Intuition

  • Warum bekommt man heute Kinder? Um dem Leben einen Sinn zu geben, um Liebe zu schenken und sich selbst nicht mehr so wichtig zu nehmen. So antwortet zumindest in unseren Forschungsstudien ein Großteil der Eltern oder solche, die es werden wollen. Elternliebe gilt als einmalig und unvergleichlich. Auch der Schriftsteller Jean Paul hat einmal gesagt, mit einer Kindheit voll Liebe könne man ein halbes Leben lang in der kalten Welt auskommen. Tatsächlich ist die Liebe zwischen Eltern und Kind für die fundamentale Ausgestaltung des Lebens etwas Grundlegendes. Zwar entspricht sie nicht dem ‚coup de foudre’, der Liebe auf den ersten Blick, den die Franzosen ‚Blitzschlag‘ nennen. Doch gilt sie als größer, inniger und zarter. Aber nicht nur die Liebe, sondern auch die Verantwortung gegenüber dem Kind schreiben heutige Eltern groß: 62% der 35- bis 42-jährigen meinen, dass Eltern ihr eigenes Leben hinter dasjenige des Kindes stellen sollten. Diese Aufopferungspflicht ist international. Sie gipfelt darin, dass Kinder heute zu genau geplanten Lebenswerken geworden sind. Wenn Männer und Frauen Eltern werden, dann erträumen sie ihr Elternglück in vielen Farben, und eines steht fest: Das Kind soll etwas Besonderes werden, das alles überstrahlt. Das Ziel ist das perfekte Kind, und perfekte Kinder brauchen perfekte Eltern. Derartiges Streben kann jedoch problematische Folgen für die Kinder haben. Dafür sind jedoch kaum die Väter und Mütter verantwortlich, sondern in erster Linie ist es unsere Gesellschaft.

    In den letzten zehn Jahren sind Väter und Mütter immer stärker zum Gegenstand des öffentlichen und politischen Interesses geworden. Grundsätzlich ist dies eine positive Entwicklung, denn die Familie ist lange genug ein Stiefkind der Politik gewesen (und ist es teilweise heute noch!). Problematisch ist allerdings, dass Erziehung, Betreuung und Bildung des Nachwuchses mehr und mehr politisiert werden und dies für Eltern negative Folgen hat. Eine oft vertretene gesellschaftliche Überzeugung ist dabei übermächtig: dass es allein der familiäre Einfluss sei – spricht: die «gute» Mutter und der «gute» Vater – welcher das Verhalten und Gedeihen des Nachwuchses bestimme. In der Bildungs- und Sozialpolitik besonders beliebt ist der Begriff der «verantworteten Elternschaft». Damit ist gemeint, dass man keine Kinder in die Welt setzen soll, wenn man nicht in der Lage ist, sie gut zu erziehen, zu fördern und zu bilden und dabei alle ihre Bedürfnisse und Interessen in den Mittelpunkt zu stellen. Dazu kommt, dass den Eltern kontinuierlich eingetrichtert wird, die ersten Lebensjahre seien die wichtigsten überhaupt. Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Aussage zwar weitgehend richtig, doch die mit ihr verbundenen Drohungen – Wer nicht möglichst früh seinen Nachwuchs fördere, nehme das Risiko verpasster Chancen in Kauf – haben möglicherweise fatale Folgen.

    Denn logischerweise haben sich solche Forderungen schnell auf das Selbstverständnis der Eltern übertragen und damit auch auf die Entwicklung der Kinder. Weshalb wundert man sich eigentlich, dass Eltern zunehmend begonnen haben, sich früh schon mit der Bildung ihrer Kinder zu beschäftigen? Sie verhalten sich ja nur genau so, wie dies die Politik immer einfordert! Warum ist man so erstaunt, dass Väter und Mütter ihre Antennen mit der Strategie «Früher=besser» dauernd ausfahren, um sich in Startposition zu bringen? Und weshalb der große Aufschrei, wenn Eltern Perfektionsträume entwickeln, die vor allem aus der Sorge um die Zukunft ihrer Kinder geboren werden und deshalb zumindest ein wenig helfen sollen, sich gegen die diffusen und bedrohlichen Ängste zu stemmen? Denn, wohin sie auch schauen und an wen sie sich auch wenden, sie werden bestätigt: Die Krise der Familie ist allgegenwärtig, und Schuld daran sind die Väter und Mütter!

    Je mehr jedoch unsere Gesellschaft die Eltern unter Druck setzt, desto größer werden ihre Schuldgefühle. Diese Einschüchterungskultur macht aus normalen Eltern solche, die unter Dauerstress stehen, damit sie perfekt sein und aus ihren Sprösslingen Treibhauskinder machen können. Sie stecken vielmehr in einem Circulus Vitiosus, in einem Teufelskreis, und zwar deshalb, weil sie so instrumentalisiert werden, dass sie sich nicht mehr kompetent genug fühlen. Die Art und Weise, wie in der Öffentlichkeit der Erziehungsnotstand proklamiert wird, hat zum Eindruck geführt, als ob alle Eltern professionelle Hilfe von außen bedürften. Folgedessen ist ein Großteil der Eltern auch überzeugt, dass in der Entwicklung und Erziehung ihres Nachwuchses mit Sicherheit etwas schief gehen wird, wenn sie nicht Expertenunterstützung erhalten. Dieser fatalistische Blick erhöht jedoch nur ihre Angst und vermindert gleichzeitig ihre Fähigkeit, auf sachlicher und objektiver Basis intelligente und intuitionsbasierte Entscheidungen zu treffen. Unsere Gesellschaft inklusive viele der selbst ernannten Experten tragen zu einem großen Teil dazu bei, weshalb Väter und Mütter heute so verängstigt sind, sich überfordert fühlen und das Vertrauen in ihre natürliche Fähigkeit, gute Eltern sein zu können, verloren haben.

  • Haben Sie kürzlich neue Jeans gekauft? Vielleicht die nächsten Ferien mit Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner geplant? Oder sich einen Kinderwagen angeschafft? Dann können Sie an der Art und Weise, wie Sie zu diesem Entscheid gekommen sind, erkennen, ob Sie im intuitiven Handeln stark oder eher schwach sind und damit auch, wie viel «Praktische Intelligenz» Sie besitzen. Denn in der Forschung gilt Intuition – auch gesunder Menschenverstand, Bauchgefühl, stilles Wissen genannt – als das zentrale Merkmal von praktischer Intelligenz. Entweder gehören Sie den so genannten «Maximizers» oder zu den «Satisficers» (*Gigerenzer, 2008).

    Die Maximizers sind diejenigen Menschen, welche sich nur schwer zu einer Entscheidung durchringen. Sie suchen deshalb nach den besten Jeans, den optimalsten Ferien oder dem perfektesten Kinderwagen. Weil Maximizers perfekt sein wollen, suchen sie so lange, bis sie das Gewünschte gefunden haben. Sie wägen ab, suchen im Internet nach entsprechenden Ausführungen oder Beurteilungen und testen alle Alternativen ausführlich gegeneinander ab. Selbst wenn sie sich dann einmal entschieden haben, sind sie immer noch nicht richtig zufrieden damit, denn es könnte ja noch eine optimalere Möglichkeit geben. Ganz anders die Satisficers. Das sind diejenigen, die ihre Suche begrenzen und sich mit der ersten Möglichkeit zufrieden geben. Ist die Jeans hübsch, sitzt sie und gefällt sie, dann nehmen sie diese. Sie überlegen sich nicht weiter, ob es anderswo noch eine bessere gegeben hätte. Die Satisficers handeln intuitiv.

    Genauso gilt dies für das Berufsleben. Wenige Satisficers finden sich unter Lehrpersonen, eher viele unter Musikern, Künstlern, Schauspielern, Sportlern oder auch Handwerkern. Professionelle Handballspieler müssen sich in der Zeitspanne eines Wimpernschlags für den richtigen Spielzug entscheiden. Eine begabte Geigenspielerin weiss in jedem Augenblick ohne nachzudenken, in welchem Winkel und mit welchem Druck sie den Bogen ansetzen muss. Und erfahrene Hühnerzüchter – so das Beispiel von Myers** – können sofort sagen, welches Geschlecht das Küken hat, auch wenn sie nicht sagen können, wie sie dies erkennen. In jedem dieser Fälle beruht die Handlung auf schnell verfügbarem Expertenwissen und -können, auf dem Gefühl einer unmittelbaren Intuition.

    Was genau hat Intuition mit praktischer Intelligenz zu tun? Als praktische Intelligenz gilt die Fähigkeit, komplexe Probleme im Alltag zu bewältigen und gute Lösungen für sie zu finden. Sie entspricht dem Können von Experten, welchen es gelingt, ihr Wissen oder ihre Strategien aufgrund ihrer Erfahrung in beruflichen Alltagssituationen anzuwenden. Diese Fähigkeit wird als Intuition bezeichnet. Sie gilt als wichtigstes Element des beruflichen Erfolges und als eine Form der Entwicklung von Expertise. Intuition beruht auf Erfahrung, die sich aber häufig gar nicht artikulieren lässt. Gigerenzer spricht deshalb auch von «gefühltem Wissen».

    Viel Fachwissen oder ein hoher Intelligenzquotient, aber auch ausgeprägtes Üben, garantieren noch keine berufliche Expertise. Wir alle kennen Leute, die in wissenschaftlich hochstehender Weise über ein Problem reden, zu dessen Lösung aber wenig beitragen können. Umgekehrt beobachten wir immer wieder, dass auch viel Übungsarbeit (oder eine grosse Anzahl an Praktika) noch keine Experten hervorbringt. Diese Tatsache wird in der Expertiseforschung*** nicht auf mangelnde Begabung, sondern auf die mangelnde Qualität von Übungsprozessen zurückgeführt und auf die fehlende Berücksichtigung von Intuition. Gerade weil Intuition auf Erfahrung beruht und auf einfachen Faustregeln, kann sie durch Nachahmung und Erfahrung gelernt werden. Trainierbar ist sie aber nur in Bereichen, in denen man sich bereits etwas auskennt und über ein gesundes Halbwissen verfügt. Wer (noch) wenig davon hat, sollte sich nicht unbedingt auf seine Intuition verlassen.

    Wie kann man Intuition lernen? Gigerenzer sagt, dass eine der wichtigsten Faustregeln sei, eine Entscheidung nach nur einem einzigen guten Grund zu treffen, den man als den wichtigsten erachte und die anderen Argumente zu ignorieren. Genau dies wäre auch in Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern wichtig. Aber vielleicht ist ihnen in der Ausbildung antrainiert worden, nicht intuitiv zu sein. Statt zu lernen, mit Unsicherheit umzugehen, lernen sie oft noch mehr Theorie oder in Praktika noch mehr die Praxis. Es versteht sich deshalb von selbst, wenn häufig Angst vor Bauchentscheidungen haben und gar nicht in Erwägung ziehen, auch einmal dem gesunden Menschenverstand zu folgen.

    Der Umgang mit Unsicherheit müsste aber eigentlich ein Schwerpunkt der Lehrerausbildung sein und somit auch das Training, wie man lernt, auf seinen Bauch zuhören. Genau dies lässt sich im Alltag bewusst trainieren, indem man beispielsweise seine Jeans, seine Ferien oder den neuen Kinderwagennach der Faustregel ‚take the best’ auswählt. Auf diese Weise traut man sich wieder zu, vermehrt auf seinen Bauch zu hören.

    Literatur

    *Gigerenzer, G. (2008). Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. München: Goldmann.

    ** Myers, D. G. (2007). Psychologie. Berlin: Springer, S. 443.

    ** Stamm, M. (2014). Praktische Intelligenz und Expertise. In A. Ziegler & E. Zwick (Hrsg.), Theoretische Perspektiven der modernen Pädagogik (S.73-84). Berlin: Lit.

  • Viele, vor allem gut ausgebildete Eltern sind heute überinformiert. Sie wissen alles über Hirnforschung, über Babymassage, über Einschlaf- und Durchschlaf- oder Anti-Schreimethoden, über die richtige Ernährung oder über frühes Fremdsprachenlernen. Sie klammern sich an Lernkurven fest, vergleichen ihr Kind ständig mit dem Nachwuchs der Nachbarn und haben Angst vor eigenen Fehlern. Dabei verkümmert häufig ihre Intuition, d.h. ihre Fähigkeit, zu spüren, was gut für ihr Kind ist und was nicht. Eltern sollten wieder lernen, besser auf ihr Bauchgefühl zu hören, aber auch ihre Vernunft zu nutzen. Intuition und Vernunft bilden die beiden Pole der Erziehungskompetenz.

    Allerdings ist Intuition noch immer verpönt. Sie gilt als wenig professionell. Blickt man in die Bücherregale und die Websiten von Buchhandlungen, dann verstärkt sich diese Einschätzung. Erziehungsratgeber, die aufliegen, haben Hochkonjunktur. Eltern glauben ihnen aufs Wort. Vor allem dann, wenn sie vorgeben, von «pädagogischen Experten» entwickelt worden zu sein. Dies ist verständlich. Denn jahrelang hat die Forschung unterstrichen, dass Eltern ihre Kinder umso besser erziehen, je mehr sie sich von Verstand und Vernunft leiten lassen. Gefühle, so haben Väter und Mütter in Elternkursen gelernt, sind eherstörendes Beiwerk, welche die Vernunft schnell einmal unterwandern können. Eltern, die sich an wissenschaftlichem Wissen orientieren, sind somit ein Segen für unsere Gesellschaft. Sie schützen sich nicht nur vor Selbstüberschätzung, sondern ihre Kinder auch vor Willkür. Leider stimmt dies so nicht.

    Es braucht auch eine Portion Intuition. Wir alle verfügen über sie, doch haben wir sie häufig verlernt. Allerdings meint Intuition nicht einfach ‚spontan sein‘. Vielmehr gibt es so etwas wie eine professionelle Intuition. Gerd Gigerenzer bezeichnet sie in seinem lesenswerten Buch «Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition» als «gefühltes Wissen».Das Bauchgefühl ist somit keine Eingebung von oben oder nur eine Vorstellung, sondern unbewusste Intelligenz. Sie entsteht aus einer Fülle von Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben. Auf Basis dieser abgespeicherten Erfahrungen können wir – scheinbar aus dem Bauch heraus – in vielen Situationen schnelle Entscheidungen treffen. Im Sport sind hierfür Roger Federer oder Xherdan Shaqiri beste Beispiele.

    Wenn Eltern ihre Intuition nutzen, spielen Gefühl und Vernunft gleichermaßen eine Rolle. Dieses Phänomen konnte ich kürzlich im Tram beobachten: Eine Mutter mit ihrem ca. Zweijährigen im Wagen, verliess das Tram an der nächsten Haltestelle wieder fast fluchtartig, weil der Kleine so ausserordentlich schrie und die Blicke der genervten Tram-Passagiere alles sagten, was man sich vorstellen kann. Richtig, aber wahrscheinlich vollkommen intuitiv, hat sie gehandelt, denn es hätte kaum eine erzieherische Alternative gegeben. Hätte ich diese Mutter allerdings unmittelbar nachher gefragt, welche Vernunft sie bei dieser Entscheidung angewendet habe, hätte sie mit grosser Sicherheit geantwortet, dass sie gar keine Zeit zum Überlegen gehabt, sondern ausschliesslich aus den Bauch heraus gehandelt habe.

    Mehr Intuition wäre gerade in der frühen Förderung wichtig. Eltern sollten wieder lernen, der Intuition und den dahintersteckenden Faustregeln mehr zu vertrauen, aber auch lernen, wann sie diesen nicht vertrauen können. Eltern können Intuition schulen, indem sie versuchen

    den richtigen, d.h. dem Kind (und nicht den eigenen Interessen) angemessenen Zeitpunkt zu finden, mit einer bestimmten Förderung zu beginnen;

    ihr Kind so achtsam zu fördern, dass sie es nicht überfordern;

    sich zu fragen, ob die Förderung, die sie im Kopf haben, auch tatsächlich zu ihrem Kind passt;

    sie Signale ihres Kindes ernst zu nehmen.

    «Aus dem Bauch heraus» bedeutet jedoch nicht, den Kopf abzuschalten und kein Buch mehr über Erziehung zu lesen. Erziehungskompetenz meint eine Kombination von Wissen und Elementen intuitiver Praxis. Intuition ist auf (theoretisches) Wissen angewiesen. Eltern, die (noch) wenig davon haben, sollten sich nicht unbedingt ausschliesslich auf ihre Intuition verlassen. Väter und Mütter mit reichhaltiger Erfahrung und genug verinnerlichtem Wissen sind jedoch bestens dafür ausgerüstet, ihr Bauchgefühl mehr sprechen zu lassen.

  • Wenn Sie momentan die Fussball-EM verfolgen, dann kennen Sie mit Sicherheit Namen wie Shami Khedira oder Danny Welbeck. Das sind besonders interessante Spieler. Shami Khedira verfügt zudem über eine besondere Kompetenz, die ich als professionelle Intuition bezeichnen würde.

     Professionelle Intuition ist ‚gefühltes Wissen‘. Dieses Wissen ist zwar sehr schnell im Bewusstsein, doch kann häufig nicht erklärt werden, weshalb es plötzlich da ist. Es ist aber nicht einfach Spontaneität, sondern eher Wissen, das aus Erfahrung entsteht. Khedira beschreibt dies in einem Interview in der neusten Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT etwa so:

    "Am Anfang wollte ich nur spielen. Dann hat mir mein Trainer gesagt: Wenn du lernst, ein Spiel besser zu lesen, dann kannst du Profi werden. Dann hat es klick gemacht bei mir. Ich habe gemerkt, dass man als Spieler das Spiel ganz bewusst beeinflussen kann. Ich mache mir Gedanken, wie ich mich in bestimmten Situationen verhalten habe und versuch dann, dies wieder anzuwenden. Es ist eigentlich Erfahrung. Nur am Anfang musste ich lange überlegen."

    Genau diese professionelle Intuition vermisse ich manchmal in der Schule: dass Lehrkräfte in der Lage sind, Entscheidungen auch spontan fällen zu können. Wie dies aussehen könnte, habe ich kürzlich bei einer Berufsschullehrerin bewundert, und zwar deshalb, weil sie nicht zuerst denken musste, bevor sie etwas intuitiv (und hoch professionell) tat. Sie führte in ihrer Klasse ein ‚Blitzlicht‘ durch – alle Schüler mussten sich ganz kurz zu einer von ihr gestellten Frage äussern – weil sie den Eindruck hatte, dass ‚etwas nicht stimmt‘. Als ich sie nachher fragte, welches Wissen sie dabei angewendet habe, antwortete sie: "Gar keines, ich hatte keine Zeit, weil ich mit der Klasse beschäftigt war."

    Das Können guter Lehrerinnen und Lehrer besteht folglich nicht nur aus der Anwendung von wissenschaftlichem Wissen oder praktischer Übung, sondern auch aus Elementen intuitiver Praxis. Weder ein grosses Fachwissen noch eine ausreichende Praxis machen das aus, was wir mit ‚professionell unterrichten‘ verbinden. Deshalb müsste professionelle Intuition in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung und auch in der Fort- und Weiterbildung viel stärker trainiert werden. Aber, ist dies möglich?

    Natürlich und zwar genauso, wie dies Sami Khedira berichtet. Indem Lehrkräfte und die, die es werden wollen, Schlüsse aus den Faustregeln ziehen, die sich bisher bewährt haben. Das heisst nichts Anderes, als dass guter Unterricht auch aus jenem sechsten Sinn entstehen kann, den der Volksmund ‚Bauchgefühl‘ nennt.

    Wer allerdings jetzt denkt, dass in der Schule immer aufgrund eines Bauchgefühls gehandelt werden sollte, der irrt. Intuition ist auf theoretisches Wissen angewiesen. Wer (noch) wenig davon hat, sollte sich nicht unbedingt auf seine Intuition verlassen. Danny Welbeck ist deshalb vielleicht auch nicht das beste Beispiel für professionelle Intuition, weil er noch zu unerfahren ist. Gereifte Spieler wie Shami Khedira – oder eben Lehrkräfte mit grosser Erfahrung und genug verinnerlichtem beruflichen Wissen – sind jedoch bestens dafür ausgerüstet, ihr Bauchgefühl mehr sprechen zu lassen. Ob dies immer zum Erfolg führt, ist jedoch eine andere Frage. Deutschland ist zumindest auf gutem Weg …

  • Eine bedeutende Tageszeitung hat kürzlich über einen bemerkenswerten Aufstieg eines Managers berichtet. Ich hätte diesen Bericht glatt übersehen, wäre mir nicht sein Name ins Auge gestochen. Er war nämlich Ende der 1970er Jahre einmal zu mir in die Schule gegangen. Was jedoch vor allem meine Aufmerksamkeit erregte war meine Erinnerung, dass er ein schlechter Schüler gewesen war und sogar einmal eine Klasse repetieren musste.

    Aus heutiger Sicht und auf der Basis meiner Forschung weiss ich, dass dieser Manager kein Einzelfall ist. In der Tat ist es so, dass eine ganze Anzahl von Untersuchungen zu den Lebenswegen von einfluss- und erfolgreichen Menschen zeigt, dass viele von ihnen sehr durchschnittliche oder gar schlechte Schüler waren.

    Leider jedoch bleiben nicht wenige an sich begabte Schüler auf der Strecke. Die Anzahl Personen, die in der Schule offenbar nichts «zu bieten» hatten, ist viel grösser als wir annehmen. Zudem kommen viele von ihnen aus bescheidenen Verhältnissen.

    Unser Schulsystem ist nach wie vor sehr einseitig. Schülerinnen und Schüler werden vor allem auf der Basis von zwei Fähigkeiten getestet, benotet und klassifiziert: auf der Fähigkeit, auswendig zu lernen und den Stoff wiedergeben zu können sowie – zu einem geringeren Anteil – auf der Fähigkeit zu analysieren. Diejenigen Schüler, welche in diesen Bereichen «gut» sind, werden als gescheit und clever, diejenigen, welche schwächer sind, als durchschnittlich oder gar als dumm beurteilt.

    Viele Schüler aus gut situierten Familien können solche Fähigkeiten zu Hause trainieren und bekommen von den Eltern Unterstützung. Für Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien trifft dies oft nicht zu. Häufig jedoch verfügen gerade sie über andere Fähigkeiten. Dazu gehören Kreativität, praktische Intelligenz und ihre wichtigste Komponente: die Intuition. Weil solche Fähigkeiten für den Schulerfolg kaum zählen oder wertgeschätzt werden, bleiben sie unerkannt und unbeachtet. Deshalb werden Schüler mit genau solchen Fähigkeiten oft zu Verlierern. Schlimmer noch ist die Folge davon: Sie verlieren das Interesse am Lernen und entwickeln mit jedem Schuljahr eine grössere Schuldistanz.

    Paradoxerweise sind es aber genau diese Fähigkeiten, welche für den Berufs- und Lebenserfolg besonders wichtig sind. Auf dem heutigen Arbeitsmarkt ist erfolgreich, wer flexibel ist, kreativ Probleme lösen und intuitive Entscheide fällen kann. Es erstaunt deshalb nicht, weshalb ein nicht kleiner Teil derjenigen Jugendlichen, die in der Schule als 'gescheit' gegolten haben, nach Matura und Studium im Beruf scheitern. Hauptgrund: Sie können das erworbene Schulwissen nicht anwenden.

    Damit will ich keinesfalls behaupten, dass Auswendiglernen oder der Erwerb analytischer Fähigkeiten nicht wichtig sind. Schüler müssen die festgeschriebenen Minimalstandards erreichen und fähig sein, Dinge analysieren und kritisch denken zu können. Aber die Bedeutung dieser Fähigkeiten wird überbewertet und zu einseitig betont, so dass die anderen wichtigen Fähigkeiten aus dem Blick geraten sind. Das in den Schulen vorherrschende Intelligenzkonzept trägt zur Vergeudung von Talent bei. Zu vielen jungen Menschen mit praktischen Begabungen und kreativen Potenzialen werden Chancen verbaut, weil sie nicht in dieses Schema passen. Wie könnte man dies ändern? Sicher nicht mittels einer Bildungsreform oder einem Schulversuch, sondern ganz simpel: Je mehr Lehrkräfte beginnen, auf der Basis eines breiteren Intelligenzverständnisses zu unterrichten und zu bewerten, desto mehr werden sie gute Schülerinnen und Schüler entdecken. Und es werden auch solche sein, die aus sehr einfachen Verhältnissen stammen, aus anderen Kulturen oder gar solche mit Lernschwierigkeiten. Jeder Lehrer und jede Lehrerin kann auf eine einfache Weise einen Betrag dazu leisten, dass aus «dummen» Schülern «gescheitere» werden.

     

     

     

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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