Erziehung

  • Eine Replik auf das Interview in der NZZ vom 4.11.2013 zu "Das Baby gehört zu seinen Eltern" mit Rainer Böhm

    Für mehr als zwei Drittel der Kleinkinder in der Schweiz ist Fremdbetreuung ein Teil ihres Lebens. Als wichtige Errungenschaft ermöglicht sie Müttern und Vätern, Kindererziehung und Berufstätigkeit zu vereinbaren. Trotzdem machen sich viele Eltern Sorgen über die Auswirkungen, aber die wenigsten getrauen sich, offen darüber zu sprechen. Was bedeutet es, wenn der Zweijährige jeden Morgen weint, wenn er in die Krippe muss? Ist es schlimm, wenn das Kita-Personal immer wieder wechselt? 

    Es versteht sich deshalb von selbst, dass Medienberichte hierzu ein grosses Echo auslösen und die Meinungen zu den Auswirkungen von Fremdbetreuung mehr als nur gespalten sind. Das neueste Beispiel ist in derNZZ (04.11.2013, S. 44) nachzulesen. Während der Artikel von Beat Grossrieder «Der Staat als Gouvernante» (http://www.nzz.ch/wissenschaft/bildung/der-staat--die-gouvernante-1.18178625) differenziert ist, sind gewisse Antworten des Kinder- und Jugendarztes Rainer Böhm «Ein Baby gehört zu seinen Eltern»;http://www.nzz.ch/wissenschaft/bildung/ein-baby-gehoert-zu-seinen-eltern-1.18178627)meines Erachtens (zu) einseitig. Sie machen Glauben, die Forschung unterstütze ganz klar, dass Kinder unter zwei Jahren nicht in die Kita sollten.

    Leider führen solche Antworten dazu, dass die Debatte noch emotionaler und polemischer geführt wird als sie schon ist, derweil wissenschaftliche Erkenntnisse nur soweit zur Kenntnis genommen werden, wie sie in die eigene Ideologie passen. Herzstück der Auseinandersetzung sind dabei Behauptungen, wonach Krippenkinder aggressiver seien, Krippen nicht so gut sind, wie sie sein könnten und dass Kleinkinder bis zwei Jahren deshalb zu Hause betreut werden sollten.

    Ist die Krippe tatsächlich schädlich? Hierzu gibt es eine grosse Anzahl an Untersuchungen, die tendenziell sowohl ein Ja als auch ein Nein zulassen. Es gibt zwei Lager in der Forschung: Während beide in Bezug auf die intellektuelle Entwicklung zum gleichen Schluss kommen – dass sich fremdbetreute Kinder mindestens ebenso gut oder besser entwickeln als ausschliesslich zu Hause betreute – unterscheiden sie sich im Hinblick auf das Sozialverhalten. 

    Das eine Lager konstatiert, dass Krippenkinder in der Schule sozial kompetenter, selbstbewusster und durchsetzungsfähiger sind, sich weniger zaghaft verhalten und insgesamt kooperativer sind. Das andere Lager – und zu diesem gehört der oft zitierte Londoner Kinderpsychologe Jay Belsky – berichtet von Verhaltensschwierigkeiten und Bindungsstörungen. Demnach können Krippenkinder auch unhöflicher, ungestümer, gereizter und aggressiver werden.

    Relativ eindeutig sind die Erkenntnisse im Hinblick auf die Frage des Betreuungsumfangs. Demnach profitieren Kinder am meisten vom Kita-Besuch, wenn ein zu hoher Betreuungsumfang in den ersten zwei bis drei Lebensjahren vermieden wird. Als besonders ungünstig erweisen sich dabei instabile Betreuungsmuster, d.h., wenn Erzieherinnen in Kitas häufig wechseln. Inwiefern kleine Kinder tatsächlich vom Kita-Besuch profitieren, hängt in hohem Mass von den Beziehungen ab, welche die Erzieherinnen und Erzieher zu den Kindern aufbauen, damit sie zu einer Bezugsperson für das Kind werden können. Wenn jedoch diese Beziehungsqualität nicht stimmt, dann kann eine Kita tatsächlich negative Auswirkungen haben.

    Heute wissen wir zudem, dass qualitativ gute Kitas gerade für bildungsbenachteiligte Kinder und ihre Familien langfristig gesehen grosse und positive Effekte auf die kindliche Entwicklung haben können. Aber auch hier gilt selbstverständlich, dass der Betreuungsumfang moderat sein muss. Problematisch ist allerdings die Tatsache, dass solche Kinder oft gar keine Kita besuchen, weshalb sie auch nicht davon profitieren können. Deshalb können wir heute nicht davon ausgehen, dass frühe Förderung in Kitas kompensatorisch – d.h. chancenausgleichend – wirken kann.

    Zusammengenommen schadet die Krippe dem Kleinkind nicht, aber sie kann ein Risiko sein – nicht mehr und nicht weniger. Kinder, die sicher an ihre Eltern gebunden sind, ein Urvertrauen entwickelt haben und sorgfältig eingewöhnt wurden, leiden kaum an einer zeitweiligen, d.h. moderaten, Abwesenheit der Eltern. Wenn die ausserhäusliche Betreuung qualitativ gut ist und nicht zu häufig wechselt, dann können Kleinkinder – auch unter Zweijährige – von ihr profitieren. Und dann fühlen sie sich mit Sicherheit in der Kita auch wohl.

     

  • «Mein Sohn Damian ist mein bester Freund.» Dies war die Antwort von Sylvie Meis (ehemals van der Vaart) in der deutschen BILD-Zeitung auf die Frage, was ihr denn in der schweren Zeit nach der Trennung von ihrem Ehemann, dem Profi-Fussballer Rafael van der Vaart, Kraft gäbe. Sylvie Meis hat damit vielen aus dem Herzen gesprochen: Partner kommen und gehen, das jedoch Kind bleibt. Deshalb setzen viele Eltern auf eine partnerschaftliche Erziehung. 

    Ist dies nicht eine optimale Errungenschaft unserer modernen Gesellschaft? Ausdruck dessen, dass es unseren Kindern besser denn je geht und dass sie nicht mehr unterdrückt werden? Tatsächlich mangelt es vielen von ihnen an kaum etwas: Kinder haben Rechte und gelten als selbstbestimmte Persönlichkeiten. Sie werden geliebt und Tag und Nacht von umsichtigen Vätern und Müttern umsorgt. Kinder entscheiden mit, sei es in der Familie, in der Schule oder in der Freizeit.

    In der Tat sind das Aspekte einer positiven pädagogischen und gesellschaftlichen Entwicklung. Keiner von uns möchte zur so genannten«schwarzen Pädagogik» zurück. Zum Beispiel zum Struwwelpeter, mit dem uns unsere Eltern drohten oder zum Teppichklopfer als Mahnmal elterlicher Autorität. Doch der Trend zum partnerschaftlichen Erziehungsstil ist trotzdem aus mindestens zwei Gründen hoch problematisch

    • Weil eine solche Erziehung die Tendenz hat, die Kindheit abzuschaffen. Väter und Mütter, welche den Nachwuchs als «Freunde» betrachten, formen ihn bereits im Babyalter immer mehr zu kleinen, partnerschaftlichen Erwachsenen. Schon kleine Mädchen und Knaben halten sich heute in Nobelrestaurants ganz selbstverständlich auf, gehen mit zur Eltern-Tanzstunde oder fliegen schon mal als Fünfjährige alleine nach New York. Eltern sind stolz auf ihre frühreifen kleinen Könige.
    • Weil damit eine massive Überforderung der Kinder einhergeht. Sie werden in eine Rolle gedrängt, die sie gar nicht erfüllen können. Denn Kinder werden nicht als fertig entwickelte Wesen – oder gar als kleine Persönlichkeiten – geboren. Deshalb meint «Er-Ziehung» auch eine von Erziehungsnormen geleitete Einübung in all die Kompetenzen, welche unsere Kultur bei mündigen Bürgern voraussetzt.

    Das partnerschaftliche Erziehungsmodell ist deshalb das ungeeignetste Mittel überhaupt. Eltern, die ihrem Kind ab Geburt Autonomie und unbegrenzte Selbstverwirklichung zugestehen, die es schon mit drei Jahren selbst entscheiden lassen, was gut für es ist und die sogar Erwachsenenthemen (oder Partnerprobleme) mit ihm besprechen, identifizieren sich zu stark mit ihm. Erziehung verlangt Distanz und bewusste Abgrenzung. Dies hat nichts mit autoritärer Erziehung zu tun, sondern mit der Schaffung des notwendigen Fundaments, welches das Kind für eine gesunde psychische Entwicklung. Braucht.

    Viele Eltern unterliegen dem Irrglauben, ihr Kind würde sich von selbst gut entwickeln, wenn es ihm materiell gut geht und es partnerschaftlich auf Augenhöhe erzogen werde. Leider ist diese Vorstellung falsch. Es braucht Eltern, die sich vom Kind abgrenzen und sich als Erziehende verstehen. Nur auf diese Weise können sie ihm zeigen, wie man emotionale, charakterliche, soziale, intellektuelle und lebenspraktische Kompetenzen erwirbt. Hierzu sind Regeln und Strukturen nötig, die den Kindern abverlangt und mit ihnen immer wieder eingeübt werden. Dazu gehören alltägliche Abläufe – etwa, dass und wie man sich alleine anziehen lernt, den Tisch abräumt, ein Bettritual einhält, den Schulsack packt. Dazu gehört aber auch, wie man lernt stillzusitzen, zuzuhören, zu warten, bis man etwas bekommt oder zu lernen, sich für etwas anzustrengen. Die psychischen Voraussetzungen für erfolgreiches schulisches Lernen, also eine adäquate Lernhaltung zu erwerben, müssen im Elternhaus eingeübt werden und nicht in der Kita, im Kindergarten oder gar in der Schule. Aber dies kann aber nicht durch einen partnerschaftlichen Erziehungsstil geschehen.

    Selbstverständlich wollen die meisten Eltern das Beste für ihr Kind. Aber sie sind sich oft kaum bewusst, dass sie mit ihrem partnerschaftlichen Erziehungsstil ihr Kind wie einen kleinen König behandeln, um den sich die ganze Welt dreht. Logischerweise ist es für solche Kinder spätestens beim Kindergarteneintritt selbstverständlich, dass sie nicht nur die Familie, sondern auch die ganze Welt steuern können. Es verwundert somit kaum, wenn sie gegen alles rebellieren, dauernd schlecht gelaunt sind und nichts gut finden. In einer solchen Situation bringen auch Erklärungs- und Aushandlungsversuche der Eltern wenig. Die Psyche solcher Kinder ist in einem dauernden Überforderungszustand.

    Partnerschaftliche Erziehung überfordert auch die Eltern: Denn immer mehr Energie aufbringen zu müssen und sich dabei förmlich zu zerreissen, um das Kind zufrieden zu sehen, sprengt die elterlichen Kapazitäten. Deshalb tendieren solche Eltern oft dazu, das Verhalten des Sprösslings als krank zu empfinden und nach entsprechenden Symptomen zu suchen. Dies erklärt sich unter anderem durch die auffallende Häufung von Störungen wie ADHS, Dyskalkulie oder Legasthenie. Ein Gang zum Experten dient dann als hilfreiche Bestätigung der bereits selbst gestellten Diagnose. Und wenn dieser Experte ihre Vorschläge nicht goutiert, wird er eben ausgewechselt – bis einer gefunden ist, der die eigene Vorstellung teilt.

    Für partnerschaftlich erzogene Kinder setzt sich dieser Teufelskreis in der Schule fort: Beschwert sich die Lehrkraft beispielsweise über das unangepasste oder vorlaute Verhalten des Kindes, empfinden die Eltern diese Lehrkraft schnell einmal als reaktionär und reagieren mit einer Klage oder gar einem Rekurs bei der Schulleitung. Damit jedoch schaden sie sich selbst. Denn der einzige Weg, vom überfordernden partnerschaftlichen Erziehungsstil wegzukommen wäre, den Blick auf den eigenen Umgang mit ihm dem Kind zu richten und einzusehen, dass es kaum die partnerschaftlichen Erziehungsstrukturen sind, welche Ordnung bieten und den überfordernden Druck vom Kind nehmen.

    Was könnte man tun, um den partnerschaftlichen Erziehungsstil zu überwinden? Sicher nicht, indem man Kinder einfach strenger erzieht oder wieder mehr Autorität einführt. Vielmehr sollten Eltern ein Bewusstsein entwickeln, sich anders zu verhalten: als eigenständige Erwachsene, die ihrem Kind zwar Herzenswärme und Liebe schenken, seine Autonomie in kleinen Schritten entwickeln helfen, insgesamt jedoch klare Regeln und Normen setzen und diese immer wieder mit ihm einüben.

    Auf einer solchen Grundlage kann die Partnerschaftlichkeit gut etwas warten. Ab der Pubertät ist sie dann jedoch  sehr wichtig. Das zeigt: Auch Erziehung ist Entwicklung. Eltern müssen bereit werden, sich in ihrem Erziehungsstil zu verändern. Kleine Kinder brauchen eine andere Führung der Eltern als grössere Kinder.

  • Mütter mit kleinen Kindern sind mit ihren Karriere- und Erziehungsaspirationen oft auf Kollisionskurs. Sie finden sich gefangen in den Widersprüchen zwischen den Idealen der erfolgreichen berufstätigen Frau und der guten Mutter. Je mehr sie versuchen, ideale Mütter zu sein, desto geringer ist die Zeit, sich auf den Beruf zu konzentrieren. Und je mehr sie versuchen, den beruflichen Ansprüchen gerecht zu werden, desto weniger können sie sich ihrem Nachwuchs widmen. Der Feminismus meiner Generation hat ihnen zwar in Schule und Beruf Türen geöffnet, aber sie nicht darin unterstützt, eine Balance zu finden zwischen Karriere und Familie. Dies ist ein Grund, weshalb die Ideologie der guten Mutter heute wieder so wirksam ist.

    Was steckt hinter diesem Phänomen? Unsere beiden Studien FRANZ* und TARZAN* erlauben einige, vorerst explorative Antworten. In erster Linie ist es ein fundamentales und umfassendes Verantwortungsgefühl vieler Mütter für alles, was mit dem Nachwuchs und seiner Erziehung zu tun hat. Dieses Verantwortungsgefühl schreiben sie sich alleine zu und nicht auch dem Partner. Dabei geht es weit mehr als um die Sorge für die körperliche Sicherheit und das emotionale Wohlbefinden. Es geht auch darum, dass sich das Kind besonders gut entwickelt. Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass sich Mütter immer wieder fragen, was wohl das Beste für das Kind ist und ob es tatsächlich die richtige Förderung bekommt.

    Weshalb haben emanzipierte Mütter derartige Verantwortungsgefühle? Vier Gründe dürften dafür verantwortlich sein: (1) die gesellschaftlichen Vorbehalte gegenüber Fremdbetreuung; (2) der Slogan «Bildung beginnt bei der Geburt»; (3) die Hypothese des perfekten Kindes und (4) Mütter im Wettbewerb mit anderen Müttern.

    (1) Die gesellschaftlichen Vorbehalte gegenüber Fremdbetreuung

    In der Erziehung dominiert heute ein absolut kindzentrierter Ansatz, der von Müttern uneingeschränktes und emotional absorbierendes Engagement sowie arbeitsintensive Betreuung, Pflege und Förderung erfordert. Die Erwartungen an Mütter sind in den letzten 20 Jahren enorm gestiegen. Gespiesen werden sie in erster Linie durch die vielen Expertenmeinungen zur Bedeutung der Mutter-Kind-Bindung, genauer: zur Mutterpräsenz. Dabei hat die NICHD-Studie** eine wichtige, aber zugleich sehr problematische Rolle gespielt. Unter anderemuntersuchte sie die Auswirkungen verschiedener Formen familienergänzender Betreuungsangebote (Kitas, Tagesfamilien, Nannys, Verwandte etc.) auf die kindliche Entwicklung und die Rolle der abwesenden Mutter. Obwohl die Studienergebnisse gemischt waren und sich vor allem die Qualität der Kinderbetreuung als zentrales Kriterium für die kindliche Entwicklung erwies, wurde in den Medien ganz anders berichtet. Die Botschaft war vor allem die,dass fremdbetreute KinderVerhaltensschwierigkeiten und Bindungsstörungen entwickeln würden und in der Schule mehr Probleme hätten. Dies hat hierzulande dazu geführt, dass sich berufstätige Frauenoft – nicht selten auch von der Verwandtschaft oder von Arbeitskollegen – Vorwürfe gefallen lassen müssen, sie seien Rabenmütter und die Ursache dafür, wenn sich ihr Nachwuchs nicht wie gewünscht entwickle. Es versteht sich deshalb von selbst, dass Frauen versuchen, gute Mütter zu sein und trotz Erwerbstätigkeit zu jeder Zeit für die Kinder da zu sein.

    (2) Der Slogan «Bildung beginnt bei der Geburt»

    In der gleichen Zeit wurde der Mythos geboren, wonach «Bildung bei der Geburt» beginne. Ausgehend vonder Ansicht, wonach das Gehirn seine neuronalen Bahnen in den ersten drei Lebensjahren aufbaut, proklamierten viele Fachexperten, dass die kognitive Entwicklung vollkommen von der elterlichen Stimulation in dieser Periode abhänge.Dahinter verbirgt sich die Philosophie, dass Kinder nahezu alles lernen können, wenn es nur gut arrangiert ist. Schon für die Allerkleinsten gibt es heute Lern-DVDs mit vielversprechenden Namen wie «Baby-Einstein» oder «Baby-Van Gogh».Die riesige Industrie an Frühförderprogrammen und -beratungen suggeriert Müttern, sie seien selber schuld, wenn sie solche Angebote nicht nutzen und ihr Kind schon beim Schuleintritt hinter die anderen Kinder zurückfalle. Zwar haben viele Neurologen versucht, solche falschen Schlüsse zur elterlichen Stimulation zu neutralisieren und zu betonen, dass kleine Kinder, die in «normalen» Familien aufwachsen, keine spezielle Förderung brauchen. Nur ganz besonders vernachlässigte Kinder profitieren explizit davon. Dieses an sich beruhigende Korrektiv ist jedoch von Medien und Erziehungsratgebern weit seltener aufgenommen worden. Viele Mütter verstehen sich deshalb nach wie vor als erste und unabdingbare Förderinstanzen.

    (3) Die Hypothese des perfekten Kindes

    Natürlich ist es nachvollziehbar, dass Mütter besorgt sind, etwas durch Unterlassung falsch machen und dem Kind dadurch schaden zu können. Denn es ist nicht nur die Hirnforschung, welche ihnen Angst einjagt, sondern es sind gleichzeitig auch Aussagen von Experten, dass Eltern ihren Sprössling zu einem perfekten Kind erziehen können. So steht in vielen Ratgebern, dass Mütter und Väter ihre Kinder gescheiter machen könnten als sie dies jetzt tun. Und vom Neurologen Gerald Hüther stammt der Satz: «Jedes Kind ist hochbegabt.»*** Logischerweise üben solche Statements einen grossen Druck gerade auf Mütter aus, weil sie die Kindererziehung als ihren Verantwortungsbereich erachten und nichts übersehen wollen. «Können» wird vor diesem Hintergrund für sie schnell zu einem «müssen».

    (4) Mütter im Wettbewerb mit anderen Müttern

    Mutterschaft ist zu einem Wettbewerb geworden. Von jeder Familie wird erwartet, dass sie eine «verantwortete Elternschaft» betreibt.Damit ist gemeint, dass man keine Kinder in die Welt setzen soll, wenn man nicht in der Lage ist, sie gut zu erziehen, zu fördern und zu bilden und dabei alle ihre Bedürfnisse und Interessen in den Mittelpunkt zu stellen.Für Mütter bedeutet dies, dass sie ihr Kind nicht nur lieben, es betreuen und fördern, sondern aus ihm auch einerfolgreiches Kind machen sollen. Denn erfolgreiche Kinder gelten als das Produkt der Mütter, welche ihren «Auftrag» ernst nehmen, auch dann, wenn sie berufstätig sind. Dieser Druck hat zur Folge, dass Frauen heute sehr genau hinschauen, was die Nachbarn für ihre Kinder tun, die Freunde oder die Kollegin am Arbeitsplatz. Der Soziologe Georg Simmel sagt, dass soziale Nachbarn als Vergleichsmassstab für die Art und Weise dienen, wie sich der Nachwuchs entwickelt, wie erfolgreich er ist und was er schon kann, aber auch, was aus ihm werden soll. Solche Vergleiche gründen in den Sorgen vieler Frauen vor dem Gedanken, ihr Kind könne etwas nicht, das von ihm erwartet wird und das es gegenüber anderen Kindern aus ähnlich situierten Familien auszeichnen würde.

    Fazit: Je mehr unsere Gesellschaft Erfolg und Versagen den Müttern zuschreibt und dabei mit Angstszenarien argumentiert, desto grösser werden ihre Verantwortungs- und Schuldgefühle. Eine solche Einschüchterungskultur setzt auch an sich normale Mütter unter Dauerdruck und Dauerstress, so dass auch sie nur ein Ziel haben: alles fürs Kind zu tun und dabei keine Fehler zu machen, also perfekt zu sein. Davon handelt mein Buch, das am Donnerstag, den 17. März 2016 bei Piper**** erscheint.

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    *margritstamm.ch -> Forschung -> Publikationen -> Dossiers

    **NICHD Early Child Care Research Network (2001). Nonmaternal care and family factors in early development: An overview of the NICHD Study of Early Child Care. Journal of Applied Developmental Psychology 22, 457-492.

    ***Hüther, G. & Hauser, U. (2013). Jedes Kind ist hochbegabt. Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen. München: Knaus.

    ****Stamm, M. (2016). Lasst die Kinder los! Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. München: Piper.

  • Haben Sie Kinder, die noch Masern oder Mumpf gehabt haben oder gehörten Sie selbst einmal zu diesen kleinen Patienten? Dann können Sie sich glücklich schätzen, dass Sie noch wissen, was eine "richtige" Kinderkrankheit ist. Heute heissen sie Wahrnehmungs-, Entwicklungs- oder Sprachstörung.

    Die neusten Studien, die ich letzte Woche zu Gesicht bekommen habe, zeigen, dass mindestens 60% der Kinder im Primarschulalter bereits eine Therapie hinter sich haben. Etwa ein Drittel der Sechsjährigen gehen in eine Sprach-, Ergo- oder andere Therapie. Dann kommt noch die ADHS-Diagnose dazu, die heute ca. 5% der Kinder betrifft. Mindestens eins von zehn Kindern war schon in psychotherapeutischer Behandlung, und mehr als 10% leiden an Schul- und Prüfungsangst. Tendenz steigend. Man mag zwar einwenden, dass es doch ein unglaublicher Fortschritt ist, wenn man heute solche differenzierten Diagnosen stellen und all die Störungen therapieren kann. Das stimmt sicher teilweise, doch fragt sich, ob es nicht einfach der zunehmende Leistungsdruck der Schule ist, welcher dieses Phänomen verantwortet.

    Dieser ist meines Erachtens jedoch nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist die, dass heutige Eltern eine maximale Erwartungshaltung an ihre Kinder und auch Ärzte eine gewisse Sucht für die Diagnose entwickelt haben. Die Suche nach kindlichen Defekten ist übermächtig geworden – obwohl die ganze Welt von Ressourcenorientierung spricht. Die Kinder selbst haben sich in den letzten Jahren nur wenig verändert. Verändert hat sich vor allem unsere Vorstellung darüber, was ‚normal‘ ist. Dass diese sehr eng ist, zeigt sich daran, dass jegliche Variation der Norm sogleich als pathologisch erklärt wird. Eltern wollen sie sogleich behoben haben. Sie bringen ihr Kind zum Spezialisten so wie das Auto in die Garage zum Service.

    Ein Grundproblem sind die vielen Abklärungstests. Sie beginnen schon bald, nachdem die Schwangerschaft festgestellt worden ist. Nackenfaltenmessung, Fruchtwasserpunktion, monatliche Ultraschalluntersuchungen – vor zwanzig Jahren waren sie nur bei Risikoschwangerschaften angesagt. Heute, so heisst es, seien sie bei allen Kindern nötig, um ganz sicher zu sein, dass alles gut kommt. Ganz sicher?

    Sicher nicht, denn erstens weiss die Medizin zur Genüge, dass man sehr schnell eine Störung mit einem Test finden kann, wenn man auf etwas Bestimmtes fokussiert. Haben Sie beispielsweise schon einmal einen ADHS-Fragebogen angeschaut? Wenn ich an unsere Kinder zurückdenke und ihn ausfülle, dann hätten beide unserer Kinder ein ADHS gehabt.

    Leider läuft auch Vieles mit der so genannten Sprachförderung schief. Obwohl sie grundsätzlich sehr notwendig ist, um Kinder gut auf den Schuleintritt vorzubereiten, hat diese Entwicklung zu einer Heerschar an Instrumenten zur ‚Sprachstandsfeststellung‘ geführt, die vor allem den Nachweis liefern, dass Kinder ‚Therapiebedarf‘ haben und dann etikettiert werden. So wird beispielsweise kaum unterschieden, ob ein Kind lediglich einen Entwicklungsrückstand hat und deshalb einer temporären Förderung bedarf oder ob es sich um eine Störung handelt, welche eine Therapie erforderlich macht.

    Wie die beiden Kinderärzte Thomas Baumann und Romedius Alber schreiben, löst jede Diagnose etwas aus – und fast immer etwas Negatives. Die Suche nach dem defekten Kind hat deshalb vor allem dazu geführt, dass unser System heute mehr kranke als gesunde Kinder produziert. Müsste uns dies nicht mehr zu denken geben?



     

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    Verantwortungsvolle Elternschaft wird mit der Pflicht gleichgesetzt, die Kinder dauernd zu überwachen. Dies ist jedoch eine spezifisch deutschsprachige und anglo-amerikanische Idee, denn in vielen anderen Gesellschaften geniessen Kinder weit mehr Freiheiten, sich alleine oder zumindest selbstverantwortlich in der Aussenwelt zu bewegen. Dabei ist unsere Angst um die kindliche Sicherheit auf einem beispiellosen und fast schon schizophrenen Niveau angelangt. Unfälle – ein aufgeschürftes Knie, ein Sturz vom Velo oder vom Dreirad – aber auch vielleicht eine Magenverstimmung, weil etwas nicht ganz Sauberes gegessen worden ist – gelten zunehmend als absolute Gefahren, die unter allen Umständen vermieden werden sollen.

    Solche Überzeugungen sind eine grosse Belastung für unsere Kinder, weil sie zur Folge haben, dass sie ihre Selbstständigkeit und Persönlichkeit nicht entwickeln können. Und für die Eltern, weil sie ein Leben in dauernder Aufmerksamkeit führen müssen. Weshalb betrachtet unsere Gesellschaft die Kinder ausschliesslich durch eine Risikobrille?

    Paradoxerweise wissen viele Eltern um die Problematik dieser Risikoscheuheit. Ich habe mit einigen Vätern und Müttern gesprochen, die erkennen, dass die Erfahrungen ihrer Kinder nichts mehr mit ihrer eigenen Kindheit zu tun haben und dass heutige Kindheit in vielerlei Beziehung wenig frei ist: Auch in den Medien liest man zunehmend, dass kleine Kinder heute zu sehr in Watte gepackt werden. Tatsächlich ist vor übertriebenem Schutz, unverhältnismässigen Sicherheitsvorkehrungen und überbordender Geborgenheit zu warnen. Jedes Kind hat ein Recht auf eigene blaue Flecken. Nicht jede Gefahr muss aus dem Weg geräumt und jede Ecke abgerundet werden.

    Die Erkenntnis, dass Risikoscheuheit schädliche Auswirkungen auf die Qualität des Aufwachsens und die Entwicklung der Kinder hat, ist somit eine wichtige und eine überfällige. Trotzdem trägt unsere Gesellschaft – und oft vor allem auch selbst ernannte Experten – massgeblich dazu bei, ein Klima der Angst zu schüren. Ein Beispiel, das mir eine Mutter erzählt hat, illustriert dies sehr gut.

    «Ich war auf dem Heimweg durch einen Park mit meinen beiden Kindern, dem dreijährigen Sohn und der fünfjährigen Tochter. Weil sie unbedingt vorausgehen wollte und ich wusste, dass sie ein vernünftiges Kind ist, liess ich sie. Aber ich sagte ihr, sie solle beim Tor, das in der Nähe der Strasse ist, warten. Bis ich mit meinem Dreijährigen dort war, hatte ich etwa drei Minuten. Wie erwartet, stand meine Tochter neben dem Tor und wartete auf uns. Aber es stand auch eine ganze Anzahl Menschen um sie herum. Ich musste viele kritischen Kommentare anhören, und eine Frau nannte mich gar eine durch und durch verantwortungslose Mutter.»

    Obwohl viele Eltern spüren, dass sie ihrem Kind mehr zutrauen sollten, verhindern gerade solche Beispiele, dass sie es auch tatsächlich tun. Dazu kommt eine moralische Panik, die in den letzten Jahren enorm zugenommen hat. Die Angst vor Unfällen, vor Verbrechen oder vor Kindsmissbrauch hat dazu geführt, dass Eltern ihre Kinder nicht allein zur Schule laufen lassen, sondern sie fahren oder sie begleiten. Wir haben in unserer Nähe einen schönen Kinderspielplatz mit vielen Möglichkeiten zum Herumtollen, mit Büschen und Hecken, mit Bäumen und Pflanzen – mit all dem, was Kinder zum Herumtollen brauchen. Das Einzige, was diesem Platz fehlt, sind Kinder. Sogar an schönen Sommertagen ist er oft leer, oder dann kann man Eltern mit ihren Kindern sehen, welche sie genau überwachen.

    Die Besessenheit unserer Gesellschaft um die Sicherheit der Kinder ist wahrscheinlich schädlicher als es die Risiken sind, denen sie täglich ausgesetzt sind. Kinder können sich von Unfällen schnell erholen. Und sie können sehr gut auch Misserfolge überwinden und Fehler ertragen – wenn sie in einer liebevollen und wertschätzenden Umgebung aufwachsen. Wenn Eltern allerdings ihre Kinder in ihrer Risikoscheuheit ersticken und ihren Erkundungs- und Freiheitsradius einengen, dann machen sie ihre Kinder glauben, dass Gefahren den natürlichen Status des Aufwachsens darstellen.

    Das Kind in bestimmten Momenten loslassen zu können ist immer schwierig für Eltern. Aber die Befreiung des Kindes von der elterlichen Risikobesessenheit ist zentral für seine gute Entwicklung.

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    erschienen in: Nordwestschweiz, 4.01.2014, S. 2

     

    Kürzlich habe ich ein kleines Mädchen beobachtet, wie es behutsam und hoch konzentriert über ein etwa ein Meter hohes Mäuerchen balancierte. Aufgeschreckt wurde es durch eine sich überschlagende Stimme: «Pass sofort auf!» Das Mädchen erstarrte und sein Blick zeigte, dass es nicht mehr in der Lage war, einen einzigen Schritt weiterzugehen. In seinem Gesicht spiegelte sich die Angst – die Angst seiner Mutter, die es auch sofort von der Mauer herunterholte.

    Dieses Beispiel steht stellvertretend dafür, wie risikoscheu heutige Kinder aufwachsen müssen. Zugegebenermassen hat die Mutter mit ihrem Eingreifen möglicherweise ein paar blaue Flecken verhindert. Aber sie hat auch verhindert, dass für ihre Tochter das Spiel mit dem selbst gewählten Risiko zum Erfolg werden konnte. Das Mädchen hätte auf diese Weise Grenzen überwinden und auch seine Angst besiegen können. Kleine Kinder entwickeln auf diese Weise Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Sie lernen, Situationen richtig einzuschätzen und Sicherheit und Selbstbewusstsein zu gewinnen.

    In unserer Gesellschaft hat sich eine beispiellose Sicherheitskultur durchgesetzt. So besehen hat die Mutter ‚richtig‘ gehandelt. Von verantwortungsvollen Eltern wird erwartet, dass sie ihre Kinder dauernd überwachen und vor jeder möglichen und unmöglichen Gefahr schützen. Deshalb trifft man auf ganz normalen Spielplätzen immer mehr auf Kinder, die auf Geheiss ihrer Eltern einen Velohelm tragen. Ein aufgeschürftes Knie, ein Sturz vom Velo oder Dreirad, aber vielleicht auch eine Magenverstimmung, weil der Nachwuchs etwas nicht ganz Sauberes gegessen hat, gelten zunehmend als absolute Gefahren, die unter allen Umständen vermieden werden sollen.

    Ein anderes Beispiel ist die Tatsache, dass Eltern ihre Kinder zunehmend per Auto zur Schule fahren. Es gibt sogar Schulen, die «Elternhaltezonen» einrichten, damit die Kinder sicher ein- und aussteigen können. Dieses Eltern-Taxi-Phänomen gründet in der Angst, dem Nachwuchs könnte etwas passieren. In vielen Köpfen von Vätern und Müttern ist der pädophile Kidnapper allgegenwärtig, so dass sie in ihrer Angst in einem permanenten Katastrophenmodus leben. Vielen Taxi-Eltern fehlt deshalb ein objektiver Blick auf tatsächliche Gefahren und Risiken.  

    Weshalb fürchten wir uns so sehr um unsere kleinen Kinder? Weil sich das Bild vom Kind in den letzten zwanzig, dreissig Jahren stark gewandelt hat. Galten Kinder noch in den siebziger Jahren als robust und belastbar und das Risiko als positiv, so überwiegt heute die Vorstellung, Kinder seien gefährdet und zerbrechlich. Deshalb müssten sie von Anfang an vor Schäden jeglicher Art beschützt werden.

    Selbstverständlich will ich die Tendenz zur Sicherheitsmaximierung unserer Gesellschaft nicht generell kritisieren. Es gilt, zwischen echter Gefahr und Risiko zu unterscheiden. Vor Gefahren müssen wir unsere Kinder schützen, weil sie diese möglicherweise noch gar nicht sehen oder einschätzen können. Dazu gehören Steckdosen oder giftige Beeren für Babys oder dicht befahrene Strassen für Kleinkinder. Ein Wagnis ist jedoch etwas anderes: beispielsweise das Mäuerchen, auf dem das Mädchen balancierte und das es als positive Herausforderung gesucht hatte. Oder für Knaben die ‚Kämpfli‘, weil sie das miteinder Rangeln als Wettbewerb so sehr lieben.

    Kindern, die in Watte gepackt werden, fehlt etwas ganz Entscheidendes: lernen zu können, wie man einen Erkundungs- und Freiheitsradius durch Handeln und Üben ausloten kann, wie man Grenzen und Hürden überwindet, um auf diese Weise über sich selbst hinaus wachsen zu können. Eltern, die mit ihrer Risikoscheu ihre Kinder ersticken, machen sie glauben, dass Aufwachsen generell gefährlich sei. Deshalb werden sich auch gut überwachte Kinder verletzen, weil sie nicht gelernt haben, mit Gefahren umzugehen.

    Unsere überbehütende Sicherheitskultur schadet den Kindern mehr als die Risiken, denen sie täglich ausgesetzt sind. Deshalb ist vor überdimensioniertem Schutz, unverhältnismässigen Sicherheitsvorkehrungen und übertriebener Geborgenheit zu warnen. Jedes Kind hat ein Recht auf blaue Flecken. Nicht jede Gefahr muss aus dem Weg geräumt und jede Tischkante abgerundet werden.

    Was kann man dagegen tun? Der erfolgreichste Weg ist der, bei sich selbst anzusetzen. Eltern – und manchmal auch Grosseltern – sollten mehr Mut und Gelassenheit entwickeln, öfters den gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Damit könnten sie ihrem Nachwuchs ein wenig der Freiheit zurückgeben, von der wir selbst als Kinder profitierten und die uns widerstandsfähig gemacht hat.

  • Kürzlich hatte ich einen Vortrag im Rahmen eines Elternbildungstages. Dabei waren auffallend viele Väter mit ihren Kleinkindern anwesend. Sie kümmerten sich ganz selbstverständlich um ihren Nachwuchs, so dass offensichtlich wurde: Diese Männer sind nicht nur Sonntagsväter. Das hat mir gefallen.

    Was mich zunächst beeindruckt, dann jedoch zunehmend irritiert hat, war das Wissen dieser Väter über Kindererziehung, sprich, über das, was offenbar gerade in den neusten Erziehungsratgebern steht und ‚in‘ ist. Über die vielen Erziehungs-, Einschlaf- und Durchschlaf-, Anti-Schreimethoden etc. wussten diese Väter insgesamt viel mehr als ich. Auf der Heimreise habe ich mich dann gefragt: Wieso sind eigentlich Erziehungsratgeber dermassen beliebt? Wieso verlassen sich heutige Eltern so sehr auf sie?

    Zunächst gibt es eine gewisse Ironie: Noch nie hat es ein so riesiges Angebot an Ratgebern gegeben, die es sogar auf die vorderen Plätze der Bestseller-Liste schaffen. Noch nie haben wir so viel über Kinder, Kindheit und Familie gewusst als heute. Aber auch noch nie zuvor haben Kinder offenbar so viele Probleme gehabt (oder gemacht) wie heute. Trotz der Flut an Ratgebern ist in den letzten Jahren jedoch keine neue Erziehungssicherheit entstanden, sondern eher das Gegenteil, nämlich eine verstärkte Unsicherheit. Wo liegt das Problem?

    Es liegt in erster Linie darin, dass Eltern solche Ratgeber verschlingen – häufig einen nach dem anderen – weil sie von der Angst getrieben sind, etwas falsch zu machen und ihrer Aufgabe vielleicht nicht mehr gewachsen sein könnten. Darüber hinaus konsultieren sie Logopädinnen, Ergotherapeuten und Psychologen, in der Hoffnung, es gäbe ein Geheimrezept, welches die Probleme mit dem Kind aus der Welt schaffen könnte.

    Selbstverständlich gibt es nichts gegen gute Ratgeber und Fachleute einzuwenden. Sie behandeln kindliche und familiäre Alltagsfragen zur Sauberkeitserziehung, zu Ess-, Schlaf- und Reinlichkeitsgewohnheiten, zu Entwicklungsstörungen, zum ersten Schultag oder zum Umgang mit Kindern in der Pubertät. Auf diese Weise werden Ratgeber und Experten zu Hilfserziehern, weil sie Eltern auch entlasten können, grosse und kleine Alltagsereignisse erzieherisch zu bewältigen.

    Problematisch an vielen Erziehungsratgebern ist aber, dass sie sich als Verheissung anbieten und den Eltern die Erziehung aus der Hand nehmen oder – und dies ist noch schwerwiegender – ihnen das Vertrauen in die eigene Fähigkeit rauben, die Kinder in einer richtigen Weise erziehen zu können. Verstärkt wird diese Wirkung dadurch, dass viele Ratgeber einen sehr mahnenden, sorgenden Tonfall haben und sich zudem häufig mit dem Etikett «von pädagogischen Fachleuten empfohlen», «pädagogisch erprobt» oder «wissenschaftlich getestet» schmücken. Auf diese Weise vermitteln sie den Eltern: «Wir verstehen von Erziehung viel mehr als Sie.»

    Erziehungsratgeber treten nicht selten an die Stelle des gesunden Menschenverstandes von Müttern und Vätern. Damit laufen sie jedoch Gefahr, ihre vielleicht wichtigste Erziehungskompetenz zu verlieren: die Intuition. Gemeint ist damit das ‚gefühlte Wissen’, das man häufig gar nicht erklären kann. Eltern hätten viel intuitives Wissen, aber es ist heute oft verschüttet.

    Konsultiert man Internetforen oder Briefkästen, so ist es immer wieder erstaunlich, wie viele Eltern einfach eine Beratung wollen, um zu wissen, was sie konkret in einer bestimmten Situation machen sollen. Welches wäre meine Antwort?

    • Erstens würde ich sie ermuntern, ihre Position als Eltern wieder einzunehmen, d.h. diejenige Position, die das Kind erzieht und entscheidet, was gut für es ist. Und ich würde ihnen raten, sich vor allem nicht an Bezugspunkten zu orientieren, die gar nicht die ihrigen sind.
    • Zweitens würde ich ihnen empfehlen, die Antwort des Schriftstellers D. H. Lawrence auf die Frage «Wie erziehe ich mein Kind?», zu Herzen zu nehmen: «Regel Nummer eins: Lass es in Ruhe. Regel Nummer zwei: Lass es in Ruhe. Regel Nummer drei: Lass es in Ruhe. Für den Anfang ist das genug.»
    • Und drittens würde ich ihnen das nicht ganz ernst gemeinte Buch «Leitfaden für faule Eltern» von Tom Hodgkinson empfehlen. In 19 Kapiteln wettert er über die Sinnlosigkeit von Familienausflügen, das Elend moderner Spielzeuge oder die Nutzlosigkeit von Fernsehern, aber er fordert auch gemeinsame Familienmahlzeiten, gute Manieren und Mithilfe der Kinder im Haushalt.

     

    Literatur

    Hodgkinson, T. (2009). Leitfaden für faule Eltern. Berlin: Rogner & Bernhard. 

  • Die Wogen gehen hoch, die Meinungen sind mehr als nur gespalten: der Familienartikel, über den am 3. März abgestimmt wird, scheidet die Geister. Verständlich, dass die Bürgerinnen und Bürger so viel Herzblut in dieses Thema stecken, geht es doch schliesslich um das Herzstück unserer Existenz: Partner kommen und gehen, das Kind bleibt. Und Kinder und ihre Familien sind die Zukunft unserer Gesellschaft. Es ist deshalb von zentraler Bedeutung, wie sich die Schweiz in der Familienpolitik positioniert.

    Was weiss die Forschung hierzu? Für die vorliegende Abstimmung sind vier Punkte besonders bedeutsam: erstens, dass die Familie für die Entwicklung eines Kindes die wichtigste Instanz darstellt, wie auch immer Familienformen und Organisationsstrukturen sind. Die Familie stellt somit die entscheidenden Weichen. Zweitens ist Fremdbetreuung für mehr als zwei Drittel der Kleinkinder in der Schweiz ein Teil ihres Lebens. Als wichtige Errungenschaft der Moderne ermöglicht sie Müttern und Vätern, Kindererziehung und Berufstätigkeit miteinander zu vereinbaren. Weil diese Vereinbarkeit teilweise viel Geld kostet, werden Kinder jedoch oft nicht nur in der teuren Krippe, sondern zusätzlich auch von Verwandten, Nachbarn oder Grosseltern betreut. Dieser Betreuungsmix erfordert von den Eltern allerdings ein oft anstrengendes Organisationsmanagement und vom Kind nicht selten eine hohe Stressresistenz. Drittens sind Geborgenheit und Nestwärme – zwei grundlegende Merkmale einer guten Bindung des Kindes an seine Eltern – nicht von der Anzahl Stunden, die sie miteinander verbringen, abhängig, sondern in erster Linie von der Qualität des Zusammenseins. Und viertens zeigen viele internationale Studien, dass in Ländern mit einer besonders erfolgreichen Familienpolitik der Staat eine starke Rolle inne hat, der Dezentralisierung jedoch ebenso grosse Bedeutung beigemessen wird.

    Im Familienartikel 115a, der den Titel «Familienpolitik» erhalten soll, spiegeln sich diese Erkenntnisse in den drei Absätzen. Gerade aus einer wissenschaftlichen Perspektive ist der Artikel für die Schweiz deshalb zukunftsträchtig, weil er neben dem ‚Vereinbarkeitsmodell' (Familie und Berufsarbeit sollen bedarfsgerechter unter einen Hut gebracht werden können) weiterhin auch das ‚Familienmodell' unterstützt, das den Müttern – sehr selten sind es Väter – erlaubt, über einen längeren Zeitraum kein Geld zu verdienen und sich ausschliesslich den Kindern zu widmen. In der Schweiz haben bisher gut 30% der Familien diese Lebensform und ungefähr 70% das Modell mit familienergänzender Betreuung gewählt. In unserer pluralistischen Gesellschaft müssten solche unterschiedlichen Auffassungen vom ‚richtigen Familienleben'eigentlich nebeneinander bestehen können. Blickt man auf den Abstimmungskampf, dann scheint dem aber kaum so zu sein: Da ist einerseits die politische Rechte, die besonders pointiert und mit teilweise fragwürdiger Werbung eine Mutter einfordert, die zu Hause bleibt, damit aus ihrem Kind kein ‚Staatskind' wird. Da sind andererseits aber ebenso Stimmen aus vielen politischen Lagern, die diejenigen Eltern, die sich für das Familienmodell entscheiden, schnell einmal als Bünzli oder Spiesser und als Inbegriff einer antifeministischen und antiliberalen Gesellschaft etikettieren.

    Ist es nicht absurd? Lange Zeit wurde beklagt, der Bund kümmere sich nicht um die Familienpolitik. Jetzt, wo ein aus wissenschaftlicher Sicht ausgereifter Artikel vorliegt, degradiert man ihn zur simplen Frage, ob man Familie und Beruf unter einen Hut bringe. Der Familienartikel verfolgt jedoch breitere Perspektiven. Gerade weil die Familie das biographische Zentrum des Kindes ist, jedes dritte Kind in der Schweiz jedoch nicht in eine Familie hineingeboren wird, die ihm gute Aufwachsbedingungen ermöglicht, ist eine stärkere Verantwortung des Bundes ein wichtiger Pfeiler einer zukunftsgerichteten Familienpolitik. Weil trotz der Ausweitung seiner Rolle die dezentraler Vielfalt bestehen bleibt, kann auf diese Weise vor Ort eine stärkere Aufgeschlossenheit gegenüber den Bedürfnissen und der Bedeutung von Familien erwartet und auch provoziert werden. Denn es ist an der Zeit, dass nicht mehr der Wohnort allein entscheidet, ob Frauen und Männer die Unterstützung, aber auch die Freiheit bekommen, die sie brauchen, um ihrer Verantwortung für ihre Familie gerecht zu werden und ihr Familienleben nach ihren eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen zu gestalten. Der Familienartikel ermöglicht, dass sie selbst entscheiden können, wie sie Fürsorge und Erwerbsaufgaben wahrnehmen und in der Familie aufteilen wollen.

  • Der beliebteste Twitter-Inhalt in Deutschland war vor drei Wochen das «Betreuungsgeld» gewesen. Zuvor war es am 9. November 2012 vom Bundestag mit einem sehr knappen Mehr beschlossen und damit Folgendes festgelegt worden: Jeder Familie, die ihr 13 bis 36 Monate altes Kind in keine Kindertagesstätte steckt oder keine staatlich geförderte Tagesfamilie in Anspruch nimmt, soll ab dem 1. August 2013 zunächst 100, später 150 Euro monatlich für die Betreuung zu Hause ausbezahlt werden.

    Die Frage, welche hinter der Idee ‚Betreuungsgeld‘ steckt, ist eine hoch brisante und auch für die Schweiz aktuelle, nämlich die: Soll der Staat neben dem ‚Krippenmodell‘ (Subventionierung von Krippen) auch ein ‚Familienmodell‘ unterstützen, das den Müttern – sehr selten sind es Väter – erlaubt, über einen längeren Zeitraum kein Geld zu verdienen und sich ausschliesslich den Kindern zu widmen? Gemäss unserer FRANZ-Studie (=Früher an die Bildung, erfolgreicher in die Zukunft?), die in diesen Tagen abgeschlossen wird und Auskunft über Familien der Mittelschicht gibt, wählen in der Schweiz gut 30% der Familien diese Lebensform, währenddem sich ungefähr 70%  für ein Modell mit familienergänzender Betreuung entscheiden. Man könnte somit davon ausgehen, dass in einer pluralistischen Gesellschaft wie der unsrigen unterschiedliche Auffassungen vom ‚richtigen Familienleben‘ gleichermassen akzeptiert werden und nebeneinander bestehen können. Dem ist aber kaum so. Gerade die politischen Parteien verkörpern die enorme Polarität, welche dieser Frage zu Grunde liegt. Da die politische Rechte besonders pointiert die Stärkung der Familie als Erziehungshoheit sowie eine Mutter einfordert, die zum Kind gehört und deshalb zu Hause bleibt, werden aus der Sicht anderer Parteien diejenigen Eltern, die sich für das Familienmodell entscheiden, schnell einmal als Bünzli oder Spiesser und als Inbegriff einer antifeministischen und antiliberalen Gesellschaft etikettiert. Verstärkt wird diese Etikettierung dadurch, dass es sehr wenige Paare gibt, welche diese Lebensform öffentlich, gehaltvoll und undogmatisch verteidigen.

    Obwohl der deutsche Bundstag das Betreuungsgeld mit 310 zu 282 Stimmen angenommen hat, ist es äusserst umstritten. Leider überwiegt in der Diskussion eine Schwarz-Weiss-Polemik die am lautstarksten von Kanzlerkandidat Steinbrück und vom Fraktionschef der Grünen, Trittin, geführt wird. Sie bezeichnen das Betreuungsgeld mit dem etwas sarkastischen Ausdruck «Herdprämie» oder auch mit «Fernhalteprämie». Steinbrück nannte es in der Debatte gar als «schwachsinnig». Es sei bildungs-, finanz-, gesellschafts- und arbeitsmarktpolitisch falsch, weil das Betreuungsgeld für Frauen Anreize schaffe, nach der Geburt eines Kindes länger dem Beruf fernzubleiben. Das werde ihre späteren Berufschancen mindern. «Weniger Frauen werden eine eigene Berufsbiografie schreiben, weniger Kinder werden Chancen auf frühe Bildungsförderung haben», sagte der SPD-Politiker.

    Obwohl dieses Argumentationsmuster nicht zurückgewiesen werden kann, ist es ein einseitiges. Es verknüpft auf unglückliche Weise das politisch motivierte Konzept des Betreuungsgeldes mit einem präferierten Lebensmodell und gibt vor, als ob das Kita-Betreuungssystem für junge Kinder das einzig Richtige sei. Vor dem Hintergrund internationaler Forschungserkenntnisse ist diese Einseitigkeit falsch. Wir wissen aus der Forschung zur Genüge, dass Kinder je nach ihrer sozialen Herkunft, ihrem Temperament, der Bindungssicherheit zur Mutter resp. zum Vater und insbesondere auch je nach Qualität des familienergänzenden Angebots sehr unterschiedlich profitieren. Genauso wissen wir, dass eine familienergänzende Betreuung immer nur als (hoffentlich positive) Ergänzung zur Kernfamilie des Kindes und nie als Ersatz verstanden werden kann und dassVater und Mutter die wichtigste Sozialisationsinstanz ihres Kindes sind.

    Das Betreuungsgeld hat wahrscheinlich deutlich mehr Nachteile als Vorteile haben (siehe hierzu beispielsweisehttp://argumentia.de/thema/betreuungsgeld). Doch scheint die Engführung der Argumentation eher bescheiden und stark ideologielastig, vor allem deshalb, weil es zwei Grundfragen ausblendet:

    • Was spricht gegen die Wahlfreihheit der Eltern, sich für ein bestimmtes, vielleicht zeitlich beschränktes, Lebensmodell zu entscheiden?
    • Oder anders – und mit dem interessanten Aufsatz im ZEIT-MAGAZIN gefragt: «Was machen Sie denn beruflich?» (31.10.2012): Ist Hausfrau (oder Hausmann)  eine frei gewählte weibliche (oder männliche) Lebensform unter vielen (…) oder ein Anachronismus, der überwunden werden muss, vergleichbar mit einem niedrigen Bildungsstand unter manchen Einwanderungsgruppen?

  • Tickt ein junger Mann richtig, wenn er sich entscheidet, «Fachperson Kinderziehung HF» zu werden? Viele bezweifeln dies. Weichei, Softie etc. hat ein Jugendlicher aus unserem Bekanntenkreis einstecken müssen, als er seinen Berufswunsch bekannt gemacht hat. Die Gesellschaft wünscht sich eher Männer, die starke Kerle sind, eben Ingenieure, Lokomotivführer oder Informatiker, aber kaum Erzieher in Kinderkrippen. Auch Mütter und Väter denken noch vielfach so: Töchter seien prädestiniert für emotionale, soziale Bereiche, Söhne sollten eher etwas ‚Richtiges‘ lernen und damit einmal eine Familie ernähren können.

    Die aktuellen Daten sprechen eine deutliche Sprache: 3‘300 Frauen absolvieren aktuell eine Ausbildung «Fachperson Kindererziehung HF», aber nur gut 300 Männer. Und wieviele von ihnen einmal ihren Beruf tatsächlich ausüben werden, steht in den Sternen. Die Mehrheit der Kitas in der Schweiz hat auch noch keinen einzigen Mann angestellt. Mit dieser Problematik stehen wir allerdings nicht alleine da. Auch in Deutschland sieht die Situation mit ca. 4% Männern in Kitas nicht viel besser aus. Und dies trotz der breit angelegten Initiative «Mehr Männer in die Kitas», die vom Bund mit 13 Millionen Euro seit gut drei Jahren finanziert wird. Selbstverständlich kann man das Glas auch als halbvoll, also positiv, betrachten: Im Jahr 2006 waren es in der Schweiz noch ganze 43 Männer gewesen, welche die Ausbildung absolviert hatten, die heutige Anzahl entspricht damit einer Zunahme von etwa 700%.

    Weshalb wäre es denn so wichtig, mehr Männer in Kitas zu haben? Gründe gibt es viele, in erster Linie sind es zwei: Erstens, weil in den Familien oft männliche Bezugspersonen fehlen und Lehrer auch in Kindergärten, Primarschulen und in der Sekundarstufe I äusserst rar geworden sind. Zweitens, weil sich Geschlechtsstereotypien früh festsetzen. Kleine Kinder, die von Männern in der Kita betreut werden (und natürlich auch von Vätern zu Hause …), könnten deshalb schon in den ersten Lebensjahren erfahren, dass es keine typischen Männer- und Frauenberufe gibt. Und dass Erzieher genauso wie Erzieherinnen mit ihnen basteln, singen, werken und spielen, sie trösten und wickeln und ihnen das Essen geben können.

    Vor diesem Hintergrund ist es äusserst lobenswert, dass auch hierzulande eine Werbekampagne von KitaS, Curaviva und Männer.ch. im Jahr 2014 gestartet werden soll. Nur stellt sich die Frage, ob dies der einzig richtige Weg ist. Gerade weil die Vorurteile gegenüber Männern in Kitas enorm sind, muss man auch anderswo ansetzen und zwar bei den Berufsberatungen und der Lehrerschaft der Sekundarstufe I. Gerade die Kritik an den Berufsberatungen ist ja nicht neu: Moniert wird seit längerem, sie würden das geschlechtstypische Berufswahlverhalten der Jugendlichen unterstützen. Von Bedeutung wäre deshalb die Frage, wie es Berufsberatungen – aber selbstverständlich auch Lehrkräften – angesichts des Männermangels in Kitas (und auch generell in sozialen Berufen) gelingt, Jugendliche zu ermutigen, auch geschlechtsuntypische Berufe zu wählen. Ziel wäre es, dass gerade auch Berufsberatungen verstärkt mithelfen, die Segregation des Arbeitsmarktes in Frauen- und Männerberufe aufzuweichen und nicht noch zu verfestigen.

    Keinesfalls will ich hier Berufsberatungen und Lehrkräfte beschuldigen. Mit Sicherheit versuchen sie, ihr Bestes zu geben. Aber – so vermute ich – sie tappen oft in die Geschlechterfalle. Ein Beispiel: In den Medien kann man immer und immer wieder lesen, dass Erzieher in Kitas wenig verdienen und junge Männer schliesslich einmal eine Familie ernähren sollen. Bereits diese beiden Gedanken können sie – gerade, weil sie ja sowieso zweifeln – davon abhalten, den Beruf Fachperson in einer Kita überhaupt in den Blick zu nehmen.

    Neben Berufsberatungen und Lehrkräften gibt es aber noch ein weiteres Problem: Die Tatsache, dass Männer in Kitas als Risikofaktor angesehen werden und oft unter generellen Missbrauchsverdacht gestellt werden. Viele Eltern haben Vorurteile gegenüber männlichem Personal in Kitas, dass sie zu sexuellen Übergriffen neigen würden. 40% der Eltern und 34% des Kitapersonals befürchten dies. Entsprechend berichten mir Kitaleiterinnen immer wieder von Eltern, die wünschen, dass Männer ihr Kind nicht wickeln dürfen. Verbände haben reagiert und einen Verhaltenskodex für ihre Mitglieder ausgearbeitet. Dass dies jedoch ein eigentlicher Akt der Diskriminierung von Männern in Kitas darstellt – davon getraut sich kaum jemand zu sprechen.

    Sicher ist, dass es  noch viel Entwicklungs- und Veränderungsarbeit braucht, in erster Linie in den Köpfen unserer Gesellschaft. Männer können sehr viel mit kleinen Kindern anfangen, aber solange sie als Erzieher gefragt werden: «Wie lange willst du dies noch machen, hast du nichts Besseres?» ist noch wenig erreicht.

    Bildungs- und Sozialpolitik müssen sich dieser Problematik annehmen. Es kann nicht sein, dass einerseits von «den neuen Vätern» gesprochen wird, sie den Vaterschaftsurlaub neu verhandeln will und verlangt, dass Väter nach der Geburt längere Zeit bei der Familie sein können, Männer andererseits jedoch in Kitas quasi inexistent sind. Wie kann sich dann in Kitas widerspiegeln, dass Erziehung, Betreuung und Bildung auch Männersache ist?

    Alte Rollenklischees dürfen allerdings nicht wieder aufgewärmt werden: Männer in Kitas sind nicht darauf zu reduzieren, dass sie anders mit den Kindern umgehen, gut Fussball spielen, werken und toben können und den Knaben als Vorbilder dienen sollen. Zwar zeigt die Forschung mit grosser Eindeutigkeit, dass sich Männer anders verhalten als Frauen und die Kinderbetreuung damit bereichern. Aber bisher ist wissenschaftlich nicht belegt, dass Männer in Kitas tatsächlich einen Unterschied machen.

    Alle Welt wünscht sich eine Frauenquote in Chefetagen. Grundsätzlich würde ich eigentlich gern für eine Männerquote in Kitas plädieren, z.B. für eine 20%-Quote. Nur, wenn es einfach (noch) zu wenig Männer gibt, die den Beruf ausüben wollen, dann nützt auch die beste Quote nichts. Deshalb müssen wir auch ein andere Segment, als lediglich die jüngsten Männer in den Blick nehmen: Viele Männer in den besten Jahren denken über berufliche Umstiege und Umorientierungen nach, viele Arbeitnehmer 50+ möchten ihre Potenziale, die sie oft im sozialen Bereich entwickelt haben, neu unter Beweis stellen. Weshalb könnten nicht auch ältere Männer im Zuge einer Neuqualifizierung in Kitas tätig werden? Vielleicht sogar ehrenamtlich?

  • In einem meiner Blogs zu den «Helikoptereltern» habe ich behauptet, dass Eltern heute ihre Kinder nicht mehr loslassen und sich von ihm zu wenig distanzieren können. Weil ich mir bewusst bin, dass dies eine gewagte These ist, habe ich mich über verschiedene Kommentare hierzu besonders gefreut. Vor allem über den von Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein., die mir etwas widersprochen hat und diesem Phänomen gar kein so grosses Problem sieht. Sie gewinnt den freundschaftlicheren Beziehungen zwischen Eltern und Kindern auch Positives ab, schränkt jedoch ein, dass es auch eine Frage des Masses und deshalb wichtig sei, sich von den Eltern abgrenzen zu können. Darauf will ich heute eingehen. Insgesamt glaube ich nämlich, dass es heutigen Kindern immer schwerer fällt, sich abgrenzen zu können, weil Eltern selbst Mühe haben, eine eigene Orientierung und damit auch die notwendige Gelassenheit zur Erziehung zu finden.

    In ganz Europa, auf der ganzen Welt, suchen Eltern nach Orientierung. Sie wollen weder autoritär noch antiautoritär sein, aber sie haben Angst, mit ihren Erziehungsvorstellungen alles falsch zu machen. Deshalb vermeiden sie Konflikte mit den Kindern, ersparen ihnen jegliche Niederlage und jeden Schmerz und wollen vor allem beliebt sein bei ihnen.

    Vielleicht finden Sie dies gut so, ich aber denke, dass dies falsch ist. Meines Erachtens funktioniert eine gute Erziehung nur über Authentizität. Eltern, die wissen, wie sie ihr Kind erziehen wollen und die an bestimmte Grundsätze glauben, wirken authentisch. Deshalb sind sie sich bewusst, dass der Umstand, zusammen mit Eltern erwachsen zu werden, für ein Kind auch schmerzlich ist. Dies gilt aber auch umgekehrt: Eltern sollten den Mut haben zu zeigen, was ihnen weh tut. Ich denke beispielsweise an eine meiner Freundinnen, die ihrem 13jährigen Sohn klipp und klar gesagt hat, dass sie es nicht mehr ertragen werde, wenn er sie vor seinen Freunden sie immer als Hausmütterchen darstelle, die sowieso Tag und Nacht für ihn da sei und sie ihn deshalb beim nächsten Mal damit vor allen konfrontieren werde. Dies hatte offenbar gewirkt, denn eine solche Bemerkung hatte sie fortan von ihrem Sohn nicht mehr gehört.

    Eine derart ehrliche Haltung scheint mir vor allem in der Pubertät wichtig zu sein. Doch müssen die Grundlagen hierzu viel früher geschaffen werden. Denn Erziehung ist in der Pubertät eigentlich bereits abgeschlossen. In dieser Phase gilt es nur noch, die Beziehung zu den Kindern aufrecht zu erhalten, zu versuchen, sie an die Einhaltung der vereinbarten Regeln und Normen zu erinnern – vor allem aber auch, sich als Eltern selbst entsprechend zu verhalten.

    Die Weichen sind somit vor der Pubertät zu stellen. Das heisst beispielsweise, bereit zu sein, Konflikte durchzustehen, den Kindern klar zu machen, dass Eltern nicht 24 Stunden am Tag verfügbar sind und auch ein Recht und die Lust auf eigene Glücksmomente (auch als Paar) haben, konsequent zu sein und die Kinder auch nur dann zu loben, wenn es etwas zu loben gibt.

    Die Forschung zeigt eindeutig: Die autoritative Erziehung ist die erfolgreichste Erziehung. Sie ist nicht zu verwechseln mit autoritärer Erziehung. Autoritativ meint vielmehr, dass Eltern Herzenswärme und Liebe innerhalb klar definierter und der kindlichen Entwicklung angemessener Grenzen definieren und auf deren Einhaltung konsequent bestehen.

    Wieviel Disziplin verträgt Erziehung? Meines Erachtens ist dies eine Frage der Einstellung der Eltern und ihrer Authentizität. Kinder bringen die Bereitschaft mit, sich erziehen zu lassen. Sie finden es gut, wenn Eltern den Ton angeben und Grenzen setzen. Kinder wollen starke Eltern, damit sie selbst stark werden. Das Ziel ist eine Familie, in der Disziplin und Gelassenheit  die zwei Seiten der Medaille bilden.

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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