Familie

  • «Mein Sohn Damian ist mein bester Freund.» Dies war die Antwort von Sylvie Meis (ehemals van der Vaart) in der deutschen BILD-Zeitung auf die Frage, was ihr denn in der schweren Zeit nach der Trennung von ihrem Ehemann, dem Profi-Fussballer Rafael van der Vaart, Kraft gäbe. Sylvie Meis hat damit vielen aus dem Herzen gesprochen: Partner kommen und gehen, das jedoch Kind bleibt. Deshalb setzen viele Eltern auf eine partnerschaftliche Erziehung. 

    Ist dies nicht eine optimale Errungenschaft unserer modernen Gesellschaft? Ausdruck dessen, dass es unseren Kindern besser denn je geht und dass sie nicht mehr unterdrückt werden? Tatsächlich mangelt es vielen von ihnen an kaum etwas: Kinder haben Rechte und gelten als selbstbestimmte Persönlichkeiten. Sie werden geliebt und Tag und Nacht von umsichtigen Vätern und Müttern umsorgt. Kinder entscheiden mit, sei es in der Familie, in der Schule oder in der Freizeit.

    In der Tat sind das Aspekte einer positiven pädagogischen und gesellschaftlichen Entwicklung. Keiner von uns möchte zur so genannten«schwarzen Pädagogik» zurück. Zum Beispiel zum Struwwelpeter, mit dem uns unsere Eltern drohten oder zum Teppichklopfer als Mahnmal elterlicher Autorität. Doch der Trend zum partnerschaftlichen Erziehungsstil ist trotzdem aus mindestens zwei Gründen hoch problematisch

    • Weil eine solche Erziehung die Tendenz hat, die Kindheit abzuschaffen. Väter und Mütter, welche den Nachwuchs als «Freunde» betrachten, formen ihn bereits im Babyalter immer mehr zu kleinen, partnerschaftlichen Erwachsenen. Schon kleine Mädchen und Knaben halten sich heute in Nobelrestaurants ganz selbstverständlich auf, gehen mit zur Eltern-Tanzstunde oder fliegen schon mal als Fünfjährige alleine nach New York. Eltern sind stolz auf ihre frühreifen kleinen Könige.
    • Weil damit eine massive Überforderung der Kinder einhergeht. Sie werden in eine Rolle gedrängt, die sie gar nicht erfüllen können. Denn Kinder werden nicht als fertig entwickelte Wesen – oder gar als kleine Persönlichkeiten – geboren. Deshalb meint «Er-Ziehung» auch eine von Erziehungsnormen geleitete Einübung in all die Kompetenzen, welche unsere Kultur bei mündigen Bürgern voraussetzt.

    Das partnerschaftliche Erziehungsmodell ist deshalb das ungeeignetste Mittel überhaupt. Eltern, die ihrem Kind ab Geburt Autonomie und unbegrenzte Selbstverwirklichung zugestehen, die es schon mit drei Jahren selbst entscheiden lassen, was gut für es ist und die sogar Erwachsenenthemen (oder Partnerprobleme) mit ihm besprechen, identifizieren sich zu stark mit ihm. Erziehung verlangt Distanz und bewusste Abgrenzung. Dies hat nichts mit autoritärer Erziehung zu tun, sondern mit der Schaffung des notwendigen Fundaments, welches das Kind für eine gesunde psychische Entwicklung. Braucht.

    Viele Eltern unterliegen dem Irrglauben, ihr Kind würde sich von selbst gut entwickeln, wenn es ihm materiell gut geht und es partnerschaftlich auf Augenhöhe erzogen werde. Leider ist diese Vorstellung falsch. Es braucht Eltern, die sich vom Kind abgrenzen und sich als Erziehende verstehen. Nur auf diese Weise können sie ihm zeigen, wie man emotionale, charakterliche, soziale, intellektuelle und lebenspraktische Kompetenzen erwirbt. Hierzu sind Regeln und Strukturen nötig, die den Kindern abverlangt und mit ihnen immer wieder eingeübt werden. Dazu gehören alltägliche Abläufe – etwa, dass und wie man sich alleine anziehen lernt, den Tisch abräumt, ein Bettritual einhält, den Schulsack packt. Dazu gehört aber auch, wie man lernt stillzusitzen, zuzuhören, zu warten, bis man etwas bekommt oder zu lernen, sich für etwas anzustrengen. Die psychischen Voraussetzungen für erfolgreiches schulisches Lernen, also eine adäquate Lernhaltung zu erwerben, müssen im Elternhaus eingeübt werden und nicht in der Kita, im Kindergarten oder gar in der Schule. Aber dies kann aber nicht durch einen partnerschaftlichen Erziehungsstil geschehen.

    Selbstverständlich wollen die meisten Eltern das Beste für ihr Kind. Aber sie sind sich oft kaum bewusst, dass sie mit ihrem partnerschaftlichen Erziehungsstil ihr Kind wie einen kleinen König behandeln, um den sich die ganze Welt dreht. Logischerweise ist es für solche Kinder spätestens beim Kindergarteneintritt selbstverständlich, dass sie nicht nur die Familie, sondern auch die ganze Welt steuern können. Es verwundert somit kaum, wenn sie gegen alles rebellieren, dauernd schlecht gelaunt sind und nichts gut finden. In einer solchen Situation bringen auch Erklärungs- und Aushandlungsversuche der Eltern wenig. Die Psyche solcher Kinder ist in einem dauernden Überforderungszustand.

    Partnerschaftliche Erziehung überfordert auch die Eltern: Denn immer mehr Energie aufbringen zu müssen und sich dabei förmlich zu zerreissen, um das Kind zufrieden zu sehen, sprengt die elterlichen Kapazitäten. Deshalb tendieren solche Eltern oft dazu, das Verhalten des Sprösslings als krank zu empfinden und nach entsprechenden Symptomen zu suchen. Dies erklärt sich unter anderem durch die auffallende Häufung von Störungen wie ADHS, Dyskalkulie oder Legasthenie. Ein Gang zum Experten dient dann als hilfreiche Bestätigung der bereits selbst gestellten Diagnose. Und wenn dieser Experte ihre Vorschläge nicht goutiert, wird er eben ausgewechselt – bis einer gefunden ist, der die eigene Vorstellung teilt.

    Für partnerschaftlich erzogene Kinder setzt sich dieser Teufelskreis in der Schule fort: Beschwert sich die Lehrkraft beispielsweise über das unangepasste oder vorlaute Verhalten des Kindes, empfinden die Eltern diese Lehrkraft schnell einmal als reaktionär und reagieren mit einer Klage oder gar einem Rekurs bei der Schulleitung. Damit jedoch schaden sie sich selbst. Denn der einzige Weg, vom überfordernden partnerschaftlichen Erziehungsstil wegzukommen wäre, den Blick auf den eigenen Umgang mit ihm dem Kind zu richten und einzusehen, dass es kaum die partnerschaftlichen Erziehungsstrukturen sind, welche Ordnung bieten und den überfordernden Druck vom Kind nehmen.

    Was könnte man tun, um den partnerschaftlichen Erziehungsstil zu überwinden? Sicher nicht, indem man Kinder einfach strenger erzieht oder wieder mehr Autorität einführt. Vielmehr sollten Eltern ein Bewusstsein entwickeln, sich anders zu verhalten: als eigenständige Erwachsene, die ihrem Kind zwar Herzenswärme und Liebe schenken, seine Autonomie in kleinen Schritten entwickeln helfen, insgesamt jedoch klare Regeln und Normen setzen und diese immer wieder mit ihm einüben.

    Auf einer solchen Grundlage kann die Partnerschaftlichkeit gut etwas warten. Ab der Pubertät ist sie dann jedoch  sehr wichtig. Das zeigt: Auch Erziehung ist Entwicklung. Eltern müssen bereit werden, sich in ihrem Erziehungsstil zu verändern. Kleine Kinder brauchen eine andere Führung der Eltern als grössere Kinder.

  • Im letzten Herbst habe ich in der NZZ am Sonntag eine Gastkolumne zum «Social Freezing» (manchmal auch «Egg Freezing» genannt) geschrieben, d.h. zur Möglichkeit des Einfrierens von Eizellen, damit Frauen Karriere machen und die Mutterschaft auf später verschieben können*. Meine Meinung war und ist die, dass dies ein falscher Weg ist. Auf meinen Gastbeitrag habe ich viele Rückmeldungen erhalten – erstaunlicherweise kaum von Müttern, sondern vor allem von Vätern, welche die Familie mit der Karriere vereinbaren wollen oder sollen, sich aber enorm unter Druck fühlen.

    Nun hat am letzten Mittwoch die Kommission für Soziale Sicherheit des Nationalrates einem zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub zugestimmt. Argumentiert wird, dass «Väter auch früh schon an der Kleinkind-Betreuung mitwirken» können sollen. Nichts gegen einen solchen Vaterschaftsurlaub! Er ist längst überfällig, aber er ist ein ungenügendes Angebot. Nicht nur deshalb, weil andere Länder - z.B. Deutschland - eine viel grosszügigere Regelung haben (Dort wird das Elterngeld an Väter und Mütter während maximal 14 Monaten gezahlt, die mit der Arbeit aussetzen). Zum einen, weil ein Vaterschaftsurlaub aus Männern nicht einfach so moderne Väter macht. Zum anderen, weil er den Eindruck erweckt, als sei nun viel für die Väter getan. Vernebelt wird damit nämlich, dass sich Väter heute schon überdurchschnittlich engagieren und ein den Müttern vergleichbares Vereinbarkeitsproblem haben. Der moderne Vater spielt zunehmend die Rolle des Supermannes, der ausserordentliche Kräfte aufbringt,um den Ansprüchen zwischen Kind, Karriere und Küche gerechter zu werden.

    Allerdings ist die Rolle moderner Väter mit Widersprüchlichem verbunden, und Einiges will einfach nicht so richtig zusammen passen. Folgt man der Statistik des BfS**, dann arbeiten fast 90% in einem anstrengenden Job, mehr als 40 Stunden pro Woche. Gleichzeitig wollen sie mehr Zeit mit den Kindern verbringen. Nur 40% finden jedoch, dass es ihnen gelingt, eine gute Balance zu halten und genug Zeit für die Familie aufzubringen***. Trotz dieser Situation ist die Vollzeitstelle für den Vater und die Teilzeitstelle für die Mutter das bevorzugte und am häufigsten praktizierte Arbeitsmodell.

    Viele Väter sind hin- und hergerissen zwischen der beruflichen Karriere und dem Ideal des perfekten Vaters. Noch immer verspüren sie die Verpflichtung, als Ernährer der Familie wirken zu müssen. Zwar finden sie das Rollenverständnis ihrer eigenen Väter als antiquiert und sie verhalten sich gegenüber ihren eigenen Kindern auch ziemlich anders – was den Beruf betrifft, jedoch kaum.

    Warum ist dies so? Weshalb fühlen sich moderne Männer derart unter Druck, und wie kommt es, dass partnerschaftliche Vereinbarkeitsmodelle so rar sind? Hierzu gibt es natürlich viele Gründe, doch mit Sicherheit drei, welche ökonomische, betriebliche und innerfamiliäre Rollen betreffen.

    «Die Logik des Geldbeutels»: In ökonomischer Hinsichtkommt es bei der Geburt des ersten Kindes häufig zu einer Traditionalisierung der Rollenmuster.Logischerweise entscheidet bei vielen Paaren der Lohn darüber, wie die Familien- und Berufsarbeit nun aufgeteilt werden soll. Oft haben Männer einen Einkommensvorteil, weshalb sie voll im Beruf engagiert bleiben – oder aufgrund der gestiegenen Investitionskosten sogar noch mehr arbeiten müssen. Mütter hingegen steigen teilweise aus oder arbeiten Teilzeit, nicht selten deshalb, weil sie nur ein unsicheres Beschäftigungsverhältnis haben. Der Entscheid ist deshalb oft eine rationale Kosten-Nutzen-Abwägung.

    «Die Männlichkeit im Betrieb»: Zwar gibt es heute immer mehr Betriebe, welche auch Teilzeitarbeit von Männern einführen oder mit dem Label «familienfreundlich» werben. Dies ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist die, dass viele Betriebe eine Verfügbarkeits- und Anwesenheitskultur pflegen und damit einem traditionellen Männlichkeitsmuster folgen. Richard Sennett**** schreibt darüber in seinem Buch «Der flexible Mensch». Leistungsbereitschaft wird nach wie vor mit Präsenz und Produktivität gleichgesetzt.Die New Economy hat auch das Privatleben erobert, denn in vielen, auch kreativen Berufen muss man auch nach Feierabend damit beschäftigt sein, Kontakte zu knüpfen.Man muss somit zu den «richtigen» Zeiten anwesend und jederzeit einsetzbar sein. Wer «nur» Teilzeit arbeitet, weicht vom traditionellen Bild des «richtigen Mannes» ab und hat damit auch kaum Anrecht, Aufstiegsambitionen zu hegen.

    «Die Mütter als Türsteherinnen»: Innerfamiliär wird der Vereinbarkeitsdruck der Väter von den Müttern massgeblich beeinflusst. Viele von ihnen erachten Haushalt, Familie und Fürsorgearbeit als ihr Revier und verstehen sich deshalb als Profis. Nicht selten gilt der Vater folgedessen kaum als gleichwertiger Partner, sondern eher als Praktikant oder als Juniorpartner. Mütter setzen die Standards, wie etwas erledigt, der Brei gekocht oder die Wäsche gemacht werden soll. Für Väter ist dies häufig eine grosse Belastung, wenn sie nach einem arbeitsreichen Tag diese «zweite Schicht» beginnen und wissen, dass die Konflikte mit der Partnerin vorprogrammiert sind. Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass sich viele Väter in der Haushaltsarbeit zurückhalten.

    Wenn wir wirklich neue Väter wollen und ihre angespannte Situation ernstnehmen, dann ist der geplante Vaterschaftsurlaub zwar eine Referenz an die Väter, insgesamt aber nichts Weiteres als ein schönes Schäumchen auf einem guten Cappuccino. Unsere Gesellschaft müsste sich viel eher fragen, inwiefern die bestehenden inner- und ausserfamiliären Rahmenbedingungen zu verändern sind, damit überhaupt Zeit und Gelegenheit für eine angemessene Fürsorgearbeit von Vätern möglich wird, ohne dass sie Supermänner sein müssen.

    Was wir brauchen ist vor allem eine Diskussion über ein grundsätzlich neues Familienmodell, das einem «Work freezing» entspricht: Väter und Mütter sollten die Chance bekommen, sich in der intensivsten Familienphase etwas zurücknehmen zu können, um sich nachher wieder richtig reinzuhängen. Spätere Karrieren für Männer und Frauen sind sowieso angesichts des langen Lebens besonders erwünscht.

     

    * http://www.margritstamm.ch/images/nzzs_So_20141026_LMJO1%20PDF.pdf

    **Bundesamt für Statistik (2015). Erhebung zu Familien und Generationen 2013. Neuenburg: Bundesamt für Statistik.

    ***Pro Familia Schweiz (2011). Was Männer wollen. Studie zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Bern: Pro Familia.

    **** Sennett, R. (1998). Der flexible Mensch.Die Kultur des neuen Kapitalismus Berlin: Berlin-Verlag.

  • Warum bekommt man heute Kinder? Um dem Leben einen Sinn zu geben, um Liebe zu schenken und sich selbst nicht mehr so wichtig zu nehmen. So antwortet zumindest in unseren Forschungsstudien ein Großteil der Eltern oder solche, die es werden wollen. Elternliebe gilt als einmalig und unvergleichlich. Auch der Schriftsteller Jean Paul hat einmal gesagt, mit einer Kindheit voll Liebe könne man ein halbes Leben lang in der kalten Welt auskommen. Tatsächlich ist die Liebe zwischen Eltern und Kind für die fundamentale Ausgestaltung des Lebens etwas Grundlegendes. Zwar entspricht sie nicht dem ‚coup de foudre’, der Liebe auf den ersten Blick, den die Franzosen ‚Blitzschlag‘ nennen. Doch gilt sie als größer, inniger und zarter. Aber nicht nur die Liebe, sondern auch die Verantwortung gegenüber dem Kind schreiben heutige Eltern groß: 62% der 35- bis 42-jährigen meinen, dass Eltern ihr eigenes Leben hinter dasjenige des Kindes stellen sollten. Diese Aufopferungspflicht ist international. Sie gipfelt darin, dass Kinder heute zu genau geplanten Lebenswerken geworden sind. Wenn Männer und Frauen Eltern werden, dann erträumen sie ihr Elternglück in vielen Farben, und eines steht fest: Das Kind soll etwas Besonderes werden, das alles überstrahlt. Das Ziel ist das perfekte Kind, und perfekte Kinder brauchen perfekte Eltern. Derartiges Streben kann jedoch problematische Folgen für die Kinder haben. Dafür sind jedoch kaum die Väter und Mütter verantwortlich, sondern in erster Linie ist es unsere Gesellschaft.

    In den letzten zehn Jahren sind Väter und Mütter immer stärker zum Gegenstand des öffentlichen und politischen Interesses geworden. Grundsätzlich ist dies eine positive Entwicklung, denn die Familie ist lange genug ein Stiefkind der Politik gewesen (und ist es teilweise heute noch!). Problematisch ist allerdings, dass Erziehung, Betreuung und Bildung des Nachwuchses mehr und mehr politisiert werden und dies für Eltern negative Folgen hat. Eine oft vertretene gesellschaftliche Überzeugung ist dabei übermächtig: dass es allein der familiäre Einfluss sei – spricht: die «gute» Mutter und der «gute» Vater – welcher das Verhalten und Gedeihen des Nachwuchses bestimme. In der Bildungs- und Sozialpolitik besonders beliebt ist der Begriff der «verantworteten Elternschaft». Damit ist gemeint, dass man keine Kinder in die Welt setzen soll, wenn man nicht in der Lage ist, sie gut zu erziehen, zu fördern und zu bilden und dabei alle ihre Bedürfnisse und Interessen in den Mittelpunkt zu stellen. Dazu kommt, dass den Eltern kontinuierlich eingetrichtert wird, die ersten Lebensjahre seien die wichtigsten überhaupt. Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Aussage zwar weitgehend richtig, doch die mit ihr verbundenen Drohungen – Wer nicht möglichst früh seinen Nachwuchs fördere, nehme das Risiko verpasster Chancen in Kauf – haben möglicherweise fatale Folgen.

    Denn logischerweise haben sich solche Forderungen schnell auf das Selbstverständnis der Eltern übertragen und damit auch auf die Entwicklung der Kinder. Weshalb wundert man sich eigentlich, dass Eltern zunehmend begonnen haben, sich früh schon mit der Bildung ihrer Kinder zu beschäftigen? Sie verhalten sich ja nur genau so, wie dies die Politik immer einfordert! Warum ist man so erstaunt, dass Väter und Mütter ihre Antennen mit der Strategie «Früher=besser» dauernd ausfahren, um sich in Startposition zu bringen? Und weshalb der große Aufschrei, wenn Eltern Perfektionsträume entwickeln, die vor allem aus der Sorge um die Zukunft ihrer Kinder geboren werden und deshalb zumindest ein wenig helfen sollen, sich gegen die diffusen und bedrohlichen Ängste zu stemmen? Denn, wohin sie auch schauen und an wen sie sich auch wenden, sie werden bestätigt: Die Krise der Familie ist allgegenwärtig, und Schuld daran sind die Väter und Mütter!

    Je mehr jedoch unsere Gesellschaft die Eltern unter Druck setzt, desto größer werden ihre Schuldgefühle. Diese Einschüchterungskultur macht aus normalen Eltern solche, die unter Dauerstress stehen, damit sie perfekt sein und aus ihren Sprösslingen Treibhauskinder machen können. Sie stecken vielmehr in einem Circulus Vitiosus, in einem Teufelskreis, und zwar deshalb, weil sie so instrumentalisiert werden, dass sie sich nicht mehr kompetent genug fühlen. Die Art und Weise, wie in der Öffentlichkeit der Erziehungsnotstand proklamiert wird, hat zum Eindruck geführt, als ob alle Eltern professionelle Hilfe von außen bedürften. Folgedessen ist ein Großteil der Eltern auch überzeugt, dass in der Entwicklung und Erziehung ihres Nachwuchses mit Sicherheit etwas schief gehen wird, wenn sie nicht Expertenunterstützung erhalten. Dieser fatalistische Blick erhöht jedoch nur ihre Angst und vermindert gleichzeitig ihre Fähigkeit, auf sachlicher und objektiver Basis intelligente und intuitionsbasierte Entscheidungen zu treffen. Unsere Gesellschaft inklusive viele der selbst ernannten Experten tragen zu einem großen Teil dazu bei, weshalb Väter und Mütter heute so verängstigt sind, sich überfordert fühlen und das Vertrauen in ihre natürliche Fähigkeit, gute Eltern sein zu können, verloren haben.

  • erschienen in: NZZ am Sonntag, 26.10.2014, S. 21


    Würden wir Frauen wie Männer funktionieren, ginge es der Wirtschaft besser. So zumindest kann man verschiedene Schlagzeilen interpretieren, welche in letzter Zeit Furore gemacht haben. Die neuste ist die von letzter Woche zum Einfrieren weiblicher Eizellen. Dieses «Social Freezing», auch als «Gefrierprämie» bezeichnet, bieten Facebook und Apple ihren Mitarbeiterinnen an, damit sie im besten Alter nicht Kinder bekommen und dadurch den Betrieb vor grosse Herausforderungen stellen. Einige Wochen zuvor hatten die 50‘000 studierten Hausfrauen Schlagzeile gemacht, die in der Schweiz am Herd stehen anstatt im Beruf. Und vor zwei Wochen hiess es sogar, dass diese Frauen dem Staat die Studienkosten zurückzahlen müssten, wenn sie nicht arbeiten gehen würden.

    Gemeinsam ist all diesen Schlagzeilen eine klare Botschaft: Frauen sollen Karriere machen – und wir wollen sie dabei unterstützen! In der Tat tönt dies gut, nach Verwirklichung von Chancengleichheit, nach Emanzipation und Gleichberechtigung. Ein differenzierterer Blick zeigt jedoch, dass Frauen so zur Manövriermasse werden, um den Fachkräftemangel zu lindern. Das Perfide daran ist jedoch, dass der nächste markante wirtschaftliche Abschwung dazu führen dürfte, die Frauen, und nicht die Männer, aufs Eis zu legen. Dies war schon mindestens zweimal der Fall: in den 1970er und den 1980er Jahren.

    Selbstverständlich kann man die drei Beispiele nicht über den gleichen Kamm scheren. Die Sache mit der Gefrierprämie etwa ist tricky. Auf den ersten Blick wirkt sie nämlich besonders frauen- und familienfreundlich. Denn wer möchte nicht für Firmen tätig sein, welche eine spätere Mutterschaft von Frauen unterstützen? Auch ich hätte mich vielleicht in meinen jungen Jahren für ein solches Angebot entschieden. Leider ist es ausgesprochen trügerisch, denn dahinter steckt ein Verständnis, dass Kind und Karriere nicht vereinbar sind. Frauen, die nicht schwanger werden, sind nach dieser Leseart eine Wohltat für den Betrieb. Denn er muss sich nicht um Mutterschaftsurlaub und um abstillende Frauen kümmern.

    Überhaupt nicht frauen- und familienfreundlich sind die beiden anderen Forderungen. Denn sie würdigen mit keinem Blick die aktuelle Situation der Mütter im Hinblick auf die Vereinbarung von Familie und Beruf. Frauen werden auf eine ausgesprochen subtile Art instrumentalisiert. Man tut so, als ob es etwas ganz Normales sei, Kinder und Karriere in einem 100%-Job unter einen Hut zu bringen – wenn nur genügend Krippenplätze zur Verfügung stünden. Als ob es nur daran liegen würde! Es geht vielmehr um unsere rückständige Arbeitskultur. Wir haben nicht nur zu wenig, sondern auch viel zu teure Kitas, kaum flexible Arbeitsstrukturen und für Männer viel zu wenig Teilzeitstellen. Vor allem jedoch sind wir nach wie vor eine Gesellschaft, in welcher der Haushalt noch weitgehend von den Müttern geschmissen und ihnen auch die Hauptverantwortung zugeschoben wird, wenn etwas in der Familie nicht klappt. Von den ca. 10% Teilzeitvätern abgesehen, die oft viel Verantwortung übernehmen, packen viele Männer zwar mit an, aber vor allem am Wochenende und so, dass ihre Karriere nicht beeinträchtigt wird. Vor diesem empirisch bestätigten Hintergrund erstaunt es kaum, dass viele Frauen diese Doppelbelastung enorm spüren und die Zahl der Burn-out-Fälle drastisch angestiegen ist.

    Diese Beispiele zeigen, wie kurzsichtig unsere Gesellschaft geworden ist, wenn sie ausschliesslich junge Frauen und Mütter in den Blick nimmt und sie im Hinblick auf Familienplanung sowie Vereinbarung von Familie und Beruf unter Druck setzt. Würden wir uns stärker auf das lange Leben und die Erkenntnisse der Lebensspannenpsychologie ausrichten, wonach Frauen und Männer heute in der zweiten Lebenshälfte viel veränderbarer und entwicklungswilliger sind, so würden wir mehr auf ihr wirtschaftliches Potenzial setzen. 

    Dies wiederum wäre für junge Frauen und ihre Partner eine befreiende Einsicht: in Betracht zu ziehen, dass man im Leben nicht alles früh schon erreicht haben muss. Deshalb ist es falsch, die Anforderungen an Mütter immer mehr zu erhöhen. Genauso falsch ist es, dass Frauen dank der Gefrierprämie Karriere machen können, dafür aber ihre Kinder erst spät bekommen sollen. Denn, wieso sollte es mit 40 oder 50 einfacher sein, Kind und Karriere vereinbaren zu können als in jungen Jahren? Was wir vielmehr brauchen ist die Chance, sich in der intensivsten Familienphase etwas zurücknehmen zu können, um sich später dann richtig reinzuhängen. Ein solches «Work Freezing» würde Frauen und Männern ohne schlechtes Gewissen erlauben, auch später Karriere machen zu können.

  • Paare erleben die Zeit in der Familie und am Arbeitsplatz zwar unterschiedlich, doch an beiden Orten dominiert eine Effizienzkultur, die früher nur für den beruflichen Bereich gegolten hat. Überall sollte man sich ständig zu neuen Leistungen antreiben: zu Hause die Quality Time nicht vergessen, am Arbeitsplatz das Total Quality-Management-System leben und in der raren Freizeit auch noch die Selbstoptimierung pflegen. Überall geht es um Qualität.

    Quality Time als Balsam für die Seele

    Die Botschaft, dass nicht die Quantität der Zeit, welche Vater und Mutter mit den Kindern oder in Zweisamkeit verbringen, ausschlaggebend ist, sondern die Qualität, ist deshalb Balsam für die Seele vieler Paare. Mit Qualitätszeit gemeint sind Zeitoptionen für gemeinsame Aktivitäten, die bewusst als Familienzeit wahrgenommen werden. Diese Definition ist jedoch mit einer gefährlichen Botschaft verbunden, denn sie suggeriert, dass man die häusliche Zeitfalle mit Quality Time überwinden könne*. Das ist jedoch eine falsche Verheissung und nichts anderes als ein machtvolles und folgenreiches Wortspiel einer Gesellschaft ohne Zeit, dafür mit einem grossen schlechten Gewissen.

    Quality Time als Wunschdenken

    Sich am Abend und am Wochenende Quality Time-Inseln schaffen zu wollen, ist aus mindestens zwei Gründen ein herausforderndes Wunschdenken:

    Die Unplanbarkeit von Intensität:Mit dem Konzept ist die Vorstellung verknüpft, dass alles hochstehend sein muss: die Zeit für die Kinder und mit ihnen, Zweisamkeit und Gespräche mit der Partnerin oder das Zusammensein mit Freunden. Eine relaxte und unverplante Konzentration auf die Familie gilt deshalb nicht als erstrebenswert und gewöhnliche Quantitätszeit schon gar nicht, weil man dann nur passiv, aber nicht von Herzen engagiert ist. Dies ist jedoch ein Fehlschluss, denn man kann nicht einfach so die Zeiten intensiven Zusammenseins einplanen, damit Beziehungen automatisch gut oder fruchtbar werden und Kinder keine Qualitätseinbussen erleiden. Manchmal wollen Kinder auch einfach Quantitätszeit und nicht Qualitätszeit.

    Überrissene Vorstellungen und ihr Teufelskreis:Das Quality Time-Konzept beinhaltet ebenso die verdeckte Annahme, Eltern müssten sich lediglich Mühe geben und die Zeit besonders gut nutzen, um auf einfache Art und Weise Qualitätszeit herzustellen. Und wer sich so verhalte, werde zum guten Vater oder zur guten Mutter. Derart überrissene Vorstellungen führen jedoch zu Stress- und Überforderungsgefühlen, die ihrerseits das Ringen um Quality Time noch mehr anheizen. Ein Beispiel hierfür sind Eltern, die den Zeitmangel mit Non-Stop-Aktivitäten am Wochenende ausbügeln wollen. Gelingt ihnen dies nicht, dann ist das schlechte Gewissen da, und der Teufelskreis beginnt von vorne.

    Die Gefahr, sich in der Zeitfalle einzurichten

    Das Problematischste am Quality Time-Konzept ist, dass es die Vorstellung unterstützt, man könne die Komplexität des Familiensystems reduzieren. Deshalb beginnen viele Paare, sich auf die Qualitätszeit zu konzentrieren und sich gleichzeitig in der Zeitfalle einzurichten, ohne die Bedingungen zu verändern, welche diese hervorruft. Der Paarforscher Guy Bodenmann** sagt deshalb, Veränderungen müssten beim Stress der Paare geschehen. Dieser führe nämlich dazu, dass sie keine Zeit mehr füreinander haben und keine gemeinsamen Erlebnisse. Wenn jeder sein eigenes Leben lebt, leidet das Wir-Gefühl.

    Auch wenn es auf den ersten Blick verheissungsvoll ist, bleibt das Quality Time-Konzept eine Lüge!

    Weiterführende Literatur

    *Stamm, M. (2016). Lasst die Kinder los! Weshalb entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. München: Piper.

    **Bodenmann, G. Bodenmann, G. & Klingler, C. (2013). Stark gegen Stress. Zürich: Beobachter Edition.

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 03.10. 2016, 16.

    Junge Familien sind nicht zu beneiden, ältere Menschen aber auch nicht. Beiden Gruppen gemeinsam ist, dass ihr Zeitbudget nicht mehr stimmt. Während Senioren oft im Übermass Zeit haben, um den Ruhestand irgendwie sinnvoll zu gestalten, ist für berufstätige Väter und Mütter mit kleinen Kindern die knappe Zeit das brennendste Problem ihrer Doppelbelastung. Sie sind permanent auf der Überholspur: Nach einer langen Ausbildung mussten sie sich in kurzer Zeit für einen geeigneten Partner, fürs Kinderkriegen und für den guten Job entscheiden und auch den nächsten Karriereschritt planen – all dies in der Rushhour zwischen 30 und 45. Deshalb fordert die Familienpolitik für sie ausreichende und bezahlbare familienergänzende Betreuungsmöglichkeiten, mehr Ganztagesschulen, mehr Teilzeitstellen sowie Möglichkeiten für Telearbeit und Homeoffice. Anders die Pensionierten. Sie sollen ihre neu gewonnene Zeit sinnvoll gestalten, beispielsweise länger berufstätig bleiben, sich ehrenamtlich engagieren oder Angebote an der Volkshochschule, der Seniorenuniversität oder im Fitnesscenter nutzen, um geistig und körperlich agil zu bleiben und sozial nicht zu verkümmern.

    Diese Massnahmen lösen allerdings die Probleme des zeitlichen Zuviels oder Zuwenigs nicht, sie reduzieren lediglich die Belastung oder die Langeweile. Zeitmangel ist immer eine Familienbremse und ein Stressfaktor, ungenutzter Zeitüberfluss führt im Ruhestand zu einer Art Winterschlaf. In dieser Polarität der systematischen zeitlichen Über- und Unterforderung liegt das Grundproblem unserer Gesellschaft, es heisst «Dreiphasenmodell».

    Dieses Modell geht davon aus, dass in Kindheit und Jugend gelernt, im Erwachsenenalter gearbeitet und Karriere gemacht werden soll, um dann den Ruhestand zu geniessen. Doch ist es eindeutig überholt. Denn die durch die erhöhte Lebenserwartung gewonnene Lebenszeit setzen wir lediglich in freie Zeit nach der Pensionierung um. Diese kann gut und gerne noch 20 gesunde Jahre betragen! Es liegt somit auf der Hand, dass eine neue Lebenslaufpolitik entwickelt werden muss, welche die gesamte Lebensspanne in den Blick nimmt und die Zeitbudgets und Optionen neu verteilt. Eltern sollten in der intensivsten Familienphase weniger, wenn der Auszug der Kinder und die Empty-Nest-Phase näher rückt, jedoch wieder mehr arbeiten können. Diese Entzerrung der Rushhour kann gleichzeitig neue Perspektiven schaffen. Beispielsweise für die 45jährige Dentalassistentin, die nach einer Familienpause wieder einsteigen will oder für die 65-jährigen, welche ausser der Grosselternrolle keine Aufgaben mehr haben und neu ihre vielen ungenutzten Kompetenzen sinnvoll einbringen könnten.

    Eine neue Zeitpolitik dürfte auch für Männer attraktiv sein, wenn man möglicherweise mit 40 oder 45 Jahren feststellt, dass der gewählte Beruf als Lehrer oder als Polizist nicht mehr den eigenen Neigungen entspricht und sich durch einen Neuanfang in einem anderen Gebiet eine interessante Lebensperspektive aufbauen liesse.

    Der Zeitpunkt ist reif, um neue Muster zu entwerfen, denn das gegenwärtige Lebenslaufregime bröckelt durch demographische Veränderungen, neue Rollenbilder und Stresserkrankungen. Das Berufsleben darf nicht mehr so strikt getaktet sein, sondern muss Unterbrechungen und Neuanfänge ermöglichen. Vor allem sollte individuell bestimmt werden können, wie man seine 35 bis 40 Berufsjahre gestalten will. Dann können Karrieren später gestartet werden und auch Frauen in der Nach-Erziehungsphase neue Aufstiegschancen bekommen. Eine solche Lebenslaufpolitik verabschiedet sich auch von der fixen Idee, dass man im Leben alles früh und gleichzeitig erreicht haben muss. Es ist falsch, Mütter andauernd aufzufordern, möglichst schnell wieder Vollzeit berufstätig zu sein, genauso falsch ist es, von Männern zu verlangen, dass sie in 80-Stunden-Wochen alle Anforderungen zwischen Beruf und Familie managen.

    Die Entzerrung der Rushhour kann so zu einer emanzipatorischen Strategie werden, sich ohne schlechtes Gewissen in bestimmten Lebensphasen etwas zurückzunehmen oder sich zu verändern, um sich bis später wieder reinzuhängen und weiterzuentwickeln. Aber nur, wenn unsere Familienpolitik auch Zeitpolitik wird. 

  • Liebe Bloggerinnen und Blogger
    Ich habe mich sehr über die Kommentare der letzten Woche gefreut, nachdem ich mich schon gewundert hatte, weshalb sie bisher ausgeblieben waren. Eigentlich wollte ich heute auf die Kommentare eingehen, doch verschiebe ich dies auf einen der nächsten Blogs. Der Grund ist der, dass mich heute die Rede von Bundesrätin Sommaruga am 1. Mai in Bern sehr beschäftigt. Deshalb heisst mein Blog heute
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    Verantwortungsvolle Elternschaft wird mit der Pflicht gleichgesetzt, die Kinder dauernd zu überwachen. Dies ist jedoch eine spezifisch deutschsprachige und anglo-amerikanische Idee, denn in vielen anderen Gesellschaften geniessen Kinder weit mehr Freiheiten, sich alleine oder zumindest selbstverantwortlich in der Aussenwelt zu bewegen. Dabei ist unsere Angst um die kindliche Sicherheit auf einem beispiellosen und fast schon schizophrenen Niveau angelangt. Unfälle – ein aufgeschürftes Knie, ein Sturz vom Velo oder vom Dreirad – aber auch vielleicht eine Magenverstimmung, weil etwas nicht ganz Sauberes gegessen worden ist – gelten zunehmend als absolute Gefahren, die unter allen Umständen vermieden werden sollen.

    Solche Überzeugungen sind eine grosse Belastung für unsere Kinder, weil sie zur Folge haben, dass sie ihre Selbstständigkeit und Persönlichkeit nicht entwickeln können. Und für die Eltern, weil sie ein Leben in dauernder Aufmerksamkeit führen müssen. Weshalb betrachtet unsere Gesellschaft die Kinder ausschliesslich durch eine Risikobrille?

    Paradoxerweise wissen viele Eltern um die Problematik dieser Risikoscheuheit. Ich habe mit einigen Vätern und Müttern gesprochen, die erkennen, dass die Erfahrungen ihrer Kinder nichts mehr mit ihrer eigenen Kindheit zu tun haben und dass heutige Kindheit in vielerlei Beziehung wenig frei ist: Auch in den Medien liest man zunehmend, dass kleine Kinder heute zu sehr in Watte gepackt werden. Tatsächlich ist vor übertriebenem Schutz, unverhältnismässigen Sicherheitsvorkehrungen und überbordender Geborgenheit zu warnen. Jedes Kind hat ein Recht auf eigene blaue Flecken. Nicht jede Gefahr muss aus dem Weg geräumt und jede Ecke abgerundet werden.

    Die Erkenntnis, dass Risikoscheuheit schädliche Auswirkungen auf die Qualität des Aufwachsens und die Entwicklung der Kinder hat, ist somit eine wichtige und eine überfällige. Trotzdem trägt unsere Gesellschaft – und oft vor allem auch selbst ernannte Experten – massgeblich dazu bei, ein Klima der Angst zu schüren. Ein Beispiel, das mir eine Mutter erzählt hat, illustriert dies sehr gut.

    «Ich war auf dem Heimweg durch einen Park mit meinen beiden Kindern, dem dreijährigen Sohn und der fünfjährigen Tochter. Weil sie unbedingt vorausgehen wollte und ich wusste, dass sie ein vernünftiges Kind ist, liess ich sie. Aber ich sagte ihr, sie solle beim Tor, das in der Nähe der Strasse ist, warten. Bis ich mit meinem Dreijährigen dort war, hatte ich etwa drei Minuten. Wie erwartet, stand meine Tochter neben dem Tor und wartete auf uns. Aber es stand auch eine ganze Anzahl Menschen um sie herum. Ich musste viele kritischen Kommentare anhören, und eine Frau nannte mich gar eine durch und durch verantwortungslose Mutter.»

    Obwohl viele Eltern spüren, dass sie ihrem Kind mehr zutrauen sollten, verhindern gerade solche Beispiele, dass sie es auch tatsächlich tun. Dazu kommt eine moralische Panik, die in den letzten Jahren enorm zugenommen hat. Die Angst vor Unfällen, vor Verbrechen oder vor Kindsmissbrauch hat dazu geführt, dass Eltern ihre Kinder nicht allein zur Schule laufen lassen, sondern sie fahren oder sie begleiten. Wir haben in unserer Nähe einen schönen Kinderspielplatz mit vielen Möglichkeiten zum Herumtollen, mit Büschen und Hecken, mit Bäumen und Pflanzen – mit all dem, was Kinder zum Herumtollen brauchen. Das Einzige, was diesem Platz fehlt, sind Kinder. Sogar an schönen Sommertagen ist er oft leer, oder dann kann man Eltern mit ihren Kindern sehen, welche sie genau überwachen.

    Die Besessenheit unserer Gesellschaft um die Sicherheit der Kinder ist wahrscheinlich schädlicher als es die Risiken sind, denen sie täglich ausgesetzt sind. Kinder können sich von Unfällen schnell erholen. Und sie können sehr gut auch Misserfolge überwinden und Fehler ertragen – wenn sie in einer liebevollen und wertschätzenden Umgebung aufwachsen. Wenn Eltern allerdings ihre Kinder in ihrer Risikoscheuheit ersticken und ihren Erkundungs- und Freiheitsradius einengen, dann machen sie ihre Kinder glauben, dass Gefahren den natürlichen Status des Aufwachsens darstellen.

    Das Kind in bestimmten Momenten loslassen zu können ist immer schwierig für Eltern. Aber die Befreiung des Kindes von der elterlichen Risikobesessenheit ist zentral für seine gute Entwicklung.

  • Kürzlich hatte ich einen Vortrag im Rahmen eines Elternbildungstages. Dabei waren auffallend viele Väter mit ihren Kleinkindern anwesend. Sie kümmerten sich ganz selbstverständlich um ihren Nachwuchs, so dass offensichtlich wurde: Diese Männer sind nicht nur Sonntagsväter. Das hat mir gefallen.

    Was mich zunächst beeindruckt, dann jedoch zunehmend irritiert hat, war das Wissen dieser Väter über Kindererziehung, sprich, über das, was offenbar gerade in den neusten Erziehungsratgebern steht und ‚in‘ ist. Über die vielen Erziehungs-, Einschlaf- und Durchschlaf-, Anti-Schreimethoden etc. wussten diese Väter insgesamt viel mehr als ich. Auf der Heimreise habe ich mich dann gefragt: Wieso sind eigentlich Erziehungsratgeber dermassen beliebt? Wieso verlassen sich heutige Eltern so sehr auf sie?

    Zunächst gibt es eine gewisse Ironie: Noch nie hat es ein so riesiges Angebot an Ratgebern gegeben, die es sogar auf die vorderen Plätze der Bestseller-Liste schaffen. Noch nie haben wir so viel über Kinder, Kindheit und Familie gewusst als heute. Aber auch noch nie zuvor haben Kinder offenbar so viele Probleme gehabt (oder gemacht) wie heute. Trotz der Flut an Ratgebern ist in den letzten Jahren jedoch keine neue Erziehungssicherheit entstanden, sondern eher das Gegenteil, nämlich eine verstärkte Unsicherheit. Wo liegt das Problem?

    Es liegt in erster Linie darin, dass Eltern solche Ratgeber verschlingen – häufig einen nach dem anderen – weil sie von der Angst getrieben sind, etwas falsch zu machen und ihrer Aufgabe vielleicht nicht mehr gewachsen sein könnten. Darüber hinaus konsultieren sie Logopädinnen, Ergotherapeuten und Psychologen, in der Hoffnung, es gäbe ein Geheimrezept, welches die Probleme mit dem Kind aus der Welt schaffen könnte.

    Selbstverständlich gibt es nichts gegen gute Ratgeber und Fachleute einzuwenden. Sie behandeln kindliche und familiäre Alltagsfragen zur Sauberkeitserziehung, zu Ess-, Schlaf- und Reinlichkeitsgewohnheiten, zu Entwicklungsstörungen, zum ersten Schultag oder zum Umgang mit Kindern in der Pubertät. Auf diese Weise werden Ratgeber und Experten zu Hilfserziehern, weil sie Eltern auch entlasten können, grosse und kleine Alltagsereignisse erzieherisch zu bewältigen.

    Problematisch an vielen Erziehungsratgebern ist aber, dass sie sich als Verheissung anbieten und den Eltern die Erziehung aus der Hand nehmen oder – und dies ist noch schwerwiegender – ihnen das Vertrauen in die eigene Fähigkeit rauben, die Kinder in einer richtigen Weise erziehen zu können. Verstärkt wird diese Wirkung dadurch, dass viele Ratgeber einen sehr mahnenden, sorgenden Tonfall haben und sich zudem häufig mit dem Etikett «von pädagogischen Fachleuten empfohlen», «pädagogisch erprobt» oder «wissenschaftlich getestet» schmücken. Auf diese Weise vermitteln sie den Eltern: «Wir verstehen von Erziehung viel mehr als Sie.»

    Erziehungsratgeber treten nicht selten an die Stelle des gesunden Menschenverstandes von Müttern und Vätern. Damit laufen sie jedoch Gefahr, ihre vielleicht wichtigste Erziehungskompetenz zu verlieren: die Intuition. Gemeint ist damit das ‚gefühlte Wissen’, das man häufig gar nicht erklären kann. Eltern hätten viel intuitives Wissen, aber es ist heute oft verschüttet.

    Konsultiert man Internetforen oder Briefkästen, so ist es immer wieder erstaunlich, wie viele Eltern einfach eine Beratung wollen, um zu wissen, was sie konkret in einer bestimmten Situation machen sollen. Welches wäre meine Antwort?

    • Erstens würde ich sie ermuntern, ihre Position als Eltern wieder einzunehmen, d.h. diejenige Position, die das Kind erzieht und entscheidet, was gut für es ist. Und ich würde ihnen raten, sich vor allem nicht an Bezugspunkten zu orientieren, die gar nicht die ihrigen sind.
    • Zweitens würde ich ihnen empfehlen, die Antwort des Schriftstellers D. H. Lawrence auf die Frage «Wie erziehe ich mein Kind?», zu Herzen zu nehmen: «Regel Nummer eins: Lass es in Ruhe. Regel Nummer zwei: Lass es in Ruhe. Regel Nummer drei: Lass es in Ruhe. Für den Anfang ist das genug.»
    • Und drittens würde ich ihnen das nicht ganz ernst gemeinte Buch «Leitfaden für faule Eltern» von Tom Hodgkinson empfehlen. In 19 Kapiteln wettert er über die Sinnlosigkeit von Familienausflügen, das Elend moderner Spielzeuge oder die Nutzlosigkeit von Fernsehern, aber er fordert auch gemeinsame Familienmahlzeiten, gute Manieren und Mithilfe der Kinder im Haushalt.

     

    Literatur

    Hodgkinson, T. (2009). Leitfaden für faule Eltern. Berlin: Rogner & Bernhard. 

  • Ich erinnere mich noch gut, wie ich mich als Mädchen an den Familiensonntagen enorm langweilte: am Morgen in die Sonntagschule, beim immer gleichen Mittagessen mit Schnitzel, Pommes Frites und Ananas aus der Dose und dann bei einem Spaziergang an der Aare, wohlverstanden in den «Sonntagskleidern», die keinesfalls schmutzig werden durften.

    Hand aufs Herz: Wer kennt keine Langeweile? Jeden Tag schlagen sich bekanntlich viele Menschen ihre Stunden tot. Sie machen Unsinn, nichts Wichtiges, trödeln vor sich hin oder warten auf etwas Unbestimmtes. Die «Weile» wird «lang», wie das Wort sagt. Man langweilt sich eigentlich immer dann, wenn man darauf wartet, dass endlich etwas passiert oder wenn das Nichtstun erzwungen wird. Deshalb ist die Suche nach Ablenkung so gross. Am deutlichsten erkennen wir dies an unserem Umgang mit dem Smartphone: Wer kann heute noch auf den Bus warten, beim Arzt sitzen oder in der Migros an der Kasse anstehen, ohne nicht ständig an seinem Gerät zu hängen, um die Langeweile zu überlisten? Aber jeder Mensch hat seine persönliche Langeweile-Schwelle. Der eine wird von ihr schnell mal eingeholt, der andere kann gar nicht genau sagen, ob er sich langweilt oder nicht und den dritten beschleicht das Gefühl so gut wie nie.

    Obwohl Langeweile für viele ein lästiges, aber vertrautes Gefühl ist, schenken wir diesem Phänomen im Allgemeinen wenig Beachtung. Es erstaunt somit wenig, dass die Langeweileforschung – im Gegensatz etwa zur Aggressionsforschung – ein Schattendasein fristet. Eine Ausnahme ist die Langeweile in der Schule, zu der ein paar empirische Studien vorliegen. Anders in Philosophie und Literatur. Von Augustinus bis Kierkegaard, von Schopenhauer und Nietzsche bis zu Blaise Pascal, Hölderlin, Beckett oder Kundera: Sie alle zählten das Problem der Langeweile zu den grossen Fragen unserer Existenz. Am intensivsten und subtilsten hat sich Heidegger in seinen phänomenologischen Untersuchungen damit auseinandergesetzt.

    Es gibt viele Typologien von Langeweile. Am einleuchtendsten scheint mir diejenige, welche ich im empfehlenswerten Buch von Lars Svendsen «Kleine Philosophie der Langeweile»* gefunden habe und die von Martin Doehlemann stammt:

    • die situative Langeweile (in einer langweiligen Vorlesung zu sitzen oder auf einer Zugfahrt zu sein und nur zu warten, bis sie zu Ende ist)

    • die existenzielle Langeweile (die Seele als inhaltlos und das Dasein als sinnlose Existenz zu empfinden)

    • die überdrüssige Langeweile (eine Sache nicht mehr hören oder sehen zu können, weil man sie schon lange kennt oder kann)

    • die schöpferische Langeweile(etwas Neues schaffen zu müssen, aber aufgrund unerklärlicher Barrieren nicht zu können).

    Langeweile kann ein Mensch somit für sich allein empfinden, aber auch mit anderen zusammen. Gerade in Familien ist Langeweile oft ein grosses Thema. Viele Kinder wissen häufig nichts mit sich selbst anzufangen – vielleicht gerade deshalb, weil sie sich nie langweilen oder nicht genug. Weil ihre Terminkalender übervoll und die Tage durchstrukturiert sind, werden sie hilflos, wenn plötzlich ein freies Zeitfenster zur Verfügung steht. Entwicklungspsychologisch wäre das Erleben von Langeweile jedoch eine wichtige Grundlage, damit Kinder eigene Interessen (und nicht die der Eltern) wahrnehmen und lernen könnten, diese auch zu verfolgen.

    Auch in der Schule oder an der Universität kann Langeweile mit viel Verdruss verbunden sein. Bei den Schülern ist sie besonders stark verbreitet, gehört sie doch  für viele zu den grundlegendsten Schulerfahrungen. Die Forschung geht davon aus, dass sich bis zu 50% der Schüler im Unterricht regelmässig langweilen** und Knaben davon stärker betroffen sind als Mädchen. Unklar sind jedoch die Ursachen: Liegt es am Stoff, an der Vermittlung oder an mangelndem Interesse und Spass, dass die Schüler oft dermassen Mühe haben, 45 Minuten stillzusitzen oder einen Inhalt auch dann auswendig zu lernen, wenn er ihnen nicht einleuchtet? Mit Blick auf die Erkenntnisse aus der Begabungsforschung dürften alle diese Faktoren eine Rolle spielen, wissen wir doch um den empirischen Zusammenhang von überdurchschnittlicher Intelligenz und Langeweile. Begabte Schülerinnen und Schüler sind oft unterfordert und schwänzen deshalb aus Langeweile die Schule***.

    Das Langeweile-Gefühl ist auch am Arbeitsplatz verbreitet. In der psychosomatischen Medizin wird dafür der Begriff «Boreout» benutzt. Boreout gilt als kleiner Bruder des Burnout-Syndroms (des Ausbrennens und der Überbelastung) und meint die Langeweile am Arbeitslatz durch Unterforderung. Boreout entsteht, wenn Menschen etwas leisten möchten, sie aber eigentlich nichts zu leisten haben, das sie fordert. Um Unterforderung nicht zu zeigen, wird sie geschickt vertuscht, beispielsweise durch Ausreden, die im Betrieb allgemein akzeptiert sind. Anstatt ehrlich zu gestehen: «Ich langweile mich zu Tode, das macht mich fertig» gilt es als viel angesehener, wenn man klagt: «Ich habe so viel zu tun, langsam fällt mir die Decke auf den Kopf.»

    Wie kann man mit Langeweile umgehen? Hierzu gibt es viele Tipps. Sie reichen von «ein bisschen chillen» (Die ZEIT, 10.04.2014) – womit wahrscheinlich die situative Langeweile gemeint ist – über Tipps, wie man sie geschickt umgehen könnte bis zu Vorschlägen, sie ernst zu nehmen, etwas im Leben zu ändern, eine andere Haltung zu erwerben und zu erkennen, dass man nicht nur Opfer ist. Diese dürften vor allem für die überdrüssige Langeweile und damit für Menschen gelten, die mit dem Boreout-Syndrom konfrontiert sind. Aber welche Ratschläge bieten sich die anderen Langeweile-Typen an?

    Hierzu gefällt mir das Fazit von Svendsen besonders gut: dass es für sie eigentlich gar keine Lösung gibt. Wenn man die Langeweile reflektiere, dann teile sie einem mit, wie man lebt – und dann sei der Weg nicht mehr weit, sie auch als inspirierende Musse zu erkennen, d.h. als schöpferische Gestaltung der freien Zeit. Es gälte somit, Langeweile zu akzeptierenund auszuhalten.

    Johann Wolfgang von Goethe hat somit Recht bekommen, wenn er behauptet: «Langeweile ist nicht nur ein böses Kraut, sondern auch eine Würze, die viel verdaut». Eine derart positive Botschaft kommt auch aus der Forschung. Der Leerlauf im Gehirn ist wichtig****. Wer geistig häufiger wegdriftet, verschont nicht nur das Gehirn von ständig neuen Eindrücken, sondern schneidet in Kreativitäts- und Selbstreflexionstests überdurchschnittlich ab.

    Wenn uns somit das nächste Mal Langeweile nervt, dann könnten wir eigentlich zuversichtlicher sein: Zwangspausen sind keine verschenkte Zeit, die uns schaden, sondern ein umfassendes Resetting für Gehirn und Emotionen. Und Eltern könnten die Langeweile ihres Nachwuchses auch als positive Quelle für eine gesunde Entwicklung verstehen.

    Literatur

    *Svendsen, H. (2002). Kleine Philosophie der Langeweile. Frankfurt: Insel.

    **Götz, T. &Frenzel, A. (2006).Phänomenologie schulischer Langeweile. In: Zeitschrift für entwicklungspsychologische und pädagogische Psychologie, 38, 4, 149-154.

    ***Stamm, M. (2013). Entwicklung ohne Ende.Wie sie Bildungswege und Lernstufen beeinflusst. Zürich/Chur: Rüegger.

    **** Goetz, T. et al. (2013).Types of boredom: An experience sampling approach.Motivation and Emotion,2013; DOI:10.1007/s11031-013-9385-y.

  • erschienen in: Aargauer Zeitung /Die Nordwestschweiz, 27.08.2018, 16.

    Männer, die 100 Prozent arbeiten, sind glücklichere Väter als Teilzeitler. Dieses Ergebnis einer Studie hat unlängst nicht nur für einigen Wirbel gesorgt, sondern auch einer anderen Untersuchung widersprochen, welche das Gegenteil herausgefunden hatte: Nicht Vollzeit-, sondern Teilzeit berufstätige Männer seien glücklicher, weil ihnen die Balance zwischen Kind, Familie und Beruf besser gelingen würde.

  • Viele, vor allem gut ausgebildete Eltern sind heute überinformiert. Sie wissen alles über Hirnforschung, über Babymassage, über Einschlaf- und Durchschlaf- oder Anti-Schreimethoden, über die richtige Ernährung oder über frühes Fremdsprachenlernen. Sie klammern sich an Lernkurven fest, vergleichen ihr Kind ständig mit dem Nachwuchs der Nachbarn und haben Angst vor eigenen Fehlern. Dabei verkümmert häufig ihre Intuition, d.h. ihre Fähigkeit, zu spüren, was gut für ihr Kind ist und was nicht. Eltern sollten wieder lernen, besser auf ihr Bauchgefühl zu hören, aber auch ihre Vernunft zu nutzen. Intuition und Vernunft bilden die beiden Pole der Erziehungskompetenz.

    Allerdings ist Intuition noch immer verpönt. Sie gilt als wenig professionell. Blickt man in die Bücherregale und die Websiten von Buchhandlungen, dann verstärkt sich diese Einschätzung. Erziehungsratgeber, die aufliegen, haben Hochkonjunktur. Eltern glauben ihnen aufs Wort. Vor allem dann, wenn sie vorgeben, von «pädagogischen Experten» entwickelt worden zu sein. Dies ist verständlich. Denn jahrelang hat die Forschung unterstrichen, dass Eltern ihre Kinder umso besser erziehen, je mehr sie sich von Verstand und Vernunft leiten lassen. Gefühle, so haben Väter und Mütter in Elternkursen gelernt, sind eherstörendes Beiwerk, welche die Vernunft schnell einmal unterwandern können. Eltern, die sich an wissenschaftlichem Wissen orientieren, sind somit ein Segen für unsere Gesellschaft. Sie schützen sich nicht nur vor Selbstüberschätzung, sondern ihre Kinder auch vor Willkür. Leider stimmt dies so nicht.

    Es braucht auch eine Portion Intuition. Wir alle verfügen über sie, doch haben wir sie häufig verlernt. Allerdings meint Intuition nicht einfach ‚spontan sein‘. Vielmehr gibt es so etwas wie eine professionelle Intuition. Gerd Gigerenzer bezeichnet sie in seinem lesenswerten Buch «Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition» als «gefühltes Wissen».Das Bauchgefühl ist somit keine Eingebung von oben oder nur eine Vorstellung, sondern unbewusste Intelligenz. Sie entsteht aus einer Fülle von Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben. Auf Basis dieser abgespeicherten Erfahrungen können wir – scheinbar aus dem Bauch heraus – in vielen Situationen schnelle Entscheidungen treffen. Im Sport sind hierfür Roger Federer oder Xherdan Shaqiri beste Beispiele.

    Wenn Eltern ihre Intuition nutzen, spielen Gefühl und Vernunft gleichermaßen eine Rolle. Dieses Phänomen konnte ich kürzlich im Tram beobachten: Eine Mutter mit ihrem ca. Zweijährigen im Wagen, verliess das Tram an der nächsten Haltestelle wieder fast fluchtartig, weil der Kleine so ausserordentlich schrie und die Blicke der genervten Tram-Passagiere alles sagten, was man sich vorstellen kann. Richtig, aber wahrscheinlich vollkommen intuitiv, hat sie gehandelt, denn es hätte kaum eine erzieherische Alternative gegeben. Hätte ich diese Mutter allerdings unmittelbar nachher gefragt, welche Vernunft sie bei dieser Entscheidung angewendet habe, hätte sie mit grosser Sicherheit geantwortet, dass sie gar keine Zeit zum Überlegen gehabt, sondern ausschliesslich aus den Bauch heraus gehandelt habe.

    Mehr Intuition wäre gerade in der frühen Förderung wichtig. Eltern sollten wieder lernen, der Intuition und den dahintersteckenden Faustregeln mehr zu vertrauen, aber auch lernen, wann sie diesen nicht vertrauen können. Eltern können Intuition schulen, indem sie versuchen

    den richtigen, d.h. dem Kind (und nicht den eigenen Interessen) angemessenen Zeitpunkt zu finden, mit einer bestimmten Förderung zu beginnen;

    ihr Kind so achtsam zu fördern, dass sie es nicht überfordern;

    sich zu fragen, ob die Förderung, die sie im Kopf haben, auch tatsächlich zu ihrem Kind passt;

    sie Signale ihres Kindes ernst zu nehmen.

    «Aus dem Bauch heraus» bedeutet jedoch nicht, den Kopf abzuschalten und kein Buch mehr über Erziehung zu lesen. Erziehungskompetenz meint eine Kombination von Wissen und Elementen intuitiver Praxis. Intuition ist auf (theoretisches) Wissen angewiesen. Eltern, die (noch) wenig davon haben, sollten sich nicht unbedingt ausschliesslich auf ihre Intuition verlassen. Väter und Mütter mit reichhaltiger Erfahrung und genug verinnerlichtem Wissen sind jedoch bestens dafür ausgerüstet, ihr Bauchgefühl mehr sprechen zu lassen.

  • Nannys – auch Kinderfrauen oder Kindermädchen genannt – sind populärer denn je. Einer der Hauptgründe dürfte darin liegen, dass Kita-Plätze für gut verdienende Paare so teuer sind. 3‘500 bis 4500 CHF kostet eine Nanny etwa im Monat, weshalb es sich ab zwei, mit Sicherheit jedoch ab drei Kindern lohnen kann, eine solche zu engagieren. Gerade deshalb dürfte das «Nanny-Sharing» – d.h. wenn mindestens drei Familien gemeinsam eine Nanny engagieren, welche bis zu maximal vier Kinder in einem Haushalt betreuen darf – so gefragt sein. Eine Nanny ist zudem für Eltern mit anspruchsvollen Berufen und langen Arbeitszeiten flexibler als eine Kita und auch in der Lage, kranke Kinder zu betreuen. Oft hat sie eine relativ grosse Lebenserfahrung und eine pädagogische Ausbildung. Wie viele Nannys es in der Schweiz gibt, ist nicht bekannt, weil sie nicht systematisch erfasst werden. Mit Sicherheit dürften es ein paar Tausend sein.

    Dass Nannys derart boomen, hat viel mit unserer gesellschaftlichen Ideologie der «perfekten Mutter*» zu tun. Noch nie zuvor sind Stillen, eine starke Mutter-Kind-Bindung und eine gute frühe Förderung als derart bedeutsam für das kindliche Aufwachsen und den späteren Schulerfolg erklärt worden wie heute. Väter bleiben nach wie vor lediglich mitgemeint. Kombiniert man solche Forderungen nach einem «intensive mothering**» mit der empirischen Tatsache, dass in der Schweiz mehr als 60% der Mütter kleiner Kinder ausser Haus und teilweise in anspruchsvollen Berufen arbeiten, so werden die Spannungen, denen Mütter- und folgedessen auch ihre Partner – ausgesetzt sind, mehr als nur deutlich.

    Ein Grund, um solche Spannungen und Konflikte zumindest etwas abbauen zu können, ist die Idee, eine Nanny anzustellen. Früh ins Berufsleben zurückkehrende Mütter können so vermeiden, ihr Kind in einer Krippe fremdbetreuen zu lassen, sich gleichzeitig jedoch versichern, dass ihre Kinder nicht unter ihrer Abwesenheit leiden und dabei auch nicht als Rabenmütter bezeichnet zu werden. Mit diesem Entscheid werden allerdings nicht alle Konflikte abgebaut, sondern es entstehen auch neue – und bisher kaum diskutierte.

    Denn zu Recht werden Nannys nämlich auch als «Schattenmütter***» bezeichnet. Mit Sicherheit haben sie eine schwierige Rolle in der Familie. Nicht wirklicher Teil der Familie zu sein, aber eben doch mehr als eine Angestellte, idealisiert und manchmal auch dämonisiert. Fragt man im Freundeskreis herum, so wird schnell einmal deutlich, dass jede Diskussion um Nannys starke Emotionen hervorruft – bei denen, welche sie angestellt haben, bei Nannys selbst, aber auch bei den Kindern. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist Winston Churchill, der als Kind seine Mutter nur selten sah und seine Nanny als Mutterersatz idealisierte. Als sie gestorben war, zahlte er Zeit seines Lebens für frische Grabblumen und behielt bis zu seinem Tod ein Foto von ihr auf seinem Nachttisch.

    Genau in dieser Emotionalität liegt eines der Hauptprobleme zwischen Schattenmüttern und Müttern. Die Rolle, welche berufstätige Mütter von Nannys erwarten, ist eigentlich eine paradoxe: Einerseits sollen sie eine emotionale Beziehung zum Kind aufbauen, andererseits jedoch auf keinen Fall den Platz der Mutter einnehmen. Also müssen sie gleichzeitig emotional präsent, aber auch emotional abwesend sein. Man könnte dies als egoistisches Verhalten der Mütter abtun. Das wäre jedoch deutlich zu kurz gegriffen, hängt es doch vielmehr mit dem Mutter-Ideal unserer Gesellschaft zusammen, das auch berufstätige Mütter stark prägt. Es besagt, dass Frauen auch trotz höchstem Erfolg im Beruf ihren Mutterpflichten voll und ganz nachkommen müssen, wollen sie als gute Mütter gelten. Und, sich zu versichern, dass sie tatsächlich gute Mütter sind, geschieht am einfachsten dadurch, wie sehr sie von den Kindern geliebt werden. Würde der Nachwuchs jedoch der Nanny den Vorzug geben, wäre dies ein klarer Hinweis dafür, dass die Mutter ihre Hauptaufgabe nicht erfüllt.

    Dazu kommt ein anderes Problem, welche die Arbeit von beiden, der Nannys und der Mütter, schwierig macht: der Umstand, dass mit der perfekten Mutter auch das perfekte Kind verbunden ist. Seit die Frühförderung so sehr mit späterem Schul- und Lebenserfolg verknüpft wird, kann Kinderbetreuung weder in der Kita noch in der Spielgruppe und schon gar nicht die Privatbetreuung zu Hause nur mehr darauf ausgerichtet sein, die Kinder zu pflegen, zu hüten und zu versorgen. Gerade gut gebildete Mütter lesen oft Bücher über Kindererziehung, in denen die Meinung vertreten wird, Kinder, die genug Aufmerksamkeit bekommen und die besonders gut gefördert würden, seien vervollkommnungsfähig, d.h., man könne sie klüger, glücklicher und erfolgreicher machen. Das Beste für das Kind tun zu können, muss deshalb auch eine Kompetenz der Nanny sein. Sie soll in der Lage sein, den von ihr betreuten Nachwuchs den Vorstellungen ihrer Arbeitgeber entsprechend zu fördern und den kindlichen Entwicklungsbedürfnissen gerecht zu werden. Gerade deshalb sind zweisprachige Nannys und solche aus dem englischsprachigen Raum besonders begehrt.

    Entwickelt sich das Kind jedoch nicht entsprechend den Vorstellungen oder bindet es sich zu sehr an die Nanny, dann wird sie schnell einmal durch eine andere ersetzt. Das ist letztlich das Los vieler Schattenmütter. Weil weder das Ideal der guten Mutter noch die optimale Entwicklung des Kindes gefährdet sein darf, werden sie nicht selten zu auswechselbaren Angestellten, und damit zum Teil einer Kindererziehungsstrategie, die kontinuierlich verfeinert und verbessert werden soll.

     

     

    Weiterführende Literatur

    *Badinter, E. (2010).Der Konflikt: Die Frau und die Mutter. München: Beck.

    **Caputo, V. (2007). She's from a good family': performing childhood and motherhood in a Canadian private school setting. Childhood, 14 (2), 173-192.

    ***Macdonald, C. L. (2011).Shadow Mothers .Nannys, Au Pairs, and the Micropolitics of Mothering. Berkeley: University of California Press.

  • Zu meinem neuen Buch, das am 1. August 2018 unter dem gleichnamigen Titel erschienen ist

     

    Das seit Jahren kaum mehr Geglaubte ist eingetreten: In allen deutschsprachigen Staaten werden wieder mehr Kinder geboren. In der Schweiz waren es im Jahr 2011 gut 80‘000 Geburten, in Deutschland 678‘000 und in Österreich 78‘000. 2016 waren es in der Schweiz fast 87‘000 Geburten, in Deutschland 738‘000 und in Österreich 84‘000. Welches Geheimnis steckt hinter diesem Kindersegen? Ist es ein Verdienst der Familienpolitik, weil heute aufgrund des Elterngeldes (in Deutschland und Österreich) und des ausgebauten familienergänzenden Betreuungssystems nahezu 80 Prozent der Frauen, die ihr erstes Kind bekommen, weiterhin berufstätig bleiben und genauso wie Männer Karriere machen können? Oder ist es vielleicht das neue Ideal der intensiven Mutter- und Vaterschaft, welches uns Promi-Paare scheinbar modellhaft vorleben und auch eine Schwangerschaft attraktiv erscheinen lässt?

    Mit Sicherheit sind es nicht lediglich familienpolitische Ziele, die für den Babyboom sorgen. Der wichtigste Faktor für die steigende Geburtenrate dürfte das neue Mutterideal sein, in den USA »the new momism« genannt. Es besagt, dass sich eine Frau nur dann als ganz fühlen kann, wenn sie Mutter wird. Diesem Ideal streben fast 85 Prozent der jungen Frauen nach, und auch immer mehr Männer lassen sich davon begeistern. Familie liegt bei 77 Prozent im Trend, und 47 Prozent finden sie sogar wichtiger als die Karriere.

    Das neue Bewusstsein der Männer

    Noch vor zehn Jahren getrauten sich Männer kaum, partiell aus ihrer Leitungsfunktion auszusteigen, um zu Hause den Nachwuchs zu betreuen. Was hätten denn die Chefs von ihnen gedacht? Heute hat sich das Klima zumindest teilweise gewandelt.Väter können nun manchmal – je nach Arbeitgeber sogar selbstverständlich – das Natürlichste tun, nämlich mehr für ihre Kinder da sein. Dazu beigetragen hat – allerdings nicht in der Schweiz – auch das Elterngeld mit den Vätermonaten. Es hat das Bewusstsein und die symbolische Bedeutung dafür geschaffen, dass Männer am Aufwachsen ihrer Kinder beteiligt sein wollen, sollen und auch können.

    Väter werden immer häufiger von Zaungästen zu Beteiligten. Dieser Kulturwandel lässt sich vielerorts beobachten: Männer bereiten sich zusammen mit der Partnerin auf die Geburt des Kindes in Schwangerschaftskursen vor und sind bei den Kontrollen und auch im Gebärsaal dabei. Sie gehen am Montagvormittag mit dem Kind in ein Café, später zum Va-Ki-Turnen, drehen ihre Runden auf den Spielplätzen – nur in den Herren-WCs hat es noch viel zu selten Wickeltische. Auch in Werbung und Medien sind Männer sichtbarer Teil des Väter-Markts geworden. Neben Interessenverbänden, Internetportalen sowie Männer- und Vätergruppen besteht dieser Markt vor allem aus populären Ratgebern und Zeitschriften, die sich nahezu exklusiv an Väter richten.

    Doch neue Formen des Vaterseins sind nicht etwa deshalb entstanden, weil Männer erkannt haben, dass ihre Bedeutung für die Erziehung des Kindes gross ist. Vielmehr sind sie eine Reaktion auf die Frauenbewegung und ihre Forderung nach Gleichberechtigung sowie auf die veränderten Erwartungshaltungen der Wirtschaft, die angesichts des Fachkräftemangels zunehmend auf qualifizierte weibliche Arbeitskräfte setzt. Mütterliche Berufstätigkeit ist faktisch zur Norm geworden. Frauen müssen nicht mehr begründen, warum sie einen Beruf ausüben, sondern eher, weshalb sie »nur« Hausfrau und Mutter sind.

    Was die Diskussion über Vaterschaft ausblendet

    In der aktuellen Diskussion werden wichtige Aspekte von Vaterschaft fast vollständig ausgeblendet. Neue theoretische Vaterschaftskonzepte führen uns solche Unterlassungen deutlich vor Augen. Vaterschaft umfasst nicht nur die zeitliche Verfügbarkeit, sondern auch viele andere, nicht direkt sichtbare Beiträge. Gemäss diesen neuen Konzepten können sich Väter in der familiären Fürsorgearbeit engagieren, ohne ständig anwesend zu sein.

    Die Vaterschaftsdebatte blendet jedoch auch wichtige Rahmenbedingungen aus, so etwa die Einflüsse der Arbeitswelt (z.B. warum vor allem Väter im öffentlichen Dienst oder in bestimmten geographischen Regionen in Elternzeit gehen), die Einflüsse des persönlichen Umfelds (wie sehr Freunde, Nachbarn und Verwandte die Einstellungen und Verhaltensweisen prägen) oder wie Paare das von ihnen gewählte Familienmodell aushandeln (weshalb sie sich für eine bestimmte Rollenaufteilung entscheiden).

    Einerseits verharren unsere familienpolitischen Systeme immer noch in der Situation wie sie vor fünfzig Jahren war, und eine Anpassung an die neue Realität der Lebensentwürfe ist bisher ausgeblieben.Andererseits wird zu viel gejammert und geklagt, am meisten über die familienfeindliche Wirtschaft oder über den Staat, der zu wenig Hilfe bereitstellt. Als ob in den vergangenen Jahren nichts passiert wäre! Es ist somit auch an der Zeit, dass Männer und Frauen den Fokus der Vereinbarkeitsfrage etwas verrücken und sich fragen, inwiefern sie selbst ein Problem hierfür sind.

    Neue Väter nicht ohne neue Partnerinnen! Weshalb das eine ohne das andere nicht zu haben ist

    Um die gleichberechtigte Teilhabe beider Geschlechter im Arbeits- und Familienleben verwirklichen zu können, brauchen wir ein neues Emanzipationsbündnis zwischen Frauen und Männern, zwischen Müttern und Vätern. Männer sollten sich der Veränderung von Männlichkeit stellen, alte Machtansprüche aufgeben und mehr Engagement in der Familie auch tatsächlich verwirklichen wollen. Frauen wiederum sind zu ermutigen, dass sie sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht nur erstreiten müssen, sondern auch auf die eigenen Bedürfnisse hören dürfen. Gleichzeitig sollten sie einen Beitrag dazu leisten, dass sich ihre Partner nicht nur ins Familienleben einpassen, sondern sich auch eigenständig als Väter entwickeln können. Geschlechtergerechtigkeit heisst, dass Männer und Frauen nicht Kopien des anderen Geschlechts werden, sondern in gegenseitiger Bezogenheit eine unabhängige Identität aufbauen.

    Aber dies kann nur geleistet werden, wenn wir unseren Blick auf die Aufgaben objektivieren, welche Väter in und neben der Familie für diese erbringen und auch nach der Rolle fragen, welche ihre Partnerinnen dabei spielen. Beide Geschlechter sind von kulturellen und gesellschaftlichen Widersprüchen betroffen, aus denen sie sich nur schwer befreien können. Deshalb müssen wir uns von den problematischen Seiten der gegenwärtigen Diskussion befreien, welche unsere Gleichstellungspolitik prägt und Männer andauernd schuldig spricht. Nur so können die einseitigen und mit zu grosser Selbstverständlichkeit postulierten Vorstellungen dessen gesprengt werden, was einen guten Vater oder eine gute Mutter ausmachen soll. Man muss somit etwas genauer hinschauen, um die damit verbundenen problematischen Folgen für die Männer selbst, ihre Partnerinnen und die Gesellschaft insgesamt zu erkennen.

    Stamm, M. (2018). Neue Väter brauchen neue Mütter. Warum Familie nur gemeinsam gelingt. München: Piper.

  • Kürzlich war ich beruflich in Berlin tätig. Eine Kollegin erzählte mir dabei, dass es immer mehr Restaurants gäbe, welche Kinder aussperren würden. Zwar ist mir diese Tatsache bereits aus anderen Ländern bekannt, wo Restaurants mit dem Schild «No Kids allowed» deutlich machen, welche Klientel sie wollen. Offenbar kommt diese Bewegung nun auch zu uns. Die Wirte, so meine Kollegin, seien meist zufrieden mit ihrer Aktion, vor allem Kinderlose würden vermehrt kommen und «kinderfreie Zonen» seien wirtschaftlich erfolgreich.

    Zwar kenne ich in der Schweiz nur sehr wenige Restaurants, in denen Kinder unerwünscht sind. Aber die Diskussionen in Blogs, Briefkästen von Elternzeitschriften und in Tageszeitungen zeigen, dass das Thema auch hierzulande ein heisses Eisen ist. Ist es Ausdruck einer wachsender Kinderfeindlichkeit? Sind Kinder tatsächlich nur noch erwünscht, wenn sie sich still verhalten? Und, ist «sich still verhalten» gleichzusetzen mit «gut erzogen»?

    Mit Sicherheit läuft dann etwas verkehrt, wenn ein Kind mit Coupe Dänemark-Schokoladefinder die Fenster oder gar die Sitzbank des Restaurants verschmiert. Insbesondere dann, wenn die Eltern nicht einschreiten und gar so tun, als ob dies die normalste Sache der Welt sei. Wenn Restaurant-Betreiber dann eingreifen, ist dies verständlich. Denn sie haben verständlicherweise andere Interessen als Eltern. Vor allem wollen sie nicht, dass Eltern das Restaurant zur eigenen Wohnstube machen. Deshalb spricht für die Betreiber, dass sie «erzogene Kinder» wollen. Obwohl dies eine provozierende Forderung ist, Kinderhasser sind sie wohl kaum.

    Andererseits spricht auch Einiges für die Eltern: Kinder gehören auch in ein Restaurant. Teil der Erziehung ist es, dass Kinder an verschiedenen Orten ‚sozialisiert‘ werden, also nicht nur zu Hause, bei der Gotte, den Grosseltern oder in der Krippe, sondern auch in der Arztpraxis, im Museum, im Schwimmbad oder im Tram. Kinder sollen die Regeln und Normen kennenlernen, welche an diesen unterschiedlichen Orten gelten.

    Es wäre aber vermessen, von kleinen Kindern zu erwarten, dass sie per Knopfdruck wissen, was ein Restaurant vom häuslichen Wohnzimmer unterscheidet. Gibt man ihnen jedoch etwas Zeit, dann lernen sie schnell und intuitiv, dass es diese Unterschiede gibt, aber nur dann, wenn Eltern nicht nur «Flugbegleiter» (Jesper Juul), sondern Erzieher sind und mit Nachdruck die geltenden Normen durchsetzen. Und, wenn das Restaurant nicht zu ihrer ritualisierten Bleibe wird.

    Sitzen Väter und Mütter stundenlang mit ihren Kindern im Restaurant oder im Café, dann ist dies für sie und ihre Kinder ungünstig. Wahrscheinlich signalisieren sie damit jedoch ein Bedürfnis: Vielleicht brauchen sie den Austausch mit anderen Eltern, vielleicht fällt ihnen sonst zu Hause die Decke auf den Kopf, vielleicht auch sehnen sie sich nach dem Zustand, als sie noch keine Kinder hatten und sie vollkommen frei waren. Mit Sicherheit ist dieses Sitzleder von Eltern auch ein Ausdruck dafür, dass es aktuell viel zu wenig Begegnungsräume für Familien gibt.

    Das eingangs beschriebene Coupe Dänemark-Beispiel ist jedoch auch ein guter Hinweis auf die unterschiedlichen Erziehungsstile. Aus der Forschung kennen wir verschiedene Erziehungsstile, drei davon spielen bei diesem Beispiel eine Rolle. Erstens der autoritäre Erziehungsstil, der enge Kontrolle und Bestrafung ausübt. Autoritäre Eltern hätten dem kleinen Schokofinger wohl sofort eins hinter die Ohren verpasst. Zweitens der Laissez-Faire Erziehungsstil, der sich vollkommen an den Bedürfnissen des Kindes orientiert. Obiges Beispiel entspricht ihm vollkommen, denn die Eltern reagieren gar nicht auf die Kleckerei des Kindes und sind insgesamt vielleicht sogar stolz auf seine Kreativität. Das angemessene Verhalten wäre der autoritative Erziehungsstil. In unserer westlichen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft gilt er als derjenige, welche einer guten Erziehung am meisten förderlich ist. Dieser Erziehungsstil nimmt die Bedürfnisse des Kindes ernst, zeigt ihm Wärme, Wertschätzung und Anerkennung, formuliert aber ganz klare Regeln und Normen, die eingehalten werden müssen. Der kleine Schokofinger wäre somit sofort, aber liebevoll in seinem Tatendrang unterbunden worden und die Eltern hätten sich beim Restaurantbetreiber entschuldigt.

    Ein solches autoritatives Verhalten bedingt jedoch – und dies fällt heute vielen Eltern schwer – dass sie bereit sein müssten, in einen Konflikt mit dem Kind zu treten und es zurechtzuweisen, vielleicht gar zu strafen, wenn es die Regeln nicht befolgt – und auch zu ertragen, dass es dann vielleicht unglücklich ist. All dies erfordert Geduld, Gelassenheit und auch Zeit. Und diese ist heute ein knappes Gut.

    Meines Erachtens wäre es jedoch verfehlt, wie dies immer wieder geschieht, alle Eltern einfach an den Pranger zu stellen und von einer allgemeinen «Erziehungskatastrophe» zu sprechen. 70% der Eltern leisten im Allgemeinen sehr viel und fast alle wollen das Beste für ihr Kind. Man muss sie deshalb unterstützen, ihre erzieherische Rolle als Autorität einzuhalten.

    Eltern dürfen ihre Kinder uneingeschränkt toll finden und ihrem Kind Liebe entgegenbringen, aber ohne Schuldgefühle. Sie sollten ihm gegenüber aber auch kritisch sein und ihm Grenzen aufzeigen, die immer und überall gelten – und dabei konsequent bleiben. Dann müsste es eigentlich möglich sein, dass wir auch in Restaurants oder Cafés ein «Generationenhaus» bleiben können…

  • Wir leben in einer Risikogesellschaft. Dieser vom Soziologen Ulrich Beck im gleichnamigen Buch geprägte Begriff meint, dass in unserer hoch entwickelten Gesellschaft mehr Risiken entstanden sind und laufend entstehen, als unsere staatlichen Kontrolleinrichtungen zu bewältigen vermögen. Dazu gehören soziale, ökologische, politische, aber auch individuelle Risiken. Während einerseits heute jeder Mensch deutlich höhere Chancen hat, sich selbst zu verwirklichen und viel mehr Handlungsspielräume bestehen als in jeder Generation zuvor, fehlen soziale Normen und Vorgaben, welche Handlungs- und auch Erziehungssicherheit geben würden. Eine solche »Entbettung der Verhältnisse«, wie der Sozialwissenschaftler Anthony Giddens dieses Phänomen nennt*, sind in allen Lebensbereichen spürbar. Eindeutige Leitbilder für Familie, Beruf oder für das Aufwachsen und Erziehen des Nachwuchses fehlen, Mütter und Väter deshalb mit zwiespältigen Gefühlen leben müssen.

  • Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Bildungschancen ungleich verteilt sind. Gemäss dem Prinzip der Chancengerechtigkeit müsste allen Menschen nicht nur der Zugang zur Ausbildung gleichermassen offen stehen, sondern auch faire Chancen zur Überwindung von Nachteilen und zur Entdeckung von Potenzialen. Mit Blick auf Kinder aus einfachen Sozialschichten ist dieses Postulat nicht verwirklicht. Auch wenn sie die gleichen kognitiven Fähigkeiten haben wie Kinder aus privilegierteren Sozialschichten, sind sie weniger schulerfolgreich und finden den Weg ans Gymnasium deutlich seltener. Unserer Gesellschaft geht deshalb jedes Jahr ein grosses Reservoir an intellektuellem Potenzial verloren.

  • Erschienen in: Aargauer Zeitung/Nordostschweiz, 15.02.2016, 18.

     

    Frauenquoten, gleicher Lohn für Frau und Mann, Teilzeitarbeit auch für Väter, Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Der Weg zur Gleichberechtigung ist gepflastert mit Schlagworten. Die Marschrichtung scheint klar, der Weg aber noch lang. Trotzdem beginnt uns diese Strategie zu überfordern. Sichtbar wird dies schon bei jungen Paaren, die Eltern werden. Man gibt das Kind möglichst früh in die Krippe, damit Mütter gleichberechtigt mit den Vätern wieder arbeiten gehen können. Auch die Wirtschaft ist höchst interessiert, dass weniger gut ausgebildete Frauen am Herd stehen, dafür im Beruf. Und dies am besten Vollzeit, damit ihr Potenzial nicht verloren geht. Diejenigen Mütter jedoch, welche die Karriereleiter hochklettern wollen, müssen die männlichen Spielregeln einhalten. Sie schuften und schuften, um vorwärts zu kommen und nicht selten ignorieren sie auch ihre Bedürfnisse. Gleiches gilt für Väter. Etwa 90% arbeiten Vollzeit, um das Familieneinkommen zu sichern, sollen aber zu Hause gleich viel Familien- und Hausarbeit übernehmen wie die Partnerin. Keiner darf hinter dem anderen zurückstehen. Die Männer haben genug lange als das faule Geschlecht gegolten.

    Viele Paare stehen jedoch unter Dauerstrom. Damit sie allesin den Griff kriegen, werden sie zu Terminpartnern und Logistikgfachleuten. Und eigentlich klappt alles bestens, wenn nur das Kind nicht schon wieder Fieber hätte, der Partner die superwichtigen Abendtermine nicht alle wahrnehmen würde oder wenn der Babysitter nicht schon wieder krank wäre.

    Das Bedrückende an dieser Situation scheint mir aber etwas Anderes zu sein. In unserer neuen Väter-Studie sagen fast 80%, dass sie viel zu wenig Zeit hätten für die Zweisamkeit mit der Partnerin. Und ebenso viele Mütter sind der Meinung, den Vätern fehle oft die Gelassenheit, am Abend über anderes als den Beruf zu sprechen. Mit dem Vereinbarkeitsproblem ist offenbar auch die Gefahr verbunden, die Sprache zu verlieren: dass man sich kaum mehr ganz aufeinander einlassen kann. Und dies ohne dass im Kopf ein Sturm von Gedanken tobt, über den Job, über das schlechte Gewissen und die Ausreden, weshalb man Vieles wieder nicht geschafft hat.

    Was nun? Das Rad kann nicht zurückgedreht werden. Dass Frauen Karriere machen, ist gut; für sie selbst, für die Gesellschaft, für die Männer. Wenn sie sich mehr um ihre Kinder kümmern und zu Hause anpacken, denn dies erzeugt Druck auf die Wirtschaft, flexibler zu werden. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass Frauen und Männer Beruf und Familie vereinbaren könnten – aber nicht in unserer rückständigen Arbeitskultur mit ihrem eigenartigen Produktivitätsbegriff. Ich meine damit vor allem die zunehmende Verquickung von Familien- und Wirtschaftspolitik und die Instrumentalisierung von Müttern und Vätern als Arbeitskräfte. Es ist nicht so, dass Frauen Kinder bekommen sollen, um dem demografischen Wandel entgegenzuwirken und möglichst schnell dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung zu stehen. Es ist auch nicht so, dass Männer weniger, aber effizienter arbeiten sollen, um mehr zu Hause zur Verfügung zu stehen. Es ist nicht alles nur eine Frage von Geld, Organisation und gutem Wille der Eltern. Familien sind Entwicklungssysteme und keine mechanisch funktionierenden Gebilde!

    Einfach noch mehr Entlastung der Familien zu fordern, noch mehr Teilzeitarbeit für beide Partner und noch mehr Kitas ist somit nur die eine Seite der Medaille. Wir bräuchten vor allem eine grundlegende Veränderung heutiger Denkmuster und eine andere Anerkennungsordnung von Vätern und Müttern. Erstens müsste die Arbeitswelt Möglichkeiten schaffen, damit sich Eltern in der intensivsten Familienphase etwas zurücknehmen können, um sich später wieder reinzuhängen. Zweitens wäre damit eine Herausforderung für die Paare selbst verbunden. Der Paartherapeut Jürg Willi nennt sie «Koevolution», die Kunst gemeinsamen Wachsens. Übertragen auf berufstätige Väter und Mütter würde dies bedeuten, dass Karriereplanung viel längerfristiger und nie isoliert nur bei sich selbst geschehen kann, sondern immer in der Entwicklung mit dem Du.

  • Vorbei sind die Zeiten, als Bildung wie bei den alten Römern und Griechen noch »schola« und »schole« hiess und als Zeit verlieren, Innehalten und Musse finden verstanden wurde. Dass sie heute vielfach mit einem Treibhaus gleichgesetzt wird, hat seinen Grund auch in der Forschung, in erster Linie in den Neurowissenschaften, der Psychologie und der Erziehungswissenschaft. Obwohl diese Wissenschaften unterschiedliche Schwerpunkte setzen, bauen sie auf einem gemeinsamen Grundverständnis auf:

    • Sie erachten die Vorschuljahre als eine Zeit enormen körperlichen, emotionalen und geistigen Wachstums, in der Kinder eine ungeheure Kapazität zum Lernen entwickeln können.
    • Sie unterstreichen immer wieder, wie wichtig das hierfür notwendige Fundament ist. Kinder brauchen Liebe, Fürsorge, soziale und emotionale Sicherheit sowie auch Stimulation derjenigen Fähigkeiten und Fertigkeiten, welche sie erfolgreich auf den Schuleintritt vorbereiten.

    Auch ihre Botschaft ist eine fast identische: Wer nicht möglichst früh seinen Nachwuchs fördert, nimmt das Risiko verpasster Chancen in Kauf*. «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!» Dieses Hänschen-Argument wird jedoch oft falsch verstanden. In den Medien und vielen Erziehungsratgebern wird nicht selten so getan, als ob das Kind eine Black Box sei und Frühförderung deshalb bedeute, dass man Hänschen nach Belieben wie einen Diamant schleifen und formen könne. Leider haben es anwendungsorientierte Publikationen weitgehend verpasst, solche Missverständnisse anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse zu relativieren. Die ersten Lebensjahre sind zwar enorm wichtig für eine gelingende Entwicklung, doch zeichnet sich der Mensch durch eine lebenslange Lernfähigkeit aus. Menschen können auch als Jugendliche, als junge Erwachsene oder sogar noch als ältere Menschen vieles lernen – auch wenn späte(re)s Lernen mühevoller und weniger wirkungsvoll als in der frühen Kindheit**. Deshalb sollten wir unsere Aufmerksamkeit zwar auf die frühe Kindheit legen und uns versichern, dass sie tatsächlich für den Aus- und Aufbau von wichtigen Kapazitäten wie Neugier, Selbstvertrauen, Widerstandsfähigkeit oder Frustrationstoleranz genutzt wird. Genauso wäre zur Kenntnis zu nehmen, dass nach dem Vorschulalter keinesfalls alles hoffnungslos verloren ist. «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr», ist deshalb in dieser Formulierung inkorrekt. Vielmehr müsste sie heissen: «Was Hänschen nicht lernt, wird für Hans eine Herausforderung, eine zwar arbeitsintensive, aber eine, die ebenso Erfolg versprechen kann.»

    Eine anregungsreiche und liebevolle familiäre Umwelt ist für eine optimale Entwicklung ausreichend. Hingegen kann eine überehrgeizige Stimulation in Form von frühen Förderkursen schädlich sein, wenn sie das Kind in seiner eigeninitiierten Aktivität lähmen oder seine Bedürfnisse nicht berücksichtigen. Allerdings trifft dies für zwei Gruppen von Kindern nicht zu: für solche mit Entwicklungsstörungen und für Kinder aus stark benachteiligten Familien. Beide Gruppen brauchen eine gezielte und frühe Stimulierung und Förderung. Forschungsergebnisse belegen, dass sie davon enorm profitieren können.

    Die Einsicht, dass frühe Förderung kleine Kinder überfordern kann, wird von der moralischen Panikmache verhindert, welche sich rund um die frühe Förderung entwickelt hat. Nicht nur das ultimative Gebot zur Frühförderung im Sinne der Hänschen-Redewendung beeinflusst Väter und Mütter ausgesprochen stark, sondern auch unsere Kultur der Angst, d.h. die Annahme und Überzeugung, dass mit dem Nachwuchs mit Sicherheit etwas schiefgehen wird, wenn man nicht permanent und möglichst früh alles Mögliche für ihn tut. Schon junge Eltern lernen, ihre Anstrengungen am Diktat der Machbarkeit zu orientieren. Deshalb getrauen sie sich kaum mehr, einfach so und ohne Förderziel mit dem Kind zu spielen, zu schmusen oder einfach ohne Ziel mit ihm in den Wald zu gehen.

    Die Konzentration auf den kleinen Hans, der alles schon früh können muss, hat auch eine andere negative Folge: die Abschaffung des Begriffs des «Bereitseins».*** Gemeint ist die Vorstellung, dass es biologische und entwicklungspsychologische Beschränkungen des Lernens gibt. Das Bereitsein ist von höchster Bedeutung, denn kleine Kinder brauchen auch eine innere Bereitschaft, sich auf Lernmöglichkeiten einlassen zu können, ohne fremdbestimmt zu sein und durch die Woche gehetzt zu werden. Wir sollten den Kindern nicht mehr zumuten als sie ihrem Alter nach verkraften können. Diese Erkenntnis müsste Teil des Mainstreams werden.

     

    Weiterführende Literatur

    * Stamm, M. (2016). Lasst die Kinder los! Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. München: Piper.

    **Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2014). Frühkindliche Sozialisation. Biologische, psychologische, linguistische, soziologische und ökonomische Perspektiven. Halle: Leopoldina. http://www.educ.ethz.ch/pro/litll/sozialisation

    ***Elkind, D. (1988). Das gehetzte Kind. Hamburg: Kabel.

  • Eigentlich müssten unsere Lebensbedingungen dazu führen, dass Männer und Frauen die traditionellen Rollenverteilungen ihrer Eltern immer mehr hinterfragen und neue Ideen entwickeln, wie sie Partnerschaft leben wollen. Dies dürfte insbesondere für junge Paare gelten, da ja gerade sie zumindest teilweise bereits in diese Richtung sozialisiert worden sind. Dem ist nur teilweise so. 

    Die Geburt des ersten Kindes als Weichenstellung

    Mit der Geburt des ersten Kindes setzt bei manchen Paaren ein Traditionalisierungsprozess ein. Erstaunlicherweise gilt dies nicht selten auch dann, wenn Frauen ähnliche Einkommenschancen wie ihre Partner haben. Die Erkenntnisse hierzu sind ernüchternd und verweisen darauf, dass die Politik die neuen Ressourcenverhältnisse zwischen den Partnern – er arbeitet weniger, sie arbeitet mehr – zu optimistisch eingeschätzt hat. Besonders eindrucksvoll ist, dass mit zunehmender Dauer der Partnerschaft die Bereitschaft von Männern abnimmt, sich verstärkt in die Haus- und Familienarbeit einzubringen. Das bedeutet, dass selbst bei den zunächst partnerschaftlich organisierten Paaren nicht wenige in Richtung Traditionalisierung kippen und zwar unabhängig vom jeweiligen Bildungsstand.

    Die theoretischen Versuche, das Phänomen zu erklären

    Wie kann man dieses Phänomen theoretisch erklären? Dazu stehen Ansätze zu Rollenerwartungen, zur Haushaltsökonomie, zu den Machtverhältnissen und zur intensiven Mutterschaft zur Verfügung.

    Rollenerwartungen: Dieser Ansatz geht davon aus, dass in der Gesellschaft geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen vorherrschen, die jedes Kind im Verlaufe seiner Sozialisation und Erziehung verinnerlicht und sich dann mehr oder weniger entsprechend verhält. Auch als erwachsene Person will man seine Rollen einhalten, um so die eigene Identität zu finden und zu sichern. Traditionell haben Frauen diese in Hausarbeit und Kinderbetreuung, Männer in der Ernährerfunktion gefunden. Weil sich in den letzten Jahren diese gesellschaftlichen Zuschreibungsmuster trotz Emanzipations- und Gleichstellungsbemühungen nur schleppend geändert haben, sind die Prioritäten der Partner auch nur unwesentlich anders geworden. Doch gibt es immer mehr Frauen und Männer, die sich mit den dominierenden Geschlechtsrollennormen kritisch auseinandersetzen und diese dann in ihrer Familienpraxis innovativ verändern. Die Einstellung ist deshalb die wichtigste Komponente, weshalb sich Paare so und nicht anders verhalten. Gegen dieses Erklärungsmuster spricht jedoch die Tatsache, dass viele Paare sich trotz moderner Einstellungen in der Vereinbarkeitsfrage konservativ verhalten.

    Ökonomische Arbeitsteilung: Dieses Erklärungsmodell versteht Haushalt und Familie als Kleinunternehmen, dessen Ziel es ist, das Wohlbefinden der Mitglieder zu fördern. Besonders wesentlich sind die finanziellen Mittel. Hat der Mann ein höheres Salär und die Frau geringere Verdienstmöglichkeiten, wird eine relativ traditionelle Rollenaufteilung vorgenommen. Diese ermöglicht, dass Eltern für die Kinder und sich selbst finanziell mehr leisten können, während eine egalitäre Aufteilung oft mit finanziellen Einschränkungen verbunden ist. Dies können oder wollen viele Paare nicht auf sich nehmen. Sie arbeiten, weil sie das Geld brauchen, nicht aus Luxus. Ein Teil der Männer kann die Familie noch alleine durchbringen, aber ein größerer Teil kaum. Im Ansatz für das Erklärungsmodell der ökonomischen Arbeitsteilung spricht die Tatsache, dass die Mehrheit der relativ gut verdienenden Paare deutlich häufiger das Teilzeit-Teilzeit-Modell wählen und ein deutlich geringeres Traditionalisierungsrisiko haben – aber nur dann, wenn sie dieses Modell früh schon wählen. Gegen das Modell spricht der relativ große Anteil an gut verdienenden Paaren, welche weiterhin das Vollzeit-Teilzeit-Modell wählen.

    Machtverhältnisse: Nicht nur die Finanzen und die Rollenvorstellungen sind ausschlaggebend dafür, wie sich Paare organisieren. Auch die Machtverhältnisse in der Partnerschaft sind wesentlich. Dieser theoretische Ansatz geht davon aus, dass in einer Partnerschaft jeder der beiden Partner versucht, seinen Nutzen (das, was man gerne tut) zu maximieren und seine Kosten (das, was man nicht gerne tut) zu minimieren. Was jedoch die beiden Partner als Nutzen und was als Kosten definieren, ist sehr unterschiedlich. Frauen beispielsweise nehmen für sich eher die Pflege des Kindes oder bestimmte Haushaltsarbeiten in Anspruch und delegieren Ungeliebtes (z. B. Steuererklärung ausfüllen) an den Partner. Für Männer gilt anderes. Prioritär ist für sie oft der direkte Umgang und das Spielen mit dem Kind, sekundär jedoch Putzen oder Wäsche bügeln. Aber auch gemäß diesem Erklärungsansatz ist derjenige Partner mächtiger, der ein höheres Salär bezieht beziehungsweise eine bessere Perspektive auf dem Arbeitsmarkt hat. Da Männer häufig diese Personen sind, drücken sie sich vor den am wenigsten attraktiven Aufgaben und überlassen diese eher den Partnerinnen. Die große Frage ist aber, weshalb dies die Frauen überhaupt zulassen.

    Das Ideal der guten Mutter:Dass gerade auch diejenigen Frauen, welche die Vision einer gleichgestellten Partnerschaft verfolgen, oft die gesamte familieninterne Verantwortung übernehmen, hat viel mit den vorherrschenden gesellschaftlichen Normen über berufstätige Mütter zu tun. Diese Normen orientieren sich an der Ideologie der guten Mutter, die gegenwärtig eine erstaunliche Renaissance erlebt. Eine Folge davon ist, dass viele Frauen die Gesamtverantwortung für das Haushalts- und Familienmanagement zu Beginn der Mutterschaft teils fast euphorisch übernehmen und sich entscheiden, den Arbeitsplatz zu quittieren oder weniger zu arbeiten. Sie denken, es sei doch nur gerecht, wenn sie kürzer treten, weil sie ja schließlich die Mütter seien und das Mutterideal in sich tragen würden. 70 Prozent der Paare antworteten auf die Frage nach den Kriterien für die Aufteilung von Job und Haushalt, dass der Wunsch der Mutter, mehr Zeit mit dem Kind zu verbringen, eine große Rolle gespielt habe.[3] Nur bei 36 Prozent war der Wunsch der Mütter wichtig, ihren Beruf mit der Familie vereinbaren zu können. Diese Daten verweisen zwar darauf, wie sehr die egalitäre Arbeitsteilung in Beruf und Haushalt nach der Familiengründung in den Hintergrund gerät, vielleicht aber nur vorübergehend.

    Zeitgeist, Theorie und Praxis

    Problematisch ist, dass in keinem der theoretischen Erklärungsversuche die Rolle der Rahmenbedingungen und des Zeitgeistes genügend zur Sprache kommen. Zwar ist es eine Tatsache, dass die Mehrheit der Männer ein höheres Einkommen hat als die Frauen, doch die ebenso bedeutsamen Rahmenbedingungen aussen vor bleiben (z. B. politische Aspekte wie die systematische staatliche Förderung der finanziellen Ungleichheit durch Einkommenssteuerrecht und Sozialversicherungsrecht oder die relativ konservative Familienpolitik). Solche Rahmenbedingungen dürften eine besonders wichtige Rolle bei der Wahl des Erwerbsmodells der Paare spielen. Es istkeinesfalls nur die Macht der Tradition, der Überzeugung oder der Natur, welche den Wandel bremst. Dies gilt auch dann, wenn man ihn wirklich will. Für jede Familie gibt es auch eine Macht der Finanzen.

    Somit braucht es auch einen veränderten Blick auf Männer und ihre Partnerinnen, auf ihre Leistungen für und in der Familie. Die Diskussion um die Vereinbarkeitsfrage konzentriert sich in der Familienpolitik zu stark auf die Vereinbarkeitsproblematik der Frauen und zu wenig um die damit verbundenen Herausforderungen der Männer.

    Literatur

    Weiterführende Hinweise finden sich in: Stamm, M. (2018). Neue Väter brauchen neue Mütter. Weshalb Familie nur gemeinsam gelingt. München: Piper.

  • Wir waren zwei Wochen auf der wunderbaren Nordseeinsel Sylt in den Ferien. Vorher hatten wir in Hamburg und Umgebung Halt gemacht. Dieser Teil Deutschlands ist einmalig: wunderbare Landschaften, angenehmes Klima und unzählige Freizeitmöglichkeiten. Wo schon findet man gleichzeitig Himmel und Meer, Brandungsbaden, mannshohe Wellen, Dünen, Wattwanderungen, Reetdächer, Strandkörbe, aber auch hüllenloses Baden an FKK-Stränden? Die Insel gilt als die Ferieninsel schlechthin. Schon im 19. Jahrhundert schwörte, wer auf Sylt Ferien machte, auf die heilende Kraft des Nordseeklimas. Doch was ist es, das Sylt so beliebt macht? Erstens, dass die Insel ein Paradies für Familien mit Kindern ist, zweitens aber auch ein Paradies für die «Ü65» inklusive für die Schönen und Reichen. Segen oder Fluch?

    Ein Segen ist Sylt sicher, weil die Insel als Ferienparadies der Familienfreundlichkeit wirbt. Ich habe noch selten so viele familienfreundliche Hotels und Clubs gesehen, in denen Eltern bereits Neugeborene von Babysittern betreuen lassen und ältere Kinder fast Tag und Nacht in die Obhut von Kinderanimatoren geben können. Es gibt sogar Restaurants, in denen Eltern ihren Nachwuchs auch fürs Essen im Kinder-Schlaraffenland abgeben und so ungestört unter sich sein können. Toben und Schreien sind sehr hier willkommen – in garantiert extra familienfreundlichen Zonen.

    Die andere Seite der Kinderfreundlichkeit ist der Fluch ihres Verbots. Zwischen Hamburg und Sylt gibt es eine schöne Anzahl Hotels, in denen Kinder unerwünscht sind. «Ü14» heissen sie in der Regel, und sie werben mit «Adults only». Familien- und kinderfreundlich zu sein ist in Deutschlands Norden – wie natürlich in vielen anderen Gegenden Europas und auch in anderen Kontinenten – keine Selbstverständlichkeit. Weshalb jedoch werden Kinder ausgesperrt? Eine Hotelière in Hamburg hat mir klipp und klar gesagt: «Weil Kinder keine dezenten und formbaren Gäste sind.» Sie seien nicht nur oft zu laut, schlecht erzogen und würden mit ihren Schokofindern alles dreckig machen, sondern vor allem auch die dezentere und einträglichere Kundschaft vertreiben.

    Über eine solche Aussperrtaktik kann man geteilter Meinung sein und es lässt sich durchaus von einem notwendigen Wettbewerb im Tourismus sprechen. Deshalb ist anzunehmen, dass sich Hotels zukünftig immer mehr spezialisieren werden: auf familienfreundliche Hotels, auf solche für Singles, für verliebte Paare, für «Ü65» oder eben für «Ü14». Nur frage ich mich, welche gesellschaftlichen Entwicklungen die Tatsache spiegelt, dass das eine Hotel damit wirbt, Kinder zu mögen und das andere, sie auszusperren. Ist es nicht abstrus, dass unsere Gesellschaft die Menschen immer mehr in Zonen für bestimmte Gruppen einteilt, während alle Welt von «Generationenhäusern», vom Wert der Grosseltern für ihre Enkel, aber auch von «interkultureller Kompetenz», von «Multikulturalität» oder «Diversity-Management» spricht?

    Kindergeschrei sei die Musik der Zukunft, damit unsere Gesellschaft überleben könne – stand vor ein paar Tagen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Eine Logik des Zwangsläufigen oder eher der Perversion? In den Ferien unter sich bleiben – das darf doch keine Nische mit Zukunft sein!

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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