Diagnostik

  • erschienen in NZZ, 1. Dezember 2018, S. 12 unter dem Titel "Das Beste ist nicht immer gut genug. Verschonen wir die Kinder vom Optimierungswahn"

    Alle wollen ihn haben: den perfekten Körper. Um diesem Ideal zu entsprechen, gehen immer mehr Menschen ins Fitness-Center. Längst sind es nicht mehr nur Frauen, sondern zunehmend auch Männer, die sich einem solchen Schönheitsdiktat unterwerfen. Doch dieser vor allem medial aufbereitete Trend wäre kaum der Rede wert, wenn da nicht die Tatsache wäre, dass nun auch Kinder zunehmend Teil dieses Perfektionswahns werden. TeenFitness heisst ein solches revolutionäres Trainingssystem, das Eltern erlaubt, nicht nur sich selbst, sondern auch den Nachwuchs zu optimieren und ihn zum neuen Investitionsprojekt werden zu lassen. Optimierung hat das Schicksal abgelöst, das nicht Perfekte wird kaum mehr toleriert.

  • Eine Situation kürzlich im Zug: Ein Kind, augenfällig mit einer Trisomie 21, sitzt mit seiner Mutter in einem SBB-Erstklassabteil und unterhält sich mit ihr lautstark und auffällig. Neben mir eine Gruppe von Männern im besten Alter, die in ihre Management-Geschäfte vertieft sind, sich jedoch offenbar von diesem Kind gestört fühlen. Denn einer flüstert den anderen zu: «Wenn ich ein Kind wie dieses hätte, dann hätte ich den Arzt früh genug gebeten, es wegzumachen.» Ein Kind ‚wie dieses‘ wurde bis vor kurzem als ‚mongoloid‘ bezeichnet.

    Ich bemitleidete die Mutter dieses Kindes sehr, bewunderte sie aber zugleich ob ihrer Gelassenheit und ihres Selbstbewusstseins. Und ich fragte mich, welche Diagnostik-Geschichte wohl hinter ihr und ihrem Partner stecken mag. Diskutieren möchte ich hier aber nicht Fragen wie: Soll die Geburt eines mit Sicherheit behinderten Menschen unterbunden werden? Oder ist es menschliche Arroganz, jemandem mit einem Gendefekt leben zu lassen, den man frühzeitig erkannt hat und ihn so seinem Schicksal als Schwerbehinderten auszusetzen?

    Es geht mir vielmehr um zwei Aspekte, welche ich in Broschüren zur Pränataldiagnostik und Reproduktionsmedizin gelesen habe: dass Eltern die «Wahl» hätten und «Mütter kein Kind mit einem Down-Syndrom gebären müssten».

    Schwangerschaft ist zu einem Risikounternehmen geworden. Aus meinem Bekanntenkreis und insbesondere von meinen Mitarbeiterinnen weiss ich, wie Pränataldiagnostik (PND) heute aussieht. Hört man werdenden Eltern zu, was sie als Ratschläge, Aufgaben oder sogar Vorschriften von ihrem Arzt oder ihrer Ärztin auferlegt bekommen, dann läuft es einem oft kalt den Rücken hinunter. Geredet wird davon, dass Eltern die «Verantwortung der Schwangerschaft tragen» und «wohlfundierte Entscheidungen» treffen sollen. In einem der besagten Informationsblätter zur PND ist sogar schwarz auf weiss gestanden, dass die Medizin die «Geburt gesunder Kinder» ermögliche. Was ist damit im Klartext gemeint? Mit Sicherheit die Vermeidung behinderter Kinder. Alle Mütter und Väter haben Angst, ein solches Kind auf die Welt zu bringen. Heute argumentiert die Medizin jedoch, dass Paare die pränatale Diagnostik wählen können.

    Was jedoch meint der Ausdruck ‚Die Wahl haben‘? Vor allem, zu entscheiden, ob getestet werden soll oder nicht. Ist dies ein Verhalten neuer Verantwortung? Und, sind Frauen und Männer, welche die Angebote der Pränatal- und Gendiagnostik nicht direkt nutzen, egoistisch und nicht mehr zeitgemäss? Hierzu schweigen Bioethik und Humangenetik. Das Ziel der neuen Diagnostik wäre ja, den (potenziellen) Müttern und Vätern zu mehr Autonomie zu verhelfen.

    In der Tat ist aber jede Entscheidung von werdenden Eltern immer eine angst- und schuldbeladene: Denn keine ist eine, die sie wollen. Ein Kind abtreiben, obwohl es möglicherweise gar nicht beschädigt ist oder es einen Gewinn für die Familie sein kann? Ein Kind nicht abtreiben und ihm dadurch und sich selbst einen Lebensweg zumuten, der überfordernd ist? Das sind tragische Entscheidungen. Der moralische und auch soziale Druck auf die werdenden Eltern ist enorm. Nicht zuletzt auch und gerade deshalb, weil sie vom Rat hochkarätiger Experten und von der Intervention durch Tests, Apparate und medizinische Eingriffe umgeben sind, die jedoch immer ausschliesslich als Prävention oder Prophylaxe und damit als neue Fürsorglichkeit dargestellt werden.

    In der Realität bedeutet dies, dass es heute zur Pflicht wird, ein unbehindertes respektive ein perfektes Kind auf die Welt zu bringen und ihm optimale Starchancen ins Leben zu sichern. Diese Ermöglichung ist für Eltern zum Gebot und ihre Aktivitäten zum Versuch geworden, diesen Anspruch einzulösen. Im Endeffekt werden Eltern jedoch in ihrer Autonomie nicht gestärkt, sondern unter Druck gesetzt, von einer Gesellschaft, die sie für die Geburt eines kranken Kindes verantwortlich macht.

     

     

     

  • Erschienen in: NZZ, 5. Februar 2014, S. 21

    In letzter Zeit berichten Kindergartenlehrkräfte immer wieder von eigenartigen Erfahrungen: Sie müssen zunehmend Kinder unterrichten, die kaum Deutsch können und auch einfache Fragen nicht verstehen. Viele dieser Kleinen haben jedoch vorher eine Krippe, eine Spielgruppe oder ein gezieltes Förderprogramm besucht, oft zusammen mit ihren Müttern.

    Wie kann das sein? Weshalb haben sich die Deutschkenntnisse solcher Kinder nicht markant verbessert? Bemüht sich das Personal zu wenig um sie, versagen die Angebote oder sind unsere Ansprüche zu hoch?

    Dass eine frühe Sprachförderung eine der wichtigsten integrationspolitischen Aufgaben darstellt, ist weitgehend unbestritten. Keine Zeit eignet sich besser als die Vorschuljahre, um die Bildungschancen für benachteiligte Kinder zu erhöhen. Wartet man bis zum Schuleintritt, ist es meist zu spät, weil die Unterschiede zu gross sind. In den letzten Jahren haben viele Kantone und Gemeinden in frühe Sprachförderung investiert und es gibt inzwischen einige Leuchttürme. Insgesamt sind wir auf dem richtigen Weg.

    Somit fehlt es keinesfalls an Engagement. Das eigentliche Problem liegt anderswo: erstens in der oft belegten Tatsache, dass Kinder, die eine Sprachförderung am nötigsten hätten, gar kein Angebot besuchen. Zweitens, dass wir nicht wissen, wie Sprachförderung gestaltet werden soll, damit sie tatsächlich wirkt. ‚Wirkt' meint dabei nicht, dass die Fachkräfte oder die Eltern mit dem Programm zufrieden sind, sondern, dass Kinder deutliche sprachliche Fortschritte machen und beim Kindergarteneintritt dem Unterricht folgen können. Leider liegen hierzu nur vereinzelt Evaluationen vor. Das, was sie zu Tage fördern, ist eher enttäuschend: Ob ein Kind ein Sprachförderangebot besucht oder nicht, spielt häufig kaum eine Rolle. Die Unterschiede sind minim.

    Wo liegen die Ursachen für diese Problematik? Zunächst darin, dass bildungsferne Eltern solchen Angeboten häufig skeptisch gegenüberstehen. Von Bedeutung ist auch das Phänomen, das die Bildungsforschung «Segregation» nennt: dass sich solche Familien zunehmend auf be­stimmte Wohngebiete konzentrieren und ihre Kinder deshalb mit der deutschen Sprache kaum in Kontakt kommen. Dies trifft auch dann zu, wenn sie in ihrem Quartier eine Krippe oder eine Sprachspielgruppe besuchen, weil die grosse Mehrheit der anderen Kinder ebenfalls kein Deutsch spricht. Es fehlt ihnen das «Sprachbad». Weder beim Versteckis spielen noch im Sandkasten können sie spielerisch deutsche Begriffe lernen und sich mit unserer Alltagssprache vertraut machen.

    Ein besonderes Problem ist, dass häufig nur ein einziges Angebot vorhanden ist und dieses für alle Kinder mit Sprachdefiziten gelten muss. Folglich können gewisse Kinder davon gar nicht profitieren. Denn solche mit Spracherwerbsstörungen würden eine gezielte logopädische Therapie brauchen. Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen hätten hingegen ein Förderprogramm nötig, das ihnen systematisch hilft, die deutsche Sprache zu erlernen. Schliesslich gibt es einheimische Kinder mit eingeschränkten Sprachkompetenzen. Sie brauchen ein kreatives und anregendes Programm, das auf die Erweiterung und Verbesserung ihrer Sprachkompetenzen abzielt.

    Umfragen zeigen, dass sich nur wenige Fachkräfte im Spracherwerb auskennen. Es ist deshalb verständlich, dass es ihnen schwer fällt zu erkennen, ob ein Kind nun eine Sprachförderung braucht oder eher eine Sprachtherapie. Häufig fehlt Fachkräften zudem ein Sprachbewusstsein. Statt anspruchsvollen Sätzen und differenzierten Begriffen verwenden sie oft einfachste Redewendungen in der Hoffnung, die Kinder würden sie dann besser verstehen.

    Was ist zu tun? Mit Sicherheit wäre es angesichts der nicht besonders erfreulichen Situation falsch, einfach noch mehr Angebote zu schaffen und die öffentlichen Mittel zu erhöhen. Angemessener sind kantonale Strategien mit verbindlichen Vorgaben sowie eine systematische Überprüfung der Entwicklungsfortschritte der Kinder. Auch die Aus- und Fortbildung des Personals muss stärker in den Blick genommen werden. Es sollte nicht nur über mehr linguistisches Fachwissen verfügen, sondern in erster Linie auch in praktischen Situationen einüben können, was in der Sprachpraxis mit dem Kind zählt: langsames, zugewandtes Sprechen, geduldiges Zuhören, in vielfältige Alltagsrituale eingebettete Förderung statt Einzelworttrainings sowie variationsreiche und durchaus komplexe sprachliche Äusserungen.

    In einer unserer Umfragen haben acht von zehn Personen, die in Krippen arbeiten, angeben, gar keine Sprachförderung zu betreiben. Es fehle ihnen schlicht die Zeit dazu. Frühe Sprachförderung muss deshalb im Zeitbudget des Personals einen Platz bekommen, in der Verantwortung jedoch Chefsache sein. Sie muss in kleinen Gruppen und in geeigneten Räumen stattfinden können und das Personal sollte auf Begleitunterstützung durch speziell für Sprachförderung ausgebildete Fachkräfte zählen können.

    Schliesslich ist mehr Realitätssinn gefordert. Frühe Sprachförderung allein kann keine Wunder vollbringen. Vielmehr ist die Familie der wichtigste Förderort. Deshalb muss sie immer in frühe Sprachförderung einbezogen werden. In dieser Hinsicht hapert es aber besonders. Viele Programme scheitern nicht zuletzt, weil die Teilnahme der Eltern freiwillig ist. Soll Sprachförderung in sichtbar bessere Deutschkenntnisse der Kinder münden, kommen wir nicht umhin, zukünftig über die Verbindlichkeit solcher Angebote für Eltern zu diskutieren.

    Nicht nur die frühe, auch die schulische Sprachförderung wäre zu überdenken. Obwohl wir enorme Summen in sie stecken, verfügen viele Jugendliche nicht über das notwendige ‚Bildungsminimum'. Zwar ist es löblich, dass die Schweizer Armee ihren Rekruten Sprach- und Rechtschreibekurse anbietet und diese offenbar ein Renner sind. Aber leider sind sie das beste Beispiel dafür, wie wenig wirksam Sprachförderung in den letzten Jahren gewesen ist.

  • Wir leben in einer Risikogesellschaft. Dieser vom Soziologen Ulrich Beck im gleichnamigen Buch geprägte Begriff meint, dass in unserer hoch entwickelten Gesellschaft mehr Risiken entstanden sind und laufend entstehen, als unsere staatlichen Kontrolleinrichtungen zu bewältigen vermögen. Dazu gehören soziale, ökologische, politische, aber auch individuelle Risiken. Während einerseits heute jeder Mensch deutlich höhere Chancen hat, sich selbst zu verwirklichen und viel mehr Handlungsspielräume bestehen als in jeder Generation zuvor, fehlen soziale Normen und Vorgaben, welche Handlungs- und auch Erziehungssicherheit geben würden. Eine solche »Entbettung der Verhältnisse«, wie der Sozialwissenschaftler Anthony Giddens dieses Phänomen nennt*, sind in allen Lebensbereichen spürbar. Eindeutige Leitbilder für Familie, Beruf oder für das Aufwachsen und Erziehen des Nachwuchses fehlen, Mütter und Väter deshalb mit zwiespältigen Gefühlen leben müssen.

  • erschienen in der Aargauer Zeitung/Nordwestschweiz unter dem Titel "Weg von der Defizitperspektive", 14.10., 18.

     

    Haben Sie einen Ihnen nahestehenden Menschen verloren und trauern Sie nun schon mehr als ein Jahr um ihn? Stehen Sie manchmal vor dem Kühlschrank und bekommen eine Heisshungerattacke? Oder sind Sie Eltern eines Kindergärtlers, der noch keine zwanzig Minuten stillsitzen kann? Falls ja, dann sind dies alles ‚Störungen‘, die Sie behandeln oder therapieren lassen sollten. So zumindest ist der Trend des psychiatrischen Diagnosesystems DSM-5. Demnach hat jeder dritte Erwachsene heute irgendwelche Störung. Mehr als die Hälfte der Schulkinder werden in Therapien oder Alternativtherapien behandelt. In der Schweiz leben somit mehr kranke als gesunde Kinder. Warum gibt uns dies eigentlich nicht mehr zu denken? Unsere Kinder und Jugendlichen sind nämlich nicht gestörter als früher. Was sich verändert hat, sind die Etiketten. Es werden immer mehr Varianten des Normalen als pathologisch erklärt. Fast scheint es, dass unser Nachwuchs von unserer Therapiegesellschaft krank gemacht wird.

    Noch vor zehn Jahren war dies anders. Damals wurde Begabtenförderung zu einem grossen Thema und der Satz «Jedes Kind ist entsprechend seinen Begabungen zu fördern» für viele Eltern und Pädagogen zur Leitidee. Heute sieht es in der Praxis jedoch vielfach anders aus. Bei Eltern, in der Schule und oft auch in der Medizin dominiert ein ausgeprägter Blick auf das Unvermögen von Kindern. Jede kleinste Abweichung gilt bereits als Entwicklungsstörung. Weshalb?

    Selbstverständlich gibt es verschiedene Ursachen. So verfügen wir heute beispielsweise über viel mehr wissenschaftliches Wissen, das sich auch in einer umfassenderen, genaueren Diagnostik und neuen Technologien niederschlägt. Einer der Hauptgründe dürfte jedoch anderswo liegen: im Hype um die Frühförderung und der damit verbundenen Diagnosesucht. Zwar ist die Hauptbotschaft der Frühförderung – «je früher, desto besser» – vollkommen richtig. Denn die Vorschuljahre sind für eine gute Entwicklung besonders bedeutsam. Deshalb gilt Frühförderung zu Recht als wichtiges Fundament der gesamten Bildungslaufbahn. Doch hat diese Botschaft leider auch dazu geführt, dass nicht mehr die kindlichen Potenziale im Mittelpunkt stehen, sondern vor allem die krampfhafte Suche nach Defekten.

    Es ist somit wenig verwunderlich, dass sich viele Eltern und auch Lehrkräfte massiv unter Druck fühlen. Schon bei der kleinsten Abweichung von der Norm ziehen sie einen Spezialisten bei, damit die Störung sofort therapiert werden kann und das Kind wieder den Erwartungen entspricht. Eines der Grundprobleme sind dabei die vielen Tests und Diagnoseinstrumente, welche auf dem Markt sind. Viele von ihnen sind handgestrickt, nicht überprüft und basieren oft lediglich auf subjektiven Einschätzungen. Sie können, besonders wenn sie von ungeschultem Personal genutzt werden, zu Fehldiagnosen führen. Dies trifft vor allem für Tests zu, die nur eine einzige Leistung in den Blick nehmen und deshalb schnell eine Störung identifizieren. Denn, wer sucht, der findet immer.

    Ungeachtet solcher Probleme stellt sich die Frage, ob wir uns eigentlich bewusst sind, dass jeder Test und jede Diagnose, die auf einer Defizitperspektive basieren, ungewollte Folgen hat? Diagnosen pathologisieren, Therapien stigmatisieren. Kinder möchten jedoch normal sein. Aber das können sie nicht, wenn sie am Mittwochnachmittag statt auf den Spielplatz in die Ergotherapie müssen.

    Unsere Gesellschaft ist auf dem besten Weg, die seelische und intellektuelle Gesundheit unseres Nachwuchses abzuschaffen und immer mehr normale in defekte Kinder zu verwandeln. Dieser Entwicklung könnten und müssten wir entgegentreten. Erstens, indem wir bei einem Kind erst bei ernsthaften und entwicklungsbeeinträchtigenden Anzeichen eine Abklärung in die Wege leiten. Deshalb sollten wir es von defizitorientierten Tests und Pseudodiagnosen erlösen und unnötige Therapien verhindern. Zweitens, indem wir uns an die 1990er Jahre zurückbesinnen und wieder vermehrt nach Begabungen und Stärken suchen, auf denen Kinder und ihre Eltern aufbauen können. Und schliesslich wäre es für viele Kinder eine Wohltat, wenn ihnen mehr Zeit zum ‚Wachsenlassen‘ zugestanden würde…

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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