Noten

  • Eine traditionelle Erkenntnis der Forschung zu Selektionsverfahren in der beruflichen Grundbildung ist die, dass die Engpässe der vergangenen Jahre die Zugangschancen bestimmter Gruppen gefördert, anderer Gruppen hingegen behindert haben*. So liegt bis heute die Ausbildungsbeteiligung junger Ausländerinnen und Ausländer unter denjenigen der Einheimischen. Anerkannt ist dabei, dass es vor allem betriebliche Auswahlstrategien sind, welche sie benachteiligen. Darüber hinaus weisen insbesondere Schülerinnen und Schüler aus anforderungsniedrigen Schulstufen deutlich geringere Einmündungsquoten auf, weil sie sich häufiger in der Warteschlaufe befinden als Jugendliche höherer Schulniveaus. Gerade für Jugendliche aus einfachen (Migranten)-Familien trifft dies ausgesprochen oft zu.

    Benachteiligung von Realschülern

    Diese Situation hat sich aktuell zwar aufgrund des Lehrlingsmangels etwas abgeschwächt. Trotzdem waren im April 2017 immer noch mehr als 16'000 Personen in der Warteschlaufe. Aus der Forschung ist bekannt, dass es sich dabei um besonders viele Realschülerinnen und Realschüler handelt. Weshalb werden vor allem sie in der Berufseinmündungsphase derart krass benachteiligt? Zum ersten, weil seit vielen Jahren höher qualifizierte Schulabgänger in umfassenderem Ausmass zur Verfügung stehen, sodass Betriebe vermehrt Jugendliche mit einem Abschluss auf einem anforderungshöheren Schulniveau wählen können. Negativ gewendet gehen damit zweitens bestimmte Merkmale von Jugendlichen einher, die vorurteilsbehaftet sind**.

    Negative und positive Diskriminierung

    Diskriminierend wirken Schulabschlüsse (wie Realschule), ethnische Herkunft oder auch das Geschlecht. Sie führen zu einem allgemeinen Tunnelblick, der im Einzelfall negative – oder positive – Diskriminierungen nach sich zieht. Um eine positive Diskriminierung handelt es sich dann, wenn Jugendliche beispielsweise aufgrund ihres hohen Schulabschlusses oder ihrer bildungsnahen familiären Herkunft a priori positiv beurteilt werden und deshalb ohne grosse Bemühungen zu einem Ausbildungsplatz kommen. Gleichzeitig werden Realschülerinnen und -schüler mit negativen Diskriminierungen konfrontiert.

    Unterdurchschnittliches Zutrauen in Realschülerinnen und Realschüler

    Realschülern wird grundsätzlich weniger zugetraut. Man könnte dies auch als negativen Pygmalioneffekt bezeichnen (d.h. dass sich eine vorweggenommene negative Einschätzung eines Schülers oder einer Schülerin durch eine Lehrperson im späteren Verlauf bestätigt.

    Positive und negative Diskriminierungen zeigen sich dort, wo

    • 33 von 100 Betrieben einen Abschluss auf einem anforderungshohen Schulniveau automatisch als einen Indikator für überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit betrachten***.
    • ein Realschulabschluss nur von einem von hundert Betrieben mit einer überdurchschnittlichen Ausbildungsmotivation in Verbindung gebracht wird, während dies bei Jugendlichen aus dem höchsten Schulniveau vier von zehn Betrieben sind.
    • von jedem fünften Betrieb unhinterfragt davon ausgegangen wird, dass sowohl bei Jugendlichen mit Realschulabschluss als auch bei denen mit Migrationshintergrund beträchtliche Motivationsdefizite vorliegen.
    • von kaum einem Betrieb in Erwägung gezogen wird, dass ein Realschüler oder eine Realschülerin über überdurchschnittliche Fähigkeiten in einem bestimmten Gebiet verfügen könnte.

    Solche Muster lassen sich auch mit der so genannten «Diskreditierungsthese»**** erklären. Demzufolge werden Realschüler gerade wegen des Trends zu höheren Schulabschlüssen immer mehr als minderwertige Gruppe wahrgenommen. Dies zeigt sich beispielsweise im weit verbreiteten Vorurteil, dass ihre Voraussetzungen nicht ausreichen würden, um erfolgreich eine Berufslehre zu absolvieren und dann einen guten Abschluss zu erzielen. Diese These hat sich in unseren Untersuchungen bestätigt. Viele Betriebe nehmen Realschüler nicht nur als normabweichende Minderheit wahr, sondern diskreditieren sie auch, indem sie ihnen gar keine Chance geben, sich im Bewerbungsprozess um eine Lehrstelle überhaupt präsentieren zu können. Und dies unabhängig davon, ob sie die beruflichen Anforderungen für eine Ausbildung im entsprechenden Segment erfüllen würden oder nicht.

    Nur: In allen unserer bisherigen Forschungsstudien zeigt sich, dass auch Realschülerinnen und Realschüler über verdecktes Potenzial verfügen. Unsere Forschungsstudie zu den Medaillengewinnern an den SwissSkills 2014 zeigen, dass zwar drei Viertel von ihnen in der obligatorischen Schule lediglich mittelmässig oder gar schlecht waren und dazu oft noch faul. Und viele können auch mit keinem hohen Schulabschluss punkten. Vierzig Prozent haben nur einen mittleren, zwanzig Prozent sogar einen niedrigen Abschluss, also einen der Realschule. Trotzdem konnten sie sich während der Berufslehre entfalten und  an den Berufsmeisterschaften eine Medaille gewinnen.

    Der Tunnelblick auf gute Noten

    Unsere Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf die vielen Klagen von Betrieben, sie würden nicht genügend «gute» Lehrlinge finden. Schulnoten oder ein hoher Schulabschluss sagen eben wenig über das Entwicklungspotenzial aus, das in einem jungen Menschen steckt. Unsere Medaillengewinner sind das beste Beispiel dafür, dass die Berufslehre für viele nicht nur zur zweiten Chance geworden ist, sondern auch zu Leistungsexplosionen geführt hat. Aber nur, weil ihnen die Betriebe überhaupt eine Chance gegeben haben!

     

    Weiterführende Literatur

    *Imdorf, C. (2014). Die Bedeutung von Schulqualifikationen, nationaler Herkunft und Geschlecht beim Übergang von der Schule in die betriebliche Berufsausbildung. In M. P. Neuenschwander (Hrsg.), Selektion in Schule und Arbeitsmarkt (S. 41-62). Zürich/Chur: Rüegger.

    **Ebbinghaus, M. & Loter, K. (2010). Besetzung von Ausbildungsstellen. Eine Untersuchung zum Einfluss von Struktur- und Ausbildungsmerkmalen. Bonn: Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

    ***Ebbinghaus, M., Bahl, A., Flemming, S., Hucker, T., Kroll, S. & Uhly, A. (2011). Rekrutierung von Auszubildenden. Betriebliches Ausbildungsverhalten im Kontext des demografischen Wandels. Bonn: Bundesinstitut für Berufsbildung. Egloff, E. & Jungo, D. (2013). Elterninformation Berufswahl. Bern: Schulverlag plus.

    ****Solga, H. & Menze, L. (2013). Der Zugang zur Ausbildung. Wie integrationsfähig ist das deutsche Berufsbildungssystem? WSI-Mitteilungen, 66, 1, Schwerpunktheft «Von Insidern und Outsidern. Zur Integrationsfähigkeit des Berufsbildungssystems», 5-14.

  • Als Erwachsene hat man oftmals die eigenen Schulnoten vergessen, doch bleiben einzelne Erinnerungen an besondere Situationen. Als meine Mutter kurz vor meinem Übertritt in die Bezirksschule (die mir erst im zweiten Anlauf mit der mündlichen Prüfung gelang) mit dem Primarlehrer über meine Möglichkeiten sprach, sagte er etwa dies zu ihr: «Ihre Tochter gibt sich zwar Mühe, aber im sprachlichen Ausdruck wird sie es nie weit bringen. Das ist ja auch verständlich. Sie können ihr wahrscheinlich nicht das geben, was dafür nötig wäre.» (Meine Mutter war Serviertochter, mein Vater Bodenleger). Logischerweise waren meine Deutschleistungen auch in der Bezirksschule immer nur genügend – bis ich Jahre später einen Deutschlehrer als Mentor fand.

    Noten sind im Gespräch

    Ich hatte damals zum ersten Mal unbewusst erfahren, dass Noten kein objektiver Ausweis, kein unbestechliches Merkmal für alles sind, was man (nicht) kann. Noten werden fast zufällig vergeben – so Winfried Kronig* - dies das Ergebnis seiner Studie, die wiederum auf einem breiten Forschungskorpus ähnlicher und bisher unangefochtener Befunde basiert. Gerade Kronigs Buch und neuerdings die Studie von Daniel Hofstetter** haben aber dazu geführt, dass die wissenschaftlichen Zweifel an der Aussagekraft von Noten vermehr diskutiert werden und die LCH-Präsidentin neulich sogar weniger Noten in der Schule gefordert hat***.

    Winfried Kronig und der Referenzgruppenfehler

    Winfried Kronigs Buch weist nach, dass der Bildungserfolg weit weniger als angenommen das Ergebnis persönlichen Fleisses und individueller Fähigkeiten ist, sondern in erster Linie ein Produkt von Privilegien und Zufällen, weshalb sie anfällig für Verzerrungen sind. Seine wichtigsten Befunde:

    Der Referenzgruppenfehler:Tatsache ist, dass sich Schulklassen im Leistungsspektrum stark unterscheiden. Die leistungsstärkste Schülerin einer Klasse würde beispielsweise in einer anderen Klasse zu den Schwächsten gehören. Grund: Lehrkräfte können Schülern kaum eine tiefe Durchschnittsnote geben, weil sie auch bei grossen Unterschieden eine ähnlich breite Bewertungsskala anwenden.

    Der Wohnort entscheidet: Während man in einem Kanton besser als 40% der Klasse sein muss, um nicht einer Real- oder Abschlussklasse zugeteilt zu werden, reichen in einem anderen Kanton bereits 10%.

    Buchstaben, Kreuzchen, Lernberichte: Gemäss Kronig ist das Tragische an der Notengebung, dass Verzerrungen bei jeglicher Form der Leistungsbeurteilung wirksam werden – auch wenn Noten durch Alternativen ersetzt werden.

    Überschneidungen zwischen hierarchischen Schultypen:80% der Realschüler- resp. Sek-C-SchülerInnen haben  ein gleichaltriges Vergleichskind irgendwo in der deutschen Schweiz, das in der Schule gleich gut ist, aber einen anspruchsvolleren Schultyp besucht.

    Daniel Hofstetter und die Problematik der Übertrittsentscheidungen

    Daniel Hofstetters Studie untersucht die Frage, wie innerhalb schulischer Organisationsstrukturen Übertrittsentscheide zustande kommen, begründet werden, mit welchen Konsequenzen und für wen. Analog zu Kronigs Studie wird auch hier der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Hintergrund der Schulkinder und ihrer Platzierung in den hierarchisierten Sektionen der Sekundarstufe I deutlich. Seine Hauptbefunde:

    Die unsichtbare Hand der Verteilung: Das Bildungssystem verteilt quasi durch eine unsichtbare Hand jährlich ungefähr gleich viele Schulkinder ihrer Herkunft entsprechend auf die zur Verfügung stehenden Plätze der hierarchisierten Sekundarstufe I.

    Das Wahlverhalten der Eltern und die Praktiken der Lehrkräfte: Mikroentscheidungen führen dazu, dass soziale Ungleichheiten in der Tendenz in Bildungsungleichheiten überführt werden. Kinder werden für den ihnen zugewiesenen Klassenzug anhand von drei Konstellationen «passend» gemacht:

    • Besteht eine Beziehung auf Augenhöhe zwischen Eltern und Lehrkräften: Die Übertrittsempfehlung wird in gegenseitiger Sympathie diskutiert. Es besteht eine Bereitschaft der Lehrkräfte, ihre eigenen Eindrücke in Frage zu stellen.
    • Besteht eine Überlegenheit der Eltern gegenüber den Lehrkräften: Lehrkräfte überdenken ihr Urteil mehrfach, weil sie damit rechnen, dass sie ihren Entscheid werden legitimieren müssen. Eltern lenken das Gespräch, bis die schulische Deutung ihres Kindes ihren Erwartungen entspricht.
    • Besteht eine Überlegenheit der Lehrkräfte gegenüber den Eltern: Selbst wenn Eltern (meist einfacher Sozialschichten) eine höhere Zuteilung ihres Kindes wünschen, folgen sie der Argumentation der Lehrperson. Sie sind überzeugt, dass Lehrerinnen und Lehrer aufgrund ihrer Professionalität das Kind besser einschätzen können als sie.

    Fazit

    Beide Studien widerlegen die verbreitete Überzeugung, man könne mit einer seriösen Handhabung der Noten respektive einem wissenschaftlich durchdachten System den Übertrittsentscheid gerecht gestalten. Eher ist es so, dass solche Instrumente einer Verfahrensgläubigkeit verfallen und deshalb die sozialen Einflusskräfte verschleiert werden.

    Kronig und Hofstetter betonen, dass die Lehrkräfte meist meist regel- und gesetzeskonform handeln. Aber Noten haben nicht nur eine lange Tradition, sondern gleichzeitig auch viele problematische Seiten. Liessen sich diese beheben, hätte man dies schon lange getan. Dies dürfte auch der Grund sein, weshalb bisher keine Alternativen vorgelegt werden konnten. Die Selektions- und Leistungsaufgabe von Lehrkräften und Schule machen es notwendig, dass sie ans Bildungssystem glauben und wie oben dargelegt argumentieren. Nur so können sie ihre folgenreiche Aufgabe erfüllen.

    Wenn die Politik demnächst das Thema in ihre Agenda aufnehmen will, sollte sie solche harten empirischen Fakten bedenken.

    Weiterführende Literatur

    *Kronig, W. (2007). Die systematische Zufälligkeit des Bildungserfolgs. Bern: Haupt.

    **Hofstetter, D. (2017). Die schulische Selektion als soziale Praxis: Aushandlungen von Bildungsentscheidungen beim Übergang von der Primarschule in die Sekundarstufe I.Weinheim: Beltz Juventa.

    ***Donzé, R. (2019). Zeugnisse: Noten sind die harte Währung. 28.12.2019.https://nzzas.nzz.ch/meinungen/noten-sind-die-harte-waehrung-ld.1531105; inklusive Interview mit Dagmar Rösler:https://nzzas.nzz.ch/schweiz/lehrerverbandspraesidentin-dagmar-roesler-stellt-noten-infrage-ld.1531102 

  • TEIL II des Essays im Folio der NZZ, 03.05.2021, S. 58-61

    Noten als Aufstiegsbedingung Nummer eins

    Jenseits der unterschiedlichen familiären Bildungsentscheidungen erzeugt unser Zeitgeist ein Bildungsparadox, das der Soziologe Ulrich Beck als Fahrstuhleffekt bezeichnet hat. Gemeint ist das Phänomen, wonach trotz der Erarbeitung eines kollektiven Mehrs an Einkommen, Bildung, Recht und Massenkonsum unsere Gesellschaft zwar eine Etage höher gefahren ist, der Abstand zwischen den Schichten aber nicht verkleinert worden ist. Der Akademisierungstrend und die Entwertung von Bildungsabschlüssen haben diesen Fahrstuhleffekt im letzten Jahrzehnt weiter verstärkt. In dem Masse, wie der Bedarf nach Bildung und der Zustrom zu den Gymnasien wächst, sinkt ihr Wert. Der Trend zum Gymnasium führt deshalb auch dazu, dass es für alle immer enger wird, für Arbeiterkinder sowieso, aber auch für Kinder aus bildungsambitionierten Mittelschichtfamilien, die sich einer immer grösseren Konkurrenz aus den eigenen Reihen gegenübersehen. Wenn sich alle ähnlich verhalten und mehr in ihre Ausbildung investieren, zählt auch die beste Leistung weniger als bisher. Der Soziologe Heinz Bude hat diesen Sachverhalt an einem Beispiel veranschaulicht: Wenn im Fussballstadion alle aufstehen, um besser aufs Spielfeld zu sehen, sieht niemand besser, als wenn alle sitzen.

    Noten sind nach wie vor die Aufstiegsbedingung Nummer eins. Auch Lehrkräfte sind oft überzeugt, der Übertritt ins Gymnasium hänge von den Noten ab, weshalb die Entscheidung einfach sei. Zu selten wird berücksichtigt, wie sie zustande kommen. Arbeiterkinder werden gemäss verschiedenen Forschungsstudien bei gleichen Kompetenzen deutlich strenger bewertet als Kinder aus der Mittelschicht. Manchmal würden ihnen sogar die notwendigen kognitiven Fähigkeiten fehlen, so ein Ergebnis der Untersuchungen von Elsbeth Stern, Intelligenzforscherin an der ETH. Sie weist nach, dass ein Drittel aller Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, gemessen an ihrem Intelligenzquotient (IQ), nicht für eine Gymnasium geeignet ist. Andererseits geht sie von möglicherweise bis zu zehn Prozent der Jugendlichen aus, die nicht das Gymnasium besuchen, aber über einen IQ verfügen, der sie für diesen Schultyp qualifizieren würde. Dies ist auch ein Ergebnis unserer Längsschnittstudie «Hochbegabte Lehrlinge in der Berufsbildung», in der fast acht Prozent der untersuchten Jugendlichen nicht nur einen überdurchschnittlichen IQ aufwiesen, sondern auch manche von ihnen über akademisch orientierte Neigungen verfügten und für den Besuch eines Gymnasium prädestiniert gewesen wären.

    Arbeitereltern unterschätzen ihre Kinder

    Der IQ ist nicht das Mass aller Dinge, denn gemäss der Expertiseforschung sprechen viele Indizien dafür, dass Lebenskompetenzen wie Fleiss, Durchsetzungsfähigkeit oder Frustrationstoleranz für den langfristigen Bildungserfolg ebenso bedeutsam sind. Doch die massive Übervertretung von Akademikerkindern an Gymnasium ist auch ein Ergebnis der Berücksichtigung von sozialer Herkunft und Elternerwartungen. Dies ist keine neue Erkenntnis, aber auf die zu reagieren der Bildungspolitik manchmal schwerfällt. Es heisst dann, Lehrkräfte sollten einfach weniger selektiv benoten, dann sei das Problem gelöst. Doch Noten sind grundsätzlich anfällig für Verzerrungen, weshalb das Problem kaum in der persönlichen Verantwortung der Lehrkräfte liegt.

    Bereits wenige externe Parameter genügen, damit Arbeiterkinder beim Übertritt ins Gymnasium schlechtere Karten haben. Neben der vorausgesetzten Elternunterstützung bei den Hausaufgaben sind es vor allem die familiären Förderressourcen sowie die externe Lernunterstützung. Dazu kommen das selbstbewusste Auftreten höher gebildeter Eltern und ihre Rekursaffinität. Eine Freiburger Studie Franz Baeriswyl und seinem Team weist zudem nach, dass Akademikereltern ihre Kinder eher überschätzen, währendem für Arbeitereltern das Gegenteil gilt. Sie attestieren ihren Kindern bei vergleichbaren Fähigkeiten geringere Begabungen und empfinden die schlechtere Beurteilung durch die Lehrperson nicht als ungerecht.

    Solche Parameter sind Störfaktoren, welche die Qualität jedes Übertrittsverfahrens schwächen. In Kantonen mit einem grossen Mitspracherecht der Eltern ist die soziale Selektivität beim Übertritt ans Gymnasium grösser als in Kantonen, in denen die Schule den Übertrittsentscheid allein fällt oder er auf einer Aufnahmeprüfung basiert. Aber auch beim Modell der Aufnahmeprüfung wirkt der «Elternwille» in Form von vielen zusätzlichen, in die Prüfungsvorbereitung investierten Förderstunden bildungsambitionierter Familien.

    Die Dirigierfunktion des Auswahlverfahrens hat weit reichende Konsequenzen, weil der Übergang ins Gymnasium das wohl wichtigste Nadelöhr für die bessere Ausschöpfung der intellektuellen Begabtenreserven von Arbeiterkindern ist. Doch bis heute steht kein gerechtes Auswahlverfahren zur Verfügung. Ob notenbasierte Lehrerempfehlung und Elternmitspracherecht oder eine Prüfung - es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass das eine oder andere Verfahren zu einem Abbau der sozialen Ungleichheit führt. Weder mit einer seriösen Handhabung der Noten respektive einem wissenschaftlich durchdachten System kann man den Übertrittsentscheid gerecht gestalten, sondern lediglich fairer. Welches Übertrittsverfahren gewählt wird, bleibt deshalb eine politische Glaubensfrage.

    Die drei Schritte zum Bildungsaufstieg

    Wie kann unsere Gesellschaft vor diesem düsteren Hintergrund mehr Bildungsaufstiege ins Gymnasium ermöglichen? Grundsätzlich könnte man die beliebte Forderung unterstützen, dass es hierfür grosse Anstrengungen in der Sozial- und Bildungspolitik braucht und keine «Alibi-Reförmchen». Doch inzwischen gilt es als unhinterfragte Tatsache, dass nicht in erster Linie die Bildungsausgaben eine zentrale Rolle spielen (die Schweiz nimmt hier bekanntlich einen Spitzenplatz ein), sondern die Einstellung von Leitungsgremien sowie Lehr- und Fachkräften an Schulen. Deshalb plädiere ich für eine bescheidene und kostengünstige Variante, die sich auf die Mentoratsfunktion von Erwachsenen konzentriert und im Hier und Jetzt umsetzbar ist. Die Forschung belegt mit einiger Eindeutigkeit, dass intellektuell begabte und akademisch interessierte Arbeiterkinder ganz besonders auf die Unterstützung solcher Personen angewiesen sind. Damit sind keineswegs ausschliesslich Lehrerinnen und Lehrer gemeint, sondern auch Trainerinnen und Trainer im Sport, Musiklehrkräfte, Pfarrpersonen, in der schulischen Sozialarbeit Tätige und Beraterinnen und Berater. Da Arbeiterkindern soziale Aufstiegsmodelle fehlen und ihnen oft das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten fehlen, hängt der Erfolg nicht unwesentlich von der Unterstützung solcher Personen ab, die an die Stelle der Eltern als «signifikante Andere» ins Spiel kommen.

    Ihre Haltungen und Einstellungen sind wichtiger als jede grosse Reform – aber nur dann, wenn sie gegenüber Arbeiterkindern herausfordernd und ambitiös sind, damit das Gymnasium eine echte Option werden kann. Der Weg zu solchen herausfordernden Haltungen bezeichne ich in Anlehnung an die Studie von Thomas Spiegler als «die drei Schritte zum Bildungsaufstieg». Er umfasst das Dürfen, das Wollen und das Können.

    Das Dürfen zu fördern ist die wichtigste und grundlegendste Aufgabe von Mentorinnen und Mentoren. Sie haben eine Schlüsselfunktion, wenn sie Arbeiterkinder ermuntern, sich ihres Potenzials überhaupt bewusst zu werden, sie darin unterstützen, Aspirationen zu entwickeln und an Visionen zu glauben. «Du schaffst das!» ist für den Aufstiegsverlauf vielleicht entscheidend. Das Wollen gehört ins Repertoire von Lehrkräften und schulischer Beratung. Gemeint ist damit, dass sie die Aufstiegsmöglichkeit Gymnasium konsequent mitbedenken, sich nicht der Skepsis von Arbeitereltern anschliessen und deshalb das Negativlabeling «Lieber ein guter Sekschüler als ein schlechter Gymnasiast» vermeiden. Wie oft hört man gut gemeinte Ratschläge, solchen Kindern müsse man ein realistisches Bild vermitteln, wie hoch die Ansprüche am Gymnasium seien, um sie vor dem Scheitern zu bewahren. Die vielleicht schwierigste pädagogische Aufgabe haben Lehrerinnen und Lehrern, wenn es um das Können geht. Wollen sie das Können objektiv erfassen, dann kommen sie nicht darum herum, die Leistungen als Ergebnis von Anstrengung und Übung und nicht von sozialer Herkunft und familiärer Unterstützung zu betrachten. Solche Lehrkräfte stellen darum Lernprozesse und Fähigkeiten in den Mittelpunkt und nicht die Produkte in Form von Noten oder die Ressourcen der Herkunft.

    Chancengerechtigkeit statt Chancengleichheit

    Das Gymnasium muss eine Bildungsinstitution für intellektuell begabte junge Menschen jeglicher Herkunft werden. Deshalb muss unsere Gesellschaft das Ziel der Chancengerechtigkeit verfolgen, definiert als die Ermöglichung und Unterstützung fairer Chancen bei der Überwindung von Nachteilen und die Ausrichtung auf die Entdeckung von Potenzialen. Wer sich an einem solchen Verständnis von Chancengerechtigkeit orientiert, bekennt sich dazu, dass soziale Selektivität kein unabänderliches Schicksal ist und Neigungen sowie Fähigkeiten den Ausschlag zur Bildungs- und Berufswahl geben müssen und nicht die soziale Herkunft oder familiäre Förderressourcen.

    Wenn dem so wäre, dann sind in der Berufsbildung zukünftig mehr leistungsstarke Jugendliche aus gut situierten Familien vertreten, in den Gymnasien jedoch mehr intellektuell begabte Kinder aus Arbeiterfamilien. Dies zu bewerkstelligen ist eine der grossen bildungspolitischen Herausforderungen der Zukunft. 

  • Wer in der Schweiz die Chance bekommt, das Gymnasium zu besuchen, stammt wahrscheinlich aus einer gut situierten Familie. Arbeiterkinder oder solche aus einfachen Migrantenfamilien haben hingegen fünfmal schlechtere Chancen – wohlverstanden bei gleichen Schulleistungen. Zu diesem Schluss kommen verschiedene Studien*. Weshalb dem so ist, erklären sie mit den primären und sekundären Herkunftseffekten: 

    • Die primären Effekte werden für das Phänomen verantwortlich gemacht, dass Arbeiterkinder im Durchschnitt schlechtere Schulnoten als besser situierte Kinder haben. Die Ursache wird dabei in der geringeren Anregung und Förderung durch das Elternhaus vermutet.
    • Die sekundären Effekte erklären die Folgen der unterschiedlichen Bildungsentscheidungen des Elternhauses. Gut situierte Eltern sind deutlich bildungsambitionierter und streben deshalb markant häufiger das Gymnasium an, einfacher gestellte Eltern lehnen es hingegen oft ab.

    Gerade diese sekundären Herkunftseffekte verweisen auf die grosse Bedeutung des Elternwillens. Markus Neuenschwander** hat in seiner Studie aufgezeigt, wie sehr Elternerwartungen auch die Lehrkräfte beeinflussen. Bestimmte Eltern haben den Schlüssel offenbar in der Hand, wenn es um den Schulerfolg des Kindes geht. Und zwar so sehr, dass Lehrkräfte einem Kind aus Familien mit hohen Bildungserwartungen bei gleicher Leistung bessere Noten geben. In der Studie von Franz Baeriswyl und seinen Kollegen*** haben 5.6% der Schüler eine Übertrittsempfehlung nur deshalb erhalten, weil die Eltern intervenierten. Verstärkt werden solche Effekte dadurch, dass einfacher gestellte Eltern die schlechtere Bewertung ihres Kindes respektive die Nichtempfehlung fürs Gymnasium gar nicht als ungerecht einschätzen und sich auch nicht wehren.

    Somit spielen weniger leistungsimmanente, sondern vielmehr soziale Faktoren beim Übertritt ins Gymnasium eine Rolle. Der Elternwille verstärkt die soziale Ungleichheit. Folgedessen erstaunt auch kaum, dass der Anteil an Schülerinnen und Schülern, welche die Leistungsvoraussetzungen für das Gymnasium eigentlich nicht mitbringen, es jedoch trotzdem besuchen, gestiegen ist.

    Aus solchen Gründen sind die Regelungen für den Übertritt ins Gymnasium besonders bedeutsam. In der Schweiz sind sie sehr unterschiedlich. Am verbreitetsten sind drei Systeme (teilweise in Kombination): die Aufnahmeprüfung, Noten und Eignungsfeststellung sowie die Empfehlung der Primarschule. Diejenigen Kantone, welche auf einem rein leistungsbasierten Schlüssel die Zuteilung vornehmen, haben somit chancengerechtere Systeme. Das heisst aber nicht, dass die Aufnahmeprüfung das Instrument der Wahl ist. Sie erzeugt nämlich früh schon einen enormen Leistungsdruck und schafft parallele Förder- und Unterstützungssysteme (Lernstudios, Nachhilfe etc.), die sich einfache Familien wiederum nicht leisten können. Zudem berücksichtigt das Aufnahmeprüfungssystem andere Faktoren wie Motivation, Leistungsbereitschaft oder akademisches Interesse nicht.

    Fazit

    Die Frage, wer das Gymnasium besuchen soll und wer nicht, ist in der Bildungspolitik ein heisses Eisen. Aber bei weitem nicht nur wegen des immer wieder beklagten «Akademisierungstrends», sondern vor allem auch aufgrund der Forderung, dass die «richtigen» Schüler das Gymnasium besuchen sollten. Weil in diesem Zusammenhang offenbar der Elternwille eine zentrale Rolle spielt, gehen Kinder aus bildungsambitionierten Familien deutlich häufiger ins Gymnasium, während solche aus einfacheren Familien eine Berufslehre machen. Das ist jedoch keinzukunftsträchtiger Zustand. Eigentlich sollten Neigungen und Fähigkeiten den Ausschlag zur Bildungs- und Berufswahl geben. Wenn dem so wäre, dann wären in der Berufsbildung mehr leistungsstarke Jugendliche aus gut situierten Familien vertreten, in den Gymnasien jedoch mehr intellektuell begabte Kinder aus Arbeiter- und benachteiligten Migrantenfamilien.

    Ein wichtiges bildungspolitisches Ziel sollte sein, den Elternwillen zurückzubinden, die unabhängigen Interessen des Kindes jedoch mehr zu gewichten – und dabei ebenso die Kinder aus Arbeiterfamilien zu ermuntern und zu befähigen, den gymnasialen Weg gehen zu wollen. Notwendig wären deshalb Potenzialanalysen für alle Kinder, jenseits von Leistungstests.

     

    *Helbig, M. & Gresch, C. (2013). Soziale Spaltung am Ende der Grundschule. WZ Brief 26.12., Berlin: Wissenschaftszentrum.

    ***Maaz, K., Trautwein, U. & Baeriswyl, F. (2011). Herkunft zensiert.Herkunft zensiert – Leistungsdiagnostik und soziale Ungleichheiten in der Schule. Vodafone Stiftung Deutschland.

    *Möller, C. (2015).Herkunft zählt (fast) immer. Soziale Ungleichheiten unter Universitätsprofessorinnen und -professoren. Bildungssoziologische Reihe. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

    **Neuenschwander, M. (2013). Selektion beim Übergang in die Sekundarstufe I und in den Arbeitsmarkt im Vergleich. In M. P. Neuenschwander (Hrsg.), Selektion in Schule und Arbeitsmarkt (S. 63-97). Zürich/Chur: Rüegger.

  • Besonders fleissig, gute Noten und beliebt – ein solches Kind ist der Traum mancher Lehrkräfte und Eltern, denn es hat scheinbar beste Aussichten auf eine besonders erfolgreiche Bildungslaufbahn. Unsere Hochleistungsgesellschaft bietet hierfür perfekte Voraussetzungen: Sie setzt auf gute Schulen und Lehrkräfte, einen leistungsstarken Nachwuchs, auf hohe Bildungsabschlüsse und auf verantwortungsbewusste Väter und Mütter, die ihre Kinder fördern. Es ist mehr denn je en vogue, die Leistungsbereitschaft und -fähigkeit der Kinder zu betonen.

    Entwertung von Bildungsabschlüssen durch die Akademisierung

    Solche Trends haben Auswirkungen auf unser Bildungssystem. Einen wesentlichen Anteil an der zunehmenden Leistungs- und Wettbewerbsorientierung haben Leistungsstudien wie PISA, TIMMS, IGLU und wie sie alle heissen. Angesichts dem teilweise lediglich mittelmässigen Abschneiden der Schülerinnen und Schüler begann die Bildungspolitik unentwegt vor den Auswirkungen dieser Mittelmässigkeit zu warnen, d.h. vor dem Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und dem Abbau des gesellschaftlichen Wohlstands. In den Schulen werden nun zunehmend Vergleichstests etabliert, und in Kindergärten den Elterngesprächen mehrseitige Standortbestimmungen zugrunde gelegt.

    Parallel dazu sind im Zuge von Akademisierung und Bildungsexpansion viele Abschlüsse entwertet worden. Hauptschul- und Realschul-Zeugnisse zählen viel weniger als noch vor ein paar Jahren. Auch Studienabschlüsse sind zwar wichtiger, aber weniger wert. Ein Bachelor ist heute Voraussetzung für viele Berufe, aber längst keine Karrieregarantie mehr.

    Angesichts dieser gesellschaftlichen Entwicklungen ist es nachvollziehbar, dass sich auch Familien so verhalten, wie dies die Bildungspolitik erwartet. Das überdimensioniert scheinende Engagement von Vätern und Müttern ist eine nachvollziehbare reaktive Strategie, um sich zumindest ein wenig gegen die Zukunftsängste stemmen zu können. Und weil die Schule eine »verantwortete Elternschaft« voraussetzt – etwa die Kontrolle von Hausaufgaben, die Unterstützung bei der Erstellung von Referaten und Power-Point-Präsentationen oder die Vorbereitung auf eine Prüfung – ist sie auf die Maximierer- und Optimiererrolle der Eltern angewiesen.

    Normale Kinder sollen grosse Talente werden

    Kinder, die in Schule und Elternhaus auf Leistungsfähigkeit getrimmt werden, sind nicht selten Überleister. Überleister oder Overachiever sind junge Menschen, die mehr leisten als man von ihnen aufgrund ihrer Fähigkeiten erwarten würde. Sie erbringen Hochleistungen, weshalb sie fälschlicherweise oft als hochbegabt bezeichnet werden. Doch sie erreichen ihre Erfolge nicht aufgrund eines hohen Intelligenzquotienten (IQ), sondern mit enormem Fleiss, Elternunterstützung, Ehrgeiz – und Leistungsdruck. Überleister gibt es öfters als man denkt, in Städten und Agglomerationen häufiger als in ländlichen Gebieten. Die Kognitionspsychologin Elsbeth Stern geht davon aus, dass mindestens dreissig Prozent der Kinder, die ins Gymnasium eintreten, aufgrund ihres ungenügenden IQs »eigentlich gar nicht ins Gymnasium gehören«*. Auch jenseits des Gymnasiums finden sich überleistende Kinder, etwa die Langsamlerner mit deutlichen Leistungsschwächen, deren Eltern aber trotzdem mit allen Mitteln auf ein höheres schulisches Anspruchsniveau pochen. Bekannt sind Überleister auch in Sport und Musik. Hier ist der Wunsch gross, aus kleinen Kindern grosse Talente zu machen, und manche Familien sind besonders davonangetan, dass aus ihrem normalen Kind ein aussergewöhnliches Kind wird.

    Um nicht falsch verstanden zu werden: Leistungsorientierung und hohe Erwartungen von Lehrkräften und Eltern sind für eine gute schulische Laufbahn der Kinder wichtig – dies ist eine wissenschaftlich vielfach bestätigte Tatsache. Problematisch werden solche Haltungen dann, wenn sie zum wichtigsten Erziehungsziel der Familie werden, Schulen auf Leistung und Noten fixiert sind und Kinder zu Überleistern werden müssen - um zu funktionieren.

    Überleistung als kulturelles Mandat

    Kinder haben sich in den letzten Jahren wenig verändert, doch heute werden in Therapie, Beratung und Schule mehr Variationen der Norm als pathologisch erklärt und Ausreisser nach oben und unten zurechtgestutzt. Dies führt dazu, dass die Anzahl therapierter Kinder bis ins Unermessliche steigt. Oft hätten solche Kinder keine Therapie nötig, sondern lediglich eine unterstützende Haltung, dass sie »normal« sein dürfen und nicht Leistungen erbringen müssen, die sie überfordern. Doch die Überleisterkultur ist ein kulturelles Mandat geworden, das vom Bildungssystem auf Familie und Kinder übergegriffen hat und der Gesellschaft weis machen will, dass es normal ist, wenn Kinder Therapien brauchen.

    Das schwierige Leben der Kinder, von denen man zu viel erwartet

    Solche Gedanken sind Thema meines für 2022 geplanten Buches. Meine Hauptmotivation ist die Tatsache, dass unsere Gesellschaft fast ausschliesslich auf die Ausschöpfung des Leistungspotenzials und auf die Akademisierung von Ausbildungen fokussiert, kaum aber die tatsächlichen Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen in den Blick nimmt und auch nicht fragt, was zu hohe Erwartungen für ihre Kraft und Motivation bedeuten. Überleistung ist ein bisher unberücksichtigtes, nahezu unerforschtes und ebenso verschwiegenes Thema geblieben**. Wohl gibt es Fachliteratur zu den problematischen Aufwachsbedingungen heutiger Kinder und Jugendlicher, zum Leistungsdruck und seinen Auswirkungen oder zu überehrgeizigen Eltern***.

    Aber über das verborgene und schwierige Leben von Kindern, die Leistungen erbringen müssen, die eigentlich über ihrem Fähigkeitsniveau liegen, spricht niemand gern. Eher richtet man den Blick isoliert auf psychische Störungen und blendet dabei das Wichtigste aus: was die Kluft zwischen der Leistung und dem Aufwand dafür in unserer Gesellschaft anrichtet. 


    * Siehe das Interview: https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/viele-eltern-ueberschaetzen-dieintelligenz-ihrer-kinder/story/24570705 sowie ihre Publikation: Stern, E. & Hofer, S. (2014). Wer gehört aufs Gymnasium? Intelligenzforschung und Schullaufbahnentscheidungen. In E. Wyss (Hrsg.), Von der Krippe zum Gymnasium. Bildung und Erziehung im 21. Jahrhundert (S. 41-54). Weinheim: Beltz.

    ** Im Gegensatz dazu wird »Minderleistung« (»Underachievement«) – Kinder, die aufgrund ihrer kognitiven Kompetenzen deutlich weniger leisten als man von ihnen erwarten würde – sehr wohl als Problem wahrgenommen, es ist relativ gut beforscht und in der Praxis viel diskutiert.

    *** Beispiele sind die zersplitterte Welt zwischen Kita und Familie, die Eltern-Taxis und Mamas Überfürsorglichkeit, die Hausaufgabenunterstützung, die digitalen Medien etc. Siehe mein Buch »Lasst die Kinder los« (2017 bei Piper erschienen) oder Schulte-Markwort, M. (2016). Burnout Kids. Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert. München: Knaur, S. 185ff. 

  • Besonders fleissig, gute Noten und beliebt – ein solches Kind ist der Traum mancher Lehrkräfte und Eltern, denn es hat scheinbar beste Aussichten auf eine besonders erfolgreiche Bildungslaufbahn. Unsere Hochleistungsgesellschaft bietet hierfür perfekte Voraussetzungen: Sie setzt auf gute Schulen und Lehrkräfte, einen leistungsstarken Nachwuchs, auf hohe Bildungsabschlüsse und auf verantwortungsbewusste Väter und Mütter, die ihre Kinder fördern. Es ist mehr denn je en vogue, die Leistungsbereitschaft und -fähigkeit der Kinder zu betonen.

    Entwertung von Bildungsabschlüssen durch die Akademisierung

    Solche Trends haben Auswirkungen auf unser Bildungssystem. Einen wesentlichen Anteil an der zunehmenden Leistungs- und Wettbewerbsorientierung haben Leistungsstudien wie PISA, TIMMS, IGLU und wie sie alle heissen. Angesichts dem teilweise lediglich mittelmässigen Abschneiden der Schülerinnen und Schüler begann die Bildungspolitik unentwegt vor den Auswirkungen dieser Mittelmässigkeit zu warnen, d.h. vor dem Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und dem Abbau des gesellschaftlichen Wohlstands. In den Schulen werden nun zunehmend Vergleichstests etabliert, und in Kindergärten den Elterngesprächen mehrseitige Standortbestimmungen zugrunde gelegt.

    Parallel dazu sind im Zuge von Akademisierung und Bildungsexpansion viele Abschlüsse entwertet worden. Hauptschul- und Realschul-Zeugnisse zählen viel weniger als noch vor ein paar Jahren. Auch Studienabschlüsse sind zwar wichtiger, aber weniger wert. Ein Bachelor ist heute Voraussetzung für viele Berufe, aber längst keine Karrieregarantie mehr.

    Angesichts dieser gesellschaftlichen Entwicklungen ist es nachvollziehbar, dass sich auch Familien so verhalten, wie dies die Bildungspolitik erwartet. Das überdimensioniert scheinende Engagement von Vätern und Müttern ist eine nachvollziehbare reaktive Strategie, um sich zumindest ein wenig gegen die Zukunftsängste stemmen zu können. Und weil die Schule eine »verantwortete Elternschaft« voraussetzt – etwa die Kontrolle von Hausaufgaben, die Unterstützung bei der Erstellung von Referaten und Power-Point-Präsentationen oder die Vorbereitung auf eine Prüfung – ist sie auf die Maximierer- und Optimiererrolle der Eltern angewiesen.

    Normale Kinder sollen grosse Talente werden

    Kinder, die in Schule und Elternhaus auf Leistungsfähigkeit getrimmt werden, sind nicht selten Überleister. Überleister oder Overachiever sind junge Menschen, die mehr leisten als man von ihnen aufgrund ihrer Fähigkeiten erwarten würde. Sie erbringen Hochleistungen, weshalb sie fälschlicherweise oft als hochbegabt bezeichnet werden. Doch sie erreichen ihre Erfolge nicht aufgrund eines hohen Intelligenzquotienten (IQ), sondern mit enormem Fleiss, Elternunterstützung, Ehrgeiz – und Leistungsdruck. Überleister gibt es öfters als man denkt, in Städten und Agglomerationen häufiger als in ländlichen Gebieten. Die Kognitionspsychologin Elsbeth Stern geht davon aus, dass mindestens dreissig Prozent der Kinder, die ins Gymnasium eintreten, aufgrund ihres ungenügenden IQs »eigentlich gar nicht ins Gymnasium gehören«*. Auch jenseits des Gymnasiums finden sich überleistende Kinder, etwa die Langsamlerner mit deutlichen Leistungsschwächen, deren Eltern aber trotzdem mit allen Mitteln auf ein höheres schulisches Anspruchsniveau pochen. Bekannt sind Überleister auch in Sport und Musik. Hier ist der Wunsch gross, aus kleinen Kindern grosse Talente zu machen, und manche Familien sind besonders davonangetan, dass aus ihrem normalen Kind ein aussergewöhnliches Kind wird.

    Um nicht falsch verstanden zu werden: Leistungsorientierung und hohe Erwartungen von Lehrkräften und Eltern sind für eine gute schulische Laufbahn der Kinder wichtig – dies ist eine wissenschaftlich vielfach bestätigte Tatsache. Problematisch werden solche Haltungen dann, wenn sie zum wichtigsten Erziehungsziel der Familie werden, Schulen auf Leistung und Noten fixiert sind und Kinder zu Überleistern werden müssen - um zu funktionieren.

    Überleistung als kulturelles Mandat

    Kinder haben sich in den letzten Jahren wenig verändert, doch heute werden in Therapie, Beratung und Schule mehr Variationen der Norm als pathologisch erklärt und Ausreisser nach oben und unten zurechtgestutzt. Dies führt dazu, dass die Anzahl therapierter Kinder bis ins Unermessliche steigt. Oft hätten solche Kinder keine Therapie nötig, sondern lediglich eine unterstützende Haltung, dass sie »normal« sein dürfen und nicht Leistungen erbringen müssen, die sie überfordern. Doch die Überleisterkultur ist ein kulturelles Mandat geworden, das vom Bildungssystem auf Familie und Kinder übergegriffen hat und der Gesellschaft weis machen will, dass es normal ist, wenn Kinder Therapien brauchen.

    Das schwierige Leben der Kinder, von denen man zu viel erwartet

    Solche Gedanken sind Thema meines für 2022 geplanten Buches. Meine Hauptmotivation ist die Tatsache, dass unsere Gesellschaft fast ausschliesslich auf die Ausschöpfung des Leistungspotenzials und auf die Akademisierung von Ausbildungen fokussiert, kaum aber die tatsächlichen Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen in den Blick nimmt und auch nicht fragt, was zu hohe Erwartungen für ihre Kraft und Motivation bedeuten. Überleistung ist ein bisher unberücksichtigtes, nahezu unerforschtes und ebenso verschwiegenes Thema geblieben**. Wohl gibt es Fachliteratur zu den problematischen Aufwachsbedingungen heutiger Kinder und Jugendlicher, zum Leistungsdruck und seinen Auswirkungen oder zu überehrgeizigen Eltern***.

    Aber über das verborgene und schwierige Leben von Kindern, die Leistungen erbringen müssen, die eigentlich über ihrem Fähigkeitsniveau liegen, spricht niemand gern. Eher richtet man den Blick isoliert auf psychische Störungen und blendet dabei das Wichtigste aus: was die Kluft zwischen der Leistung und dem Aufwand dafür in unserer Gesellschaft anrichtet. 


    * Siehe das Interview: https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/viele-eltern-ueberschaetzen-dieintelligenz-ihrer-kinder/story/24570705 sowie ihre Publikation: Stern, E. & Hofer, S. (2014). Wer gehört aufs Gymnasium? Intelligenzforschung und Schullaufbahnentscheidungen. In E. Wyss (Hrsg.), Von der Krippe zum Gymnasium. Bildung und Erziehung im 21. Jahrhundert (S. 41-54). Weinheim: Beltz.

    ** Im Gegensatz dazu wird »Minderleistung« (»Underachievement«) – Kinder, die aufgrund ihrer kognitiven Kompetenzen deutlich weniger leisten als man von ihnen erwarten würde – sehr wohl als Problem wahrgenommen, es ist relativ gut beforscht und in der Praxis viel diskutiert.

    *** Beispiele sind die zersplitterte Welt zwischen Kita und Familie, die Eltern-Taxis und Mamas Überfürsorglichkeit, die Hausaufgabenunterstützung, die digitalen Medien etc. Siehe mein Buch »Lasst die Kinder los« (2017 bei Piper erschienen) oder Schulte-Markwort, M. (2016). Burnout Kids. Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert. München: Knaur, S. 185ff. 

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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