Streber

  • Meine Kolumne in  der Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 06.11.2017, 16.

     

    Es gibt Talente, die es in der Schule trotzdem schwer haben, vor allem dann, wenn sie männlich sind. Jeder kennt sie, lernbegierige Primarschüler, die Bestnoten schreiben. Manchmal sind sie hochbegabt, oft lediglich besonders gewissenhaft und ehrgeizig. In Mathematik oder Deutsch sind sie der Klasse voraus, und auch mit ihrem Wissen halten sie sich im Unterricht nicht zurück. Verhalten sie sich unauffällig, sind sie die Lieblinge der Lehrkräfte, und auch viele Eltern verknüpfen schon die Frühförderung mit dem Ziel, ein strebsames Kind zu erziehen, das einmal zur Leistungsspitze gehört.

    Je besser die Leistung, desto grösser die Angst vor der Etikette "Streber"

    Der Schein trügt. Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen sehr guten Noten, Geschlecht und Unbeliebtheit. Je besser die Leistung, desto stärker sitzt guten Schülern die Angst im Nacken, als Angeber oder Streber diffamiert zu werden. Im Unterschied zu den Mädchen ist das Wort ‚Streber‘ bei vielen Knaben negativ besetzt, und das war wohl schon immer so. Es erstaunt deshalb kaum, dass sich viele sehr gute Schüler dem Druck zum Mittelmass beugen und ihre Noten im Verlaufe der Schulzeit sinken. Dies gibt deshalb zu denken, weil die Forschung zeigt, dass die Angst vor dem Strebervorwurf bei uns deutlich grösser ist als in anderen Ländern, wie etwa in den USA, in Israel oder Kanada und dass dies vor allem ein männliches Problem ist. Einer der Gründe ist der Trend, dass Knaben hierzulande den Schulerfolg im Schnitt für weniger wichtig halten als Mädchen und sich seltener anstrengen. Viele finden Hochleistung in der Schule suspekt – nicht aber im Sport.

    Supernoten führen oft ins Abseits

    Noch im Kindergarten gilt ein lernbegieriges Kind als Ideal. Auch Lehrkräfte sparen nicht mit Lob und heben den ehrgeizigen Schüler als Vorbild für die Klasse hervor. Doch spätestens in der Pubertät kommt es zu Neid und Missgunst. Dann fangen Jugendliche an, ihre Rolle zu suchen und um Anerkennung zu werben. Zwar ist ein strebsamer Schüler in der Klasse integriert, wenn es noch andere dieser Art hat. Sind sie jedoch in der Minderheit und neben vielen Leistungsschwächeren die einzigen Herausragenden, wirken ihreSupernoten suspekt und führen ins Abseits. Sie werden schnell zur Zielscheibe von Häme und Spott, ganz besonders dann, wenn sie linkisch oder unsportlich sind.

    Die Wirkungen des "heimlichen Lehrplans"

    In nicht wenigen Klassen herrscht ein «heimlicher Lehrplan», d.h. ein versteckter Codex dessen, was cool ist. Hat ein Schüler in Französisch ein Sechs, dann wird er nur anerkannt, wenn er dafür kaum etwas tun musste. Noch mehr Bewunderer bekommt er, wenn er sich als Klassenclown profilieren, die Lehrkräfte nerven, sein Fussballteam zum Sieg führen und als erster die neuesten Yeezy Addidas von Kanye West tragen kann. Doch ist die Französischnote durch intensives Lernen zustande gekommen, dann gilt er als Streber und als Aussenseiter.

    Einzelgänger oder Mittelmass?

    Solche Schüler stecken in einem Dilemma. Entweder bleiben sie ihrem Ehrgeiz treu, doch dann müssen sie sich als Einzelgänger akzeptieren. Viele versuchen deshalb, ihren Status erträglicher zu machen. Sie helfen Klassenkameraden bei den Hausaufgaben, geben den aussichtlosen Fällen Nachhilfe oder lassen den Sitznachbar in Prüfungen abschreiben. Werden sie trotzdem nicht zur Teeny-Party eingeladen, kränkt sie dies enorm. Deshalb wählt etwa jeder dritte den Weg ins Mittelmass. Aus Angst, ins Abseits zu geraten, vertuschen solche Jugendlichen ihren schulischen Ehrgeiz und versuchen, dem Mainstream zu folgen – mit der bewussten Einkalkulierung schlechter Noten. Aber auch wenn die Leistungen einbrechen, bleibt der Wunsch nach Klassenakzeptanz bestehen.

    Die lange Durstrecke auf dem (neuen) Weg zur Hochleistung

    Damit diese Aussenseiter wieder zu ihrer Hochleistung zurückfinden, braucht es oft eine lange Durststrecke. Manchmal kommen sie erst in der Berufslehre oder am Gymnasium mit Gleichgesinnten zusammen. Und nicht immer können sie ihren Ehrgeiz wieder finden und ihren Habitus als Minderleister überwinden.

    Knaben mit guten Noten haben ein schwieriges Leben. Die in ihren Peer-Groups verbreitete Verliebtheit ins Mittelmass führt oft dazu, dass sie zu schlechten Schülern werden, nur um dem Aussenseiter-Image zu entfliehen. In dieser Problematik liegt wahrscheinlich ein bisher unberücksichtigtes Dilemma in der Diskussion um die Knaben als «den neuen Bildungsverlierern».

  • Leistungsorientierung geniesst in unserer Gesellschaft eine hohe Wertschätzung. Am deutlichsten zeigt sich dies im Perfektionismus. Besonders en vogue ist er als «Best Practice» im Management. Wer als Manager oder Managerinbesser als gut sein will, muss einen inneren Plan, eine Landkarte des Sollens und Müssens verinnerlicht haben.Anders geht es kaum. Derartiges Verhalten erinnert allerdings an die radikalste Variante des Perfektionismus, an Nietzsches Idee des Übermenschen. Dieser Übermensch ist das souveräne Individuum, das weiss, dass es seine persönlichen Ziele nur in einer seinem Wesen entsprechenden Lebensgestaltung verwirklichen kann.Vorbereitung und Exaktheit der Ausführung sind die Koordinaten. Wenn er ihnen brav folgt, kann gewiss sein, dass nichts schief gehen wird.

    Auch im Privatleben setzt sich der Übermensch kontinuierlich durch. Der Zwang zur Selbstoptimierung spricht Bände*. Obwohl es eigentlich anstrengend ist, sich so zu verhalten, üben sich viele Menschen unablässig darin: im Haushalt, in der Freizeit, im Liebesleben. Die Wäsche muss perfekt gebügelt, das Dinner perfekt vorbereitet, das Wochenende in Paris perfekt durchorganisiert und der Körper hierfür perfekt aufbereitet sein. Auch im Sport gilt Identisches. Leistungssport wird unhinterfragt als Lebensschule verstanden, verbunden mit der ständigen Herausforderung zur Selbstoptimierung. Als Hobby-Joggerin werde ich immer wieder damit konfrontiert. Viele dieser Sportlerinnen und Sportler haben anspruchsvolle Ziele, sind oft Perfektionisten und wollen bestimmte Ziele unbedingt erreichen. Deshalb erhöhen sie die Dosis ständig, damit sie noch schneller und optimaler werden.

    Anders ist es in derPopulärliteratur. Hier wird Perfektionismus fast ausschliesslich negativ dargestellt. Dies zeigt sich in Titeln wie «Die Perfektionismusfalle» oder «Die Kunst, nicht ganz perfekt zu sein**. Solche Publikationen warnen vor der weit verbreiteten Vorstellung, dass Perfektionisten allen Anforderungen gerecht werden sollten. Das Weiterfunktionieren bis zum Zusammenbruch gilt dabei als typisch.

    Auch in der Schule gelten Perfektionisten, vom Kindergarten bis zur Universität, alsungesundeStreber, die nicht in den Main-Stream passen und mit Sicherheit Entwicklungsprobleme haben werden.Ein Beispiel hierfür ist der Film «Vitus» von Fredi Murer, in dem ein Knabe (Teo Gherghiu)versucht,seinen Perfektionismus mit Hilfe seines Grossvaters (Bruno Ganz) loszuwerden.

    Soweit so gut. Ist denn der Drang nach perfekten Leistungen immer nur bedenklich? Mitnichten! Perfektionismus hat polare Seiten. Um dieses Phänomen besser zu verstehen, unterscheidet die Wissenschaft zwischen einem gesunden («funktionalen») und einem leidenden («dysfunktionalen») Perfektionismus***:

    • Der «gesunde» Perfektionismus: Er zeigt sich bei Menschen, die richtig gut sein wollen, ihr Bestes geben und sich dafür auch ordentlich ins Zeug legen. Gleichzeitighaben sie keine Angst davor, Fehler zu machen, zu versagen und sich dabei nicht gleich als Person in Frage zu stellen. Sie können Erfolge geniessen, ohne schon an die nächste Hürde zu denken. Gesunde Perfektionisten machen gemäss Forschung etwa die Hälfte der Perfektionisten aus.
    • Der «leidende» Perfektionismus: Menschen, welche diese Art von Perfektionismus in sich tragen, setzen sich ebenfalls hohe Standards, aber genauso gross ist ihre Angst, zu versagen. Sie zweifeln oft an ihrer Leistungsfähigkeit und befürchten, den Erwartungen anderer nicht gerecht zu werden. Wenn etwas nicht klappt, geben sie sich selbst die Schuld und zweifeln an sich als Person. Sie kennen nur gut oder schlecht. Dies wiederum hat Auswirkungen auf ihr Selbstwertgefühl und ihren Glauben daran, schwierige Situationen aus eigener Kraft meistern zu können. Mütter sind besonders gefährdet und zwar deshalb, weil sie massiv unterschiedlichen Erwartungen ausgesetzt sind. Der eine sagt dies, der andere anderes, der Partner das, die Schwiegermutter jedoch wiederum etwas Neues.

    Woher rührt das gesunde und ungesunde Streben nach Perfektion? Die Ursachen sind nicht hinlänglich geklärt. Wie bei vielen Persönlichkeitseigenschaften scheint es eine gewisse erbliche Komponente zu geben, vor allem aber spielt das Elternhaus eine bedeutsame Rolle. Väter und Mütter sind wichtige Modelle für ihre Kinder.**** Perfektionisten lernen schon früh im Leben, dass Leistung wichtig ist. Natürlich ist das nicht negativ, doch kommt es sehr darauf an, wie Eltern mit Fehlern ihrer Kinder umgehen. Schimpfen sie, strafen sie, praktizieren sie Liebesentzug oder verzeihen sie Fehler und geben ihren Kindern trotzdem viel Zuwendung? Das ist entscheidend. Vor allem dann, wenn Eltern Mühe haben, mit Misserfolgen ihres Nachwuchses umzugehen. Oft praktizieren sie deshalb eine psychisch kontrollierende Erziehung im Sinne von Liebensentzug. Damit schaffen sie die besten Voraussetzungen, dass sich bei ihren Kindern ein leidender Perfektionismus. Typisch für sie ist, dass sie dann immer wieder aufs Neue versuchen, sich Anerkennung zu verschaffen und sich dadurch der Liebe der Eltern zu versichern.

    Obwohl es eine Menge ungeklärter Fragen gibt, kann man ebenso mit Sicherheit sagen, was an der Diskussion falsch läuft. So stimmenBehauptungen nicht, Perfektionismus sei per se schädlich. Richtig ist vielmehr, dass es vor allem darauf ankommt, wie man mit perfektionistischen Idealen im täglichen Leben umgeht und wie man die eigene Person dabei integriert. Perfektionismus kann sehr wohl als positive Antwort auf hohe Leistungsmotivation verstanden werden.Die Konzentration auf seine schwächende und einschränkende Natur entspricht kaum einer ressourcen- und potenzialorientierten Förderung von Begabungen und Talenten.

     

    Literatur

    *Tingler, P. (2016). Selbstoptimierung als Pflicht. Wie sich der Geist des Kapitalismus verändert. Tagesanzeiger, 04.05. http://blog.tagesanzeiger.ch/blogmag/index.php/40718/protestantischer-hedonismus/

    **Ruthe, R. (2003). Die Perfektionismusfalle. Moers: Brendo; Zöllner, U. (2001):Die Kunst, nicht ganz perfekt zu sein. Stuttgart: Kreuz.

    ***Altstötter-Gleich, C. (2003).Funktionale und dysfunktionale Aspekte des Perfektionismus. 7. Arbeitstagung Differentielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik. Halle.

    ****Stamm, M. (2008). Perfektionismus und Hochbegabung.news&science , 1, 36-40.

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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