Frustrationstoleranz

  • Viele Vorschulkinder können heute mehr als noch vor zwanzig Jahren. Beispielsweise schon Sätzchen lesen, bis auf 100 zählen, Geige spielen oder sich auf Englisch unterhalten. Dies nicht etwa deshalb, weil sie generell gescheiter geworden sind, sondern, weil sie früher und intensiver gefördert werden. Frühförderung ist in. Die Vielfalt an Angeboten ist riesig, die Nachfrage auch.

    Allerdings sind nicht wenige dieser Kinder emotional retardiert. Sie können kaum warten, bis sie etwas bekommen. Ist dies nicht der Fall, reagieren sie mit Wutausbrüchen. Tisch decken oder Hamster füttern? Darauf haben sie keine Lust. Mit Kritik der Kindergärtnerin kommen sie schlecht zurecht, und Misserfolge können sie kaum ertragen. Solches Verhalten gehört zwar im Kleinkindalter noch zum normalen Entwicklungsprozess. Doch sollte ein vier- bis fünfjähriges Kind ein gewisses Mass anBewältigungsverhaltenerworben haben und seine Gefühle teilweise kontrollieren können.

    Emotionale Kompetenz gilt als ein wichtiger Schutzfaktor für die kindliche Entwicklung. Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass zwischen mangelndern emotionalern Fähigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten ein eindeutiger Zusammenhang besteht. Vor diesem Hintergrund sind auch die Medienberichte zu lesen – beispielsweise in der NZZ am Sonntag, 21. Februar 2016 von René Donzé – über die Zunahme der Verhaltensauffälligkeiten bei den Kindergärtlern.

    Weshalb ist dem so? Dahinter stecken viele Ursachen, doch dürften zwei besonders wichtig sein:

    • Intellektuelle Schulvorbereitung: Die Art und Weise, wie heute frühe Förderung in der Familie, aber teilweise auch in vorschulischen Institutionen, betrieben wird, hat Auswirkungen auf die emotionale Verkümmerung von Kindern. Oft liegt der Fokus auf der Schulvorbereitung im Sinne frühen Lesen- und Rechnenlernens, währendem die emotionale und soziale Entwicklung stark vernachlässigt wird.
    • Verwöhnung und Überbehütung: Ein verwöhnender und überbehütender Erziehungsstil ist heute weit verbreitet. Kinder, die so erzogen werden, haben keine guten Entwicklungsbedingungen. Werden ihnen zudem alle Hindernisse aus dem Weg geräumt und jeder Wunsch erfüllt, fällt es ihnen logischerweise schwer, im Kindergarten Regeln anzuerkennen, warten zu können, bis sie an die Reihe kommen, aber auch Leistungsbereitschaft und Autonomie sowie ein gesundes Mass an Selbstkontrolle und Selbstvertrauen zu entwickeln.

    Dieser Trend ist fatal. Denn die Forschung belegt mit grosser Eindeutigkeit, dass Schul-, Berufs- und Lebenserfolg nicht primär von einem hohen Intelligenzquotienten und vielen Frühförderkursen abhängt, sondern ebenso vom Ausmass der emotionalen Kompetenz. Der Umgang mit den eigenen Gefühlen, die Fähigkeit sich selbst beherrschen zu lernen, mit Konflikten umzugehen – also all das, was wir als «Frustrationstoleranz» bezeichnen – sind ganz wesentliche Einflussfaktoren, die sich auf den schulischen Erfolg eines Kindes auswirken und seinen Lebensweg vielfältig beeinflussen. Deshalb schneiden Kinder, die früh schon lernen, Bedürfnisse aufzuschieben, Gefühle zu kontrollieren, Enttäuschungen zu ertragen und Hindernisse zu überwinden, in der Schule besser ab und sind auch später lebenserfolgreicher.

    Die frühe Förderung emotionaler Kompetenzen ist somit genauso wichtig wie die Förderung schulnaher Fähigkeiten. Leider ist diese empirisch vielfach belegte Tatsache bislang stark vernachlässigt worden. Zwar wird die emotionale Entwicklung in vielen Erziehungsratgebern, Bildungs- und Lehrplänen erwähnt. Doch bleiben die Aussagen oft zu allgemein, zu plakativ und stellen zu einseitig das Kind und seine Bedürfnisse ins Zentrum. Die Entwicklung emotionaler und sozialer Kompetenzen fordert dem Kind aber immer auch etwas von den Eltern und seinen Bezugspersonen ab, nämlich zu lernen, die eigenen Bedürfnisse zu kontrollieren.

    Es ist an der Zeit, dass wir uns von der Kultur verabschieden, Frühförderung und Schulleistungen isoliert und ohne Bezug zu Verhaltensauffälligkeiten zu diskutieren. Die Förderung emotionaler Kompetenzen, welche auch die Basis für die soziale Entwicklung darstellt, ist nicht nur eine Grundbedingung für den Wissenserwerb, sondern ebenso für das gesunde Aufwachsen des Nachwuchses. Eltern und pädagogische Fachkräfte, welche die emotionale Entwicklung aktiv lenken, machen dem Kind ein grosses Geschenk. Sie schützen es vor Verhaltensauffälligkeiten und machen es fit für die Schule und das Leben.

  • Vorbei sind die Zeiten, als Bildung wie bei den alten Römern und Griechen noch »schola« und »schole« hiess und als Zeit verlieren, Innehalten und Musse finden verstanden wurde. Dass sie heute vielfach mit einem Treibhaus gleichgesetzt wird, hat seinen Grund auch in der Forschung, in erster Linie in den Neurowissenschaften, der Psychologie und der Erziehungswissenschaft. Obwohl diese Wissenschaften unterschiedliche Schwerpunkte setzen, bauen sie auf einem gemeinsamen Grundverständnis auf:

    • Sie erachten die Vorschuljahre als eine Zeit enormen körperlichen, emotionalen und geistigen Wachstums, in der Kinder eine ungeheure Kapazität zum Lernen entwickeln können.
    • Sie unterstreichen immer wieder, wie wichtig das hierfür notwendige Fundament ist. Kinder brauchen Liebe, Fürsorge, soziale und emotionale Sicherheit sowie auch Stimulation derjenigen Fähigkeiten und Fertigkeiten, welche sie erfolgreich auf den Schuleintritt vorbereiten.

    Auch ihre Botschaft ist eine fast identische: Wer nicht möglichst früh seinen Nachwuchs fördert, nimmt das Risiko verpasster Chancen in Kauf*. «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!» Dieses Hänschen-Argument wird jedoch oft falsch verstanden. In den Medien und vielen Erziehungsratgebern wird nicht selten so getan, als ob das Kind eine Black Box sei und Frühförderung deshalb bedeute, dass man Hänschen nach Belieben wie einen Diamant schleifen und formen könne. Leider haben es anwendungsorientierte Publikationen weitgehend verpasst, solche Missverständnisse anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse zu relativieren. Die ersten Lebensjahre sind zwar enorm wichtig für eine gelingende Entwicklung, doch zeichnet sich der Mensch durch eine lebenslange Lernfähigkeit aus. Menschen können auch als Jugendliche, als junge Erwachsene oder sogar noch als ältere Menschen vieles lernen – auch wenn späte(re)s Lernen mühevoller und weniger wirkungsvoll als in der frühen Kindheit**. Deshalb sollten wir unsere Aufmerksamkeit zwar auf die frühe Kindheit legen und uns versichern, dass sie tatsächlich für den Aus- und Aufbau von wichtigen Kapazitäten wie Neugier, Selbstvertrauen, Widerstandsfähigkeit oder Frustrationstoleranz genutzt wird. Genauso wäre zur Kenntnis zu nehmen, dass nach dem Vorschulalter keinesfalls alles hoffnungslos verloren ist. «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr», ist deshalb in dieser Formulierung inkorrekt. Vielmehr müsste sie heissen: «Was Hänschen nicht lernt, wird für Hans eine Herausforderung, eine zwar arbeitsintensive, aber eine, die ebenso Erfolg versprechen kann.»

    Eine anregungsreiche und liebevolle familiäre Umwelt ist für eine optimale Entwicklung ausreichend. Hingegen kann eine überehrgeizige Stimulation in Form von frühen Förderkursen schädlich sein, wenn sie das Kind in seiner eigeninitiierten Aktivität lähmen oder seine Bedürfnisse nicht berücksichtigen. Allerdings trifft dies für zwei Gruppen von Kindern nicht zu: für solche mit Entwicklungsstörungen und für Kinder aus stark benachteiligten Familien. Beide Gruppen brauchen eine gezielte und frühe Stimulierung und Förderung. Forschungsergebnisse belegen, dass sie davon enorm profitieren können.

    Die Einsicht, dass frühe Förderung kleine Kinder überfordern kann, wird von der moralischen Panikmache verhindert, welche sich rund um die frühe Förderung entwickelt hat. Nicht nur das ultimative Gebot zur Frühförderung im Sinne der Hänschen-Redewendung beeinflusst Väter und Mütter ausgesprochen stark, sondern auch unsere Kultur der Angst, d.h. die Annahme und Überzeugung, dass mit dem Nachwuchs mit Sicherheit etwas schiefgehen wird, wenn man nicht permanent und möglichst früh alles Mögliche für ihn tut. Schon junge Eltern lernen, ihre Anstrengungen am Diktat der Machbarkeit zu orientieren. Deshalb getrauen sie sich kaum mehr, einfach so und ohne Förderziel mit dem Kind zu spielen, zu schmusen oder einfach ohne Ziel mit ihm in den Wald zu gehen.

    Die Konzentration auf den kleinen Hans, der alles schon früh können muss, hat auch eine andere negative Folge: die Abschaffung des Begriffs des «Bereitseins».*** Gemeint ist die Vorstellung, dass es biologische und entwicklungspsychologische Beschränkungen des Lernens gibt. Das Bereitsein ist von höchster Bedeutung, denn kleine Kinder brauchen auch eine innere Bereitschaft, sich auf Lernmöglichkeiten einlassen zu können, ohne fremdbestimmt zu sein und durch die Woche gehetzt zu werden. Wir sollten den Kindern nicht mehr zumuten als sie ihrem Alter nach verkraften können. Diese Erkenntnis müsste Teil des Mainstreams werden.

     

    Weiterführende Literatur

    * Stamm, M. (2016). Lasst die Kinder los! Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. München: Piper.

    **Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2014). Frühkindliche Sozialisation. Biologische, psychologische, linguistische, soziologische und ökonomische Perspektiven. Halle: Leopoldina. http://www.educ.ethz.ch/pro/litll/sozialisation

    ***Elkind, D. (1988). Das gehetzte Kind. Hamburg: Kabel.

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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