Kinder

  • erschienen in: NZZ am Sonntag, 31.03.2019

     

    «Ein Land mit Kindern ist ein Land mit Zukunft.» Mit diesem Satz hat kürzlich ein Politiker sein Plädoyer für eine bessere Familienpolitik beendet. Gleichentags las ich in einer Zeitung unter dem Titel «No Kids please!» einen Beitrag zum Trend von immer mehr Restaurants, Kinder auszusperren. Solche Gegensätze sind ein seltsamer Ausdruck unserer Gesellschaft, zunehmend Menschengruppen voneinander zu trennen, während alle Welt sich mit Begriffen wie Diversität oder Generationenhäusern schmückt.

    Weshalb wachsen Kinder heute so grenzenlos auf?

    Zwar kann man Kinder als unsere Zukunft bezeichnen, trotzdem haben sie auch einen schlechten Ruf. Die Forderung nach kinderfreien Zonen ist deshalb ein heisses Eisen. Die Meinungen sind geteilt, doch läuft mit Sicherheit etwas falsch, wenn ein Kind mit Schokofingern die Sitzbank des Restaurants verschmiert. Insbesondere dann, wenn die Eltern nicht einschreiten und so tun, als ob diese Kleckerei die normalste Sache der Welt sei. Greifen Restaurant-Betreiber ein, dann wahrscheinlich kaum, weil sie Kinderhasser sind, sondern weil sie Schaden abwenden wollen.

    Leider ist das Thema der kinderfreien Zonen eine Arena geworden, in der vor allem moralisiert wird. Diese Moralisierung verhindert, dass die vielleicht wichtigste Frage unberücksichtigt bleibt: Weshalb wachsen Kinder heute so grenzenlos auf? Warum erlauben ihnen die Eltern, sich überall frei zu entfalten und ihre Bedürfnisse kund zu tun?

    Erziehung als kommunikative Anregung zur Selbsterziehung

    Erstens, weil sich das Bild des Kindes enorm gewandelt hat. Galt es bis in die 90er Jahren als widerstands- und anpassungsfähig, überwiegt heute seine Verletzlichkeit, weshalb es keinen Enttäuschungen oder Konflikten ausgesetzt werden soll. Parallel dazu hat der Begriff vom «Vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt» im pädagogischen Feld und in den Köpfen vieler Eltern Einzug gehalten. Erziehung wird deshalb nicht mehr so sehr als Einwirkung, sondern als kommunikative Anregung und Herausforderung zur Selbsterziehung verstanden und praktiziert.

    Gegenüber den angstbesetzten Beziehungsstrukturen früherer Generationen ist das ein grosser Fortschritt, denn autoritäre Eltern hätten dem kleinen Schokofinger im Restaurant vermutlich sofort eins hinter die Ohren verpasst. Doch der Trend zum Verhandlungshaushalt hat Einiges ins Gegenteil verkehrt, so dass sich viele Eltern nur noch als «Flugbegleiter» (Jesper Juul) verstehen, das Kind zum kleinen König machen und sich kaum mehr getrauen, es zu er-ziehen und dadurch eine Distanz zu ihm herzustellen.

    Der zweite Grund liegt in den Familienstrukturen. Partner kommen und gehen, das Kind bleibt. Es ist sogar das einzig Stabile, das Kontinuität über das ganze Leben verspricht, wie dies beim Partner möglicherweise nicht der Fall ist. Das Kind wird zum Glückserfüller, von dem Eltern abhängig werden. Gleichzeitig machen sie sich Sorgen, ihre Disziplinierungsmassnahmen könnten negative Auswirkungen haben und dazu führen, dass sie seine Liebe verlieren. Deshalb betrachten sie es als verlängerten Arm von sich selbst und tun alles dafür, dass das so bleibt.

    Kinder gehören auch in ein Restaurant - damit sie Regeln und Normen kennenlernen

    Doch schon Friedrich Schleiermacher hat gesagt, dass nicht nur Behütung und Unterstützung wichtige Komponenten einer guten Erziehung sind, sondern auch die «Gegenwirkung». Heute nennt man das autoritative Erziehung. Sie zeichnet sich durch Liebe, Wertschätzung und Achtung aus, aber ebenso durch die Vorgabe von Regeln und eine klare Trennung zwischen Erwachsenen- und Kinderebene. Ist die Aussperrtaktik von Restaurants deshalb nicht auch ein Schlag ins Gesicht der Eltern, welche ihre Kinder so erziehen?

    Bei allem Verständnis für Gastronomen: Kinder gehören auch in ein Restaurant. Teil der Erziehung ist es, dass sie an verschiedenen Orten sozialisiert werden, also nicht nur zu Hause oder in Kita, Kindergarten und Schule, sondern auch in der Arztpraxis, im Museum, im Bus – und auch im Restaurant. Kinder sollen die Regeln und Normen kennenlernen, welche an diesen unterschiedlichen Orten gelten. Deshalb wäre der kleine Schokofinger sofort, aber liebevoll in seinem Tatendrang unterbunden worden und die Eltern hätten sich beim Restaurantbetreiber entschuldigt. Zu Hause würde der Knirps dann nicht einfach in einen der boomenden Knigge-Kurse geschickt, sondern mit ihm der nächste Besuch so vorbereitet und eingeübt, dass er nun weiss, was im Restaurant gilt und was sich vom häuslichen Wohnzimmer unterscheidet.

    Eltern dürfen ihre Kinder uneingeschränkt toll finden, aber sie sollen ihnen Regeln mit auf den Weg geben, die immer und überall oder auch nur an spezifischen Orten gelten. Dann müsste es nicht harzen, wenn mehrere Generationen oder Fraktionen unterschiedlicher Lebenseinstellungen zusammentreffen.

  • Schon lange ist bekannt, dass Kinder mit Migrationshintergrund schlechtere Schulleistungen erbringen als einheimische Kinder und dass diese Unterschiede, vor allem in den sprachlichen und sozialen Kompetenzen, bereits beim Eintritt in den Kindergarten deutlich sichtbar werden. Darauf verweisen viele Studien. Eine Konsequenz aus diesen empirischen Tatsachen war und ist, dass solche Kinder in sprachlich ausgerichteten Gruppen, in Sprachförderprogrammen oder in anderen Massnahmen gezielt gefördert werden. Bund, Kantone und Gemeinden geben hierfür viel Geld aus.

    Diese Strategie ist bisher auf grosse Akzeptanz gestossen und nur von der politisch Rechten dahingehend kritisiert worden, dass (Migranten-)Familien selbst verantwortlich seien für die Integration und schulische Vorbereitung ihrer Kinder und nicht der Staat.

    Jenseits jeglichen politischen Blickwinkels stellt sich jedoch zunehmend die Frage, weshalb es trotz enormer finanzieller Aufwendungen bisher nicht gelungen ist, das Potenzial dieser Kinder so zu fördern, dass sie beim Schuleintritt günstigere Startchancen haben. Eine Ursache sehe ich darin, dass wir immer bei den Kindern und ihren Familien ansetzen und nie bei den Merkmalen unseres Bildungssystems.

    Diese Ursache lässt sich zweifach begründen. Zum einen gibt es in der Bildungsforschung das unbewusste und nicht diskutierte Ritual, Ergebnisse aus wissenschaftlichen Untersuchungen zu wiederholen (man spricht dann von «Replikationsstudien»). Auch in der Forschungsförderung zeigt sich, dass Projekte zu benachteiligten Migranten bevorzugt behandelt werden und dass auch Kantone am meisten Finanzen in wissenschaftliche Begleituntersuchungen dieses Mainstreams stecken. Das Ergebnis solcher Studien ist fast immer das gleiche: Migrantenfamilien vernachlässigen (zu) oft ihre Kinder, fördern sie zu wenig, gehen nicht an Elternabende und interessieren sich nicht ausreichend für unser Bildungssystem. Deshalb gelten ihre Kinder als Bildungsverlierer. Zum zweiten werden solche Ergebnisse von den Medien oft hochstilisiert. Migrantenkinder werden zu einer Risikogruppe, über die bei jeder Gelegenheit ausführlich berichtet wird.

    Meines Erachtens ist es vollkommen falsch, immer nur über das Versagen der Migrantenkinder und ihrer Familien zu sprechen, nie jedoch über das Versagen unseres Bildungssystems. Dass auch mehr als zehn Jahre nach PISA die Herkunft immer noch den Schulerfolg bestimmt, ist ein Skandal. Und zwar einer, der nicht lediglich mit einem Sprachförderprogramm für Spielgruppen behoben werden kann. Alle sprechen zwar inzwischen vom «Potenzial der Migranten» und davon, wie es genutzt werden soll, gerade auch im Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel. Aber was bringt es, wenn unser Blick nach wie vor auf die individuellen Defizite der Kinder und ihrer Familien gerichtet ist? Wenn wir uns weiterhin davor hüten, über die Leistungsfähigkeit unseres Bildungssystems im Hinblick auf Integration und Chancengerechtigkeit zu reden? Mit Sicherheit wird uns dieser Scheuklappenblick nicht weiter bringen.

    Deshalb sollten wir den Blick konsequent vom Misserfolg der Familien, ihre Kinder zu fördern, weglenken auf die Barrieren unseres Bildungssystems und uns fragen, weshalb sie von solchen Kindern und ihren Familien nicht überwunden werden können. Setzen wir auf diese Barrieren, müssen wir uns jedoch mit der institutionellen Diskriminierung und ihren Folgen auseinandersetzen. Die institutionelle Diskriminierung geht davon aus, dass organisationale Strukturen oder institutionelle Regelungen des Bildungssystems zu Benachteiligungen von bestimmten Gruppen führen. Die bekanntesten diskriminierenden Mechanismen werden beispielsweise in der massiven Häufung von Kindern mit Migrationshintergrund in Realschulen, Einschulungsklassen oder in den Warteschlaufen beim Eintritt in die Berufsbildung sichtbar, welche solche Jugendlichen viel häufiger als Einheimische drehen müssen.

    Die erste Adressatin des Blicks auf die institutionelle Diskriminierung ist deshalb nicht die pädagogische Praxis, sondern die Bildungspolitik. Sie müsste federführend werden, damit wir endlich die Struktur des Bildungssystems verändern und – vor allem die Rolle und Bedeutung der Migranten neu bestimmen.

  • In der Erziehung und Förderung des Nachwuchses stellt unsere Gesellschaft die Eltern unter einen enormen Vollkommenheitsdruck: Sie sollen das Kind als Persönlichkeit mit eigenständigen Bedürfnissen und Ansprüchen verstehen, ihm umfassende Liebe entgegen bringen, seine Bedürfnisse immer auf den ersten Platz setzen und das Kind nicht unnötig einschränken. In der Wissenschaft spricht man deshalb auch von der «Sentimentalisierung der Kindheit»*. Caroline Thompson nennt sie gar eine «sentimentale Revolution». Hinter diesem Phänomen steckt ein Paradigmawechsel, der Kindheit und Elternschaft in historisch einzigartiger Weise verherrlicht. War die Verherrlichung des Kindes im späten 19. und vor allem im 20.Jahrhundert noch auf eine kleine Gruppe nicht berufstätiger, bürgerlicher Mütter beschränkt gewesen, so trifft dies heute für weite Kreise der Gesellschaft zu und bildet die Grundlage einer modernen Definition von Elternschaft.

    Der kompetente Säugling als Persönlichkeit

    Seitdem die Kindheit entdeckt worden ist, sind Kinder immer wieder in unterschiedlichen Bildern portraitiert worden. Bestimmt vom jeweiligen Zeitgeist widerspiegeln sie in der Regel das, was Wissenschaft und Gesellschaft als zentral erachten. Das Bild des kompetenten Säuglings respektive des kompetenten Kindes passt deshalb bestens zu unserer heutigen Gesellschaft**. Dieses Bild hat sich im Verlaufe der späteren 1990er Jahre einen Eingang in die Köpfe der Mittel- und Oberschicht verschafft. Hinter dem Begriff steckt die Überzeugung, dass bereits Säuglinge Persönlichkeiten sind, die als kompetente Kinder und nicht als unfertige Wesen auf die Welt kommen. Diese Kompetenz muss ihnen nicht erst durch Erziehung, d.h. durch die Eltern oder durch andere Erwachsene, beigebracht werden. Infolgedessen wird auch fast unhinterfragt vorausgesetzt, dass sich ein kompetentes Kind bereits früh auf die Separation von den Eltern einstellen kann und in der Lage ist, sich mit geringen Schwierigkeiten an Babysitter, Kitas, Tagesmütter etc. anzupassen.

    Nicht kompetent, aber lernfähig

    In der Tat hat die moderne Säuglingsforschung Erstaunliches und Verblüffendes enthüllt. Schon Säuglinge können Überraschung, Ekel, Schmerz, Interesse oder Neugier ausdrücken und ihre Mutter und ihren Vater am Geruch erkennen. Auch kleine Kinder können schon viel – wenn man den Blick auf ihre Ressourcen und nicht auf ihre Defizite legt. In dieser Hinsicht sind sie tatsächlich «kompetent»***. Leider sind solche Erkenntnisse häufig vollkommen falsch interpretiert worden. Laut Brockhaus bedeutet Kompetenz nämlich schlicht und einfach «Sachverstand», und Sachverstand setzt Wissen voraus, damit Phänomene und Situationen wahrgenommen, verstanden und eingeordnet werden können. Säuglinge und auch kleine Kinder sind in diesem Sinne noch nicht kompetent. Sie sind lediglich besonders lernfähig und besonders lernbereit. Und darin haben wir sie jahrzehntelang unterschätzt. Der Mythos vom kompetenten Säugling und Kleinkind ist jedoch eine falsch gelegte Fährte, welche in die Überforderung der Eltern und ihrer Kinder führt.

    Der Mythos der grenzenlosen Formbarkeit

    Es ist keinesfalls so, dass Kinder kompetent auf die Welt kommen und wir ihnen folglich nur noch das Wesentliche beibringen müssen, z.B. das frühe Lesen- und Rechnenlernen, Fremdsprachen oder Ballett. Zwar sind kleine Kinder schon früh in der Lage, die Welt um sich herum zu erobern, zu entdecken und zu verstehen. Aber sie und ihre Bezugspersonen müssen dafür viel Zeit aufwenden, um die komplexe Welt an Lauten, Farben, Formen und Gegenständen und Beziehungen zu verstehen. Die Annahme ist widersinnig, dass kompetente Kleinkinder nach dem Motto «Je früher, desto besser» nach bestimmten Vorstellungen geformt werden können. Zwar ist die Vorstellung richtig, dass sie besonders gut lernen können. Es besteht jedoch eine grosse Gefahr, dies mit grenzenloser Formbarkeit gleichzusetzen, nicht zuletzt deshalb, weil ein solches Bild besonders gut zu unseren heutigen Gesellschaftsstrukturen passt. 

    In dem Ausmass, wie das kompetente Kind zu einem normativen Muster geworden und seine Förderung von der Gesellschaft eingefordert wird, steigt der Druck auf die Eltern, ein solches Kind vorzeigen zu können. Die Tatsache, dass sie die alleinige Verantwortung für das Wohlergehen und den Bildungserfolg des Kindes tragen müssen, treibt sie in Ängste und Gewissensbisse, die sie mit einem Hang zur perfekten Elternschaft zu bewältigen versuchen. Der kompetente Säugling ist ein Ausdruck dieses Zeitgeistes. 

    Weiterführende Literatur

    * Honig, M.-S. (1993). Sozialgeschichte der Kindheit im 20. Jahrhundert. In M. Markefka & B. Nauck (Hrsg.), Handbuch der Kindheitsforschung (S. 207.-218). Neuwied: Luchterhand.

    ** Juul, J. (2013). Dein kompetentes Kind: Grundprinzipien der Pädagogik. Reinbek: Rororo.

    *** Dornes, M. (2001). Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen. Frankfurt a. M.: Fischer.

  • Erschienen in: NZZ, 5. Februar 2014, S. 21

    In letzter Zeit berichten Kindergartenlehrkräfte immer wieder von eigenartigen Erfahrungen: Sie müssen zunehmend Kinder unterrichten, die kaum Deutsch können und auch einfache Fragen nicht verstehen. Viele dieser Kleinen haben jedoch vorher eine Krippe, eine Spielgruppe oder ein gezieltes Förderprogramm besucht, oft zusammen mit ihren Müttern.

    Wie kann das sein? Weshalb haben sich die Deutschkenntnisse solcher Kinder nicht markant verbessert? Bemüht sich das Personal zu wenig um sie, versagen die Angebote oder sind unsere Ansprüche zu hoch?

    Dass eine frühe Sprachförderung eine der wichtigsten integrationspolitischen Aufgaben darstellt, ist weitgehend unbestritten. Keine Zeit eignet sich besser als die Vorschuljahre, um die Bildungschancen für benachteiligte Kinder zu erhöhen. Wartet man bis zum Schuleintritt, ist es meist zu spät, weil die Unterschiede zu gross sind. In den letzten Jahren haben viele Kantone und Gemeinden in frühe Sprachförderung investiert und es gibt inzwischen einige Leuchttürme. Insgesamt sind wir auf dem richtigen Weg.

    Somit fehlt es keinesfalls an Engagement. Das eigentliche Problem liegt anderswo: erstens in der oft belegten Tatsache, dass Kinder, die eine Sprachförderung am nötigsten hätten, gar kein Angebot besuchen. Zweitens, dass wir nicht wissen, wie Sprachförderung gestaltet werden soll, damit sie tatsächlich wirkt. ‚Wirkt' meint dabei nicht, dass die Fachkräfte oder die Eltern mit dem Programm zufrieden sind, sondern, dass Kinder deutliche sprachliche Fortschritte machen und beim Kindergarteneintritt dem Unterricht folgen können. Leider liegen hierzu nur vereinzelt Evaluationen vor. Das, was sie zu Tage fördern, ist eher enttäuschend: Ob ein Kind ein Sprachförderangebot besucht oder nicht, spielt häufig kaum eine Rolle. Die Unterschiede sind minim.

    Wo liegen die Ursachen für diese Problematik? Zunächst darin, dass bildungsferne Eltern solchen Angeboten häufig skeptisch gegenüberstehen. Von Bedeutung ist auch das Phänomen, das die Bildungsforschung «Segregation» nennt: dass sich solche Familien zunehmend auf be­stimmte Wohngebiete konzentrieren und ihre Kinder deshalb mit der deutschen Sprache kaum in Kontakt kommen. Dies trifft auch dann zu, wenn sie in ihrem Quartier eine Krippe oder eine Sprachspielgruppe besuchen, weil die grosse Mehrheit der anderen Kinder ebenfalls kein Deutsch spricht. Es fehlt ihnen das «Sprachbad». Weder beim Versteckis spielen noch im Sandkasten können sie spielerisch deutsche Begriffe lernen und sich mit unserer Alltagssprache vertraut machen.

    Ein besonderes Problem ist, dass häufig nur ein einziges Angebot vorhanden ist und dieses für alle Kinder mit Sprachdefiziten gelten muss. Folglich können gewisse Kinder davon gar nicht profitieren. Denn solche mit Spracherwerbsstörungen würden eine gezielte logopädische Therapie brauchen. Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen hätten hingegen ein Förderprogramm nötig, das ihnen systematisch hilft, die deutsche Sprache zu erlernen. Schliesslich gibt es einheimische Kinder mit eingeschränkten Sprachkompetenzen. Sie brauchen ein kreatives und anregendes Programm, das auf die Erweiterung und Verbesserung ihrer Sprachkompetenzen abzielt.

    Umfragen zeigen, dass sich nur wenige Fachkräfte im Spracherwerb auskennen. Es ist deshalb verständlich, dass es ihnen schwer fällt zu erkennen, ob ein Kind nun eine Sprachförderung braucht oder eher eine Sprachtherapie. Häufig fehlt Fachkräften zudem ein Sprachbewusstsein. Statt anspruchsvollen Sätzen und differenzierten Begriffen verwenden sie oft einfachste Redewendungen in der Hoffnung, die Kinder würden sie dann besser verstehen.

    Was ist zu tun? Mit Sicherheit wäre es angesichts der nicht besonders erfreulichen Situation falsch, einfach noch mehr Angebote zu schaffen und die öffentlichen Mittel zu erhöhen. Angemessener sind kantonale Strategien mit verbindlichen Vorgaben sowie eine systematische Überprüfung der Entwicklungsfortschritte der Kinder. Auch die Aus- und Fortbildung des Personals muss stärker in den Blick genommen werden. Es sollte nicht nur über mehr linguistisches Fachwissen verfügen, sondern in erster Linie auch in praktischen Situationen einüben können, was in der Sprachpraxis mit dem Kind zählt: langsames, zugewandtes Sprechen, geduldiges Zuhören, in vielfältige Alltagsrituale eingebettete Förderung statt Einzelworttrainings sowie variationsreiche und durchaus komplexe sprachliche Äusserungen.

    In einer unserer Umfragen haben acht von zehn Personen, die in Krippen arbeiten, angeben, gar keine Sprachförderung zu betreiben. Es fehle ihnen schlicht die Zeit dazu. Frühe Sprachförderung muss deshalb im Zeitbudget des Personals einen Platz bekommen, in der Verantwortung jedoch Chefsache sein. Sie muss in kleinen Gruppen und in geeigneten Räumen stattfinden können und das Personal sollte auf Begleitunterstützung durch speziell für Sprachförderung ausgebildete Fachkräfte zählen können.

    Schliesslich ist mehr Realitätssinn gefordert. Frühe Sprachförderung allein kann keine Wunder vollbringen. Vielmehr ist die Familie der wichtigste Förderort. Deshalb muss sie immer in frühe Sprachförderung einbezogen werden. In dieser Hinsicht hapert es aber besonders. Viele Programme scheitern nicht zuletzt, weil die Teilnahme der Eltern freiwillig ist. Soll Sprachförderung in sichtbar bessere Deutschkenntnisse der Kinder münden, kommen wir nicht umhin, zukünftig über die Verbindlichkeit solcher Angebote für Eltern zu diskutieren.

    Nicht nur die frühe, auch die schulische Sprachförderung wäre zu überdenken. Obwohl wir enorme Summen in sie stecken, verfügen viele Jugendliche nicht über das notwendige ‚Bildungsminimum'. Zwar ist es löblich, dass die Schweizer Armee ihren Rekruten Sprach- und Rechtschreibekurse anbietet und diese offenbar ein Renner sind. Aber leider sind sie das beste Beispiel dafür, wie wenig wirksam Sprachförderung in den letzten Jahren gewesen ist.

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    erschienen in: Nordwestschweiz, 4.01.2014, S. 2

     

    Kürzlich habe ich ein kleines Mädchen beobachtet, wie es behutsam und hoch konzentriert über ein etwa ein Meter hohes Mäuerchen balancierte. Aufgeschreckt wurde es durch eine sich überschlagende Stimme: «Pass sofort auf!» Das Mädchen erstarrte und sein Blick zeigte, dass es nicht mehr in der Lage war, einen einzigen Schritt weiterzugehen. In seinem Gesicht spiegelte sich die Angst – die Angst seiner Mutter, die es auch sofort von der Mauer herunterholte.

    Dieses Beispiel steht stellvertretend dafür, wie risikoscheu heutige Kinder aufwachsen müssen. Zugegebenermassen hat die Mutter mit ihrem Eingreifen möglicherweise ein paar blaue Flecken verhindert. Aber sie hat auch verhindert, dass für ihre Tochter das Spiel mit dem selbst gewählten Risiko zum Erfolg werden konnte. Das Mädchen hätte auf diese Weise Grenzen überwinden und auch seine Angst besiegen können. Kleine Kinder entwickeln auf diese Weise Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Sie lernen, Situationen richtig einzuschätzen und Sicherheit und Selbstbewusstsein zu gewinnen.

    In unserer Gesellschaft hat sich eine beispiellose Sicherheitskultur durchgesetzt. So besehen hat die Mutter ‚richtig‘ gehandelt. Von verantwortungsvollen Eltern wird erwartet, dass sie ihre Kinder dauernd überwachen und vor jeder möglichen und unmöglichen Gefahr schützen. Deshalb trifft man auf ganz normalen Spielplätzen immer mehr auf Kinder, die auf Geheiss ihrer Eltern einen Velohelm tragen. Ein aufgeschürftes Knie, ein Sturz vom Velo oder Dreirad, aber vielleicht auch eine Magenverstimmung, weil der Nachwuchs etwas nicht ganz Sauberes gegessen hat, gelten zunehmend als absolute Gefahren, die unter allen Umständen vermieden werden sollen.

    Ein anderes Beispiel ist die Tatsache, dass Eltern ihre Kinder zunehmend per Auto zur Schule fahren. Es gibt sogar Schulen, die «Elternhaltezonen» einrichten, damit die Kinder sicher ein- und aussteigen können. Dieses Eltern-Taxi-Phänomen gründet in der Angst, dem Nachwuchs könnte etwas passieren. In vielen Köpfen von Vätern und Müttern ist der pädophile Kidnapper allgegenwärtig, so dass sie in ihrer Angst in einem permanenten Katastrophenmodus leben. Vielen Taxi-Eltern fehlt deshalb ein objektiver Blick auf tatsächliche Gefahren und Risiken.  

    Weshalb fürchten wir uns so sehr um unsere kleinen Kinder? Weil sich das Bild vom Kind in den letzten zwanzig, dreissig Jahren stark gewandelt hat. Galten Kinder noch in den siebziger Jahren als robust und belastbar und das Risiko als positiv, so überwiegt heute die Vorstellung, Kinder seien gefährdet und zerbrechlich. Deshalb müssten sie von Anfang an vor Schäden jeglicher Art beschützt werden.

    Selbstverständlich will ich die Tendenz zur Sicherheitsmaximierung unserer Gesellschaft nicht generell kritisieren. Es gilt, zwischen echter Gefahr und Risiko zu unterscheiden. Vor Gefahren müssen wir unsere Kinder schützen, weil sie diese möglicherweise noch gar nicht sehen oder einschätzen können. Dazu gehören Steckdosen oder giftige Beeren für Babys oder dicht befahrene Strassen für Kleinkinder. Ein Wagnis ist jedoch etwas anderes: beispielsweise das Mäuerchen, auf dem das Mädchen balancierte und das es als positive Herausforderung gesucht hatte. Oder für Knaben die ‚Kämpfli‘, weil sie das miteinder Rangeln als Wettbewerb so sehr lieben.

    Kindern, die in Watte gepackt werden, fehlt etwas ganz Entscheidendes: lernen zu können, wie man einen Erkundungs- und Freiheitsradius durch Handeln und Üben ausloten kann, wie man Grenzen und Hürden überwindet, um auf diese Weise über sich selbst hinaus wachsen zu können. Eltern, die mit ihrer Risikoscheu ihre Kinder ersticken, machen sie glauben, dass Aufwachsen generell gefährlich sei. Deshalb werden sich auch gut überwachte Kinder verletzen, weil sie nicht gelernt haben, mit Gefahren umzugehen.

    Unsere überbehütende Sicherheitskultur schadet den Kindern mehr als die Risiken, denen sie täglich ausgesetzt sind. Deshalb ist vor überdimensioniertem Schutz, unverhältnismässigen Sicherheitsvorkehrungen und übertriebener Geborgenheit zu warnen. Jedes Kind hat ein Recht auf blaue Flecken. Nicht jede Gefahr muss aus dem Weg geräumt und jede Tischkante abgerundet werden.

    Was kann man dagegen tun? Der erfolgreichste Weg ist der, bei sich selbst anzusetzen. Eltern – und manchmal auch Grosseltern – sollten mehr Mut und Gelassenheit entwickeln, öfters den gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Damit könnten sie ihrem Nachwuchs ein wenig der Freiheit zurückgeben, von der wir selbst als Kinder profitierten und die uns widerstandsfähig gemacht hat.

  • Ich erinnere mich noch gut, wie ich mich als Mädchen an den Familiensonntagen enorm langweilte: am Morgen in die Sonntagschule, beim immer gleichen Mittagessen mit Schnitzel, Pommes Frites und Ananas aus der Dose und dann bei einem Spaziergang an der Aare, wohlverstanden in den «Sonntagskleidern», die keinesfalls schmutzig werden durften.

    Hand aufs Herz: Wer kennt keine Langeweile? Jeden Tag schlagen sich bekanntlich viele Menschen ihre Stunden tot. Sie machen Unsinn, nichts Wichtiges, trödeln vor sich hin oder warten auf etwas Unbestimmtes. Die «Weile» wird «lang», wie das Wort sagt. Man langweilt sich eigentlich immer dann, wenn man darauf wartet, dass endlich etwas passiert oder wenn das Nichtstun erzwungen wird. Deshalb ist die Suche nach Ablenkung so gross. Am deutlichsten erkennen wir dies an unserem Umgang mit dem Smartphone: Wer kann heute noch auf den Bus warten, beim Arzt sitzen oder in der Migros an der Kasse anstehen, ohne nicht ständig an seinem Gerät zu hängen, um die Langeweile zu überlisten? Aber jeder Mensch hat seine persönliche Langeweile-Schwelle. Der eine wird von ihr schnell mal eingeholt, der andere kann gar nicht genau sagen, ob er sich langweilt oder nicht und den dritten beschleicht das Gefühl so gut wie nie.

    Obwohl Langeweile für viele ein lästiges, aber vertrautes Gefühl ist, schenken wir diesem Phänomen im Allgemeinen wenig Beachtung. Es erstaunt somit wenig, dass die Langeweileforschung – im Gegensatz etwa zur Aggressionsforschung – ein Schattendasein fristet. Eine Ausnahme ist die Langeweile in der Schule, zu der ein paar empirische Studien vorliegen. Anders in Philosophie und Literatur. Von Augustinus bis Kierkegaard, von Schopenhauer und Nietzsche bis zu Blaise Pascal, Hölderlin, Beckett oder Kundera: Sie alle zählten das Problem der Langeweile zu den grossen Fragen unserer Existenz. Am intensivsten und subtilsten hat sich Heidegger in seinen phänomenologischen Untersuchungen damit auseinandergesetzt.

    Es gibt viele Typologien von Langeweile. Am einleuchtendsten scheint mir diejenige, welche ich im empfehlenswerten Buch von Lars Svendsen «Kleine Philosophie der Langeweile»* gefunden habe und die von Martin Doehlemann stammt:

    • die situative Langeweile (in einer langweiligen Vorlesung zu sitzen oder auf einer Zugfahrt zu sein und nur zu warten, bis sie zu Ende ist)

    • die existenzielle Langeweile (die Seele als inhaltlos und das Dasein als sinnlose Existenz zu empfinden)

    • die überdrüssige Langeweile (eine Sache nicht mehr hören oder sehen zu können, weil man sie schon lange kennt oder kann)

    • die schöpferische Langeweile(etwas Neues schaffen zu müssen, aber aufgrund unerklärlicher Barrieren nicht zu können).

    Langeweile kann ein Mensch somit für sich allein empfinden, aber auch mit anderen zusammen. Gerade in Familien ist Langeweile oft ein grosses Thema. Viele Kinder wissen häufig nichts mit sich selbst anzufangen – vielleicht gerade deshalb, weil sie sich nie langweilen oder nicht genug. Weil ihre Terminkalender übervoll und die Tage durchstrukturiert sind, werden sie hilflos, wenn plötzlich ein freies Zeitfenster zur Verfügung steht. Entwicklungspsychologisch wäre das Erleben von Langeweile jedoch eine wichtige Grundlage, damit Kinder eigene Interessen (und nicht die der Eltern) wahrnehmen und lernen könnten, diese auch zu verfolgen.

    Auch in der Schule oder an der Universität kann Langeweile mit viel Verdruss verbunden sein. Bei den Schülern ist sie besonders stark verbreitet, gehört sie doch  für viele zu den grundlegendsten Schulerfahrungen. Die Forschung geht davon aus, dass sich bis zu 50% der Schüler im Unterricht regelmässig langweilen** und Knaben davon stärker betroffen sind als Mädchen. Unklar sind jedoch die Ursachen: Liegt es am Stoff, an der Vermittlung oder an mangelndem Interesse und Spass, dass die Schüler oft dermassen Mühe haben, 45 Minuten stillzusitzen oder einen Inhalt auch dann auswendig zu lernen, wenn er ihnen nicht einleuchtet? Mit Blick auf die Erkenntnisse aus der Begabungsforschung dürften alle diese Faktoren eine Rolle spielen, wissen wir doch um den empirischen Zusammenhang von überdurchschnittlicher Intelligenz und Langeweile. Begabte Schülerinnen und Schüler sind oft unterfordert und schwänzen deshalb aus Langeweile die Schule***.

    Das Langeweile-Gefühl ist auch am Arbeitsplatz verbreitet. In der psychosomatischen Medizin wird dafür der Begriff «Boreout» benutzt. Boreout gilt als kleiner Bruder des Burnout-Syndroms (des Ausbrennens und der Überbelastung) und meint die Langeweile am Arbeitslatz durch Unterforderung. Boreout entsteht, wenn Menschen etwas leisten möchten, sie aber eigentlich nichts zu leisten haben, das sie fordert. Um Unterforderung nicht zu zeigen, wird sie geschickt vertuscht, beispielsweise durch Ausreden, die im Betrieb allgemein akzeptiert sind. Anstatt ehrlich zu gestehen: «Ich langweile mich zu Tode, das macht mich fertig» gilt es als viel angesehener, wenn man klagt: «Ich habe so viel zu tun, langsam fällt mir die Decke auf den Kopf.»

    Wie kann man mit Langeweile umgehen? Hierzu gibt es viele Tipps. Sie reichen von «ein bisschen chillen» (Die ZEIT, 10.04.2014) – womit wahrscheinlich die situative Langeweile gemeint ist – über Tipps, wie man sie geschickt umgehen könnte bis zu Vorschlägen, sie ernst zu nehmen, etwas im Leben zu ändern, eine andere Haltung zu erwerben und zu erkennen, dass man nicht nur Opfer ist. Diese dürften vor allem für die überdrüssige Langeweile und damit für Menschen gelten, die mit dem Boreout-Syndrom konfrontiert sind. Aber welche Ratschläge bieten sich die anderen Langeweile-Typen an?

    Hierzu gefällt mir das Fazit von Svendsen besonders gut: dass es für sie eigentlich gar keine Lösung gibt. Wenn man die Langeweile reflektiere, dann teile sie einem mit, wie man lebt – und dann sei der Weg nicht mehr weit, sie auch als inspirierende Musse zu erkennen, d.h. als schöpferische Gestaltung der freien Zeit. Es gälte somit, Langeweile zu akzeptierenund auszuhalten.

    Johann Wolfgang von Goethe hat somit Recht bekommen, wenn er behauptet: «Langeweile ist nicht nur ein böses Kraut, sondern auch eine Würze, die viel verdaut». Eine derart positive Botschaft kommt auch aus der Forschung. Der Leerlauf im Gehirn ist wichtig****. Wer geistig häufiger wegdriftet, verschont nicht nur das Gehirn von ständig neuen Eindrücken, sondern schneidet in Kreativitäts- und Selbstreflexionstests überdurchschnittlich ab.

    Wenn uns somit das nächste Mal Langeweile nervt, dann könnten wir eigentlich zuversichtlicher sein: Zwangspausen sind keine verschenkte Zeit, die uns schaden, sondern ein umfassendes Resetting für Gehirn und Emotionen. Und Eltern könnten die Langeweile ihres Nachwuchses auch als positive Quelle für eine gesunde Entwicklung verstehen.

    Literatur

    *Svendsen, H. (2002). Kleine Philosophie der Langeweile. Frankfurt: Insel.

    **Götz, T. &Frenzel, A. (2006).Phänomenologie schulischer Langeweile. In: Zeitschrift für entwicklungspsychologische und pädagogische Psychologie, 38, 4, 149-154.

    ***Stamm, M. (2013). Entwicklung ohne Ende.Wie sie Bildungswege und Lernstufen beeinflusst. Zürich/Chur: Rüegger.

    **** Goetz, T. et al. (2013).Types of boredom: An experience sampling approach.Motivation and Emotion,2013; DOI:10.1007/s11031-013-9385-y.

  • Wir leben in einer Risikogesellschaft. Dieser vom Soziologen Ulrich Beck im gleichnamigen Buch geprägte Begriff meint, dass in unserer hoch entwickelten Gesellschaft mehr Risiken entstanden sind und laufend entstehen, als unsere staatlichen Kontrolleinrichtungen zu bewältigen vermögen. Dazu gehören soziale, ökologische, politische, aber auch individuelle Risiken. Während einerseits heute jeder Mensch deutlich höhere Chancen hat, sich selbst zu verwirklichen und viel mehr Handlungsspielräume bestehen als in jeder Generation zuvor, fehlen soziale Normen und Vorgaben, welche Handlungs- und auch Erziehungssicherheit geben würden. Eine solche »Entbettung der Verhältnisse«, wie der Sozialwissenschaftler Anthony Giddens dieses Phänomen nennt*, sind in allen Lebensbereichen spürbar. Eindeutige Leitbilder für Familie, Beruf oder für das Aufwachsen und Erziehen des Nachwuchses fehlen, Mütter und Väter deshalb mit zwiespältigen Gefühlen leben müssen.

  • erschienen in: NZZ, 09.11., 10.

     

    27 Prozent der Mütter sind nicht berufstätig, davon 50‘000 Frauen, die studiert haben. Und fast30  Prozent entscheiden sich für ein kleines Teilzeitpensum von 50 Prozent und minimieren es noch, wenn die Kinder in die Schule kommen. Das geht nicht, findet die Wirtschaft. Gut ausgebildete Frauen sollten nicht am Herd, sondern im Beruf stehen. Und dies möglichst Vollzeit, damit ihr Humankapital nicht verloren geht.

    Dies tönt nachvollziehbar, doch die Situation ist komplexer. Es gibt zwei gesellschaftliche Überzeugungen, welche Mütter mit kleinen Kindern hindern, sich in die Berufskarriere zu stürzen und durchzustarten. Die erste Vorstellung ist die der perfekten Mutter, die zweite, dass sie von Natur aus die geeignetste Fürsorgeperson ist und deshalb in den ersten Lebensjahren die Kinder selbst betreuen soll. In einer unserer Studien waren auch 66 Prozent der jungen Männer und Frauen dieser Meinung. Dass Frauen ihr Berufspotenzial nicht ausschöpfen und Männer trotz viel Gleichstellungsarbeit die Nase weiterhin vorne haben, liegt somit nicht einfach an den Frauen selbst, sondern ebenso an den vorherrschenden Normen.

    Das Mutterbild ist in den 1980er Jahren stecken geblieben.Mütter können heute berufstätig sein, dürfen ihre persönlichen Ambitionen haben und eigenes Geld verdienen, sie können Kinder ohne Partner aufziehen oder sich für die Vollzeitmutterschaft entscheiden, ohne dazu gezwungen zu werden. Andererseits müssen sie beweisen, dass sie gute Mütter sind. Und gut heisst nichts anderes als intensiv. Sie sollen eine innige Verbundenheit zum Kind haben, selbstlos sein, in den Nachwuchs viel Qualitätszeit investieren undseine Bedürfnisse über die eigenen stellen. Zudem orientieren sie sich an Experten und Erziehungsratgebern, um das Kind bestmöglichst zu fördern und nichts dem Zufall zu überlassen.

    Diese wirkmächtigen Normen des intensiven Mutterseins stehen den Arbeitsmarktprinzipien konträr entgegen und generieren viele Widersprüche: Die gleiche Gesellschaft, die nach Vollzeit berufstätigen Müttern ruft, weil sie Humankapitalverlust beklagt, verlangt von diesen Frauen, dass sieals Berufstätige die Familie gegenüber der Arbeit priorisieren, sich jedoch in männliche Marktstrukturen einordnen, wenn sie die Karriereleiter hochklettern wollen.

    Viele Frauen stehen deshalb unter Dauerstrom. Sie schuften und schuften, um zu beweisen, dass sie gute Mütter sind und auch beruflich vorwärts kommen. Deshalb ignorieren sie ihre Bedürfnisse, so dass immer mehr von ihnen unter der Last des Alltags zusammenbrechen.Muttersein ist unter solchen Bedingungen fast zu einem Gesundheitsrisiko geworden. Somit ist es wenig erstaunlich, dass sich immer mehr Frauen entscheiden, für kürzer oder länger zu Hause zu bleiben. Oft tun sie dies nicht als Notlösung, sondern weil sie es wollen (und auch in der Lage sind). Vielleicht ist das ein politisches Statement, das wir ernster nehmen sollten.

    Perfekte Mutterschaft hindert Frauen nicht nur am beruflichen Durchstarten, sondern hat auch negative Auswirkungen auf die Kinder. Selbstverständlich ist es keine Frage, dass die Beziehung zwischen Mutter und Kind enorm wichtig und auch entscheidend ist für ein gesundes Aufwachsen. Doch mütterliche Überinvestition führt zur Paradoxie, dass das Kind abhängig wird und zu kurz kommt. Es kann nicht selbstständig werden, Herausforderungen kaum alleine meistern und auch nicht lernen, mit Niederlagen umzugehen.

    Ähnlich geht es Männern mit Partnerinnen, die perfekte Mütter sein wollen. Weder können sie in der Familie Autonomie erlangen noch zum Kind eine eigenständige und unabhängige Beziehung aufbauen. Deshalb bringt uns mehr öffentliche Unterstützung für Kinderbetreuung, für Tagesschulen, für Vaterschaftsurlaub oder für Teilzeit- und Home Office-Arbeit zwar weiter, aber ohne im Kern etwas zu verändern. Was wir folgedessen ebenso brauchen, sind neue Denkstrukturen, eine neueZeitpolitik undeine neue Anerkennungsordnung von Müttern. Damit meine ich, dass Politik und Arbeitswelt Möglichkeiten schaffen, um Müttern – und auch Vätern – zu ermöglichen, sich in der intensivsten Familienphase etwas zurücknehmen zu können, um sich später beruflich wieder voll engagieren und weiterentwickeln zu können.

    Frauen sollten lernen, sich für Kind und Familie weniger allein verantwortlich zu fühlen und anstatt die beste, nur eine hinreichend gute Mutter zu sein. Mit einer solchen Einstellungsänderung fordern sie auch ihre Partner heraus, ihren Anteil an der Gesamtverantwortung zu erhöhen. Und wenn das Kind dann bei einem Sturz vom Dreirad nicht nach ihr, sondern nach dem Vater ruft, sollten sie dies nicht als Kränkung ihres Egos verstehen, sondern als Zeichen, dass sie auf dem Weg zur hinreichend guten Mutter sind. Dies ist ein Segen für sie, das Kind, den Partner und die Gesellschaft.

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 29.07.2024, 2.  

    siehe auch: https://www.shn.ch/forum-meinung/forum/2024-08-21/schwanger-werden-wenn-es-fuer-die-firma-passt

    Erstgebärende Frauen sind durchschnittlich 31.3 Jahre alt. Vor zwanzig Jahren waren es 28 Jahre. Dass die Mutterschaft auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wird, ist eine Folge veränderter weiblicher Karrierechancen. Aber nicht nur, manchmal fehlt auch ein geeigneter Partner.

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 18.08.2025, 4.


    Paare mit Kindern trennen sich zu schnell. Sie verhalten sich so, wie dies die Wegwerfgesellschaft vormacht. Was nicht mehr gefällt, wird entsorgt. Der Kick lässt nach, man lebt sich auseinander oder es gibt ständig Streit. Die Leidtragenden sind immer die Kinder. Davon liest man in vielen Medien.

    Sechs Typen, wie Paare streiten

    Diese Sichtweise ist trügerisch und nicht objektiv. Eher gilt es zu fragen, ob Trennungen grundsätzlich falsch sind und was dies mit den Kindern macht. Diese wichtige Frage hat mein Kollege Guy Bodenmann, Paarforscher und Professor an der Universität Zürich, untersucht und beantwortet. Das Beste ist nicht, dass Paare nie streiten, sondern wie dies geschieht und ob sie es überhaupt tun.

    Es gibt sechs Typen. Manche der Leserinnen und Leser werden sich wahrscheinlich mit einem Typ identifizieren können: mit den Harmoniesüchtigen (lassen sich scheiden, obwohl sie sich nie gestritten haben und sich in Freundschaft sowie zum Wohl der Kinder trennen); mit den Nörglern (kritisieren, schmollen oder meckern aneinander rum); mit den passiv Aggressiven (er schweigt, sie geht weg oder umgekehrt; sie zeigen sich die kalte Schulter); mit den aktiv Aggressiven (laute und hässige gegenseitige Vorwürfe, man macht sich beiderseits lächerlich oder bezeichnet sich selbst als Opfer). Die gefährlichste Form ist der gewalttätige Typ (manifeste körperliche und verbale Übergriffe). Doch es gibt einen konstruktiven Typ. Solchen Paaren gelingt es, nach einem Streit lösungsorientiert und positiv miteinander zu reden und sich wieder zu finden.

    Ein harmonisches Familienklima ist eine wichtige Grundlage für ein gesundes Aufwachsen der Kinder. Doch harmonisch bedeutet nicht, dass es keine Spannungen und Konflikte geben darf und Paare das verschleiern sollen. Kinder sind Seismografen, man kann ihnen wenig vormachen. Auch wenn Mama und Papa nie vor ihnen streiten und so tun, als ob alles bestens sei – der Nachwuchs spürt schnell, dass Eltern Stress miteinander haben.

    Alltagsstress, übervolle Agenda, Erziehung und Finanzen als hauptsächliche Streitpunkte

    Welche Ursachen sind die hauptsächlichen Streitpunkte von Paaren? Zunächst ist es relativ einfach. Sobald Kinder da sind, bricht die Dyade weg, der Partner respektive die Partnerin ist neben dem Kind nicht mehr das grosse Liebesobjekt. Dazu kommen Alltagsstress, eine übervolle Agenda und Zeitmangel. Das beinhaltet Potenzial für die Eskalation von Streitereien. Zudem sind es Uneinigkeiten in der Erziehung: eher achtsam-bedürfnisorientiert, autoritativ oder doch lieber laissez-faire? Genauso wichtig sind unterschiedliche Vorstellungen, wie man als Familie mit den verfügbaren Finanzen umgehen soll – vor allem, wenn die Mama eher den häuslichen Part übernimmt.

    Manche Paare pflegen einen wertschätzenden Kommunikationsstil. Doch nicht selten nur so lange, wie sie verliebt und nicht gestresst sind. Trifft dies nicht mehr zu, sehen sie ihr Vorurteil bestätigt, eine Paarbeziehung sei sowieso ein Selbstläufer, entweder ist die Chemie da, die Beziehung hält oder eben nicht.

    Konstruktive Paarkonflikte können Kinder stärken

    Doch gemäss Guy Bodenmann gibt es eine gute Nachricht. Paar-Streitigkeiten haben nicht per se negative Auswirkungen auf die Entwicklung und die Seelen der Kinder. Schädlich sind vor allem destruktive Konflikte (tätliche Wutausbrüche, körperliche oder emotionale Verletzungen). Streit allein ist noch kein Zeichen von Schwäche oder fehlender Liebe – im Gegenteil. Werden Probleme frühzeitig und respektvoll angesprochen, fördern sie Klarheit, Intimität und eine gesunde Beziehung. So lernen Kinder, dass Streit zwischen Mama und Papa auch Ausdruck von Nähe und Zuneigung sein kann und Lösungen möglich sind. Können Eltern gemeinsame Lösungen finden, sich (freiwillig!) entschuldigen, versöhnen und wieder Zärtlichkeiten austauschen, werden sie zu Verhaltensmodellen und geben dem Nachwuchs eine wichtige Botschaft mit auf den Weg: Streit ist etwas Gesundes – und wir lieben uns trotzdem.

    Keine Beziehung ist vor Konflikten gefeit. Doch konstruktiv ausgetragen können sie Paare stärken und positive Effekte auf ihre Kinder haben. Überwiegen allerdings längerfristig nicht veränderbare Streitereien, ist eine Trennung oder Scheidung möglicherweise angezeigt. Trotzdem muss die Auflösung einer Partnerschaft mit Kindern gut überlegt und nicht vorschnell aufgegeben werden. Die Entwicklungsperspektive sollte immer das halbvolle Glas sein. 


    Buchtipp: Bodenmann, G. (2023). Streitet euch! Wie Konflikte Paare und ihre Kinder stärken. Ostfildern: Patmos.

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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