Leistungsdruck

  • Besonders fleissig, gute Noten und beliebt – ein solches Kind ist der Traum mancher Lehrkräfte und Eltern, denn es hat scheinbar beste Aussichten auf eine besonders erfolgreiche Bildungslaufbahn. Unsere Hochleistungsgesellschaft bietet hierfür perfekte Voraussetzungen: Sie setzt auf gute Schulen und Lehrkräfte, einen leistungsstarken Nachwuchs, auf hohe Bildungsabschlüsse und auf verantwortungsbewusste Väter und Mütter, die ihre Kinder fördern. Es ist mehr denn je en vogue, die Leistungsbereitschaft und -fähigkeit der Kinder zu betonen.

    Entwertung von Bildungsabschlüssen durch die Akademisierung

    Solche Trends haben Auswirkungen auf unser Bildungssystem. Einen wesentlichen Anteil an der zunehmenden Leistungs- und Wettbewerbsorientierung haben Leistungsstudien wie PISA, TIMMS, IGLU und wie sie alle heissen. Angesichts dem teilweise lediglich mittelmässigen Abschneiden der Schülerinnen und Schüler begann die Bildungspolitik unentwegt vor den Auswirkungen dieser Mittelmässigkeit zu warnen, d.h. vor dem Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und dem Abbau des gesellschaftlichen Wohlstands. In den Schulen werden nun zunehmend Vergleichstests etabliert, und in Kindergärten den Elterngesprächen mehrseitige Standortbestimmungen zugrunde gelegt.

    Parallel dazu sind im Zuge von Akademisierung und Bildungsexpansion viele Abschlüsse entwertet worden. Hauptschul- und Realschul-Zeugnisse zählen viel weniger als noch vor ein paar Jahren. Auch Studienabschlüsse sind zwar wichtiger, aber weniger wert. Ein Bachelor ist heute Voraussetzung für viele Berufe, aber längst keine Karrieregarantie mehr.

    Angesichts dieser gesellschaftlichen Entwicklungen ist es nachvollziehbar, dass sich auch Familien so verhalten, wie dies die Bildungspolitik erwartet. Das überdimensioniert scheinende Engagement von Vätern und Müttern ist eine nachvollziehbare reaktive Strategie, um sich zumindest ein wenig gegen die Zukunftsängste stemmen zu können. Und weil die Schule eine »verantwortete Elternschaft« voraussetzt – etwa die Kontrolle von Hausaufgaben, die Unterstützung bei der Erstellung von Referaten und Power-Point-Präsentationen oder die Vorbereitung auf eine Prüfung – ist sie auf die Maximierer- und Optimiererrolle der Eltern angewiesen.

    Normale Kinder sollen grosse Talente werden

    Kinder, die in Schule und Elternhaus auf Leistungsfähigkeit getrimmt werden, sind nicht selten Überleister. Überleister oder Overachiever sind junge Menschen, die mehr leisten als man von ihnen aufgrund ihrer Fähigkeiten erwarten würde. Sie erbringen Hochleistungen, weshalb sie fälschlicherweise oft als hochbegabt bezeichnet werden. Doch sie erreichen ihre Erfolge nicht aufgrund eines hohen Intelligenzquotienten (IQ), sondern mit enormem Fleiss, Elternunterstützung, Ehrgeiz – und Leistungsdruck. Überleister gibt es öfters als man denkt, in Städten und Agglomerationen häufiger als in ländlichen Gebieten. Die Kognitionspsychologin Elsbeth Stern geht davon aus, dass mindestens dreissig Prozent der Kinder, die ins Gymnasium eintreten, aufgrund ihres ungenügenden IQs »eigentlich gar nicht ins Gymnasium gehören«*. Auch jenseits des Gymnasiums finden sich überleistende Kinder, etwa die Langsamlerner mit deutlichen Leistungsschwächen, deren Eltern aber trotzdem mit allen Mitteln auf ein höheres schulisches Anspruchsniveau pochen. Bekannt sind Überleister auch in Sport und Musik. Hier ist der Wunsch gross, aus kleinen Kindern grosse Talente zu machen, und manche Familien sind besonders davonangetan, dass aus ihrem normalen Kind ein aussergewöhnliches Kind wird.

    Um nicht falsch verstanden zu werden: Leistungsorientierung und hohe Erwartungen von Lehrkräften und Eltern sind für eine gute schulische Laufbahn der Kinder wichtig – dies ist eine wissenschaftlich vielfach bestätigte Tatsache. Problematisch werden solche Haltungen dann, wenn sie zum wichtigsten Erziehungsziel der Familie werden, Schulen auf Leistung und Noten fixiert sind und Kinder zu Überleistern werden müssen - um zu funktionieren.

    Überleistung als kulturelles Mandat

    Kinder haben sich in den letzten Jahren wenig verändert, doch heute werden in Therapie, Beratung und Schule mehr Variationen der Norm als pathologisch erklärt und Ausreisser nach oben und unten zurechtgestutzt. Dies führt dazu, dass die Anzahl therapierter Kinder bis ins Unermessliche steigt. Oft hätten solche Kinder keine Therapie nötig, sondern lediglich eine unterstützende Haltung, dass sie »normal« sein dürfen und nicht Leistungen erbringen müssen, die sie überfordern. Doch die Überleisterkultur ist ein kulturelles Mandat geworden, das vom Bildungssystem auf Familie und Kinder übergegriffen hat und der Gesellschaft weis machen will, dass es normal ist, wenn Kinder Therapien brauchen.

    Das schwierige Leben der Kinder, von denen man zu viel erwartet

    Solche Gedanken sind Thema meines für 2022 geplanten Buches. Meine Hauptmotivation ist die Tatsache, dass unsere Gesellschaft fast ausschliesslich auf die Ausschöpfung des Leistungspotenzials und auf die Akademisierung von Ausbildungen fokussiert, kaum aber die tatsächlichen Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen in den Blick nimmt und auch nicht fragt, was zu hohe Erwartungen für ihre Kraft und Motivation bedeuten. Überleistung ist ein bisher unberücksichtigtes, nahezu unerforschtes und ebenso verschwiegenes Thema geblieben**. Wohl gibt es Fachliteratur zu den problematischen Aufwachsbedingungen heutiger Kinder und Jugendlicher, zum Leistungsdruck und seinen Auswirkungen oder zu überehrgeizigen Eltern***.

    Aber über das verborgene und schwierige Leben von Kindern, die Leistungen erbringen müssen, die eigentlich über ihrem Fähigkeitsniveau liegen, spricht niemand gern. Eher richtet man den Blick isoliert auf psychische Störungen und blendet dabei das Wichtigste aus: was die Kluft zwischen der Leistung und dem Aufwand dafür in unserer Gesellschaft anrichtet. 


    * Siehe das Interview: https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/viele-eltern-ueberschaetzen-dieintelligenz-ihrer-kinder/story/24570705 sowie ihre Publikation: Stern, E. & Hofer, S. (2014). Wer gehört aufs Gymnasium? Intelligenzforschung und Schullaufbahnentscheidungen. In E. Wyss (Hrsg.), Von der Krippe zum Gymnasium. Bildung und Erziehung im 21. Jahrhundert (S. 41-54). Weinheim: Beltz.

    ** Im Gegensatz dazu wird »Minderleistung« (»Underachievement«) – Kinder, die aufgrund ihrer kognitiven Kompetenzen deutlich weniger leisten als man von ihnen erwarten würde – sehr wohl als Problem wahrgenommen, es ist relativ gut beforscht und in der Praxis viel diskutiert.

    *** Beispiele sind die zersplitterte Welt zwischen Kita und Familie, die Eltern-Taxis und Mamas Überfürsorglichkeit, die Hausaufgabenunterstützung, die digitalen Medien etc. Siehe mein Buch »Lasst die Kinder los« (2017 bei Piper erschienen) oder Schulte-Markwort, M. (2016). Burnout Kids. Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert. München: Knaur, S. 185ff. 

  • Besonders fleissig, gute Noten und beliebt – ein solches Kind ist der Traum mancher Lehrkräfte und Eltern, denn es hat scheinbar beste Aussichten auf eine besonders erfolgreiche Bildungslaufbahn. Unsere Hochleistungsgesellschaft bietet hierfür perfekte Voraussetzungen: Sie setzt auf gute Schulen und Lehrkräfte, einen leistungsstarken Nachwuchs, auf hohe Bildungsabschlüsse und auf verantwortungsbewusste Väter und Mütter, die ihre Kinder fördern. Es ist mehr denn je en vogue, die Leistungsbereitschaft und -fähigkeit der Kinder zu betonen.

    Entwertung von Bildungsabschlüssen durch die Akademisierung

    Solche Trends haben Auswirkungen auf unser Bildungssystem. Einen wesentlichen Anteil an der zunehmenden Leistungs- und Wettbewerbsorientierung haben Leistungsstudien wie PISA, TIMMS, IGLU und wie sie alle heissen. Angesichts dem teilweise lediglich mittelmässigen Abschneiden der Schülerinnen und Schüler begann die Bildungspolitik unentwegt vor den Auswirkungen dieser Mittelmässigkeit zu warnen, d.h. vor dem Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und dem Abbau des gesellschaftlichen Wohlstands. In den Schulen werden nun zunehmend Vergleichstests etabliert, und in Kindergärten den Elterngesprächen mehrseitige Standortbestimmungen zugrunde gelegt.

    Parallel dazu sind im Zuge von Akademisierung und Bildungsexpansion viele Abschlüsse entwertet worden. Hauptschul- und Realschul-Zeugnisse zählen viel weniger als noch vor ein paar Jahren. Auch Studienabschlüsse sind zwar wichtiger, aber weniger wert. Ein Bachelor ist heute Voraussetzung für viele Berufe, aber längst keine Karrieregarantie mehr.

    Angesichts dieser gesellschaftlichen Entwicklungen ist es nachvollziehbar, dass sich auch Familien so verhalten, wie dies die Bildungspolitik erwartet. Das überdimensioniert scheinende Engagement von Vätern und Müttern ist eine nachvollziehbare reaktive Strategie, um sich zumindest ein wenig gegen die Zukunftsängste stemmen zu können. Und weil die Schule eine »verantwortete Elternschaft« voraussetzt – etwa die Kontrolle von Hausaufgaben, die Unterstützung bei der Erstellung von Referaten und Power-Point-Präsentationen oder die Vorbereitung auf eine Prüfung – ist sie auf die Maximierer- und Optimiererrolle der Eltern angewiesen.

    Normale Kinder sollen grosse Talente werden

    Kinder, die in Schule und Elternhaus auf Leistungsfähigkeit getrimmt werden, sind nicht selten Überleister. Überleister oder Overachiever sind junge Menschen, die mehr leisten als man von ihnen aufgrund ihrer Fähigkeiten erwarten würde. Sie erbringen Hochleistungen, weshalb sie fälschlicherweise oft als hochbegabt bezeichnet werden. Doch sie erreichen ihre Erfolge nicht aufgrund eines hohen Intelligenzquotienten (IQ), sondern mit enormem Fleiss, Elternunterstützung, Ehrgeiz – und Leistungsdruck. Überleister gibt es öfters als man denkt, in Städten und Agglomerationen häufiger als in ländlichen Gebieten. Die Kognitionspsychologin Elsbeth Stern geht davon aus, dass mindestens dreissig Prozent der Kinder, die ins Gymnasium eintreten, aufgrund ihres ungenügenden IQs »eigentlich gar nicht ins Gymnasium gehören«*. Auch jenseits des Gymnasiums finden sich überleistende Kinder, etwa die Langsamlerner mit deutlichen Leistungsschwächen, deren Eltern aber trotzdem mit allen Mitteln auf ein höheres schulisches Anspruchsniveau pochen. Bekannt sind Überleister auch in Sport und Musik. Hier ist der Wunsch gross, aus kleinen Kindern grosse Talente zu machen, und manche Familien sind besonders davonangetan, dass aus ihrem normalen Kind ein aussergewöhnliches Kind wird.

    Um nicht falsch verstanden zu werden: Leistungsorientierung und hohe Erwartungen von Lehrkräften und Eltern sind für eine gute schulische Laufbahn der Kinder wichtig – dies ist eine wissenschaftlich vielfach bestätigte Tatsache. Problematisch werden solche Haltungen dann, wenn sie zum wichtigsten Erziehungsziel der Familie werden, Schulen auf Leistung und Noten fixiert sind und Kinder zu Überleistern werden müssen - um zu funktionieren.

    Überleistung als kulturelles Mandat

    Kinder haben sich in den letzten Jahren wenig verändert, doch heute werden in Therapie, Beratung und Schule mehr Variationen der Norm als pathologisch erklärt und Ausreisser nach oben und unten zurechtgestutzt. Dies führt dazu, dass die Anzahl therapierter Kinder bis ins Unermessliche steigt. Oft hätten solche Kinder keine Therapie nötig, sondern lediglich eine unterstützende Haltung, dass sie »normal« sein dürfen und nicht Leistungen erbringen müssen, die sie überfordern. Doch die Überleisterkultur ist ein kulturelles Mandat geworden, das vom Bildungssystem auf Familie und Kinder übergegriffen hat und der Gesellschaft weis machen will, dass es normal ist, wenn Kinder Therapien brauchen.

    Das schwierige Leben der Kinder, von denen man zu viel erwartet

    Solche Gedanken sind Thema meines für 2022 geplanten Buches. Meine Hauptmotivation ist die Tatsache, dass unsere Gesellschaft fast ausschliesslich auf die Ausschöpfung des Leistungspotenzials und auf die Akademisierung von Ausbildungen fokussiert, kaum aber die tatsächlichen Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen in den Blick nimmt und auch nicht fragt, was zu hohe Erwartungen für ihre Kraft und Motivation bedeuten. Überleistung ist ein bisher unberücksichtigtes, nahezu unerforschtes und ebenso verschwiegenes Thema geblieben**. Wohl gibt es Fachliteratur zu den problematischen Aufwachsbedingungen heutiger Kinder und Jugendlicher, zum Leistungsdruck und seinen Auswirkungen oder zu überehrgeizigen Eltern***.

    Aber über das verborgene und schwierige Leben von Kindern, die Leistungen erbringen müssen, die eigentlich über ihrem Fähigkeitsniveau liegen, spricht niemand gern. Eher richtet man den Blick isoliert auf psychische Störungen und blendet dabei das Wichtigste aus: was die Kluft zwischen der Leistung und dem Aufwand dafür in unserer Gesellschaft anrichtet. 


    * Siehe das Interview: https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/viele-eltern-ueberschaetzen-dieintelligenz-ihrer-kinder/story/24570705 sowie ihre Publikation: Stern, E. & Hofer, S. (2014). Wer gehört aufs Gymnasium? Intelligenzforschung und Schullaufbahnentscheidungen. In E. Wyss (Hrsg.), Von der Krippe zum Gymnasium. Bildung und Erziehung im 21. Jahrhundert (S. 41-54). Weinheim: Beltz.

    ** Im Gegensatz dazu wird »Minderleistung« (»Underachievement«) – Kinder, die aufgrund ihrer kognitiven Kompetenzen deutlich weniger leisten als man von ihnen erwarten würde – sehr wohl als Problem wahrgenommen, es ist relativ gut beforscht und in der Praxis viel diskutiert.

    *** Beispiele sind die zersplitterte Welt zwischen Kita und Familie, die Eltern-Taxis und Mamas Überfürsorglichkeit, die Hausaufgabenunterstützung, die digitalen Medien etc. Siehe mein Buch »Lasst die Kinder los« (2017 bei Piper erschienen) oder Schulte-Markwort, M. (2016). Burnout Kids. Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert. München: Knaur, S. 185ff. 

  • In unserer modernen Leistungsgesellschaft dominiert der Mythos des erfolgreichen Kindes. Der Druck, ein frühreifes und vielleicht auch hochbegabtes Kind zu haben, ist so ansteckend, dass man dem schnell verfällt. Für nicht wenige Eltern liegt der Wert des Kindes in seiner Leistung, und ein Spitzenschüler gilt als Mass für eine gute Erziehung. Doch allein schon diese Idee stresst die Eltern, aber auch viele Lehrkräfte – und Kinder entwickeln sich immer weiter weg von dem, was sie eigentlich in ihrem Kern wären.

    Kinder, die in einer sorgenvollen familiären Treibhaus-(Hothousing)-Atmosphäre aufwachsen, übernehmen die Ängstlichkeit, absorbieren und internalisieren sie – und glauben, Schule, Freizeit und überhaupt die ganze Welt seien stressvolle Orte. Die Konsequenzen reichen von Schlafproblemen über Migräne bis zu Magenbeschwerden und Panikattacken o.ä. Obwohl einige der Symptome organisch sind, werden andere durch das angstvolle Elternverhalten beeinflusst.

    Hochbegabung als stigmatisierende Etikette

    Eltern und auch Lehrkräfte sind sich oft (zu) sicher, dass sie genau wissen, wie sich ein Kind in seiner Haut fühlt. Tatsache ist, dass dies lange nicht immer zutrifft. Nehmen wir das Beispiel von Luca (9J.), das mir eine Psychologin erzählt hat.

    Luca begann, sich überall im Gesicht zu kratzen. Das wurde zu einer so grossen Gewohnheit, dass die Eltern mit ihm in eine Therapie gingen. Sie beschrieben ihn als Kind, das sein Potenzial trotz einer diagnostizierten Hochbegabung nicht ausschöpft. Aber fragte man Luca, tönte es anders. Er sagte: «Alle sagen mir, du bist hochbegabt, aber ich hasse es, hochbegabt zu sein. Alle erwarten von mir, dass ich in vielen Dingen besser bin, weil ich hochbegabt bin. Ich bin zwar hochbegabt, aber ich weiss nicht, wie ich besser werden kann.»

    Doch auch seine Eltern waren davon betroffen, weil der Lehrer ihnen immer wieder zurückmeldete, dass sich Luca nicht genug Mühe geben würde und er alles viel besser könnte, wenn er wollte. Die Eltern verstanden dieses Feedback als Hinweis darauf, dass sie ihren Sohn zu wenig herausforderten.

    So denken viele Familien. In unserer Gesellschaft ist die Idee, Eltern sollten ihre Kinder optimieren, eine tief verankerte Überzeugung der unbedingten Ausschöpfung des Potenzials.

    Das zweischneidige Schwert der Suche nach dem Potenzial

    Doch das Wort Potenzial ist zweischneidig. Weil es ausschliesslich positiv konnotiert wird, werden die zugrunde liegenden stigmatisierenden Implikationen zu wenig berücksichtigt. Wenn wie in obigem Beispiel Luca kommuniziert wird, er würde sein Potenzial nicht ausschöpfen, wird ihm gleichzeitig rückgemeldet, dass er nicht das ist, was er sein sollte. Doch eigentlich würde sich Luca vor allem danach sehnen, gelobt zu werden, für das, was er im Moment ist oder was er im Moment gut kann. Weil er konstant mit einem «Soll-Status» verglichen wird, fühlt er sich frustriert und wird verärgert.

    Der Begriff Potenzial muss neu definiert werden. Anstatt darunter zu verstehen, dass aus dem Kind das werden soll, was man erwartet, sollten wir uns der Potenz des Kindes, seinen ihm innewohnenden Kräfte im Hier und Jetzt zuwenden. Wer dies tut und spürt, was im Kind aktuell steckt, muss sein Potenzial nicht in die Zukunft projizieren. Stellen wir uns vor, wie gut sich Luca fühlen würde, wenn seine Eltern und sein Lehrer einfach denken würden, er sei so wie er ist in Ordnung!

    Der druckfreie Blick auf Kinder erfordert Standhaftigkeit

    Doch der positive und druckfreie Blick auf Kinder ist nicht zeitgemäss. Deshalb braucht eine solche Einstellung viel Mut und Standhaftigkeit der Eltern, den Freunden, Nachbarn und Verwandten zu widerstehen, die andauernd von der Ausschöpfung des Potenzials sprechen und sie darauf verweisen, was sie alles unterlassen.

    Eltern, die versuchen, ihre Optimierungsstrategie zu mässigen, entgegnen immer wieder, sie seien die einzigen, welche ihre Kinder nicht gezielt fördern würden und das sei sehr schwierig. Dies ist mehr als nachvollziehbar! Aber wenn sie ihren Nachwuchs zu einem eigenständigen und glücklichen jungen Menschen erziehen wollen, müssen sie gewillt sein, gegen den Strom zu schwimmen. Anstatt treu dem Diktat der anderen zu folgen, sollten sie sich auf das Wesen des Kindes und sein «Recht auf den heutigen Tag einstellen» (Janusz Korczak), denn darin liegen alle Antworten.

    Wer diesen Weg wählt, wird wahrscheinlich dem Kind

    - ein Selbstbestimmungsrecht über seine Kindheit einräumen und ihm den Lead überlassen, was es interessiert und motiviert

    - ermöglichen, dass es sich an seiner Kindheit erfreuen kann und mit möglichst wenig Fremdterminen zugedeckt, dafür mit viel Platz und Zeit ausgestattet wird

    - Freude an Hobbies zugestehen, ohne es in Wettbewerbssituationen zu drängen

    - zubilligen, dass es auch durchschnittlich sein darf.

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 23.04.2019, S. 16

     

    Die Fünfjährige als Tennistalent, der Achtjährige mit dem Ziel, Profifussballer zu werden. Der Leistungssport beginnt immer früher. Woher kommt das? Warum müssen Kinder nicht nur in der Schule gute Noten haben, sondern auch in mindestens einer Sportart brillieren? Weshalb ist der Wunsch so gross, aus einem durchschnittlichen Kind ein aussergewöhnliches Kind zu machen?

    Talente und Treibhausförderung

    In erster Linie ist es der Hype um die überstrapazierte Förderung, die man auch mit einem Treibhaus gleichsetzen kann. Wer nicht möglichst früh aus seinem Nachwuchs ein «Talent» macht, ist selbst schuld. Auch Vereine sprechen oft von Kindern als Talenten, so dass dies bei ihnen selbst selbstverständlich grosse Illusionen weckt und bei den Eltern die Überzeugung, ihr Sprössling sei etwas Besonderes.

    Ist deshalb Leistungssport für Kinder schlecht? Kaum! Zum einen belegen verschiedene Studien, dass sich Kinder, die Leistungssport betreiben, oft sehr gut entwickeln, manchmal sogar ausgewogener als andere. Sie haben bessere Schulnoten, sind organisierter, durchsetzungsfähiger und frustrationstoleranter. Sie sind auch nicht isolierter als andere, weil sie hier oft Freunde finden.

    Wieviel Druck auf Kinder ist notwendig?

    Genauso gibt es Untersuchungen, die auf eine spezifische Problematik verweisen: auf den Ehrgeiz aus dem näheren Umfeld (Eltern, Freunde, Trainerinnen und Trainer). Zwar sind Ehrgeiz und ein gewisser Druck bei weitem nichts Schlechtes. Trotzdem haben viele Kinder enorm Mühe damit und brechen unter den hohen Erwartungen der Umgebung zusammen. Manchmal werden sie zur Sportpsychologin oder ins Pilates geschickt, trotzdem ändert sich wenig. Denn wann und wieviel Druck notwendig ist und wie hoch die Leistungserwartungen sein sollen, ist eine Gratwanderung, die auch mit dem Temperament und der Persönlichkeit des Kindes zu tun hat. Das hat uns wohl niemand so treffend gezeigt wie Bernhard Russi oder Roger Federer. Während die einen Kinder unter dem Erwartungsdruck zusammenbrechen, ist es für die anderen eine zusätzliche Motivation.

    Dass die Eltern eine Schlüsselrolle spielen, dürfte unwidersprochen sein. Seien wir ehrlich: Welche Mütter und Väter handeln selbstlos, wenn sie ihrem Kind den Einstieg in den Leistungssport ermöglichen? Würden sie keinen Gewinn daraus ziehen, wäre die Episode wahrscheinlich schnell zu Ende, denn finanzielle, psychische und zeitliche Elterninvestitionen brauchen Wirkung. Der Grasshopper Club steht stellvertretend dafür, dass Eltern sogar den Juniorentrainer bestechen wollen, nur damit der Sohn an die Spitze kommt. Stellt sich jedoch der Erfolg trotzdem nicht ein, müssen Kinder nicht nur die Enttäuschung der Eltern verarbeiten, sondern auch mit Vorwürfen rechnen: «Du könntest viel besser sein!» «Warum gibst du so schnell auf?» Doch solche Appelle führen meist lediglich dazu, dass die beabsichtigte Wirkung ausbleibt und Kinder die Lust am Sport verlieren.

    «Talente», die in der Versenkung landen

    Mich treibt vor allem eine Frage um: Was geschieht mit den so genannten Talenten, die den höchsten Erwartungen nicht genügen? «Deselektion» nennt man dies in der Sportwissenschaft, d.h. die Rückversetzung der Kinder in die zweite oder dritte Reihe. Deselektion tönt nicht nur brutal, sie ist es auch und leider der Regelfall. Allerdings kümmert sich meist kaum jemand um solche Kinder und Jugendlichen, obwohl sie jahrelang mehr geleistet und trainiert haben, als es ihren Fähigkeiten entsprach. Nun verschwinden sie in der Versenkung und auch ihre Eltern müssen damit klarkommen.

    Leistungssport zu betreiben ist für junge Menschen nicht per se gut oder schlecht, es kommt auf das Wie an: Wie Kinder begleitet, unterstützt und herausgefordert werden, wie auf ihre Seelen und ihren Körper Rücksicht genommen wird. Und vor allem, ob Trainerinnen und Trainer, aber auch Eltern, einen Plan B vorbereitet haben, für den Fall, dass es nicht klappt. Also eine Berufslehre bis zur Lehrabschlussprüfung durchziehen oder die Matura machen und eine Studium anhängen. Ein Plan B muss zu einer verpflichtenden Grundbedingung werden, damit man im Leistungssport an die Spitze kommen kann. Dann ist es halb so wild, wenn aus dem Kind kein Superstar wird, sondern ein junger Mensch mit guten Berufsaussichten, dem die Freude am Sport nicht abhandengekommen ist.

  • Lange Jahre habe ich mich mit Hochbegabung respektive überdurchschnittlicher Begabung befasst und dabei auch das Phänomen der Underachiever beleuchtet. Underachiever (Minderleister) sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die aufgrund ihrer kognitiven Kompetenzen deutlich weniger leisten als man von ihnen erwarten würde. Über dieses Phänomen wissen wir heute relativ viel, und es ist auch recht gut beforscht.

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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