Begabung

  • Jeder kennt sie: die Schüler, die trotz hoher Begabung aufgrund schlechter Noten den Übertritt ins Gymnasium nicht schaffen oder keine anspruchsvolle Lehrstelle bekommen, Schülerinnen, die sich ohne Hausaufgaben zu erledigen mit knapp genügenden Noten über die Runden schlängeln oder Erwachsene, die trotz ihrer Begabung wenig anspruchsvolle Berufe ausüben oder gar ihre Ausbildung abbrechen. Und auch in der Fachliteratur werden nicht wenige begabte Menschen beschrieben, die in der Schule mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt hatten, dann jedoch ausgesprochen erfolgreiche Erwachsene wurden. In der Wissenschaft nennt man solche Menschen Minderleister. Das sind solche, die eine grosse Diskrepanz zwischen ihren intellektuellen Fähigkeiten und den tatsächlichen Leistungen zeigen.

    Wer aber sind sie tatsächlich, diese Minderleister und was steckt hinter ihnen? Schon ein kurzer Blick in die Forschungsliteratur genügt, um zu erkennen, dass die Thematik kompliziert ist. Die Gründe für Minderleistung sind vielschichtig, und es gibt keinen Einzelfaktor, der sie beschreiben könnte. Dessen ungeachtet besteht vor allem in Erziehungsratgebern eine ausgesprochen deutliche Tendenz zu einem überakzentuierten verallgemeinernden Bild des Minderleisters.

    Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich jedoch nur so etwas wie ein kleinster gemeinsamer Nenner als gesicherte Erkenntnis formulieren: Als primäre Ursachen lassen sich in erster Linie ein geringes Zutrauen in die eigene Leistungsfähigkeit, ein unsystematisches Lern- und Arbeitsverhalten, schlechte Motivation und ein geringes Durchhaltevermögen konstatieren, das häufig mit grosser Schulunlust gepaart ist.Des Weiteren ist die Familie von Minderleistern besonders bedeutsam. Bildungsambitionierte Familien können genauso Minderleister produzieren wie bildungsferne Familien und zwar wie folgt:

    • Bildungsehrgeizige Eltern treiben ihre Kinder nicht selten immer stärker zu Spitzenleistungen an, um sich dann im Lichte ihrer vermeintlich ‚aussergewöhnlichen Talente’ sonnen zu können. Das Resultat ist jedoch häufig nicht das Erwünschte und Erwartete. Statt der erhofften ‚Hochbegabung‘ stellt sich eine Minderleistung ein – als Folge des elterlichen Ehrgeizes.
    • Bildungs(system)ferne Familien: Weder verfügen sie über entsprechende finanzielle Hilfsmittel noch über das erforderliche Interesse an Bildung generell oder über eigene Schulerfahrungen, um ihren Nachwuchs angemessen zu unterstützen. Deshalb erwachsen solchen Kindern oft deutliche Nachteile. Sichtbar wird dies in ihren meist schlechteren Schulleistungen respektive Noten als dies aufgrund ihres Potenzials erwartbar wäre. Kinder aus solchen Familien bilden deshalb wahrscheinlich die grösste Gruppe der Minderleister.

    Logischerweise spielen Lehrerinnen und Lehrer eine wichtige Rolle. Denn professionaell agierende Lehrkräfte schalten mit ihrer Unterrichtsorganisation und einer hohen Unterrichtsqualität Minderleistungen massgeblich aus, zumindest können sie diese minimieren. Erkennbar sind solche Lehrerinnen und Lehrer daran, dass sie einen herausfordernden Unterricht erteilen, der sich an den Vorkenntnissen der Schüler orientiert und eine Beurteilungspraxis pflegen, welche auf die individuelle und nicht die soziale Bezugsnorm ausgerichtet ist. Solche Lehrkräfte können auch der Entstehung von Langeweile und damit von Minderleistung massgeblich begegnen. Trotzdem darf die Bedeutung der Schule nicht überschätzt werden, weil Gleichaltrige einen ebenso starken Einfluss ausüben. Probleme entstehen insbesondere dort, wo sich Minderleister eine ähnlich gesinnte Peer Group suchen, in der die Demonstration von Schuldistanz als statusfördernd gilt, aussergewöhnliche Leistungen jedoch verpönt und mit einem Strebervorwurf belegt werden.Was jedoch kann gegen Minderleistung unternommen werden?

    Das ist eine schwierige und bislang kaum geklärte Frage. Eine ideale Strategie fehlt. Gleichwohl gibt es zwei Zugangswege, mit je unterschiedlichem Fokus: die Beratung und die instruktionale Intervention.

    • Im ersten Fall wird versucht, diejenigen personalen und familialen Dynamiken zu verändern, die Minderleistung beeinflussen. Solche Beratungsinterventionen versuchen deshalb primär, alle Aufmerksamkeit vom Negativen, von den blockierenden Gewohnheiten und Verhaltensmerkmalen wegzulenken und die verborgenen Wachstumskräfte freizulegen. Dies geschieht über die Stärkung des Selbstkonzepts, den Umgang mit Erfolg und Misserfolg oder die Aneignung von Arbeits- und Lerntechniken.
    • Anders die Instruktionsinterventionen, die auf unterrichtliche Settings fokussieren. Sie setzen auf alternative Lernumgebungen mit unkonventionellen Unterrichtsmethoden, wenig Führungsanteilen der Lehrperson und auf ein hohes Mass an Selbstkontrolle bei gleichzeitig niedrigem Ausmass an evaluativen Fremdkontrollen. Einer der zentralen Effekte ist dabei das Verhältnis von Emotion und Lernen. Oft geht es dabei darum, Strategien der gelernten Hilflosigkeit zu bekämpfen. Solche Strategien basieren auf der Überzeugung, dass ihr eigenes Handeln keinen Einfluss auf das hat, was mit einem selbst geschieht. Deshalb finden sich viele Minderleister damit ab. Um solche Verhaltensmuster zu verändern, sind so genannte Reattributionstrainings bislang mit Erfolg eingesetzt worden,

    Das Phänomen der Minderleistung wirft viele Fragen auf, die auf unserer Verpflichtung basieren, jedem Menschen zur Entfaltung seines Potenzials zu verhelfen. Ziel sollte es sein, dass alle Schüler Leistungen erreichen können, die ihrem Potenzial entsprechen. Allerdings ist diese Aussage nicht über jeden Zweifel erhaben, denn sie ist auch mit ethischen Fragen verknüpft: Warum ist es eigentlich so wichtig in unserer Gesellschaft, das Potenzial auszuschöpfen? Sollen Schülerinnen und Schüler tatsächlich bis zur Grenze ihrer Leistungsfähigkeit unterrichtet werden? Und, garantiert ein ausgeschöpftes Leistungspotenzial dann auch eine Leistungssteigerung und einen gesellschaftlichen Gewinn, also berufliche Chancen, persönliche Befriedigung und soziale Einbettung? Sicher nicht. Denn die Folgen der Bildungsexpansion der letzten Jahrzehnte haben uns exemplarisch aufgezeigt, dass ein ausgeschöpftes Leistungspotenzial weder eine Garantie für die Teilnahme an der Verteilung der Arbeitsplätze ist noch den persönlichen Erfolg sichert.

  • Die soziale Herkunft zensiert*. Diesen Titel trägt eine Studie, an der Franz Baeriswyl von der Universität Fribourg mitgearbeitet hat und empirisch belegt, was wir eigentlich schon lange wissen: Kinder aus einfach gestellten Familien bekommen schlechtere Noten, auch wenn sie in Prüfungen gleich gut wie Kinder aus sozial gut gestellten Familien abschneiden.

  • Seit fast zehn Jahren wird nun schon Kritik laut, dass Begabtenförderprogramme vor allem Kinder aus bildungsambitionierten Familien bedienen. Typischerweise handelt es sich um Schweizer Kinder aus der Mittel- und Oberschicht, um ausländische Kinder von Expats und vielleicht noch um Migrantenkinder aus gebildeten Familien. Kinder aus anderen Bevölkerungsschichten – Arbeiterkinder, benachteiligte Migrantenkinder oder Kinder aus«Risikofamilien» sind stark untervertreten. Und Gleiches gilt an den Hochschulen: Stipendiengelder bekommen vor allem Kinder aus gut situierten Akademikerfamilien, währendem solche aus einkommens- und bildungsschwachen Haushalten deutlich seltener solche erhalten*.

    Was steckt hinter dieser grossen Ungerechtigkeit? Zunächst einmal die verbreiteten Vorurteile.Viele sind überzeugt, dass ein höherer Bildungsgrad der Eltern für eine bessere genetische Ausstattung verantwortlich sei. Wer in Zürich im Kreis 5 unterrichte, in Bern-Bethlehem oder im Tscharnergut, könne – leider – gar keine Begabtenförderung betreiben, weil es dort keine begabten Kinder geben könne. Wie falsch ist diese Überzeugung und wie nachhaltig ist sie! Es gibt in allen Kulturen und in jeder Bevölkerungsschicht begabte Kinder. Wenn man jedoch keine Begabungen erwartet, sucht man sie nicht und findet entsprechend auch keine.

    Begabungen von benachteiligten Kindern werden systematisch geleugnet oder nicht beachtet und übersehen. Dieser Zustand widerspricht nicht nur unserem viel gerühmten demokratischen Bildungssystem, sondern er verstärkt den bereits bestehenden Graben zwischen privilegierten und benachteiligten Kindern. Denn erstere sind von zu Hause aus mit den bestmöglichen Ressourcen ausgestattet, während für letztere das Gegenteil gilt und sie gerade deshalb jegliche Förderung dringend brauchen würden.

    Um solche Diskrepanzen zu korrigieren, müsste man an den Wurzeln des Systems ansetzen. Aber mit Sicherheit nicht dort, wo dies von der Politik schon gefordert worden ist: dass man Begabtenförderprogramme generell abschaffen solle, wenn sie derart ungerecht seien und nur den Privilegierten dienen würden. Das wäre eine vollkommen falsche Strategie, weil gerade in unserer Demokratie auch privilegierte begabte Kinder das Anrecht haben, gefördert zu werden und weil Begabtenförderprogrammen ein grosses Potenzial innewohnt, besser und gerechter werden zu können.

    Wo liegen die Gründe für die Untervertretung von benachteiligten Kindern in Begabtenförderprogrammen? Folgt man den einschlägigen Forschungserkenntnissen, dann sind es vier Bereiche:

    (1) Die Tatsache, dass Begabung traditionellerweise als der Mittel- und Oberschicht zugehörig betrachtet wird.Begabtenförderprogramme basieren deshalb auf ungleichen Selektionschancen. Diese wiederum führen zur Unterrepräsentation von Minderheiten.

    (2) Die Problematik der Identifikation: Intelligenztests sind auf der Basis unserer abendländischen Kultur entwickelt worden und kaum auf ökonomisch, sozial oder kulturell benachteiligten Schülerinnen und Schülern ausgerichtet. Obwohl es inzwischen «kulturfaire» Intelligenztests gibt – d.h. Verfahren, die von spezifischen kulturellen Einflüssen weitgehend unabhängig sind und Angehörige anderer Gruppen nicht benachteiligen – haben sie bisher nicht zu befriedigenden Ergebnissen geführt.

    (3) Die Einstellungsmuster und Werthaltungen von Lehrkräften:Lehrpersonen empfehlen Kinder für die Aufnahme in Begabtenförderprogramme selektiv. Empfehlungsgrundlage ist oft ihre vorangehend bereits erwähnte Überzeugung, Kinder aus bestimmten Kulturen seien grundsätzlich weniger intelligent, weshalb es kaum talentierte Schülerinnen und Schüler aus benachteiligten Milieus gäbe. Die Legitimation für solche Überzeugungsmuster finden sie dabei meist in der mangelnden Beherrschung der deutschen Sprache.

    (4) Die familiären Merkmale: Nicht selten stehen Schulen unter Druck von besonders bildungsambitionierten Eltern. Haben sie ihr Kind abklären lassen und mittels eines Gutachtens oder einer Potenzialanalyse die Trenddiagnose «Hochbegabung» erhalten (Kraus, 2013), dann nutzen sie diese, um dem Nachwuchs Vorteile zu verschaffen. Oft hat dies zur Folge, dass Schulen solchen Druckversuchen entsprechen und das betreffende Kind einem Begabtenförderprogramm zuweisen, insbesondere dann, wenn Eltern mit juristischen Verfahren drohen.

    Was wäre zu tun? Grundsätzlich müsste der Zugang zu Begabtenförderprogrammen so angelegt werden, dass die soziale Gleichheit in den Zugangschancen gewährleistet ist. Die aktuell angewendeten Auswahlverfahren sind zu überdenken, weil sie begabte Kinder aus einfachen Verhältnissen benachteiligen. Zudem braucht es Einstellungsveränderungen von Lehrkräften. Zwar ist das Bewusstsein gewachsen, dass eine der zentralen Herausforderungen unserer Gesellschaft eine möglichst optimale Förderung aller Kinder und Jugendlicher, ohne Rücksicht auf ihre soziale Herkunft, beinhaltet. Aber Lehrkräfte müssten ihre Vorstellung überwinden, dass der Umgang mit Heterogenität auch beinhaltet, begabte benachteiligte Kinder zu suchen, zu finden und dann auch zu fördern.

    Notwendig sind somit eine Schärfung der Wahrnehmungspraxis, eine Änderung der Alltagsvorstellungen, wonach Talent ein angeborenes Merkmal einer gehobenen Bevölkerungsschicht sei und vor allem eine stärkere Motivation, mehr für die soziale Gerechtigkeit bei der Förderung der Begabtesten zu sorgen.

     

    *Stamm, M. (2010j). Begabte Minoritäten. Eine Black Box unseres Bildungssystems und wie sie geknackt werden könnte. Zeitschrift für Sozialpädagogik, 4, 339-356.

    **Kraus, J. (2013).

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    In der Schweiz gibt es viele Leuchttürme guter Talentförderung. Ein Beispiel sind die Schweizer Berufsmeisterschaften Swiss Skills, die erstmals 2014 stattgefunden haben. DerartigeTalentförderung entspricht genau dem, was der Begriff auch meint: Junge Menschen sind dann Talente, wenn sie in einem bestimmten Bereich über ein überdurchschnittliches Leistungsvermögen verfügen und sie dieses mit gezielter Unterstützung von Lehrkräften und Berufsbildnern so ausbauen können, dass es zu Expertise auf höchstem Niveau wird.

    Leider hat sich in den letzten Jahren unbemerkt eine «Talent-Epidemie» ausgebreitet. Davon zeugen all die Plakate, auf denen mit jungen Menschen geworben wird: «Wir brauchen Ihr Talent – machen Sie Ihre Ausbildung bei uns!» oder «Absolviere ein Talentjahr, wenn du nicht weisst, ob du eher ins Gymnasium oder eine Berufslehre absolvieren willst!» Eigentlich tönt dies gut. Endlich weg von der Defizitperspektive hin zu dem, was junge Menschen können! Auf einen solchen Perspektivenwechsel haben wir lange gewartet. Trotzdem freue ich mich darüber nur eingeschränkt.

    Viele Hochglanzbroschüren lassen nämlich erheblichen Zweifel aufkommen. Zwar verwenden sie den Begriff Talent fast auf jeder zweiten Zeile, ob die Förderung von Talenten in der Praxis auch umgesetzt wird, bleibt aber fraglich. Auch unsere Forschungsstudien zu leistungsstarken Jugendlichen in der Berufsbildung verweisen auf eine andere Realität. Wie oft schmückt man sich vordergründig mit Talentförderung, jammert aber im praktischen Alltag über die mangelnde «Ausbildungsreife» Jugendlicher und über all das, was sie nicht mehr können. Slogans zur Talentförderung sind deshalb nicht selten lediglich ein geschicktes Vertuschen des defizitären Menschenbilds und somit ein Etikettenschwindel.

    Die Ausbildungsqualität darf nicht manipuliert werden. Deshalb ist es wünschenswert, den inflationären Gebrauch des Begriffs «Talent» zu unterbinden und nur dort zu verwenden, wo die Potenziale junger Menschen tatsächlich gefördert werden. Dies ist jedoch einfacher gesagt als getan. Denn dafür braucht es Lehrkräfte und Berufsbildner, die sich im wahrsten Sinne des Wortes als Talentförderer verstehen. Will nämlich eine Berufsbildnerin das verborgene goldene Händchen eines jungen Migranten oder ein Kantilehrer das intellektuelle Potenzial einer unbequemen Schülerin nicht sehen, dann bleiben Begabungen und Ressourcen unentdeckt und ungenutzt – auch wenn in Leitbildern und Unternehmensrichtlinien Gegenteiliges steht. Haltungen sind deshalb von grundlegender Bedeutung. Nur wer Potenziale bei allen jungen Menschen erwartet, sie erkennen und anerkennen und unterstützen will, betreibt Talentförderung. Und wer fördert, muss in der Lage sein, hochstehende Übungs- und Trainingsprozesse so zu arrangieren, dass die jungen Talente im richtigen Mass herausgefordert und animiert werden, über sich selbst hinauszuwachsen. Dies alles genügt nicht. Talentförderung muss auch Chefsache sein und als grundlegende Ausbildungsaufgabe verstanden werden. Schul- und Geschäftsleitungen, welche ihre Lehrkräfte und Berufsbildner unterstützen, sind deshalb das Herzstück aller Anstrengungen.

    Nur, woran erkennt man, ob Schulen und Betriebe Talentförderung ernst nehmen? Erstens, inwiefern Programme zur Potenzialförderung existieren, und zwar für alle, also unabhängig von der sozialen oder kulturellen Herkunft und vom Geschlecht. Zweitens, ob sie stolz sind, junge Menschen auszubilden und auch an sie glauben und drittens, ob sie selbst von ihrer Arbeit mit jungen Menschen beflügelt sind. So einfach ist das.

    Die Talent-Epidemie darf uns nicht Glauben machen, dass junge Menschen tatsächlich talentierter als früher sind. «Talent», so wie der Begriff heute gebraucht wird, ist in vielen Fällen nichts anderes als eine Worthülse, eine PR-Massnahme im«Kampf um die Talente», d.h. umrar gewordene Lehrlinge oder, um teure Ausbildungen beliebt zu machen. Nicht selten ist das Gerede um Talente oberflächlich, weshalb es der Sache eher schadet als nützt. Eine Rückbesinnung auf das, was Talent meint und wann der Begriff verwendet werden soll, tut Not.

  • erschienen im Polit-Blog des Tagesanzeigers, 23.11.2015: http://blog.tagesanzeiger.ch/politblog/index.php/30971/eine-bildungsferne-professorin/

     

    Ich bin ein Arbeiterkind. Mein Vater war Sattler und Tapezierer, meine Mutter arbeitete vor allem im Service. Heute wäre ich ein «bildungsfernes» Kind. Als bildungsfern gilt in den PISA-Studien, wenn die Familie nur wenige Meter Bücher besitzt, das Kind kein eigenes Zimmer und keinen eigenen Schreibtisch hat, die Eltern nur bescheiden ausgebildet sind und mit dem Nachwuchs selten oder nie Bibliotheken besuchen. Dies alles trifft für meine Kindheit zu.

    Darunter, dass ich ein Kind aus «einfachen Verhältnissen» war, habe ich lange gelitten. Denn ich interessierte mich schon als kleines Mädchen enorm für Zahlen und alles, was mit Wissen zusammenhängt. Mein Vater brachte mir das Jassen bei und damit auch das Kopfrechnen. Noch heute kann ich an einer Migros-Kasse fast schneller den Betrag der Waren zusammenrechnen als die Kassierin die Artikel einscannen.

    Doch in der Schule war ich das Kind eines «Büetzers». Heute bin ich überzeugt, dass meine grossePrüfungsangst mit dieser Etikettierung zu tun hatte. Man braucht nicht Hellseher zu sein, um sich vorzustellen, wie es mit mir weiterging. Von einem Kind aus einem solchen Milieu, das zudem sehr ängstlich ist, erwartet man nicht viel. Ich blieb ein «bildungsfernes Kind» mit wenig Potenzial, jahrelang.

    Aber ich hattegrosses Glück, dreimal. Glück Nummer I war, dass ich die Aufnahmeprüfung in die Bezirksschule mit Ach und Krach bestand. Glück Nummer II war mir im Lehrerseminar beschieden. Wir hatten einen jungen Deutschlehrer, der fasziniert vom Beruf meines Vaters als «Sattler und Tapezierer» war, und er glaubte daran, dass ich mehr leisten könnte. Deshalb forderte er mehr von mir. Und, weil ich ihm gefallen wollte, fand er auch Gehör. Schnell gehörte ich zum vorderen Drittel der Klasse. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich mich als eine Person, welche das Zeug zur guten Schülerin hatte, und das blieb ich von da an. Glück Nummer III kam dann in Form eines Hochschullehrers auf mich zu, der mich ermunterte, als fast 50jährige Frau zu habilitieren. Diese zufällige Begegnung hat mich zu meiner späteren Professur geführt. Heute weiss ich, dass Glück und Zufall wichtige Grössen sind.

    Meine Biographie zeigt, wie sehr Lehrkräfte Schlüsselpersonen für junge Menschen sein können. Wenn sie diese in der Überzeugung unterstützen, trotz der «Bildungsferne» ein Anrecht auf Schulerfolg haben zu dürfen, können sie Berge versetzen.

    Deshalb sollten wir den Begriff «Bildungsferne» aus unserem Vokabular verbannen. Denn «bildungsfern» meint eigentlich, «ungebildet» zu sein. Das ist vollkommen falsch. Viele Kinder sind gar nicht «bildungsfern», sondern nur «bildungssystemfern». Weder die Anzahl Schuljahre noch die Lohntüte der Eltern sagen etwas aus darüber, wie gebildet jemand ist. Aber Begriffe wie «bildungsfern», aber auch «bildungsnah», stigmatisieren und lenken Einstellungen. Und aus der Forschung wissen wir, dass sich Lehrkräfte ein Urteil über einen Schüler nach den ersten 14 Tagen gebildet haben und es dann kaum mehr revidieren…

  • Tatsache ist: Viele Kinder gehen heute ins Gymnasium, die vor 15 Jahren noch eine Berufslehre gemacht hätten. Tatsache ist auch, dass fast 100% der Kinder aus Akademikerfamilien eine Matura machen, der Anteil derjenigen aus Arbeiter- und benachteiligten Migrantenfamilien jedoch nach wie vor nicht mehr als 20% bis 30% beträgt und in den letzten zwanzig Jahren kaum gestiegen ist. Das bedeutet, dass die oft geforderte Chancengleichheit vor allem eine ist, die gut situiert aufwachsende Kinder begünstigt. Solche Kinder finden den Weg viel einfacher ins Gymnasium, auch wenn sie gar nicht besonders intelligent sind. Genau dies hat Elsbeth Stern letztlich aufgezeigt*, als sie im Tagesanzeiger von ihren Studien berichtet hat, wonach der durchschnittliche IQ in Zürcher Gymnasien nur 112 Punkte beträgt, diese jedoch zu einem grossen Teil von «bildungsnahen» Kindern besucht würden.

    Was kann man auf diesen Sachverhalt antworten? Zunächst etwas ganz Grundsätzliches: Ein Bildungssystem muss dem meritokratischen Gedanken und gleichzeitig der Chancengleichheit verpflichtet sein, d.h. dass die individuelle Leistung das entscheidende Prinzip ist und nicht die soziale Herkunft. Es sollten also in erster Linie diejenigen ein Gymnasium besuchen, welche kluge Köpfe haben. Darüber hinaus müssten sie über die notwendigen Persönlichkeitsmerkmale verfügen, welche auch mit den Interessen für akademische Fragestellungen verbunden sind. Wie könnte man dies bewerkstelligen?

    Sicher nicht in erster Linie mit IQ-Tests! Zwar wissen wir seit langem, dass IQ-Tests gute Prädiktoren für den zukünftigen Schulerfolg sind, aber in erster Linie deshalb, weil sie das messen, was in der Schule zählt: die akademische Intelligenz, d.h. die Fähigkeit zum abstrakten und logischen Denken**. Bekannt ist jedoch ebenso, dass IQ-Tests nicht kulturfair sind und deshalb Kinder aus anderen Kulturen, aber auch solche aus einfachen Verhältnissen benachteiligen***. Schliesslich ist es fast schon pädagogische Folklore, dass Intelligenz nicht einfach angeboren ist und dann das ganze Leben so bleibt, wie sie einmal gemessen worden ist. Intelligenz wird entwickelt. In einem förderlichen Umfeld, das den Vorstellungen und Gepflogenheiten unserer europäischen Wissensgesellschaft entspricht, gelingt dies besser als in einem Umfeld, das ganz andere kulturelle Vorstellungen hat.

    Nun sind Intelligenztests auf der Basis unseres abendländischen Kulturkreises entwickelt worden. Deshalb sind sie kaum auf ökonomisch, sozial oder kulturell benachteiligte Schülerinnen und Schüler ausgerichtet. Obwohl es inzwischen so genannte kulturfaire Intelligenztests gibt – d.h. Verfahren, die von spezifischen kulturellen Einflüssen weitgehend unabhängig sind und Angehörige anderer Gruppen nicht benachteiligen sollen – haben sie bisher nicht zu befriedigenden Ergebnissen geführt. Nach wie vor muss man deshalb davon ausgehen, dass inadäquate Testaufgaben zu Verfälschungen von Testsituationen und Testergebnissen bei Minoritätsgruppen führen.

    Wenn unser System bildungsgerechter werden soll, dann müssten wir nicht bei IQ-Tests ansetzen, sondern anderswo. Das Gymnasium besuchen sollte, wer sich für akademische Lehrinhalte interessiert, das Sitzleder und die Motivation hat, sich solche Inhalte anzueignen und sie zu verinnerlichen und wer in der Lage ist, sich auch jenseits von schriftlichen Prüfungssituationen zu bewähren, d.h. im alltäglichen Umgang mit den schulischen Anforderungen.

    Gerade weil gut situiert aufwachsende Kinder in dieser Hinsicht vom Elternhaus oft stark gefördert werden – was ich an sich gar kein Problem finde – braucht es dringend eine kompensatorische Förderung der Kinder, die nicht in derart privilegierte Familien hineingeboren worden sind. Weil es aus obigen Gründen offensichtlich ist, dass ihr Potenzial nicht einfach durch IQ-Tests entdeckt werden kann, brauchen sie eine spezielle Vorbereitung auf gymnasiale Selektionsprozeduren jenseits der stofflichen Vorbereitung.

    Das bedeutet, dass unser Bildungssystem, anstatt auf IQ-Tests zu setzen, eherkompensatorische Auswahlstrategien einführen sollte. Kompensatorisch nennt man alle Bemühungen, die bewusst auf die Förderung von Kindern zum Ausgleich von familiären, kulturellen und anderen benachteiligenden Defiziten in der Sozialisation ausgerichtet sind. Auswahlprozeduren müssen deshalb ermöglichen, dass Nachteile ausgeglichen werden können. Dies kann erreicht werden, wenn Kinder aus benachteiligten Familien – dazu gehören sowohl solche aus Migrantenfamilien als auch aus Schweizer Familien – vorangehend spezifische Förderung erhalten oder Lernmöglichkeiten zur Verfügung gestellt bekommen, damit sie sich fehlendes Wissen und Können aneignen und ihre Fähigkeiten demonstrieren können.Dies ist gerade für ökonomisch Benachteiligte oder solche mit eingeschränkten Deutschkenntnissen von besonderer Bedeutung. Ein gutes Beispiel ist das Projekt CHAGALL des Instituts Unterstrass.

    Dass die Bildungsdirektion Zürich die Einführung von IQ-Tests bei der Aufnahme in Gymnasien schon vor einiger Zeit verworfen hat, ist nur zu begrüssen. Schön wäre es, wenn sie sich  zusammen mit den Schulen überlegen würde, wie man benachteiligten Schülerinnen und Schülern bessere Zugangschancen ermöglichen könnte. Solche Kinder bilden nämlich die zahlenmässig am stärksten besetzte Gruppe der so genannten «Minderleister», d.h., derjenigen Kinder, die deutlich schlechtere Schulleistungen erbringen als dies ihrem Potential entsprechen würde. Somit müssten wir unsere Wahrnehmungspraxis schärfen und unsere Vorstellungen verändern, wonach Begabung – sprich Zugang zum Gymnasium – ein Vorrecht einer bestimmten Kultur oder sozialen Schicht sei.

     

    Literatur

    *Interview mit Elsbeth Stern im Tagesanzeiger vom 24.10.2014: "In Schweizer Gymnasien sind Kinder, die nicht dorthin gehören". http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/bildung/In-Schweizer-Gymnasien-sind-Kinder-die-dort-nicht-hingehoeren/story/16462778

    **Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2014). Frühkindliche Sozialisation. Biologische, psychologische, linguistische, soziologische und ökonomische Perspektiven. Halle: Leopoldina. http://www.leopoldina.org/de/publikationen/detailansicht/?publication%5Bpublication%5D=593&cHash=38f625e5bf8f4074e27cc87b9905bfe1

    **Stamm, M. (2010). Begabte Minoritäten. Eine Black Box unseres Bildungssystems und wie sie geknackt werden könnte. Zeitschrift für Sozialpädagogik, 4, 339-356.

     

     

     

     

     

     

  • erschienen in Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 31.10.2022, 2.


    Logopädie, Psychomotorik, Dyskalkulie, Ergotherapie oder Verhaltensauffälligkeiten wie Schrei- und Beissattacken oder Arbeitsverweigerung: Geht es um Probleme von Schülerinnen und Schülern, könnte diese Liste beliebig erweitert werden. Abklärungen sind an der Tagesordnung. Deshalb erstaunt es kaum, dass in einer Primarschule auf eine Klasse mit 24 Kindern durchschnittlich 19 therapeutische Fördermassnahmen fallen, wobei einzelne Kinder von mehreren Massnahmen betroffen sein können. Natürlich kann es für ein Kind und seine Eltern ein Segen sein, wenn aufgrund von Abklärungen eine Diagnose gestellt wird und es gezielt mit Fördermassnahmen und Therapien unterstützt werden kann.

    Die Achillesferse: Defizitorientierung

    Doch, wo bleibt der Blick, auf das, was Kinder können? In unseren Schulen hat die Defizitbehebung derart umfassend Einzug gehalten, dass die Suche nach Stärken und Potenzialen weitgehend auf der Strecke bleibt. Das ist eine bedeutsame Achillesferse des Bildungssystems. Vor zwanzig Jahren war das anders. Damals hat das Netzwerk Begabungsförderung landauf landab innovative Projekte zur Förderung begabter, interessierter und unterforderter Kinder entstehen lassen, die auch im internationalen Vergleich bemerkenswert waren.

    Die Sparwut hat in vielen Kantonen zur Streichung mancher Programme geführt. Zum Glück gibt es immer noch Leuchttürme – Weiterbildungen an PHs, Fachgruppen, Schulen – die das Augenmerk auf die Frage legen, was man schlauen und besonders leistungsstarken Schulkindern zumuten und wie sich kaschierte oder von negativem Verhalten verdeckte Begabungen erkennen lassen. Und es gibt immer wieder Lehrkräfte an Schulen, die mit Enthusiasmus wertvolle Förderprogramme ins Leben gerufen haben, oft allerdings ohne (ausreichend) finanzielle Unterstützung.

    Begabungsförderung als demokratisches Grundrecht - auch für Arbeiterkinder

    Begabungsförderung ist ein zutiefst demokratisches Grundrecht, das aktuell nicht mehr ausreichend in den Schulen umgesetzt wird. Zwar ist es lobenswert, schwache und schwierige Schulkinder zu fördern oder zu therapieren. Aber solche Bemühungen drohen aus dem Ruder zu laufen und verhindern den Fokus auf Schlaue oder solche, die es sein könnten.

    Damit einher geht eine andere Schieflage. Kinder aus gut situierten Haushalten haben eine mehr als zweieinhalb Mal so grosse Chance, per Notendurchschnitt eine Empfehlung fürs Gymnasium zu erhalten als solche aus einfach gestellten Familien – wohlverstanden, bei gleichen kognitiven Fähigkeiten. Noch immer entscheidet nicht in erster Linie der Grips, wer es ins Gymnasium schafft, sondern vor allem die soziale Herkunft. Manchmal sind es aber auch skeptische Eltern. Weil sie das Gymnasium nicht aus eigener Erfahrung kennen, befürchten sie, das Kind könnte sich dort zu sehr den «Gstudierten» zuwenden und nicht mehr lernen «was arbeiten heisst». Für manche dieser Familien ist die Verwertbarkeit der Ausbildung zentral. Darum soll der Nachwuchs schnell eigenes Geld verdienen und deshalb eine Berufslehre absolvieren – auch wenn er intellektuell längst fürs Gymnasium prädestiniert wäre.

    Eine chancengerechtere Förderung beginnt mit der Haltung

    Erfreulicherweise hat der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) unlängst mit seinem Positionspapier darauf aufmerksam gemacht, dass die Defizitperspektive eine Korrektur um den Blick auf das Begabungspotenzial braucht. Zu ergänzen ist lediglich, dass die Forderung nach mehr Begabungsförderung nicht genügt. Eine Demokratie braucht eine Begabungsförderung, die auch chancengerecht ist und das Potenzial aller Kinder unabhängig ihrer sozialen Herkunft in den Blick nimmt.

    Übrigens: Der erste Schritt zu einer chancengerechteren Förderung von schlauen Kindern ist gratis, braucht wenig Zeit und keine Ressourcen. Es ist die Haltung, bei allen Kindern Potenziale zu erwarten und diese entfalten zu wollen, ob man nun an einer Brennpunktschule unterrichtet oder in einem Akademikerquartier. 


  • Innenminister Alain Berset will das Pensionsalter auf 65 Jahre erhöhen. Der Verwaltungsratspräsident des Lebensversicherers Swiss Life, Rolf Dörig, rechnet mit einem künftigen Pensionsalter in der Schweiz ab 70 Jahren. Zudem plädiert er für die Flexibilisierung des Rentenalters. Sind das gute oder schlechte Nachrichten?

    Sicher schlechte für alle, welche sich auf das 'Dritte Lebensalter' freuen und die Rente ab 60 eingeplant haben. Doch, ist es eine gute Nachricht für all diejenigen, welche länger arbeiten wollen und künftig vielleicht auch dürfen? Ich will in diesem Blog versuchen, zwei Perspektiven voneinander zu unterscheiden. Die erste Perspektive ist die, dass eine Erhöhung des Rentenalters und seine Flexibilisierung nicht genügen. Die zweite Perspektive orientiert sich an den optimistischen Erkenntnissen aus der Forschung zu den Schätzen des Alter(n)s, welche in unserer Gesellschaft bisher weitgehend brach liegen und gehoben werden könnten.

    Diese beiden Perspektiven zusammenzubringen ist jedoch ein schwieriges Unterfangen. Zum einen geht es um die demographische Entwicklung unserer Bevölkerung im internationalen Vergleich, zum anderen um das Wissen zum individuellen Innovationspotenzial im Alter respektive beim Altern. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Schweizer Bevölkerung mehr altert als die Bevölkerung in anderen Staaten. In wenigen Jahren werden wir ein deutliches Mehr an Alten und ein deutliches Weniger an Jungen haben. Dazu kommt, dass andere Staaten – wie etwa die USA – führend sind in der Anzahl zugewanderter Topstudenten, insbesondere solcher aus dem asiatischen Raum. Ihr Innovationspotenzial an jungen Menschen wird somit deutlich höher sein als das unsrige. Das ist somit ein Risikofaktor.

    Obwohl uns künftig der Nachwuchs fehlen dürfte, gibt es auch positive Signale aus der Forschung. Diese Signale gehen in Richtung einer hoffnungsvollen körperlichen und intellektuellen Entwicklung im dritten Alter (nicht jedoch im vierten Alter). Das Lern- und Wissenspotenzial älterer Menschen ist beispielsweise deutlich grösser als man bisher angenommen hat. Obwohl sie nicht mehr so gut und so schnell wie Jüngere lernen können, verfügen sie somit über ein beträchtliches Entwicklungspotenzial. Dazu kommt das, was oft die Vitalisierung des Alters genannt: Die heutigen 70jährigen sind genauso fit wie die 60jährigen der vergangenen Generationen. Man schaue nur einmal, was wie fit die legendären Sauterelles von Toni Vescoli sind, die es mit 70 noch einmal wissen wollen. Vor diesem Hintergrund wäre die Forderung gerechtfertigt, die Altersstatistiken neu zu schreiben.

    Daraus jedoch zu schliessen, der Mensch könne einfach im gleichen Beruf länger, also beispielsweise bis 70, tätig sein, ist falsch. Aus der verhaltenswissenschaftlichen Forschung gibt es nämlich Erkenntnisse, welche  viel stärker berücksichtigt werden müssten. Erstens gibt es einen negativen Altersgradienten in der Mechanik der Intelligenz, also der Schnelligkeit und Präzision der Informationsverarbeitung. Dazu kommt zweitens, dass der alternde Körper in jedem Falle – auch wenn Anti Aging angewendet wird – mehr an geistigen Reserven braucht. Demzufolge werden ältere Mitarbeitende – auch wenn sie höchst motiviert sind – langsamer; sie können nicht mehr so flexibel denken und haben zunehmend Schwierigkeiten mit Multi Tasking. Im Durchschnitt verliert der Mensch ab dem 40. Altersjahr etwa 1% bis 2% seiner Schnelligkeit und Präzision. Es gibt aber auch Bereiche, die im Alter weiterentwickelt werden können, z.B. Klugheit, Ausdauer oder Besonnenheit. In diesen ist der alternde Mensch den Jüngeren oft überlegen.

    Sicher ist, dass die Lebensarbeitszeit ein wichtiges Reformthema sein muss, vor allem aufgrund der Tatsache, dass immer mehr Menschen immer früher aus dem Erwerbsleben aussteigen und sich früh pensionieren lassen, obwohl sie körperlich und geistig fit sind. Aber meines Erachtens ist es falsch, dass wir weiterhin auf unser traditionelles System setzen, das Menschen am angestammten Arbeitsplatz alt werden lässt und von ihnen verlangt, dass sie zukünftig einfach noch ein paar Jahre anhängen oder gar ausharren. Wenn wir etwas aus der Forschung lernen können, dann dies: dass Alter(n) sowohl Abbau als auch Entwicklung, sowohl Gewinn als auch Verlust, ist. Daraus folgt, dass ein Umsteigen auf neue, solchen Tatsachen gerecht werdende Berufe möglich werden muss. Wieso beispielsweise könnte ein Banker mit 50 Jahren nicht seine sozialen Begabungen entwickeln, eine Weiterbildung absolvieren, um dann vielleicht eine Kinderkrippe leiten zu können? Vielleicht sind solche Berufe dann weniger prestige- und einkommensträchtig, aber eher den verfüg- und  entwickelbaren Kompetenzen angepasst und mit einer neuen Zukunft versehen. Ein so verstandenes Talenbtmanagement ist jedoch eine präventive Aufgabe von Betrieben, die lange vor dem Zeitpunkt des geplanten Ausstiegs oder Verbleibs zum Tragen kommen muss.

    Mein Fazit: Das Alter(n) birgt sowohl für das Individuum als auch die neuen gesellschaftlichen Herausforderungen in einer globalisierten Welt des Wettbewerbs ungeahnte Schätze, die zu heben einer anderen Strategie bedürften als lediglich die Diskussion und Einführung eines erhöhten Rentenalters.  

  • Werden Sie auch immer wieder mit Fragen konfrontiert, die Sie langsam, aber sicher nerven? Wenn Sie beispielsweise als Frau über 30 sind und dauernd gefragt werden, ob Sie keinen Kinderwunsch hätten? Oder wenn Sie gegen 60 gehen und man Sie dauernd fragt, ob Sie noch arbeiten?

    Mich nervt eine andere Frage: «Wie machst du das eigentlich, dass du immer so diszipliniert bist?» Sie nervt mich deshalb, weil ich offenbar einen so disziplinierten Eindruck mache, mich aber überhaupt nicht so empfinde. In diesem Blog hierzu Einiges, natürlich nicht ganz ernst Gemeintes. Auf die Idee gekommen bin ich übrigens aufgrund eines Beitrags in der ZEIT von Christoph Niemann.

    Disziplinierung I

    Ich stehe zwar jeden Morgen früh auf, aber es fällt mir häufig schwer, mich dann zu disziplinieren. Diese Disziplinierung ist das Zentrale, womit ich mich beschäftige, wenn ich mich dann in den Zug setze bis am Abend, wenn ich meinen Schreibtisch aufräume (was ich zu Hause leider nie tue).

    Disziplinierung II

    Disziplin ist nur die halbe Welt. Das andere ist Begabung – sagt man. Das finde ich kaum. Wenn ich auf meine Karriere zurückblicke, dann halte ich es eher mit Albert Einstein, der einmal gesagt hat, dass der Kern seines Erfolgs 5% Inspiration und 95% Transpiration sei. Bei mir sieht es ähnlich, aber doch etwas anders aus: Viele meiner Freunde sagen mir, dass es bei ihnen anders sei. Und ich möchte manchmal gerne so sein wie sie: Sie machen ein Mittagsschläfchen, gehen spazieren, machen etwas Yoga oder gehen ins Kino. Und wenn sie sich dann an den Schreibtisch setzen, dann sprudeln ihre Ideen und intellektuellen Erleuchtungen nur so hervor.

    Disziplinierung III

    Ich selber glaube kaum an die Inspiration. Bei mir läuft alles viel unspektakulärer ab. Ich setze mich an den Schreibtisch und beginne zu schreiben – Oropax, kein Telefon, kein Handy. Das funktioniert oft sehr gut. Aber manchmal auch nicht. Dann schweifen meine Gedanken ab. Ich bestelle den Lebensmitteleinkauf vom nächsten Wochenende im Internet, schaue nach, was im Kino läuft, google im 20Minuten die News.

    Bilanz

    Also, ich fühle mich gar nicht so diszipliniert, wie viele von mir denken. Aber was ich besonders gut kann ist, stoisch und enthusiastisch zu bleiben. Ich weiss, dass diese Abschweifungen zu meinem Berufsleben gehören. Und ich kann gut mit Frust umgehen. Das heisst aber nicht, dass der Weg zum Ziel manchmal angenehmer sein könnte…

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  • Tatsache ist, dass in der Schweiz viele Lehrstellensuchende aktuell noch keine Zusage für eine Lehrstelle haben, weil ihnen nach Meinung der Betriebe die notwendigen Qualifikationen fehlen. Andererseits ist der Lehrlingsmangel in gewissen Branchen enorm. Der Bundesrat prüft deshalb, ob diese Situation entschärft werden könnte, wenn die Schweiz arbeitslose Griechen, Spanier oder Italiener ausbilden würde. In diesen südeuropäischen Ländern beträgt die Jugendarbeitslosigkeit teilweise um 50%, in der Schweiz hingegen nur 2.9%.

    Meine Haltung ist klar: Wir haben genug Potenzial an Auszubildenden in unserem Land. Zudem hat der Bund eine vielversprechende Qualitätsoffensive gestartet. Ist diese so schnell vergessen gegangen, die uns in Form der Kampagne «BERUFSBILDUNGPLUS.CH. Der Weg der Profis» von vielen Plakaten entgegen(ge)lacht (hat)? Das Ziel dieser Offensive ist die Suche und Förderung von Talenten, die Anwerbung von Frauen für technische Berufe und die gezielte Nutzung des Potenzials von jungen Migrantinnen und Migranten. Dies bleiben bekanntlich nicht selten wegen ihres Namens, ihrer schlechten Schulnoten und aufgrund ihres kulturellen Hintergrunds auf der Strecke.

    Nach Meinung der Betriebe liegt die Hauptursache des Lehrlingsmangels bei den Jugendlichen selbst, weil sie den Leistungsanforderungen kaum mehr genügen. Viele Betriebe rügen die Volksschule immer wieder und teilweise auch sehr pointiert, dass sie die Schülerinnen und Schüler zu wenig auf das vorbereiten würde, was in der beruflichen Grundbildung gefordert sei. In den Warteschlaufen, d.h. im 10. Schuljahr, in den Brückenangeboten oder den Motivationssemestern, sind die meisten Jugendlichen genau aus solchen Gründen: Weil sie die mündliche und schriftliche deutsche Sprache nur mangelnd beherrschen, lediglich elementare Mathematikkenntnisse haben oder auch, weil ihre so genannten ‚Sekundärtugenden‘ nicht genügend ausgebildet sind. Dazu gehören Leistungsmotivation, Zuverlässigkeit, Fleiss und Ordnungssinn.

    Meint man nun tatsächlich, spanische und portugiesische Lehrlinge würden über solche Kompetenzen automatisch verfügen? Oder sie liessen sich in einem Crash-Kurs für die notwendigen Sprachkenntnisse in kürzester Zeit fit machen? Oder spielt es plötzlich keine grosse Rolle mehr, wenn der Konditorlehrling aus Portugal kaum mehr deutsch kann? Solche südeuropäischen Jugendlichen sprechen ja in der Regel weder deutsch noch französisch und haben dies in der Schule auch nicht gelernt.

    Meines Erachtens ist diese Idee eine blauäugige und zudem eine, welche eine Ohrfeige für all die jungen Menschen ist, welche in der Schweiz leben, x-Bewerbungen schreiben, nur Absagen erhalten und viele von ihnen bisher gar nie eine Chance bekommen haben, sich zu bewähren und sich zu engagieren. Das Risiko steht im Raum, dass ein Teil dieser Warteschlaufen-Kids zur verlorenen Generation wird. Viele von ihnen sind nicht einfach schlecht oder dumm, sondern sie sind nicht entsprechend, und vor allem nicht entsprechend früh, gefördert und in ihren Sekundärtugenden ‚geschliffen‘ worden. Anstatt Jugendliche aus Südeuropa anzuwerben, müssten Politik und Wirtschaft gerade in der jetzigen Situation genau für dieses Segment von Jugendlichen gezielte und verbindliche Perspektiven schaffen.

    Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich schliesse ausdrücklich die grenznahen Gebiete der Schweiz aus, wo die Situation anders aussieht. Dazu gehören beispielsweise die etablierte Tradition im Raum Basel oder – eher neuerer Natur – diejenige im Tessin, wo ausländische Jugendliche als Lehrlinge eingestellt werden und mit denen man gute bis sehr gute Erfahrungen macht. Im Unterschied zu Südeuropäern sprechen sie aber die Umgangssprache sehr oft bereits seit langem und vor allem werden sie auch nicht so entwurzelt, wie dies bei den Südeuropäern der Fall wäre.

    Denn viel zu wenig bedacht wird, dass junge angeworbene Südeuropäer – genauso wie unsere einheimischen Jugendlichen – mitten in der Pubertät stehen. Max Frisch hat in den 1960er Jahren einmal gesagt: «Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.» Übertragen auf die heutige Situation könnte man formulieren: «Wir riefen Lehrlinge und es kamen Kinder.» Entwicklungspsychologisch betrachtet brauchen junge Menschen immer – ob Nord-, West-, Mittel-, oder Südeuropäer – ein familiäres Umfeld, das ihnen Halt, Unterstützung und Nestwärme bietet. Dies zu leisten vermag die Idee des Bundesrats, so wie sie heute ausgereift ist, nicht. Anstatt Lehrlinge aus Südeuropa anzuwerben, täte die Schweiz viel besser daran, in den Ländern selbst zu investieren. Rudolf Strahm hat mit der Idee der Kohäsionsmilliarde einen Anstoss gegeben.

    Meines Erachtens ist es die erste und auch vornehmlichste Pflicht unseres Landes, allen hier lebenden Jugendlichen einen Ausbildungsplatz zu ermöglichen und sie gezielt und vor allem früh genug in ihrem Kompetenzaufbau zu unterstützen. Die gegenwärtige Situation kann für Lehrbetriebe zur Chance werden, ihre Selektionsstrategien zu überdenken. Schulnoten verdecken oft das, was Jugendliche eigentlich könnten. Dies trifft oft für schulmüde Jugendliche zu, die im Prinzip leistungsstark sein könnten. Betriebe sollten deshalb viel stärker zwischen Leistung und Potenzial unterscheiden und Fähigkeiten, die jenseits schulischen Wissens vorhanden sind, berücksichtigen.

  • Eine bedeutende Tageszeitung hat kürzlich über einen bemerkenswerten Aufstieg eines Managers berichtet. Ich hätte diesen Bericht glatt übersehen, wäre mir nicht sein Name ins Auge gestochen. Er war nämlich Ende der 1970er Jahre einmal zu mir in die Schule gegangen. Was jedoch vor allem meine Aufmerksamkeit erregte war meine Erinnerung, dass er ein schlechter Schüler gewesen war und sogar einmal eine Klasse repetieren musste.

    Aus heutiger Sicht und auf der Basis meiner Forschung weiss ich, dass dieser Manager kein Einzelfall ist. In der Tat ist es so, dass eine ganze Anzahl von Untersuchungen zu den Lebenswegen von einfluss- und erfolgreichen Menschen zeigt, dass viele von ihnen sehr durchschnittliche oder gar schlechte Schüler waren.

    Leider jedoch bleiben nicht wenige an sich begabte Schüler auf der Strecke. Die Anzahl Personen, die in der Schule offenbar nichts «zu bieten» hatten, ist viel grösser als wir annehmen. Zudem kommen viele von ihnen aus bescheidenen Verhältnissen.

    Unser Schulsystem ist nach wie vor sehr einseitig. Schülerinnen und Schüler werden vor allem auf der Basis von zwei Fähigkeiten getestet, benotet und klassifiziert: auf der Fähigkeit, auswendig zu lernen und den Stoff wiedergeben zu können sowie – zu einem geringeren Anteil – auf der Fähigkeit zu analysieren. Diejenigen Schüler, welche in diesen Bereichen «gut» sind, werden als gescheit und clever, diejenigen, welche schwächer sind, als durchschnittlich oder gar als dumm beurteilt.

    Viele Schüler aus gut situierten Familien können solche Fähigkeiten zu Hause trainieren und bekommen von den Eltern Unterstützung. Für Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien trifft dies oft nicht zu. Häufig jedoch verfügen gerade sie über andere Fähigkeiten. Dazu gehören Kreativität, praktische Intelligenz und ihre wichtigste Komponente: die Intuition. Weil solche Fähigkeiten für den Schulerfolg kaum zählen oder wertgeschätzt werden, bleiben sie unerkannt und unbeachtet. Deshalb werden Schüler mit genau solchen Fähigkeiten oft zu Verlierern. Schlimmer noch ist die Folge davon: Sie verlieren das Interesse am Lernen und entwickeln mit jedem Schuljahr eine grössere Schuldistanz.

    Paradoxerweise sind es aber genau diese Fähigkeiten, welche für den Berufs- und Lebenserfolg besonders wichtig sind. Auf dem heutigen Arbeitsmarkt ist erfolgreich, wer flexibel ist, kreativ Probleme lösen und intuitive Entscheide fällen kann. Es erstaunt deshalb nicht, weshalb ein nicht kleiner Teil derjenigen Jugendlichen, die in der Schule als 'gescheit' gegolten haben, nach Matura und Studium im Beruf scheitern. Hauptgrund: Sie können das erworbene Schulwissen nicht anwenden.

    Damit will ich keinesfalls behaupten, dass Auswendiglernen oder der Erwerb analytischer Fähigkeiten nicht wichtig sind. Schüler müssen die festgeschriebenen Minimalstandards erreichen und fähig sein, Dinge analysieren und kritisch denken zu können. Aber die Bedeutung dieser Fähigkeiten wird überbewertet und zu einseitig betont, so dass die anderen wichtigen Fähigkeiten aus dem Blick geraten sind. Das in den Schulen vorherrschende Intelligenzkonzept trägt zur Vergeudung von Talent bei. Zu vielen jungen Menschen mit praktischen Begabungen und kreativen Potenzialen werden Chancen verbaut, weil sie nicht in dieses Schema passen. Wie könnte man dies ändern? Sicher nicht mittels einer Bildungsreform oder einem Schulversuch, sondern ganz simpel: Je mehr Lehrkräfte beginnen, auf der Basis eines breiteren Intelligenzverständnisses zu unterrichten und zu bewerten, desto mehr werden sie gute Schülerinnen und Schüler entdecken. Und es werden auch solche sein, die aus sehr einfachen Verhältnissen stammen, aus anderen Kulturen oder gar solche mit Lernschwierigkeiten. Jeder Lehrer und jede Lehrerin kann auf eine einfache Weise einen Betrag dazu leisten, dass aus «dummen» Schülern «gescheitere» werden.

     

     

     

  • Aktuell ist die Abschaffung der Gymiprüfungen im Kanton Zürich in aller Leute Munde. Das Hauptargument der Befürworter, die im Kantonsrat eine parlamentarische Initiative eingereicht haben, ist das der verzerrten Zugangschancen und der Benachteiligung von Kindern aus weniger gebildeten und armen Familien. Das Hauptargument der Gegner betrifft die Angst vor Hunderten von zusätzlichen Schülern, welche die Gymnasien gar nicht verkraften könnten.

    Wer hat aus wissenschaftlicher Sicht ‚Recht‘? Zunächst einmal: eher die Befürworter! Für ihre Argumente spricht die Tatsache, dass der Zugang zum Gymnasium, so wie er heute im Kanton Zürich – und in verschiedenen anderen Kantonen – gestaltet ist, erkauft werden kann. Es gibt eine riesige parallelschulische Lernindustrie mit Nachhilfestunden, Lernstudios, Wochenende-Workshops etc. Das alles kostet viel Geld, weshalb Kinder aus weniger begüterten Familien ganz klar benachteiligt sind.

    Zweitens können die Befürworter damit punkten, dass auch aus wissenschaftlicher Sicht zahlreiche Argumente dafür sprechen, dass der Zugang zu den Gymnasien nicht mehr allein auf Noten abgestützt werden sollte. Noten sind in einem hohen Mass unpräzis und allein auf sie aufbauende Aufnahmeverfahren kaum mehr zeitgemäss. Deshalb sollten neue Selektionskriterien gefunden werden, welche auch Entwicklungsmöglichkeiten und Lernverhalten des Kindes unter die Lupe nehmen.

    Die Gegner argumentieren vor allem damit, dass eine Abschaffung der Gymiprüfung zur Folge hätte, dass die Gymnasien Schüler aufnehmen müssten, die nur fraglich für eine akademische Ausbildung prädestiniert wären. Dieses Argument ist falsch, weil es bereits jetzt zutrifft: Ein nicht kleiner Anteil derjenigen, die den Sprung ins Gymnasium über die Aufnahmeprüfung schaffen, ist lediglich besonders fleissig und durch das Elternhaus gefördert, verfügt jedoch nur am Rande über die traditionell für das Gymnasium erforderlichen ‚kognitiv überdurchschnittlichen’ Fähigkeiten. Das zweite Argument der Gegner ist hingegen stichhaltiger: dass die Gymiprüfung im Kanton Zürich ein gerechtes Verfahren sei. Tatsächlich hat die wissenschaftliche Überprüfung durch Urs Moser von der Universität Zürich ergeben, dass es die ‚Richtigen‘ ans Gymnasium schaffen, d.h., wer im Intelligenztest (den Moser et al. durchgeführt haben) gut abschneidet, schafft auch die Prüfung ans Gymnasium.

    Soweit so gut. Was sowohl Befürworter als auch Gegner offenbar nicht bedacht haben, ist die empirische Tatsache, dass sich Chancengerechtigkeit nicht durch die Abschaffung der Gymiprüfung ‚herstellen‘ lässt. Gut belegt ist nämlich, dass Kinder mit Migrationshintergrund und aus benachteiligten Sozialschichten eine vielfach geringere Chance haben, den Sprung ins Gymnasium zu schaffen als Kinder aus privilegierteren Sozialschichten. Somit kommen zwar die ‚Richtigen‘ ins Gymnasium, doch bleiben viele, welche genauso viel oder mehr Potenzial hätten und auch zu den ‚Richtigen‘ zu zählen wären, auf der Strecke – und dies ab Schuleintritt. Bereits hier werden nämlich die Weichen gestellt. Das Hauptproblem ist die Annahme vieler Lehrkräfte, Schüler mit Migrationshintergrund und solche aus sozial schwachen Familien seien sowieso «bildungsfern» und deshalb weniger intelligent als Kinder aus gutsituierten Familien. Deshalb sucht man bei ihnen gar nicht nach versteckten Begabungen und fördert sie auch nicht so, dass diese sichtbar werden könnten.

    Fazit

    Will man mehr Chancengerechtigkeit beim Zugang zum Gymnasium, so ist nicht die Abschaffung der Prüfung der richtige Weg. Vielmehr müsste man benachteiligten Kindern früh schon helfen, die ihnen in den Weg gestellten Hürden zu überwinden. Lehrkräfte müssten lernen, wie man ihre Potenziale erkennt, wie man diese zur Entfaltung bringt und wie man ihre Familien überzeugt, ihr Kind auf das Gymnasium schicken zu wollen. Dies alles bedingt aber vor allem Eines: eine Änderung von Haltungen und Vorurteilen, und eine solche ist nicht mit der Abschaffung der Gymiprüfung zu erreichen.

  • erschienen in der Aargauer Zeitung/Nordwestschweiz unter dem Titel "Weg von der Defizitperspektive", 14.10., 18.

     

    Haben Sie einen Ihnen nahestehenden Menschen verloren und trauern Sie nun schon mehr als ein Jahr um ihn? Stehen Sie manchmal vor dem Kühlschrank und bekommen eine Heisshungerattacke? Oder sind Sie Eltern eines Kindergärtlers, der noch keine zwanzig Minuten stillsitzen kann? Falls ja, dann sind dies alles ‚Störungen‘, die Sie behandeln oder therapieren lassen sollten. So zumindest ist der Trend des psychiatrischen Diagnosesystems DSM-5. Demnach hat jeder dritte Erwachsene heute irgendwelche Störung. Mehr als die Hälfte der Schulkinder werden in Therapien oder Alternativtherapien behandelt. In der Schweiz leben somit mehr kranke als gesunde Kinder. Warum gibt uns dies eigentlich nicht mehr zu denken? Unsere Kinder und Jugendlichen sind nämlich nicht gestörter als früher. Was sich verändert hat, sind die Etiketten. Es werden immer mehr Varianten des Normalen als pathologisch erklärt. Fast scheint es, dass unser Nachwuchs von unserer Therapiegesellschaft krank gemacht wird.

    Noch vor zehn Jahren war dies anders. Damals wurde Begabtenförderung zu einem grossen Thema und der Satz «Jedes Kind ist entsprechend seinen Begabungen zu fördern» für viele Eltern und Pädagogen zur Leitidee. Heute sieht es in der Praxis jedoch vielfach anders aus. Bei Eltern, in der Schule und oft auch in der Medizin dominiert ein ausgeprägter Blick auf das Unvermögen von Kindern. Jede kleinste Abweichung gilt bereits als Entwicklungsstörung. Weshalb?

    Selbstverständlich gibt es verschiedene Ursachen. So verfügen wir heute beispielsweise über viel mehr wissenschaftliches Wissen, das sich auch in einer umfassenderen, genaueren Diagnostik und neuen Technologien niederschlägt. Einer der Hauptgründe dürfte jedoch anderswo liegen: im Hype um die Frühförderung und der damit verbundenen Diagnosesucht. Zwar ist die Hauptbotschaft der Frühförderung – «je früher, desto besser» – vollkommen richtig. Denn die Vorschuljahre sind für eine gute Entwicklung besonders bedeutsam. Deshalb gilt Frühförderung zu Recht als wichtiges Fundament der gesamten Bildungslaufbahn. Doch hat diese Botschaft leider auch dazu geführt, dass nicht mehr die kindlichen Potenziale im Mittelpunkt stehen, sondern vor allem die krampfhafte Suche nach Defekten.

    Es ist somit wenig verwunderlich, dass sich viele Eltern und auch Lehrkräfte massiv unter Druck fühlen. Schon bei der kleinsten Abweichung von der Norm ziehen sie einen Spezialisten bei, damit die Störung sofort therapiert werden kann und das Kind wieder den Erwartungen entspricht. Eines der Grundprobleme sind dabei die vielen Tests und Diagnoseinstrumente, welche auf dem Markt sind. Viele von ihnen sind handgestrickt, nicht überprüft und basieren oft lediglich auf subjektiven Einschätzungen. Sie können, besonders wenn sie von ungeschultem Personal genutzt werden, zu Fehldiagnosen führen. Dies trifft vor allem für Tests zu, die nur eine einzige Leistung in den Blick nehmen und deshalb schnell eine Störung identifizieren. Denn, wer sucht, der findet immer.

    Ungeachtet solcher Probleme stellt sich die Frage, ob wir uns eigentlich bewusst sind, dass jeder Test und jede Diagnose, die auf einer Defizitperspektive basieren, ungewollte Folgen hat? Diagnosen pathologisieren, Therapien stigmatisieren. Kinder möchten jedoch normal sein. Aber das können sie nicht, wenn sie am Mittwochnachmittag statt auf den Spielplatz in die Ergotherapie müssen.

    Unsere Gesellschaft ist auf dem besten Weg, die seelische und intellektuelle Gesundheit unseres Nachwuchses abzuschaffen und immer mehr normale in defekte Kinder zu verwandeln. Dieser Entwicklung könnten und müssten wir entgegentreten. Erstens, indem wir bei einem Kind erst bei ernsthaften und entwicklungsbeeinträchtigenden Anzeichen eine Abklärung in die Wege leiten. Deshalb sollten wir es von defizitorientierten Tests und Pseudodiagnosen erlösen und unnötige Therapien verhindern. Zweitens, indem wir uns an die 1990er Jahre zurückbesinnen und wieder vermehrt nach Begabungen und Stärken suchen, auf denen Kinder und ihre Eltern aufbauen können. Und schliesslich wäre es für viele Kinder eine Wohltat, wenn ihnen mehr Zeit zum ‚Wachsenlassen‘ zugestanden würde…

  • Lange Jahre habe ich mich mit Hochbegabung respektive überdurchschnittlicher Begabung befasst und dabei auch das Phänomen der Underachiever beleuchtet. Underachiever (Minderleister) sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die aufgrund ihrer kognitiven Kompetenzen deutlich weniger leisten als man von ihnen erwarten würde. Über dieses Phänomen wissen wir heute relativ viel, und es ist auch recht gut beforscht.

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
Bahnhofstrasse 102, CH-5000 Aarau (Google Maps)
 
Telefon   +41 79 239 77 12
    +41 79 550 51 50 (Romina Zenklusen)
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