Disziplin

  • «Mein Sohn Damian ist mein bester Freund.» Dies war die Antwort von Sylvie Meis (ehemals van der Vaart) in der deutschen BILD-Zeitung auf die Frage, was ihr denn in der schweren Zeit nach der Trennung von ihrem Ehemann, dem Profi-Fussballer Rafael van der Vaart, Kraft gäbe. Sylvie Meis hat damit vielen aus dem Herzen gesprochen: Partner kommen und gehen, das jedoch Kind bleibt. Deshalb setzen viele Eltern auf eine partnerschaftliche Erziehung. 

    Ist dies nicht eine optimale Errungenschaft unserer modernen Gesellschaft? Ausdruck dessen, dass es unseren Kindern besser denn je geht und dass sie nicht mehr unterdrückt werden? Tatsächlich mangelt es vielen von ihnen an kaum etwas: Kinder haben Rechte und gelten als selbstbestimmte Persönlichkeiten. Sie werden geliebt und Tag und Nacht von umsichtigen Vätern und Müttern umsorgt. Kinder entscheiden mit, sei es in der Familie, in der Schule oder in der Freizeit.

    In der Tat sind das Aspekte einer positiven pädagogischen und gesellschaftlichen Entwicklung. Keiner von uns möchte zur so genannten«schwarzen Pädagogik» zurück. Zum Beispiel zum Struwwelpeter, mit dem uns unsere Eltern drohten oder zum Teppichklopfer als Mahnmal elterlicher Autorität. Doch der Trend zum partnerschaftlichen Erziehungsstil ist trotzdem aus mindestens zwei Gründen hoch problematisch

    • Weil eine solche Erziehung die Tendenz hat, die Kindheit abzuschaffen. Väter und Mütter, welche den Nachwuchs als «Freunde» betrachten, formen ihn bereits im Babyalter immer mehr zu kleinen, partnerschaftlichen Erwachsenen. Schon kleine Mädchen und Knaben halten sich heute in Nobelrestaurants ganz selbstverständlich auf, gehen mit zur Eltern-Tanzstunde oder fliegen schon mal als Fünfjährige alleine nach New York. Eltern sind stolz auf ihre frühreifen kleinen Könige.
    • Weil damit eine massive Überforderung der Kinder einhergeht. Sie werden in eine Rolle gedrängt, die sie gar nicht erfüllen können. Denn Kinder werden nicht als fertig entwickelte Wesen – oder gar als kleine Persönlichkeiten – geboren. Deshalb meint «Er-Ziehung» auch eine von Erziehungsnormen geleitete Einübung in all die Kompetenzen, welche unsere Kultur bei mündigen Bürgern voraussetzt.

    Das partnerschaftliche Erziehungsmodell ist deshalb das ungeeignetste Mittel überhaupt. Eltern, die ihrem Kind ab Geburt Autonomie und unbegrenzte Selbstverwirklichung zugestehen, die es schon mit drei Jahren selbst entscheiden lassen, was gut für es ist und die sogar Erwachsenenthemen (oder Partnerprobleme) mit ihm besprechen, identifizieren sich zu stark mit ihm. Erziehung verlangt Distanz und bewusste Abgrenzung. Dies hat nichts mit autoritärer Erziehung zu tun, sondern mit der Schaffung des notwendigen Fundaments, welches das Kind für eine gesunde psychische Entwicklung. Braucht.

    Viele Eltern unterliegen dem Irrglauben, ihr Kind würde sich von selbst gut entwickeln, wenn es ihm materiell gut geht und es partnerschaftlich auf Augenhöhe erzogen werde. Leider ist diese Vorstellung falsch. Es braucht Eltern, die sich vom Kind abgrenzen und sich als Erziehende verstehen. Nur auf diese Weise können sie ihm zeigen, wie man emotionale, charakterliche, soziale, intellektuelle und lebenspraktische Kompetenzen erwirbt. Hierzu sind Regeln und Strukturen nötig, die den Kindern abverlangt und mit ihnen immer wieder eingeübt werden. Dazu gehören alltägliche Abläufe – etwa, dass und wie man sich alleine anziehen lernt, den Tisch abräumt, ein Bettritual einhält, den Schulsack packt. Dazu gehört aber auch, wie man lernt stillzusitzen, zuzuhören, zu warten, bis man etwas bekommt oder zu lernen, sich für etwas anzustrengen. Die psychischen Voraussetzungen für erfolgreiches schulisches Lernen, also eine adäquate Lernhaltung zu erwerben, müssen im Elternhaus eingeübt werden und nicht in der Kita, im Kindergarten oder gar in der Schule. Aber dies kann aber nicht durch einen partnerschaftlichen Erziehungsstil geschehen.

    Selbstverständlich wollen die meisten Eltern das Beste für ihr Kind. Aber sie sind sich oft kaum bewusst, dass sie mit ihrem partnerschaftlichen Erziehungsstil ihr Kind wie einen kleinen König behandeln, um den sich die ganze Welt dreht. Logischerweise ist es für solche Kinder spätestens beim Kindergarteneintritt selbstverständlich, dass sie nicht nur die Familie, sondern auch die ganze Welt steuern können. Es verwundert somit kaum, wenn sie gegen alles rebellieren, dauernd schlecht gelaunt sind und nichts gut finden. In einer solchen Situation bringen auch Erklärungs- und Aushandlungsversuche der Eltern wenig. Die Psyche solcher Kinder ist in einem dauernden Überforderungszustand.

    Partnerschaftliche Erziehung überfordert auch die Eltern: Denn immer mehr Energie aufbringen zu müssen und sich dabei förmlich zu zerreissen, um das Kind zufrieden zu sehen, sprengt die elterlichen Kapazitäten. Deshalb tendieren solche Eltern oft dazu, das Verhalten des Sprösslings als krank zu empfinden und nach entsprechenden Symptomen zu suchen. Dies erklärt sich unter anderem durch die auffallende Häufung von Störungen wie ADHS, Dyskalkulie oder Legasthenie. Ein Gang zum Experten dient dann als hilfreiche Bestätigung der bereits selbst gestellten Diagnose. Und wenn dieser Experte ihre Vorschläge nicht goutiert, wird er eben ausgewechselt – bis einer gefunden ist, der die eigene Vorstellung teilt.

    Für partnerschaftlich erzogene Kinder setzt sich dieser Teufelskreis in der Schule fort: Beschwert sich die Lehrkraft beispielsweise über das unangepasste oder vorlaute Verhalten des Kindes, empfinden die Eltern diese Lehrkraft schnell einmal als reaktionär und reagieren mit einer Klage oder gar einem Rekurs bei der Schulleitung. Damit jedoch schaden sie sich selbst. Denn der einzige Weg, vom überfordernden partnerschaftlichen Erziehungsstil wegzukommen wäre, den Blick auf den eigenen Umgang mit ihm dem Kind zu richten und einzusehen, dass es kaum die partnerschaftlichen Erziehungsstrukturen sind, welche Ordnung bieten und den überfordernden Druck vom Kind nehmen.

    Was könnte man tun, um den partnerschaftlichen Erziehungsstil zu überwinden? Sicher nicht, indem man Kinder einfach strenger erzieht oder wieder mehr Autorität einführt. Vielmehr sollten Eltern ein Bewusstsein entwickeln, sich anders zu verhalten: als eigenständige Erwachsene, die ihrem Kind zwar Herzenswärme und Liebe schenken, seine Autonomie in kleinen Schritten entwickeln helfen, insgesamt jedoch klare Regeln und Normen setzen und diese immer wieder mit ihm einüben.

    Auf einer solchen Grundlage kann die Partnerschaftlichkeit gut etwas warten. Ab der Pubertät ist sie dann jedoch  sehr wichtig. Das zeigt: Auch Erziehung ist Entwicklung. Eltern müssen bereit werden, sich in ihrem Erziehungsstil zu verändern. Kleine Kinder brauchen eine andere Führung der Eltern als grössere Kinder.

  • erschienen in: NZZ am Sonntag, 31.03.2019

     

    «Ein Land mit Kindern ist ein Land mit Zukunft.» Mit diesem Satz hat kürzlich ein Politiker sein Plädoyer für eine bessere Familienpolitik beendet. Gleichentags las ich in einer Zeitung unter dem Titel «No Kids please!» einen Beitrag zum Trend von immer mehr Restaurants, Kinder auszusperren. Solche Gegensätze sind ein seltsamer Ausdruck unserer Gesellschaft, zunehmend Menschengruppen voneinander zu trennen, während alle Welt sich mit Begriffen wie Diversität oder Generationenhäusern schmückt.

    Weshalb wachsen Kinder heute so grenzenlos auf?

    Zwar kann man Kinder als unsere Zukunft bezeichnen, trotzdem haben sie auch einen schlechten Ruf. Die Forderung nach kinderfreien Zonen ist deshalb ein heisses Eisen. Die Meinungen sind geteilt, doch läuft mit Sicherheit etwas falsch, wenn ein Kind mit Schokofingern die Sitzbank des Restaurants verschmiert. Insbesondere dann, wenn die Eltern nicht einschreiten und so tun, als ob diese Kleckerei die normalste Sache der Welt sei. Greifen Restaurant-Betreiber ein, dann wahrscheinlich kaum, weil sie Kinderhasser sind, sondern weil sie Schaden abwenden wollen.

    Leider ist das Thema der kinderfreien Zonen eine Arena geworden, in der vor allem moralisiert wird. Diese Moralisierung verhindert, dass die vielleicht wichtigste Frage unberücksichtigt bleibt: Weshalb wachsen Kinder heute so grenzenlos auf? Warum erlauben ihnen die Eltern, sich überall frei zu entfalten und ihre Bedürfnisse kund zu tun?

    Erziehung als kommunikative Anregung zur Selbsterziehung

    Erstens, weil sich das Bild des Kindes enorm gewandelt hat. Galt es bis in die 90er Jahren als widerstands- und anpassungsfähig, überwiegt heute seine Verletzlichkeit, weshalb es keinen Enttäuschungen oder Konflikten ausgesetzt werden soll. Parallel dazu hat der Begriff vom «Vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt» im pädagogischen Feld und in den Köpfen vieler Eltern Einzug gehalten. Erziehung wird deshalb nicht mehr so sehr als Einwirkung, sondern als kommunikative Anregung und Herausforderung zur Selbsterziehung verstanden und praktiziert.

    Gegenüber den angstbesetzten Beziehungsstrukturen früherer Generationen ist das ein grosser Fortschritt, denn autoritäre Eltern hätten dem kleinen Schokofinger im Restaurant vermutlich sofort eins hinter die Ohren verpasst. Doch der Trend zum Verhandlungshaushalt hat Einiges ins Gegenteil verkehrt, so dass sich viele Eltern nur noch als «Flugbegleiter» (Jesper Juul) verstehen, das Kind zum kleinen König machen und sich kaum mehr getrauen, es zu er-ziehen und dadurch eine Distanz zu ihm herzustellen.

    Der zweite Grund liegt in den Familienstrukturen. Partner kommen und gehen, das Kind bleibt. Es ist sogar das einzig Stabile, das Kontinuität über das ganze Leben verspricht, wie dies beim Partner möglicherweise nicht der Fall ist. Das Kind wird zum Glückserfüller, von dem Eltern abhängig werden. Gleichzeitig machen sie sich Sorgen, ihre Disziplinierungsmassnahmen könnten negative Auswirkungen haben und dazu führen, dass sie seine Liebe verlieren. Deshalb betrachten sie es als verlängerten Arm von sich selbst und tun alles dafür, dass das so bleibt.

    Kinder gehören auch in ein Restaurant - damit sie Regeln und Normen kennenlernen

    Doch schon Friedrich Schleiermacher hat gesagt, dass nicht nur Behütung und Unterstützung wichtige Komponenten einer guten Erziehung sind, sondern auch die «Gegenwirkung». Heute nennt man das autoritative Erziehung. Sie zeichnet sich durch Liebe, Wertschätzung und Achtung aus, aber ebenso durch die Vorgabe von Regeln und eine klare Trennung zwischen Erwachsenen- und Kinderebene. Ist die Aussperrtaktik von Restaurants deshalb nicht auch ein Schlag ins Gesicht der Eltern, welche ihre Kinder so erziehen?

    Bei allem Verständnis für Gastronomen: Kinder gehören auch in ein Restaurant. Teil der Erziehung ist es, dass sie an verschiedenen Orten sozialisiert werden, also nicht nur zu Hause oder in Kita, Kindergarten und Schule, sondern auch in der Arztpraxis, im Museum, im Bus – und auch im Restaurant. Kinder sollen die Regeln und Normen kennenlernen, welche an diesen unterschiedlichen Orten gelten. Deshalb wäre der kleine Schokofinger sofort, aber liebevoll in seinem Tatendrang unterbunden worden und die Eltern hätten sich beim Restaurantbetreiber entschuldigt. Zu Hause würde der Knirps dann nicht einfach in einen der boomenden Knigge-Kurse geschickt, sondern mit ihm der nächste Besuch so vorbereitet und eingeübt, dass er nun weiss, was im Restaurant gilt und was sich vom häuslichen Wohnzimmer unterscheidet.

    Eltern dürfen ihre Kinder uneingeschränkt toll finden, aber sie sollen ihnen Regeln mit auf den Weg geben, die immer und überall oder auch nur an spezifischen Orten gelten. Dann müsste es nicht harzen, wenn mehrere Generationen oder Fraktionen unterschiedlicher Lebenseinstellungen zusammentreffen.

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    erschienen in: Nordwestschweiz, 4.01.2014, S. 2

     

    Kürzlich habe ich ein kleines Mädchen beobachtet, wie es behutsam und hoch konzentriert über ein etwa ein Meter hohes Mäuerchen balancierte. Aufgeschreckt wurde es durch eine sich überschlagende Stimme: «Pass sofort auf!» Das Mädchen erstarrte und sein Blick zeigte, dass es nicht mehr in der Lage war, einen einzigen Schritt weiterzugehen. In seinem Gesicht spiegelte sich die Angst – die Angst seiner Mutter, die es auch sofort von der Mauer herunterholte.

    Dieses Beispiel steht stellvertretend dafür, wie risikoscheu heutige Kinder aufwachsen müssen. Zugegebenermassen hat die Mutter mit ihrem Eingreifen möglicherweise ein paar blaue Flecken verhindert. Aber sie hat auch verhindert, dass für ihre Tochter das Spiel mit dem selbst gewählten Risiko zum Erfolg werden konnte. Das Mädchen hätte auf diese Weise Grenzen überwinden und auch seine Angst besiegen können. Kleine Kinder entwickeln auf diese Weise Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Sie lernen, Situationen richtig einzuschätzen und Sicherheit und Selbstbewusstsein zu gewinnen.

    In unserer Gesellschaft hat sich eine beispiellose Sicherheitskultur durchgesetzt. So besehen hat die Mutter ‚richtig‘ gehandelt. Von verantwortungsvollen Eltern wird erwartet, dass sie ihre Kinder dauernd überwachen und vor jeder möglichen und unmöglichen Gefahr schützen. Deshalb trifft man auf ganz normalen Spielplätzen immer mehr auf Kinder, die auf Geheiss ihrer Eltern einen Velohelm tragen. Ein aufgeschürftes Knie, ein Sturz vom Velo oder Dreirad, aber vielleicht auch eine Magenverstimmung, weil der Nachwuchs etwas nicht ganz Sauberes gegessen hat, gelten zunehmend als absolute Gefahren, die unter allen Umständen vermieden werden sollen.

    Ein anderes Beispiel ist die Tatsache, dass Eltern ihre Kinder zunehmend per Auto zur Schule fahren. Es gibt sogar Schulen, die «Elternhaltezonen» einrichten, damit die Kinder sicher ein- und aussteigen können. Dieses Eltern-Taxi-Phänomen gründet in der Angst, dem Nachwuchs könnte etwas passieren. In vielen Köpfen von Vätern und Müttern ist der pädophile Kidnapper allgegenwärtig, so dass sie in ihrer Angst in einem permanenten Katastrophenmodus leben. Vielen Taxi-Eltern fehlt deshalb ein objektiver Blick auf tatsächliche Gefahren und Risiken.  

    Weshalb fürchten wir uns so sehr um unsere kleinen Kinder? Weil sich das Bild vom Kind in den letzten zwanzig, dreissig Jahren stark gewandelt hat. Galten Kinder noch in den siebziger Jahren als robust und belastbar und das Risiko als positiv, so überwiegt heute die Vorstellung, Kinder seien gefährdet und zerbrechlich. Deshalb müssten sie von Anfang an vor Schäden jeglicher Art beschützt werden.

    Selbstverständlich will ich die Tendenz zur Sicherheitsmaximierung unserer Gesellschaft nicht generell kritisieren. Es gilt, zwischen echter Gefahr und Risiko zu unterscheiden. Vor Gefahren müssen wir unsere Kinder schützen, weil sie diese möglicherweise noch gar nicht sehen oder einschätzen können. Dazu gehören Steckdosen oder giftige Beeren für Babys oder dicht befahrene Strassen für Kleinkinder. Ein Wagnis ist jedoch etwas anderes: beispielsweise das Mäuerchen, auf dem das Mädchen balancierte und das es als positive Herausforderung gesucht hatte. Oder für Knaben die ‚Kämpfli‘, weil sie das miteinder Rangeln als Wettbewerb so sehr lieben.

    Kindern, die in Watte gepackt werden, fehlt etwas ganz Entscheidendes: lernen zu können, wie man einen Erkundungs- und Freiheitsradius durch Handeln und Üben ausloten kann, wie man Grenzen und Hürden überwindet, um auf diese Weise über sich selbst hinaus wachsen zu können. Eltern, die mit ihrer Risikoscheu ihre Kinder ersticken, machen sie glauben, dass Aufwachsen generell gefährlich sei. Deshalb werden sich auch gut überwachte Kinder verletzen, weil sie nicht gelernt haben, mit Gefahren umzugehen.

    Unsere überbehütende Sicherheitskultur schadet den Kindern mehr als die Risiken, denen sie täglich ausgesetzt sind. Deshalb ist vor überdimensioniertem Schutz, unverhältnismässigen Sicherheitsvorkehrungen und übertriebener Geborgenheit zu warnen. Jedes Kind hat ein Recht auf blaue Flecken. Nicht jede Gefahr muss aus dem Weg geräumt und jede Tischkante abgerundet werden.

    Was kann man dagegen tun? Der erfolgreichste Weg ist der, bei sich selbst anzusetzen. Eltern – und manchmal auch Grosseltern – sollten mehr Mut und Gelassenheit entwickeln, öfters den gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Damit könnten sie ihrem Nachwuchs ein wenig der Freiheit zurückgeben, von der wir selbst als Kinder profitierten und die uns widerstandsfähig gemacht hat.

  • Kürzlich war ich beruflich in Berlin tätig. Eine Kollegin erzählte mir dabei, dass es immer mehr Restaurants gäbe, welche Kinder aussperren würden. Zwar ist mir diese Tatsache bereits aus anderen Ländern bekannt, wo Restaurants mit dem Schild «No Kids allowed» deutlich machen, welche Klientel sie wollen. Offenbar kommt diese Bewegung nun auch zu uns. Die Wirte, so meine Kollegin, seien meist zufrieden mit ihrer Aktion, vor allem Kinderlose würden vermehrt kommen und «kinderfreie Zonen» seien wirtschaftlich erfolgreich.

    Zwar kenne ich in der Schweiz nur sehr wenige Restaurants, in denen Kinder unerwünscht sind. Aber die Diskussionen in Blogs, Briefkästen von Elternzeitschriften und in Tageszeitungen zeigen, dass das Thema auch hierzulande ein heisses Eisen ist. Ist es Ausdruck einer wachsender Kinderfeindlichkeit? Sind Kinder tatsächlich nur noch erwünscht, wenn sie sich still verhalten? Und, ist «sich still verhalten» gleichzusetzen mit «gut erzogen»?

    Mit Sicherheit läuft dann etwas verkehrt, wenn ein Kind mit Coupe Dänemark-Schokoladefinder die Fenster oder gar die Sitzbank des Restaurants verschmiert. Insbesondere dann, wenn die Eltern nicht einschreiten und gar so tun, als ob dies die normalste Sache der Welt sei. Wenn Restaurant-Betreiber dann eingreifen, ist dies verständlich. Denn sie haben verständlicherweise andere Interessen als Eltern. Vor allem wollen sie nicht, dass Eltern das Restaurant zur eigenen Wohnstube machen. Deshalb spricht für die Betreiber, dass sie «erzogene Kinder» wollen. Obwohl dies eine provozierende Forderung ist, Kinderhasser sind sie wohl kaum.

    Andererseits spricht auch Einiges für die Eltern: Kinder gehören auch in ein Restaurant. Teil der Erziehung ist es, dass Kinder an verschiedenen Orten ‚sozialisiert‘ werden, also nicht nur zu Hause, bei der Gotte, den Grosseltern oder in der Krippe, sondern auch in der Arztpraxis, im Museum, im Schwimmbad oder im Tram. Kinder sollen die Regeln und Normen kennenlernen, welche an diesen unterschiedlichen Orten gelten.

    Es wäre aber vermessen, von kleinen Kindern zu erwarten, dass sie per Knopfdruck wissen, was ein Restaurant vom häuslichen Wohnzimmer unterscheidet. Gibt man ihnen jedoch etwas Zeit, dann lernen sie schnell und intuitiv, dass es diese Unterschiede gibt, aber nur dann, wenn Eltern nicht nur «Flugbegleiter» (Jesper Juul), sondern Erzieher sind und mit Nachdruck die geltenden Normen durchsetzen. Und, wenn das Restaurant nicht zu ihrer ritualisierten Bleibe wird.

    Sitzen Väter und Mütter stundenlang mit ihren Kindern im Restaurant oder im Café, dann ist dies für sie und ihre Kinder ungünstig. Wahrscheinlich signalisieren sie damit jedoch ein Bedürfnis: Vielleicht brauchen sie den Austausch mit anderen Eltern, vielleicht fällt ihnen sonst zu Hause die Decke auf den Kopf, vielleicht auch sehnen sie sich nach dem Zustand, als sie noch keine Kinder hatten und sie vollkommen frei waren. Mit Sicherheit ist dieses Sitzleder von Eltern auch ein Ausdruck dafür, dass es aktuell viel zu wenig Begegnungsräume für Familien gibt.

    Das eingangs beschriebene Coupe Dänemark-Beispiel ist jedoch auch ein guter Hinweis auf die unterschiedlichen Erziehungsstile. Aus der Forschung kennen wir verschiedene Erziehungsstile, drei davon spielen bei diesem Beispiel eine Rolle. Erstens der autoritäre Erziehungsstil, der enge Kontrolle und Bestrafung ausübt. Autoritäre Eltern hätten dem kleinen Schokofinger wohl sofort eins hinter die Ohren verpasst. Zweitens der Laissez-Faire Erziehungsstil, der sich vollkommen an den Bedürfnissen des Kindes orientiert. Obiges Beispiel entspricht ihm vollkommen, denn die Eltern reagieren gar nicht auf die Kleckerei des Kindes und sind insgesamt vielleicht sogar stolz auf seine Kreativität. Das angemessene Verhalten wäre der autoritative Erziehungsstil. In unserer westlichen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft gilt er als derjenige, welche einer guten Erziehung am meisten förderlich ist. Dieser Erziehungsstil nimmt die Bedürfnisse des Kindes ernst, zeigt ihm Wärme, Wertschätzung und Anerkennung, formuliert aber ganz klare Regeln und Normen, die eingehalten werden müssen. Der kleine Schokofinger wäre somit sofort, aber liebevoll in seinem Tatendrang unterbunden worden und die Eltern hätten sich beim Restaurantbetreiber entschuldigt.

    Ein solches autoritatives Verhalten bedingt jedoch – und dies fällt heute vielen Eltern schwer – dass sie bereit sein müssten, in einen Konflikt mit dem Kind zu treten und es zurechtzuweisen, vielleicht gar zu strafen, wenn es die Regeln nicht befolgt – und auch zu ertragen, dass es dann vielleicht unglücklich ist. All dies erfordert Geduld, Gelassenheit und auch Zeit. Und diese ist heute ein knappes Gut.

    Meines Erachtens wäre es jedoch verfehlt, wie dies immer wieder geschieht, alle Eltern einfach an den Pranger zu stellen und von einer allgemeinen «Erziehungskatastrophe» zu sprechen. 70% der Eltern leisten im Allgemeinen sehr viel und fast alle wollen das Beste für ihr Kind. Man muss sie deshalb unterstützen, ihre erzieherische Rolle als Autorität einzuhalten.

    Eltern dürfen ihre Kinder uneingeschränkt toll finden und ihrem Kind Liebe entgegenbringen, aber ohne Schuldgefühle. Sie sollten ihm gegenüber aber auch kritisch sein und ihm Grenzen aufzeigen, die immer und überall gelten – und dabei konsequent bleiben. Dann müsste es eigentlich möglich sein, dass wir auch in Restaurants oder Cafés ein «Generationenhaus» bleiben können…

  • Werden Sie auch immer wieder mit Fragen konfrontiert, die Sie langsam, aber sicher nerven? Wenn Sie beispielsweise als Frau über 30 sind und dauernd gefragt werden, ob Sie keinen Kinderwunsch hätten? Oder wenn Sie gegen 60 gehen und man Sie dauernd fragt, ob Sie noch arbeiten?

    Mich nervt eine andere Frage: «Wie machst du das eigentlich, dass du immer so diszipliniert bist?» Sie nervt mich deshalb, weil ich offenbar einen so disziplinierten Eindruck mache, mich aber überhaupt nicht so empfinde. In diesem Blog hierzu Einiges, natürlich nicht ganz ernst Gemeintes. Auf die Idee gekommen bin ich übrigens aufgrund eines Beitrags in der ZEIT von Christoph Niemann.

    Disziplinierung I

    Ich stehe zwar jeden Morgen früh auf, aber es fällt mir häufig schwer, mich dann zu disziplinieren. Diese Disziplinierung ist das Zentrale, womit ich mich beschäftige, wenn ich mich dann in den Zug setze bis am Abend, wenn ich meinen Schreibtisch aufräume (was ich zu Hause leider nie tue).

    Disziplinierung II

    Disziplin ist nur die halbe Welt. Das andere ist Begabung – sagt man. Das finde ich kaum. Wenn ich auf meine Karriere zurückblicke, dann halte ich es eher mit Albert Einstein, der einmal gesagt hat, dass der Kern seines Erfolgs 5% Inspiration und 95% Transpiration sei. Bei mir sieht es ähnlich, aber doch etwas anders aus: Viele meiner Freunde sagen mir, dass es bei ihnen anders sei. Und ich möchte manchmal gerne so sein wie sie: Sie machen ein Mittagsschläfchen, gehen spazieren, machen etwas Yoga oder gehen ins Kino. Und wenn sie sich dann an den Schreibtisch setzen, dann sprudeln ihre Ideen und intellektuellen Erleuchtungen nur so hervor.

    Disziplinierung III

    Ich selber glaube kaum an die Inspiration. Bei mir läuft alles viel unspektakulärer ab. Ich setze mich an den Schreibtisch und beginne zu schreiben – Oropax, kein Telefon, kein Handy. Das funktioniert oft sehr gut. Aber manchmal auch nicht. Dann schweifen meine Gedanken ab. Ich bestelle den Lebensmitteleinkauf vom nächsten Wochenende im Internet, schaue nach, was im Kino läuft, google im 20Minuten die News.

    Bilanz

    Also, ich fühle mich gar nicht so diszipliniert, wie viele von mir denken. Aber was ich besonders gut kann ist, stoisch und enthusiastisch zu bleiben. Ich weiss, dass diese Abschweifungen zu meinem Berufsleben gehören. Und ich kann gut mit Frust umgehen. Das heisst aber nicht, dass der Weg zum Ziel manchmal angenehmer sein könnte…

    (Copyright der Bilder: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.)

  • In einem meiner Blogs zu den «Helikoptereltern» habe ich behauptet, dass Eltern heute ihre Kinder nicht mehr loslassen und sich von ihm zu wenig distanzieren können. Weil ich mir bewusst bin, dass dies eine gewagte These ist, habe ich mich über verschiedene Kommentare hierzu besonders gefreut. Vor allem über den von Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein., die mir etwas widersprochen hat und diesem Phänomen gar kein so grosses Problem sieht. Sie gewinnt den freundschaftlicheren Beziehungen zwischen Eltern und Kindern auch Positives ab, schränkt jedoch ein, dass es auch eine Frage des Masses und deshalb wichtig sei, sich von den Eltern abgrenzen zu können. Darauf will ich heute eingehen. Insgesamt glaube ich nämlich, dass es heutigen Kindern immer schwerer fällt, sich abgrenzen zu können, weil Eltern selbst Mühe haben, eine eigene Orientierung und damit auch die notwendige Gelassenheit zur Erziehung zu finden.

    In ganz Europa, auf der ganzen Welt, suchen Eltern nach Orientierung. Sie wollen weder autoritär noch antiautoritär sein, aber sie haben Angst, mit ihren Erziehungsvorstellungen alles falsch zu machen. Deshalb vermeiden sie Konflikte mit den Kindern, ersparen ihnen jegliche Niederlage und jeden Schmerz und wollen vor allem beliebt sein bei ihnen.

    Vielleicht finden Sie dies gut so, ich aber denke, dass dies falsch ist. Meines Erachtens funktioniert eine gute Erziehung nur über Authentizität. Eltern, die wissen, wie sie ihr Kind erziehen wollen und die an bestimmte Grundsätze glauben, wirken authentisch. Deshalb sind sie sich bewusst, dass der Umstand, zusammen mit Eltern erwachsen zu werden, für ein Kind auch schmerzlich ist. Dies gilt aber auch umgekehrt: Eltern sollten den Mut haben zu zeigen, was ihnen weh tut. Ich denke beispielsweise an eine meiner Freundinnen, die ihrem 13jährigen Sohn klipp und klar gesagt hat, dass sie es nicht mehr ertragen werde, wenn er sie vor seinen Freunden sie immer als Hausmütterchen darstelle, die sowieso Tag und Nacht für ihn da sei und sie ihn deshalb beim nächsten Mal damit vor allen konfrontieren werde. Dies hatte offenbar gewirkt, denn eine solche Bemerkung hatte sie fortan von ihrem Sohn nicht mehr gehört.

    Eine derart ehrliche Haltung scheint mir vor allem in der Pubertät wichtig zu sein. Doch müssen die Grundlagen hierzu viel früher geschaffen werden. Denn Erziehung ist in der Pubertät eigentlich bereits abgeschlossen. In dieser Phase gilt es nur noch, die Beziehung zu den Kindern aufrecht zu erhalten, zu versuchen, sie an die Einhaltung der vereinbarten Regeln und Normen zu erinnern – vor allem aber auch, sich als Eltern selbst entsprechend zu verhalten.

    Die Weichen sind somit vor der Pubertät zu stellen. Das heisst beispielsweise, bereit zu sein, Konflikte durchzustehen, den Kindern klar zu machen, dass Eltern nicht 24 Stunden am Tag verfügbar sind und auch ein Recht und die Lust auf eigene Glücksmomente (auch als Paar) haben, konsequent zu sein und die Kinder auch nur dann zu loben, wenn es etwas zu loben gibt.

    Die Forschung zeigt eindeutig: Die autoritative Erziehung ist die erfolgreichste Erziehung. Sie ist nicht zu verwechseln mit autoritärer Erziehung. Autoritativ meint vielmehr, dass Eltern Herzenswärme und Liebe innerhalb klar definierter und der kindlichen Entwicklung angemessener Grenzen definieren und auf deren Einhaltung konsequent bestehen.

    Wieviel Disziplin verträgt Erziehung? Meines Erachtens ist dies eine Frage der Einstellung der Eltern und ihrer Authentizität. Kinder bringen die Bereitschaft mit, sich erziehen zu lassen. Sie finden es gut, wenn Eltern den Ton angeben und Grenzen setzen. Kinder wollen starke Eltern, damit sie selbst stark werden. Das Ziel ist eine Familie, in der Disziplin und Gelassenheit  die zwei Seiten der Medaille bilden.

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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