Das ist in anderen Ländern anders. Im Rahmen meiner internationalen Tätigkeit in der Bildungsforschung staune ich immer wieder, wie Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler - z.B. in Argentinien oder auch im Nahen Osten - nicht nur unsere europäischen Theoretiker - wie eben Bourdieu - bestens kennen, sondern ihnen gegenüber weit kritischer eingestellt sind und sie in Bezug auf ihre eigene (bildungs-)politische Situation in ihrem Land hinterfragen und kritisch kommentieren.

Mir scheint es als ein Fehler, dass viele junge Menschen hierzulande eine derartige Ehrfurcht vor den grossen Denkern haben und nur wenige sich wirklich getrauen, kritisch zu denken und die (Erziehungs-)Wissenschaft zu hinterfragen. Ich wünschte mir Nachwuchstalente, die neue und unbequeme Fragen stellen, mehr nach Abweichungen suchen als nach Kongruenzen, falsche Annahmen zur Sprache und Theorieabweichungen zur Diskussion bringen. Mein Wunsch entspricht in etwa dem, was John Newman als «knowledge as a habit» genannt hat. Eine solche neue Gewohnheit verlangt einen nachhaltigen Einsatz, zu dem neben der Aneignung von Wissen vor allem Zweifel, Kritik – und auch Selbstkritik – gehören.

Solche Fähigkeiten sollten wir als Universitätsdozentinnen und -Dozenten sowie als Doktorväter und Doktormütter viel stärker fördern und unterstützen, zum Beispiel auch im Rahmen von Anerkennungs- und Förderpreisen!.