. Auch viele Betriebe haben entdeckt, dass sie sich stärker um potenzielle Auszubildende bemühen müssen. Der Erfolg ist trotzdem bescheiden geblieben.

    Der Hauptgrund dürfte darin liegen, dass die Eltern als diewichtigste Orientierungsinstanz bei der Berufswahl des Nachwuchses ausgeblendet wurden.Väter, vor allem aber die Mütter, haben nicht nur einen grossen emotionalen Einfluss, sondern sind auch die wichtigsten Bezugspersonen ihrer Söhne und Töchter. Die Gleichaltrigen sind in diesem Prozess weniger wichtig. Deshalb halten Elterndas Zepter fest in der Hand und nehmendas, was die Schulen«Berufsorientierung» bezeichnen, oft gar nicht als Prozess wahr, sondern lediglich als Umsetzung ihrer eigenen Vorstellungen. Der Sohn oder die Tochter soll den Beruf wählen, den sie selbst als der angemessenste erachten.

    Wo liegt das Problem?Vor allem darin, dass die Kantonsschule, also derakademische Bildungsweg, eine grosse Anziehungskraft hat und viele Eltern glauben, er sei der einzig Richtige und Sichere. Die Berufslehre ist für sie eher eine Sackgassenausbildung. Nur, wer sollte ihnen dies verübeln, wenn die ganze Welt vonExzellenz spricht, von der Vorschule («Exzellenzkrippen») bis zur Hochschule («Exzellenzuniversitäten»)? Eigentlich ist es mehr als verständlich, wenn viele Eltern dadurch zunehmend beunruhigt sind,ihre Sprösslinge könnten im Wettbewerb um eine gute Ausbildung nicht bestehen.Konkurrenzfähigkeit ist deshalb zum unausgesprochenen Erziehungsziel geworden.

    Die Medaille hat wie immer eine Kehrseite.Väter und Mütter entwickeln zunehmend unrealistische Vorstellungen von den Fähigkeiten ihres Kindes. Akademikereltern überschätzen sie häufig, während Eltern aus einfachen Sozialschichten sie oft unterschätzen. Dies ist ein wesentlicher Grund dafür, dassdie Berufsbildung vor allem von Jugendlichen aus nicht akademischen Elternhäusern in Anspruch genommen wird. Zwar darf man Kantonsschule und Berufslehre nicht gegeneinander ausspielen. Doch ist dieser Zustand mit Sicherheit nicht zukunftsträchtig. Denn in erster Linie sollten Neigungen und Fähigkeiten den Ausschlag zur Berufs- und Bildungswahl geben und nicht die Präferenz der Eltern. Wenn dem so wäre, dann wären mehr Talente in der Berufsbildung vertreten.

    Nur, wer weiss denn schon, dass Berufslehre und Berufsmaturität den Weg an eine Fachhochschule erlauben und mittels einer Passerelle sogar ein Universitätsstudium möglich ist?Zu viele Eltern (und oft auf Lehrkräfte) kennendie einmalige Durchlässigkeit unseres Bildungssystems gar nicht. Diese Informationslücke ist in allen Sozialschichten festzustellen, insbesondere auch in ausländischen Familien.

    Es ist klar: Die Diskussion um die schwindende Attraktivität der Berufsbildung, der«Kampf um die Talente», hat sich bisher zu einseitig auf Schulen, Betriebe und Verbände konzentriert. Die Familie ist vergessen gegangen.Wenn dieBerufsbildung als gleichwertige Alternative zum akademischen Bildungsweg wahrgenommen und von den Eltern und ihrem Nachwuchs tatsächlich auch gewählt werden soll, dannmüssen sie zum zentralen Element in der aktuellen Diskussion um den Lehrlingsmangel werden.Deshalb gilt es, Strategien zu entwickeln. Anzusetzen ist auf mindestens zwei Ebenen.

    Es braucht eine umfassende Aufklärungsarbeit. Zwarfehlt es nicht an Information und Ratgebern zur Berufswahl, wohl jedoch an solchen relevanter Art. Sie thematisieren zu wenig die Vor- und auch Nachteile der verschiedenen Bildungswege sowie die Fähigkeiten und Talente, über welche der Nachwuchs im Hinblick auf Kantonsschule und berufslehre verfügen müsste. Oft wissen Eltern zudem kaum, wie sie vorhandene Berufsinformation auswählen und gewichten sollen. Zudem kommen sie viel zu spät damit in Kontakt. Die Forschung zeigt nämlich, dass Eltern ihreBildungsentscheidungen sehr früh, meist bereits im Primarschulalter, fällen. Deshalb muss Informationsmaterial viel früher als dies bisher der Fall gewesen ist, zur Verfügung stehen. Will die Berufsbildung ihre Attraktivität steigern, tut sie somit gut daran, sich verstärkt auf die Eltern als heimliche Meinungsmacher zu konzentrieren.

  • erschienen in Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 27.09.2021, 4.


    Elitär, exklusiv, käuflich, sagen die Gegner – innovativ, leistungsförderlich, individualisiert die Befürworter. Privatschulen bringen uns in Wallung, spätestens dann, wenn eine Sozialdemokratin ihr Kind in ein privates Gymnasium schickt oder irgendwo am Zürichsee eine Schule mit einem «International» im Namen öffnet.

    Privatschulen als Konkurrenz der öffentlichen Schulen

    Schweizweit besuchen durchschnittlich sechs Prozent der Heranwachsenden eine Privatschule, Tendenz steigend. Das ist noch kein hoher Marktanteil, doch betrachtet man die Privatschülerquote in Gemeinden und Kantonen, sieht es anders aus. Im Kanton Zürich haben beispielsweise Zumikon oder Kilchberg Anteile von gegen 26 Prozent. Spitzenreiter bei den Kantonen sind Genf mit 14 Prozent und Basel-Stadt mit zehn Prozent. Schülerinnen und Schüler mit ausländischer Staatsangehörigkeit besuchen fast doppelt so oft eine Privatschule wie einheimische Schulkinder.

    Warum werden Privatschulen zunehmend eine Konkurrenz der öffentlichen Schulen? Die Antworten aus einer Pisa-Vergleichsstudie zeigen Überraschendes. Egal ob man das Alter der Lehrkräfte oder die Zufriedenheit der Kinder und Jugendlichen unter die Lupe nimmt: Unterschiede zwischen öffentlichen und privaten Schulen sind marginal. Doch in der Leistung stechen die Privaten hervor. Ihre Schülerinnen und Schüler sind besser in Mathematik, sie lesen flüssiger und machen weniger Rechtschreibfehler. In der Sekundarstufe I sind sie den Heranwachsenden öffentlicher Schulen bis zu einem halben Jahr voraus. Und sie haben weniger Sitzenbleiber.

    Vieles spricht für öffentliche Schulen - aber sie klagen zu viel

    Einer der Gründe hierfür liegt in der homogen hohen sozialen Herkunft der Privatschüler und -schülerinnen. Berücksichtigt man dies, schneiden öffentliche Schulen ein wenig besser ab. So besehen ist es erstaunlich, dass Privatschulen nicht ausgeprägter von ihrem Herkunftseffekt profitieren. Das Ergebnis spricht somit auch für die öffentlichen Schulen und ihre Integrationsfähigkeit. Sie haben den gesellschaftlichen Auftrag, alle Kinder, sowohl die Besten als auch die Schwächsten, auszubilden, zu fördern und zu integrieren. Trotzdem haben sie teilweise versäumt, mit den Privatschulen gleichzuziehen. Etwa im Bestreben, das eigene Profil sichtbar zu machen, individuelle Betreuung und gezielte Förderprogramme für begabte Kinder zu etablieren oder die Beziehung zwischen Lehrkräften und Heranwachsenden mehr zu gewichten.

    Hinter dem Entscheid von Eltern, den Sprössling in eine Privatschule zu schicken, stecken spezifische Vorstellungen, wie eine optimale Bildung aussehen soll. Dabei überwiegen Klagen, die Klassen seien zu gross, das Kind würde gemobbt oder die Schülerschaft sei zu heterogen.Doch dahinter steckt nicht selten die Strategie, das Gymnasium und damit die Maturität als Statussymbol garantieren zu können. Deshalb kann der Wechsel in eine Privatschule auch lediglich Ausdruck einer Art Bildungsangst sein, das Kind könnte die erwarteten Ziele nicht erfüllen.

    Der Trend hat auch mit der Volksschule selbst zu tun. Sie klagt zu viel über ehrgeizige Eltern, anstatt das Zepter in die Hand zu nehmen und aufzuzeigen, wozu sie fähig ist. Die Volksschule muss ein Spiegel der Gesellschaft sein, nicht die Privatschulen. Sie sind eine sinnvolle Ergänzung der öffentlichen Schulen. Doch zu lange hat man die Privatschulen als qualitativ weniger gute Institutionen für verwöhnte Kinder aus vermögenden Familien abgetan.

    Privatschulen und die Schwächung der Berufsbildung

    uch die Bildungspolitik ist gefordert. Denn mit dem Privatschultrend ist auch die Schwächung der Berufsbildung verbunden. Es versteht sich von selbst, dass Eltern, die ihr Kind für teures Geld in eine Privatschule schicken, den akademischen Weg im Blick haben und kaum die Berufslehre. Obwohl es Privatschulen gibt, welche dieses Problem proaktiv angehen, müssten Kantone die Berufsbildung gezielter stärken. Das betrifft vor allem Kantone, die mit ihrer Steuerpolitik finanzstarke und privatschulaffine Familien anziehen. 

  • Die Schweiz arbeitet sich hoch in Richtung mehr Maturanden. Nur im Gymnasium, so das Kalkül vieler Eltern, liegt die Zukunft ihrer Kinder. Offenbar ist dabei ist laut Die ZEIT (21.09.2011) und Tages Anzeiger (05.10.2012) so etwas wie ein 'Grenzverkehr' entstanden: Immer mehr Eltern - Deutsche wie Schweizer - würden ihre Kinder in deutsche Gymnasien jenseits der Grenze schicken.

    Das Phänomen des Gymnasiums als einzigem Bildungsziel ist neu, gleichzeitig auch paradox: Noch nie haben Eltern so viel Geld ausgegeben und so viel in Kauf genommen für die Bildung ihrer Kinder. Aber auch noch nie haben sie so grosse Angst gehabt, dass sie es nicht schaffen könnten.

    Hat der neue ETH-Rektor, Lino Guzzella, der kürzlich mit seiner Forderung nach härteren Maturaprüfungen für einiges Aufsehen gesorgt hat, diese Panik noch geschürt? Immerhin dürfte es in Zukunft für Eltern etwas schwieriger werden, den Kindern mit der Matura die besten Plätze auf dem Weg zur akademischen Karriere sichern zu können.

    Nein, das hat er nicht. Denn Eltern werden immer Wege finden, staatlich gelenkte Vorgaben zu unterlaufen, zumindest diejenigen, die an der Bildung ihrer Kinder interessiert sind. Und dies ist heute die überwiegende Mehrheit der Mittelschicht. Für sie ist Bildung längst kein selbstverständliches öffentliches, sondern ein hart umkämpftes privates Gut geworden. Ihre Interessen sind legitim: Die Kinder sollen mindestens den gleichen Status wie sie erreichen oder, besser noch, ihn übertreffen. Wer selbst ein Gymnasium absolviert hat, tut alles dafür, dass dies auch für die eigenen Kinder so bleibt. Und wer zu den Bildungsaufsteigern gehört, die in bessere Positionen gerutscht sind als ihre Eltern, will seine Kinder so unterstützen, dass sie von Anfang an die besseren Chancen als die anderen haben. Heinz Bude nennt dies in seinem lesenswerten Buch «Bildungspanik» auch Ansteckungsangst: Deshalb sucht und verteidigt man Privilegien.

    Dass der Einfluss des Umfeldes entscheidend für die Entwicklung des Kindes ist, wissen die Eltern. Deshalb hat ihre Ansteckungsangst auch etwas Vermeidendes in sich: indem sie Quartiere mit vielen ausländischen Kindern und bildungsfernen Familien verlassen und in solche mit Gleichgestellten und Gleichgesinnten ziehen. Frühförderung ist zur Norm und das Gymnasium zum unhinterfragten Ziel geworden, von Nachhilfestunden und Lernstudios gar nicht zu reden.

    Dies ist eine verfahrene Situation. Denn in der Schweiz haben wir keine Bildungskatastrophe, kaum Jugendarbeitslosigkeit, und wir driften auch nicht nach unten ab. Wenn Eltern ihren ganzen Ehrgeiz aufs Gymnasium setzen, wird Bildung zum teuflischen Gut und unsere Bildungsvielfalt zur grossen Verliererin. Die Berufsbildung verliert an Prestige, obwohl die Lehre mit Berufsmatura nicht nur eine berufliche Ausbildung, sondern auch den Zugang zu den Fachhochschulen sichert.

    Das Problem ist aber nicht nur das, dass sich Eltern viel zu sehr aufs Gymnasium konzentrieren. Ihre Ansteckungsangst trübt auch den Blick auf eine soziologische Tatsache: dass wir in einer Risikogesellschaft leben, in der es immer Verlierer geben wird und zwar deshalb, weil andere pfiffiger, frustrationstoleranter oder durchsetzungsfähiger sind. Zwar ist die Familie für die Prognose des Bildungserfolgs zentral. Aber was die Kinder dann auf dem Markt tatsächlich erreichen und wie sie sich durchsetzen können, bleibt auch in der bildungsambitioniertesten Familie unsicher. Ausbildung ist immer auch ein Einüben in die Anforderungen einer komplexen Gesellschaft. Diese sind bunter und vielfältiger als der Tunnelblick aufs Gymnasium.

  • Tatsache ist, dass in der Schweiz viele Lehrstellensuchende aktuell noch keine Zusage für eine Lehrstelle haben, weil ihnen nach Meinung der Betriebe die notwendigen Qualifikationen fehlen. Andererseits ist der Lehrlingsmangel in gewissen Branchen enorm. Der Bundesrat prüft deshalb, ob diese Situation entschärft werden könnte, wenn die Schweiz arbeitslose Griechen, Spanier oder Italiener ausbilden würde. In diesen südeuropäischen Ländern beträgt die Jugendarbeitslosigkeit teilweise um 50%, in der Schweiz hingegen nur 2.9%.

    Meine Haltung ist klar: Wir haben genug Potenzial an Auszubildenden in unserem Land. Zudem hat der Bund eine vielversprechende Qualitätsoffensive gestartet. Ist diese so schnell vergessen gegangen, die uns in Form der Kampagne «BERUFSBILDUNGPLUS.CH. Der Weg der Profis» von vielen Plakaten entgegen(ge)lacht (hat)? Das Ziel dieser Offensive ist die Suche und Förderung von Talenten, die Anwerbung von Frauen für technische Berufe und die gezielte Nutzung des Potenzials von jungen Migrantinnen und Migranten. Dies bleiben bekanntlich nicht selten wegen ihres Namens, ihrer schlechten Schulnoten und aufgrund ihres kulturellen Hintergrunds auf der Strecke.

    Nach Meinung der Betriebe liegt die Hauptursache des Lehrlingsmangels bei den Jugendlichen selbst, weil sie den Leistungsanforderungen kaum mehr genügen. Viele Betriebe rügen die Volksschule immer wieder und teilweise auch sehr pointiert, dass sie die Schülerinnen und Schüler zu wenig auf das vorbereiten würde, was in der beruflichen Grundbildung gefordert sei. In den Warteschlaufen, d.h. im 10. Schuljahr, in den Brückenangeboten oder den Motivationssemestern, sind die meisten Jugendlichen genau aus solchen Gründen: Weil sie die mündliche und schriftliche deutsche Sprache nur mangelnd beherrschen, lediglich elementare Mathematikkenntnisse haben oder auch, weil ihre so genannten ‚Sekundärtugenden‘ nicht genügend ausgebildet sind. Dazu gehören Leistungsmotivation, Zuverlässigkeit, Fleiss und Ordnungssinn.

    Meint man nun tatsächlich, spanische und portugiesische Lehrlinge würden über solche Kompetenzen automatisch verfügen? Oder sie liessen sich in einem Crash-Kurs für die notwendigen Sprachkenntnisse in kürzester Zeit fit machen? Oder spielt es plötzlich keine grosse Rolle mehr, wenn der Konditorlehrling aus Portugal kaum mehr deutsch kann? Solche südeuropäischen Jugendlichen sprechen ja in der Regel weder deutsch noch französisch und haben dies in der Schule auch nicht gelernt.

    Meines Erachtens ist diese Idee eine blauäugige und zudem eine, welche eine Ohrfeige für all die jungen Menschen ist, welche in der Schweiz leben, x-Bewerbungen schreiben, nur Absagen erhalten und viele von ihnen bisher gar nie eine Chance bekommen haben, sich zu bewähren und sich zu engagieren. Das Risiko steht im Raum, dass ein Teil dieser Warteschlaufen-Kids zur verlorenen Generation wird. Viele von ihnen sind nicht einfach schlecht oder dumm, sondern sie sind nicht entsprechend, und vor allem nicht entsprechend früh, gefördert und in ihren Sekundärtugenden ‚geschliffen‘ worden. Anstatt Jugendliche aus Südeuropa anzuwerben, müssten Politik und Wirtschaft gerade in der jetzigen Situation genau für dieses Segment von Jugendlichen gezielte und verbindliche Perspektiven schaffen.

    Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich schliesse ausdrücklich die grenznahen Gebiete der Schweiz aus, wo die Situation anders aussieht. Dazu gehören beispielsweise die etablierte Tradition im Raum Basel oder – eher neuerer Natur – diejenige im Tessin, wo ausländische Jugendliche als Lehrlinge eingestellt werden und mit denen man gute bis sehr gute Erfahrungen macht. Im Unterschied zu Südeuropäern sprechen sie aber die Umgangssprache sehr oft bereits seit langem und vor allem werden sie auch nicht so entwurzelt, wie dies bei den Südeuropäern der Fall wäre.

    Denn viel zu wenig bedacht wird, dass junge angeworbene Südeuropäer – genauso wie unsere einheimischen Jugendlichen – mitten in der Pubertät stehen. Max Frisch hat in den 1960er Jahren einmal gesagt: «Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.» Übertragen auf die heutige Situation könnte man formulieren: «Wir riefen Lehrlinge und es kamen Kinder.» Entwicklungspsychologisch betrachtet brauchen junge Menschen immer – ob Nord-, West-, Mittel-, oder Südeuropäer – ein familiäres Umfeld, das ihnen Halt, Unterstützung und Nestwärme bietet. Dies zu leisten vermag die Idee des Bundesrats, so wie sie heute ausgereift ist, nicht. Anstatt Lehrlinge aus Südeuropa anzuwerben, täte die Schweiz viel besser daran, in den Ländern selbst zu investieren. Rudolf Strahm hat mit der Idee der Kohäsionsmilliarde einen Anstoss gegeben.

    Meines Erachtens ist es die erste und auch vornehmlichste Pflicht unseres Landes, allen hier lebenden Jugendlichen einen Ausbildungsplatz zu ermöglichen und sie gezielt und vor allem früh genug in ihrem Kompetenzaufbau zu unterstützen. Die gegenwärtige Situation kann für Lehrbetriebe zur Chance werden, ihre Selektionsstrategien zu überdenken. Schulnoten verdecken oft das, was Jugendliche eigentlich könnten. Dies trifft oft für schulmüde Jugendliche zu, die im Prinzip leistungsstark sein könnten. Betriebe sollten deshalb viel stärker zwischen Leistung und Potenzial unterscheiden und Fähigkeiten, die jenseits schulischen Wissens vorhanden sind, berücksichtigen.

  • Ist es nicht sonderbar? Zur Zeit verzeichnet die Schweiz einen markanten Lehrlingsmangel. Trotzdem sind laut dem Bundesamt für Statistik 10.6% der jungen Menschen ohne Arbeit resp. ohne Ausbildungsplatz. Daraus lässt sich der Schluss ziehen: Unser System produziert einerseits zu wenig potenzielle Auszubildende, andererseits immer noch zu viele Bildungsverlierer. Und zu ihnen gehören vor allem Realschüler. Warum ist das so?

    Schon lange wissen wir: Realschüler haben einen eher eingeschränkten Zugang zum Ausbildungsmarkt. Sie sind diejenigen, die am häufigsten im Übergangssystem vertreten sind: Überdurchschnittlich oft absolvieren sie ein zehntes Schuljahr, ein Motivationssemester oder ein anderes Brückenangebot. Dazu kommt, dass ihre Aussichten auf einen beruflichen Ausbildungsplatz auf ein begrenztes und häufig als wenig attraktiv erachtetes Berufsspektrum bezogen sind. Es sind also keineswegs nur die jungen Frauen – wie dies bisher immer betont worden ist – welche gegenüber den jungen Männern benachteiligende Bedingungen beim Berufseinstieg vorfinden, sondern ebenso sehr die Gruppe der Realschüler, welche am unteren Ende der Skala platziert ist. Wilfried Schneider hat sie einmal die «Kellerkinder» unserer Gesellschaft genannt.

    Sind Realschüler tatsächlich dümmer als Sekundarschüler oder als solche, welche ins Gymnasium wechseln wollen? Oder liegt es vielleicht daran – wie man dies in letzter Zeit sehr oft hört und liest – dass die Anforderungen in der beruflichen Grundbildung eben gestiegen und Realschüler darüber hinaus oft nicht ‚ausbildungsreif‘ seien?

    Hierzu liegen nur sehr wenige, aber interessante Forschungsergebnisse vor. So zeigt beispielsweise Paula Protz in ihrer Dissertation auf, dass weder die erhöhten Anforderungen ursächlich dafür verantwortlich sind, wenn Realschüler keine Lehrstelle finden noch die angehobenen schulischen Voraussetzungen. Von einem generellen Trend komplexer und anspruchsvoller werdender Lernanforderungen könne kaum die Rede sein.

    Für die schlechteren Chancen der Realschüler sind vielmehr andere Mechanismen mitverantwortlich. Zum ersten ist es die Tatsache, dass ihr Anteil seit den 1960er Jahren um fast 30% gesunken ist, d.h. von ehemals 40% auf heute 10% bis 20%. Deshalb stehen seit vielen Jahren höher qualifizierte Schulabgänger in weit umfassenderem Ausmass zur Verfügung. Demzufolge können Betriebe vermehrt Jugendliche mit einem Abschluss auf einem anforderungshöheren Schulniveau wählen.

    Zum zweiten dürfte die so genannte «Diskreditierungsthese» eine Rolle spielen. Dieser Begriff stammt von Heike Solga. Gemäss dieser These werden Realschüler gerade wegen des Trends zu höheren Schulabschlüssen immer mehr als minderwertige soziale Gruppe wahrgenommen. Dies zeigt sich im weit verbreiteten Vorurteil, dass ihre Voraussetzungen nicht ausreichen würden, um erfolgreich eine Berufslehre zu absolvieren und dann einen guten Abschluss zu erzielen. Diese These hat sich in unseren Untersuchungen bestätigt. Viele Betriebe nehmen Realschüler nicht nur als «normabweichende Minderheit» wahr, sondern diskreditieren sie auch, weil sie ihnen gar keine Chance geben, sich im Bewerbungsprozess um eine Lehrstelle überhaupt zu präsentieren. Und dies unabhängig davon, ob sie die beruflichen Anforderungen für eine Lehre im entsprechenden Segment erfüllen würden oder nicht.

    Solche Vorurteile und die stete Kritik an der fehlenden Ausbildungsreife der Jugendlichen haben in den heutigen Zeiten des Lehrlingsmangels bei einer gleichzeitig grossen Anzahl unbeschäftigter Jugendlicher selbstmörderische Tendenzen für die Berufsbildung. Der Lehrlingsmangel ist durch die Akademisierung einerseits (immer mehr wollen ans Gymnasium) und die Demografie (die sinkenden Geburtenzahlen) entstanden und es ist in nächster Zeit kaum eine Trendwende in Sicht. Deshalb wird sich das duale System verändern und sich den Realschülern verstärkt öffnen müssen – einer Klientel, die es bisher eher gemieden hat.

    Hierzu braucht es einen Perspektivenwechsel. Unsere Untersuchungen zeigen, dass Realschüler oft über viel Potenzial verfügen und dies zeigen könnten – wenn sie überhaupt Zugang zum Auswahlprozess erhalten. Um das Potenzial zu entdecken, sollten Betriebe Schulniveau, Schulnoten und Klassenwiederholungen weniger stark gewichten als dies bis anhin der Fall war. Erfolg versprechender sind Rekrutierungsverfahren, die sich stärker auf Motivationsfaktoren sowie Persönlichkeitsmerkmale konzentrieren: auf ein gutes Selbstvertrauen, auf das Interesse am Betrieb, auf die Bereitschaft, dazuzulernen und auf eine ausgeprägte Frustrationstoleranz.

    Die Berufslehre kann für viele Realschüler zur zweiten Chance werden! Wie anders lässt sich erklären, dass in unserer Studie «Migranten mit Potenzial» überdurchschnittlich oft Realschüler die beste Lehrabschlussprüfung machten, obwohl sie schlechte Schüler gewesen waren und häufig eine oder mehrere Klassen hatten wiederholen müssen?

     

    Literatur

    Protsch, P. (2012). Segmentierte Ausbildungsmärkte. Berufliche Chance von Hauptschülerinnen und Hauptschülern im Wandel. Dissertation. Freie Universität Berlin.

    Solga, H. (2005). Ohne Abschluss in die Bildungsgesellschaft. Opladen: Leske + Budrich.

    Stamm, M. (2013). Lehrlingsmangel. Strategien für die Rekrutierung des Nachwuchses.  http://www.margritstamm.ch/component/docman/cat_view/4-dossiers.html?Itemid=

  • Unglaublich, aber wahr: In der beruflichen Grundbildung dominierte vor ein paar Jahren die Jugendarbeitslosigkeit und die mit ihr verbundenen fehlenden Zukunftsperspektiven unserer Jugendlichen. Heute hat sich die Situation diametral verändert. Der Mangel an Ausbildungsplätzen ist einem Mangel an qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern gewichen: Aus dem Lehrstellenmangel ist ein Lehrlingsmangel geworden (Stamm, 2013). In diesem Zusammenhang wurde bisher wenig diskutiert, dass dadurch auch die betriebliche Nachwuchssicherung und das unternehmerische Wachstum gefährdet sind. Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels dürfte sich diese Situation weiter verschärfen.

    Unbesetzte respektive schwierig zu besetzende Ausbildungsplätze stellen sowohl für die Betriebe als auch die Nachwuchssicherung eine ernst zu nehmende Problematik dar. Dabei ist die aktuelle Situation eine sehr spezielle: Neben dem sich immer deutlicher abzeichnenden Fachkräftemangel machen der Berufsbildung vor allem die demographischen Veränderungen zu schaffen. Stimmen die Daten des Bundesamtes für Statistik, dann wird die Anzahl Jugendlicher in diesem Altersspektrum bis zum Jahr 2020 drastisch sinken. Dazu kommt die Tatsache, dass die gymnasiale Ausbildung attraktiver denn je ist, obwohl längst nicht alle, welche eine Aufnahmeprüfung absolvieren, später auch erfolgreich sind. Anzunehmen ist jedoch, dass das Interesse an der akademischen Ausbildung ungebrochen sein und die Berufsbildung lediglich zweite Wahl bleiben wird (Strahm, 2014). Deshalb ist auch davon auszugehen, dass die absoluten Zahlen des leistungsstarken Auszubildenden, welche in die Berufsbildung eintreten, weiter sinken werden.

    Aktuell wird enorm viel unternommen, um diese Problematik zu beheben. So will das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) mit der von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt initiierten Kampagne «Berufsbildungplus.ch» oder demneuen Programm «Match-Prof.»vermehrt Talente suchen und  gezielter fördern. Als weitere bildungspolitische Massnahmen vorgesehen sind die Motivierung junger Frauen für technische Berufe oder die gezielte Nutzung des Potenzials junger Migrantinnen und Migranten. Überdies ist laut Bundesrat Schneider-Ammann 2014 das Jahr der Berufsbildung geworden. Recht hat er und Not tut dies! Denn die Berufsbildung macht eine Entwicklung durch, die von Extremen gekennzeichnet ist.

    Trotzdem ist die aktuelle Situation paradox:Zum Ersten ist der Lehrlingsmangel offensichtlich. ImJuni 2014 waren 23‘500 Lehrstellen noch offen. 80‘000 angebotenen Stellen standen 73‘000 nachgefragte Stellen gegenüber. Zum Zweiten werden aktuell 28.8% der Ausbildungsverträge von Lehrlingen abgebrochen. Am häufigsten trifft dies im Gastgewerbe, bei den Coiffeuren und Schönheitspflegeberufen zu. Schliesslich ist laut Bundesamt für Statistik im Dezember 2013 jeder zehnte Jugendliche ohne Job.Drittens dreht jeder zehnte Jugendliche eine Warteschlaufe oder ist arbeitslos. So waren im Mai 201415‘399 Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren ohne Arbeit (SBFI, 2014) und 16‘500 befanden sich im Übergangssystem. Damit werden alle Angebote be­zeichnet, die eine Brücke bauen zwischen obli­gatorischer Schulzeit und einer Berufslehre resp. einer weiterführenden Schule. Dazu gehören beispielsweise ein Motivationssemester, ein 10. Schuljahr, eine Au-Pair-Stelle oder ein Praktikum. Jugendliche, welche sich in diesem Übergangssystem befinden, teilen eine gemeinsame Erfahrung: dass der Übergang Schule-Beruf für sie nicht erwartungsgemäss funktionierte. Die Hintergründe sind jedoch sehr unterschiedlich, so dass sich mindestens vier Gruppen Jugendlicher unterscheiden lassen:

    Gruppe 1:Zu ihr gehören Jugendliche, welche zwar eine höhere Ausbildung angestrebt hatten, diese jedoch auf dem geraden gymnasialen Weg nicht erreichen konnten.

    Gruppe 2: Sie umfasst solche Jugendliche, welche trotz mehr oder weniger intensiver Suche keinen Ausbildungsplatz gefunden hatten.

    Gruppe 3: Sie bündelt solche Jugendliche, welche schlecht orientiert waren und deshalb ohne Planung ins Übergangssystem hineinstolperten.

    Gruppe 4: Sie subsumiert diejenigen Jugendlichen, welche aufgrund ihres «strategischen Wartens» im Übergangssystem landeten, d.h., dass sie lieber eine weitere Schlaufe drehten als eine konkrete Ausbildung wählten.

    Weshalb ist dies so? Folgt man den Erklärungen vieler Betriebe, so hat diese Situation einen kon­kreten Namen: die «fehlende Ausbildungsreife». Im April 2013 gaben mehr als 30% der befragten Betriebe als Gründe für ihre unbesetzten Lehrstellen einen «Mangel an qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern» an (Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation [SBFI], 2014). Hört man sich etwas herum, so lässt sich der Begriff auch weiter konkretisieren: Neben schlechtem Benehmen oder Unpünktlichkeit klagen viele Lehrbetriebe über fehlendes Grundlagenwissen heutiger Jugendlicher. Bewerberinnen und Bewerber könnten kaum mehr einen Text ohne Fehler schreiben oder würden die minimalsten mathematischen Grundoperationen nicht mehr beherrschen.

    Solche Klagen wirken neu, sind es aber nicht. Wir kennen sie seit mindestens zwanzig Jahren. Manchmal sind es einfach Schutzbehauptungen, weil sich Betriebe nicht verändern oder keine Ausbildungsplätze mehr anbieten wollen. Die Klagen sind jedoch so intensiv, dass sich die Bildungspolitik damit auseinandersetzen muss. Nur, was ist zu tun? Einfach mehr Drill von der obligatorischen Schule verlangen, damit sie diese Mängel behebt und garantiert, dass alle Schüler über «Mindestkompetenzen» verfügen? Wir alle wissen, dass dies angesichts der heutigen heterogenen Schülerklientel und unter den gegebenen finanziellen Bedingungen kaum im geforderten Tempo möglich sein wird. Sollen somit die Betriebe ihre Anforderungen nach Ausbildungsreife strikt durchsetzen und deshalb Ausbil­dungsplätze aufgrund fehlender Qualifikationen der Bewerberinnen und Bewerber streichen? Dies wiederum wäre für die Nachwuchs- und Fachkräftesicherung unseres Landes fatal. Schon letztes Jahr verzeichnete der Verband für Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie Swissmem für seine Branche einen Rückgang der Neuanstellungen von Lehrlingen um 8%.

    Insgesamt sollte die aktuelle Situation zum Anlass genommen werden sich zu fragen, weshalb nach wie vor viele Jugendliche, die eigentlich eine betriebliche Ausbildung anstreben (könnten), im Übergangssystem landen. Zu diskutieren wären zwei mögliche Ursachen:

    erstens, dass es trotz eines erheblichen Ressourceneinsatzes bisher offenbar nicht gelungen ist, dieses Übergangssystem deutlich zu reduzieren. Vielleicht liegt es an der Vielfalt der Mas­snahmen. Aussenstehende gehen oft – nicht ganz zu Unrecht – von einem «Massnah­mendschungel» aus. Eine Systematisierung könnte zum Ziel haben, die Vielfalt zu reduzieren und die Angebote im Übergang Schule-Beruf so zusammenzufassen, dass sie zu einer tatsächlichen «Brücke» werden

    zweitens, dass eine Änderung der Selektions- und Rekrutierungspraxen einen neuen Blick auf verborgene Potenziale zu Tage fördern könnte. Anzunehmen ist nämlich, dass die demographische Entwicklung ein Mehr an Durchlässigkeit erzwingen wird und zwar auf allen Ebenen, auch auf derjenigen des Übergangssystems.

    Reflektiert und optimiert die Berufsbildung diese Faktoren, könnte sie einen bedeutsamen Wertbeitrag für die Attraktivität der Berufsbildung leisten und auch dem Nachwuchsmangel zumindest in Ansätzen begegnen. Aber dazu wäre ein Perspektivenwechsel nötig, der ein anders ausgerichtetes «Talentmanagement» (Stamm, 2012) zur Folge hätte.

    Literatur

    Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) (2014). Lehrstellenbarometer. Detaillierter Ergebnisbericht (April 2014). Bern: SBFI.

    Stamm, M. (2012). Talentmanagement in der beruflichen Grundbildung. Dossier 12/2. Universi­tät Fri­bourg: Departement Erziehungswissen­schaften. http://www.margritstamm.ch/component/docman/cat_view/4-dossiers.html?Itemid=

    Stamm, M. (2013). Lehrlingsmangel: Strategien zur Rekrutierung des Nachwuchses. Dossier Be­rufsbildung 13/2. Bern: Swiss Education. http://www.margritstamm.ch/component/doc­man/cat_view/4-dossiers.html?Itemid

    Strahm, R. H. (2014). Die Akademisierungsfalle. Bern: h.e.p.

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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