Krippe

  • Eine Replik auf das Interview in der NZZ vom 4.11.2013 zu "Das Baby gehört zu seinen Eltern" mit Rainer Böhm

    Für mehr als zwei Drittel der Kleinkinder in der Schweiz ist Fremdbetreuung ein Teil ihres Lebens. Als wichtige Errungenschaft ermöglicht sie Müttern und Vätern, Kindererziehung und Berufstätigkeit zu vereinbaren. Trotzdem machen sich viele Eltern Sorgen über die Auswirkungen, aber die wenigsten getrauen sich, offen darüber zu sprechen. Was bedeutet es, wenn der Zweijährige jeden Morgen weint, wenn er in die Krippe muss? Ist es schlimm, wenn das Kita-Personal immer wieder wechselt? 

    Es versteht sich deshalb von selbst, dass Medienberichte hierzu ein grosses Echo auslösen und die Meinungen zu den Auswirkungen von Fremdbetreuung mehr als nur gespalten sind. Das neueste Beispiel ist in derNZZ (04.11.2013, S. 44) nachzulesen. Während der Artikel von Beat Grossrieder «Der Staat als Gouvernante» (http://www.nzz.ch/wissenschaft/bildung/der-staat--die-gouvernante-1.18178625) differenziert ist, sind gewisse Antworten des Kinder- und Jugendarztes Rainer Böhm «Ein Baby gehört zu seinen Eltern»;http://www.nzz.ch/wissenschaft/bildung/ein-baby-gehoert-zu-seinen-eltern-1.18178627)meines Erachtens (zu) einseitig. Sie machen Glauben, die Forschung unterstütze ganz klar, dass Kinder unter zwei Jahren nicht in die Kita sollten.

    Leider führen solche Antworten dazu, dass die Debatte noch emotionaler und polemischer geführt wird als sie schon ist, derweil wissenschaftliche Erkenntnisse nur soweit zur Kenntnis genommen werden, wie sie in die eigene Ideologie passen. Herzstück der Auseinandersetzung sind dabei Behauptungen, wonach Krippenkinder aggressiver seien, Krippen nicht so gut sind, wie sie sein könnten und dass Kleinkinder bis zwei Jahren deshalb zu Hause betreut werden sollten.

    Ist die Krippe tatsächlich schädlich? Hierzu gibt es eine grosse Anzahl an Untersuchungen, die tendenziell sowohl ein Ja als auch ein Nein zulassen. Es gibt zwei Lager in der Forschung: Während beide in Bezug auf die intellektuelle Entwicklung zum gleichen Schluss kommen – dass sich fremdbetreute Kinder mindestens ebenso gut oder besser entwickeln als ausschliesslich zu Hause betreute – unterscheiden sie sich im Hinblick auf das Sozialverhalten. 

    Das eine Lager konstatiert, dass Krippenkinder in der Schule sozial kompetenter, selbstbewusster und durchsetzungsfähiger sind, sich weniger zaghaft verhalten und insgesamt kooperativer sind. Das andere Lager – und zu diesem gehört der oft zitierte Londoner Kinderpsychologe Jay Belsky – berichtet von Verhaltensschwierigkeiten und Bindungsstörungen. Demnach können Krippenkinder auch unhöflicher, ungestümer, gereizter und aggressiver werden.

    Relativ eindeutig sind die Erkenntnisse im Hinblick auf die Frage des Betreuungsumfangs. Demnach profitieren Kinder am meisten vom Kita-Besuch, wenn ein zu hoher Betreuungsumfang in den ersten zwei bis drei Lebensjahren vermieden wird. Als besonders ungünstig erweisen sich dabei instabile Betreuungsmuster, d.h., wenn Erzieherinnen in Kitas häufig wechseln. Inwiefern kleine Kinder tatsächlich vom Kita-Besuch profitieren, hängt in hohem Mass von den Beziehungen ab, welche die Erzieherinnen und Erzieher zu den Kindern aufbauen, damit sie zu einer Bezugsperson für das Kind werden können. Wenn jedoch diese Beziehungsqualität nicht stimmt, dann kann eine Kita tatsächlich negative Auswirkungen haben.

    Heute wissen wir zudem, dass qualitativ gute Kitas gerade für bildungsbenachteiligte Kinder und ihre Familien langfristig gesehen grosse und positive Effekte auf die kindliche Entwicklung haben können. Aber auch hier gilt selbstverständlich, dass der Betreuungsumfang moderat sein muss. Problematisch ist allerdings die Tatsache, dass solche Kinder oft gar keine Kita besuchen, weshalb sie auch nicht davon profitieren können. Deshalb können wir heute nicht davon ausgehen, dass frühe Förderung in Kitas kompensatorisch – d.h. chancenausgleichend – wirken kann.

    Zusammengenommen schadet die Krippe dem Kleinkind nicht, aber sie kann ein Risiko sein – nicht mehr und nicht weniger. Kinder, die sicher an ihre Eltern gebunden sind, ein Urvertrauen entwickelt haben und sorgfältig eingewöhnt wurden, leiden kaum an einer zeitweiligen, d.h. moderaten, Abwesenheit der Eltern. Wenn die ausserhäusliche Betreuung qualitativ gut ist und nicht zu häufig wechselt, dann können Kleinkinder – auch unter Zweijährige – von ihr profitieren. Und dann fühlen sie sich mit Sicherheit in der Kita auch wohl.

     

  • Die Wogen gehen hoch, die Meinungen sind mehr als nur gespalten: der Familienartikel, über den am 3. März abgestimmt wird, scheidet die Geister. Verständlich, dass die Bürgerinnen und Bürger so viel Herzblut in dieses Thema stecken, geht es doch schliesslich um das Herzstück unserer Existenz: Partner kommen und gehen, das Kind bleibt. Und Kinder und ihre Familien sind die Zukunft unserer Gesellschaft. Es ist deshalb von zentraler Bedeutung, wie sich die Schweiz in der Familienpolitik positioniert.

    Was weiss die Forschung hierzu? Für die vorliegende Abstimmung sind vier Punkte besonders bedeutsam: erstens, dass die Familie für die Entwicklung eines Kindes die wichtigste Instanz darstellt, wie auch immer Familienformen und Organisationsstrukturen sind. Die Familie stellt somit die entscheidenden Weichen. Zweitens ist Fremdbetreuung für mehr als zwei Drittel der Kleinkinder in der Schweiz ein Teil ihres Lebens. Als wichtige Errungenschaft der Moderne ermöglicht sie Müttern und Vätern, Kindererziehung und Berufstätigkeit miteinander zu vereinbaren. Weil diese Vereinbarkeit teilweise viel Geld kostet, werden Kinder jedoch oft nicht nur in der teuren Krippe, sondern zusätzlich auch von Verwandten, Nachbarn oder Grosseltern betreut. Dieser Betreuungsmix erfordert von den Eltern allerdings ein oft anstrengendes Organisationsmanagement und vom Kind nicht selten eine hohe Stressresistenz. Drittens sind Geborgenheit und Nestwärme – zwei grundlegende Merkmale einer guten Bindung des Kindes an seine Eltern – nicht von der Anzahl Stunden, die sie miteinander verbringen, abhängig, sondern in erster Linie von der Qualität des Zusammenseins. Und viertens zeigen viele internationale Studien, dass in Ländern mit einer besonders erfolgreichen Familienpolitik der Staat eine starke Rolle inne hat, der Dezentralisierung jedoch ebenso grosse Bedeutung beigemessen wird.

    Im Familienartikel 115a, der den Titel «Familienpolitik» erhalten soll, spiegeln sich diese Erkenntnisse in den drei Absätzen. Gerade aus einer wissenschaftlichen Perspektive ist der Artikel für die Schweiz deshalb zukunftsträchtig, weil er neben dem ‚Vereinbarkeitsmodell' (Familie und Berufsarbeit sollen bedarfsgerechter unter einen Hut gebracht werden können) weiterhin auch das ‚Familienmodell' unterstützt, das den Müttern – sehr selten sind es Väter – erlaubt, über einen längeren Zeitraum kein Geld zu verdienen und sich ausschliesslich den Kindern zu widmen. In der Schweiz haben bisher gut 30% der Familien diese Lebensform und ungefähr 70% das Modell mit familienergänzender Betreuung gewählt. In unserer pluralistischen Gesellschaft müssten solche unterschiedlichen Auffassungen vom ‚richtigen Familienleben'eigentlich nebeneinander bestehen können. Blickt man auf den Abstimmungskampf, dann scheint dem aber kaum so zu sein: Da ist einerseits die politische Rechte, die besonders pointiert und mit teilweise fragwürdiger Werbung eine Mutter einfordert, die zu Hause bleibt, damit aus ihrem Kind kein ‚Staatskind' wird. Da sind andererseits aber ebenso Stimmen aus vielen politischen Lagern, die diejenigen Eltern, die sich für das Familienmodell entscheiden, schnell einmal als Bünzli oder Spiesser und als Inbegriff einer antifeministischen und antiliberalen Gesellschaft etikettieren.

    Ist es nicht absurd? Lange Zeit wurde beklagt, der Bund kümmere sich nicht um die Familienpolitik. Jetzt, wo ein aus wissenschaftlicher Sicht ausgereifter Artikel vorliegt, degradiert man ihn zur simplen Frage, ob man Familie und Beruf unter einen Hut bringe. Der Familienartikel verfolgt jedoch breitere Perspektiven. Gerade weil die Familie das biographische Zentrum des Kindes ist, jedes dritte Kind in der Schweiz jedoch nicht in eine Familie hineingeboren wird, die ihm gute Aufwachsbedingungen ermöglicht, ist eine stärkere Verantwortung des Bundes ein wichtiger Pfeiler einer zukunftsgerichteten Familienpolitik. Weil trotz der Ausweitung seiner Rolle die dezentraler Vielfalt bestehen bleibt, kann auf diese Weise vor Ort eine stärkere Aufgeschlossenheit gegenüber den Bedürfnissen und der Bedeutung von Familien erwartet und auch provoziert werden. Denn es ist an der Zeit, dass nicht mehr der Wohnort allein entscheidet, ob Frauen und Männer die Unterstützung, aber auch die Freiheit bekommen, die sie brauchen, um ihrer Verantwortung für ihre Familie gerecht zu werden und ihr Familienleben nach ihren eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen zu gestalten. Der Familienartikel ermöglicht, dass sie selbst entscheiden können, wie sie Fürsorge und Erwerbsaufgaben wahrnehmen und in der Familie aufteilen wollen.

  • Der beliebteste Twitter-Inhalt in Deutschland war vor drei Wochen das «Betreuungsgeld» gewesen. Zuvor war es am 9. November 2012 vom Bundestag mit einem sehr knappen Mehr beschlossen und damit Folgendes festgelegt worden: Jeder Familie, die ihr 13 bis 36 Monate altes Kind in keine Kindertagesstätte steckt oder keine staatlich geförderte Tagesfamilie in Anspruch nimmt, soll ab dem 1. August 2013 zunächst 100, später 150 Euro monatlich für die Betreuung zu Hause ausbezahlt werden.

    Die Frage, welche hinter der Idee ‚Betreuungsgeld‘ steckt, ist eine hoch brisante und auch für die Schweiz aktuelle, nämlich die: Soll der Staat neben dem ‚Krippenmodell‘ (Subventionierung von Krippen) auch ein ‚Familienmodell‘ unterstützen, das den Müttern – sehr selten sind es Väter – erlaubt, über einen längeren Zeitraum kein Geld zu verdienen und sich ausschliesslich den Kindern zu widmen? Gemäss unserer FRANZ-Studie (=Früher an die Bildung, erfolgreicher in die Zukunft?), die in diesen Tagen abgeschlossen wird und Auskunft über Familien der Mittelschicht gibt, wählen in der Schweiz gut 30% der Familien diese Lebensform, währenddem sich ungefähr 70%  für ein Modell mit familienergänzender Betreuung entscheiden. Man könnte somit davon ausgehen, dass in einer pluralistischen Gesellschaft wie der unsrigen unterschiedliche Auffassungen vom ‚richtigen Familienleben‘ gleichermassen akzeptiert werden und nebeneinander bestehen können. Dem ist aber kaum so. Gerade die politischen Parteien verkörpern die enorme Polarität, welche dieser Frage zu Grunde liegt. Da die politische Rechte besonders pointiert die Stärkung der Familie als Erziehungshoheit sowie eine Mutter einfordert, die zum Kind gehört und deshalb zu Hause bleibt, werden aus der Sicht anderer Parteien diejenigen Eltern, die sich für das Familienmodell entscheiden, schnell einmal als Bünzli oder Spiesser und als Inbegriff einer antifeministischen und antiliberalen Gesellschaft etikettiert. Verstärkt wird diese Etikettierung dadurch, dass es sehr wenige Paare gibt, welche diese Lebensform öffentlich, gehaltvoll und undogmatisch verteidigen.

    Obwohl der deutsche Bundstag das Betreuungsgeld mit 310 zu 282 Stimmen angenommen hat, ist es äusserst umstritten. Leider überwiegt in der Diskussion eine Schwarz-Weiss-Polemik die am lautstarksten von Kanzlerkandidat Steinbrück und vom Fraktionschef der Grünen, Trittin, geführt wird. Sie bezeichnen das Betreuungsgeld mit dem etwas sarkastischen Ausdruck «Herdprämie» oder auch mit «Fernhalteprämie». Steinbrück nannte es in der Debatte gar als «schwachsinnig». Es sei bildungs-, finanz-, gesellschafts- und arbeitsmarktpolitisch falsch, weil das Betreuungsgeld für Frauen Anreize schaffe, nach der Geburt eines Kindes länger dem Beruf fernzubleiben. Das werde ihre späteren Berufschancen mindern. «Weniger Frauen werden eine eigene Berufsbiografie schreiben, weniger Kinder werden Chancen auf frühe Bildungsförderung haben», sagte der SPD-Politiker.

    Obwohl dieses Argumentationsmuster nicht zurückgewiesen werden kann, ist es ein einseitiges. Es verknüpft auf unglückliche Weise das politisch motivierte Konzept des Betreuungsgeldes mit einem präferierten Lebensmodell und gibt vor, als ob das Kita-Betreuungssystem für junge Kinder das einzig Richtige sei. Vor dem Hintergrund internationaler Forschungserkenntnisse ist diese Einseitigkeit falsch. Wir wissen aus der Forschung zur Genüge, dass Kinder je nach ihrer sozialen Herkunft, ihrem Temperament, der Bindungssicherheit zur Mutter resp. zum Vater und insbesondere auch je nach Qualität des familienergänzenden Angebots sehr unterschiedlich profitieren. Genauso wissen wir, dass eine familienergänzende Betreuung immer nur als (hoffentlich positive) Ergänzung zur Kernfamilie des Kindes und nie als Ersatz verstanden werden kann und dassVater und Mutter die wichtigste Sozialisationsinstanz ihres Kindes sind.

    Das Betreuungsgeld hat wahrscheinlich deutlich mehr Nachteile als Vorteile haben (siehe hierzu beispielsweisehttp://argumentia.de/thema/betreuungsgeld). Doch scheint die Engführung der Argumentation eher bescheiden und stark ideologielastig, vor allem deshalb, weil es zwei Grundfragen ausblendet:

    • Was spricht gegen die Wahlfreihheit der Eltern, sich für ein bestimmtes, vielleicht zeitlich beschränktes, Lebensmodell zu entscheiden?
    • Oder anders – und mit dem interessanten Aufsatz im ZEIT-MAGAZIN gefragt: «Was machen Sie denn beruflich?» (31.10.2012): Ist Hausfrau (oder Hausmann)  eine frei gewählte weibliche (oder männliche) Lebensform unter vielen (…) oder ein Anachronismus, der überwunden werden muss, vergleichbar mit einem niedrigen Bildungsstand unter manchen Einwanderungsgruppen?

  • Tickt ein junger Mann richtig, wenn er sich entscheidet, «Fachperson Kinderziehung HF» zu werden? Viele bezweifeln dies. Weichei, Softie etc. hat ein Jugendlicher aus unserem Bekanntenkreis einstecken müssen, als er seinen Berufswunsch bekannt gemacht hat. Die Gesellschaft wünscht sich eher Männer, die starke Kerle sind, eben Ingenieure, Lokomotivführer oder Informatiker, aber kaum Erzieher in Kinderkrippen. Auch Mütter und Väter denken noch vielfach so: Töchter seien prädestiniert für emotionale, soziale Bereiche, Söhne sollten eher etwas ‚Richtiges‘ lernen und damit einmal eine Familie ernähren können.

    Die aktuellen Daten sprechen eine deutliche Sprache: 3‘300 Frauen absolvieren aktuell eine Ausbildung «Fachperson Kindererziehung HF», aber nur gut 300 Männer. Und wieviele von ihnen einmal ihren Beruf tatsächlich ausüben werden, steht in den Sternen. Die Mehrheit der Kitas in der Schweiz hat auch noch keinen einzigen Mann angestellt. Mit dieser Problematik stehen wir allerdings nicht alleine da. Auch in Deutschland sieht die Situation mit ca. 4% Männern in Kitas nicht viel besser aus. Und dies trotz der breit angelegten Initiative «Mehr Männer in die Kitas», die vom Bund mit 13 Millionen Euro seit gut drei Jahren finanziert wird. Selbstverständlich kann man das Glas auch als halbvoll, also positiv, betrachten: Im Jahr 2006 waren es in der Schweiz noch ganze 43 Männer gewesen, welche die Ausbildung absolviert hatten, die heutige Anzahl entspricht damit einer Zunahme von etwa 700%.

    Weshalb wäre es denn so wichtig, mehr Männer in Kitas zu haben? Gründe gibt es viele, in erster Linie sind es zwei: Erstens, weil in den Familien oft männliche Bezugspersonen fehlen und Lehrer auch in Kindergärten, Primarschulen und in der Sekundarstufe I äusserst rar geworden sind. Zweitens, weil sich Geschlechtsstereotypien früh festsetzen. Kleine Kinder, die von Männern in der Kita betreut werden (und natürlich auch von Vätern zu Hause …), könnten deshalb schon in den ersten Lebensjahren erfahren, dass es keine typischen Männer- und Frauenberufe gibt. Und dass Erzieher genauso wie Erzieherinnen mit ihnen basteln, singen, werken und spielen, sie trösten und wickeln und ihnen das Essen geben können.

    Vor diesem Hintergrund ist es äusserst lobenswert, dass auch hierzulande eine Werbekampagne von KitaS, Curaviva und Männer.ch. im Jahr 2014 gestartet werden soll. Nur stellt sich die Frage, ob dies der einzig richtige Weg ist. Gerade weil die Vorurteile gegenüber Männern in Kitas enorm sind, muss man auch anderswo ansetzen und zwar bei den Berufsberatungen und der Lehrerschaft der Sekundarstufe I. Gerade die Kritik an den Berufsberatungen ist ja nicht neu: Moniert wird seit längerem, sie würden das geschlechtstypische Berufswahlverhalten der Jugendlichen unterstützen. Von Bedeutung wäre deshalb die Frage, wie es Berufsberatungen – aber selbstverständlich auch Lehrkräften – angesichts des Männermangels in Kitas (und auch generell in sozialen Berufen) gelingt, Jugendliche zu ermutigen, auch geschlechtsuntypische Berufe zu wählen. Ziel wäre es, dass gerade auch Berufsberatungen verstärkt mithelfen, die Segregation des Arbeitsmarktes in Frauen- und Männerberufe aufzuweichen und nicht noch zu verfestigen.

    Keinesfalls will ich hier Berufsberatungen und Lehrkräfte beschuldigen. Mit Sicherheit versuchen sie, ihr Bestes zu geben. Aber – so vermute ich – sie tappen oft in die Geschlechterfalle. Ein Beispiel: In den Medien kann man immer und immer wieder lesen, dass Erzieher in Kitas wenig verdienen und junge Männer schliesslich einmal eine Familie ernähren sollen. Bereits diese beiden Gedanken können sie – gerade, weil sie ja sowieso zweifeln – davon abhalten, den Beruf Fachperson in einer Kita überhaupt in den Blick zu nehmen.

    Neben Berufsberatungen und Lehrkräften gibt es aber noch ein weiteres Problem: Die Tatsache, dass Männer in Kitas als Risikofaktor angesehen werden und oft unter generellen Missbrauchsverdacht gestellt werden. Viele Eltern haben Vorurteile gegenüber männlichem Personal in Kitas, dass sie zu sexuellen Übergriffen neigen würden. 40% der Eltern und 34% des Kitapersonals befürchten dies. Entsprechend berichten mir Kitaleiterinnen immer wieder von Eltern, die wünschen, dass Männer ihr Kind nicht wickeln dürfen. Verbände haben reagiert und einen Verhaltenskodex für ihre Mitglieder ausgearbeitet. Dass dies jedoch ein eigentlicher Akt der Diskriminierung von Männern in Kitas darstellt – davon getraut sich kaum jemand zu sprechen.

    Sicher ist, dass es  noch viel Entwicklungs- und Veränderungsarbeit braucht, in erster Linie in den Köpfen unserer Gesellschaft. Männer können sehr viel mit kleinen Kindern anfangen, aber solange sie als Erzieher gefragt werden: «Wie lange willst du dies noch machen, hast du nichts Besseres?» ist noch wenig erreicht.

    Bildungs- und Sozialpolitik müssen sich dieser Problematik annehmen. Es kann nicht sein, dass einerseits von «den neuen Vätern» gesprochen wird, sie den Vaterschaftsurlaub neu verhandeln will und verlangt, dass Väter nach der Geburt längere Zeit bei der Familie sein können, Männer andererseits jedoch in Kitas quasi inexistent sind. Wie kann sich dann in Kitas widerspiegeln, dass Erziehung, Betreuung und Bildung auch Männersache ist?

    Alte Rollenklischees dürfen allerdings nicht wieder aufgewärmt werden: Männer in Kitas sind nicht darauf zu reduzieren, dass sie anders mit den Kindern umgehen, gut Fussball spielen, werken und toben können und den Knaben als Vorbilder dienen sollen. Zwar zeigt die Forschung mit grosser Eindeutigkeit, dass sich Männer anders verhalten als Frauen und die Kinderbetreuung damit bereichern. Aber bisher ist wissenschaftlich nicht belegt, dass Männer in Kitas tatsächlich einen Unterschied machen.

    Alle Welt wünscht sich eine Frauenquote in Chefetagen. Grundsätzlich würde ich eigentlich gern für eine Männerquote in Kitas plädieren, z.B. für eine 20%-Quote. Nur, wenn es einfach (noch) zu wenig Männer gibt, die den Beruf ausüben wollen, dann nützt auch die beste Quote nichts. Deshalb müssen wir auch ein andere Segment, als lediglich die jüngsten Männer in den Blick nehmen: Viele Männer in den besten Jahren denken über berufliche Umstiege und Umorientierungen nach, viele Arbeitnehmer 50+ möchten ihre Potenziale, die sie oft im sozialen Bereich entwickelt haben, neu unter Beweis stellen. Weshalb könnten nicht auch ältere Männer im Zuge einer Neuqualifizierung in Kitas tätig werden? Vielleicht sogar ehrenamtlich?

  • In der Schweiz hat sich punkto Akzeptanz von Krippen für Kleinkinder in den letzten Jahren viel geändert. Allgemein gilt als unbestritten, dass mehr Krippenplätze erforderlich sind, weil beide Eltern arbeiten wollen oder auch müssen. Am 1. Mai 2012 hat Bundesrätin Sommaruga diese sozialen Tatsache zusätzlich unterstrichen, weil sie einen Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Frauenpolitik gemacht hat. Mit ihrer Feststellung, dass die Wirtschaft jährlich zehntausende Menschen in die Schweiz hole, gleichzeitig jedoch sehr viele gut ausgebildete Schweizerinnen nicht berufstätig seien, postulierte sie – indirekt natürlich – die Fremdbetreuung von Kindern, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern.

    Zwar bin ich mit der Verknüpfung von Zuwanderung und Frauenfrage insgesamt nicht ganz einverstanden (siehe mein Blog vom 6. Mai 2012), doch bin ich sehr erfreut, dass insgesamt heute deutlich mehr Rationalität in der Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und damit der Betreuungsfrage festzustellen ist. Blickt man jedoch etwas genauer hin, dann scheinen doch einige Mütter und Väter mit ihren Gefühlen in Konflikt zu geraten.

    Zum Einen höre ich immer wieder von berufstätigen Familienfrauen und -männern, dass man heute gar nicht mehr ‚in' sei, wenn nicht beide Elternteile arbeiten würden. Das kann dann bisweilen so weit gehen, dass Eltern krampfhaft nach Betreuungsmöglichkeiten suchen, innerlich aber gar nicht hinter ihrer Strategie stehen können. Mütter – aber auch Väter – getrauen sich in solchen Situationen oft kaum mehr, auf ihre eigenen Gefühle zu hören. Würden sie dies tun, dann würden sie – möglicherweise – spüren, was ihr Kind wirklich braucht. Vielleicht eine andere Betreuungssituation, vielleicht weniger Tage in der Krippe, vielleicht am Morgen etwas länger mit den Eltern kuscheln?

    Sicher ist, dass man als Mütter und Väter sehr intensive Gefühle gegenüber dem Kind in einer Trennungssituation hat, Gefühle, die einen leicht trügen, aber auch verunsichern. Ich erinnere mich sehr gut an die Zeit, als ich unsere Kinder zweimal pro Woche in die Krippe brachte und ich mich dann aus lauter Trennungsschmerz kaum auf meine Arbeit konzentrieren konnte. Selbstverständlich ist es gut, dass Eltern heute der Gefühlskonfusion häufig besser ausweichen können als dies bei uns vor 20 Jahren der Fall war. Aber trotzdem werde ich den Eindruck nicht los, dass manche Eltern das Krippenleben auch schönreden, obwohl sie ungute Gefühle haben und dies über längere Zeit.

    Das Fazit ist aber keinesfalls, Fremdbetreuung zu verteufeln oder einfach nur die Qualität der Krippen anzuprangern. Vielmehr müssten Eltern meines Erachtens genauer hinschauen – und auch die Kitas, die Tagesfamilien, die Nannies etc. selbst. Die Hauptfrage müsste sein: Was ist gut für das Kind und was ist auch gut für seine Eltern? Die falsche Strategie ist es, das Kind so umzudefinieren, dass es in die gewählte Betreuungssituation passt.

    Und vielleicht – aber dies ist ein unpopulärer Gedanke – könnte sich eine junge Familie auch überlegen, ob es besser wäre für eine gewisse Zeit – vielleicht sind es nur ein paar Monate – zu überlegen, ob Kind und Karriere hinausgeschoben werden sollten...

     

     

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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