Gleichstellung

  • erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 21.11.2016, 16.

     

    Die Männer sind nicht das geworden, was sich die weibliche Gesellschaft von ihnen erhofft hat. Die neueste Sexismusdebatte zeigt, woran sie kranken: Sie begrapschen Frauen, fassen sie am Hintern, winken ihnen aufdringlich zu oder bezeichnen sie gar als Fickstück oder Schlampe. Kurz: Sie bedrohen Frauen in ihrer sexuellen Integrität. Ähnliches haben sie sich in der berühmten «Silvesternacht von Köln» geleistet. In dieser Nacht wurden Frauen haufenweise von fremden Männern sexuell belästigt, ohne dass ihnen andere Männer zu Hilfe geeilt wären. Seit dann gelten Männer auch als Weicheier. Ist die Männlichkeit somit bankrott? Sind Männer zu lüstern und zu feige, Frauen zu schützen?

    Aktuell wird in den Schweizer Medien sehr heiss und sehr einseitig über Sexismus diskutiert. Einseitig, weil seine verschiedenen Facetten nicht berücksichtigt werden. Sexismus wird definiert alsDiskriminierung einer Person auf Grund ihres Geschlechts. Dazu gehören Frauenverniedlichungskulturen im beruflichen Alltag oder dass in Talk-Shows immer mehr Männer sitzen. Dass die Debatte auf solche Probleme hinweist und daraus endlich Konsequenzen gezogen werden, ist überfällig. Frauenthemen werden immer noch massiv heruntergespielt und clevere Frauen als ehrgeizige Emanzen dargestellt. Das ärgert mich enorm.

    Aber es geht mir hier vor allem um den anderen Teil des Sexismus, die sexuellen Übergriffe auf das weibliche Geschlecht. Die Debatte hierzu verläuft grundfalsch. Sie basiert auf einer massiv voranschreitenden Abwertung des Männlichen, die so alltäglich geworden ist, dass wir sie kaum noch wahrnehmen. Ein Beispiel hierfür war kürzlich in den Medien zu lesen: «Liebe Männer, noch nicht verstanden, worum es bei der Sexismus-Debatte geht?» Nicht wenige Frauen stellen Männer grundsätzlich an den Pranger und fahren fast jeden Tag mit neuen Vorwürfen sexueller Belästigungen auf.

    Wer jedoch ein Weltbild hat, in dem immer Männer die Täter sind und Frauen die Opfer, der unterliegt einer verzerrten Wahrnehmung. Ein Übergriff durch einen Mann bestätigt dann, dass Männer Sexisten seien und jede (JEDE!) Frau solche Erfahrungen mache. Folgedessen wird das Konträre – dass viele Männer keine Sexisten sind, Frauen sich aber sehr wohl sexistisch verhalten können – übersehen. In den Sozialwissenschaften bezeichnen wir dies als positivistisches Hypothesentesten, d.h., man schaut nur die Fälle an, welche die Vorannahmen bestätigen.

    Männliche sexuelle Übergriffe auf Frauen sind ein No-Go. Niemand darf sie verharmlosen, als Gezeter abtun oder gar entschuldigen. Gleichwohl findet man weiblichen Sexismus, innerhalb des eigenen Geschlechts und gegenüber Männern. Deshalb ist er ebenso zur Kenntnis zu nehmen, auch wenn der männliche Sexismus deutlich gravierender ist. Man höre sich einmal in der Frauensauna oder in Clubs herum, wenn eine andere jünger, hübscher und vor allem schlanker ist. Oder man lese ihre Nachrichten auf Twitter. DieHälfte aller sexistischen Tweets stammt vom weiblichen Geschlecht. Frauen, die ordentlich Alkohol trinken, um sich schon vor der Party in die richtige Stimmung zu versetzen, betatschen Männer wann, wo und wie sie wollen, und wenn etwas nicht klappt, machen sie Männer verbal fertig.

    In der Realität zwischen den Geschlechtern spielen Frauen oft eine undurchsichtige Rolle. Gemäss neuen Forschungsergebnissen ist ihre Ansicht, was Männer begehrenswert macht, noch genau die gleiche wie vor fünfzig Jahren. Ein echter Mann hat ein hohes Einkommen, er ist mutig, verantwortungsvoll, sexuell aktiv – und er kann eine Frau erobern.Andererseits soll er zarter, sensibler und weniger aggressiv sein. Nur wollen Frauen dann solche verweiblichten Männer gar nicht heiraten.Frauenversteher sind zwar ganz nett, aber doch eher nur in Ausnahmefällen.

    Frauen haben offenbar zwiespältige Gefühle. Sigmund Freud hat einmal gesagt, in seiner dreissig jährigen Arbeit sei es ihm nicht gelungen, die Frage zu beantworten, was Frauen wollen. Die Sexismusdebatte könnte uns weiterbringen. Aber nur, wenn nicht nur Männer, sondern auch Frauen beginnen, selbstkritischer zu sein und sich nicht weiterhin als Opfer darzustellen. Sexismus, der von Frauen ausgeht, muss ein Thema der Debatte werden. Bisher ist er ein Tabu.

  • erschienen in: NZZ, 08.01.2016, S.10, Teil 1.

     

    Ich bin seit vielen Jahre Feministin. Meine Motivation war schon immer das Engagement gegen diskriminierende Geschlechterstrukturen unserer Gesellschaft. Heute bin ich verunsichert. Der Grund ist die Entwicklung der Gleichstellungspolitik und des jungen Feminismus. Die Gleichstellungseinrichtungen machen zwar professionelle Arbeit, aber sie haben zu wenig Rückhalt, insbesondere beim männlichen Geschlecht. Und der junge Feminismus, wie ihn die Ikone Laurie Penny postuliert, will eine Gleichstellung, die sich nicht mehr am Idealbild der Karrierefrau orientiert, sondern an Armen, Schwarzen, Hässlichen oder Dicken – und an Männern. Auch bei ihr ist das männliche Geschlecht nur mitgemeint.

    Kann diese Entwicklung ein Grund dafür sein, weshalb sich Männer kaum zu Wort melden und sie in diesen wichtigen Fragen nur die zweite Geige spielen? Warum werden sie zum schweigenden Geschlecht? Bis auf ein paar Männerforscher und Männergruppen sind sie offensichtlich wenig bereit, ihre Bedürfnisse öffentlich kund zu tun. Vielmehr lassen sie zu, dass vor allem weiblich besetzte Gleichstellungsbüros Empfehlungen formulieren, was mit ihnen geschieht, wer sie sein oder werden sollen. Ist die Strategie des Gender Mainstreaming somit gescheitert? Sprachlich meint dieser Begriff zumindest eine Politik für Frauen und Männer, welche die Lebensbedingungen beider Geschlechter berücksichtigt.

    Angesichts dieser schwierigen Situation ertönt immer häufiger die Forderung, Gleichstellungsbüros abzuschaffen. Winterthur hat dies getan, und der Applaus kam von Männern und Frauen. Dieser Meinung bin ich nicht. Es gibt noch viel Arbeit, man denke nur an die Lohnschere zwischen den Geschlechtern. Aber es braucht eine alternative Strategie, die auf Väter und Söhne ausgeweitet werden muss. Zwei Beispiele:

    Knaben: Man kann es drehen und wenden wie man will, Mädchen haben bei gleichen intellektuellen Fähigkeiten bessere Schulnoten und zwar ab der ersten Klasse – ausgenommen in Mathematik. Durchschnittlich gelingt Knaben der Sprung ans Gymnasium seltener. Mädchen werden zudem in den Hausaufgaben von den Eltern mehr unterstützt als Knaben. Und diese wiederum führen die Negativ-Ranglisten in den Rückstellungen beim Schuleintritt, bei den Ritalin-Schluckern, Schulschwänzern und Schulabbrechern an. Dies führt dazu, dass die Gruppe junger Männer wächst, die ab 16 Jahren ohne Ausbildung dastehen. Zwar müssen solche Risikoszenarien relativiert werden – denn insgesamt gibt es innerhalb der Knaben- und der Mädchengruppe grössere Unterschiede als zwischen ihnen – doch ist die allgemeine Tendenz die, dass männliche Jugendliche in Zukunft immer mehr in Rückstand geraten dürften. Auch wenn wir in Verwaltungsräten, an den Universitäten und im Management insgesamt eine deutliche Überzahl an Männern haben.

    Väter: Neue Väter braucht das Land! Diese Forderung kommt vor allem von Frauen. Zwar stimmt ein Grossteil der Väter dieser Forderung nicht nur zu, sondern sie wollen es auch werden. Doch fragt sich, was sich hinter dem Wörtchen «neu» verbirgt. Väter sollen nämlich vor allem präsenter sein, mehr im Haushalt und der Kinderbetreuung mithelfen, dabei auch Frauenversteher sein, trotzdem jedoch eine volle Lohntüte nach Hause bringen. Ein Grossteil dieser Forderungen entspricht jedoch dem Klischee eines veralteten Vaterbildes. Denn die Forschung zeigt mehr als deutlich auf, dass Präsenz nicht das ausschlaggebende Kriterium ist, damit ein Mann ein «guter» Vater ist. Ihn machen sowohl sichtbare als auch nicht sichtbare Fürsorgeleistungen aus. Deshalb kann auch ein Vollzeit arbeitender Vater ein guter Vater sein.

    Unsere Gesellschaft braucht in der Gleichstellungspolitik einen Perspektivenwechsel. Erstens kann es nicht sein, dass Männer entweder alles stillschweigend gut finden oder dann in Internetforen die Faust im Sack machen und engagierten Frauen die offizielle Interpretationshoheit überlassen. Und es kann zweitens auch nicht sein, dass sich die Gleichstellungsbemühungen fast ausschliesslich auf Erwachsene konzentrieren. Die Weichen werden im Kindesalter gestellt! Drittens sollten wir den Irrtum korrigieren, nach der gesetzlich verankerten Gleichberechtigung nun das weibliche und männliche Geschlecht auch biologisch gleichzustellen. Männer müssen nicht weiblicher werden, aber sie sollten sich der Veränderung von Männlichkeit stellen, alte Machtansprüche aufgeben und mehr Engagement in der Familie, z.B. in Form von Teilzeitarbeit, auch tatsächlich erkämpfen wollen. Den Frauen wiederum sollten ermöglicht werden, sich den Platz in Beruf und Familie nicht nur erstreiten zu müssen, sondern auch auf die eigenen Bedürfnisse hören zu dürfen. Geschlechtergerechtigkeit heisst, dass Frauen und Männer nicht Kopien des anderen Geschlechts werden, sondern eine unabhängige Identität entwickeln.

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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