Angstkultur

  • Am 9. September 2019 erscheint unser Buch "Arbeiterkinder und ihre Aufstiegsangst. Probleme und Chancen von jungen Menschen auf dem Weg nach oben". Verlag Barbara Budrich:

    https://shop.budrich-academic.de/produkt/arbeiterkinder-und-ihre-aufstiegsangst/?v=1ee0bf89c5d1

    Hier ein Auszug aus meiner Einleitung.

  • Das Spiel ist der entscheidende Motor für die kindliche Entwicklung und deshalb die wichtigste Frühfördermassnahme. Beim Spielen lernen Kinder für das Leben. Je spielhaltiger das Lernen ist, desto nachhaltiger ist es für die Intelligenzentwicklung und das psychische Wohlbefinden. Körperliche Aktivitäten haben auch einen wichtigen Einfluss auf die physische Gesundheit. Kinder, die viel im Freien spielen, erkranken seltener an Asthma, Niesanfällen, Heuschnupfen oder Ekzemen. Dies ist das Hauptergebnis der internationalen Untersuchung Parsifal*.

    Das Spielen steht auch bei den Kindern selbst hoch im Kurs. Befragt man sie nach ihren liebsten Beschäftigungen, dann steht das Spiel im Freien gleich hinter «Freunde treffen» auf dem zweiten Platz – noch vor TV, Computer, Internet etc.** Deshalb ist es erstaunlich, dass auf Spielplätzen oft nur wenig Kinder anzutreffen sind. Gerade auch, weil vieleGemeinden Einiges investiert und sich bemüht haben, Spielplätze präventiv sicher zu machen: Sie wurden eingezäunt, die Schaukeln an genau bestimmten Orten befestigt und Rutschen verkleinert, feste Torpfosten entfernt, Kanten und Ecken abgerundet. Doch genau dies dürfte ein Grund sein, weshalb Kinder so selten dort sind. Am liebsten haben sie Orte zum Spielen, die Erwachsene gar nicht als Spielplätze deklarieren, beispielsweise Naturlandschaften, Hinterhöfe und nicht gesicherte Klettergerüste, Schaukeln und Sandkästen.

    Nun wäre es falsch, Bauplaner für diese Problematik allein verantwortlich zu machen. Es gibt zwei grundsätzliche gesellschaftliche Probleme: die Angst- und Sicherheitskultur unserer Gesellschaft sowie der Hype um Förderkurse. Beide haben Auswirkungen auf das freie Spiel der Kinder.

    Die Angst- und Sicherheitskultur: Unsere Gesellschaft hat eine beispielslose Angstkultur entwickelt, die sich auch in der Kinder-Sicherheitsbranche bemerkbar macht. Experten lassen keine Gelegenheit aus zu verkünden, Kinder seien permanent gefährdet, vom plötzlichen Kindstod bis zu Pädophilen, vom Sonnenbaden bis zum Strassenverkehr. Und sie appellieren an die Eltern,«eigenverantwortlich» und zum«Wohle des Kindes» zu handeln.Die verfügbaren Daten sprechen aber eine andere Sprache: Das Leben von Kindern ist noch nie so sicher gewesen wie heute, und auch Spielplätze sind nicht gefährlicher als vor zwanzig Jahren. Verändert hat sich lediglich unsere Wahrnehmung und unsere Angstkultur, denn körperliche Verletzungen gelten nicht mehr als normale Begleiterscheinungen des Kinderalltags.

    Verständlicherweise führt diese Panikmache viele Väter und Mütter dazu, ihre Kinder keine Sekunde aus dem Auge zu lassen und deshalb das Spiel im Freien zu unterbinden.Und dies, obwohl die meisten Eltern die Frage nach demidealen Spielort mit «die Natur» beantworten**. Solche Elternreaktionen haben jedoch zur Folge, dass Kinder nicht mehr lernen, sich richtig zu bewegen. Anstatt beim Spiel im Freien Balance, Koordination und Kraft zu trainieren und zu lernen, wie man richtig fällt, werden sie ruhig gestellt. Es erstaunt deshalb kaum, dass immer mehr ZahnärzteKinder mitFrontzahnfrakturen aufgrund unabgefangener Stürze behandeln müssen. Würden Kinder mehr in der freien Natur spielen, würde auch das Unfallrisiko abnehmen.

    Der Hype um die Förderkurse: In den letzten zehn Jahren hat der Fokus auf frühe Förderkurse dazu geführt, dass viele Eltern, glauben, das Spiel sei eine Zeitverschwendung und deshalb durch «sinnvollere Beschäftigungen» zu ersetzen. Darunter verstehen sie meist Kurse vom Baby-Yoga bis zum Klettern, vom Tennis bis zur Geigenstunde. Obwohl solche Aktivitäten für Kinder oft Spass bedeuten, führen sie zu übervollen Terminkalendern und zum Effekt, dass sie sich nicht mehr selbst beschäftigen können. Deshalb gibt es immer mehr spielunfähige Kinder. Paradox ist, dass sie oft gerade aus wohlhabenden und bildungsbeflissenen, aber überbehütenden Familien stammen.

    Was soll man tun? Genau die falsche Strategie wäre es, noch sicherere und teurere Spielplätze zu schaffen, die jedes Risiko vermeiden. Die richtige Strategie wäre es, den öffentlichen Raum kinderfreundlicher zu gestalten:Mehr Orte für freies Spiel, zwischen denen keine Autofahrt liegt, sondern nur Kinderfüsse.Es braucht verdichtete Bauformen mit Freiräumen für Kinder, wo sie sich ohne Dauerüberwachung aufhalten können. Besonders wichtig ist, dass solche Spielräumeauch ein gewisses Mass an Risiko bieten. Vor Gefahren muss man Kinder schützen, Risiken müssen sie eingehen dürfen, um daraus lernen zu können.Kinder brauchen keine grossen Schutzgebiete, aber überall ein bisschen mehr Freiheit zum Spielen.

     

    *Waser, M., Michels, K. B., Bielei, H. et al.(2007).Inverse association of farm milk consumption with asthma and allergy in rural and suburban populations across Europe. Clinical & Experimental Allergy, 37, 5, 661-670.

    ** Raum für Kinderspiel. Studie des Deutschen Kinderhilfswerkes (2014). http://bit.ly/1Mm4bkb

  • Unzweifelhaft ist Ängstlichkeit ein Teil von Elternschaft. Es gibt ein persönliches und soziales Gefühl von Verletzlichkeit, das mit der Schwangerschaft und dem Bewusstsein aufkommt, nun bald für ein vollkommen von einem selbst abhängiges Wesen verantwortlich zu sein. Dies war schon immer so.

    Stete Kontrolle und Fürsorge garantiert keine erfolgreichen Kinder

    Aber heute es gibt etwas Einmaliges über die Natur elterlicher Ängstlichkeit: die Überzeugung, dass etwas mit den Kindern schief geht, wenn sie nicht andauernd kontrolliert und alle schlechten Dinge oder Gefahren von ihnen ferngehalten werden. Viele Eltern planen deshalb alles bis ins letzte Detail. Sie informieren sich ständig. Über diese Therapie und jene, über glutenfreie Geburtstagskuchen und biologischen Apfelsaft. Keinen Zucker. Keine Pizzas. Sie kaufen geschlechtsneutrales Spielzeug und wachen darüber, dass die Kinder nicht TV schauen oder nur bildendes TV.

    Und dabei wird ihnen vorgegaukelt, als ob alles nur eine Frage reiner Willensanstrengung und guter Planung sei. Als ob man ein positives Selbstbild, eine gute Persönlichkeitsentwicklung, Sportlichkeit, vor allem aber Schulerfolg einfach so in den Griff kriegen könnte! Man muss die Kinder nur in die richtige Kita und in die richtige Schule schicken, und wenn nötig, noch ins Lernstudio – dann ist dem Sprössling eine erfolgreiche Lebensbahn gewiss.

    Auch die Medizin steht dafür bereit. Man kann schon Kindergärtlern die richtige Pille geben, damit sie weniger scheu sind oder ruhiger und angepasster werden. Genauso kann mandie Kinder in den richtigen Förderkurs schicken, z.B. ins Fussball (dann wird der Sohn vielleicht teamfähiger und abgehärteter), ins Judo (dann lernt er endlich, sich selbst zu verteidigen und nicht immer so weinerlich zu sein) oder die Tochter ins Ballett (dann wird sie graziler und weiblicher).

    Der enorme Gesellschaftsdruckt zwingt Eltern zur Perfektion

    Nur, was tun, wenn all dies nicht funktioniert? Dann liegt der Fehler bei den Eltern. Das heisst: Sie müssen besser und perfekter werden. Dieser Gesellschaftsdruck ist einer der Hauptgründe, weshalb sie ihren Nachwuchs nonstop umsorgen und kontrollieren. Solche Anstrengungen sind somit nicht das Ergebnis ihrer Unfähigkeit, Kinder «richtig» zu erziehen. Vielmehr ist es unsere gesellschaftliche Angstkultur, die Väter und Mütter dazu zwingt, perfekt zu sein und perfekte Kinder haben zu wollen*. Darüber berichte ich in meinem Buch.

    Diese Angstkultur hat enorme Auswirkungen: Eltern sorgen sich Tag und Nacht, dass aus den Kindern nicht das werden könnte, was sie sich erhoffen, dass sie nicht fähig sein könnten, das Leben zu meistern – wenn sie sich als Vater oder Mutter nicht mächtig ins Zeug legen und störende Hindernisse, Emotionen oder unliebsame Erfahrungen von ihnen fern halten.

    Kinder sind noch nie so sicher aufgewachsen wie heute

    Diese Panik hat ein fast paranoides Mass angenommen. Die Paradoxie dabei ist, dass gerade das, was Eltern bei ihren Kindern verhindern sollen und wollen, oft fehlt: die tatsächliche Gefahr.Noch vor zehn Jahren galt es weitgehend als unbedenklich, den Schulweg zu Fuss zu bestreiten, am Nachmittag zur Schulfreundin zu laufen oder ins Fussballtraining mit dem Fahrrad zu fahren. Heutige Eltern sind noch so aufgewachsen, empfinden es aber für den eigenen Nachwuchs als Zumutung und Gefahr.Doch die Statistik spricht eine ganz andere Sprache: Kinder konnten noch nie so sicher aufwachsen wie heute. Straftäter, die sich an den Kindern vergreifen, sind deutlich seltener geworden als in den 1980er Jahren.

    Wie könnten sich Eltern der Angst-Paranoia besser widersetzen? Indem sie immer wieder prüfen, welche Grenzen zum Schutz des Kindes gesetzt und eingehalten werden müssen und welche Grenzen es durch eigene Erfahrungen eindrücklicher erfahren kann als durch elterliche Mahnungen und Verbote. Nur so können Kinder über sich selbst hinauswachsen und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln. Dies ist aber nur möglich, wenn Eltern – und manchmal auch Grosseltern – mehr Mut und Gelassenheit entwickeln und auch öfters den gesunden Menschenverstand walten lassen. Paradoxerweise wissen viele Eltern darum. Ich habe mit vielen Vätern und Müttern in unseren Studien gesprochen, die erkennen, dass sie ihren Kindern aus übertriebener Sorge wichtige Erfahrungen und viel Freiheit vorenthalten, von der sie selbst als Kinder noch profitiert haben.

    Es braucht mehr Solidarität unter Erwachsenen

    Darüber hinaus gibt es einen wichtigen Punkt, den Frank Furedi in seinem Buch Paranoid Parenting (»Elternparanoia«**) anspricht. Er erachtet den Zerfall der Erwachsenensolidarität als einen Hauptgrund für die Dominanz unserer Angst- und Sicherheitskultur. Deshalb fordert er eine grössere Solidarität unter Erwachsenen. Tatsächlich haben sich Eltern bis in die 1980er Jahre hinein darauf verlassen können, dass andere Erwachsene – Nachbarn, aber eben auch Fremde – zu Hilfe eilen, wenn Kinder in einer Notlage sind oder Hilfe brauchen. Dieses Bewusstsein müsste sich unsere Gesellschaft wieder aneignen und lernen, ein Gesamtverantwortungsgefühl zu zeigen.

    Eltern sollten sich darauf verlassen können (und auch wollen!), dass andere Erwachsene in der Öffentlichkeit ein Auge auf ihre Kinder haben. Dies bedeutet jedoch, dass alle, in erster Linie auch Eltern, das innere Bild des bösen fremden Erwachsenen, der sich an den Kindern vergreift, überarbeiten.

     

    Weiterführende Literatur

    *Stamm, M. (2016). Lasst die Kinder los!Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. München: Piper.

    **Furedi, F. (2004). Furedi, F. Die Elternparanoia. Warum Kinder mutige Eltern brauchen. München: dtv.

Altstadt Aarau
Prof. Dr. Margrit Stamm

Forschungsinstitut Swiss Education
Professorin em. für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg
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