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- Margrit Stamm
Erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 26.07.2023, 2.
Der ehemalige Bundesrat Ueli Maurer hat Kim de l'Horizon – die nonbinäre Literatursensation des Jahres 2022 – mit dem Wörtchen «Es» brüskiert. Ihm sei egal, sagte Maurer, ob auf ihn ein Mann oder eine Frau im Bundesrat folge. «Solange es kein ‹Es› ist, geht es ja noch.» Kim hat diesen Satz als verletzend und als sprachlichen Machtübergriff empfunden.
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- Margrit Stamm
«Mach unbedingt das Gymi!» Diese Aufforderung mancher Elternhäuser hat heute für die Kinder fast Weisungscharakter bekommen. Doch später räumen nicht wenige Eltern ein, vielleicht einen Fehler gemacht zu haben, weil sie Sohn oder Tochter nicht für eine Berufslehre animiert hatten. Liegt die Ursache des Trends zum Gymnasium somit bei den Eltern? Man liest ja oft in den Medien, dass es überehrgeizige Mamas und Papas seien, welche ihre Kinder ins Gymnasium pushen anstatt ihre Sprösslinge für eine Berufslehre zu motivieren. Doch die Sache ist komplizierter.
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- Margrit Stamm
Ein Grossteil der Menschen reagiert auf Mutterschaft überaus emotional. Wird sie mit Begriffen wie Berufstätigkeit oder Hausfrau kombiniert, ist entweder Begeisterung oder Empörung garantiert. In medialen Beiträgen provoziert das Thema Unmengen an Kommentaren über »die« Mütter und was sie tun oder lassen sollen. Die Meinungen sind fast immer schon gemacht, denn viele sind davon überzeugt, genauso wie über das Thema Schule auch über Mutterschaft ein Wörtchen mitreden zu können. Alle haben ja eine Mutter, und deshalb weiss man doch, was es bedeutet, Mutter zu sein und von einer Mutter umsorgt zu werden!
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- Margrit Stamm
erschienen in Neue Zürcher Zeitung, NZZ, 18.04.2023, 18.
Teil I
Buben werden beim Schuleintritt häufiger als Mädchen zurückgestellt, bekommen schlechtere Noten und schaffen seltener den Übertritt ans Gymnasium – wohlverstanden bei gleichen kognitiven Fähigkeiten. Auch bei der Diagnose ADHS und beim Schulschwänzen liegen sie vorn. Die Krise der Buben scheint eine Tatsache zu sein, deshalb ist der Begriff «neue Bildungsverlierer» aktueller denn je. Damit verbunden wird die Sorge, die Buben würden zum Problemgeschlecht.
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- Margrit Stamm
erschienen in: Neue Zürcher Zeitung NZZ, 18.04.2023, 17.
Teil II
Unsere Gesellschaft hat bisher kaum Wege gefunden, um den Buben ein angemessenes Verhalten zu ermöglichen. Zu viele Männlichkeitsdogmen beherrschen die Szene, weshalb nicht nur problembehaftete Minderleister, sondern ebenso leistungsorientierte und an sich erfolgreiche Buben die Tendenz haben, ihre Leistungsbereitschaft zu zügeln.
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- Margrit Stamm
erschienen in Aargauer Zeitung/Die Nordwestschweiz, 28.03.2023, 2.
Das Gendersternchen ist zum Symbol einer brisanten Debatte geworden. Dazu gehört der Trend, Dragqueens in den Kindergarten einzuladen. Doch dahinter verblassen Probleme rund um Geschlechterverhältnisse, die genau in diesem Lebensabschnitt bearbeitet werden sollten.
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- Margrit Stamm
Dreijährige singen «Yes, I am very small», Vorschulkinder besuchen nicht nur Englisch-, sondern auch Ökonomiekurse. Für Förderprogramme geben Eltern Millionen aus. Doch die Wissenschaft spricht von Bildungsangst.
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- Margrit Stamm
Noch vor wenigen Jahren galt Schwänzen als Kavaliersdelikt. In neuester Zeit haben Gesellschaft und Schulen diese Meinung geändert. Zumindest lässt sich dies aufgrund vieler Medienberichte und auch meiner Erfahrungen aus Referaten und wissenschaftlichen Begleitungen vermuten. Schulabsentismus ist zu einem ernst zu nehmenden Thema geworden. Insbesondere seit der Pandemie scheint sich die Situation verschärft zu haben. Nicht nur, weil Schulschwänzen offenbar zunimmt. Sondern genauso, weil Jugendliche heute ziemlich offen sagen, der Leistungsdruck in Schule und Ausbildung „zwinge sie dazu", die Schule zu schwänzen*. Diese Offenlegung ist neu. Bisher - und auch in unserer Studie - wurde Schwänzen immer verborgen.
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- Margrit Stamm
erschienen in Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 17.0.2023, S. 2
Unsere jungen Berufsleute sind top – von der Coiffeuse über den Fassadenbauer bis zur Schreinerin. Davon konnten wir uns an den Swiss Skills, den Schweizer Berufsmeisterschaften, im letzten Herbst überzeugen. Trotzdem fehlen die goldenen Hände überall. Ende 2022 gab es allein im Handwerk 50'980 offene Stellen.
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- Margrit Stamm
Eigentlich müssten unsere Lebensbedingungen dazu führen, dass Männer und Frauen die traditionellen Rollenverteilungen ihrer Eltern immer mehr hinterfragen und neue Ideen entwickeln, wie sie Partnerschaft leben wollen. Dies dürfte insbesondere für junge Paare gelten, da ja gerade sie zumindest teilweise bereits in diese Richtung sozialisiert worden sind. Dem ist nur teilweise so.
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erschienen in Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 31.10.2022, 2.
Logopädie, Psychomotorik, Dyskalkulie, Ergotherapie oder Verhaltensauffälligkeiten wie Schrei- und Beissattacken oder Arbeitsverweigerung: Geht es um Probleme von Schülerinnen und Schülern, könnte diese Liste beliebig erweitert werden. Abklärungen sind an der Tagesordnung. Deshalb erstaunt es kaum, dass in einer Primarschule auf eine Klasse mit 24 Kindern durchschnittlich 19 therapeutische Fördermassnahmen fallen, wobei einzelne Kinder von mehreren Massnahmen betroffen sein können. Natürlich kann es für ein Kind und seine Eltern ein Segen sein, wenn aufgrund von Abklärungen eine Diagnose gestellt wird und es gezielt mit Fördermassnahmen und Therapien unterstützt werden kann.
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- Margrit Stamm
Erschienen in: NZZ, 19.09.2022, 17: In der Schule zu scheitern kann auch wertvoll sein (erster Teil).
Besonders fleissig und gute Noten – solche Kinder haben beste Aussichten auf eine erfolgreiche Bildungslaufbahn. Denn das Humankapital ist das höchste Gut für eine florierende Wirtschaft. Hochleistungen sind Wegmarken der Ausbildung und ein Zeichen unserer Optimierungskultur. Schulen und Eltern, die alles tun, damit der Nachwuchs im Wettbewerb besteht, sind deshalb auf dem richtigen Weg.
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- Margrit Stamm
Erschienen in : NZZ. 19.09.2022, 17 (Zweiter Teil).
Erstens hat das Potenzial in unserem Bildungssystem eine untergeordnete Bedeutung, auch wenn es in der Wirtschaft einer der am häufigsten verwendeten Begriffe ist. In der Bildungsforschung wissen wir viel über Defizite von Schulneulingen, über die mangelnde Ausbildungsreife von Berufslernenden oder die manchmal problematische Studierfähigkeit von Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, aber kaum etwas über ihre Potenziale. Solche verdeckten Fähigkeiten werden zu selten erwartet, wahrgenommen und wertgeschätzt. Darum muss das Bildungssystem seinen Blick neu ausrichten, weg von der Konzentration auf Defizite, hin zur Integration von Potenzialen. Doch ein solcher Blick entsteht nicht über Nacht. Und auch nicht dadurch, dass Begriffe wie Kompetenz oder Talent nun inflationär gebraucht werden, die herkömmlichen Selektionsmechanismen aber beibehalten und Einstellungsmuster gegenüber jungen Menschen nicht hinterfragt werden. Der Perspektivenwechsel muss in den Köpfen beginnen. Ohne ihn kann das grosszügigste Budget keine Wirksamkeit entfalten.
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- Margrit Stamm
erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 22.08.2022, 4.
In diesen Tagen beginnen rund 70'000 junge Menschen eine Berufslehre. Etwa 14'000 von ihnen werden den Lehrvertrag vorzeitig auflösen. Bei den Männern dürften es gut 26 Prozent sein, bei den Frauen etwa 20 Prozent. Zwar haben wir uns an solche Statistiken gewöhnt. Doch angesichts des Fachkräftemangels ist die Auflösung von Lehrverträgen ein beachtliches Problem.
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- Margrit Stamm
Schon seit mehreren Jahren fehlen Fachkräfte in der Berufsbildung. Überdeutlich wird dies im Handwerk. Dabei stossen wir schnell auf zwei Aspekte, welche ursächlich damit zu tun haben dürften: erstens auf die Bedeutung des Trends zur Akademisierung, zweitens auf das Image, das junge Menschen einem Beruf zuschreiben und drittens auf die Hintergründe von Berufswechseln. Solche Aspekte möchte ich nachfolgend vertiefen.
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- Margrit Stamm
Gastkommentar in der Aargauer Zeitung /Die Nordwestschweiz, 13.06.2022, 2.
Es ist paradox: Wir leben immer länger, aber die Zeit wird immer knapper. Durchgehend erreichbar sein und von einem Termin zum anderen jagen. Der Zeit vorauseilen oder atemlos hinterher. Die Uhr, das Handy und Social Media geben den Takt des Lebens vor. Wir eilen, also sind wir. Die Zeitfalle gilt in Ratgebern als persönliches Problem. Wer ein Zeitmanagement aufbaue, kriege das Problem in den Griff – heisst es. Also genau planen, etwas schneller laufen und mehr multitasken. Effizienz ist die neue Tugend.
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- Margrit Stamm
erschienen in: NZZ, 29.04.22
Warum bekommt man heute Kinder? Um dem Leben einen Sinn zu geben, um Liebe zu schenken und sich selbst nicht mehr so wichtig zu nehmen. So antwortet ein Grossteil der Eltern oder solche, die es werden wollen. Elternliebe gilt als einmalig und unvergleichlich. Schon der Schriftsteller Jean Paul hat gesagt, mit einer Kindheit voll Liebe könne man ein halbes Leben lang in der kalten Welt auskommen. Zwar entspricht sie nicht dem «coup de foudre», der Liebe auf den ersten Blick, den die Franzosen «Blitzschlag» nennen. Doch Elternliebe gilt als grösser, inniger und zarter.
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- Margrit Stamm
erschienen in: Aargauerzeitung/Nordwestschweiz, 04.04.2022, 2.
Im Prozess gegen ex Raiffeisen-Chef Pierin Vinzenz konnte man lesen, dass uns solche Skandale erspart bleiben würden, wenn Frauen in der Wirtschaft die Hauptrolle hätten. Verbirgt sich hinter einer solchen Aussage vielleicht die Ansicht, die Rettung allen Übels liege bei den Frauen, weshalb sich der Mann an ihnen therapieren müsse?
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- Margrit Stamm
erschienen im Nebelspalter, 17.03.2022
Wann gelten Frauen als gute Mütter? Nur dann, wenn sie diese Aufgabe intensiv ausüben. Ob berufstätig oder nicht – ihre Identität ist an das Tun als Mutter gebunden. Schickt der Vater die Tochter am Morgen ungekämmt zur Schule, gilt dies nicht als seine Unterlassung, sondern als die der Mutter. Frauen versuchen deshalb unentwegt, den gesellschaftlichen Ansprüchen zu genügen und viele übernehmen wie selbstverständlich die innerfamiliäre Hauptverantwortung. Hat der Partner Papa-Tag, hinterlassen sie ihm To-Do-Listen, was er wann und wie erledigen soll – als ob er der Juniorpartner wäre.
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- Margrit Stamm
erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 25.01.2022, 2.
Ist Fürsorge- und Betreuungsarbeit nach wie vor eine weibliche Aufgabe? Ja, sagt die Empirie. 75 Prozent der Frauen fühlen sich trotz Berufstätigkeit hauptverantwortlich für das Familienmanagement. Fürsorge gilt als selbstverständlich praktizierte Nächstenliebe und ist stets unentgeltlich. Dies ist nicht erstaunlich, denn das Vorurteil ist weit verbreitet, dass Frauen aufgrund ihrer weiblichen Gene die besseren und fürsorglicheren Betreuerinnen sind als Männer. Darüber hinwegtäuschen kann auch die aktuelle Corona-Politik nicht, wenn sie Fürsorgearbeit als neue männliche Kompetenz preist. Auch heute noch wird das weibliche Kümmern im Alltag oft belächelt, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand. Woher kommt das?
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- Margrit Stamm
erschienen in: Nebelspalter, 16.01.2022
Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Sie ist eine wichtige Grundbedingung für ein gesundes Aufwachsen. Nur, wie soll man dieses Recht handhaben? 80 Prozent der Eltern lehnen die Körperstrafe zwar ab, doch 70 Prozent praktizieren sie in leichter Form dennoch, beispielsweise als Klaps auf den Hintern. Das bestätigen auch Heranwachsende. 54 Prozent aus einheimischen Familien erlebten körperliche Züchtigung in der Erziehung, im Gegensatz zu 63 Prozent aus Migrantenfamilien. Elterliche Gewaltanwendung ist somit nicht nur ein Problem bei ausländischen Familien.
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