Therapie

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 10.02.2020, S. 4


    Alles wollen wir sein – nur nicht normal. Das gilt auch für den Nachwuchs. Klärt die Psychologin die Eltern auf, ihr Kind sei nicht so speziell, sondern normal, sind viele enttäuscht. Verständlich, denn die Pädagogik plädiert schon lange für die Einzigartigkeit jedes Kindes. Doch der Zeitgeist hat auch eine Kehrseite: Inzwischen gibt es mehr therapierte als gesunde Kinder, auch wenn ständig von Potenzialentwicklung die Rede ist.

    Was ist normal und was abweichend?

    Was ist normal? In der Öffentlichkeit ist die Definition kein Problem. «So ein Kind wie dieses ist doch nicht normal» gilt als selbstverständliches Deutungsmuster des gesunden Menschenverstandes, wie man Kinder voneinander unterscheiden kann. Dies führt allerdings zu einer Zweiteilung in «normale» und «abweichende», in Kinder ohne und mit Therapie. Weil es in der zweiten Gruppe so viele sind, ist die Abweichung von der Norm zur Regel geworden.

    Wer Therapie sagt, weiss in der Regel, was Diagnose bedeutet und kann deshalb auch definieren, was normal ist. Die Statistik mit der Gausschen Glockenkurve ist dafür bestens gerüstet. Machen wir uns die Mühe, die Ausprägung eines Merkmals, beispielsweise der Intelligenz, zu messen, tritt etwas Bemerkenswertes ein. Die Summe der Messwerte ergibt die absolut vorhersagbarste und schönste Kurve, die Glocke und damit die Normalverteilung. Das heisst: Intelligenz gruppiert sich um die Mitte, währendem sich die Ausreisser symmetrisch auf beiden Seiten anordnen.

    Die Entscheidung ist hochsensibel, was nicht normal ist

    Leider kann die Glockenkurve nur in der Theorie ein Wegweiser sein, wann ein Merkmal normal ausgeprägt ist und wann nicht. In der Praxis hat das Normale weitaus unschärfere Grenzen, daran kann auch die Glockenkurve nichts ändern. Durch Testen allein ist noch lange nicht eindeutig, wo die Trennlinie zur Abgrenzung des Normalen vom Abweichenden gezogen werden soll. Da der Übergang fliessend ist, entscheidet meist der Kontext über die Diagnose, vor allem das Umfeld und die gesellschaftlichen Erwartungen.

    Deshalb ist die Entscheidung hochsensibel, was nicht normal ist. Das Verhalten eines Kindergärtlers, der nicht lange genug ruhig sitzen kann und manchmal zappelig wirkt, wird der deutschen KIGGS-Studie zufolge oft als Warnsignal für ADHS verstanden. Kaum berücksichtigt wird dabei die Tatsache, dass sich der Kindergarten in Richtung schulähnlichem Lernen verändert hat und aufgrund des früheren obligatorischen Schuleintritts von zunehmend jüngeren Kindern besucht wird. Aus einer entwicklungspsychologischen Perspektive legitimieren sich deshalb frühe ADHS-Diagnosen kaum, weil der Grossteil der Kinder allein aufgrund ihres Alters noch nicht in der Lage ist, längere Zeit stillzusitzen. Anstatt solches Verhalten einfach als Vorform einer Verhaltensstörung zu bezeichnen, wäre es für Lehrkräfte, Eltern und ihr Kind angemessener, das Schuleintrittsalter zu überdenken. Fast jedes Kind ist von Natur aus dazu angelegt, sich ordentlich zu entwickeln, aber zu kompliziert, um immer und in jeder Struktur perfekt zu funktionieren. Wenn eine Diagnose nicht zwischen Entwicklungsvariante, Reifungsphänomen und Verhaltensstörung unterscheidet, geht der Bezug zur Normalität verloren.

    Jede Diagnose löst etwas aus - ob richtig oder falsch

    Die Diskussion über das, was normal ist und was nicht, lässt zwei wichtige Aspekte vermissen. Erstens ist nicht die Therapeutisierung der Kinder das Hauptproblem, sondern die Bagatellisierung der Tatsache, dass jede Diagnose etwas auslöst – ob sie richtig oder falsch ist. Damit verbunden ist der zweite Aspekt: dass auch dann, wenn eine Diagnose eindeutig eine Therapie erfordert, eine Good Practice möglich ist. Therapeutinnen und Therapeuten handeln professionell, wenn sie den Fokus auf die Stärkung bestimmter Persönlichkeitsmerkmale des Kindes richten und nicht nur auf seine Defizite. Jenseits der diagnostizierten Probleme ermöglichen sie ihm dadurch, auf andere Fähigkeiten stolz sein zu dürfen.

    Kinder haben sich wenig verändert, heute werden lediglich mehr Variationen der Norm als pathologisch erklärt, sodass Ausreisser nach oben und unten zurechtgestutzt werden. Sind Kinder wirklich unsere Zukunft? Dann ist nicht nur jeder Rettungsversuch der Normalität richtig, sondern dringend notwendig. 

  • Das Jahr 2012 ist – so scheint es mir – in medialer Hinsicht das Jahr, in dem Frauen über Männer schreiben und zum Ausdruck bringen, wo überall es mit der männlichen Emanzipation hapert. Noch nie konnte man so viele Medienberichte, Zeitungsartikel und Essays zum Thema Mann in der Krise lesen. Und jetzt kommt die ganze Quoten-Diskussionen dazu. Oft basieren sie auf eng geführten Denkwegen und Diskussionen, die kaum zum Ziel führen und auch den Kern der Problematik nur unzureichend treffen.

    Kürzlich habe ich in einem lesenswerten Aufsatz von Christoph Kucklick in DIE ZEIT seine Ausführungen zum Mann als verteufeltem Geschlecht gelesen. Er schreibt darin, dass er in einer anspruchsvollen Fachzeitschrift den Satz gefunden habe, der Mann sei das problematische Geschlecht des Jahrhunderts. Solche Sätze liest man auch in populären Heftchen und Journalen (‚Der Fortschritt wird durch Frauen erzielt‘; Frauen sind viel pragmatischer als Männer‘; ‚Frauen sind die besseren Netzwerker‘ etc.). Es gehe nicht vorwärts mit der Emanzipation, Männer würden stecken bleiben, vor allem in der Entwicklung ihrer Soft Skills.

    Solche Aussagen sind problematisch. Sie verweisen darauf, dass wir die Abwertung des Männlichen als Teil unserer gewordenen Kultur gar nicht mehr wahrnehmen und reflektieren. Männlichkeit ist gemäss Kucklick zur Kurzform für unsere gesellschaftlichen Missstände geworden. Recht hat er! Man untersuche nur einmal die redundanten Erklärungsmuster zur männlichen Dominanz in gesellschaftlichen Krisen – wie etwa der Finanzkrise. So hat beispielsweise eine hoch angesehene Bankenchefin in einem Interview die Position vertreten, dass uns die Finanzkrise im vollen Ausmass erspart geblieben wäre, wenn wir nicht nur ‚Lehman Brothers‘, sondern auch ,Lehman Sisters‘ gehabt hätten. Wo liegt also die Rettung? Bei den Frauen, an ihnen soll sich der Mann therapieren.

    Frauen müssen somit die neue Lösung sein. In historischer Sicht sind sie es auch. Der grosse Fortschritt des Feminismus und der Emanzipation ist der, dass das Bild der Frau, ihre Position und ihr Selbstverständnis gründlich und zu Recht renoviert worden ist. Das Männerbild jedoch nicht. Diese selektive Behandlung hat allerdings Nachteile für die Frauen mit sich gebracht und zwar deshalb, weil ihnen nicht die gleiche moralische Verantwortung zugeteilt wird resp. sie bisher nicht die gleiche moralische Verantwortung übernehmen mussten. Aus der Geschlechterforschung wissen wir zur Genüge, dass es nicht in erster Linie die Hormone sind, welche das Verhalten bestimmen, sondern soziale Zuschreibungen und Erwartungen. Frauen können genauso unmoralisch, verantwortungslos oder egoistisch sein wie Männer, und sie können auch zu gleichen Anteilen wie Männer häusliche Gewalt ausüben – nur auf unterschiedliche Art.

    Deshalb ist Kucklick‘s Forderung sehr zu unterstreichen: Wir brauchen eine Desillusionierung des Weiblichen, indem wir ein soziales Gespür entwickeln für offene und verdeckte Formen männerfeindlicher Ideologien. Aus diesem Blickwinkel haben Frauenquoten etwas Gutes an sich. Denn wenn Frauen endlich in angemessener Stärke Führungspositionen und Macht erlangen würden, dann könnten Verwaltungsräte jenseits des Geschlechts frei entscheiden: Vielleicht eine Frau als ‚echten Kerl‘ einstellen, die eher rücksichtslos führt, Entscheide durchzieht und unbeugsam ist. Oder einen teamorientierten und einfühlsamen Mann, der sich immer bewusst ist, dass er Menschen führt. Wir würden so erkennen, dass die Welt zwar fairer wird, aber auch das Weibliche unsere Welt nicht besser machen kann. Unseren «Moralhaushalt zu renovieren» (Kucklick), wäre eigentlich unsere erste gesellschaftliche Aufgabe auf dem Weg, die historische Leistung des Feminismus zu einem erfolgreichen Ende zu bringen.

  • Haben Sie Kinder, die noch Masern oder Mumpf gehabt haben oder gehörten Sie selbst einmal zu diesen kleinen Patienten? Dann können Sie sich glücklich schätzen, dass Sie noch wissen, was eine "richtige" Kinderkrankheit ist. Heute heissen sie Wahrnehmungs-, Entwicklungs- oder Sprachstörung.

    Die neusten Studien, die ich letzte Woche zu Gesicht bekommen habe, zeigen, dass mindestens 60% der Kinder im Primarschulalter bereits eine Therapie hinter sich haben. Etwa ein Drittel der Sechsjährigen gehen in eine Sprach-, Ergo- oder andere Therapie. Dann kommt noch die ADHS-Diagnose dazu, die heute ca. 5% der Kinder betrifft. Mindestens eins von zehn Kindern war schon in psychotherapeutischer Behandlung, und mehr als 10% leiden an Schul- und Prüfungsangst. Tendenz steigend. Man mag zwar einwenden, dass es doch ein unglaublicher Fortschritt ist, wenn man heute solche differenzierten Diagnosen stellen und all die Störungen therapieren kann. Das stimmt sicher teilweise, doch fragt sich, ob es nicht einfach der zunehmende Leistungsdruck der Schule ist, welcher dieses Phänomen verantwortet.

    Dieser ist meines Erachtens jedoch nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist die, dass heutige Eltern eine maximale Erwartungshaltung an ihre Kinder und auch Ärzte eine gewisse Sucht für die Diagnose entwickelt haben. Die Suche nach kindlichen Defekten ist übermächtig geworden – obwohl die ganze Welt von Ressourcenorientierung spricht. Die Kinder selbst haben sich in den letzten Jahren nur wenig verändert. Verändert hat sich vor allem unsere Vorstellung darüber, was ‚normal‘ ist. Dass diese sehr eng ist, zeigt sich daran, dass jegliche Variation der Norm sogleich als pathologisch erklärt wird. Eltern wollen sie sogleich behoben haben. Sie bringen ihr Kind zum Spezialisten so wie das Auto in die Garage zum Service.

    Ein Grundproblem sind die vielen Abklärungstests. Sie beginnen schon bald, nachdem die Schwangerschaft festgestellt worden ist. Nackenfaltenmessung, Fruchtwasserpunktion, monatliche Ultraschalluntersuchungen – vor zwanzig Jahren waren sie nur bei Risikoschwangerschaften angesagt. Heute, so heisst es, seien sie bei allen Kindern nötig, um ganz sicher zu sein, dass alles gut kommt. Ganz sicher?

    Sicher nicht, denn erstens weiss die Medizin zur Genüge, dass man sehr schnell eine Störung mit einem Test finden kann, wenn man auf etwas Bestimmtes fokussiert. Haben Sie beispielsweise schon einmal einen ADHS-Fragebogen angeschaut? Wenn ich an unsere Kinder zurückdenke und ihn ausfülle, dann hätten beide unserer Kinder ein ADHS gehabt.

    Leider läuft auch Vieles mit der so genannten Sprachförderung schief. Obwohl sie grundsätzlich sehr notwendig ist, um Kinder gut auf den Schuleintritt vorzubereiten, hat diese Entwicklung zu einer Heerschar an Instrumenten zur ‚Sprachstandsfeststellung‘ geführt, die vor allem den Nachweis liefern, dass Kinder ‚Therapiebedarf‘ haben und dann etikettiert werden. So wird beispielsweise kaum unterschieden, ob ein Kind lediglich einen Entwicklungsrückstand hat und deshalb einer temporären Förderung bedarf oder ob es sich um eine Störung handelt, welche eine Therapie erforderlich macht.

    Wie die beiden Kinderärzte Thomas Baumann und Romedius Alber schreiben, löst jede Diagnose etwas aus – und fast immer etwas Negatives. Die Suche nach dem defekten Kind hat deshalb vor allem dazu geführt, dass unser System heute mehr kranke als gesunde Kinder produziert. Müsste uns dies nicht mehr zu denken geben?



     

  • erschienen in Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 31.10.2022, 2.


    Logopädie, Psychomotorik, Dyskalkulie, Ergotherapie oder Verhaltensauffälligkeiten wie Schrei- und Beissattacken oder Arbeitsverweigerung: Geht es um Probleme von Schülerinnen und Schülern, könnte diese Liste beliebig erweitert werden. Abklärungen sind an der Tagesordnung. Deshalb erstaunt es kaum, dass in einer Primarschule auf eine Klasse mit 24 Kindern durchschnittlich 19 therapeutische Fördermassnahmen fallen, wobei einzelne Kinder von mehreren Massnahmen betroffen sein können. Natürlich kann es für ein Kind und seine Eltern ein Segen sein, wenn aufgrund von Abklärungen eine Diagnose gestellt wird und es gezielt mit Fördermassnahmen und Therapien unterstützt werden kann.

    Die Achillesferse: Defizitorientierung

    Doch, wo bleibt der Blick, auf das, was Kinder können? In unseren Schulen hat die Defizitbehebung derart umfassend Einzug gehalten, dass die Suche nach Stärken und Potenzialen weitgehend auf der Strecke bleibt. Das ist eine bedeutsame Achillesferse des Bildungssystems. Vor zwanzig Jahren war das anders. Damals hat das Netzwerk Begabungsförderung landauf landab innovative Projekte zur Förderung begabter, interessierter und unterforderter Kinder entstehen lassen, die auch im internationalen Vergleich bemerkenswert waren.

    Die Sparwut hat in vielen Kantonen zur Streichung mancher Programme geführt. Zum Glück gibt es immer noch Leuchttürme – Weiterbildungen an PHs, Fachgruppen, Schulen – die das Augenmerk auf die Frage legen, was man schlauen und besonders leistungsstarken Schulkindern zumuten und wie sich kaschierte oder von negativem Verhalten verdeckte Begabungen erkennen lassen. Und es gibt immer wieder Lehrkräfte an Schulen, die mit Enthusiasmus wertvolle Förderprogramme ins Leben gerufen haben, oft allerdings ohne (ausreichend) finanzielle Unterstützung.

    Begabungsförderung als demokratisches Grundrecht - auch für Arbeiterkinder

    Begabungsförderung ist ein zutiefst demokratisches Grundrecht, das aktuell nicht mehr ausreichend in den Schulen umgesetzt wird. Zwar ist es lobenswert, schwache und schwierige Schulkinder zu fördern oder zu therapieren. Aber solche Bemühungen drohen aus dem Ruder zu laufen und verhindern den Fokus auf Schlaue oder solche, die es sein könnten.

    Damit einher geht eine andere Schieflage. Kinder aus gut situierten Haushalten haben eine mehr als zweieinhalb Mal so grosse Chance, per Notendurchschnitt eine Empfehlung fürs Gymnasium zu erhalten als solche aus einfach gestellten Familien – wohlverstanden, bei gleichen kognitiven Fähigkeiten. Noch immer entscheidet nicht in erster Linie der Grips, wer es ins Gymnasium schafft, sondern vor allem die soziale Herkunft. Manchmal sind es aber auch skeptische Eltern. Weil sie das Gymnasium nicht aus eigener Erfahrung kennen, befürchten sie, das Kind könnte sich dort zu sehr den «Gstudierten» zuwenden und nicht mehr lernen «was arbeiten heisst». Für manche dieser Familien ist die Verwertbarkeit der Ausbildung zentral. Darum soll der Nachwuchs schnell eigenes Geld verdienen und deshalb eine Berufslehre absolvieren – auch wenn er intellektuell längst fürs Gymnasium prädestiniert wäre.

    Eine chancengerechtere Förderung beginnt mit der Haltung

    Erfreulicherweise hat der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) unlängst mit seinem Positionspapier darauf aufmerksam gemacht, dass die Defizitperspektive eine Korrektur um den Blick auf das Begabungspotenzial braucht. Zu ergänzen ist lediglich, dass die Forderung nach mehr Begabungsförderung nicht genügt. Eine Demokratie braucht eine Begabungsförderung, die auch chancengerecht ist und das Potenzial aller Kinder unabhängig ihrer sozialen Herkunft in den Blick nimmt.

    Übrigens: Der erste Schritt zu einer chancengerechteren Förderung von schlauen Kindern ist gratis, braucht wenig Zeit und keine Ressourcen. Es ist die Haltung, bei allen Kindern Potenziale zu erwarten und diese entfalten zu wollen, ob man nun an einer Brennpunktschule unterrichtet oder in einem Akademikerquartier. 


Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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