Bildungserwartungen

  • erschienen in NZZ, 1. Dezember 2018, S. 12 unter dem Titel "Das Beste ist nicht immer gut genug. Verschonen wir die Kinder vom Optimierungswahn"

    Alle wollen ihn haben: den perfekten Körper. Um diesem Ideal zu entsprechen, gehen immer mehr Menschen ins Fitness-Center. Längst sind es nicht mehr nur Frauen, sondern zunehmend auch Männer, die sich einem solchen Schönheitsdiktat unterwerfen. Doch dieser vor allem medial aufbereitete Trend wäre kaum der Rede wert, wenn da nicht die Tatsache wäre, dass nun auch Kinder zunehmend Teil dieses Perfektionswahns werden. TeenFitness heisst ein solches revolutionäres Trainingssystem, das Eltern erlaubt, nicht nur sich selbst, sondern auch den Nachwuchs zu optimieren und ihn zum neuen Investitionsprojekt werden zu lassen. Optimierung hat das Schicksal abgelöst, das nicht Perfekte wird kaum mehr toleriert.

  • Wer in der Schweiz die Chance bekommt, das Gymnasium zu besuchen, stammt wahrscheinlich aus einer gut situierten Familie. Arbeiterkinder oder solche aus einfachen Migrantenfamilien haben hingegen fünfmal schlechtere Chancen – wohlverstanden bei gleichen Schulleistungen. Zu diesem Schluss kommen verschiedene Studien*. Weshalb dem so ist, erklären sie mit den primären und sekundären Herkunftseffekten: 

    • Die primären Effekte werden für das Phänomen verantwortlich gemacht, dass Arbeiterkinder im Durchschnitt schlechtere Schulnoten als besser situierte Kinder haben. Die Ursache wird dabei in der geringeren Anregung und Förderung durch das Elternhaus vermutet.
    • Die sekundären Effekte erklären die Folgen der unterschiedlichen Bildungsentscheidungen des Elternhauses. Gut situierte Eltern sind deutlich bildungsambitionierter und streben deshalb markant häufiger das Gymnasium an, einfacher gestellte Eltern lehnen es hingegen oft ab.

    Gerade diese sekundären Herkunftseffekte verweisen auf die grosse Bedeutung des Elternwillens. Markus Neuenschwander** hat in seiner Studie aufgezeigt, wie sehr Elternerwartungen auch die Lehrkräfte beeinflussen. Bestimmte Eltern haben den Schlüssel offenbar in der Hand, wenn es um den Schulerfolg des Kindes geht. Und zwar so sehr, dass Lehrkräfte einem Kind aus Familien mit hohen Bildungserwartungen bei gleicher Leistung bessere Noten geben. In der Studie von Franz Baeriswyl und seinen Kollegen*** haben 5.6% der Schüler eine Übertrittsempfehlung nur deshalb erhalten, weil die Eltern intervenierten. Verstärkt werden solche Effekte dadurch, dass einfacher gestellte Eltern die schlechtere Bewertung ihres Kindes respektive die Nichtempfehlung fürs Gymnasium gar nicht als ungerecht einschätzen und sich auch nicht wehren.

    Somit spielen weniger leistungsimmanente, sondern vielmehr soziale Faktoren beim Übertritt ins Gymnasium eine Rolle. Der Elternwille verstärkt die soziale Ungleichheit. Folgedessen erstaunt auch kaum, dass der Anteil an Schülerinnen und Schülern, welche die Leistungsvoraussetzungen für das Gymnasium eigentlich nicht mitbringen, es jedoch trotzdem besuchen, gestiegen ist.

    Aus solchen Gründen sind die Regelungen für den Übertritt ins Gymnasium besonders bedeutsam. In der Schweiz sind sie sehr unterschiedlich. Am verbreitetsten sind drei Systeme (teilweise in Kombination): die Aufnahmeprüfung, Noten und Eignungsfeststellung sowie die Empfehlung der Primarschule. Diejenigen Kantone, welche auf einem rein leistungsbasierten Schlüssel die Zuteilung vornehmen, haben somit chancengerechtere Systeme. Das heisst aber nicht, dass die Aufnahmeprüfung das Instrument der Wahl ist. Sie erzeugt nämlich früh schon einen enormen Leistungsdruck und schafft parallele Förder- und Unterstützungssysteme (Lernstudios, Nachhilfe etc.), die sich einfache Familien wiederum nicht leisten können. Zudem berücksichtigt das Aufnahmeprüfungssystem andere Faktoren wie Motivation, Leistungsbereitschaft oder akademisches Interesse nicht.

    Fazit

    Die Frage, wer das Gymnasium besuchen soll und wer nicht, ist in der Bildungspolitik ein heisses Eisen. Aber bei weitem nicht nur wegen des immer wieder beklagten «Akademisierungstrends», sondern vor allem auch aufgrund der Forderung, dass die «richtigen» Schüler das Gymnasium besuchen sollten. Weil in diesem Zusammenhang offenbar der Elternwille eine zentrale Rolle spielt, gehen Kinder aus bildungsambitionierten Familien deutlich häufiger ins Gymnasium, während solche aus einfacheren Familien eine Berufslehre machen. Das ist jedoch keinzukunftsträchtiger Zustand. Eigentlich sollten Neigungen und Fähigkeiten den Ausschlag zur Bildungs- und Berufswahl geben. Wenn dem so wäre, dann wären in der Berufsbildung mehr leistungsstarke Jugendliche aus gut situierten Familien vertreten, in den Gymnasien jedoch mehr intellektuell begabte Kinder aus Arbeiter- und benachteiligten Migrantenfamilien.

    Ein wichtiges bildungspolitisches Ziel sollte sein, den Elternwillen zurückzubinden, die unabhängigen Interessen des Kindes jedoch mehr zu gewichten – und dabei ebenso die Kinder aus Arbeiterfamilien zu ermuntern und zu befähigen, den gymnasialen Weg gehen zu wollen. Notwendig wären deshalb Potenzialanalysen für alle Kinder, jenseits von Leistungstests.

     

    *Helbig, M. & Gresch, C. (2013). Soziale Spaltung am Ende der Grundschule. WZ Brief 26.12., Berlin: Wissenschaftszentrum.

    ***Maaz, K., Trautwein, U. & Baeriswyl, F. (2011). Herkunft zensiert.Herkunft zensiert – Leistungsdiagnostik und soziale Ungleichheiten in der Schule. Vodafone Stiftung Deutschland.

    *Möller, C. (2015).Herkunft zählt (fast) immer. Soziale Ungleichheiten unter Universitätsprofessorinnen und -professoren. Bildungssoziologische Reihe. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

    **Neuenschwander, M. (2013). Selektion beim Übergang in die Sekundarstufe I und in den Arbeitsmarkt im Vergleich. In M. P. Neuenschwander (Hrsg.), Selektion in Schule und Arbeitsmarkt (S. 63-97). Zürich/Chur: Rüegger.

  • Im Kanton Zürich hat ein Sechstklässler im letzten Frühling die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium nicht bestanden, weil sein Aufsatz nur mit einer 2 benotet worden war. Die Eltern rekurrierten, zuerst bei der Bildungsdirektion, dann beim Verwaltungsgericht. Dieses hat nun entschieden, dass der Aufsatz neu beurteilt werden muss*.

    Dies ist noch keine bemerkenswerte Geschichte. Bemerkenswert ist jedoch, dass Rekurse in allen Kantonen zunehmen und auch vor der Universität nicht Halt machen. Erstaunlicherweise sind es auch hier noch die Eltern und nicht die Studierenden selbst, welche die Rekurse in die Wege leiten und sie verantworten.

    Warum engagieren sich Eltern derart für ihre Kinder, auch wenn sie schon erwachsen sind? Warum ist nur das Gymnasium gut genug, und weshalb wird eine nicht bestandene Prüfung zur Katastrophe? Unser Bildungssystem ist ja enorm durchlässig, so dass auch «Spätzündern» viele Optionen von der Berufslehre bis an die Universität offen sind und Eltern folgedessen  entspannter sein könnten.

    Viel zu einseitig ist die oft gehörte Erklärung, Väter und Mütter seien zu ehrgeizig, sie wollten aus ihrem Nachwuchs perfekte Kinder machen und sich dann mit ihrem Erfolg brüsten. Zutreffender ist, dass gesellschaftlich bedingte Hintergründe Eltern in ihren Bildungsambitionen stark beeinflussen. Neoliberalistische Strömungen haben in den letzten beiden Jahrzehnten nicht nur die Wettbewerbsorientierung stark gefördert, sondern auch die individuelle Eigenverantwortung für Berufserfolg und Familienglück. Für Väter und Mütter heisst dies, dass sie nicht nur für ihr persönliches Wohlergehen selbst verantwortlich sind, sondern auch für das ihrer Kinder. Ist der Nachwuchs erfolgreich, ist das ihr Verdienst, gerät er nicht nach Wunsch, sind sie ebenfalls Schuld, weil sie «aus ihren Kindern zu wenig gemacht haben». Und gemeint sind meistens die Mütter.

    Frauen fühlen sich heute mehr denn je für die Erziehung und Förderung ihrer Kinder zuständig (und oft auch allein verantwortlich), auch dann, wenn sie zu einem grossen Teil berufstätig sind. Sie tun deshalb sehr viel, um ihre Kinder von den gesellschaftlichen Unsicherheiten zu schützen und ihnen eine optimale Schullaufbahn zu ermöglichen. Solche Anstrengungen nennt die Forschung «Statusabsicherung». Dazu gehören viele Aktivitäten, von denen drei besonders verbreitet sind: die schulische, die talentbezogene und die emotionale Statusabsicherung.

    • (Vor-)Schulische Statusabsicherung**: Sie beginnt schon sehr früh, mit der Wahl der Kita, der Spielgruppe oder des Förderkurses. Vor allem die Mütter machen sich viele Gedanken zur Entwicklung des Kindes oder zur besten Förderung. Aber sie forschen auch bei Freunden, Nachbarn und Verwandten nach, was diese genau tun und wie. Im Schulalter gehören dann auch Analysen dazu, ob das Kind die richtige Lehrperson hat, den richtigen (aber nicht zu anspruchsvollen) Schulstoff vermittelt bekommt, ob die Hausaufgaben verständlich sind, die Schulkameraden angemessen sind und das Kind in der Schule richtig behandelt wird.
    • Talentförderung als Statusabsicherung: Weil es immer mehr Bücher zu Themen wie «Jedes Kind ist hochbegabt» gibt oder zu «Erkennen Sie, was in Ihrem Kind steckt», wird es für Eltern fast zwingend, auch beim eigenen Kind Talente zu suchen und zu fördern. Dies tun sie mittels ausser- und innerfamiliären Aktivitäten, Förderkursen oder auch Feriencamps etc. Wie Eltern dies tun, ist aber sehr unterschiedlich. An einem extremen Pol sind die «Tigermütter»***, welche aus ihren Kindern Wunderkinder machen möchten. Vor allem in der musischen oder sportlichen Talentförderung sieht man auch viele «Goldmedaillen-Eltern»****, welche vom Nachwuchs erwarten, dass er unter Druck Höchstleistungen erbringt. Auf der anderen Seite gibt es Väter und Mütter, welche der wettbewerbsorientierten Form von Talentförderung widerstehen. Dies ist aber nicht einfach, weil sie oft mit Vorwürfen eingedeckt werden, sie würden den «Kindern etwas vorenthalten» und ihr Talent vergeuden.
    • Emotionale Statusabsicherung: Ebenso grosse Anstrengungen unternehmen viele Eltern, damit ihr Kind glücklich und sein Wohlbefinden sichergestellt ist. Vor allem Mütter sind bemüht, seine Bedürfnisse über die eigenen zu stellen, immer zu wissen, wie es ihm geht und es auf keinen Fall leiden zu sehen. Deshalb klammern sie möglichst alle Unannehmlichkeiten aus und halten jegliche Unbill des Alltagslebens von ihm fern. Oft sagen Mütter sogar, ihr erstes und einziges Ziel sei, dass ihr Kind «glücklich sei». Leider ist diese Art von Glück ein schwer fassbares und kaum einzulösendes Ziel.

    Diese drei Formen von Statusabsicherung ist für Kinder ohne Zweifel von einem gewissen Nutzen, weil sie vor dem Misserfolg bewahrt werden, den Weg ins Gymnasium nicht zu schaffen und sie auch ihre Talente entfalten können. Darüber hinaus wachsen sie in einem sehr behüteten und emotional ausgesprochen liebevollen Umfeld auf. Damit können aber auch viele psychische Konsequenzen verbunden sein. Beispielsweise im Sport, wenn Kinder immer siegen sollten, jedoch lediglich normale Leistungen zu erbringen im Stande sind. Oder wenn sie zu Bestnoten in Deutsch und Mathematik gepusht werden, dadurch jedoch ihre an sich breiten Interessen in Literatur, Kunst oder Naturwissenschaft verlieren. Schliesslich kann sich auch die mütterliche und väterliche Angst um die Wettbewerbsfähigkeit des Kindes auf es selbst übertragen und Spannungen, Verweigerung oder körperliche Beschwerden zur Folge haben. Wenn zudem vor allem Mütter für ihr Kind alles richten, dann gewöhnt es sich an solche Dienstleistungen und entwickelt den Anspruch, nicht es selbst, sondern die Umgebung sei für sein Glück verantwortlich. Dies wiederum kann zu einem Verhalten gelernter Hilflosigkeit führen.

    Intensive, perfekte Eltern- resp. Mutterschaft hat negative Auswirkungen, nicht nur auf die Frauen selbst, sondern ebenso auf die Kinder. Selbstverständlich ist es keine Frage, dass die Beziehung zwischen Mutter, Vater und Kind enorm wichtig und auch entscheidend ist für ein gesundes Aufwachsen. Doch elterliche Überinvestitionen führen zur Paradoxie, dass das Kind abhängig wird und zu kurz kommt. Es kann nicht selbstständig werden, Herausforderungen nicht alleine meistern und auch keine Frustrationstoleranz lernen.

    Es genügt nicht, Eltern lediglich aufzufordern, weniger in ihren Nachwuchs zu investieren. Notwendig sind andere Denkmuster. Wir brauchen vor allem eine Gesellschaft, welche Eltern weniger schuldig spricht, eine Politik, welche sie in ihrer Arbeit unterstützt – und wir brauchen Männer und Frauen, die sich von der Verpflichtung zu intensiver Elternschaft emanzipieren und versuchen, lediglich hinreichend gute Eltern zu sein. Die Kinder werden es ihnen danken – auch wenn es vielleicht nicht direkt ins Gymnasium reicht. Janusz Korczak hat einmal formuliert «Jedes Kind hat das Recht, das zu sein, was es ist.»

    Literaturhinweise

    *http://www.nzz.ch/zuerich/aktuell/zuercher-verwaltungsgericht-per-rekurs-ans-gymnasium-ld.108732

    **Bude, H. (2011). Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet. München: Hanser.

    ***Chua, A. (2011). Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte.München: Hanser.

    **** Stamm, M. (2016). Lasst die Kinder los! Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. München: Piper.

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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