Geschlecht

  • Vielleicht gehen die letzten zehn Jahre als Dekade der «neuen Väter» in die Geschichtsbücher ein. Alle Welt spricht heute von ihnen als den aktiven und engagierten Männern. Auch die Familienpolitik hat sie entdeckt, man denke nur an die jüngsten Diskussionen um den Vaterschaftsurlaub.

    Die Figur des neuen Vaters hat somit enorme Popularität erlangt. Einerseits ist dies natürlich positiv, andererseits aber auch mit Problemen verbunden: erstens, weil der neue Vater vor allem negativ bestimmt ist und sich von der Figur des männlichen Familienernährers abgrenzen soll; zweitens, weil dabei vergessen geht, dass sich neue Väter nicht ohne neue Mütter entwickeln können. Dass dies nicht ohne Konflikte zu haben ist, wurde bisher  jedoch fast systematisch ausgeblendet.

    Wenn Väter – so meine Annahme (und auch meine persönliche Erfahrung) – einen grösseren Anteil in der Familien-, Erziehungs- und Betreuungsarbeit übernehmen, dann verschwinden zwar lästige Paarkonflikte darüber, wer wieviel weshalb und wann was (nicht) macht. Aber gerade die gerechtere Aufteilung der Arbeit bringt neue Probleme mit sich und zwar deshalb, weil die internen Machtverhältnisse tangiert werden. Denn es ist nach wie vor das in unserer Gesellschaft stark verankerte Bild der kompetenten Mutter, welche die Standards setzt, was unter «guter» Familien- und Hausarbeit zu verstehen ist.

    Ich erinnere mich noch daran, als ich als 35-jährige Mutter mein Studium nach achtjähriger ausschliesslicher Familientätigkeit begann und mein Mann einen bemerkenswerten Teil der Haus- und Betreuungsarbeit übernahm. Endlich entlastet, endlich frei von der (fast) alleinigen Verantwortung für Haushalt und Familie! Ich fühlte mich wie neugeboren. Aber schnell merkte ich, dass meine Vorstellungen dessen, was gute Hausarbeit und Kinderbetreuung ausmacht, nicht mit denen meines Mannes übereinstimmten. Er machte vieles ganz anders und setzte andere Schwerpunkte – so dass mir manchmal fast die Haare zu Berge standen. Diese für mich neue Praxis zu akzeptieren wurde in der ersten Zeit meines Studiums zu einer grossen Herausforderung.

    Wie stark somit der neue Vater in die Familien- und Hausarbeit involviert ist oder wird, ist nicht nur eine Frage seiner Bereitschaft und seines Willens, sondern ebenso abhängig von der Reaktion seiner Partnerin. Sie muss bereit sein, ihm Autonomie und Zuständigkeiten zu überlassen und auch lernen, die eigenen Einflusszonen herunterzufahren. Viele Mütter sind sich gar nicht bewusst, wie sehr sie sich an ihre Standards klammern und selbstverständlich davon ausgehen, dass sie vom Partner zu übernehmen sind. Dieses kulturelle Muster der Mutter als Besserwisserin ist in vielen jungen Familien wirkmächtig geblieben.

    Inwiefern es Paaren gelingt, solche neuen Konflikte zu meistern und sich gemeinsam zu entwickeln, dürfte für die Entwicklung der Väter zentral sein. Sollen sie eine aktive und engagierte Vaterschaft nicht nur betreiben wollen, sondern auch betreiben können, dann müssen ihnen die Mütter nicht nur eine ebenbürtige Position zugestehen. Sie müssen auch andere Vorstellungen darüber akzeptieren, was gute Familien- und Hausarbeit ist. Auf die Dauer werden sich Väter nicht mit der Position des Praktikanten oder Juniorpartners begnügen.

    Wenn Väter somit nicht eine logischerweise unvollkommene Imitation ihrer Partnerinnen bleiben sollen, sind sie auf neue Mütter angewiesen. Weil es das eine ohne das andere nicht gibt, brauchen wir eine andere Anerkennungsordnung zwischen ihnen. Das Profil ist zwar noch undurchsichtig, aber es könnte in die Richtung gehen, wie dies Jürg Willi* im NZZ-Interview vom 15. März 2014 mit Alan Niederer umschreibt. Willi spricht von «Koevolution»,der Kunst gemeinsamen Wachsens. Übertragen auf neue Väter und neue Mütter würde dies bedeuten, dass Entwicklung nie isoliert nur bei sich selbst geschehen kann, sondern immer nur am Du.

    «Persönliche Beziehungen sind das Wichtigste.».http://www.nzz.ch/aktuell/zuerich/uebersicht/persoenliche-beziehungen-sind-das-wichtigste-1.18263391

     

     

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 21.11.2016, 16.

     

    Die Männer sind nicht das geworden, was sich die weibliche Gesellschaft von ihnen erhofft hat. Die neueste Sexismusdebatte zeigt, woran sie kranken: Sie begrapschen Frauen, fassen sie am Hintern, winken ihnen aufdringlich zu oder bezeichnen sie gar als Fickstück oder Schlampe. Kurz: Sie bedrohen Frauen in ihrer sexuellen Integrität. Ähnliches haben sie sich in der berühmten «Silvesternacht von Köln» geleistet. In dieser Nacht wurden Frauen haufenweise von fremden Männern sexuell belästigt, ohne dass ihnen andere Männer zu Hilfe geeilt wären. Seit dann gelten Männer auch als Weicheier. Ist die Männlichkeit somit bankrott? Sind Männer zu lüstern und zu feige, Frauen zu schützen?

    Aktuell wird in den Schweizer Medien sehr heiss und sehr einseitig über Sexismus diskutiert. Einseitig, weil seine verschiedenen Facetten nicht berücksichtigt werden. Sexismus wird definiert alsDiskriminierung einer Person auf Grund ihres Geschlechts. Dazu gehören Frauenverniedlichungskulturen im beruflichen Alltag oder dass in Talk-Shows immer mehr Männer sitzen. Dass die Debatte auf solche Probleme hinweist und daraus endlich Konsequenzen gezogen werden, ist überfällig. Frauenthemen werden immer noch massiv heruntergespielt und clevere Frauen als ehrgeizige Emanzen dargestellt. Das ärgert mich enorm.

    Aber es geht mir hier vor allem um den anderen Teil des Sexismus, die sexuellen Übergriffe auf das weibliche Geschlecht. Die Debatte hierzu verläuft grundfalsch. Sie basiert auf einer massiv voranschreitenden Abwertung des Männlichen, die so alltäglich geworden ist, dass wir sie kaum noch wahrnehmen. Ein Beispiel hierfür war kürzlich in den Medien zu lesen: «Liebe Männer, noch nicht verstanden, worum es bei der Sexismus-Debatte geht?» Nicht wenige Frauen stellen Männer grundsätzlich an den Pranger und fahren fast jeden Tag mit neuen Vorwürfen sexueller Belästigungen auf.

    Wer jedoch ein Weltbild hat, in dem immer Männer die Täter sind und Frauen die Opfer, der unterliegt einer verzerrten Wahrnehmung. Ein Übergriff durch einen Mann bestätigt dann, dass Männer Sexisten seien und jede (JEDE!) Frau solche Erfahrungen mache. Folgedessen wird das Konträre – dass viele Männer keine Sexisten sind, Frauen sich aber sehr wohl sexistisch verhalten können – übersehen. In den Sozialwissenschaften bezeichnen wir dies als positivistisches Hypothesentesten, d.h., man schaut nur die Fälle an, welche die Vorannahmen bestätigen.

    Männliche sexuelle Übergriffe auf Frauen sind ein No-Go. Niemand darf sie verharmlosen, als Gezeter abtun oder gar entschuldigen. Gleichwohl findet man weiblichen Sexismus, innerhalb des eigenen Geschlechts und gegenüber Männern. Deshalb ist er ebenso zur Kenntnis zu nehmen, auch wenn der männliche Sexismus deutlich gravierender ist. Man höre sich einmal in der Frauensauna oder in Clubs herum, wenn eine andere jünger, hübscher und vor allem schlanker ist. Oder man lese ihre Nachrichten auf Twitter. DieHälfte aller sexistischen Tweets stammt vom weiblichen Geschlecht. Frauen, die ordentlich Alkohol trinken, um sich schon vor der Party in die richtige Stimmung zu versetzen, betatschen Männer wann, wo und wie sie wollen, und wenn etwas nicht klappt, machen sie Männer verbal fertig.

    In der Realität zwischen den Geschlechtern spielen Frauen oft eine undurchsichtige Rolle. Gemäss neuen Forschungsergebnissen ist ihre Ansicht, was Männer begehrenswert macht, noch genau die gleiche wie vor fünfzig Jahren. Ein echter Mann hat ein hohes Einkommen, er ist mutig, verantwortungsvoll, sexuell aktiv – und er kann eine Frau erobern.Andererseits soll er zarter, sensibler und weniger aggressiv sein. Nur wollen Frauen dann solche verweiblichten Männer gar nicht heiraten.Frauenversteher sind zwar ganz nett, aber doch eher nur in Ausnahmefällen.

    Frauen haben offenbar zwiespältige Gefühle. Sigmund Freud hat einmal gesagt, in seiner dreissig jährigen Arbeit sei es ihm nicht gelungen, die Frage zu beantworten, was Frauen wollen. Die Sexismusdebatte könnte uns weiterbringen. Aber nur, wenn nicht nur Männer, sondern auch Frauen beginnen, selbstkritischer zu sein und sich nicht weiterhin als Opfer darzustellen. Sexismus, der von Frauen ausgeht, muss ein Thema der Debatte werden. Bisher ist er ein Tabu.

  • erschienen in: NZZ, 08.01.2016, S.10, Teil 1.

     

    Ich bin seit vielen Jahre Feministin. Meine Motivation war schon immer das Engagement gegen diskriminierende Geschlechterstrukturen unserer Gesellschaft. Heute bin ich verunsichert. Der Grund ist die Entwicklung der Gleichstellungspolitik und des jungen Feminismus. Die Gleichstellungseinrichtungen machen zwar professionelle Arbeit, aber sie haben zu wenig Rückhalt, insbesondere beim männlichen Geschlecht. Und der junge Feminismus, wie ihn die Ikone Laurie Penny postuliert, will eine Gleichstellung, die sich nicht mehr am Idealbild der Karrierefrau orientiert, sondern an Armen, Schwarzen, Hässlichen oder Dicken – und an Männern. Auch bei ihr ist das männliche Geschlecht nur mitgemeint.

    Kann diese Entwicklung ein Grund dafür sein, weshalb sich Männer kaum zu Wort melden und sie in diesen wichtigen Fragen nur die zweite Geige spielen? Warum werden sie zum schweigenden Geschlecht? Bis auf ein paar Männerforscher und Männergruppen sind sie offensichtlich wenig bereit, ihre Bedürfnisse öffentlich kund zu tun. Vielmehr lassen sie zu, dass vor allem weiblich besetzte Gleichstellungsbüros Empfehlungen formulieren, was mit ihnen geschieht, wer sie sein oder werden sollen. Ist die Strategie des Gender Mainstreaming somit gescheitert? Sprachlich meint dieser Begriff zumindest eine Politik für Frauen und Männer, welche die Lebensbedingungen beider Geschlechter berücksichtigt.

    Angesichts dieser schwierigen Situation ertönt immer häufiger die Forderung, Gleichstellungsbüros abzuschaffen. Winterthur hat dies getan, und der Applaus kam von Männern und Frauen. Dieser Meinung bin ich nicht. Es gibt noch viel Arbeit, man denke nur an die Lohnschere zwischen den Geschlechtern. Aber es braucht eine alternative Strategie, die auf Väter und Söhne ausgeweitet werden muss. Zwei Beispiele:

    Knaben: Man kann es drehen und wenden wie man will, Mädchen haben bei gleichen intellektuellen Fähigkeiten bessere Schulnoten und zwar ab der ersten Klasse – ausgenommen in Mathematik. Durchschnittlich gelingt Knaben der Sprung ans Gymnasium seltener. Mädchen werden zudem in den Hausaufgaben von den Eltern mehr unterstützt als Knaben. Und diese wiederum führen die Negativ-Ranglisten in den Rückstellungen beim Schuleintritt, bei den Ritalin-Schluckern, Schulschwänzern und Schulabbrechern an. Dies führt dazu, dass die Gruppe junger Männer wächst, die ab 16 Jahren ohne Ausbildung dastehen. Zwar müssen solche Risikoszenarien relativiert werden – denn insgesamt gibt es innerhalb der Knaben- und der Mädchengruppe grössere Unterschiede als zwischen ihnen – doch ist die allgemeine Tendenz die, dass männliche Jugendliche in Zukunft immer mehr in Rückstand geraten dürften. Auch wenn wir in Verwaltungsräten, an den Universitäten und im Management insgesamt eine deutliche Überzahl an Männern haben.

    Väter: Neue Väter braucht das Land! Diese Forderung kommt vor allem von Frauen. Zwar stimmt ein Grossteil der Väter dieser Forderung nicht nur zu, sondern sie wollen es auch werden. Doch fragt sich, was sich hinter dem Wörtchen «neu» verbirgt. Väter sollen nämlich vor allem präsenter sein, mehr im Haushalt und der Kinderbetreuung mithelfen, dabei auch Frauenversteher sein, trotzdem jedoch eine volle Lohntüte nach Hause bringen. Ein Grossteil dieser Forderungen entspricht jedoch dem Klischee eines veralteten Vaterbildes. Denn die Forschung zeigt mehr als deutlich auf, dass Präsenz nicht das ausschlaggebende Kriterium ist, damit ein Mann ein «guter» Vater ist. Ihn machen sowohl sichtbare als auch nicht sichtbare Fürsorgeleistungen aus. Deshalb kann auch ein Vollzeit arbeitender Vater ein guter Vater sein.

    Unsere Gesellschaft braucht in der Gleichstellungspolitik einen Perspektivenwechsel. Erstens kann es nicht sein, dass Männer entweder alles stillschweigend gut finden oder dann in Internetforen die Faust im Sack machen und engagierten Frauen die offizielle Interpretationshoheit überlassen. Und es kann zweitens auch nicht sein, dass sich die Gleichstellungsbemühungen fast ausschliesslich auf Erwachsene konzentrieren. Die Weichen werden im Kindesalter gestellt! Drittens sollten wir den Irrtum korrigieren, nach der gesetzlich verankerten Gleichberechtigung nun das weibliche und männliche Geschlecht auch biologisch gleichzustellen. Männer müssen nicht weiblicher werden, aber sie sollten sich der Veränderung von Männlichkeit stellen, alte Machtansprüche aufgeben und mehr Engagement in der Familie, z.B. in Form von Teilzeitarbeit, auch tatsächlich erkämpfen wollen. Den Frauen wiederum sollten ermöglicht werden, sich den Platz in Beruf und Familie nicht nur erstreiten zu müssen, sondern auch auf die eigenen Bedürfnisse hören zu dürfen. Geschlechtergerechtigkeit heisst, dass Frauen und Männer nicht Kopien des anderen Geschlechts werden, sondern eine unabhängige Identität entwickeln.

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 11.06., 16.

     

    Für die einen ist Digitalisierung ein Zauberwort, für die anderen ein Begriff, den sie nicht mehr hören können. Doch Digitalisierung ist die Ideologie des 21. Jahrhunderts, die moderne Form eines Naturereignisses, so mächtig und unausweichlich wie das Wetter. Sturm, Hitze und Lawinen kommen jedoch nicht zu uns, weil wir das so wollen, die digitalen Geräte aber schon. Wie anders lässt sich erklären, dass überall in der Welt ruhig gestellte Menschen gebannt auf ihre Smartphones starren? Nicht weil sie müssen, sondern weil die Geräte als nützlich gelten.

    Verweigerer und Euphoriker

    Dies blenden Digitalisierungsverweigerer weitgehend aus. Von digitaler Demenz und Kollateralschäden ist die Rede, weil unsere Jugend dumm, dick, gewalttätig und geistig verwahrlosen würde. Dieser Trostlosigkeit setzen Euphoriker ein Weltbild entgegen, das Digitalisierung nicht nur als alternativlos versteht, sondern sie auch mit der Botschaft verbindet, die etwa so lautet: Die neuen Technologien bieten Milliarden von Menschen ein Werkzeug, um nicht nur Zugang zu Wissen und Bildung zu erhalten, sondern auch gemeinsam die Lösung unserer drängendsten Probleme zu erarbeiten.

    Die Digitalisierungswelle schwappt schneller auf uns über, als wir dies verarbeiten können. Man beschwichtigt zwar, dass dies bei derart fundamentalen Umwälzungen so sei und ja eine Debatte über die Veränderungen durch Digitalisierung in Ausbildung und Arbeitswelt stattfinde. Dem ist aber kaum so. Diskutiert wird vor allem, wie viele Zeit pro Tag Kinder ein digitales Medium nutzen dürfen oder wie man in einem ruckelnden Zug störungsfreies Streamen von Netflixserien garantieren kann. Doch wenn Digitalisierungsvisionäre beanspruchen, politische und gesellschaftliche Probleme zu lösen, müssten sie auch sozial- und bildungspolitische Grundsatzfragen in den Mittelpunkt stellen. Bisher sind diese aber eine Black Box. Deshalb verdauen wir aktuell die Digitalisierungsfolgen so schnell, dass sie uns im Magen gar nicht aufstossen können, obwohl sie uns zur Auseinandersetzung mit mindestens drei unbequemen Problemen provozieren würden.

    Die Black Box: Soziale Spaltung, Geschlechterfrage, sozial-emotionale Dimension

    Erstens spricht kaum jemand über die Gefahr der sozialen Spaltung. Es ist eine Illusion zu glauben, dass die digitale Revolution zu mehr Bildungsgerechtigkeit verhilft, eher könnte sie die Gesellschaft in einer nicht gekannten Weise polarisieren. Bildungs- und Sozialeinrichtungen müssten deshalb die Menschen darin unterstützen, sich in dem rasanten Prozess zurechtzufinden. Das ist die zentrale Voraussetzung, damit Menschen nicht den Anschluss an die Gesellschaft verlieren. Dies ist nicht lediglich die Aufgabe der Schule, sondern auch der vorsorgenden Sozialarbeit, die junge Menschen in ihrem familiären Umfeld erreichen soll.

    Zweitens blendet die Digitalisierungsdiskussion die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten in Ausbildung und Arbeitswelt nahezu vollständig aus. Bisher ist das Geschlecht der Digitalisierung vor allem männlich und auf männliche Berufe und Branchen ausgerichtet, weshalb ein markantes Ungleichgewicht im Fokus auf Frauenberufe besteht. Digitalisierungsvisionäre sollten deshalb das Potenzial offenlegen, inwiefern Digitalisierung vermag, die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten aufzubrechen.

    Drittens ist es die Ausblendung der sozialen und emotionalen Dimension. Damit Lernen das Verstehen provozieren kann, bekommt Beziehung in der Ausbildung eine neue Dimension. Mit Tablets, Internet und App werden lediglich technische Infrastrukturen aufgestellt, doch sozial-emotionales Lernen der Digital Natives lässt sich auch mit der klügsten Software nicht genügend beeinflussen. Die Bedeutung der Beziehung zwischen Lernenden und Lehrenden wird wachsen und damit die Notwendigkeit, zu motivieren und Kreativität anzustossen. Das ist eine sehr grosse Herausforderung für die Schulen.

    Zur Digitalisierung gibt es keine Alternative, weil sich das Weltgeschehen nicht rückgängig machen lässt. Gerade deshalb steht die Forderung nach einer Neubelebung des kritischen Geistes im Raum. Darauf verweist auch die Tatsache, dass leitende Angestellte im Silicon Valley ihre Kinder nicht auf In-Technoschulen schicken, sondern eher auf Privatschulen, die sich an Zurück-zur-Natur Prinzipien orientieren.

  • Junge Frauen sind im Vormarsch. Dass sie die Bildungsaufsteigerinnen sind, zeigt sich auch daran, dass etwa 55% der Studienanfänger weiblich sind. Das ist im Vergleich zu den 1930er Jahren, als meine Eltern geboren wurden, eine Revolution. Damals hatten 60% der Frauen gar keine Ausbildung. Bildung ist somit zum wesentlichen Faktor von Veränderung geworden, weswegen sich die Frauenleben in den vergangenen Jahrzehnten so rasant verändert haben.

    Nun lässt jedoch eine neue Studie die Befürchtung aufkommen, die gute Bildung könnte für junge Frauen im Hinblick auf ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt zum Bumerang werden. In Deutschland hat das Nationale Bildungspanel – mit 60 000 Teilnehmenden und 85 Millionen Euro die größte Längsschnittstudie der Welt – neue Befunde zu Tage gefördert, welche in diese Richtung weisen. Um den Soziologen Hans-Peter Blossfeld untersucht die Studie die Lebensläufe von 60 000 Deutschen aller Altersstufen, also vom Neugeborenen bis zur Rentnerin.

    Besonders interessant ist die Studie in Bezug auf den Heiratsmarkt, den sie ebenfalls beforscht hat. Angesichts der weiblichen Bildungsexpansion könnte man erwarten, dass sich auch das Heiratsverhalten geändert hat. Ein häufiges Muster im klassischen Ehe-Modell der letzten Jahrzehnte war ja, dass die Männer sich bei der Partnerwahl in Bezug auf das Bildungsniveau nach unten und die Frauen nach oben orientierten: Der Chef heiratete seine Sekretärin, der Arzt ehelichte seine Sprechstundenhilfe. Anzunehmen ist somit, dass heute eine Ärztin eher einen Pfleger heiratet oder eine Chefin eher ihren Buchhalter und dass beide deshalb den Eltern und Freunden gegenüber erklärungspflichtig werden, weil sie nicht der Norm entsprechen. Dieses erwartete Muster ist aber nicht eingetroffen. Das Verhalten von Männern und Frauen bei der Partnerwahl ist weitgehend gleich geblieben. Kann das gut gehen?

    Nein, sagt die Studie und belegt dies mit einfachen Daten: 55% der Studienanfänger sind Frauen, 45% Männer. Von diesen 45% suchen sich durchschnittlich 10% bis 15% eine Frau mit einem niedrigeren Bildungsniveau. Dann bleiben 30% Männer für 55% Frauen auf der hohen Bildungsebene. Wie reagieren Frauen auf diese Situation? Und, was sollen sie tun, wenn sie – jung und gut ausgebildet – einen Partner auf Augenhöhe finden und sich nicht nach unten orientieren wollen?

    Geht es nach den Forschern des Bildungspanels, dann sieht es für solch gut ausgebildete Frauen auf dem Heiratsmarkt eher düster aus. Obwohl ihnen eine grosse Gruppe beruflich weniger gut ausgebildeter Männer gegenübersteht, sind dies offenbar unattraktive Partner. Wenn nämlich eine Akademikerin einen Mann mit niedrigerem sozialem Status wählt, ist der Preis durch die Mehrfachbelastung mit Beruf, Familie und Haushalt besonders hoch. Dies zumindest will die Studie belegen: Je mehr Frauen die Ernährerrolle übernehmen und den Mann dabei überflügeln, desto mehr arbeiten sie auch im Haushalt. Denn solche  Männer – so die Argumentation - könnten ihre schon angeschlagene Geschlechtsidentität nicht noch stärker gefährden, wenn sie auch noch bügeln, kochen und die Wohnung putzen.

    Gut ausgebildete Frauen stehen somit vor einem Dilemma: Lieber darauf verzichten, einen Partner zu finden oder sich mit dem für sie schlechteren zufriedenzugeben? Der Heiratsmarkt wird für sie immer problematischer. So erstaunt es auch kaum, dass die Single-Quote bei gut qualifizierten Akademikerinnen besonders hoch ist.

    Wäre es für solche Frauen besser, wenn unsere Gesellschaft so funktionieren würde, wie dies die Ökonomie sagt? Derjenige, der weniger arbeitet, macht den Haushalt, wer erfolgreicher im Job ist, bringt mehr Geld nach Hause...?

  • Wir alle kennen das Vorurteil, dass Mädchen einfach schlechter in Mathematik seien und dies einer biologischen Tatsache entspreche. Und es ist auch eine oft gestellte Journalistenfrage, ob das männliche Geschlecht deshalb klüger als das weibliche Geschlecht sei. Schliesslich sind Frauen an Universitäten und Fachhochschulen in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) deutlich unterrepräsentiert. Wenn man die Gründe nicht in der Biologie sucht, dann am ehesten in den gesellschaftlichen Stereotypen und in den Vorurteilen von Lehrkräften, Eltern und Berufsbildnern. Eine neue und repräsentative deutsche Studie* bringt nun ein bisher unbeachtetes Kriterium in die Diskussion: Knaben schreiben sich bereits in der 5. Klasse der Primarschule höhere Kompetenzen in Mathematik zu und zwar in einem Mass, das überhaupt nicht den Schulnoten entspricht. Bei den Mädchen ist es deutlich anders. Vielleicht liegt in diesem Sachverhalt eine Möglichkeit, die MINT-Förderung anders und vor allem neu auszurichten: dass Mädchen bereits in der Primarschule in ihrem Selbstvertrauen in die mathematischen Fähigkeiten bestärkt werden, von Lehrkräften und Eltern.

    Knaben sind in Mathe besser

    Die PISA-Ergebnisse weisen einen Vorsprung der Mädchen in der Lesekompetenz in vielen der einbezogenen Länder nach, während in Mathematik markante länderspezifische Geschlechtsunterschiede festzustellen sind. So sind die Differenzen zu Gunsten des männlichen Geschlechts in einigen Ländern (beispielsweise Korea, Österreich oder Brasilien) besonders gross, während es anderen Ländern wie etwa Irland, Japan oder Grossbritannien gelingt, bei der Lesekompetenz der Knaben sowohl höhere durchschnittliche Punktwerte zu erreichen als auch die geschlechtsspezifischen Unterschiede in Mathematik in Grenzen zu halten oder gar auszugleichen.Damit widerlegen auch die PISA-Studien, dass die im Schnitt schlechteren Mathematikleistungen des weiblichen im Vergleich zum männlichen Geschlecht biologisch erklärbar seien.

    Theoretische Erklärungen der männlichen Vorteile

    Auch wenn PISA zeigt, dass die Unterschiede kaum lediglich biologischen Ursprungs sein können, stellt sich die Frage, wie man die Geschlechtsunterschiede erklären kann. Hierzu liegen verschiedene Erklärungsversuche vor. Der erste ist die so genannte sich selbst erfüllende Prophezeiung. Gemeint ist damit, dass Frauen vermehrt befürchten, benachteiligt zu sein und deshalb in Tests schlechter abschneiden. Verschiedene Laborexperimente wiesen nach, dass wenn man Frauen einredete, das weibliche Geschlecht würde in mathematischen Tests leider grundsätzlich schlechter abschneiden, dies in den anschliessenden Tests auch tatsächlich zutraf. Die Autoren solcher Experimente** sind der Ansicht, dass das weibliche Gehirn offenbar anders tickt – der Mythos der unbegabten Mädchen und Frauen ist aktueller denn je. Diese Annahme wird heute jedoch in Zweifel gezogen.

    Lange Zeit setzte man deshalb auf den zweiten Erklärungsversuch, auf die Erwartungen und Vorurteile von Eltern und Lehrkräften. Aufgrund verschiedener Studien ist anzunehmen, dass sie Knaben womöglich stärker in MINT-Fächern ermuntern und damit den Mädchen signalisieren, dass diese Ausrichtung für sie eher ungeeignet ist***.

    Selbstunterschätzung: der vielversprechende Erklärungsversuch

    Die neue Studie des DIW unter der Leitung von Felix Weinhardt verfolgt eine andere Perspektive.Der Autor ist der Frage nachgegangen, inwiefern eine der Ursachen schon im Grundschulalter zu suchen ist. Auf Basis eines für Deutschland repräsentativen Datensatzes des Nationalen Bildungspanels wurde untersucht, wie Jungen und Mädchen ihre Fähigkeiten in Mathematik – und im Vergleich dazu im Fach Deutsch – einschätzen. Die Ergebnisse zeigen, dass sich Schüler bereits in der fünften Klasse höhere Kompetenzen in Mathematik zuschreiben als Schülerinnen – in einem Maße, das durch bessere Schulnoten nicht gedeckt ist. Die Unterschiede bestehen über die gesamte Schulzeit bis zur zwölften Klasse fort. Mit Blick auf den bereits heute vielfach beklagten Fachkräftemangel im MINT-Bereich ist das insofern bedeutend, als dass Frauen diese Fächer möglicherweise auch deshalb deutlich seltener studieren als Männer, weil sie ihre mathematischen Fähigkeiten in der frühen Schulzeit zu pessimistisch eingeschätzt und deshalb Präferenzen für andere Fächer, meist Sprachen, entwickelt haben. Um dem entgegenzuwirken, sollten Mädchen bereits in der Grundschule in ihrem Selbstvertrauen mit Blick auf mathematische Fähigkeiten bestärkt werden, beispielsweise durch Lehrkräfte und Eltern.

    Weiterführende Literatur

    *Weinhardt, F. (2017).Ursache für Frauenmangel in MINT-Berufen? Mädchen unterschätzen schon in der fünften Klasse ihre Fähigkeiten in Mathematik. Berlin: DIW.DIW Wochenbericht Nr. 45.2017.http://www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_01.c.568725.de

    **Dar-Nimrod, I. & Heine, S. (2016). Essentially biased: Why people are fatalistic about genes. In J. Olson (Ed.), Advances in Experimental Social Psychology,Vol. 55. 

    ***Stamm, M. (2014).Stamm, M. (2014). Nur (k)eine Berufslehre. Eltern als Rekrutierungspool. Dossier 14/4. Bern: Forschungsinstitut Swiss Education. http://www.margritstamm.ch/dokumente/dossiers/252-nur-k-eine-berufslehre/file.html

  • ​Wer von Mutterschaft spricht, tut es auch aufgrund der Tatsache, dass wir alle von einer Frau geboren worden sind. Weil der Körper der Frau fruchtbar ist, werden weibliche Wesen mit der Natur identifiziert. Ein Kind zu empfangen, auszutragen und es zu erziehen gelten als genuin weibliche Fähigkeiten. Dies bedeutet für viele, dass hier auch der Platz ist, an dem eine Mutter wirklich glänzen kann – und glänzen muss, weshalb sie als geeignetste und fähigste Fürsorgeperson in den ersten Lebensjahren die Kinder selbst betreuen soll.

    Mutterliebe ist kein automatischer Bestandteil der weiblichen Natur

    Heute wissen wir, dass Mutterliebe kein natürlicher, unabänderlicher Instinkt ist, kein automatischer Bestandteil der weiblichen Natur, sondern ein menschliches Gefühl, das in höchst unterschiedlichen Ausprägungen vorhanden sein kann. Mutterschaft hat sehr viele Gestaltungsmöglichkeiten, und der unterschiedliche Umgang der Menschen mit ihren Kindern in verschiedenen Epochen und Gesellschaften belegt die vielfältigen Lösungsmöglichkeiten für das Grossziehen von Kindern.

    In der Wissenschaft nennt man die Annahme der naturgegebenen Mutterschaft biologischen Determinismus. Der Mutterinstinkt ist eine logische Folge einer solchen naturalistisch orientierten Ideologie*. Es gibt eine ganze Menge an Büchern, die nachweisen, dass es diesen Mutterinstinkt gibt**. Oft heisst es: Jede Frau weiss instinktiv, wie man sich um Babys kümmert. Belegt wird dies dann mit den Hormonen Prolactin und Oxytocin, welche die Milchproduktion steuern und angeblich einen Euphorisierungszustand auslösen. Doch die Mutter gibt es nicht, genauso wenig wie das Kind. Deshalb kann es auch nicht die Mutterliebe geben oder den Mutterinstinkt. Es gibt Mütter, die verschmelzen mit ihrem Kind, andere aber nicht. Deswegen ist die eine keine schlechtere Mutter als die andere. Auch die amerikanische Soziobiologin und Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy*** sagt, der Mutterinstinkt sei weder instinktiv, noch sei er allen Müttern eigen, und es gäbe kein Rezept für alle.

    Auch Väter sind zu intensiven Gefühlen fähig

    Was bedeutet dies für die Vorbereitung auf die Mutterschaft? Dass sich schwangere Frauen damit auseinandersetzen sollten, möglicherweise nicht die riesigen und überwältigenden Gefühle bei und nach der Geburt zu haben, die von den Mutterinstinkt-Gläubigen immer und immer wieder als Messlatte einer guten Mama vorgegeben werden. Und werdende Mütter können sich auch vor Augen führen, dass Forschung und Praxis nur wenige Nachweise für den biologischen weiblichen Determinismus liefern. Selten liest man beispielsweise davon, dass auch andere Personen (beispielsweise Adoptiveltern) ohne Mutterschaftshormone zu intensiven Gefühlen fähig sind. Und nur zögerlich wird die gesicherte Erkenntnis aufgenommen, dass Väter genauso feinfühlig die Kinder betreuen können, sich aber in der Art und Weise, wie sie dies tun, von den Müttern unterscheiden****. Obwohl die Mutter aufgrund von Schwangerschaft und Stillfähigkeit eine grössere biologische Nähe zum Kind hat, führt dies nicht automatisch zu einer besseren Fürsorgefähigkeit. Vielmehr müssen Fürsorge, Betreuung und Erziehung von beiden Partnern im Alltag erst einmal on the job gelernt werden.

    Eine Standfestigkeit gegenüber der Mutterinstinkt-Ideologie entwickeln

    Erstaunlicherweise haben solche Erkenntnisse die öffentliche Meinung bisher wenig beeinflusst. Dies hat massgeblich mit dem Dogma der intensiven Mutterschaft zu tun*****. Werdende Mütter tun deshalb gut daran, sich einerseits von Ärztinnen und Ärzten und anderen Fachpersonen betreuen zu lassen, die eine realistischere Haltung gegenüber dem Mutterinstinkt vertreten, sich aber andererseits ebenso mit gleichgesinnten Müttern, Freundinnen und Freunden zusammenzutun, um eine gewisse Standhaftigkeit gegenüber der Mutterinstinkt-Ideologie entwickeln zu können.

    Weiterführende Literatur

    * Kleikamp, T. (2018). Mutterschaftskonzepte von Akademikerinnen. Zwischen Gleichberechtigungsanspruch und Naturalismusdebatte. In: H. Krüger-Kirn & Wolf (Hrsg.), Mutterschaft zwischen Konstruktion und Erfahrung (S. 91-102). Leverkusen: Budrich.

    ** Badinter, É. (2010). Der Konflikt: Die Frau und die Mutter. München: Beck.

    *** Blaffer Hrdy, S. (2010). Mutter Natur. Die weibliche Seite der Evolution. Berlin: Berlin Verlag.

    **** Stamm, M.(2018). Neue Väter brauchen neue Mütter. Weshalb Familie nur gemeinsam gelingt. München: Piper, S. 165ff.

    ***** Stamm, M. (2020). Du musst nicht perfekt sein Mama. Schluss mit dem Mamamythos. München: Piper.

  • Tickt ein junger Mann richtig, wenn er sich entscheidet, «Fachperson Kinderziehung HF» zu werden? Viele bezweifeln dies. Weichei, Softie etc. hat ein Jugendlicher aus unserem Bekanntenkreis einstecken müssen, als er seinen Berufswunsch bekannt gemacht hat. Die Gesellschaft wünscht sich eher Männer, die starke Kerle sind, eben Ingenieure, Lokomotivführer oder Informatiker, aber kaum Erzieher in Kinderkrippen. Auch Mütter und Väter denken noch vielfach so: Töchter seien prädestiniert für emotionale, soziale Bereiche, Söhne sollten eher etwas ‚Richtiges‘ lernen und damit einmal eine Familie ernähren können.

    Die aktuellen Daten sprechen eine deutliche Sprache: 3‘300 Frauen absolvieren aktuell eine Ausbildung «Fachperson Kindererziehung HF», aber nur gut 300 Männer. Und wieviele von ihnen einmal ihren Beruf tatsächlich ausüben werden, steht in den Sternen. Die Mehrheit der Kitas in der Schweiz hat auch noch keinen einzigen Mann angestellt. Mit dieser Problematik stehen wir allerdings nicht alleine da. Auch in Deutschland sieht die Situation mit ca. 4% Männern in Kitas nicht viel besser aus. Und dies trotz der breit angelegten Initiative «Mehr Männer in die Kitas», die vom Bund mit 13 Millionen Euro seit gut drei Jahren finanziert wird. Selbstverständlich kann man das Glas auch als halbvoll, also positiv, betrachten: Im Jahr 2006 waren es in der Schweiz noch ganze 43 Männer gewesen, welche die Ausbildung absolviert hatten, die heutige Anzahl entspricht damit einer Zunahme von etwa 700%.

    Weshalb wäre es denn so wichtig, mehr Männer in Kitas zu haben? Gründe gibt es viele, in erster Linie sind es zwei: Erstens, weil in den Familien oft männliche Bezugspersonen fehlen und Lehrer auch in Kindergärten, Primarschulen und in der Sekundarstufe I äusserst rar geworden sind. Zweitens, weil sich Geschlechtsstereotypien früh festsetzen. Kleine Kinder, die von Männern in der Kita betreut werden (und natürlich auch von Vätern zu Hause …), könnten deshalb schon in den ersten Lebensjahren erfahren, dass es keine typischen Männer- und Frauenberufe gibt. Und dass Erzieher genauso wie Erzieherinnen mit ihnen basteln, singen, werken und spielen, sie trösten und wickeln und ihnen das Essen geben können.

    Vor diesem Hintergrund ist es äusserst lobenswert, dass auch hierzulande eine Werbekampagne von KitaS, Curaviva und Männer.ch. im Jahr 2014 gestartet werden soll. Nur stellt sich die Frage, ob dies der einzig richtige Weg ist. Gerade weil die Vorurteile gegenüber Männern in Kitas enorm sind, muss man auch anderswo ansetzen und zwar bei den Berufsberatungen und der Lehrerschaft der Sekundarstufe I. Gerade die Kritik an den Berufsberatungen ist ja nicht neu: Moniert wird seit längerem, sie würden das geschlechtstypische Berufswahlverhalten der Jugendlichen unterstützen. Von Bedeutung wäre deshalb die Frage, wie es Berufsberatungen – aber selbstverständlich auch Lehrkräften – angesichts des Männermangels in Kitas (und auch generell in sozialen Berufen) gelingt, Jugendliche zu ermutigen, auch geschlechtsuntypische Berufe zu wählen. Ziel wäre es, dass gerade auch Berufsberatungen verstärkt mithelfen, die Segregation des Arbeitsmarktes in Frauen- und Männerberufe aufzuweichen und nicht noch zu verfestigen.

    Keinesfalls will ich hier Berufsberatungen und Lehrkräfte beschuldigen. Mit Sicherheit versuchen sie, ihr Bestes zu geben. Aber – so vermute ich – sie tappen oft in die Geschlechterfalle. Ein Beispiel: In den Medien kann man immer und immer wieder lesen, dass Erzieher in Kitas wenig verdienen und junge Männer schliesslich einmal eine Familie ernähren sollen. Bereits diese beiden Gedanken können sie – gerade, weil sie ja sowieso zweifeln – davon abhalten, den Beruf Fachperson in einer Kita überhaupt in den Blick zu nehmen.

    Neben Berufsberatungen und Lehrkräften gibt es aber noch ein weiteres Problem: Die Tatsache, dass Männer in Kitas als Risikofaktor angesehen werden und oft unter generellen Missbrauchsverdacht gestellt werden. Viele Eltern haben Vorurteile gegenüber männlichem Personal in Kitas, dass sie zu sexuellen Übergriffen neigen würden. 40% der Eltern und 34% des Kitapersonals befürchten dies. Entsprechend berichten mir Kitaleiterinnen immer wieder von Eltern, die wünschen, dass Männer ihr Kind nicht wickeln dürfen. Verbände haben reagiert und einen Verhaltenskodex für ihre Mitglieder ausgearbeitet. Dass dies jedoch ein eigentlicher Akt der Diskriminierung von Männern in Kitas darstellt – davon getraut sich kaum jemand zu sprechen.

    Sicher ist, dass es  noch viel Entwicklungs- und Veränderungsarbeit braucht, in erster Linie in den Köpfen unserer Gesellschaft. Männer können sehr viel mit kleinen Kindern anfangen, aber solange sie als Erzieher gefragt werden: «Wie lange willst du dies noch machen, hast du nichts Besseres?» ist noch wenig erreicht.

    Bildungs- und Sozialpolitik müssen sich dieser Problematik annehmen. Es kann nicht sein, dass einerseits von «den neuen Vätern» gesprochen wird, sie den Vaterschaftsurlaub neu verhandeln will und verlangt, dass Väter nach der Geburt längere Zeit bei der Familie sein können, Männer andererseits jedoch in Kitas quasi inexistent sind. Wie kann sich dann in Kitas widerspiegeln, dass Erziehung, Betreuung und Bildung auch Männersache ist?

    Alte Rollenklischees dürfen allerdings nicht wieder aufgewärmt werden: Männer in Kitas sind nicht darauf zu reduzieren, dass sie anders mit den Kindern umgehen, gut Fussball spielen, werken und toben können und den Knaben als Vorbilder dienen sollen. Zwar zeigt die Forschung mit grosser Eindeutigkeit, dass sich Männer anders verhalten als Frauen und die Kinderbetreuung damit bereichern. Aber bisher ist wissenschaftlich nicht belegt, dass Männer in Kitas tatsächlich einen Unterschied machen.

    Alle Welt wünscht sich eine Frauenquote in Chefetagen. Grundsätzlich würde ich eigentlich gern für eine Männerquote in Kitas plädieren, z.B. für eine 20%-Quote. Nur, wenn es einfach (noch) zu wenig Männer gibt, die den Beruf ausüben wollen, dann nützt auch die beste Quote nichts. Deshalb müssen wir auch ein andere Segment, als lediglich die jüngsten Männer in den Blick nehmen: Viele Männer in den besten Jahren denken über berufliche Umstiege und Umorientierungen nach, viele Arbeitnehmer 50+ möchten ihre Potenziale, die sie oft im sozialen Bereich entwickelt haben, neu unter Beweis stellen. Weshalb könnten nicht auch ältere Männer im Zuge einer Neuqualifizierung in Kitas tätig werden? Vielleicht sogar ehrenamtlich?

  • Drei Wochen lang haben wir im vergangenen November in Buenos Aires die Geheimnisse des Tango Argentino ergründet und uns in vielen Tanzstunden und vor allem in so genannten Milongas bemüht, ihn auch zu tanzen zu lernen. Milonga ist der Name für eine regelmässig stattfindende Tangotanzveranstaltung, meist zwischen 22 Uhr und morgens 4 Uhr. Wer Nacht für Nacht, zum Tango tanzen zu einer Milonga geht, wird deshalb Milonguero oder Milonguera genannt. Nun, jenseits des täglichen Übens waren die Milonga-Besuche für mich so etwas wie ‚praktische Genderforschung'.

    Wohl jeder kennt Fotos von Frauen in Netzstrümpfen, hochhackigen Schuhen und roten Kleidern und Männer mit Hosenträgern und Hüten, die Tango tanzen. Mit Rudolfo Valentino entstand das Bild des Tango tanzenden Latin Lovers. Bekanntlich gilt der argentinische Tango seit damals als Macho-Tanz: der Mann in dominanter Pose mit einer sich ihm unterwerfenden Frau. Die Aussage von Angel Fabian Coria, einem der berühmtesten Tangotänzer und -lehrer in Buenos Aires «Die Frau hat im Tango nur da zu sein» würde hierzulande wohl viele entrüsten, wenige wahrscheinlich begeistern. Diese Aussage begegnet einem überall, und vordergründig ist sie gar nicht so abwegig. Frauen in aufreizenden Roben und Männer, die mit ihren Partnerinnen mit Blick auf einen möglichen Rivalen gekonnt übers Parket wirbeln. Stimmt aber so nicht: Zwar übernimmt der Mann die aktive Rolle und die Frau folgt seiner Führung. Aber: Ihre Ausdrucksmöglichkeiten sind vielfältig und sie ist es, welche die Nähe zum Partner bestimmt. Milongueras, so meine Beobachtung, begeben sich offenbar beim Tangotanzen in die traditionelle Rolle, im wahren Leben jedoch nicht. Kann man somit den Geschlechterkampf auch tanzen?

    Worüber ich am meisten die Augen gerieben habe: Diejenigen Argentinierinnen und Argentinier, welche ich in den Milongas beobachten konnte, leben ihre Geschlechterrollen ganz anders als wir. Und ich habe nicht selten gestaunt, wie modern sie dies tun. So hat mir eine etwa dreissigjährige, sehr gut aussehende Tänzerin, ihres Zeichens Professorin für Computerwissenschaften, ganz selbstverständlich erklärt: «Sicher gebe ich mich dem Tanz hin und dem Mann die Führung. Ich nehme die traditionelle Rolle ein, aber ich distanziere mich gleich wieder. Das wahre Leben ist ganz anders».

    Balsam wäre dies für viele Männer- (und Frauenseelen?) hierzulande. Jedenfalls habe ich den Eindruck bekommen, als ob man in Argentinien noch weiss, was ein ‚richtiger' Mann, was eine ‚richtige' Frau ist und sein darf. Und ich glaube, man hat zur eigenen Geschlechtsrolle ein viel, viel unverkrampfteres Verhältnis. Als ich auf einer Milonga, auf der viele ältere Tänzer waren, eine Milonguera fragte, wie sie es mit dem Thema »Machismo« halten und ob sie sich als Feministin bezeichnen würde, antwortete sie ohne zu zögern mit «si», deutete dabei auf ihren Mann und sagte mit gewissem Stolz: «Ich habe ihn gezähmt, denn er ist jetzt Feminist.» Er lachte jedoch etwas verlegen, als sie erklärte: «Die Männer leiden mehr als wir unter dem Machismo. Sie werden dazu erzogen, stark zu sein und keine Emotionen zu zeigen.»

    Tango Argentino vielleicht als Therapie für Männer? Nun, Tatsache ist, dass gute Tänzer auf den Milongas sehr begehrt sind, nicht nur 20- bis 40jährige, auch ältere 50-, 60- oder gar 70-jährige. Körpergeruch, Manieren oder politische Haltungen spielen dabei eine sehr untergeordnete Rolle. Aber auch die guten Milongueras sind sehr begehrt. Und wenn ein Milonguero, welcher eines besonders gut kann – die Mirada und den Cabeceo – dann ist er der heimlichen Star. Mirada meint Blickkontakt und Cabeceo die leichte Nickbewegung des Kopfes in Richtung Tanzfläche. Denn wenn die Milonguera den Cabeceo mit einem Lächeln professionell bestätigt, dann holt er sie von ihrem Platz ab und bittet sie auf die Tanzfläche. Alle Augen sind dann auf dieses Paar gerichtet.

    Aber es gibt auch eine Rückseite dieser Medaille, die mir reichlich abstrus erschienen ist. Auf fast jeder Milonga hatte es nämlich Frauen, die den ganzen Abend nie zum Tanzen aufgefordert wurden. Ich habe mich gefragt, weshalb sich dies Frauen antun, stundenlang wie bestellt und nicht abgeholt dazusitzen und am Schluss des Abends frustriert zu sein. «Der Mann führt, die Frau gehorcht» würde in dieser Hinsicht eine Emanzipation der Frauen benötigen.

     

  • erschienen in Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 20.01.2024, 2.


    «Gender-Disappointment» ist ein neues Phänomen. Gemeint ist damit die Enttäuschung schwangerer Frauen, wenn die Gynäkologin beim Ultraschall sagt: Es ist ein Knabe. Heutzutage dominiert oft der Wunsch nach einem Mädchen. Es gibt offenbar eine Quelle grosser Angst um Knaben.

    Knaben haben an Boden verloren

    Das männliche Geschlecht ist in Schieflage geraten. Viele Veränderungen haben dazu geführt, dass Knaben in Schule und Ausbildung an Boden verloren haben und als Problemgeschlecht gelten. Im Vergleich zu Mädchen bekommen sie deutlich häufiger die Diagnose ADHS, gelten als verhaltensauffälliger und haben im Durchschnitt schlechtere Schulnoten. Zudem schaffen sie den Sprung ins Gymnasium seltener und brechen es häufiger ab.

    Darüber wird kaum gesprochen. Manche Feministin sagt, Knaben und junge Männer müssten lernen, vom weiblichen Geschlecht überholt zu werden. Und überhaupt sei die Berufswelt in den obersten Etagen immer noch mehrheitlich männlich.

    Der Tunnelblick auf  die Knaben greift zu kurz

    Die Diskussion ist einseitig. Sie ist nicht neutral, sondern ignorant oder gehässig. Zudem ist die Generalisierung des männlichen Geschlechts als «Problemgeschlecht» undifferenziert. Nicht alle Knaben sind Verlierer in der Schule, genauso wie nicht alle Mädchen auf der Überholspur sind. Dieser Tunnelblick greift zu kurz. Neben den unauffälligen Durchschnittsschülern gibt es auch sehr gute Schüler.

    Doch eine Gruppe wird zu selten beachtet: Männliche Jugendliche am unteren Ende der Skala. Fast ein Viertel kann am Ende der Volksschule nicht genügend gut lesen, um basale Texte zu verstehen, geschweige zu schreiben. Auch beim Lösen einfacher Mathematikaufgaben haben viele Mühe. Dass das männliche Geschlecht in dieser Gruppe überdurchschnittlich vertreten ist, kann nicht lediglich als individuelles Problem verstanden werden, es betrifft auch die Struktur der Ausbildung.

    Der Lehrplan 21 und eine andere Pädagogik für Knaben

    Unser Bildungssystem ist eher zu Gunsten der Mädchen strukturiert. Der Lehrplan 21 betont das Sozialverhalten, die Fähigkeit zum selbstorganisierten Lernen, frühe Fremdsprachen (z.B. Französisch) sind ein Muss. Dies erfordert Kompetenzen, die eher den Mädchen zugeschrieben werden. Leistungsschwache oder wenig schulaffine – meist männliche – Jugendliche tun sich schwerer damit. Manche erachten Schulerfolg als unmännlich, als cool hingegen, wer auffällt. Sie passen weniger auf, stören den Unterricht, machen widerwillig Hausaufgaben und sind überzeugt, dass die Beflissenheit beim Lernen eine Angelegenheit der Mädchen ist.

    Für solche Knaben wäre eine andere Pädagogik nötig. Einerseits profitieren sie eher von einem Unterricht, der Autonomieerleben und Bewegung betont, also auch das Haptische, das experimentelle und bewegungsorientierte Lernen. Andererseits brauchen sie eine engere Führung und Kontrolle – genauso aber auch mehr Ermutigung, dass sie im zukünftigen Leben mit Anstrengung etwas erreichen könnten. Doch solche Forderungen tönen für moderne pädagogische Ohren wenig attraktiv. Trotzdem: Selbstorganisiertes Lernen ist kein Allerheilmittel und schon gar keine Garantie für erfolgreiches Lernen. Leistungsschwächere Schüler sind nicht in der Lage, ihr Lernen ohne Anleitung eigenverantwortlich zu regeln. In unserer Schulabbrecher-Studie hat die Mehrheit der männlichen Aussteiger im Rückblick betont, ein strukturierter und führender Unterricht hätte sie vielleicht in der Schule gehalten.

    Trump und die «Bros»: eine gefährliche Verbindung

    Und noch etwas: Männliche Jugendliche, die cool sein wollen, treten auffällig oft auf die Leistungsbremse und eifern einem traditionellen Männlichkeitsbild nach. Seit Donald Trumps Wahl zum neuen amerikanischen Präsidenten bekommt diese Gruppe Aufwind. Er gewann, weil er auf die Gruppe junger Männer setzte, die nicht wählen geht: auf «Bros». Das ist eine Abkürzung für brothers.Oft sind das nicht besonders erfolgreiche Männer, die auf körperliche Stärke sowie auf ausschliesslich maskulin basierte Interessen setzen und ein abwertendes Frauenbild haben.

    Dies sollte Grund genug für unser Bildungssystem sein, mehr für Knaben und junge Männer zu tun. Und zwar explizit auch für diejenigen, die sich nicht über gute Schulleistungen behaupten können und ihr Renommee im von Trump erneuerten Männlichkeitskult suchen. Das Ziel müsste ein neu gefasstes Verständnis von Männlichkeit sein. In der Pflicht stehen neben der Schule auch Sozialarbeit, Sportvereine und die kirchliche Jugendarbeit. 

  • Eigentlich müssten unsere Lebensbedingungen dazu führen, dass Männer und Frauen die traditionellen Rollenverteilungen ihrer Eltern immer mehr hinterfragen und neue Ideen entwickeln, wie sie Partnerschaft leben wollen. Dies dürfte insbesondere für junge Paare gelten, da ja gerade sie zumindest teilweise bereits in diese Richtung sozialisiert worden sind. Dem ist nur teilweise so. 

    Die Geburt des ersten Kindes als Weichenstellung

    Mit der Geburt des ersten Kindes setzt bei manchen Paaren ein Traditionalisierungsprozess ein. Erstaunlicherweise gilt dies nicht selten auch dann, wenn Frauen ähnliche Einkommenschancen wie ihre Partner haben. Die Erkenntnisse hierzu sind ernüchternd und verweisen darauf, dass die Politik die neuen Ressourcenverhältnisse zwischen den Partnern – er arbeitet weniger, sie arbeitet mehr – zu optimistisch eingeschätzt hat. Besonders eindrucksvoll ist, dass mit zunehmender Dauer der Partnerschaft die Bereitschaft von Männern abnimmt, sich verstärkt in die Haus- und Familienarbeit einzubringen. Das bedeutet, dass selbst bei den zunächst partnerschaftlich organisierten Paaren nicht wenige in Richtung Traditionalisierung kippen und zwar unabhängig vom jeweiligen Bildungsstand.

    Die theoretischen Versuche, das Phänomen zu erklären

    Wie kann man dieses Phänomen theoretisch erklären? Dazu stehen Ansätze zu Rollenerwartungen, zur Haushaltsökonomie, zu den Machtverhältnissen und zur intensiven Mutterschaft zur Verfügung.

    Rollenerwartungen: Dieser Ansatz geht davon aus, dass in der Gesellschaft geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen vorherrschen, die jedes Kind im Verlaufe seiner Sozialisation und Erziehung verinnerlicht und sich dann mehr oder weniger entsprechend verhält. Auch als erwachsene Person will man seine Rollen einhalten, um so die eigene Identität zu finden und zu sichern. Traditionell haben Frauen diese in Hausarbeit und Kinderbetreuung, Männer in der Ernährerfunktion gefunden. Weil sich in den letzten Jahren diese gesellschaftlichen Zuschreibungsmuster trotz Emanzipations- und Gleichstellungsbemühungen nur schleppend geändert haben, sind die Prioritäten der Partner auch nur unwesentlich anders geworden. Doch gibt es immer mehr Frauen und Männer, die sich mit den dominierenden Geschlechtsrollennormen kritisch auseinandersetzen und diese dann in ihrer Familienpraxis innovativ verändern. Die Einstellung ist deshalb die wichtigste Komponente, weshalb sich Paare so und nicht anders verhalten. Gegen dieses Erklärungsmuster spricht jedoch die Tatsache, dass viele Paare sich trotz moderner Einstellungen in der Vereinbarkeitsfrage konservativ verhalten.

    Ökonomische Arbeitsteilung: Dieses Erklärungsmodell versteht Haushalt und Familie als Kleinunternehmen, dessen Ziel es ist, das Wohlbefinden der Mitglieder zu fördern. Besonders wesentlich sind die finanziellen Mittel. Hat der Mann ein höheres Salär und die Frau geringere Verdienstmöglichkeiten, wird eine relativ traditionelle Rollenaufteilung vorgenommen. Diese ermöglicht, dass Eltern für die Kinder und sich selbst finanziell mehr leisten können, während eine egalitäre Aufteilung oft mit finanziellen Einschränkungen verbunden ist. Dies können oder wollen viele Paare nicht auf sich nehmen. Sie arbeiten, weil sie das Geld brauchen, nicht aus Luxus. Ein Teil der Männer kann die Familie noch alleine durchbringen, aber ein größerer Teil kaum. Im Ansatz für das Erklärungsmodell der ökonomischen Arbeitsteilung spricht die Tatsache, dass die Mehrheit der relativ gut verdienenden Paare deutlich häufiger das Teilzeit-Teilzeit-Modell wählen und ein deutlich geringeres Traditionalisierungsrisiko haben – aber nur dann, wenn sie dieses Modell früh schon wählen. Gegen das Modell spricht der relativ große Anteil an gut verdienenden Paaren, welche weiterhin das Vollzeit-Teilzeit-Modell wählen.

    Machtverhältnisse: Nicht nur die Finanzen und die Rollenvorstellungen sind ausschlaggebend dafür, wie sich Paare organisieren. Auch die Machtverhältnisse in der Partnerschaft sind wesentlich. Dieser theoretische Ansatz geht davon aus, dass in einer Partnerschaft jeder der beiden Partner versucht, seinen Nutzen (das, was man gerne tut) zu maximieren und seine Kosten (das, was man nicht gerne tut) zu minimieren. Was jedoch die beiden Partner als Nutzen und was als Kosten definieren, ist sehr unterschiedlich. Frauen beispielsweise nehmen für sich eher die Pflege des Kindes oder bestimmte Haushaltsarbeiten in Anspruch und delegieren Ungeliebtes (z. B. Steuererklärung ausfüllen) an den Partner. Für Männer gilt anderes. Prioritär ist für sie oft der direkte Umgang und das Spielen mit dem Kind, sekundär jedoch Putzen oder Wäsche bügeln. Aber auch gemäß diesem Erklärungsansatz ist derjenige Partner mächtiger, der ein höheres Salär bezieht beziehungsweise eine bessere Perspektive auf dem Arbeitsmarkt hat. Da Männer häufig diese Personen sind, drücken sie sich vor den am wenigsten attraktiven Aufgaben und überlassen diese eher den Partnerinnen. Die große Frage ist aber, weshalb dies die Frauen überhaupt zulassen.

    Das Ideal der guten Mutter:Dass gerade auch diejenigen Frauen, welche die Vision einer gleichgestellten Partnerschaft verfolgen, oft die gesamte familieninterne Verantwortung übernehmen, hat viel mit den vorherrschenden gesellschaftlichen Normen über berufstätige Mütter zu tun. Diese Normen orientieren sich an der Ideologie der guten Mutter, die gegenwärtig eine erstaunliche Renaissance erlebt. Eine Folge davon ist, dass viele Frauen die Gesamtverantwortung für das Haushalts- und Familienmanagement zu Beginn der Mutterschaft teils fast euphorisch übernehmen und sich entscheiden, den Arbeitsplatz zu quittieren oder weniger zu arbeiten. Sie denken, es sei doch nur gerecht, wenn sie kürzer treten, weil sie ja schließlich die Mütter seien und das Mutterideal in sich tragen würden. 70 Prozent der Paare antworteten auf die Frage nach den Kriterien für die Aufteilung von Job und Haushalt, dass der Wunsch der Mutter, mehr Zeit mit dem Kind zu verbringen, eine große Rolle gespielt habe.[3] Nur bei 36 Prozent war der Wunsch der Mütter wichtig, ihren Beruf mit der Familie vereinbaren zu können. Diese Daten verweisen zwar darauf, wie sehr die egalitäre Arbeitsteilung in Beruf und Haushalt nach der Familiengründung in den Hintergrund gerät, vielleicht aber nur vorübergehend.

    Zeitgeist, Theorie und Praxis

    Problematisch ist, dass in keinem der theoretischen Erklärungsversuche die Rolle der Rahmenbedingungen und des Zeitgeistes genügend zur Sprache kommen. Zwar ist es eine Tatsache, dass die Mehrheit der Männer ein höheres Einkommen hat als die Frauen, doch die ebenso bedeutsamen Rahmenbedingungen aussen vor bleiben (z. B. politische Aspekte wie die systematische staatliche Förderung der finanziellen Ungleichheit durch Einkommenssteuerrecht und Sozialversicherungsrecht oder die relativ konservative Familienpolitik). Solche Rahmenbedingungen dürften eine besonders wichtige Rolle bei der Wahl des Erwerbsmodells der Paare spielen. Es istkeinesfalls nur die Macht der Tradition, der Überzeugung oder der Natur, welche den Wandel bremst. Dies gilt auch dann, wenn man ihn wirklich will. Für jede Familie gibt es auch eine Macht der Finanzen.

    Somit braucht es auch einen veränderten Blick auf Männer und ihre Partnerinnen, auf ihre Leistungen für und in der Familie. Die Diskussion um die Vereinbarkeitsfrage konzentriert sich in der Familienpolitik zu stark auf die Vereinbarkeitsproblematik der Frauen und zu wenig um die damit verbundenen Herausforderungen der Männer.

    Literatur

    Weiterführende Hinweise finden sich in: Stamm, M. (2018). Neue Väter brauchen neue Mütter. Weshalb Familie nur gemeinsam gelingt. München: Piper.

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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