Alter

  • erschienen in: Aargauer Zeitung /Die Nordwestschweiz, 18.09.2017, 14.

     

    Die Überalterung unserer Gesellschaft ist eine Tatsache. Unwörter wie Rentnerschwemme, Gruftis oder Altersheim Schweiz verweisen auf das schwierige Umfeld, in dem Altern heute stattfindet. Die Altersdebatte ist eine Angstdebatte, welche die Diskussion nahezu vollständig beherrscht. Dadurch ignoriert sie die mit dem Altern verbundenen Chancen.

    Altern als Provokation

    Um nicht falsch verstanden zu werden: Altern ist relevant! In einer Gesellschaft im Jugendwahn ist die Angst vor dem Altwerden ein Normalzustand. Altern ist eine Provokation, der sich niemand entziehen kann, auch nicht, wenn man das Altern negiert. Genau deshalb braucht die Alters-Debatte eine neue Perspektive, die sich beispielsweise an den Erkenntnissen der Lebenspannenpsychologie orientiert: Entwicklung findetvon der Wiege bis zur Bahre statt, also während des ganzen Lebens, und sie ist immerin eine Dynamik zwischenAufbau und Abbau, zwischenWachstum und Verlust eingebettet.

    Beispiele hierfür finden wir genug. Der ehemalige Lehrer, der sich nun um minderjährige Flüchtlinge kümmert oder die pensionierte Buchalterin, welche sich einen Lebenstraum erfüllt und ein kleines Antiquariatsgeschäft eröffnet. Gemeinsam ist solchen Menschen, dass sie zwar alt an Jahren sind, im Geist aber aufblühen, weil sie nach der Pension eine Passion entdeckt haben, mit der sie etwas Bedeutsames gestalten und neu beflügelt werden.

    Es gibt  keinen generellen Abbau im Alter

    Doch solche Menschen strapazieren unsere stereotypen Vorstellungen: Ist diese Entwicklung überhaupt wünschbar? Haben Menschen nach einem langen Arbeitsleben nicht Ruhe und Beschaulichkeit verdient? Man kann hierzu natürlich unterschiedlicher Meinung sein, doch die Forschung zeigt eindeutiges: Die Entfaltung von Fähigkeiten im Alter meint nicht unbedingt ausgedehnte Reisen oder sportliche Gewaltstrainings, sondern eine mit Faszination verbundene Realisierung von Talenten, die während langer Zeit blockiert waren oder nicht entwickelt werden konnten.

    Die dominante Defizitthese, die von einem generellen Abbau im Alter ausgeht, ist falsch. Auch im späteren Leben lassen sich bestimmte Fähigkeiten innovativ weiterentwickeln und neue Möglichkeiten entdecken. So wissen wir, dass das Lern- und Wissenspotenzial Älterer deutlich grösser ist als gemeinhin angenommen. Die moderne Intelligenzforschung weist nach, dass interessenbezogene Expertise bis ins hohe Alter erhalten und durch Übung sogar gesteigert werden kann. Wer ein Leben lang Spezialwissen oder -können in bestimmten Bereichen erworben hat und dieses besonders pflegt, kann nicht nur bis ins Alter Höchstleistungen erbringen, sondern ist auch weniger von Gedächtnisverlusten betroffen. Leider spielt auch der Abbau von Fähigkeiten eine Rolle. Eindrücklich nachgewiesen ist die altersbedingte Begrenzung der Memorierungsfähigkeit oder des mit grossem Aufwand verbundenen Lernens von Neuem und Komplexem.

    Das Gehirn braucht eine Vielfalt an Stimulation

    Wenn somit kognitive Herausforderungen im Alter so wichtig sind, dann kann die Lebensphase der Pensionierung auch eher schädlich sein. Diese Aussage ist provokant, jedoch forschungsbasiert. Um mental und körperlich einigermassen fit zu bleiben, braucht das Gehirn eine Vielfalt an Stimulation. So verstanden ist der Ruhestand eine Art Winterschlaf, weil Inaktivität das Gehirn schädigt. Talente zu entwickeln und Expertise zu pflegen ist deshalb eine Anpassungsstrategie für ein «erfolgreiches» Altern.

  • Kürzlich war ich Gast in der Sommerserie von Radio DRS „20 Köpfe – 20 Ideen“. Gewünscht war gewesen, dass ich eine Vision für die Schweiz der Zukunft formulieren solle. Ich habe „Talente im Alter“ gewählt, weshalb? Erstens, weil ich bisher alle Lebensphasen – von der Wiege bis zum Erwachsenenalter  – erforscht habe, Talententwicklung im Alter aber eine wissenschaftliche Black Box ist: Sowohl im anglo-amerikanischen als auch im deutschsprachigen Raum gibt es nicht mehr als eine Handvoll Studien hierzu. Zweitens, weil ich die Entwicklung im Alter als notwendiges Pendant zur frühkindlichen Bildung betrachte und diese auch einer meiner Forschungsschwerpunkte darstellt. Und natürlich drittens, weil ich mit Jahrgang 1950 selbst im Prozess des Alterns stecke und meine, langsam erahnen zu können, welche Herausforderungen ein gutes / erfolgreiches / sinnvolles / befriedigendes / erfülltes Altern mit sich bringt, will man nicht lediglich die traditionellen Pfade wie etwa die Erhaltung und Verteidigung einer beruflichen Spitzenposition, ausgedehnte Reisen oder sportliche Gewaltstrainings beschreiten.

    In meinem Radiobeitrag habe ich ein Bild des Alter(ns) gezeichnet, das die Entfaltung von Potenzial und Talenten in den Mittelpunkt stellt. Und zwar auf der Basis eines Verständnisses von Entwicklung, das die ganze Lebensspanne umfasst, eben: von der „Wiege bis zur Bahre“ und immer von Verlust und Wachstum, von Abbau und Gewinn gekennzeichnet ist.

    Nach diesem Beitrag habe ich sehr, sehr viel Rückmeldungen bekommen: per Mail, per Brief, per Telefon. Das hat mich zwar nicht besonders erstaunt, denn meine bisherigen Referate zu dieser Thematik haben immer Interesse und eine grosse Zuhörerschaft gefunden. Was mich aber besonders nachdenklich gestimmt hat, war vor allem eine Bemerkung: dass nämlich viele Menschen die Pensionierung geradezu ersehnen würden. Wenn es dann endlich so weit sei, dann seien diese Menschen vom Berufsleben so ausgelaugt, dass sie ihre Talente gar nicht mehr entwickeln könnten.

    Ich gestehe, dass ich mir zu diesem Aspekt bisher noch wenig Gedanken gemacht habe. deshalb habe ich nach entsprechenden Forschungserkenntnissen gesucht, aber kaum welche gefunden. Wieviele Menschen somit tatsächlich die Pensionierung ersehnen und die Tage zählen, bis es so weit ist, wissen wir nicht. Genauso wenig ist zur anderen Seite der Medaille bekannt: Wieviele Menschen gar nicht pensioniert werden, sondern länger arbeiten möchten.

    Eines scheint mir aber sicher – auch wenn empirische Erkenntnisse fehlen: Betriebe müssen weit stärker als bis anhin Talentmanagement betreiben und zwar ein solches, das nicht mit ‚Seniorisierung’ verbunden ist, sondern mit der Entwicklung von Expertise. Wahrscheinlich lohnt sich dies auch finanziell, man denke nur einmal daran, wie viele Ressourcen durch das Ausharren am Arbeitsplatz, durch Burnout und Krankschreibungen verloren gehen dürften. Menschen um die 50+ müssen neue, andere und vertiefende Möglichkeiten bekommen, sich beruflich weiterzuentwickeln und sich auch umorientieren zu können. Wenn aus der Forschung bekannt ist, dass beispielsweise Sachwissen und Denkstrategien, Sozialkompetenz, Konfliktfähigkeit oder Fürsorge auch nach der Mitte des Lebens noch enorm entwickelt werden können – dann erscheint es geradezu sträflich, wenn Betriebe dieses Potenzial brach liegen lassen.

    Selbstverständlich bin ich mir bewusst, dass dies leichter gesagt als getan ist. Denn unserer Gesellschaft mangelt es immer noch an etwas Fundamentalem: dass der Jugendwahn zu sehr als begehrenswerter Normalzustand gilt.

  • Die "Überalterung" ist eine Tatsache, welche uns enorm beschäftigt. Unwörterwie Rentnerschwemme, Grufties oder Altersheim Schweiz verweisen auf das schwierige Umfeld, in dem Altern heute stattfindet. Die Altersdebatte ist nach wie vor weitgehend eine Angstdebatte, auch wenn mediale Berichte von den jungen Alten anderes verheissen.Es erstaunt deshalb kaum, dass dieser Negativblick die Diskussion über das Altern beherrscht und die mit ihm verbundenen Chancen nahezu vollständig ignoriert. Das zeigt sich übrigens auch in vielen Altersleitbildern, die oft stark in dem verwurzelt bleiben, was ältere Menschen brauchen und viel zu wenig das fokussieren, was sie können oder in welchen Bereichen wir sie brauchen. würden.

    Ich möchte ein anderes Bild des Alter(n)s zeichnen, eines, das die Entfaltung von Potenzial und Talenten in den Mittelpunkt stellt. Ich beziehe mich dabei auf unsere Längsschnittstudie "Talent Scout 60+", die wir in diesem Jahr abgeschlossen haben. Sie verdeutlicht, dass Entwicklungdie ganze Lebensspanne umfasst von der Wiege bis zur Bahre und immer in eine Dynamik zwischen Verlust und Wachstum eingebettet ist. Ich erläutere nachfolgend unsere Hauptergebnisse, indem ich sechs Aussagen von prominenten Personen als Thesen zur Diskussion stelle.

    Joan Collins, Schauspielerin aus der Serie Dallas: «Das Alter ist irrelevant, es sei denn, du bist eine Flasche Wein.»

    Ich denke, dass diese These falsch ist. Alter ist relevant. Die Angst vor dem Altwerden in einer Gesellschaft im Jugendwahn ist ein Normalzustand. Altern ist eine Provokation, der sich niemand entziehen kann, auch nicht dann, wenn man das Altern als irrelevant bezeichnet. Es gibt mindestens vier Bewältigungsmuster: Die einen versuchen Dank Anti-Aging-Massnahmen körperlich und ästhetisch fit zu bleiben und auf diese Weise ‚erfolgreich’ zu altern. Andere setzen eher einen spirituellen Schwerpunkt und akzeptieren das Altern als unausweichliche Herausforderung, sich auf den Tod einzustellen. Wieder andere resignieren, weil sie überzeugt sind, dass Altwerden mit nutzlos werden gleichzusetzen ist. Es gibt auch eine vierte Gruppe: Sie entwickelt ihre Talente so, wie dies Martha im Film «Die Herbstzeitlosen» tut. Obwohl sie nach dem Tod ihres Mannes die Lebenslust verloren hatte, wagte sie einen Neubeginn und erfüllte sich mit einer Lingerie-Boutique einen Lebenstraum.

    Gotthold Ephraim Lessing: «Welche Freude wenn es heisst: Alter, du bist alt an Jahren, blühend aber ist dein Geist.»

    Diese Aussage hat etwas auf sich. Spätentwickler blühen häufig richtig auf, wenn sie einen Bereich entdecken, zu dem sie etwas Bedeutsames beitragen können. Gleichzeitig fordern sie unsere stereotypen Vorstellungen heraus: Ist eine solche Entwicklung überhaupt wünschbar? Haben ältere Menschen nach einem langen Arbeitsleben nicht Ruhe und Beschaulichkeit verdient? Nun, die Entfaltung von Fähigkeiten im Alter meint weniger ausgedehnte Reisen oder sportliche Gewaltstrainings. Sie meint vielmehr die intensive, mit Faszination verbundene Realisierung von Fähigkeiten, die während langer Zeit aus irgendwelchen Gründen blockiert waren.

    Immanuel Kant, Philosoph: «Im Alter nimmt die Urteilskraft zu und Genie ab.»

    Auch wenn sie von Kant ist, lässt sich dieser These nicht vorbehaltlos zustimmen, man muss sie weiter differenzieren. Sicher ist, dass die dominante Defizitthese, die von einem generellen Abbau im Alter ausgeht, nicht mehr tragbar ist. Es können auch in diesem Lebensabschnitt noch innovative Intelligenzformen auftreten, die Entwicklungsmöglichkeiten – und damit Genie - zulassen.

    Dies gilt vor allem für die Pragmatik der Intelligenz, vergleichbar mit der Software des PC. Dazu gehören Sprachverständnis, Sachwissen und Denkstrategien. Wer ein Leben lang Spezialwissen in bestimmten Bereichen erworben hat und diese besonders pflegt und weiterentwickelt, kann nicht nur bis ins Alter Höchstleistungen erbringen, sondern ist auch weniger von Gedächtnisverlusten betroffen.

    Vom Abbau betroffen ist jedoch die Mechanik der Intelligenz, was in etwa der Hardware beim PC entspricht. Eindrücklich nachgewiesen ist die altersbedingte Begrenzung der Memorierungsfähigkeit oder des Lernens von Neuem und Komplexem.

    Ingmar Bergmann, Regisseur: «Mit dem Alt-werden ist es wie mit dem Auf-einen-Baum-steigen: Je höher man steigt, desto mehr schwinden die Kräfte, aber desto weiter sieht man.»

    Ich würde diese These zwar unterstützten, aber noch genauer formulieren. Denn das Talent – weiter sehen zu können – entsteht nicht einfach dadurch, dass man auf die Zähne beisst und sich bemüht, nach oben zu kommen. Vielmehr muss der alternde Mensch lernen, Elemente des des Verlusts zu akzeptieren und gewinnbringend in seine Talententwicklung zu integrieren. Das zeigt das so genannte SOK-Prinzip der selektiven Optimierung mit Kompensation von Paul Baltes. Es besagt, dass der Mensch diejenige Möglichkeit auswählt, die er verwirklichen will, sie optimiert, um sein Talent zur Geltung zu bringen und die fehlenden Eigenschaften oder Handlungsmöglichkeiten kompensiert. Der berühmte Pianist Arthur Rubinstein ist ein hervorragendes Beispiel hierfür. Auf die Frage, weshalb er mit 80 Jahren noch ein so guter Pianist sein könne, antwortete er: weil er sein Repertoire verringert habe (Selektion), diese Stücke mehr als früher übe (Optimierung) und – weil er die ausgewählten Stücke nicht mehr so schnell wie früher spielen könne – verlangsame er vor besonders schnellen Passagen sein Tempo, so dass sie dann wieder ausreichend schnell erscheinen würden (Kompensation).

    Paul Baltes, Forscher: «Erfolgreiches Altern ist unsere wichtigste Zukunftsressource.»

    Aus dem bisher Gesagten kann diese Aussage nur unterstrichen werden. Alte Menschen werden bald als die Generation der Zukunft gelten. Derzeit ist ein Fünftel der Bevölkerung über 60 Jahre alt, bis 2030 werden es gut ein Drittel sein. Die enorm gestiegene Lebenserwartung ist eine grosse Herausforderung mit weitreichenden Konsequenzen, vor allem dann, wenn sich immer mehr Menschen immer früher pensionieren lassen. Wenn jedoch die Forschung nachweist, wie wichtig die kognitive Herausforderung im Alter ist, dann kann Pensionierung auch geradezu schädlich sein. Denn um fit zu bleiben, braucht das Gehirn eine Vielfalt an Stimulation. Ruhestand ist so verstanden eine Art Winterschlaf, weil Inaktivität das Gehirn schädigt. Talente zu entwickeln und Expertise zu pflegen ist deshalb eine Anpassungsstrategie für ein erfolgreiches Altern.

    Rolf Dörig, Präsident Swiss Life: «Wir werden bis 70 und länger arbeiten müssen.»

    An dieser Aussage scheiden sich die Geister. Dies hat sich daran gezeigt, wie sehr die Boulevardblätter ob dieser Aussage aufgejault haben. Dabei haben viele Ältere inzwischen andere Probleme: Ohne seniorisiert und frustriert zu werden, möchten sie länger oder vor allem anderes arbeiten, dürfen aber nicht.

    Talent und Expertise im Alter werden aber auch aus anderen Gründen möglicherweise die heisse Frage der Zukunft werden: Stichwort „Fachkräftesicherung“. Angesichts des enormen Mangels an Fachkräften – man erwartet bereits in den nächsten Jahren, dass jede zweite Stelle nur schwer besetzt werden kann. Nur: Die wichtigste Einsicht zum Alter, die von der Politik seit Jahren überhört wird, ist nicht die: länger arbeiten! sondern: zur Kenntnis nehmen, dass das Lebensalter ein ganz schlechter Indikator für die Leistungsfähigkeit ist. Von einem pauschalen Pensionierungsalter ist deshalb wenig zu halten. Vielmehr ist die Frage der Arbeitskraft und des Potenzials stärker vom Alter zu trennen. Wir sollten uns deshalb Gedanken machen, wie Kapazitäten Älterer einzusetzen sind, damit sie Schwerpunkte ihrer Tätigkeit vertiefen oder verändern oder sich anders orientieren können – auch dann, wenn die Mechanik von Körper und Geist anfälliger wird. Ein so verstandenes Lebenslanges Lernen setzt auf die Entwicklung und Entfaltung von Potenzialen und Talenten Älterer und damit auch auf eine Neuorientierung von Qualifikationsprofilen.

     * http://bit.ly/1YBQIrl

    * http://bit.ly/1TlCsjE

     

  • Janet Yellen ist seit dem 1. Februar 2014 die erste Frau, welche der mächtigsten Notenbank der Welt, dem Federal Reserve Board (Fed) vorsteht. Geboren am 13. August 1946 war sie zu diesem Zeitpunkt genau 67.6 Jahre alt. Zwei Jahre nach dem offiziellen Pensionierungsalter schlägt sie das wichtigste Kapitel ihrer Laufbahn auf.

    Weshalb erwähne ich Yellen? Aus zwei Gründen: erstens, weil sie ein Modell dafür ist, dass die Laufbahn von Frauen oft anders verläuft als die von Männern; zweitens, weil Michael Schönenberger in seinem guten NZZ-Artikel «Scheinargument im Rentenalter»* (8. Februar 2014) eine Studie des Forschungsbüros Infras zitiert, welche empirisch belegt, dass auch in der Schweiz seit 2008 eine deutliche Zunahme der Erwerbsbeteiligung über das Rentenalter hinaus festzustellen ist, ganz besonders bei Frauen – aber auch bei den Männern. Yellen dürfte damit ein neues Modell für einen Berufsverlauf werden, der das lange Leben berücksichtigt.

    Frauen erreichen ihren Karrierehöhepunkt später als Männer. Diese Erkenntnis kann sich für junge und jüngere Paare als hilfreich erweisen. Wenn Frauen und ihre Partner ihr Denken neu justieren und einsehen, dass bedeutsame Leistungen auch (lange) nach der Lebensmitte erbracht werden können und auch sollten, dann sind sie möglicherweise eher in der Lage, eine familiäre Work-Life-Balance mit weniger Druck und Dissonanzen zu finden. Aus meiner Erfahrung weiss ich selbst, wie lang das Leben noch ist, nachdem einen die Kinder nicht mehr Tag und Nacht brauchen. Wenn sich das Nest leert und der Nachwuchs langsam flügge wird, liegt noch ein beträchtlicher Teil des Arbeitslebens vor uns. Eltern, die ihr berufliches Engagement mit kleinen Kindern zurückschrauben, können später immer noch hohe Karrieresprossen erreichen.

    Wäre es nicht eine befreiende Einsicht, daran zu denken, dass man im Leben nicht alles gleichzeitig erreichen und haben muss? Sich etwas zurücklehnen können in einer bestimmten Lebensphase verhindert nicht, sich in einer späteren Lebensphase nochmals richtig reinzuhängen. Genau deshalb ermahnen Experten immer wieder, Frauen und Männer sollten ihre Karriere nicht als Leiter, sondern als Gitter verstehen: Horizontale Veränderungen folgen vertikalen und diese wiederum folgen horizontalen Veränderungen. Es mag zwar länger dauern, um an die Spitze zu gelangen, aber das heisst überhaupt nicht, dass man sie nicht erreicht.

    Selbstverständlich bin ich weit von der Behauptung entfernt, die zeitliche Ausdehnung der Karrierelaufbahn sei immer eine freie Wahl. Für Familien aus bescheidenen Sozialschichten oder für Alleinerziehende ist es eine Notwenigkeit, möglichst in kurzer Zeit einen angemessenen Lohn zu verdienen. Und auch für viele Männer und Frauen in körperlich anstrengenden Berufen ist dies keine willkommene Option.

    Trotzdem ist es eine Perspektive, welche in unserer Gesellschaft fast vollkommen ausgeblendet wird. Dies ist politisch falsch, nicht familienfreundlich und auch nicht auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum langen Leben ausgerichtet. So zeigt die Entwicklungspsychologie der Lebensspanne, dass ältere Menschen heute viel fitter, veränderbarer, entwicklungsfähiger und auch entwicklungswillig sind als jede Generation zuvor. Paare sollten deshalb einen «Masterplan» für ihr gemeinsames Leben aufstellen und von der Vorstellung wegkommen, dass bis 40 alles erreicht sein muss: die Kinder, das Einfamilienhaus und zwei Karrieren auf dem Höhepunkt. Ein solcher Masterplan verhindert, dass – und dies wissen wir ebenfalls aus verschiedenen Studien – ein Paar dann doch zuerst auf die Karriere des Mannes setzt und die Frau den Wiedereinstieg oder die Karriere nicht mehr schafft. Herzstück dieses Masterplans ist «die Kunst des gemeinsamen Wachsens». Jürg Willi* (1985) hat vor fast dreissig Jahren aufgezeigt, wie dies geht: wie Paare gut miteinander leben können, wie sie Wünsche nach Selbstverwirklichung und Autonomie in der Auseinandersetzung mit dem Partner entwickeln und verwirklichen können.

    Nicht nur Paare, auch unsere Gesellschaft braucht einen neuen Masterplan, der die Entwicklung über die gesamte Lebensspanne in den Blick nimmt, auch das Potenzial jenseits des 50. Geburtstages. Ich bin überzeugt, dass in Zukunft viele Frauen und Männer «Yellens» werden können, welche ihren Karrierehöhepunkt erst spät erreichen werden, gar die Pensionierung hinausschieben oder sie mit Teilzeitarbeit verbinden. Janet Yellen ist ein Musterbeispiel dafür, dass länger arbeiten auch heissen kann, die Position zu erreichen, auf die man hingearbeitet hat. Es gibt viele Beispiele, dass das Berufsleben mit 65 Jahren nicht vorbei ist. Im Gegenteil, viele von ihnen laufen sich erst warm.

     

    Literatur

    *Schönenberger, M. (2014). Scheinargument zum Rentenalter, NZZ, 08.02.,http://www.nzz.ch/aktuell/schweiz/scheinargument-zum-rentenalter-1.18238353

    ** Willi, J. (1985). Die Kunst gemeinsamen Wachsens - Ko-Evolution in Partnerschaft, Familie und Kultur. Reinbek: Rowohlt.

  • Ein Teil dieses Blogs ist erschienen in der Aargauer Zeitung/Nordwestschweiz, 08.12.2014, 16.

    Wir alle kennen die Sehnsucht: Das Ziehen in der Brust, das heftige und schmerzliche Verlangen nach etwas Unerfüllbarem – aber auch das Schwelgen in der Vorstellung vom grossen Glück. Sehnsucht ist eine Quelle von Lebendigkeit, aber auch ein Grund für masslose Enttäuschungen, wenn sie nicht erfüllt wird. Das beste Beispiel für die Sehnsucht als bittersüsse Zwiespältigkeit ist das Weihnachtsfest, das Fest der Liebe, der Geborgenheit und Besinnlichkeit.Ist es dann da, sieht die Realität oft anders aus, und man ist bitter enttäuscht, wenn der Haussegen wieder schief hängt. Deshalb gehört das Bedauern zur Sehnsucht wie der Schatten zum Licht.

    Sehnsucht ist ein urdeutsches Konzept. Dichter und Philosophen aller Zeiten haben ihren lustvoll-schmerzlichen Zustand in literarischen Gestalten wie Romeo und Julia, Faust und Gretchen oder Tristan und Isolde besungen. Offenbar übt die unerreichbare persönliche Utopie, die erlebte Unvollständigkeit, eine besondere Anziehungskraft auf uns aus. Sehnsucht gilt denn auch – nach Liebe und Gemütlichkeit – als drittschönstes Wort im deutschen Sprachraum.

    Es ist somit keine Frage: Sehnsucht treibt uns um. Sie bestimmt den Menschen über die gesamte Lebensspanne hinweg, von der Kindheit bis zum Tod. In der Kindheit zeigt sie sich als Heimweh, im Jugendalter als Fernweh und im Erwachsenenalter vielleicht als Utopie der Zukunft oder – mit Blick auf die Vergangenheit – als Nostalgie. Ganz unterschiedlich sind jedoch die Inhalte, welche die Sehnsucht beflügeln. Junge und jüngere Menschen sehnen sich eher nachder grossenLiebe, nach einem Kind und einem guten Beruf. Im mittleren Lebensalter ist es vor allem eine erfüllte Partnerschaft, und bei älteren Menschen sind es persönlich gefärbte Motive oder die Sehnsucht nach dem verlorenen oder einem neuen Partner.

    Die Sehnsucht gilt bis heute als wenig erforscht. Die«Sehnsuchtsforscher» sind fast an einer Hand abzuzählen: Paul Baltes*, Susanne Scheibe**, Werner Schmid*** oder Werner Gross****. Gerade deshalb interessiert unsere Forschungsstudie «Talent Scout 60+», welche die Entwicklung der Potenziale und Interessen von Menschen auf dem Weg in die Pensionierung untersucht. Im Kern zeigt sie nämlich auf, dass sich älteren Menschen um die 60 offenbar eine besondere Form von Sehnsucht eröffnet: eine starke Suche nach Optimierung, Veränderung oder Vollendung. Dieser Befund ist allerdings kaum überraschend, vielmehr hat er eine innere Logik. Heute gilt die Pensionierung nicht mehr als Anfang einer Restzeit, sondern als Start in eine neue Lebensphase, in der das Leben umgekrempelt werden kann. Sehnsucht ist deshalb Ausdruck des drängenden Wunsches nach neuen Lebensumständen, Lebensentwürfen oder auch nach Vollendung. Sie kann zum Inbegriff der Freiheit werden, nichts mehr so belassen zu müssen, wie es ist und alles neu in Bewegung setzen zu können. Sehnsucht kann deshalb auch als wichtiger Motivator verstanden werden, vielleicht auch als Strategie, um «erfolgreich» zu altern, d.h. Wege zu finden, wie der Geist die Biologie und damit Defizite und Verluste erträglich werden lassen oder überwinden kann.

    Sehnsucht speist sich aus sechs Komponenten, die auch im Portrait von Anna B. (siehe unten) aus unserer Talent Scout-Studie zum Ausdruck kommen:

    Unvollkommenheit: Das Gefühl, dass einem etwas im Leben fehlt.

    Utopie: Die persönliche Utopie, dass man etwas erreichen möchte, wahrscheinlich aber nie mehr erreichen wird.

    Gefühlsambivalenz: Ein ersehntes Ziel vor Augen haben und gleichzeitig wissen, dieses wahrscheinlich nicht zu erreichen.

    Reflexion: Ein intensives, jedoch selbstkritisches Nachdenken über das Ersehnte und das Bewerten des derzeitigen Entwicklungsstandes, oft im Vergleich zu anderen.

    Dreizeitigkeit: Das gleichzeitige Sehnen nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

    Symbolgehalt: Symbole als Stellvertreter von Sehnsuchtsobjekten (z.B. das Meer als Verkörperung der Freiheit, Unendlichkeit und Nähe zur Natur).

    Die schmerzlich-schöne Utopie eines vollkommenen Lebens kann eine Quelle der Motivation, gleichzeitig aber auch der Resignation sein. Weil Sehnsucht sowohl befreien als auch lähmen kann, wohnen ihr zwei Gefahren inne: erstens, dass sie mit der Erfüllung ihren Sinn verliert und sich in Gewohnheit verwandelt. Denn mit dem Erreichen wird das so innig Ersehnte leblos und leer. Die zweite Gefahr ist die, dass unbändige Sehnsucht ausser Kontrolle gerät, negative Folgen haben und in Melancholie oder Nostalgie umschlagen kann.

    Sowohl Erfüllung als auch Nichterfüllung können Ursachen sein, damit der Mensch aus lauter Sehnen krank wird und aus Sehnsucht Sucht entstehen kann. Dies ist zumindest eine mögliche Erklärung für die Ergebnisse aktueller Studien, wonach in der Schweiz rund jede zehnte Person über 65 eine süchtige Abhängigkeit entwickelt, nicht selten sogar erst nach der Pensionierung.

    Die entscheidende Frage ist somit die, wie wir mit Sehnsüchten umgehen. Denn trotz der beschriebenen Gefahren ist Sehnsucht unverzichtbar. Wir brauchen ihre Energie, die sie in uns freisetzen kann. Um der Sucht zu entgehen, bedarf es gemäss dem Philosophen Werner Schmid*** einer Anstrengung der bewussten Lebensführung. Sie besteht darin, den Unterschied zwischen dem Ersehnten und dem Realen zu bewältigen und dadurch die Sehnsucht derart zu mässigen, so dass sie zu unseren vorhandenen Möglichkeiten passt. Dann wird sie eine Kraft, die der Einzelne nutzen kann, um ein blockiertes Ziel zu lösen oder dem Leben eine neue Richtung zu geben. Voraussetzung ist jedoch: Man denkt über sich nach. Warum nicht gerade in der Adventszeit?

     

    Anna, B. (60+),Personalberaterin, die eigentlich gerne Musikerin geworden wäre, sagt: Ich finde es schade, dass ich in meinem Berufsleben so wenig auf Musik habe setzen können («Unvollständigkeit»). Mein Lebenstraum heute wäre, einmal in einer Formation zu spielen – aber ich befürchte, dafür bin ich zu alt («Unerreichbarkeit»). Wenn ich an meine jungen Jahre denke, wie ich an der Expo 68 Klavier gespielt habe, dann macht mich dies glücklich, gleichzeitig aber auch traurig, weil ich wahrscheinlich nie mehr dieses Niveau erreichen werde («Gefühlsambivalenz»). Heute frage ich mich häufig, wenn ich die junge und jüngere Generation sehe, was ich hätte anders machen können, um mich mehr der Musik zu widmen («Reflexion»). Als Kind hätte ich von meinen Eltern alles haben können. Das geht mir oft durch den Kopf. Deshalb ist es heute ein inniger Wunsch von mir, ein Instrument zu lernen und noch etwas Neues zu erreichen. Musik zu machen ist für mich eine kreative Energie, die ich so bisher nicht gekannt habe («Symbolgehalt»).

     

    * Baltes, P. (2008). Positionspapier: Entwurf einer Lebensspannen-Psychologie der Sehnsucht. Psychologische Rundschau, 59, 2, 77-86.http://www.sozialpsychologie.uni-frankfurt.de/wp-content/uploads/2012/10/baltes-2008-sehnsucht.pdf

    ** Scheibe, S. (2005).Longing («Sehnsucht») as a new lifespan concept: A developmental conceptualization and its measurement in adulthood.Dissertation, Freie Universität, Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie, Berlin.

    *** Schmid, W. (o.J.) Von der Bedeutung der Sehnsucht. Warum Menschen sich sehnen und warum Erfüllung so schwer ist.http://spol.ch/20jahre/wp-content/uploads/2011/04/Von-der-Bedeutung-der-Sehnsucht.pdf


    **** Gross, W. (2002). Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht. Freiburg.

     

     

     

  • Innenminister Alain Berset will das Pensionsalter auf 65 Jahre erhöhen. Der Verwaltungsratspräsident des Lebensversicherers Swiss Life, Rolf Dörig, rechnet mit einem künftigen Pensionsalter in der Schweiz ab 70 Jahren. Zudem plädiert er für die Flexibilisierung des Rentenalters. Sind das gute oder schlechte Nachrichten?

    Sicher schlechte für alle, welche sich auf das 'Dritte Lebensalter' freuen und die Rente ab 60 eingeplant haben. Doch, ist es eine gute Nachricht für all diejenigen, welche länger arbeiten wollen und künftig vielleicht auch dürfen? Ich will in diesem Blog versuchen, zwei Perspektiven voneinander zu unterscheiden. Die erste Perspektive ist die, dass eine Erhöhung des Rentenalters und seine Flexibilisierung nicht genügen. Die zweite Perspektive orientiert sich an den optimistischen Erkenntnissen aus der Forschung zu den Schätzen des Alter(n)s, welche in unserer Gesellschaft bisher weitgehend brach liegen und gehoben werden könnten.

    Diese beiden Perspektiven zusammenzubringen ist jedoch ein schwieriges Unterfangen. Zum einen geht es um die demographische Entwicklung unserer Bevölkerung im internationalen Vergleich, zum anderen um das Wissen zum individuellen Innovationspotenzial im Alter respektive beim Altern. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Schweizer Bevölkerung mehr altert als die Bevölkerung in anderen Staaten. In wenigen Jahren werden wir ein deutliches Mehr an Alten und ein deutliches Weniger an Jungen haben. Dazu kommt, dass andere Staaten – wie etwa die USA – führend sind in der Anzahl zugewanderter Topstudenten, insbesondere solcher aus dem asiatischen Raum. Ihr Innovationspotenzial an jungen Menschen wird somit deutlich höher sein als das unsrige. Das ist somit ein Risikofaktor.

    Obwohl uns künftig der Nachwuchs fehlen dürfte, gibt es auch positive Signale aus der Forschung. Diese Signale gehen in Richtung einer hoffnungsvollen körperlichen und intellektuellen Entwicklung im dritten Alter (nicht jedoch im vierten Alter). Das Lern- und Wissenspotenzial älterer Menschen ist beispielsweise deutlich grösser als man bisher angenommen hat. Obwohl sie nicht mehr so gut und so schnell wie Jüngere lernen können, verfügen sie somit über ein beträchtliches Entwicklungspotenzial. Dazu kommt das, was oft die Vitalisierung des Alters genannt: Die heutigen 70jährigen sind genauso fit wie die 60jährigen der vergangenen Generationen. Man schaue nur einmal, was wie fit die legendären Sauterelles von Toni Vescoli sind, die es mit 70 noch einmal wissen wollen. Vor diesem Hintergrund wäre die Forderung gerechtfertigt, die Altersstatistiken neu zu schreiben.

    Daraus jedoch zu schliessen, der Mensch könne einfach im gleichen Beruf länger, also beispielsweise bis 70, tätig sein, ist falsch. Aus der verhaltenswissenschaftlichen Forschung gibt es nämlich Erkenntnisse, welche  viel stärker berücksichtigt werden müssten. Erstens gibt es einen negativen Altersgradienten in der Mechanik der Intelligenz, also der Schnelligkeit und Präzision der Informationsverarbeitung. Dazu kommt zweitens, dass der alternde Körper in jedem Falle – auch wenn Anti Aging angewendet wird – mehr an geistigen Reserven braucht. Demzufolge werden ältere Mitarbeitende – auch wenn sie höchst motiviert sind – langsamer; sie können nicht mehr so flexibel denken und haben zunehmend Schwierigkeiten mit Multi Tasking. Im Durchschnitt verliert der Mensch ab dem 40. Altersjahr etwa 1% bis 2% seiner Schnelligkeit und Präzision. Es gibt aber auch Bereiche, die im Alter weiterentwickelt werden können, z.B. Klugheit, Ausdauer oder Besonnenheit. In diesen ist der alternde Mensch den Jüngeren oft überlegen.

    Sicher ist, dass die Lebensarbeitszeit ein wichtiges Reformthema sein muss, vor allem aufgrund der Tatsache, dass immer mehr Menschen immer früher aus dem Erwerbsleben aussteigen und sich früh pensionieren lassen, obwohl sie körperlich und geistig fit sind. Aber meines Erachtens ist es falsch, dass wir weiterhin auf unser traditionelles System setzen, das Menschen am angestammten Arbeitsplatz alt werden lässt und von ihnen verlangt, dass sie zukünftig einfach noch ein paar Jahre anhängen oder gar ausharren. Wenn wir etwas aus der Forschung lernen können, dann dies: dass Alter(n) sowohl Abbau als auch Entwicklung, sowohl Gewinn als auch Verlust, ist. Daraus folgt, dass ein Umsteigen auf neue, solchen Tatsachen gerecht werdende Berufe möglich werden muss. Wieso beispielsweise könnte ein Banker mit 50 Jahren nicht seine sozialen Begabungen entwickeln, eine Weiterbildung absolvieren, um dann vielleicht eine Kinderkrippe leiten zu können? Vielleicht sind solche Berufe dann weniger prestige- und einkommensträchtig, aber eher den verfüg- und  entwickelbaren Kompetenzen angepasst und mit einer neuen Zukunft versehen. Ein so verstandenes Talenbtmanagement ist jedoch eine präventive Aufgabe von Betrieben, die lange vor dem Zeitpunkt des geplanten Ausstiegs oder Verbleibs zum Tragen kommen muss.

    Mein Fazit: Das Alter(n) birgt sowohl für das Individuum als auch die neuen gesellschaftlichen Herausforderungen in einer globalisierten Welt des Wettbewerbs ungeahnte Schätze, die zu heben einer anderen Strategie bedürften als lediglich die Diskussion und Einführung eines erhöhten Rentenalters.  

  • Viele haben sich in den Medien schon geäussert zum Strassenfest «Tanz dich frei» in Bern vom Samstag, den 2. Juni 2012. Viele haben auch Bilanz gezogen. Während sich die Befürworterseite zufrieden gegeben hat, kritisierten Gegner neben der Durchführungsart – das Fest war unbewilligt gewesen – vor allem die Folgen der Abfallberge oder der Sprayereien. Daneben sind ein paar grundsätzliche Fragen aufgeworfen worden, etwa, wie man mit den Forderungen der Jugend nach mehr Freiraum umgehen sollte. Bilanzierend hält die Mehrheit fest, dass es sich hoffentlich um eine einmalige Sache handle, man aber auf dieses Zeichen jetzt reagieren sollte.

    Insgesamt hat sich gezeigt, dass die ältere Generation «Tanz dich frei»-Aktionen eher ablehnt. Befürchtet wird denn auch, die Idee könnte zum Anfang neuer Jugendunruhen werden. Vielleicht war deshalb auffallend häufig die Rede davon, dass es sich um ein déja-vu handle, im Sinne von: «Das haben wir, als wir jung waren, auch so gemacht.» Dies scheint mir allerdings zu einfach gedacht, denn die Gründe, die hinter solchen Aktionen stecken, sind sehr oft unklar, für uns Ältere sowieso. Die Welt ist zu komplex, als dass wir erklären könnten, was denn genau für die Jugendlichen unerträglich ist. Meines Erachtens ist in der ganzen Diskussion bisher wenig herausgekommen.

    Für mich ist «Tanz dich frei» eine wichtige Angelegenheit. Aber ausschliesslich in Bezug auf die Idee, nicht in Bezug auf die rechtlichen Bedingungen und die finanziellen Folgen. Denn «Tanz dich frei» zeigt, dass sich die Jugend noch empören kann. Unsere Demokratie lebt davon. In diesem Sinn ist Empörung kostbar. Erst, wenn man sich empört, wird man aktiv und engagiert. ‚Ohne-Mich‘-Typen sind das Schlimmste, was unserer Gesellschaft widerfahren kann, die Fähigkeit zur Empörung ist jedoch konstitutiv für unsere Demokratie.

    Nur, wofür lohnt sich Empörung? Tatsächlich für «Tanz dich frei»? Gibt es nicht viele andere Themen, für die sich Empörung lohnen würde? Beispielsweise für junge Migrantinnen und Migranten, die wegen ihrem Namen oder ihrem Pass nach wie vor gegenüber den Schweizer Jugendlichen enorm benachteiligt sind? Für ältere Menschen, d.h. für 50+, die immer mehr Schwierigkeiten haben, eine ihnen angemessene berufliche Tätigkeit zu behalten oder zu finden? Oder ganz allgemein für mehr Bildung und weniger Kampfjets? Man könnte auch ins kriselnde Ausland schauen und sich darüber empören, dass junge Griechen oder Spanier, als verlorene Generation bezeichnet, verzweifelt um eine Ausbildung und einen Verdienst kämpfen.

    «Tanz dich frei» -Sympathisanten und -Anhängern, aber auch -Gegnern, sei empfohlen, das kleine Büchlein von Stéphane Hessel «Empört Euch!» zu lesen. Es ist zwar kein Meisterwerk für eine dichte Argumentation, wohl aber für gelingende Bekenntnisse. Und es ist ein Werk, das berührt. Hessel ist 93 Jahre alt, und er ist immer noch beseelt von unverwüstlichem Zutrauen in die Möglichkeiten der Entwicklung von Empörung. In seiner hoffnungsvollen Botschaft liegen vielleicht auch Ideen für «Tanz dich frei».

    Im Büchlein von Stéphane Hessel steht dieser Angelus Novus von Paul Klee (1920) als Einleitung. Auf ihn hat sich Walter Benjamin (1940) bezogen, als er diesen Engel in Abwehrhaltung gegenüber einem Sturm diskutierte und den Sturm selbst als gesellschaftlichen Fortschritt bezeichnete.

  • Ich habe Jahrgang 1950. Viele meiner Altersgenossinnen und -genossen haben sich schon vor einiger Zeit langsam oder abrupt aus dem Berufsleben zurückgezogen. Das ist aber kaum etwas Besonderes, sondern entspricht einem allgemeinen gesellschaftlichen Phänomen, welches in allen westlichen Staaten beobachtbar ist. Obwohl ältere Menschen körperlich und geistig fitter sind als alle Generationen zuvor, steigen sie immer früher aus dem Arbeitsleben aus. Meine These ist dabei die, dass es neben den ökonomischen Ausstiegsanreizen keine Kultur der Arbeit für Ältere gibt. Das, was vielen von ihnen – und auch solchen, die durchaus noch arbeitswillig sind – angeboten wird, ist zu wenig auf die Potenziale des Alter(n)s zugeschnitten. Ich behaupte, dass es gerade die oft erfahrene «Seniorisierung» und zunehmende Geringschätzung ist, welche viele Menschen dazu bewegt, den Zeitpunkt ihres Abganges schon früh festzulegen und ab dann auch einen «Schongang» einzulegen.

    In unserer Gesellschaft wird der Mensch während den ersten zwanzig bis dreissig Jahren ausgebildet und in den Beruf eingeführt. Danach arbeitet er im Beruf und verbringt schliesslich fast dreissig Jahre in der Phase, die wir «Ruhestand»nennen. Das ist absurd. Und zwar nicht nur, weil sich auf diese Weise die Lebensarbeitszeit auf etwa 30 Jahre verkürzt, sondern auch, weil Kognitionspsychologie, Lebensspannenforschung und Bildungswissenschaften schon lange nachweisen, dass Geist, Wissen und Erfahrung im Alter zulegen können. Der Mensch entwickelt sich, so lange er lebt. Das Wissen Älterer ist somit eine zentrale Ressource, die unsere Gesellschaft jedoch kaum nutzt. Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und der damit verbundenen Bemühungen um Fachkräftesicherung bekommt diese Thematik jedoch eine neue Bedeutung. Dies haben diejenigen Betriebe erkannt, die verstärkt diskutieren, welchen Gewinn ältere Mitarbeitende darstellen und wie schwer es ist, ihre Fähigkeiten und ihre Expertise zu ersetzen.

    Zwar darf man das Alter(n) nicht beschönigen, und auch die Forschung liefert keinesfalls nur gute Nachrichten: Im Bereich der biologisch bestimmten Mechanik der Intelligenz ist ein Rückgang bereits ab dem frühen Erwachsenenalter beobachtbar. Ob man das will oder nicht: Ältere Mitarbeitende werden von jüngeren Mitarbeitenden mit Sicherheit in der Fähigkeit zum Memorieren, in der Wahrnehmungs- und Verarbeitungsgeschwindigkeit sowie im Lernen von Neuem und Komplexem überflügelt. Zwar können Ältere durch Training ausserordentlich positive Resultate in diesen Bereichen erzielen, doch bleiben die Unterschiede – wenn auch nicht mehr so gross – bestehen. Andererseits gibt es gute Nachrichten aus dem Bereich der kulturell bestimmten Pragmatik der Intelligenz. Hier sind positive Entwicklungen von Mitarbeitenden bis ins hohe Erwachsenenalter möglich. In erster Linie sind es Erfahrungs-, Sach- und Expertisewissen sowie Denkstrategien und Kreativität, welche sie gegenüber jüngeren Mitarbeitenden auszeichnen. Deshalb können sie beispielsweise verlangsamte Reaktionszeiten mit Berufs- und Lebenserfahrung ausgleichen.

    Aus der Forschung zur Weiterbildung älterer Arbeitnehmender wissen wir, dass eine angemessene Personalpolitik, die auf Alterungsprozesse ausgerichtet ist, einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit leisten kann. Deshalb erstaunt, dass nur wenige Unternehmen in dieser Richtung innovativ sind. Weshalb werden die meisten Betriebe erst dann aktiv, wenn sie einen akuten Bedarf an Arbeitskräften haben? Weshalb haben sie kein Talent Management etabliert, das früh beginnt und auch auf ältere Arbeitnehmende ausgerichtet ist? In erster Linie aufgrund der herrschenden Altersstereotype, die meist negativer Art sind. Sie setzen Alter ausschliesslich mit Abbau, geringerer Innovationsfreudigkeit und mangelnder Leistungsbereitschaft («innere Kündigung») der Arälteren Arbeitnehmenden und auch mit mehr gesundheitlich bedingten Ausfällen gleich.

    Betriebe müssten vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und dem Fachkräftemangel Zukunftsperspektiven suchen und neue Wege beschreiten. Das heisst: anstatt eine reaktive, eine proaktive und altersgerechte, d.h. lebenszyklusorientierte Personalpolitik aufbauen. Was zeichnet eine solche Personalpolitik aus?

    • Sie setzt auf einen Beginn in jungen Jahren und sieht ein langfristiges Talent Management vor.
    • Sie ermöglicht eine flexible Arbeitsorganisation.
    • Sie setzt auf kontinuierliche Weiterbildung.
    • Sie erlaubt einen flexibler Personaleinsatz (z.B. Telearbeit, flexible Arbeitszeiten, altersgemischte Teams, Jobrotation).Sie trifft Massnahmen zur Gesundheitsförderung.
    • Sie reflektiert ihr betriebliches Altersbild.

    Gerade den vorherrschenden Altersbildern in den Unternehmen kommt höchste Bedeutung zu. Denn negative Altersbilder erweisen sich in zweifacher Weise als Hindernis: Erstens werden ältere Arbeitnehmende auf dieser Basis kaum eine positive Weiterbildungsneigung entwickeln (oder entwickelt haben) und zweitens dürfte die Bereitschaft der Unternehmen bescheiden sein, spezielle Fördermassnahmen für sie in die Wege zu leiten.

    «Älter und trotzdem innovativ» – das könnte zu einem neuen Programm der Personalpolitik in Betrieben werden. Dabei sollte eine altersgerechte Arbeit im Mittelpunkt stehen und nicht lediglich die lineare Fortführung der bisherigen Arbeit. Und zwar deshalb, weil 50+-Mitarbeitende über ein bemerkenswertes Potenzial im Bereich des Expertise- und Erfahrungswissens verfügen, in Bereichen jedoch, in denen Geschwindigkeit und Flexibilität gefordert sind, kaum mehr das Niveau eines jüngeren Mitarbeiters oder einer jüngeren Mitarbeiterin erreichen. Erwerbsarbeit, die bis zur Pensionierung – oder gar bis zum 70. Lebensjahr – die gleiche bleibt, ist deshalb der falsche Ansatz. Vielmehr gilt es, auf der Basis solcher Erkenntnisse neue Modelle zu entwerfen und sie in der Praxis zu konkretisieren. Ältere Mitarbeitende könnten so als old professionals zu einer neuen Fachkräfte-Avantgarde heranreifen.

  • Wir waren zwei Wochen auf der wunderbaren Nordseeinsel Sylt in den Ferien. Vorher hatten wir in Hamburg und Umgebung Halt gemacht. Dieser Teil Deutschlands ist einmalig: wunderbare Landschaften, angenehmes Klima und unzählige Freizeitmöglichkeiten. Wo schon findet man gleichzeitig Himmel und Meer, Brandungsbaden, mannshohe Wellen, Dünen, Wattwanderungen, Reetdächer, Strandkörbe, aber auch hüllenloses Baden an FKK-Stränden? Die Insel gilt als die Ferieninsel schlechthin. Schon im 19. Jahrhundert schwörte, wer auf Sylt Ferien machte, auf die heilende Kraft des Nordseeklimas. Doch was ist es, das Sylt so beliebt macht? Erstens, dass die Insel ein Paradies für Familien mit Kindern ist, zweitens aber auch ein Paradies für die «Ü65» inklusive für die Schönen und Reichen. Segen oder Fluch?

    Ein Segen ist Sylt sicher, weil die Insel als Ferienparadies der Familienfreundlichkeit wirbt. Ich habe noch selten so viele familienfreundliche Hotels und Clubs gesehen, in denen Eltern bereits Neugeborene von Babysittern betreuen lassen und ältere Kinder fast Tag und Nacht in die Obhut von Kinderanimatoren geben können. Es gibt sogar Restaurants, in denen Eltern ihren Nachwuchs auch fürs Essen im Kinder-Schlaraffenland abgeben und so ungestört unter sich sein können. Toben und Schreien sind sehr hier willkommen – in garantiert extra familienfreundlichen Zonen.

    Die andere Seite der Kinderfreundlichkeit ist der Fluch ihres Verbots. Zwischen Hamburg und Sylt gibt es eine schöne Anzahl Hotels, in denen Kinder unerwünscht sind. «Ü14» heissen sie in der Regel, und sie werben mit «Adults only». Familien- und kinderfreundlich zu sein ist in Deutschlands Norden – wie natürlich in vielen anderen Gegenden Europas und auch in anderen Kontinenten – keine Selbstverständlichkeit. Weshalb jedoch werden Kinder ausgesperrt? Eine Hotelière in Hamburg hat mir klipp und klar gesagt: «Weil Kinder keine dezenten und formbaren Gäste sind.» Sie seien nicht nur oft zu laut, schlecht erzogen und würden mit ihren Schokofindern alles dreckig machen, sondern vor allem auch die dezentere und einträglichere Kundschaft vertreiben.

    Über eine solche Aussperrtaktik kann man geteilter Meinung sein und es lässt sich durchaus von einem notwendigen Wettbewerb im Tourismus sprechen. Deshalb ist anzunehmen, dass sich Hotels zukünftig immer mehr spezialisieren werden: auf familienfreundliche Hotels, auf solche für Singles, für verliebte Paare, für «Ü65» oder eben für «Ü14». Nur frage ich mich, welche gesellschaftlichen Entwicklungen die Tatsache spiegelt, dass das eine Hotel damit wirbt, Kinder zu mögen und das andere, sie auszusperren. Ist es nicht abstrus, dass unsere Gesellschaft die Menschen immer mehr in Zonen für bestimmte Gruppen einteilt, während alle Welt von «Generationenhäusern», vom Wert der Grosseltern für ihre Enkel, aber auch von «interkultureller Kompetenz», von «Multikulturalität» oder «Diversity-Management» spricht?

    Kindergeschrei sei die Musik der Zukunft, damit unsere Gesellschaft überleben könne – stand vor ein paar Tagen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Eine Logik des Zwangsläufigen oder eher der Perversion? In den Ferien unter sich bleiben – das darf doch keine Nische mit Zukunft sein!

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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